Stephan Thome: „Pflaumenregen“

Das Lesejahr 2021 war ummantelt von drei Größen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Mirko Bonné, Gert Loschütz und Stephan Thome. Alle drei eint die Liebe zur Sprache, zur Geschichte und zum guten Erzählen. Alle drei Autoren nehmen sich Zeit für ihre Stoffe. Ihre Erzählweise und der Aufbau ihrer Werke sind still, langsam und stets tiefgründig. Ihre aktuellen Romane haben einen historischen Hintergrund, der durch die Geschichte die Gegenwart erklärt. Dies sind Autoren, die es verstehen zu begeistern. Stephan Thome hat erneut einen Blick nach Asien geworfen und erklärt uns durch seine Literatur die schwierige Geschichte seiner Wahlheimat Taiwan. Es ist ein Entwicklungs- und Familienroman und eine abenteuerliche Geschichte, in der auch die Liebe vorkommt. Der Roman versteht es sofort, durch die Sprache, die Charaktere und die Handlung zu fesseln.

In den Jahren 1894/95 führten das chinesische und das japanische Kaiserreich einen Krieg. Das Kräftemessen hält beständig an und greift bis in unsere Gegenwart. Als China verlor, musste es die Provinz Taiwan als Kolonie an den Sieger abgeben. Nach dem Ausbruch des Pazifischen Krieges wurde die Assimilierung von Seiten Japans noch verstärkt. 1945 fiel Taiwan zurück an die chinesischen Nationalisten. Diese reagierten mit Abscheu auf die japanischen Lebensgewohnheiten der Bevölkerung. Bis heute ist Taiwan eine gefährdete Demokratie, denn das Regime in Peking betrachtet die Insel, die nie zur Volksrepublik gehört hat, als Teil seines Staatsgebietes und möchte es, wenn nötig, gewaltsam vereinigen.

Mit den unruhigen Zeiten beginnt der Roman. Taiwan in den 1940er Jahren, am Ende der japanischen Kolonialzeit wächst die achtjährige Umeko in einer Kleinstadt im Norden der Insel auf. Sie lebt behütet in ihrer Familie und ist gut in der Schule. Sie und ihre Freundin erleben einen Alltag, der durch den Unterricht und das Familienleben geprägt ist. Keiji, ihr Bruder, ist der Star des örtlichen Baseballteams und der ganze Stolz von Umeko. Denn durch seine spielerischen Siege erlangt auch sie Ansehen in der Klasse und besonders bei der Lehrerin, Honda. Keiji hat die Möglichkeit, durch sein sportliches Talent auf eine gehobene Schule in die Stadt zu wechseln.

Doch die politischen Umstände verändern alles. Vorerst sind es Kriegsgefangene, die die Wahrnehmung der Bürger verändern. Die Armee errichtet ein Lager für britische Gefangene am Ortsrand. Diese Gefangenen sind nicht die erwarteten Teufel, sondern abgemagerte Schatten, die nun in den Kupferminen arbeiten sollen. Später erlebt die Gemeinschaft die Kapitulation der Taiwaner Kolonialmacht und das japanische Weltbild verändert sich gänzlich. Eine Veränderung, die auf die Sprache, die Lebensgewohnheiten und sogar auf die Namen zugreift. Viele, so auch Umekos Vater, Herr Ri, verliert unter der chinesischen Herrschaft seine Arbeit. Manche werden sogar vertrieben. Diese Umwandlung greift tief in das Leben der Familie von Umeko.

Die andere Zeitebene des Romans erzählt von einem Familientreffen anlässlich von Umekos 80. Geburtstag. Harry, einer ihrer Söhne, lebt in Amerika und möchte nun, da er einen Roman schreiben möchte, die ganze Geschichte seiner Mutter erfahren.

Ein Schmerz und ein Schweigen haben sich um die Familiengeschichte gelegt. Vieles hat die Familie geprägt. Zum Beispiel die Gefangenschaft von Keiji und die Liebe zwischen Umekos Vater und der Lehrerin Honda. Das Zwischenmenschliche und die unmögliche Liebe werden politisch. In der Gegenwart sind die Nachkommen aus der Geschichte Taiwans herausgewachsen und doch durch die Kultur geprägt. Somit stellt sich die Frage nach Heimat und Identität.

Ein großer Roman über eine Region über die wir bisher wenig erlesen konnten. Besonders dieser Roman macht es durch die nahbaren Protagonisten sehr erlebbar und lädt zum Nachsinnen und Nachempfinden ein. Durch das Verzeichnis der Hauptpersonen und das Glossar am Ende des Buches, gelingt ein guter Einstieg, denn man fremdelt anfänglich mit Namen und Bezeichnungen. Doch lohnt es sich, wie immer bei Stephan Thome, diesen Roman zu lesen. Ein wunderbares Werk.

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„Schleswig-Holstein. Literaturland im Norden“

Schleswig-Holstein, das Land zwischen den Meeren, ist eine Sehnsuchtsregion. Hier ist der Himmel weiter und das Meer ist allgegenwärtig. Durch die beiden Meere sind es auch mindestens zwei Horizonte, die uns hier begrenzen. Das Meer ist ruhig, wild und fordernd und auf der westlichen Seite durch das Wattenmeer geprägt. Immer spürbar ist hier der Wind, der gleich dem Meer, aufbrausend oder leicht erscheinen mag. Kein Wunder, wenn diese Region auch literarisch stets neu entdeckt werden möchte. Hier ist nicht nur der Himmel weiter, hier begegnet sich der Mensch in und mit der Natur. Die Verbindung zu Skandinavien, unter anderem mit den Städten Oslo, Göteborg und Kopenhagen ist alltäglich. Das Leben ist hier buntgemischt und durch die besondere Lage immer der ganzen Welt gegenüber offen.

Die Leselandschaft wird von Klaus Groth, Theodor Storm, der Familie Mann, Siegfried Lenz, Günter Grass, Dörte Hansen und vielen anderen geprägt. Den Lesereiz sollte man, wen man an Schleswig-Holstein denkt, also nicht allein den Küstenkrimis überlassen. In der Gegenwart sind Mareike Krügel und ihr Mann Jan Christophersen, Rocko Schamoni, Arne Rautenberg, Björn Högsdal und Feridun Zaimoglu zu nennen. Aber es gibt so viele Autorinnen und Autoren, die es zu entdecken gibt, Schreibende, die hier, in Schleswig-Holstein, ihre Werke verfassen oder diese hier ansiedeln. Besondere und noch leider unbekanntere Autoren, wie Helle Helle oder Tobias Sommer (beide im Leseschatz zu finden) sind zwei solcher Beispiele.

Ein Lesebuch, das Texte vereint, die den Lesenden berühren und die schöne Landschaft, die besondere Natur und die Menschen beschreiben. Egal ob Prosa oder Lyrik. Das Alter der Werke spielte bei der Auswahl auch keine Bedeutung. Die Vielseitigkeit, die diese Literaturlandschaft ausmacht, soll das Buch ausmachen. So wandert man mit den Texten von Achterwehr bis Wrist, von Nord nach Süd und West nach Ost. Die Texte sind geografisch sortiert und einige Autorinnen und Autoren sind dadurch mehrfach vertreten. Herausgegeben wurde das Lesebuch von Martin Lätzel, dem Direktor der Landesbibliothek, und dem Verleger Olaf Irlenkäuser.

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Willie Benzen: „Über Hürden denken“

Willie Benzen wollte sich nicht in seinen Gedanken und seiner Lyrik einengen lassen. Daher ist der Titel, „Über Hürden denken“ ein sehr passender. Das Büchlein ist seine zu Lebzeiten letzte zusammengestellte Aphorismen-Sammlung. Er verstarb am 4. Oktober 2021.

Willie Benzen war ein Buchmensch, ein Leser, Autor und Freund. Daher ist es für mich eine große Ehre, dass ich für das vorliegende Werk, das Vorwort verfassen durfte.

Er suchte die Verbindungen. Stets war er bemüht durch Taten und Worte die Menschen zusammenzubringen. Er war ein Sprachrohr der nordischen und der zeitgenössischen Literatur. In zahlreichen Werken und Anthologien wurde er publiziert. Er war ein Weltmensch und doch weilte sein Augenmerk stets im Norden, in Schleswig-Holstein. Somit war sein Werk hier, unter anderem in Kiel, sehr verwurzelt, aber immer weltoffen.

Ihm waren das Verspielte und das Kritische sehr wichtig. Die Ungerechtigkeit ist ein beständiges Thema seiner Schriften. Aber auch das Schöne, das Einfache und zuweilen das Belanglose. Dies, das irrelevant Wirkende, wurde durch seine Betrachtung im Lesenden zur Kunst. Das war seine Kunst. Seine Zeilen berühren und sind durch die Einfachheit eine Brücke zwischen dem Schöpfer der Zeilen und den Lesenden. Willie Benzen sagte: „Lyrik darf alles“. Somit hat er diese Kunstform für sich oft in seinem Kunstverständnis ausgedehnt.

Sein Tod reißt eine Lücke in sein lyrisches Netzwerk und die aktuelle Literatur. Nun liegt es an uns, ihn durch seine Texte am Leben zu halten und seine Freundschaft niemals zu vergessen.

(Auszüge aus meinem Vorwort – Danke an den Gill Verlag)

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Willi Achten: „Rückkehr“

Willi Achten hat ein sehr feines Gespür für seine Figuren und die menschliche Psyche. Nach „Die wir liebten“ und „Nichts bleibt“ erzählt der neue Roman von einer sensiblen Entwicklung. Eine Entwicklung, die die wichtigsten Konstanten im Leben ausloten möchte. Im Mittelpunkt steht das Einwirken des Menschen auf sein Umfeld und die Natur. In „Die wir liebten“ zeigte Willi Achten die menschlichen Abgründe im Hinblick auf die Geschichte. Mit „Nichts bleibt“ gerät ein Racheakt in den Fokus und das menschliche Einwirken auf die Natur ist der rote Faden. Diesen nimmt Willi Achten wieder auf und versteckt erneut das Drama in einer Idylle.

Neben den agierenden Figuren sind die Naturbeschreibungen raumeinnehmend und ergänzen die wunderbar angelegte Stimmung, die sich in einen enormen Spannungsbogen innerhalb der Handlung ausgießt. Der Klang der Natur wird fast schon musikalisch beschrieben. Der Gesang der Vögel wird dann aber abgelöst durch menschliches Singen und endet letztendlich wieder im Rauschen der Wälder. Aber gleich am Anfang erahnt man ein Drama, das sich in der Vergangenheit zugetragen haben muss und die Auswirkungen schwingen zwanzig Jahre später weiterhin in den Handlungsverläufen nach.

Jakob Kilv kehrt heim. Nach zwanzig Jahren kommt er zurück in das Dorf seiner Kindheit und Jugend. Ein Bergdorf, das in der Natur der umliegenden Alpen und Wälder eingebettet liegt und somit von der Landschaft geprägt und beeinflusst ist. Fast alle damaligen Bekannten und Freunde sind noch da. Auch seine frühere große Liebe, Liv, ist geblieben. Mit der Rückkehr hat er auch seine Erinnerungen mitgebracht. Erinnerungen an jenen letzten Sommer, den er dort verlebt hatte. Unter seiner Kleidung versteckt er seine Verbrennungsnarben.

Die Freunde, auch sein Vater, lebten mit und von der Natur. Der Vater hatte als Ornithologe die Aufgabe, die Flugbahnen der Vögel um die Flugplätze zu beobachten und umzulenken. In der Gemeinschaft lebt Herr Bolltner, der Gastgewerbe und Skilifte betreibt. Er ist auch noch im Dorf ansässig und der Touristenmogul der Gegend. Damals war er das Feindbild der Clique um Jakob. Bolltner wollte ein großes Projekt für den Skitourismus umsetzen, das aber der Natur enormen Schaden zufügen würde. Jakob und sein Freund Bruno planten und führten Proteste durch. Die Jungs blieben erfolglos und ein neuer Plan reifte. Doch lief damals alles aus dem Ruder und Jakob stellt sich nun die Frage bei seiner Rückkehr, was damals wirklich passiert war. Er sucht wieder die Nähe zu Liv und stellt sich der Begegnung mit Bruno, der eventuell auch für das Verschwinden von Jakobs Mutter verantwortlich ist. Was spielte sich zwischen seiner Mutter und Bruno damals ab und was wusste sein Vater?

Erneut begeistert Willi Achten durch seine klangvolle und schöne Sprache. Er haucht den Charakteren sehr viel Leben ein, so dass man deren Geschichten gebannt folgt. Die Coming-of-Age-Handlung ist glaubhaft und enorm dicht beschrieben. Die Welt der Erwachsenen, die sich in die Vergangenheit einwebt, schafft eine Distanz zum Werdegang des damaligen Dramas und nimmt die Handlungsstränge gekonnt wieder auf. Der ganze Text hat eine lyrische Note, die dennoch eine Leichtigkeit hat und viel Tiefe zulässt.

Ein großartiger Roman von Willi Achten, der eine Stimmung aufbaut, die einen in das Leben des Protagonisten hineinzieht. Die Spannung, die bis zum Ende aufrechterhalten bleibt, lässt einen die eigene Umgebung vergessen und man taucht ein in das geschilderte Leben im Tal mit wunderschönem Alpenpanorama.

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Martin Spieß: „Weit weg von Zuhause“

Ein Roman über Vergebung, die erst durch Distanz den wahren Schmerz erkennen lässt. Der Text beschäftigt sich ferner mit Rache und Liebe. Rachegedanken können nur bedingt eine heilende Wirkung erzeugen und in die Tat umgesetzt kann Vergeltung nicht mehr rückgängig gemacht werden. Leben schenken ist somit gleich unveränderbar wie Leben nehmen. „Weit weg von Zuhause“ handelt von der Ich-Erzählerin Judith die in einer Kanzlei als Anwältin tätig ist. Sie bekommt unerwartet Besuch von einem Freund, Justus, den sie lange nicht gesehen hatte. Die Zwillingsschwester von Justus, Emma, ist tot und Judith und er stellen sich auf der Fahrt zum Klinikum und Krematorium ihrer gemeinsamen Vergangenheit, dem Trauma und ihrer damaligen Liebe.

Mit vierzehn Jahren, während der Schulzeit, sind die drei, Judith, Justus und Emma eine eingeschworene Clique. Sie verbringen viel Zeit miteinander. Sie lieben es, Filme zu sehen und in einer Bushaltestelle abzuhängen. Die Bushaltestelle, ein Ort, der einen eigentlich ankommen oder abfahren lässt, ist eine Zuflucht für Justus und Emma. Judith erkennt nicht, dass Justus und Emma sich nicht trauen nachhause zu gehen und deshalb im Wartehäuschen mit ihr verweilen. Judith und Justus verlieben sich ineinander. Für Judith bricht eine wunderschöne Zeit an und die Welt liegt ihr zu Füssen. Doch die Welt zerbricht. Eines Tages sind Justus und Emma einfach weg. Ohne etwas zu sagen, sind sie gegangen. Judith erhält keine Erklärung, die Trost spenden würde. Daher will auch sie später weit weg von zuhause sein. Sie studiert und wird Juristin in einer Stadt.

Zwanzig Jahre später taucht Justus plötzlich auf. Judith sucht stets einen Therapeuten auf, weil sie eine innere Leere empfindet und depressiv ist. Sie entscheidet Privates oft lediglich per Münzwurf und ließ einen Therapeuten in der Vergangenheit näher an sich heran. Doch war es niemals die große Liebe, die sie einst mit Justus erlebte, der nun wieder aufgetaucht ist. Emma hat sich das Leben genommen, ausgerechnet auf einer Bank vor einem Klinikum in ihrer aller Provinzheimat. Justus soll den Leichnam identifizieren und die Abholung organisieren. Er bittet Judith mitzukommen.

Was hat Emma in den Tod getrieben und warum sind sie und Justus damals klangheimlich verschwunden? Judith und Justus müssen sich wieder annähern und durch ihre gemeinsame Geschichte, die sich nun durch Erinnerungen und Erzählungen langsam aufbaut, werden der Schmerz, die Trauer und die Wut immer deutlicher. Eine Wut, die sich gänzlich zeigt, als der Stiefvater von Justus und Emma beim Klinikum auftaucht und Justus Mordgedanken hegt.

Judith erkennt stückweise immer mehr das ganze Drama und erinnert sich an früher, wo sie viele Misshandlungen übersehen hatte und missverstehen wollte. Im Mittelpunkt steht ein Schmerz, der größer ist als die Liebe. Denn Justus wollte, trotz der Liebe, weit weg von zuhause sein. Ein Schmerz, der einen unbehandelt zum Mord treiben kann.

Martin Spieß schreibt einfühlsam und dennoch mit einer Leichtigkeit, die einem oft auch ein Schmunzeln ins Gesicht zaubert. Wie bei „Und bis es so weit ist, gibt es Eiscreme“ (Siehe auch hier im Leseschatz) zitiert Martin Spieß vieles aus Filmen und Serien. Auch Musik- und Hörspielanspielungen werden passend mit eingestreut und zeigen das weitgestreute Interesse des Autors, der auch als Comedian und Musiker (Vorband) tätig ist. Es sind Sätze, die zuweilen Tiefes mit einer Einfachheit kaschieren. Die Figurenzeichnungen sind glaubhaft gelungen und die Dialoge sind authentisch.

Ich möchte mich für die Danksagung im Buch bedanken und es war mir eine Freude, Martin Spieß bei der Verwirklichung dieses Buches begleiten zu dürfen.

Siehe auch Martin Spieß zu Gast auf Leseschatz-TV

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James Sallis: „Sarah Jane“

Dieser spannende Text ragt über einen typischen Kriminalroman hinaus und ist ein dunkles, philosophisches und psychologisches Werk über eine Frau, die sich im Leben nicht finden kann. Die Protagonistin reibt sich am Rande der Gesellschaft auf, um später in der Mitte des Landes, in einer Kleinstadt, sich selbst und den eigenen Dämonen gegenüberzutreten.

Sarah Jane schreibt als Kind Tagebuch. Sie fixiert ihre Gedanken in Collegeblöcken. Später greift sie das Texten wieder auf, um die Beschreibung ihres Lebens auszuloten. Sie ist als Jugendliche von der Hühnerfarm der Eltern abgehauen. Das Elternhaus war kein behüteter und schöner Ort. Sie gerät in kriminelle Machenschaften und kann nur durch den Militärdienst einer Haftstrafe entkommen. Nach dem Einsatz ist sie verwundet und traumatisiert und versucht als Köchin Fuß zu fassen. Als sie sich als Polizistin bewirbt, wird sie durch ihre authentische Art sofort eingestellt. Später findet sie sich sogar in der Position als diensthabender Sheriff wieder, da der vorherige verschwunden ist.  Auf der Suche nach ihm wird auch deutlich, dass dieser viele Geschichten und Geheimnisse verborgen hielt.

Die Polizeiarbeit steht Sarah Jane gut. Sie erkennt schnell die einfachen und umfangreichen Zusammenhänge und ist für die Gemeinschaft eine Stütze. Sie, die auch oft an die falschen Männer gerät, ist handgreiflich geworden. Ihre Tat und die vorherigen Geschichten ziehen immer engere Kreise um ihr jetziges Leben und Kollegen und das FBI werden hellhörig.

Sprunghaft und nicht immer zu Ende erzählt werden die Szenen zusammengesetzt. Wie steht sie in Verbindung zu dem alten Mord, was wusste der tote Pryor Mills und in welchem Zusammenhang steht dabei das Verschwinden des vorherigen Sheriffs?

Kann ein Neuanfang gelingen? Der Roman, der mehr erzählt als ein Spannungsroman, stellt die Fragen nach Schuld und Sühne. In der Tradition der großen amerikanischen Erzähler wird innerhalb dieses kleinen Werkes ein großes Potpourri an gesellschaftlichen Themen behandelt. Gleich der Hauptfigur ist der Text rastlos, ergreifend und begeistert durch seinen besonderen Sound. Aus dem Englischen übersetzt von Kathrin Bielfeldt und Jürgen Bürger.

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Siehe auch meine Besprechung auf Leseschatz-TV

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Gérard Scappini: „Ankunft in der Fremde“

Scappini kommt im dritten Band an. Aus der Fremde wird Heimat und er ahnt am Ende seinen kommenden Weg. „Ankunft in der Fremde“ ist sein dritter Lyrik-Roman in dem sein Alter Ego, Pascal, seine persönlichen Erinnerungen festhält. Es ist der Werdegang eines jungen Franzosen in Deutschland. Pascal ist Scappini, doch durch die Kunstfigur, gleich Martin Schlosser als Gerhard Henschels Alter-Ego-Figur, kann sich der Autor etwas von dem eigenen Charakter distanzieren und sich mehr Freiheiten erlauben. 

Gérard Scappini wurde 1947 in Toulon geboren. 1966 kam er nach Deutschland, um seinen Militärdienst zu absolvieren und blieb danach in Freiburg. Er studierte Ethnologie, gründete eine Buchhandlung und reiste viele Jahre als Verlagsvertreter.

In „Ankunft in der Fremde“, mit dem Untertitel „Von Toulon nach Freiburg“, werden die Jahre 1966 bis 1967 betrachtet. Im Mittelpunkt steht Pascals Militärdienst im Französischen Heer in Freiburg. Somit ist es ein Zeitzeugnis mit einem ungewöhnlichen Blickwinkel auf die Deutsche Geschichte. Auch ist es ungewöhnlich, weil es erneut lyrische Prosa ist. Die Gedichte, es sind wie in den zwei vorherigen Werken genau 57, sind bodenständig und geben lediglich einen Rhythmus vor. Beim Lesen verliert sich immer mehr der Blickwinkel auf die Lyrik und der Inhalt erschließt sich romanhaft. Durch das Sprachbild und den eigenen Klang macht der Text etwas mit dem Lesenden und es wird etwas ganz Eigenartiges und Besonderes daraus.

Pascal weiß nicht, was er vom Leben erwartet. Auch möchte er nicht wissen, was das Leben von ihm zu erwarten hat. Er ist noch zu jung, um sich selbst zu erfassen. Er verlässt seine Heimat in Südfrankreich und tritt seinen Militärdienst in Freiburg an. Mit Deutschland verbindet er vorerst nur drei Namen: Goethe, Hitler und Beckenbauer. Während der Grundausbildung findet er Freunde, doch sein tatsächliches Umfeld kann er anfänglich nur durch die Kaserne erahnen. Seine Leidenschaft, des Rugbyspiel, behält er bei und organisiert Spiele in der wenigen Freizeit. Die große Freiheit erlebt er nach der Grundausbildung, als er als Chauffeur eingesetzt wird. Er erlernt mit einem Liliput-Wörterbuch langsam die Deutsche Sprache und knüpft zaghaft Kontakte und verliebt sich. Sein Blickwinkel fällt dabei auf das damalige junge Leben in Wohngemeinschaften, den Beatclubs und der unbändigen Sehnsucht nach Freiheit und Abenteuer. Sein Heimaturlaub ist etwas holprig und geschmückt mit unverständlichen Lügengeschichten und in ihm keimt die Ahnung, dass er seine Zukunft in Freiburg suchen wird. Er weiß zwar noch nicht, was er mit sich nach dem Militärdienst anfangen soll, bekommt aber unerwartete Entscheidungshilfe, zumindest was seine Heimatwahl betrifft.

Mit seinen 57 Gedichten schlägt Scappini Bögen um seine persönlichen Erinnerungen. In „Ankunft in der Fremde“ ist es das geringste Zeitfenster, aber mit der größten Entwicklung des Hauptcharakters. Es ist ein interkultureller und poetischer Text. Eine persönliche Lyrik, die sich dem Leser nicht verschließt und mit keinerlei Metaphorik und Sinnbildern den Inhalt verschleiert.

Durch die verknappte, aber schöne und rhythmische Sprache sind die Werke von Scappini eine kurzweilige, aber lohnenswerte Reise in die Lyrik. Ein ganz besonderer Entwicklungsroman vor historischer Kulisse.

Siehe auch:

  • Gérard Scappini: „Ungeteerte Straßen. Eine Kindheit in Frankreich“ –  Leseschatz-Beitrag
  • Gérard Scappini: „Am anderen Ende der Stadt. Eine Jugend in Frankreich“- Leseschatz-TV-Beitrag

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Nina Bouraoui: „Geiseln“

Der Begriff Geisel als Anspielung auf den Handlungsverlauf, aber auch als Bild des Kontrollverlustes, der Machtverhältnisse und des Missbrauchs. Der kurze, aber unglaublich intensive Roman war ursprünglich als Theaterstück geschrieben worden und 2015 uraufgeführt. Das Schicksal der Heldin verbindet sich seitdem beständig mit unserer chaotischen Welt und somit war es der Wunsch der Autorin, diese Geschichte in einer Romanversion zu veröffentlichen. Aus dem Französischen von Nathalie Rouanet.

Das schmale Buch beinhaltet viel Emotion, die erst gezügelt, dann explosionsartig aus den Zeilen herausplatzt. Die Erzählweise erinnert an die Werke von Deborah Levy, Annie Ernaux und Delphine de Vigan.

Es beginnt während eines Verhörs. Eine Frau, die Heldin, Sylvie Meyer, berichtet sachlich, wer sie ist und wie es zu jenem Gewaltausbruch kam, der sie sich nun rechtfertigen lässt. Sie ist dreiundfünfzig Jahre alt, ist Mutter zweier Kinder und lebt seit einem Jahr getrennt von ihrem Mann. Sie arbeitet in der Produktionskontrolle bei Cagex, einem Gummiunternehmen. Bisher war ihr Leben ein unauffälliges, fast schon ein stilles und fleißiges. Sie nimmt alles meist mit einer resignierten Hingabe auf. Sie schweigt größtenteils und schluckt den Schmerz, der ihr zugefügt wird. Ein Schmerz, der sich langsam in ihr losbricht. Es beginnt mit dem Auszug ihres Mannes. Nach vielen Jahren Ehe geht er einfach und lässt Sylvie mit den Kindern allein. Sie nimmt es schweigend hin, klagt und kämpft nicht um ihre Liebe und ihr bisheriges Leben. Diese innere Leere füllt sie nun mit ihren Erinnerungen und der Arbeit. Sie mäandert während ihres Berichtes durch ihre Vergangenheit und die Gegenwart im privaten sowie im beruflichen Umfeld.

Der Chef des Unternehmens sieht in Sylvie eine Vertraute. Sie ist eine der Vorarbeiterinnen, die die untergestellten „Bienen“ beobachten, denunzieren und entlassen soll. Der Firma geht es durch die Finanzkrise nicht wirklich schlecht, aber die eigenen Interessen des Vorgesetzten haben die Kapitalkraft des Unternehmens in Schräglage gebracht. In Sylvies Erinnerung ist es ein roter Punkt, ein Kirschfleck auf ihrer Kleidung, der ihre Gefühlswelt in Aufruhr bringt. Sie droht an ihren bisher geschluckten Emotionen zu ersticken und es kommt zu einer Eskalation. Das Kaleidoskop der Innenschau von Sylvie geht noch tiefer in ihre Vergangenheit und weitere Gewalt, die ihr angetan wurde, wird sichtbar.

Das Buch wurde mit dem Prix Anaïs Nin ausgezeichnet und ist ein großartiges und beunruhigendes Portrait einer Frau, die den feministischen Aufstand verkörpert. Es ist der Bericht einer Befreiung der inneren und äußeren Geiseln.

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Alain Damasio: „Die Flüchtigen“

Dieser Roman fordert den Leser im positiven Sinne heraus. Der Umfang minimiert sich in der Wahrnehmung zügig, denn die Visionen und Handlungen verstehen zu fesseln. Ein kritischer und märchenhafter Blick auf unsere Gesellschaft. Dieser phantastische Realismus spielt in einem nahen zukünftigen Frankreich. Die Technologien beherrschen den Alltag. Doch gibt es auch eine Lücke, etwas ist aus dieser digitalen Überwachung entschlüpft. Neben der visuell geprägten Welt gibt es Leben, das sich wie etwas Flüchtiges im versteckten Klangraum aufhält.

Das Setting erinnert an Klings Zukunftsvision aus „QualityLand“ oder „The Circle“ von Eggers. Die Menschen werden stets kontrolliert und überwacht. Fast jeder trägt einen Ring, der die Funktion des heutigen smarten Apparats ablöst, der einst lediglich zum Telefonieren gedacht war. Nicht der Kunde bewertet hier zum Beispiel eine Lokalität, sondern der Gast wird vom Personal mit Punkten versehen. In einem Café sitzt der Mensch allein vor seiner digitalen, meist visuellen Arbeit. Miteinander sprechende Gäste werden gleich heutigen Rauchern abgesondert. Dies nur als ein kleines Beispiel der zuweilen auch humorvoll durchdachten Dystopie.   

Die Handlung beginnt wie ein Familiendrama. Eines Morgens finden Sahar und Lorca das Bett ihrer Tochter Tishka leer vor. Fenster und Türen waren verschlossen. Das kleine Mädchen hat vorher mit ihrem Vater über die sogenannten „Flüchtigen“ gesprochen. Haben diese Wesen das Kind entführt? Gibt es diese Wesen überhaupt? Sahar ist skeptisch und wimmelt diese Theorie als esoterischen Mythos ab. Lorca glaubt daran. Ihm ist auch jedes Mittel recht, um seine Tochter zu finden.

Lorca ist dem System gegenüber sehr kritisch eingestellt. Die Wirtschaft bestimmt und durchdringt alles. Die Städte sind von gigantischen Konzernen aufgekauft und nach dem jeweiligen Sponsor umbenannt worden. Die Bewohner leben in Bezirken und Bereichen entsprechend ihres finanziellen und gesellschaftlichen Standes. Lorca will sich dem entziehen und trägt auch selten den Überwachungsring. Er schließt sich einer Einheit an, die jene „Flüchtigen“ jagen. Das Unverständliche und Lebendige wird mal wieder gejagt und getötet. Was sind die Flüchtigen? Da keiner sie bisher gesehen hat, denn die Wesen versteinern, wenn sie in den menschlichen Blick geraten, bleibt ihre wahre Gestalt ein Mythos. Sollten diese Lebensformen merken, dass sie in den Blickfang geraten, werfen sie Körperteile ab, um zu entkommen. Je mehr Lorca über diese Wesen erfährt, umso stärker wird sein Glaube. Er ist sich sicher, seine Tochter ist bei den Flüchtigen. Je weiter er kommt, desto fragwürdiger wird sein Handeln. Sind die Flüchtigen ein logischer und konsequenter Schritt, um aus dem Überwachungs-Kapitalismus zu entkommen?

Der ganze Roman entfaltet sich aus verschiedenen Perspektiven. Gleich am Anfang wird die Besonderheit der Sprache deutlich. Jeder Charakter hat seine eigenen Satz- und Sonderzeichen (oder auch fehlende Zeichen). Somit wird erst durch diese Besonderheit meist deutlich, wer gerade erzählt. Auch verändert sich stets das Klangbild in Bezug auf die Flüchtigen. Der Text begeistert und man gerät in einen Leserausch, der bis zum Ende anhält. Wenn man sich auf das Buch einlässt, wird man sehr belohnt. Handlung und Sprache hinterlassen Gedankenbilder. Erneut ist hier die tolle Übersetzungsarbeit von Milena Adam zu nennen. Um es kurz zu machen, dieser Roman ist phantastisch gut.

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Eduardo Lago: „Brooklyn soll mein Name sein“

Ein wunderbarer Roman, der anfänglich wirkt, als würde man durch schöne Gassen, verwinkelte Straßenzüge und diverse Seitenwege durch ein städtisches Labyrinth wandeln. Diesen Irrgarten betritt man sofort gerne und schaut erstaunt in jedes neue Bild, das sich einem offenbart. Je tiefer man hineingewandert ist, wird deutlich, dass es der Weg ist, der hier von Bedeutung ist. Das Labyrinth ist keines, denn alles mündet kunstvoll ineinander und die Wege haben dieselben Ziele oder Quellen.

Der Roman ist wunderbar geschrieben, voller lebendiger Charaktere und einer Handlung, die einen nicht so schnell wieder loszulassen vermag. Der sehr talentierte Autor hat sich wohl dezent selbst in der vorliegenden Geschichte verewigt. Denn er und die Hauptfigur haben einiges gemeinsam. Eduardo Lago wurde in Madrid geboren und arbeitet als Professor für Literatur an einem College nahe Manhattan. Das vorliegende Werk wurde aus dem Spanischen von Guillermo Aparicio und Carlos Singer übersetzt.

Es sind vorrangig Lebensbilder, die sich zu einem Ganzen vereinen. Eine fiktive Kneipe in Brooklyn ist ein zentrales Bild. Das Oakland ist Treffpunkt der Gesellschaft. Boxer treffen auf Seeleute oder gescheiterte Existenzen trinken mit Literaten. Die Kneipe als Bild und Ort der Heimatsuche. Der Autor, Lago, verweilte selbst gerne in einer solchen Bar und schrieb unzählige Hefte voll mit Szenen, Ideen und Geschichten. Einige davon finden ein Heim in „Brooklyn soll mein Name sein“. Gal Ackermann, die Hauptfigur im Roman, schreibt ebenfalls wie besessen. Er füllt hunderte Notizhefte an seinem Stammplatz am Kapitänstisch im Oakland. Diese Tagebucheinträge und Geschichten sind ergänzende und großartige Fragmente des Handlungsverlaufs. 

Gal Ackerman ist tot und wird auf Wunsch auf einem dänischen Friedhof am Meer beigesetzt. Kurz vor seinem Tod hat er mit einem Freund einen Pakt geschlossen. Gal hat den Roman seines Lebens in seine Hefte geschrieben. Néstor Oliver Chapman, kurz Ness genannt, ist Journalist und wird nun zum Testamentsvollstrecker von Gal Ackerman. Ness soll die Notizen ordnen, vereinen und sogar beenden. Es ist ein bunter, vielschichtiger Roman. Ein Brooklyn-Roman, der in Wahrheit nur ein Ziel hat, Gals große Liebe, Nadja Orlov, zu erreichen, die vor Jahren verschollen ist. Somit beginnt die Reise durch Welten und Zeiten und Ness sichtet und liest Gals Literatur, entfächert Gals Existenz, trifft dabei auf Weggefährten und entschlüsselt Gals Geheimnis.

Ein Roman über einen Roman, der faszinierende Lebensbilder in den Mittelpunkt stellt und eine Liebeserklärung ist an das Leben und die Literatur. Brooklyn erwacht ebenfalls zum Leben und mit dem Ort ein Reigen an Figuren, die fiktiv sind, aber auch wahre Bezüge haben.

Ein Text, der tief schaut und dabei niemals überfüllt ist. Feinfühlig und mit viel erzählerischem Können wurde das Werk verfasst. Alle Lebensthemen sind hier vereint: Liebe, Freundschaft und Einsamkeit. Ein großer spanisch-amerikanischer Roman. Es ist ein Fest, diesen Roman zu lesen.

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