Archiv der Kategorie: Erlesenes

Carlos Peter Reinelt: „Willkommen und Abschied“ 

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Durch die konkrete Poesie wird eine konzentrierte und schockierende Geschichte zum Thema Flucht vermittelt. Der Text und der Inhalt werden durch die Sprache und die Drucktechnik erlebbar und nachvollziehbar.

Das kleine Bändchen ist ein poetisches Kunstwerk, denn man erahnt bereits beim Betrachten, worum es geht und wie es endet. Der eigentliche Text ist auf jeder Seite in einen mittleren Kasten gesetzt, der umrahmt wird vom Titel des Goethe-Gedichtes: „Willkommen und Abschied“. In dem Gedicht von Goethe geht es um die Reise zu der Geliebten und der Vorfreude auf diese. Hier geht es um eine Flucht aus der Heimat mit der Hoffnung auf ein besseres Leben. Stilistisch und grafisch wird somit bereits die Situation des Textes dargestellt. Ein LKW, wohl ein Kühllastwagen, in dem sich die Handlung abspielt, wird umzäunt mit der Anspielung auf klassische Lyrik. Dieser Textblock, der das Innenleben dieses grausamen Transportes darstellt, wird von Seite zu Seite dunkler bis er ganz in unleserlicher Schwärze mündet.

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Der Erzähler ist ein Mann, der oft Flucht und das Geschehende um ihn herum beobachtet, sofern er dies kann, und kommentiert. Anfänglich ist es noch ein Genervtsein, doch durch die Enge, die schlechte Luft, das Geschrei und den Gestank wird er immer gereizter. Sein Innenleben und seine Ausbrüche werden zusätzlich durch die Schriftstärke verdeutlicht. Ist er in Rage, vergrößert sich das Schriftbild, und wenn er sich zur Beruhigung zwingt oder er sogar droht einzuschlafen, wird der Text kleiner und kleiner und somit unleserlicher. Er erzählt von seiner Heimat in Syrien und wie die aktuelle alltägliche Gewalt ihn dort fortgetrieben hat. Als ein Freund auf dem Weg zum Basar erwürgt wird, ist für ihn klar, er muss dort weg. Er bezahlt Schleuser und sein Ziel ist Österreich und, sofern er weiteres Geld auftreiben kann, gerne Schweden. Seine letzte Etappe verbringt er in diesem Kastenwagen. Er schätzt die Anzahl der Mitfahrenden auf sechzig Menschen, die bereits seit Stunden eingepfercht sind. Unter ihnen auch Alte und Kinder, die durch die Strapazen gepeinigt und im LKW ums Leben kommen.

Man bekommt durch die Sprache und Gesamtgestaltung des Buches einen Eindruck von der Situation und man liest beschämt und voller Entsetzen weiter. Es sind nur wenige Seiten und Worte nötig, um den ganzen Schrecken anzudeuten. Mit der immer dünner werdenden Luft wird es auch für die Menschen im LKW und uns, die Leser, immer dunkler.

Das ganze Ausmaß dieser Tragödie wird vom aktuellen Zeitgeschehen wohl getragen und verdeutlicht die vielen grausamen Fluchterfahrungen. Im Jahr 2015 wurde in Österreich ein LKW mit 71 Flüchtlingen von der Polizei gestoppt, die alle bereits kurz nach der Abfahrt in Ungarn erstickt sind. Diese Schleuser hatten wohl mehrere solcher Kühllastwagen besessen. Der LKW war luftdicht und auch die Kühlung sei nicht angeschlossen gewesen. Die 59 Männer, acht Frauen und vier Kinder aus Syrien, Afghanistan und Irak waren innerhalb von anderthalb Stunden verstorben.

Ein bewegender und schockierender Text. Ein grausam poetisches Debut. Der Autor ist ein junger Student für Deutsch, Philosophie und Psychologie in Salzburg. Er ist politisch und sportlich aktiv und kann sich auch (wie ich) für Heavy Metal begeistern. Dass sich dieser junge Mensch dieses brisanten Themas angenommen hat, ist bemerkenswert und es ist ein lohnenswertes Kunstwerk entstanden, das den Leser erstarren lässt.

Siehe auch die Besprechung auf poesierausch

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Caroline Eriksson: „Die Vermissten“

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Am Sonntag hatte ich mal wieder Lust auf einen spannenden Krimi. Mich hat der Überraschungserfolg aus Schweden angesprochen und auch die Aufmachung  des Buches lies auf spannende Lesestunden hoffen. Doch war die Lesezeit arg kurz, denn das Buch ist wirklich spannend und wird bestimmt gleich den Bestsellern „Girl on the Train“ von Hawkins und „Gone Girl“ von Flynn einen Hype auslösen. Es ist ein unblutiger Psychothriller, der mit der Abhängigkeit, Unterwerfung, Erlösung und Macht spielt. Die Handlung kreist um die Frage, ob die hier gepeinigten Frauen ihr wahres Ich erst mit dem Peiniger bekommen oder eher ohne ihn?

Die Handlung beginnt mit einem Bootsausflug zu der kleinen Insel auf dem See. Greta, Alex und die Tochter Smilla sind gerade in dem abgelegenen Ferienhaus und wollen dort eine idyllische Zeit verbringen. Es ist eine stimmungsvolle Fahrt auf dem mythenumrankten See. Das leuchtende, grünschwarze Wasser hat auf Greta stets eine besondere Anziehungskraft. Der Abend verspricht eigentlich ein schöner zu werden und Alex macht auf der Fahrt zu der Mitte des Sees seine Späße und erzählt die unheimlichen und gruseligen Geschichten, die es um den See und die geheimnisvolle Insel gibt. Als sie das Boot am Ufer der Insel befestigen, bleibt Greta im Boot und wartet auf die beiden, die neugierig auf Entdeckungstour gehen. Plötzlich hat Greta ein komisches Gefühl und Alex und Smilla kommen auch tatsächlich nicht mehr zurück. Durch die Vorahnung macht sich Greta auf die Suche und sie wird immer beunruhigter, denn von den beiden fehlt auf der kleinen Insel jede Spur. Sie wird immer panischer, denn sie findet lediglich einen alten, schwarzen Stiefel und ein getötetes Eichhörnchen.

Zurück im Ferienhaus kann sie vorerst ihr Handy nicht finden und gerät immer mehr in einen Strudel aus Verzweiflung und Beunruhigung. Sie wankt zwischen Angst und Panik und weiß ab und zu nicht, was sie machen soll. Sie sucht die Beiden rund um den See, doch wird sie hierbei von einer Gruppe Jugendlicher aufgeschreckt, die ebenfalls etwas zu suchen scheinen und sie auch bedrohen, sollte Greta etwas mit dem, was die satanisch wirkende Gruppe sucht, zu tun haben. Das Mädchen, die zum Anführer gehört, wird Greta noch öfters bei ihrer Suche über den Weg laufen.

Greta telefoniert vorerst mit ihrer Mutter statt zur Polizei zu gehen. Die Beziehung zu ihrer Mutter scheint getrübt zu sein, denn Gretas Vater war ein machtbesessener Mann, der durch einen Mord oder Unfall ums Leben kam als Greta acht Jahre alt war. Sie gibt sich selbst die Schuld daran und war deswegen auch schon in psychiatrischer Behandlung.

Als Greta aber endlich die Polizei aufsucht, kommen noch weitere Ungereimtheiten zutage und ihre Geschichte ist genauso geheimnisvoll wie das Verschwinden ihrer Lieben…

Ein ungewöhnlich unblutiger Thriller aus Schweden, der doch die eine oder andere Schublade öffnet und sich typischer Muster bedient. Dies sind aber kleine Abstriche, denn ich habe das Buch in einem Rutsch innerhalb eines Nachmittages gelesen. Es hat mich sehr gefesselt und hielt bis zum Ende die Spannung. Ein Orchester bestehend aus Angst, Abhängigkeit, Macht und Dunkelheit erklingt beim Lesen und man vergisst, dass man blättert und wundert sich, dass plötzlich schon der Showdown da ist.

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Tilman Rammstedt: „Morgen mehr“

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Ich gebe zu, ich bin bei Tilman Rammstedt voreingenommen. Ich mag alle seine Bücher und da ich mal durch eines seiner Werke an seine Telefonnummer gekommen bin, habe ich die Ehre und kommuniziere ab und zu mit ihm per SMS. 015 AuszugAm 05. März 2015 hatte ich mal dreist nach etwas Neuem in Schriftform gefragt und ich bekam folgende Antwort:003

Schön, dass anscheinend ein Notfall eingetroffen war… Der Verlag und Tilman Rammstedt wollten auch mal etwas Neues ausprobieren. Drei Monate lang hat der Autor täglich ein Kapitel unter lesebegierigen und wohl auch kritischen Augen geschrieben. Es gab Abonnenten, die sich online anmelden konnten und somit dem Autor mehr oder weniger über die Schulter schauen und Einfluss auf den Text nehmen konnten. Tilman Rammstedt wusste am Anfang selbst nicht, was ihn erwartet und worauf das alles hinauslaufen würde. Nur eins wussten alle: er solle gefälligst wieder schreiben und am Ende soll ein neues Buch von ihm dabei herauskommen. Nach einer kurzen Verschnaufpause ging das Buch durch das Lektorat, wurde schick und ausgangsfähig gemacht. Die gedruckte Ausgabe trotzt jeder Datei. Ein buntes und sehr schönes Buch, das besonders durch das „Schaltkapitel“ auffällt.  Das Schaltkapitel ist das Schlussplädoyer („Das wir noch nicht erahnen können“) des Erzählers, das auf gelbem Papier als ein Leporello am Ende des Buches eingebunden wurde. Der „Spiegel“ hat in der aktuellen Literaturbeilage ebenfalls Worte über den Roman verloren. Doch wird in diesem Artikel das gedruckte Buch der Onlineversion gegenübergestellt und letztere als witzig und gut besprochen. Das vorliegende Buch, soll laut dem „Spiegel“, als gedrucktes Werk versagen. Hier rufe ich laut Veto und möchte fragen, ob der Verfasser der Zeilen gerade das digitale als hip und chic empfindet und dies mal wieder verdeutlichen möchte. Oder hat er beide Versionen etwas zu flüchtig überflogen, d.h. gelesen? Ich kenne nur die gedruckte Version, habe somit keinen Vergleich, aber es ist ein schönes Buch, das inhaltlich einen echten Tilman Rammstedt verspricht und hält.

Der Titel „Morgen mehr“ ist sowohl auf die Abonnenten, die fast täglich versorgt wurden, aber auch auf die jeweiligen Hoffnungen der skurrilen Protagonisten bezogen. Die Hoffnung und der Zwang, alles zum richtigen Zeitpunkt zu richten, d.h. einleiten zu wollen, ist das Ende und der Ausgang der Geschichte, in der die Zeit, sei es nur eine einzige Sekunde, ebenfalls eine wichtige Rolle einnimmt. Der Ich-Erzähler stellt sich als ein lebensüberblickender, olympischer Erzähler vor, der bereits alles weiß. Sein Leben liegt vor ihm – doch hat er ein kleines Problem, er ist noch nicht geboren. Alles zu wissen hilft dann auch nichts, wenn man noch nicht gezeugt wurde. So springt nun der Erzähler zwischen seinen zukünftigen Eltern hin und her, denn er hat nur wenig Zeit, um diese miteinander bekannt zu machen. Die Mutter ist gerade dabei, sich einem Franzosen hinzugeben und sein Vater steht mit einzementierten Füssen am Main und wird von einem Möchtegern Großganoven in den Fluß geworfen. Da die neuen Schuhe nicht gut angetrocknet waren, kann sein Vater sich befreien und erreicht das Ufer, und erschrickt drei Mafia-artige Männer, die ebenfalls jemanden im Main verschwinden lassen wollten. Der Trainingsanzugs-Ganove, Dimitri, der den Vater versenken wollte, klaut kurzerhand den Mercedes der Mafia-Jungs und nimmt den Vater mit. Dimitri, der sich diesen Namen selbst ausgesucht hat, meint, dem Vater das Leben gerettet zu haben und beide stehen nun in einer tieferen Verbindung. Hinzugesellt sich etwas später ein Junge, der anscheinend keine Geldnöte hat. Im geklauten Wagen ist ferner ein Koffer mit einem dubiosen (Platzhalter) von den drei Mafia-artigen Männern, die nun die Verfolgung im Auftrag ihres Bosses aufnehmen.

Der Vater möchte aber nichts sehnlicher, als seine Ex-Freundin zurückzuerobern, die aber bereits auf den Weg nach Frankreich auf Hochzeitsreise ist. Es machen sich nun alle auf den Weg nach Frankreich und es kommt auf dem Eifelturm zum Zusammenprall der Handlungen und Personen, nebst einem Schaf. Der Eifelturm, als Schauplatz des Finales, der aus der Sicht des Jungen fast nur aus Löchern zu bestehen scheint –  aber so ist wohl das ganze Leben, eine löchrige Materie in Raum und Zeit.

Die Perspektive ist stets aus der Sicht des noch nicht geborenen Erzählers. Die Individuellen Gefühlslagen kommen im Dialog mit den jeweiligen Protagonisten ebenfalls zu Wort. Eine spaßige Road-Novel mit etwas „Zurück in die Zukunft“-Charme. Das Finale in Paris ist gleich dem Umschlag herrlich bunt, schräg und erklärt, was es mit der Erzählstimme wirklich auf sich hat.

Ein literarisches Online-Experiment ist in gedruckter Form ein schöner, kluger, abgefahrener Roman, der mich, wie alle Werke vom Tilman Rammstedt, unterhalten und sehr viel Spaß gemacht hat. Niemals übernimmt der Klamauk den Stil. Mit Phantasie und Erzähltalent ist der Autor wahrlich gesegnet. Lediglich ein unwesentlicher Charakter kommt für mich zu kurz: der arme Zollbeamte. Gerne möchte ich wissen, wie es ihm geht und sende herzliche Grüße und gute Besserung an diesen…

Ein wundersames und wunderbares Buch! Danke Tilman! 014    Zum Buch / Shop

 

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Grégoire Delacourt: „Die vier Jahreszeiten des Sommers“

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Das Buch hat mich sehr positiv überrascht. Bei den ersten Zeilen wollte ich es schon weglegen. Einige Seiten weiter war ich immer noch nicht wirklich überzeugt und weiterhin skeptisch. Aber dann wurde ich immer süchtiger nach den Geschichten und den Protagonisten. Es ist die leichte Art, wie die jeweilige Handlung erzählt wird. Die Sprache und die Geschichten wirken nicht aufgesetzt und bieten melancholischen und schönen Tiefgang. Auch wenn das Buch optisch einen leichten Sommerroman für den Strand verspricht, sollte man sich nicht täuschen lassen, das Buch ist doch weit mehr als das und ist auch kein verklärtes Gute-Laune-Werk.

Die erste Erzählung ist aus der Sicht eines jungen Menschen, der zum ersten Mal die Liebe findet und daher liest sich der Text anfänglich etwas holperig und kippt leicht ins Kitschige. Doch ist dies bewusst vom Autor eingesetzt, um die Stimmung des jungen Protagonisten einzufangen. Der Roman beinhaltet vier Kapitel, die jeweils verschiedene Lebenszeiten beleuchten. Die Zusammenhänge sind  der 14. Juli, der französische Nationalfeiertag, der Strand von Le Touquet und wie zu erwarten ist, die Liebe.

Es sind vier Jahreszeiten im menschlichen Leben die durch verschiedene Charaktere verdeutlicht werden. Es ist ein Junge, der mit 15 Jahren seine erste große Liebe erlebt und diese nicht erwidert findet und in seinem Liebeskummer ertrinkt.

Wir lernen eine 35-jährige Frau kennen, die ihre Liebe verloren meint und von einem weiteren Mann, mit dem sie einen Sohn hat, wortkarg verlassen wurde. Sie ist nun auf der Suche nach neuem Glück. Durch einen Rettungsvorgang am Strand wird sie im Krankenhaus erneut mit ihrer Vergangenheit konfrontiert.

Im dritten Kapitel geht es um eine Hausfrau, die mit sich nicht im Reinen ist, ihren Körper als 55-Jährige aber nicht als alt deklariert wissen möchte und auf der Suche nach körperlicher Anerkennung ist. Sie möchte sich der Liebe bedingungslos hingeben können und stürzt sich ins Abenteuer.

Das Ende, der letzte Sommer im Leben, handelt von einem Ehepaar, um die 75, die sich noch genauso lieben wie am Anfang ihrer Beziehung. Nach einem gemeinsamen und für sie erfüllten Leben beschließen sie gemeinsam zu gehen…

Der Episodenroman ist nicht überfüllt, sondern eher leicht zu lesen und, wenn er etwas Kitsch streut, ist es passender und schöner Kitsch, der zum Erzählten passt und dadurch beim Leser eigene Regungen heraufbeschwört. Man lernt die Figuren lieben, leidet mit ihnen und hat stets die Hoffnung, dass trotz der Hindernisse und verpassten Lebens- und Liebesmomente alle mit sich ins Reine kommen mögen.

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Yoko Ogawa: „Hotel Iris“

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Yoko Ogawa ist für mich ein Phänomen, sie schreibt so einfache und dennoch ausdrucksstarke Sätze, die für mich beinahe poetisch sind. Bei ihren Werken entsteht fast schon ein magischer Sog, der durch die feine, sinnliche Sprache und Erzählstruktur fesselt.

Bekannt ist die japanische Autorin durch ihre Werke „Das Geheimnis der Eulerschen Formel“ und „Schwimmen mit Elefanten“. Nun ist im Taschenbuch ein älteres Werk von ihr erschienen, das ich bisher nicht kannte. Es ist eine Geschichte voller dunkler Begierde und Erniedrigungen. Das knapp, fast schon karg geschriebene Buch scheut keine Tabuthemen. Es geht um Einsamkeit, Erniedrigung, Sexualität, krankhaftes Verlangen und Sadomasochismus. Im Mittelpunkt steht die Abhängigkeit und Begierde zwischen zwei unterschiedlich alten Menschen. Ein älterer Mann, lediglich „der Übersetzer“ genannt, und die minderjährige Mari lernen sich kennen. Die Handlung erinnert leicht an den Film „Der Liebhaber“, zeigt aber im Roman von Ogawa eine dunklere Welt als das französische Filmdrama.

Das Hotel Iris ist ein leicht schäbiges Haus in einem touristischen Küstenort. Das Hotel wird meist von Japanern aufgesucht, die einen kurzen Strandurlaub planen. Es ist kein Hotel zum Verweilen, daher ist der Bezug zum personifizierten Regenbogen (Iris) wohl eher auf das Seelenleben der Protagonisten zu sehen. Denn die junge Mari muss hart im Hotel mitarbeiten und ihre strenge Mutter gibt ihr kaum Raum für sich. Selten hat das Mädchen die Möglichkeit das Etablissement zu verlassen. Sei es, um nur gleich um die Ecke ein Eis zu kaufen.

Eines Tages, als Mari wie üblich abends an der Rezeption arbeitet, entfernt sich eine Prostituierte aus einem Zimmer und beschimpft beim Hinausgehen, den von ihr aufgesuchten Gast des Hotels. Die Stimme des Gastes, der der hinauspolternden Frau nur einen Satz hinterherruft, lässt in Mari etwas erklingen. So macht Mari Bekanntschaft mit diesem viel älteren Herren, der sie sofort begeistert und in seinen Bann zieht. Sie treffen sich heimlich und lernen sich kennen. Er lebt zurückgezogen und einsam auf einer kleinen Insel, die man nur mit einer Fähre erreicht. Er arbeitet als Übersetzer von russischen Texten ins Japanische. Meist Packungsbeilagen und Anleitungen. Nebenbei übersetzt er einen russischen Roman, dessen Heldin ebenfalls Mari heißt und die durch ihre vom Ehemann ungewollte Schwangerschaft auf übelste misshandelt wird. Der Übersetzer zeigt sich besonnen und edel, doch kann er auch sehr herrisch und bestimmend sein. Diese Seite lernt Mari immer mehr kennen, aber auch fast schon lieben. Seine Ausbrüche verwandelt er in sexuelle Phantasien und Mari wird das Opfer seiner perversen Neigungen, die sie aber nicht abschrecken, sondern auch erregen und ihr sogar gefallen. Er zweifelte durch seine bisherige Einsamkeit an seiner Existenz und seine nun ausgelebte Macht lässt ihn aufleben. Umso hässlicher Mari sich empfindet, desto mehr gestattet sie ihm sie zu erniedrigen und sie zu einem Stück Fleisch zu degradieren. Dabei empfinden beide ihre Lust. Ihre Neigungen, Unterwerfungen und Begierden drücken ihre beiden jeweils erlebten Schmerzen aus.

Gleich der Figur in dem Roman, den er für sich übersetzt, muss nun Mari viel Leid und Demütigung ertragen. Auch ist die Frau des Übersetzers durch tragische Umstände ums Leben gekommen. Hat er Schuld am Tod seiner Frau? Und was droht Mari in dieser ungleichen Beziehung? Als der stumme Neffe des Übersetzers zu Besuch kommt und er Mari ganz anders behandelt und sich zu ihr zärtlich hingezogen fühlt, kommt es zur Eskalation.

Ein Buch voller dunkler Sehnsüchte, Begierden und Machtspiele. Lust und Schmerz stehen der erhofften Liebe gegenüber. Ein eleganter, düsterer und aufwühlender Roman, voller Schattenseiten. Auch wenn einzelne Szenen und Verstrickungen abstoßend und für den Leser unverständlich sind, bleibt das Buch immer literarisch und wird nie anzüglich. Man liest gebannt den Verlauf der Handlung und die Abhängigkeiten der Protagonisten zueinander.

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Emma Cline: „The Girls“

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Ich liebe Romane und Musik, daher habe ich beim Lesen oft meinen eigenen Soundtrack im Kopf. Neulich habe ich das Buch „The Girls“ von Emma Cline gelesen. Ein düsterer, etwas verstörender aber sehr faszinierender Roman. Er spielt im Jahr 1969. Anfänglich hatte ich u.a. Led Zeppelin und die ganze Woodstock-Liga im Kopf… dann wird der Text aber immer mehr gleich einem Mahlstrom und die Musik in mir tendierte zu Nine Inch Nails: „Piggy“…

Das Buch spielt in zwei Zeitebenen, wobei die Haupthandlung in Kalifornien im Jahr 1969 spielt. Es ist die Zeit der inneren Unruhe, des musikalischen Aufbruchs in der Rockgeschichte, der von England nach Amerika schwappte. Es ist die Zeit der Kommunen und der Hippies.

Die erste winzige Szene im Buch stellt uns die vierzehnjährige Evie Boyd vor, die auf Mädchen trifft, die sich ganz frei und ungezwungen bewegen und mit langen, ungekämmten Haaren und ungewöhnlichen, fransigen Kleidern durch den Park gehen. Sie sind so ganz anders als alle anderen, die Evie bisher kannte.

Dann springt das Buch in die Zukunft und Evie Boyd wohnt in einem geliehenen Haus. Sie hat ihren Job verloren und ihr Erbe hat sie bereits vor Jahren aufgebraucht. Ein besorgter Freund hat ihr sein Ferienhaus angeboten. Nachts hört sie Geräusche und wird von vermeintlichen Einbrechern geweckt. Doch ist es der Sohn des Ferienhausbesitzers mit seiner Freundin, die von Evies Aufenthalt nichts wissen. Es dauert etwas, bis sie sich erkennen, denn Evie hat den jungen Mann vor Jahren zuletzt gesehen. Als er sich an sie erinnert, ist er erneut fasziniert, denn Evie war eine von den Frauen der „Ranch“, von der „Sekte“ und bereits als Kind hat ihn das, was dort passiert war auf krankhafte Weise begeistert. Es hatte ihn abgeschreckt, aber auch gefesselt.

Zurückblickend wird nun die Geschichte erzählt, wie Evie in den Bann der Mädchen und deren Anführer, der abstoßenden Guru-Figur Russell gerät. Sie ist vierzehn und ihre Eltern sind geschieden. Sie sehnt sich nach Beachtung, nach Liebe und Geborgenheit. Auch ihre Freunde nehmen sie nicht mehr wahr und sie empfindet sich als unsichtbar und möchte unbedingt gesehen werden. Zum wiederholten Male begegnet sie neuerdings im Ort den Mädchen, die so ganz anders sind. Es sind junge Frauen, die sich sehr ungezwungen verhalten. Das Erscheinungsbild ist sehr ungepflegt. Bei einem versuchten Ladendiebstahl spielt sie mit und besorgt für die Frauengruppe die fehlenden Hygieneartikel. Durch diese Tat, die sie nur im Schein als Diebstahl aussehen lässt, wird sie endlich wahrgenommen und gerät besonders in den Bann von Susanne, der älteren von ihnen. Sie steigt in deren klapprigen Bus und fährt mit zur Ranch, die tief in den umliegenden Hügeln liegt.

Evie ist nun eine von den Mädchen, aber fernab ihrer bekannten Welt. Die Ranch ist verwahrlost und überall ist es schmutzig. Bevölkert wird das Lager von Aussteigern und Ausgerissenen. Gleich bei ihrer Ankunft wird eine bizarre Party gefeiert. Zwischen Musik und Räucherwerk verlangt der Anführer von Evie Sex. Evie ist zu jung und unerfahren, um zu verstehen, was mit ihr geschieht. Sie gibt sich ihrer Illusion von freier und grenzenloser Liebe hin. Sie merkt noch nicht, wie sie immer mehr mit und durch diese Gruppe absteigt und sich selbst zu verlieren scheint. Durch ihre Einsamkeit ist sie leicht zu verführen und gerät fast an den Rand eines mörderischen Kults. Es kommt der Moment, der ihr Leben verändert und sogar gewaltvoll zerstören könnte… Ein leicht verstörender Debut-Roman, der bis zum Ende fesselt.

Siehe auch die Besprechung von Mareike: Herzpotenzial

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Dr. Klaus Witt: „Der Seelenfänger von Capri“

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Dieser Leseeindruck könnte etwas persönlicher ausfallen, denn bereits als Kind hat mich sehr die Geringschätzung der Menschen gegenüber anderen Lebensformen, besonders den Tieren, beschäftigt. Da auch im Dezember unser Kater und gestern unsere Katze, die beide an Krebs erkrankt waren,  verstorben sind, hat mich das Buch von Klaus Witt sehr angesprochen. Warum trauern wir Menschen um unsere geliebten Haustiere, die für uns wie Familienmitglieder sind und blenden aus, dass das Stück Fleisch, das auf dem Teller liegt auch von einem Tier stammt, das doch auch ein Recht hatte zu leben und geliebt zu werden? Was ist der ethische Unterschied zwischen einer Katze, Kuh oder Biene? Was soll auch der Begriff „Nutztier“ wirklich verdeutlichen und verschleiern? Haben Nutztiere weniger Rechte? Aber wovon noch weniger? Denn Tiere gelten doch meist als seelen- und rechtlos. Die Betrachtungsweise, welche Tiere appetitlich oder süß wirken, hängt vom kulturellen Umfeld ab. Stets vorrätiges und günstiges Fleisch setzt Massentierhaltung und grausame Quälereien voraus.

„Solange es Schlachthäuser gibt, wird es Schlachtfelder geben“ (Leo Tolstoi)

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Der praktizierende Tierarzt Dr. Klaus Witt hat für sich erkannt, dass er sich ausschließlich um die Heilung der Tiere kümmern möchte und nicht um die Methode, wie man Tiere möglichst rationell und gewinnbringend ausbeutet. Seine Approbation zum Tierarzt und die ärztliche Diagnose Krebs bei seiner Mutter treffen zeitgleich ein und es keimt in ihm der Wunsch, seiner Mutter seine Lieblingsinsel Capri zu zeigen. Klaus Witt hat für sich Capri liebgewonnen und in ihm ist immer diese Sehnsucht nach der Insel. Kaum kommen die beiden auf der Insel an, werden sie mit einem kranken Hund konfrontiert und lernen durch diesen liebgewonnenen Patienten den Tierarzt der Insel, den „Dottore“, den Seelenfänger, kennen. Diese Freundschaft und die mediterrane Lebensart regen die Gedanken von Klaus Witt an und  es ist ein leidenschaftlicher Appell an die Verantwortung gegenüber dem Leben und ein lebendiger Reisebericht entstanden. Das Buch macht unglaubliche Lust auf die Insel und ist für mich eine Überraschung, denn Klaus Witt ist ein belesener und fühlender Mensch, der seine Erkundungen auf Capri neben seine erlesenen philosophischen, spirituellen Ansichten mit seinen eigenen Gedankengängen kombiniert. Ein unterhaltsames Plädoyer für die Seele der Tiere und für ein Bewusstsein u.a. beim Einkauf und Konsum von Tierprodukten.

Neben den empfehlenswerten und gerade sehr aktuellen Werken von Peter Wohlleben und Clemens G. Arvay reiht sich dieses Manifest für die Tiere gelungen ein.

Jeder kann nur sich ändern und damit sein Umfeld beeinflussen. Sollten diesem Beispiel mehr Menschen folgen, könnte aus den individuellen Inseln, die wir jeder für sich sind,  ein glücklicheres und friedvolleres Miteinander keimen.

182Ich lebe vegan und durfte mal eine Woche in der Tierarztpraxis Kirchhofallee an der Seite von Dr. Matthias Böhm arbeiten, der mich zu diesem Praktikum eingeladen hatte. Er hätte mich gerne für eine Umschulung eingestellt, da er meinen Umgang mit Tieren mochte. Doch hat sich meine Biographie anders gestaltet, aber das Praktikum hat mich in meiner Hingabe zu den Tieren bestärkt. Warum sieht sich der Mensch immer noch gegenüber allen Lebensformen als erhaben an? Warum müssen wir alles ausbeuten und geringschätzen? Ich hoffe, dieser Reisebericht und anrührende Seelenfänger für Menschen und Tiere wird einen Beitrag dazu leisten. Zumindest regt er zum Nachdenken an und macht auch auf Capri sehr neugierig.

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János Székely: „Verlockung“

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Die Wiederentdeckung eines Leseschatzes. Székely ging bereits 1935 mit dem Roman  „Verlockung“ schwanger. Das Werk vollendete er dann gute zehn Jahre später. Es sollten weitere Romane folgen, die mit „Verlockung“ eine Trilogie bilden sollten. Leider hat Székely es nicht geschafft, diesen Romanzyklus zu verwirklichen. Aber „Verlockung“ für sich allein gelesen ist eine Bereicherung.

Die Handlung beinhaltet wohl viel Biographisches vom Autor. János Székely wurde 1901 in Budapest geboren. Als Achtzehnjähriger kam er auf der Flucht vor dem Horthy-Regime nach Berlin. Er verfasste Drehbücher für Stummfilme. 1934 erhielt er eine Einladung nach Hollywood und 1938 wanderte Székely endgültig aus. Während der McCarthy-Ära wurde er wiederum verfolgt und ging mit seiner Familie kurzzeitig nach Mexiko. Bereits schwer erkrankt kehrte er zurück nach Berlin und starb dort 1958.

„Verlockung“ spielt zwischen den beiden Weltkriegen in Ungarn und erzählt die lebendige und spannende Geschichte von Belá. Er wächst in einfachen Verhältnissen in einem trostlosen Dorf auf.  Bereits der Anfang des Buches lässt ahnen, wie humorvoll und toll die nun folgende Geschichte sein wird:

„Mein Leben beginnt wie ein Kriminalschmöker: Man wollte mich ermorden. Glücklicherweise wurde dieser Plan fünf Monate vor meiner Geburt gefasst, und so hat er mich kaum sonderlich erschüttert.“

So beginnt das komplexe Werk als Schelmen- Abenteuer- und Erziehungsroman. Der Protagonist ist Belá, Sohn einer Waschfrau, die diesen bei einer ehemaligen Prostituierten aufwachsen lässt, die wiederum ein heruntergekommenes Heim, d.h. eine Pension für uneheliche Kinder und (freizügige) Dienstmädchen, betreibt. Da er zur Schule gehen darf und sogar Schulbester wird, schafft er es Ende der zwanziger Jahre nach Budapest. Er arbeitet dort als Liftboy und Page in einem vornehmen Hotel. Seine Verlockung sind die Frauen. Besonders die elegante Dame aus Appartement 205, die den Hotelpagen gerne zu Liebesdiensten bestellt. Belá meinte es geschafft zu haben, das triste und arme Leben hinter sich lassen zu können. Er meinte kurzweilig das Glück spüren zu können. Belá sehnt sich nach Liebe und nicht nach dem großen Geld. Denn die Pagen bedienen sich nach den erzwungenen Liebesphantasien der edlen Dame in deren Geldbörse. Ein hübsches amerikanisches Mädchen zieht in das Hotel und es kommt zu zarten Annährungen zwischen ihr und Belá. Aber irgendwann ist diese auch abgereist und hinterlässt in ihm den Wunsch in die USA zu fliehen. Das Schreiben des amerikanischen Mädchens erreicht ihn mit unleserlichem Absender und somit verpasst Belá abermals sein Glück…

Ein umfangreicher Roman, der klug unterhält und einen mit dem Helden hoffen lässt. Die Sprache bleibt stets humorvoll und sehr anspruchsvoll – gleich der Handlung. Ich hoffe, viele Leser werden sich der „Verlockung“ hingeben…

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Elizabeth Graver: „Die Sommer der Porters“

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Ein stiller Familien- d.h. Generationenroman, der die Sommermonate der wohlhabenden Familie Porter beleuchtet, die ein Haus auf der Halbinsel Ashaunt in Massachusetts ihr Eigen nennen. Es sind ausgewählte Sommer, die episodenhaft die Geschichte einzelner Familienmitglieder erzählen. Der Roman spannt den Bogen von 1942 bis zur Jahrtausendwende.

Mister Porter, der im Rollstuhl sitzt, und seine Frau verbringen mit ihren drei Töchtern Helen, Dossy und Janie meist eine schöne Zeit in ihrem Sommerhaus. Doch ist nun der Krieg allgegenwärtig, auch auf der betulichen Insel und wächst zu einer nahenden Bedrohung. Charlie, der einzige Sohn der Porters, wird zum Piloten ausgebildet und wohl bereits bald nach Europa abkommandiert. Der Vater und die Mädchen sind stolz auf ihren Bruder, der stets präsent ist, haben aber natürlich auch Angst um ihn.

Viele der wohlhabenden Grund- und Sommerhausbesitzer meiden bereits die Insel, denn in der nahen Nachbarschaft wurde ein Militärstützpunkt errichtet. Mit der Familie reisen stets das Personal und zwei schottische Kindermädchen nach Ashaunt. Denn die Porters wirken nicht wie umsorgende Eltern und überlassen die eigentliche Erziehung den mitangereisten jungen Frauen. Bea, die sich allein um die jüngste Tochter kümmern soll, liebt diese wie eine eigene Tochter. Doch wird Bea sich bald zu entscheiden haben, ob sie weiterhin bei den Porters in Einstellung als Mutterersatz bleibt oder ihre eigene Familie gründet. Denn mit dem Aufbau des Militärstützpunkts hat sich nicht nur die Infrastruktur der Insel gewandelt, sondern es sind in der Nachbarschaft junge Soldaten, die mit den Mädchen und Frauen flirten und es werden verschiedene Bekanntschaften gemacht. So beginnen auch für die Töchter der Porters schicksalhafte Zeiten.

In weitschweifenden Kapiteln werden einzelne Charaktere und Zeiten, d.h. Sommer hervorgehoben. Helen, die vorerst aufmüpfige, dann starke Frau, die aber auch widersprüchlich wirkt, möchte das Leben kosten und alles haben. Helen war immer am engsten verbunden mit Charlie, der ebenfalls seine Probleme hatte und auch später immer gegenwärtig bleibt, auch als er bereits Soldat ist. So wandert man als Leser chronologisch durch die Sommer der Porters. Beginnend mit der Beziehung der Eltern zu ihren Kindern und deren Kindermädchen. Aber mit der Zeit kommen immer mehr Familienmitglieder hinzu, die das Sommerhaus als innere und äußere Zuflucht kennenlernen. Die einzelnen Schicksale werden aus wechselnden Perspektiven und sogar in Briefen erzählt.

Der Roman handelt von Liebe, Enttäuschungen, falschen Erwartungen und Hoffnungen. Die Geschichte erzählt viel, lässt wiederum aber auch einiges aus. So werden durch diese Auswahl und den Zeitraffer bestimmte Schwierigkeiten, Entscheidungen und Entwicklungen innerhalb der Generationen der Familie hervorgehoben. Durch die flüssige und stimmungsvolle Sprache, gelingt es Elizabeth Graver zügig die einzelnen Figuren zu charakterisieren und dem Leser vertraut werden zu lassen. Der Roman liest sich filmreif und bietet viele stille und schöne Lesemomente. Ein Roman, der in den Wirren unserer Geschichte das Alltägliche und nicht Alltägliche einer wohlhabenden Familie erzählt, die an der Küste ihren Rückzugsort findet, der aber nicht immer paradiesisch sein muss. Der Roman war in den USA für den National Book Award nominiert.

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Botho Strauß: „Herkunft“

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„Herkunft“ fällt aus dem üblichen Kanon der gesammelten Werke von Botho Strauß heraus,  denn es ist anders und doch ein zu erwartendes großes literarisches Werk vom Autor. Das Büchlein ist wohl sein persönlichster Text, denn es erzählt von der eigenen erlebten Jugend, der engen Häuslichkeit und der stets präsenten Rolle seines Vaters. Ein wichtiges und bleibendes Buch, das uns die Herkunft des Autors und seiner Werke nahebringt.

Besonders auffallend ist die schöne, knappe und präzise Sprache. Nichts wird ummantelt oder überflüssig gedehnt dargestellt. Die Sätze wirken gleich einer Statue, die aus einem groben Klotz immer mehr herausgeschliffen wurden, bis nur noch das Wahre, das Wesentliche stehenblieb.

Wir erlesen die 40er- und 50er Jahre. Es ist einer enge, bieder Welt in der Botho Strauß aufwächst. Jetzt, als älterer Mensch, blickt Botho Strauß mit diesem Text zurück und erlebt für uns Leser seine Kindheit und Jugend erneut und schildert diese durch die genaue Darstellung und Sprache sehr nachfühlbar. Sein Blick ist oft auf den prägenden Vater gerichtet, dessen Ansichten, Traditionen und Lebensphilosophie Botho Strauß meist nicht teilt und auch in Frage stellt. Nun im Rückblick erkennt er, dass man in das hineinwächst, was man damals als veraltet empfand. Sein Vater war ein Pharmazeut, der ebenfalls geschrieben hat. Er hat eine eigene Monatsschrift verfasst, die die Mutter, eine Hausfrau, einzutüten hatte. Die Meinungen über Literatur gehen bei Botho und seinem Vater aufgrund verschiedener Sichtweisen weit auseinander. Der junge Botho Strauß ist von Brecht begeistert und wünscht sich, dass sein Vater dasselbe in den Texten findet wie er. Doch der fast schon zu Misanthropie neigende Vater schwört auf Thomas Mann. Im Ersten Weltkrieg hat der Vater ein Auge verloren und sein eigenes Unternehmen wurde ihm genommen, da er in der Besatzungszone als Spion verhaftet wurde. Jetzt leben er und seine Familie in einfachen, aber gut bürgerlichen Verhältnissen.

Die erinnerte Kindheit ist eine enge, biedere Welt, in der man noch höflich ist, grüßt, wenn nicht sogar den Hut voreinander zieht. Wir lernen den jungen Botho kennen, der draußen spielt und sich verliebt. Sein Elternhaus als Herkunft und mit dem Vater als Mittelpunkt der Familie.

In der Gegenwart reist Botho Strauß in seine Vergangenheit, denn die Wohnung der Eltern wird aufgelöst und somit seine Kindheit entrümpelt und sein Zuhause aufgelöst. Ein berührender und literarischer Rückblick. Ein glaubhafter und intimer Roman, der den Weg aufzeigt, den der Autor Botho Strauß genommen hat, um der zu werden, der er ist.

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