Archiv der Kategorie: Erlesenes

Jack London: „Mord auf Bestellung“

004

Dieser Leseschatz ist eine Neuübersetzung und somit ist einer der ersten Agententhriller in der Literatur uns Lesern wieder zugänglich gemacht worden.

Man kann sich fragen, ob man diesen Thriller so sehr mochte, weil er von Jack London geschrieben wurde oder würde diese verrückte Geschichte auch losgelöst von ihm funktionieren? Hat der Roman mich begeistern können, weil er vom Verfasser der unvergessenen Werke: „Goldrausch in Alaska, „Der Seewolf“, „Ruf der Wildnis“ oder „Wolfsblut“ geschrieben wurde? Zuletzt ist „Die Reise mit der Snark“ in der Buchreihe „Klassische Schönheiten“ (mare) erschienen. Es ist also Zeit sich erneut mit Jack London zu beschäftigen. Die jetzige Ausgabe (Manesse) des Agententhrillers „Mord auf Bestellung“ ist lohnenswert und kann gänzlich durch die Neuübersetzung überzeugen.

Die Geschichte zum Buch ist ebenfalls spannend und wird in den Anhängen lesenswert porträtiert. Neben Joseph Conrads „Der Geheimagent“ ist dies einer der ersten Agententhriller der Weltliteratur. Doch hat sich London verrannt und er wusste nicht weiter. Er gab nach zwei Anläufen das Manuskript auf und erst Jahre später, nach seinem Tod, vollendete Robert L. Fish den Roman. London hatte die weitere Handlung skizziert, die ebenfalls im Anhang des Buches zu finden ist. Fish, der den Thriller beendet, hält sich aber nicht an diese Notizen. Der Übergang ist durch die Anhänge gut nachvollziehbar und der Stil verändert sich leicht.

Auch wenn man dies alles außen vor lässt, ist es ein literarischer und unterhaltsamer Thriller. Die ganze Handlung ist voller Witz, Moral und Wertevorstellungen. Der Irrsinn der Geschichte ist die Moral, d.h. die Philosophie des Handelnden, der durch seine Wertvorstellung selbst zum Opfer wird.

Ivan Dragomiloff leitet eine Attentatsagentur und seine Preise richten sich nach der gesellschaftlichen Stellung des Opfers. Er sieht sich als Ehrenmann und daher lautet seine Devise: Sie zahlen, wir morden und Diskretion ist garantiert. Doch prüft Ivan Dragomiloff vorher die Liquidation, denn die Tat muss sozial nützlich und in seinen Augen legitim, d.h. aus ethischer Sicht gerecht sein. Seine Agentur ist sehr gefragt und Ivan Dragomiloff organisiert ein Netzwerk qualifizierter Attentäter. Es sind in Kampfsport ausgebildete Männer, die gebildet sind und sich in der Freizeit mit Forschungen, Metaphysik und der Moral der Gesellschaft beschäftigen.

Der neue Auftrag sollte gut überdacht werden. Ein vermögender Philanthrop beauftragt die Agentur, ihren eigenen Chef zu eliminieren. Der Auftraggeber ist ein noch größerer Moralist als Ivan Dragomiloff und beide haben den Verdacht, dass die Attentatsagentur der sozialen Gesellschaft Schaden zufügt. Ivan Dragomiloff ist ein Ehrenmann und seiner eigenen Philosophie treu und nimmt daher den Auftrag an. Jetzt ist er der Gejagte seiner Attentäter.

Ein temporeicher Lesespaß mit charmantem Irrsinn und moralphilosophischen Anspielungen. Das Buch ist eine Entdeckung wert und besonders durch die eigene Entstehungsgeschichte ein Teil der Weltliteratur.

Siehe auch die Besprechung auf  AstroLibrium

Zum Buch / Shop

4 Kommentare

Eingeordnet unter Erlesenes

Ingvar Ambjørnsen: „Aus dem Feuer“

002

Die erste Beschreibung, die nach Beenden des neuen Romans von Ingvar Ambjørnsen „Aus dem Feuer“ einfällt, ist üppig. Die Handlung ist zugespitzt auf den Literaturbetrieb und liest sich gleich dem inhaltlichen Bezug zum wohl nicht nur in Norwegen sehr gefragten Kriminalroman. Es ist ein Antiheld, der uns sarkastisch und unterhaltsam die Kriminalliteraturindustrie vorführt. Es geht nebenbei natürlich auch um Liebe, Schuld und Scham. Diese spannende Persiflage ist daher üppig, weil die Handlung etwas ausufert, ohne aber unglaubwürdig zu werden. Der Roman lebt von der Sprache und den Naturmetaphern. Ingvar Ambjørnsen beschreibt die Landschaft und die Naturszenen auf wunderbare Weise. Die Bilder manifestieren sich im Leser und können durch die Sprache fast sinnlich erfasst werden.

Der Titel „Aus dem Feuer“ ist wörtlich zu verstehen, denn der unsympathische Held verstrickt sich immer mehr und schafft es dennoch, immer wieder aus dem Feuer geholt zu werden. Wobei der Titel auf eine norwegische Redewendung zurückfällt: „Aus dem Feuer in die Bratpfanne“. Auf Deutsch würde man „Vom Regen in die Traufe“ sagen und dieses Sprichwort lässt sich auch gut auf den Protagonisten, den Autor Alexander Irgens, anwenden.

Wir lernen Alexander Irgens kennen, den sogenannten Krimikönig Norwegens. Er ist erfolgreich und lässt sich gerne feiern. Eigentlich träumt er davon, auch mal Belletristik zu schreiben und seine ersten Schreibübungen waren auch Novellen. Durch den Wegfall der Preisbindung und dem Kaufverhalten in Norwegen hat sich die Bücherwelt zum Negativen gewandelt. Die kleinen inhabergeführten Buchhandlungen gibt es so gut wie nicht mehr. Rezensionen und die Kulturseiten verschwinden in den Zeitungen und es findet eine Ballung an Buchhandelsketten und Verlagen statt, die sich hauptsächlich auf die Bestseller konzentrieren. Dies sind meist Kriminalromane von wohl nicht nur in Norwegen bekannten Autoren, die auch in dem vorliegenden Roman erwähnt werden. Da es nur noch wenige unabhängige Buchhandlungen gibt, führen die großen Verlage jeweils eigene Buchhandelsketten, um ihre eigenen Bestseller zu kredenzen. Diese werden von Alexander Irgens als „Kartelle“ bezeichnet. Für eine solche Kette und deren Buchhändlerinnen wurde Alexander für einen geselligen Krimiabend eingeladen. Vorher vergnügt er sich in der Natur, zum Leidwesen einer Ente, mit Vilde, seiner Geliebten. Ehebruch und Untreue sind Vokabeln unter seiner Würde. Er nimmt sich einfach dieses Recht, wie auch viele andere, ohne dabei an seine Ehefrau Ada zu denken, deren Mutter im Sterben liegt. In der egozentrischen Welt von Alexander ist für beide eigentlich nicht viel Platz, denn seine Bedürfnisse stehen für ihn stets an erster Stelle.

Nach dem ausführlichen Dinner, nebst kriminalistischem Rollenspiel mit den Buchhändlerinnen, treffen Alexander und Vilde in einer Bar auf einen MAT, den sogenannten Mann am Tisch. So nennt Alexander jene Menschen, die ihn in Bars oder Restaurants erkennen und um seine Aufmerksamkeit buhlen, egal ob er mit Begleitung oder ohne angetroffen wird. Dieser Mann, ein begeisterter Krimileser und Fan von Alexander, wird etwas zudringlicher. Daraufhin schlägt Vilde mit Alexanders Unterstützung diesen Mann krankenhausreif. Diese Tat überschattet nun das Kommende, denn die Medien und besonders die Klatschpresse interessieren sich ab sofort mehr für diesen Vorfall als für das kommende Werk des Autors. Es ist ein neuer Fall seines Protagonisten Stig Hammer, der erfolgreichste Krimiheld Norwegens. Der Erfolg seiner Krimireihe hat Alexander verändert. Er ist von sich sehr überzeugt und sein Ruhm und der Erfolg sind ihm zu Kopf gestiegen. Der Erfolg seines neuen Krimis scheint auch trotz der negativen Presse vorprogrammiert zu sein, oder gerade wegen der Schlagzeilen. Dennoch zieht sich Alexander zurück. Er flieht vor dem Rummel und folgt der Einladung zu einem Literaturfest in Island. Er geht weiter nach Deutschland, um der Presse zu entkommen und verschwindet vorerst auch einfach aus dem Leben von Vilde und Ada. Aber erst in Norwegen kann er wirklich bei sich ankommen und es kommt zu einem überraschenden Ende, in dem Alexander vorerst aus dem Feuer gerettet wird und auch sein Ego endlich etwas büßen darf…

Ein Hauptprotagonist, der nicht sehr sympathisch ist, der aber dennoch zu fesseln versteht. Eine unterhaltsame Satire auf die Literatur, d.h. Krimiwelt. Am beeindruckendsten sind die Naturschilderungen von Ingvar Ambjørnsen. Ein humorvoller Roman, der geschaffen ist für Lesebegeisterte und Buchliebhaber. Ein ernster Roman, der anregen kann und durch seine gekonnte Sprache und spannende Geschichte für kluge und gute Unterhaltung sorgt.

Zum Buch / Shop

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Matthias Brandt: „Raumpatrouille“

001

Diese autobiographischen Geschichten von Matthias Brandt stehen alle für sich, aber ergeben, wenn man das Buch chronologisch und im Ganzen gelesen hat, die Fülle eines ganzen Romans.  Es sind literarische Reisen in die eigene Kindheit, die jeweils dazu einladen in den Kosmos des jetzigen Schauspielers Matthias Brandt einzutauchen. Der rote Faden ist das Aufwachsen in den siebziger Jahren in der damaligen Bundeshauptstadt Bonn. Seine Kindheit ist geprägt durch die Arbeit seines Vaters, der gerade Bundeskanzler ist.

Die erste Geschichte beginnt mit dem Satz: „Keiner da.“ In dieser Erzählung lernen wir Matthias Brandt kennen, der als Siebenjähriger seine kleine Freiheit sucht. Er streunert gerne mit seinem Hund durch das großzügige Grundstück und versucht ab und zu den Blicken der Wachhabenden, die das Anwesen und deren Bewohner schützen, zu entkommen. Er versteht sich eigentlich sehr gut mit dem Personal des Sicherheitsschutzes. Gerne sucht er diese auch auf und lauscht mit diesen Radiokonzertmitschnitte von James Last. Aufgenommen auf den gerade erfundenen Kassetten. Durch den Beruf des Vaters und das Leben mit Personal, empfindet er sich selbst wie ein Astronaut. Er fremdelt und fühlt sich isoliert. Die letzte Geschichte schließt den Bogen mit dem Vater, der sich Zeit für Matthias nimmt und vorliest.

Die reduzierte Sprache und die bescheidene Sicht auf das junge Ego des Autors macht dieses Buch und seinen Verfasser unglaublich sympathisch und man folgt ihm gern auf seinen kleinen Reisen in seine Vergangenheit. Das Bild des Astronauten wird auch in einer Geschichte real, in der er die von seiner Mutter mitgegebenen 20 Mark, eigentlich gedacht für Schulbücher, in dem Spielzeugladen für einen Astronautenanzug ausgibt. Die erste Mondlandung und die Serie „Bezaubernde Jeannie“ haben in ihm den Wunsch geweckt, einer dieser Helden zu sein. Seine Kindheit ist, trotz der Bekanntheit seiner Familie, eine bescheidene und stille. Er macht sich Gedanken über die Realität. Er hadert mit sich, weil er traurig und wütend ist als sein Hund verstirbt, aber er nicht wirklich um diesen trauert. Auch ist seine Reise in die Kindheit mit einer echten Reise nach Oslo verbunden. Durch diese Schiffsreise wird auch noch eine kleine Stippvisite in Kiel erwähnt.

Matthias Brandt möchte durch seine Berühmtheit keine Sonderbehandlungen und steht ungern im Mittelpunkt. Er trinkt Kakao mit dem ehemaligen Bundespräsidenten und Fußball wird seine große unerwartete Liebe, denn sein Spiel schadet eher seiner Mannschaft. Viele Ausflüge mit der Familie werden inszeniert wie zum Beispiel der Ausflug zum Jahrmarkt, auf den er sich freute, der dann aber doch mehr zu einer Medienshow verkommt. Ihm fehlt der unbeschwerte Spaß. Er wird mitgenommen zu einer Radtour mit einem ungeliebten Kollegen seines Vaters. Damit die Herren sich beim Radeln näher kommen können. Doch wird auch dieser Ausflug eher zu einem Fahrrad-Zirkus.

Der junge Matthias Brandt sucht eine Gemeinschaft durch ein Hobby. Durch den Postboten angeregt, interessiert er sich kurzzeitig fürs Briefmarkensammeln. In der Schule findet er Anerkennung in einem Außenseiter, den er anfänglich zum Selbstschutz mit gequält hatte. Er lernt den Unterschied zwischen erwachsenen und kindlichen Gedanken. Sein Traum, Zauberer zu werden, verdampft im wahrsten Sinne des Wortes. Sein Misslingen war im Nachhinein wichtiger als die eigentliche Absicht. Er sehnt sich nach einer normalen Familie und findet diese bei seinem Freund. Das erste Übernachten bei diesem zeigt eine vom Vater belächelte andere Welt, in der das Abendprogramm von Wim Thoelke gefüllt wird. Nachts hat er Heimweh und dadurch wird ihm bewusst, wo er wirklich sein möchte und sein Alleinsein ist keine Einsamkeit.

Das Buch ist für mich ein Highlight. Es ist das Debut eines Schauspielers, der es versteht mit Sprache umzugehen und mit dieser zu spielen. Seine Geschichten voller Erinnerungen werden zu eigenen und man reist mit dem Autor gerne zurück in eine Fürst-Pückler-Eis-Welt, die mit dem Song „Popcorn“ beschallt wird.

Dieser Leseschatz ist besonders, denn die enthaltenen Geschichten sind auch Teil eines Projektes des Musikers Jens Thomas, dem Bühnenpartner von Matthias Brand. Viele der Erzählungen sind auf der CD „Memory Boy“ vertont. Das Buch und die CD entstanden parallel und in Zusammenarbeit, d.h. im Austausch. Buch und CD sind für mich eine Bereicherung. Durch viele Songs reist man in den Text zurück und durch den gelesenen Text bekommen die Songs eine Tiefe, die man immer wieder gerne hört.

Ein Leseschatz mit eigenem Soundtrack. Ein Buch voller literarischer Erinnerungen. Mit Herzblut, Humor und Ehrlichkeit geschrieben. Danke Major Tom!

Zum Buch & CD / Shop

3 Kommentare

Eingeordnet unter Erlesenes

Melanie Raabe: „Die Wahrheit“

002

„Die Wahrheit“, das neue Werk von Melanie Raabe, ist erneut ein ausgeklügelter Thriller, der mit wenig Blutvergießen auskommt, aber einen enormen Spannungsbogen aufbaut. Nach ihrem Debut „Die Falle“ hat Melanie Raabe ihrem zweiten Werk mehr Raum zur Entfaltung gegönnt. Die Charaktere und die nötige Stimmung für diese haarsträubende Geschichte werden gekonnt aufgebaut und geben dem Buch einen spannungsreichen Sog, der sich bis zum Ende hält.

Wir lernen die alleinerziehende Mutter Sarah Petersen kennen, deren Mann vor sieben Jahren verschwunden ist. Ihr erfolgreicher und vermögender Ehemann, Philipp, ist während einer Südamerikareise verschollen. Ein kurzer Rückblick aus seiner Perspektive am Hamburger Flugplatz lässt Zweifel aufkommen, ob er überhaupt abgereist ist oder wirklich ein Entführungsopfer geworden ist. Irgendetwas Schreckliches muss passiert sein, dass ihre Beziehung zu überschatten drohte. Sarah zieht seit seinem Verschwinden den gemeinsamen Sohn, Leo, alleine groß. Lange hat Sarah die Hoffnung nicht aufgegeben und glaubt, dass ihr Mann noch lebt. Sie verkriecht sich und lebt selbst immer zurückgezogener in ihrer Zweisamkeit. Nach sieben Jahren löst sich Sarah von dieser inneren Isolation und möchte einen Neuanfang wagen. Sie gibt sich ein jüngeres Erscheinungsbild, eine neue Friseur und beginnt wieder, sich mit Freunden zu treffen. Gerade in dieser Phase passiert das Unglaubliche. Sie bekommt einen Anruf vom Auswärtigen Amt und ihr wird mitgeteilt, dass Ihr Mann überlebt hat und gerade zurückgeführt wird.

Eine innere Aufregung und Zerrissenheit ist in Sarah spürbar. Sie fährt zusammen mit Leo zum Flughafen, obwohl ihr Mann sie gebeten hat, ohne Kind zu kommen. Sie hatte seit seinem Wiederauftauchen selbst noch keinen Kontakt zu ihrem Mann. Dies hatte er sich so erbeten. Wie ein Mantra übt und wiederholt sie ständig die Worte ihres Wiedersehens während der Fahrt zum Flughafen. Als die Maschine landet, hält Sarah Ausschau nach Philipp. Die Presse und die Beamten lassen um sie eine fiebrige Stimmung aufkommen. Als der Mann vor ihr steht, ist sie sich sicher, es ist nicht ihr Mann. Doch durch die innere Aufgeregtheit und den äußeren Druck wiederholt sie ihr Mantra, dass sie sich freue, dass er endlich wieder da sei. Dadurch verliert sie im Nachhinein ihre Glaubwürdigkeit, als sie allen mitzuteilen versucht, dass dieser Fremde, nicht ihr Philipp ist.

Der Fremde wird mit ihr Nachhause gebracht. Sarah wehrt sich dagegen, sie will diesen Fremden nicht in ihr Haus lassen. Sollte sie aber die Polizei rufen, droht ihr der Fremde, würde ihr schlimmes wiederfahren und ihr bekanntes Leben würde sich auflösen…

Der Fremde nistet sich bei ihr ein und behauptet allen gegenüber Philipp Petersen zu sein. Er bleibt stets ein berechnender, die Kunst des Krieges beherrschender Mann, der den anderen stets glaubhaft zu beweisen versucht, der Vermisste zu sein. Der Fremde scheint auch alles über sie und Philipp zu wissen. Auch einen Gentest würde er machen lassen. Will er schnell seinen Plan, was immer dieser auch zu beinhalten scheint, durchführen, dass ihn dieser Test nicht abschreckt?

Was will der Fremde und wer ist er? Was ist damals Sarah so schreckliches passiert oder was hat sie oder er gemacht? Ist ihr Herz gleich einer Eisprinzessin eingefroren und hat sie erblinden lassen?

Der Aufbau und die Sprache sind gekonnt eingesetzt. Die Spannung bleibt bis zum überraschenden Ende erhalten. Auch wenn man am Ende über diesen Schluss etwas hadern kann, ist alles auf diesen zugeschrieben. Man ist als Leser der Autorin völlig ausgeliefert und wird zwischen den beim Lesen eigenen erdachten Szenarien hin- und hergeworfen. Gleich ihrem Vorgänger „Die Falle“ geht es der Autorin nicht um typische Thriller-Motive, sondern um eine Innenschau ihrer Protagonisten. In „Die Wahrheit“ hat sie dies ausgedehnt und verfeinern können und  am Ende erfährt man die ganze Wahrheit!

Zum Buch / Shop

3 Kommentare

Eingeordnet unter Erlesenes

Lauren Groff: „Licht und Zorn“

004

Der Titel deutet bereits den Inhalt an, der uns ein Eheleben erlesen lässt. Die Handlung spannt den Bogen und macht den Wechsel von der erleuchtenden Liebe, die im glanzvollen Glück erstrahlt, bis hin zum eingekehrten, inneren Zorn. Der Roman wandelt vom sonnendurchfluteten Strand, an dem das junge Glück die Gezeiten beobachtet und ständig die Nähe sucht, zum dunklen Innenleben. Bereits in der ersten Szene zeigen sich die ersten Schatten. In der letzten Szene des Buches, die drinnen spielt, bricht das Licht nunmehr durch die Fenster.

Im Original heißt der Titel „Fates and Furies“ und zeigt dadurch auch eher den Bezug zu ihrem tollen Roman „Die Monster von Templeton“. Leider ist die Autorin bei uns noch nicht so bekannt, denn mich konnte sie wieder begeistern. Erneut schreibt sie fast schon nüchtern über das Familienleben, d.h. über die Ehe, und zeigt die inneren wahren Monster und Furien, die in uns wüten können. Das Buch ist aber keine Demontage der Ehe. Es sind stets zwei Perspektiven, die eine Beziehung ausmachen. Auch wenn der Wunsch groß ist, alles über den Partner zu wissen, wird es immer Wissenslücken, wenn nicht sogar Schattenseiten geben.

Das Buch war ein großer Erfolg in Amerika und wurde sogar von Barack Obama als sein Lieblingsbuch des Jahres 2015 genannt. Es ist eigentlich eine einfache Geschichte, die dennoch elektrisiert und zu fesseln versteht. Der Titel entspricht der Gliederung des Inhalts. Der Wechsel von Licht zu Zorn wird auch sprachlich vollzogen und macht das Leseerlebnis dadurch noch spannender.

Es ist die Geschichte von Lotto und Mathilde. Der Lichtanteil im Roman stammt von Lotto, der eigentlich Lancelot heißt. Eine Anspielung zum berühmtesten Ritter der Tafelrunde, die ebenfalls im Licht der Legende erstrahlte. Lotto ist ein Strahlemann, dem alles zu gelingen scheint. Er ist als Schüler ein Frauenheld, der die Menschen in seinem Umfeld erobert. Er träumt von einem Leben als Sexpriester und Schauspieler. Nach einer Schulaufführung, in der er den Hamlet mimt, sieht er im applaudierenden Publikum Mathilde. Auf der Collegeparty begegnen und verlieben sie sich. Nach einer Woche des Kennenlernens wird ihr Begehren immer größer und sie geben sich ihrer Liebe und der Leidenschaft völlig hin. Sie heiraten, ziehen nach New York und bleiben trotz aller Zweifler in ihrem Umfeld glücklich verheiratet.

Die Autorin versteht es, wiederholt kleine Schatten in das lichtvolle Glück einzuwerfen, die dadurch einen immer größer werdenden Spannungsbogen aufbauen. Lotto und Mathilde bleiben sich stets treu, bis der Tot sie scheidet. Das Buch wird zunehmend temporeicher und schlägt auch stilistisch mit dem zweiten Teil „Zorn“ um. Jetzt ist es Mathilde, die im Mittelpunkt steht. Die anziehende, kluge, aber stille Frau offenbart, was in ihr brennt. Lottos Licht war ein äußeres, das alles erstrahlte. Mathildes Licht ist eingekehrt und lodert innwendig. Welche Rolle hat sie im Leben ihres Mannes wirklich gespielt? Ihr Mann, der große und erfolgreiche Dramaturg. Wir Leser tauchen ein in die Schichten der Ehe und sehen, jede Geschichte kann auch anders erzählt werden. Ist Aufrichtigkeit in einer Beziehung wichtiger als Stille und Schweigen? Wie gut kennt man eigentlich den anderen Menschen?

Ein faszinierender Roman, der mit glaubhaften Charakteren spielt und durch die Sprache und Bilder eine Sogkraft entwickelt, die beständig zunimmt und besonders im Zorn zu fesseln versteht. Ein kurzweiliger Eheroman, der überrascht und in der Dramatik nicht zu weit überspannt.

Zum Buch / Shop

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Rasha Khayat: „Weil wir längst woanders sind“

004

Wo ist das eigentlich, das Zuhause? Warum wird gerne angenommen, dass stets die eigene Seite die bessere ist?

Die Autorin wurde in Dortmund geboren, wuchs in Jeddah, Saudi-Arabien, auf und lebt jetzt in Hamburg. Vieles in ihrem Debut scheint biographische Anspielungen zu beinhalten. Das Buch ist klischeefrei, spielt aber mit den jeweiligen Vorurteilen und konfrontiert den Leser mit diesen. Die Autorin hat ihre Heimat in Hamburg gefunden, gibt aber durch ihre Arbeit und diesen Roman den Menschen mit bikultureller Identität eine Stimme, die für sich in der anderen Kultur, in der sie gerade leben, etwas vermissen.

Das erste Bild ist das Wunder des ersten Schneefalls für die Kinder, die gerade in Deutschland angekommen sind. Layla und Basil sind aufgewachsen in zwei Kulturen. Der Vater kommt aus Saudi-Arabien und die Mutter ist Deutsche. Die Eltern haben sich kennengelernt als er in Deutschland Medizin studierte und sie als Krankenschwester tätig war. Lange haben sie dann in Jeddah gelebt, wo auch ihre Kinder, Basil und Layla ihre Kindheit verbrachten. Die Familie zieht zurück nach Deutschland, wo der Vater überraschend früh stirbt und die Mutter, Barbara, plötzlich mit ihren Kindern auf sich alleine gestellt ist.

Basil, der Hauptprotagonist, hat studiert und arbeitet zurzeit als Barkeeper in einer Kneipe. Layla, die nie richtig mit Deutschland warm werden konnte, hat eine Entscheidung getroffen, die Basil und Barbara nicht nachvollziehen können. Sie lebt wieder in Jeddah und wird dort einen wohlhabenden Ingenieur heiraten, den sie erst vor kurzem kennengelernt hat. Barbara ist betroffen und versteht nicht, wie ihre Tochter, die ihre Freiheit liebte, jetzt als Frau in das Land zurückkehrt, in dem sie eigentlich nichts darf. Sie weigert sich, der Einladung zu folgen und wird nicht der Hochzeitsfeier beiwohnen. Basil, der seiner Schwester stets sehr nahe stand, macht sich auf die Reise in seine alte Heimat. Er zweifelt aber auch sehr an Laylas Beweggründen.

Layla wohnte mit ihrem Freund und Basil in einer WG in St. Pauli und machte eine Ausbildung zur Buchhändlerin. Eines Tages bricht sie alles ab und möchte die Welt kennenlernen. Ihre Sehnsucht und Neugier auf die Welt endet in Saudi-Arabien. Hier hat sie ihre Antworten gefunden und findet ihr Zuhause. Basil und Layla gehen mit ihrer Vergangenheit, ihren Sehnsüchten und kulturellen Ansprüchen jeder für sich auf ihre passende Weise um. Layla wollte den beziehungsunfähigen Menschen entkommen, die ihr zu wenig Herzlichkeit zeigten. Auch in der Buchhandlung hatte sie anscheinend den Abstand nicht gewahrt. Sie suchte die Nähe und engte damit wohl die Menschen in ihrem Umfeld zu sehr ein.

Der Roman handelt hauptsächlich von Basils Reise nach Jeddah. Seine Ankunft wird sehr herzlich gefeiert, denn alle haben ihn ebenfalls sehr vermisst. Er ist nun hin und hergerissen. Er kann es nicht verstehen, warum seine Schwester hier wieder leben möchte. Ein Land, in dem die politischen, religiösen und kulturellen Gegebenheiten die individuelle Freiheit einschnüren. Aber er findet auch eine Heimat vor, in dem er herzlich und menschlich empfangen und akzeptiert wird, so wie er ist. Es ist eine emotionelle Gratwanderung, die ihn in den kommenden Tagen beschäftigen wird. Neben der Herzlichkeit und Gastfreundlichkeit, erlebt er auch unangenehmes und er entfremdet sich immer mehr. Der Umgang mit der Dienerschaft und die stete Trennung der Geschlechter und Waffenliebe hinterlassen bei ihm ein sehr unangenehmes Gefühl.

Ein Roman, der mit beiden Welten spielt. Beide nicht wertet, d.h. besser oder schlechter aussehen lässt. Es erweitert den Blick auf vieles und regt an, sich seine eigenen Gedanken zu machen ohne das Andere ständig mit sich selbst vergleichen zu wollen.

Ein einnehmendes Buch mit Klugheit, viel Witz und Charme.

Zum Buch / Shop

2 Kommentare

Eingeordnet unter Erlesenes

Elizabeth Strout: „Die Unvollkommenheit der Liebe“

005

Der Verlag hat den Erscheinungstermin vorgezogen und das Buch ist bereits im Buchhandel. Ferner bespricht auch das „Literarische Quartett“ den Roman „Die Unvollkommenheit der Liebe“  in der heutigen Sendung. Daher hat mir der Verlag erlaubt, meinen Leseeindruck ebenfalls heute schon zu veröffentlichen.

Der deutsche Titel des neuen Romans der amerikanischen Autorin Elizabeth Strout „Die Unvollkommenheit der Liebe“ klingt etwas abgedroschen und bedeutungsschwanger. Durch den geringen Umfang des Buches könnte man enttäuscht sein, erwartet man von dieser großen Autorin doch mehr. Doch versteht es Elizabeth Strout innerhalb weniger Seiten die Selbstreflexion der Protagonistin, einer Schriftstellerin, sehr glaubhaft und mit immer weiterführenden Anekdoten anzureichern, die bis zum Ende die ganze Geschichte über ihr Leben, Herkunft, ihre Sorgen und das menschliche Miteinander erzählen. Eine fesselnde Geschichte, die mit wenig auskommt und dennoch großes zu erzählen vermag.

Elizabeth Strouts bekanntestes Buch „Mit Blick aufs Meer“, für das sie auch den Pulitzer-Preis erhielt, wurde sehr genial in einer Mini-Serie unter dem originalen Titel „Olive Kitteridge“ verfilmt. Es sind die leisen, die stillen Töne, die ihr Werk ausmachen. Stets steht das Alltägliche im Vordergrund und durch die menschlichen Handlungen wird ganz nebenbei das ganze Leben erzählt. Die stummen Kleinigkeiten zeigen in ihrer Vielseitigkeit das ganze Ausmaß des zu erzählenden. Mit viel Tiefe und Komik entfaltet sich eine epische Erzählung über das einfache oder gerade dadurch das schwierige Leben.  In „Die Unvollkommenheit der Liebe“ hat Elizabeth Strout noch mehr reduziert und schafft es dennoch in dem Büchlein einen umfangreichen, tiefen Roman zu verfassen, der ihren bekannten Erzählstil übernimmt.

Die Erzählerin, Lucy Barton, ist eine Schriftstellerin, die Jahre nach den Begebenheiten dieser Geschichte, zurückblickend über einen Krankenhausaufenthalt erzählt. Durch eine Infektion nach einem alltäglichen Eingriff war sie gezwungen, länger in der Klinik zu bleiben. Dadurch wurde sie aus ihrem Leben und ihrer Familie herausgehoben und beginnt über sich selbst zu reflektieren. Sie lebte in New York mit ihrem Ehemann und den beiden Kindern. Angeregt wird ihre Reise in die Vergangenheit durch den Besuch ihrer Mutter. Die Mutter kommt mit wenig Schlaf aus und ist somit fast immer anwesend, wenn Lucy aus ihren Träumen oder Gedanken aufwacht. Dieser Besuch ist ungewöhnlich, denn beide haben sich jahrelang nicht mehr gesehen. Erst ist Lucy über den Besuch glücklich, aber langsam nähern sich beide durch Anekdoten aus der Vergangenheit aneinander an und durch die Gespräche werden Erinnerungen an ihre Kindheit wach. Eine Vergangenheit, mit der Lucy abgeschlossen haben wollte. Durch die Krankheit ans Bett gefesselt, lauscht sie den Berichten ihrer Mutter und erst in der Stille, während sie beide schweigend aus dem Fenster auf das Chrysler Building schauen, wird ihre eigene Erinnerung wach. Sie hatte eine arme Kindheit und das eigentliche Familienleben war geprägt von abgestumpfter Brutalität. Das Miteinander war beherrscht von wenig Zuneigung und Liebe. Lucy hat sich aus dem bettelarmen Leben in Illinois befreien können. Sie studierte und kam durch ihre Hochzeit zu Wohlstand.

Jahre nach dem Krankenhausaufenthalt befindet sich Lucy in einem ganz anderen Lebensabschnitt. Sie schildert anekdotenhaft ihre Erlebnisse und Stück für Stück entsteht das Bild ihres Lebens. Durch ein zufälliges Treffen mit der Autorin, Sarah Payne, vertieft sich in ihr der Wunsch zu schreiben. Sie erfährt, wie wichtig das Schreiben für sie ist und lernt durch die Treffen mit der ebenfalls gebeutelten Autorin, dass es stets wichtig ist, nie über die Protagonisten zu urteilen und, dass beim Erschaffen von Kunst das Herz immer offen sein muss. Es scheint, als würden sich hier drei Schriftstellerinnen vereinen: Lucy Barton, Sarah Payne und Elizabeth Strout.

Im Vergleich zu den umfangreichen Werken der Autorin ist dies ein schmales Buch, dies mindert aber nicht die Tiefe und den Anspruch. Das ganze Leben in kurzer, episodenhafter und  knapper Form lädt ein zum Staunen. Gleich dem Empfinden der Protagonisten, die rückblickend über das Erlebte ins Staunen gerät.

Die Sprache und die Stimmung des Romans sind undramatisch und spielen mit dem Nichtgesagten und der Stille.  Ein Roman voller Verständnis für menschliche Schicksale und Schwächen. Als Fazit bleibt die Erkenntnis, dass wir alle nur unvollkommen lieben können…

Zum Buch / Shop

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Han Kang: „Die Vegetarierin“

005

Der Roman „Die Vegetarierin“ von der aus Südkorea stammenden Schriftstellerin Han Kang ist eine feine literarische Entdeckung. Der Text versteht es, uns in seinen Bann zu ziehen, aufzuwühlen und zu beeindrucken. Es ist ein fleischiges Buch voller Hingabe und Verzicht. Es ist der Drang des Individuellen nach dem Recht auf Selbstbestimmung und Eigensinn. Was bleibt, wenn die Menschheit das Natürliche verlernt?  Mephistopheles sagt es bereits im Faust: „Er nennt’s Vernunft und braucht’s allein, Nur tierischer als jedes Tier zu sein.“ Der Mensch, auf den Körper reduziert, verliert, wenn er seine Natürlichkeit und seine Eigenart durch die gesellschaftlichen Zwänge abzulegen gelernt hat, seinen Wunsch nach Selbstentfaltung. Die Protagonistin hatte einen Traum und ihr ist alles Fleischige zuwider. Sie lehnt es fortan ab, Tierisches zu essen oder zu verwenden. Sie lebt Vegan und steigert sich immer weiter in ihre Vorstellung ihrer Naturverbundenheit hinein. Sie fühlt sich in ihrem Körper gefangen und möchte diesem entkommen und empfindet sich immer weniger als Mensch, d.h. Tier und sehnt sich nach Verwandlung. Im Gegensatz zu Kafkas „Verwandlung“ in ein Tier, möchte sie gleich der Flora allein durch Wasser und Photosynthese existieren.

Das Buch ist in drei Akte eingeteilt. Im ersten lesen wir aus der Perspektive des Ehemannes von Yong-Hye. Er sieht in seiner stillen Frau eine unscheinbare Hausfrau, die er lediglich aus Bequemlichkeit geheiratet hat. Er empfindet wenig für Sie und findet sie auch sehr unattraktiv. Er ist von ihr weder abgestoßen, noch fühlt er sich besonders zu ihr hingezogen. Ihre Intelligenz stellt er ebenfalls in Frage und behandelt sie eher schlecht als liebevoll. Yong-Hye entscheidet sich, nach einem Traum sofort vegan zu leben. Dies gilt in Südkorea als zerstörerisch und entspricht nicht der sozialen Ordnung. Da er nun Zuhause ebenfalls von seiner Frau Essen ohne tierische Zutaten vorgesetzt bekommt, will er den Druck auf sie ausweiten, in dem er die ganze Familie miteinbezieht. Yong-Hye leidet darunter und wird selbst immer weniger und nimmt wohl nicht nur wegen der neuen Lebensweise drastisch ab. Bei einem Familienessen wird sie brutal zum Fleischverzehr gezwungen und diese Art der Vergewaltigung löst in ihr den Wunsch der Selbstauflösung aus. Sie versucht sich das Leben zu nehmen.

Im zweiten Akt lesen wir aus der Sicht des Schwagers von Yong-Hye. Er ist ein Foto- und Videokünstler, der sich von ihr sehr angezogen fühlt. Yong-Hye hat den Suizid überlebt und war länger in ärztlicher Behandlung. Sie lebt nun von ihrem Mann getrennt. Durch eine Tanzaufführung, die eine seiner Ideen zu beinhalten scheint, möchte er ebenfalls ein Kunstwerk schaffen. Als Darstellerin möchte er Yong-Hye gewinnen. Sie lebt weiterhin vegan und trägt auf dem Rücken einen Mongolenfleck. Dieses harmlose Überbleibsel der Embryonalentwicklung verschwindet meist nach vier bis acht Jahren oder spätestens bis zur Pubertät. Doch bei ihr ist es geblieben. Ihre Lebensweise und dieser Fleck regen seine Sinne und Fantasie an. Er bemalt sie über und über mit Blumen und sie soll nackt vor der Kamera tanzen. Yong-Hye, die ungern einen BH trägt und sich auch öffentlich entblößte, willigt ein. Ihr erster Tanzfilm ist noch Kunst, doch wächst in ihm immer mehr ein Verlangen nach seiner Schwägerin und er verliert auch seine Scham.

Im dritten Akt spricht die Schwester von Yong-Hye zu uns, die sie im Klinikum besucht. Yong-Hye soll abermals zur Nahrungsaufnahme gezwungen werden.

Das Buch ist voller Kraft, Scham, Begierde und handelt vom Versuch, den Anderen zu verstehen, während man selbst ein Gefangener der Gesellschaft und des eigenen Körpers ist. Das Werk hat einen hypnotischen Sog und wird länger im Leser nachklingen. Die Sprache ist gleich der Geschichte stets schonungslos und sinnlich. Das Buch hat den „Man Booker International Prize 2016“ gewonnen.

Ein intensiver Lesegenuß.

Zum Buch / Shop

10 Kommentare

Eingeordnet unter Erlesenes

Thomas Lang: „Immer nach Hause“   

„Ich wollte ja nichts als das zu leben versuchen, was von selber aus mir heraus wollte. Warum war das so sehr schwer?“ Demian Hermann Hesse

001

Ein Künstlerroman, in dem man als Leser schwankt zwischen der literarischen Figur und dem realen Vorbild Hermann Hesse. Der Autor, Thomas Lang, hat sowohl mit Hesses Herausgeber als auch seinen Nachkommen gesprochen und er hat die Korrespondenzen und das Werk von Hesse gelesen, um Hermann Hesse in diesem literarischen Roman aufleben zu lassen. Gleich Klaus Modick, der in seinem Roman „Konzert ohne Dichter“ Heinrich Vogeler, der Worpsweder Künstlervereinigung und dem jungen Rainer Maria Rilke als literarische Figuren Leben einhaucht, taucht durch Thomas Lang nun Hermann Hesse als Protagonist auf. Es ist ein biografischer Roman, der sich mit dem jungen Autor beschäftigt. Hesse wurde am 2. Juli 1877 in Calw geboren und verstarb am 9. August 1962 in Montagnola.

„Immer nach Hause“ beschreibt die Epoche zwischen 1907 und 1919. „Peter Camenzind“ und „Unterm Rad“ sind gerade erschienen und seine Erzählungen „Diesseits“ sind geschrieben und werden gerade verlegt. Hesse ist verheiratet mit der Fotografin Maria (Mia) Bernoulli und die Ehe, das Kind und das Haus haben ihn in die Bürgerlichkeit gezogen. Er fühlt sich unwohl und er hadert mit sich und seiner Umwelt. Dies schlägt sich auch gesundheitlich nieder bei  ihm und seiner Frau. Beim Besuch in einem Bad wird Hesse Zeuge, wie über sein Werk gesprochen und mit der aktuellen Literatur verglichen wird. Er befürchtet, missverstanden und als Unterhaltungsautor angesehen zu werden. Er findet keinen Trost und wird immer nervöser, umtriebiger und rastloser. Seine Frau, die mit der Situation ebenfalls überfordert ist und kränkelt und von Hexenschüssen gepeinigt wird, treibt den grantigen Hermann aus dem Haus zur Kur. Hesse, der von Selbstzweifeln getrieben wird, verschließt sich der Ehe und bleibt oft nur mit sich beschäftigt. Sein sehnsuchtsvoller Blick ist stets auf das gerichtet, wo er gerade nicht ist. Seine buddhistische Sicht wird Hesse erst viel später bekommen und wohl auch die innere Ruhe, denn in diesem Buch ist Hesse ein von Unruhe getriebener. Er verweilt kurzzeitig im Kurhotel in Locarno, um dann, angelockt durch eine Annonce, die mit vegetarischer Küche, Luft- und Sonnenbädern wirbt, zum legendären Monte Verita oberhalb Asconas zu reisen. Mia ist zwischenzeitlich mit dem Kleinkind und dem Hausbau beschäftigt und Hesse findet immer mehr Gefallen an den Lehren und Weisheiten, die er in den Bergen lernt. Seine Rückreise steht ihm bevor und das Ehepaar entfremdet sich immer mehr. 1909 und 1911 bekommen sie zwei weitere Söhne. Hesse, der stets dem Heim und annehmlichen Haus entflieht, reist immer ausgedehnter, diesmal nach Indien, und Mia erkrankt und gleitet in die Depression. 1918 trennen sie sich.

002Lang hat einen einfühlsamen Roman geschrieben. Es entsteht aber ein Bild in mir, von dem ich nicht weiß, ob ich es haben wollte. Ich liebe die Werke von Hesse und als Teenager war ich besonders von „Demian“ und „Siddhartha“ begeistert. Nun geistert in mir ein Lyriker und Schriftsteller, der suizidgefährdet war sowie Aufenthalte in Heilanstalten hinter sich hatte und mit der Ehe und dem Bürgerlichen haderte. Hesse als Nervenbündel? Wie weit ist die Figur in mir nun eine literarische oder eine reale Person? Das Buch hat mich jedenfalls sehr angeregt und fasziniert, gerade weil es ein Künstlerroman über einen der für mich wichtigsten deutschen Autoren ist. Das Buch spielt wohl bewusst in den Jahren seiner Lebenskrise, denn sein großes Werk wird noch folgen. Sein Werk, in dem er sich einer Selbstanalyse unterzog und die Grenzen der Identität und Spiritualität erforschte. So kann ich den Hesse von Thomas Lang als literarischen und unruhigen Geist neben dem literarisch schaffenden in mir ablegen.

Eine lohnende Reise in die Welt des Hermann Hesse.

Zum Buch / Shop

2 Kommentare

Eingeordnet unter Erlesenes

Ein neugieriges Gemurmel: Buchhändlerstimmen zum Deutschen Buchpreis — Literaturen

Nicht mehr ganz zwei Wochen und die Longlist für den Deutschen Buchpreis 2016 wird bekanntgegeben. Ich habe das zum Anlass genommen, bei Buchhändlern nachzuhaken: wie stehen sie zum Buchpreis? Was assoziieren sie damit? Haben sie Tipps für die Longlist? Das Stimmungsbild ist überwiegend positiv, wenn auch nicht unkritisch. Auch…

Es entsteht ein neugieriges „Gemurmel“ um den Deutschen Buchpreis. Sophie Weigand von u.a. Literaturen hat Buchhändlerstimmen zum Deutschen Buchpreis eingefangen… Ich durfte ebenfalls Rede und Antwort stehen.

Danke Sophie!

über Ein neugieriges Gemurmel: Buchhändlerstimmen zum Deutschen Buchpreis — Literaturen

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes