Mareike Fallwickl: „Die Wut, die bleibt“

Erneut schafft es Mareike Fallwickl mit ihrem Buch zu fesseln. Es fällt erneut schwer, sich der Geschichte und ihren Figuren zu entziehen. Doch dieses Mal platzt die ganze Wut aus den Zeilen. Schon immer hat die Autorin keine Wohlfühlbücher geschrieben. Ihre Bücher „Dunkelgrün fast schwarz“, „Das Licht ist hier viel heller“ und das neue Werk greifen aktuelle Themen auf, die emotional aufwühlen und genügend Gesprächsstoff verbreiten. Das Dunkle in dieser Literatur und die verstörende Wahrheit, die geschildert wird, bekommen aber stets etwas Erhellendes und es schwingt die Hoffnung mit.

Das Buch ist durch die Wahrnehmung der gesellschaftlichen Dynamik besonders während der Pandemie und den Shut-, d.h. Lockdowns entstanden. Die Bürde der Frauen, auf denen die Hauptlast liegt, wird hier dargestellt. Auch wenn im Roman manches überspitzt dargestellt wird, ist doch alles immer noch wahr und es bleibt wohl die Wut. Doch die eigentlich negative Energie kann in Positives, zum Beispiel Kreativität, umgewandelt werden. Dies hat Mareike Fallwickl erneut in ihrer  unwirschen, aber liebenswürdigen Weise gemacht.

Der letzte Satz der verschwundenen Mutter ist „Die Kartoffeln sind durch“. Dies erinnert  an den Aufsehen erregenden Roman „Ich glaube, ich fahre in die Highlands“ von Margaret Forster. Dort wurden innerhalb eines Satzes die gesellschaftlichen Rollenbilder dargestellt: „Haben die Männer genug Kartoffeln?“. In „Die Wut, die bleibt“ ist es Helene, die den Anstoß gibt. Denn am familiären Esstisch zerbricht sie innerlich an ihrer Rolle. Genau in der geschilderten Situation ist es etwas Kleines, das Helene resignieren, kaputtgehen lässt. Sie steht auf, geht zum Balkon und stürzt sich in den Freitod. Die Familie, Johannes, ihr Mann, und die Kinder Maxi, Lucius und die älteste Tochter Lola sind in einem Schockzustand. Durch den Verlust wird ihnen bewusst, was sie hatten.

Lola ist eine Teenagerin und empfindet anfänglich in sich eine kleine Wut. Ein kleiner Fleck, der sich im Laufe der Geschichte ausdehnt. Sie und Helenes beste Freundin, Sarah, sind die Hauptcharaktere im Roman. Sarah ist eine erfolgreiche Krimi-Autorin. Während des Lockdowns ist sie mit einem Mann zusammengezogen, um nicht allein zu sein. Aus der anfänglichen Lust wird mehr oder weniger Gewöhnlichkeit, zumindest aber bleiben die beiden zusammen. Sarah lebt in typischen Rollenbildern. Sie vermisst ihre Freundin, die sie weiterhin fast täglich anrufen möchte und besucht Johannes und die Kinder. Dabei zeigt sich das gesellschaftliche Bild vom Fehlen der „Hausfrau“ im Alltäglichen. Der Spagat, den Frauen zwischen Arbeit und Familie tagtäglich meistern sollen, überfordert die meiste männliche Welt. Lola macht Veränderungen durch und ihre Wut lebt sie aus.

Die differenzierten Frauencharaktere und die auftretenden Nebenfiguren schaffen Raum für den Fallwickl-Stoff. Die Pandemie wird genannt, aber diese ist nur ein inhaltlicher Handgriff zu einer Episode, die die Wahrnehmung der Rollenbilder verstärkte. Das Private und der familiäre Alltag sind der Ausgangspunkt der Wut, die sich im Roman verselbständigt und sogar radikalisiert. Neben der Wut glänzt hier und dort Mareike Fallwickl auch mit Humor. Ein kraftvolles Werk, über das in der Buchwelt bereits viel gesprochen wird.

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Selene Mariani: „Ellis“

Ellis, die Protagonistin, ist als Kind mit ihrer Mutter aus Italien nach Deutschland gekommen. Seitdem schwebt sie zwischen Nähe und Distanz zu ihren Mitmenschen und stellt ihre Zugehörigkeit in Frage.

Ein intensiver, schöner und tiefgründiger Roman über Freundschaft, Liebe und die Verwurzelung. Dabei kommt es auch vor, wie in der Botanik, das sich Luftwurzeln bilden können, die keine feste Erdverbindung benötigen, um das Lebensglück zu finden.

Ellis steht stets dazwischen. Letztendlich steht sie sich aber selbst im Weg, doch dies zu erkennen bedarf einer kleinen Reise. Sie empfindet sich als zwischen zwei Ländern stehend. In keinem der beiden kann sie sich wirklich zuhause fühlen. Was ist es, das ihre innige Freundschaft zu Grace zusammenhält?

Grace lernt sie als Schülerin kennen. Sie ist gerade mit ihrer Mutter nach Deutschland gezogen. Die Ehe ihrer Eltern ist zerbrochen und ihre deutsche Mutter zieht von Italien zurück in ihre Heimat. Für Ellis ist das neue Leben ungewohnt. Besonders die Schule und ihre Mitschüler machen ihr das Leben schwer. Dann kommt Grace in ihre Klasse und es entwickelt sich eine Freundschaft. Doch die Freundschaft leidet, als Grace sich mit den anderen, die Ellis stets ärgern, anfreundet. Wieder verliert Ellis das Gefühl der Zugehörigkeit.

Jahre später, als Ellis an einem Umweltstand aktiv Unterschriften sammelt, taucht Grace wieder auf. Beide kommen sich erneut näher und die Idee wächst, das Grace Ellis auf ihrer Reise nach Italien begleiten soll. Regelmäßig besucht sie ihre italienischen Großeltern. Grace fährt mit und erneut wird der Kern ihrer Freundschaft auf die Probe gestellt. Wieder empfindet sich Ellis als zwischen etwas gestellt. Auch in ihrer Gefühlswelt wandert sie zwischen Hoffnung, Wut, Trauer und Glück.

Was hält letztendlich die Freundschaft zusammen und wieso können sie sich nicht voneinander lösen? Kann eine kulturelle Identität Antworten geben? Episodenhaft und mit Zeitsprüngen wird die bewegende Geschichte erzählt. Dies ist das Romandebüt der Autorin. Selene Mariani wuchs in Verona und Dresden auf und lebt in Hannover.

Der Roman entfaltet sich im Verlauf immer mehr. Durch die kurzen Kapitel und Szenen wirkt es wie ein Blinzeln und mit jedem neuen Augenaufschlag wird ein neues Bild sichtbar. Ein Werk, das mit einer zarten Sprache große Themen anspricht und sehr bildreich immer neue Facetten entstehen lässt. 

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Kathrin Niemela: „wenn ich asche bin, lerne ich kanji“ Gedichte

Kanji sind japanische Schriftzeichen mit chinesischem Ursprung. Diese Schriftzeichen sind bildreich und setzen sich fast wie ein Mosaik durch unterschiedliche Ursprungsbilder zusammen. So ist auch diese Poesie als eine umfangreiche Komposition zu lesen. Das Sprachbild und der Rhythmus geben dem Inhalt eine Form, die sich beim längeren Betrachten erschließt. Diese Lyrik ist voller kreativer Urgewalt. Wie in den angesprochenen Schriftzeichen ist jeder Strich, jede Silbe und die entsprechende Betonung von Bedeutung. Der Wortklang erklingt beim intensiven Lesen sehr musikalisch.

Das was beim Lesen dieser Poesie sofort ins Auge fällt und sehr begeistert, sind die Wortschöpfungen. Aus üblichen Vokabeln werden wie im Kanji durch den Zusammenschluss neue Begrifflichkeiten erschaffen, die für sich eine ganz eigene Informations- und Emotionsquelle beinhalten. Das Vergängliche wird nicht in Melancholie festgebunden, sondern aus der freigesetzten Energie sprießt Neues empor: „wenn ich asche bin, lerne ich kanji“

Die Texte sind frisch, frei und stets mit literarischen Anspielungen geschmückt. Der Klang verzaubert und schöpft dadurch eigene Bilder, Ideen und Emotionen. Dieser Debütband ist eine kleine Weltreise. Man reist mit der Autorin in einer globalen Welt und streift dabei das moderne Leben und macht kulturelle und gesellschaftliche Beobachtungen, die durch die Gedichte etwas ganz Persönliches bekommen. Auch die Kritik schwingt in den Zeilen mit. Die Vereinsamung und die digitale Glorifizierung werden zum Screenshot des individuellen Lebens. In den fünf Abschnitten des Werkes gerät alles in einen chronologischen Fluss. Das Lesen dieser Lyrik schafft Momente, die unseren Blick schärfen für kleine Betrachtungen und große Gefühle.

Ein Buch, das beflügelt, anstachelt und zumindest für einen Lebensaugenblick ein bereicherndes Vademecum sein kann.

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Martin Beyer: „Tante Helene und das Buch der Kreise“

Die Handlung ist inspiriert vom Leben der Berliner Künstlerin Irene Wedell, die 2017 verstorben ist. Durch viele Gespräche mit der Künstlerin wuchs die Geschichte, die der Autor in „Tante Helene und das Buch der Kreise“ als Roman verfasste.

Im Mittelpunkt steht die Malerin und Modeschöpferin Helene Klasing. Es ist ein Künstlerinnenroman, der von der Selbstfindung handelt. Dies ist wahrlich keine neue Herangehensweise, doch lebt das Werk von einer frischen Lebendig- und Herzlichkeit. Die Handlung erweckt Neugier und der Inhalt wird durch die Sprache getragen und hat etwas Packendes. Das Buch der Kreise beinhaltet die kunstvolle Metamorphose der fiktiven Künstlerin, die Jahre später ihr Neffe aufgreift und vollendet.

Das Buch erzählt die Geschichte fast chronologisch, wird aber durch wenige Sprünge in das Jahr 2018 unterbrochen. Alexander lebt in New York und wird an die Gespräche mit seiner Tante erinnert. Sie war eine wichtige Gesprächspartnerin, die viele Anregungen in seinem Leben gab. Er erhält die Nachricht vom Tod seiner Tante und schreibt eine nie versendete E-Mail an diese. Gedanklich reist er zurück zu den Begegnungen mit ihr und hat sie als eine beeindruckende Frau in Erinnerung.

In den turbulenten und wechselhaften Sechzigerjahren versucht Helene sich in ihrer Rolle als Künstlerin zu finden und zu behaupten. Gerade als Frau stößt sie dabei oft auf diverse Widerstände. Der Umbruch der 68er versprach einiges einfacher werden zu lassen, doch wird Helene oft enttäuscht. Ihre beste Freundin, Heidi, ist Musikerin und alleinerziehende Mutter. Beide haben mit gesellschaftlichen Widerständen zu kämpfen. Auf einem Jazz-Konzert erlebt sie die Freiheit der Kunst. Jazz als Metapher der Unabhängigkeit und der Möglichkeit, dass jeder in sich Künstler sein kann. Sie nimmt aber noch mehr auf dem Konzert wahr. Sie lernt dort ihren zukünftigen Mann kennen. Harald ist ein Studierter, der eher schlecht den Elvis auf der Gitarre mimt. Als beide heiraten möchten, macht der Standesbeamte Helene darauf aufmerksam, dass in ihren Unterlagen Unstimmigkeiten sind. Sie wurde damals adoptiert und ihre Adoptivmutter hatte jahrelang nicht den Mut, die Wahrheit zu sagen. Helenes doppelte Familiengeschichte streift somit das Adlige und ihr sich immer mehr radikalisierender Ehemann reizt sie in Folge immer mehr. Helene, die viel erlebt hat und Erfahrungen auf ihrem Weg sammelte, schöpft oft ein Mittelmaß und wird daher häufig nicht ernst genommen und als bürgerlich deklariert.

Helene stellt sich die Frage, warum sich Verhaltensmuster und Geschlechterrollen ständig wiederholen. Diesen Kreislauf möchte sie verstehen und beginnt ein Buch über Kreise zu entwickeln. Diese Lebensaufgabe nimmt eine Generation später Alexander auf und führt das Andenken seiner Tante weiter.

Ein einfühlsamer Text, der ziemlich schnell Bilder kreiert. Die Charaktere bekommen eine enorme Lebendigkeit und sind authentisch und nahbar erfasst. Es ist ein Unterhaltungsroman, der zum Eintauchen einlädt und in Folge auch ein Gesellschafts- und Bildungsroman wird.

Ein Gruß vom Autor an den Leseschatz

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Loraine Peck: „Der zweite Sohn“

Ein Krimi aus der Edition Wörtche verspricht gute Unterhaltung. Diese sind meist mit dem Weltgeschehen gefärbt, sind global angesiedelt und haben etwas Verruchtes, Schmutziges und Brutales. „Der zweite Sohn“ ist da nicht anders, dennoch ist er etwas familiärer als die herkömmlichen Werke dieser Editionen. Familie wird hier auch etwas ausgedehnt, denn zur Familie gehört die ganze Gang. Es ist ein moderner Roman in der Welt des organisierten Verbrechens. „Der Pate“ zeigt sich hier durch seine patriarchalischen Oberhäupter, die von einer jüngeren Generation abgelöst werden. Durch die Fragen um Ehre und Gerechtigkeit innerhalb des Clans haucht hier auch stets ein Wind der „Sons of Anarchy“ durch die Seiten.

Der Balkankrieg hat die Menschen flüchten lassen. Doch haben sie den Krieg weit mitgetragen. Denn die Unruhen gehen in Australien weiter. Im Mittelpunkt steht der Novak-Clan um den Anführer Milan Novak. Es sind kroatische Menschen, die sich in der Unterwelt von Sydney behaupten können. Doch sind da noch die anderen Clans, zum Beispiel die Italiener, die von der Presse und Polizei ernster genommen werden und die Serben, zu denen ein lang gepflegter Zwist besteht.

Einer der serbischen Söhne des Chefs wurde beim Müllrausbringen ermordet. Die Serben vermuten den Mörder innerhalb des Novak-Clans. Die Gemüter erhitzen sich als auch Ivan Novak, der erstgeborene Sohn von Milan, aus heiterem Himmel erschossen wird. Haben die Serben Rache genommen, wobei alle im Umfeld von Novak bestreiten, den Serben vorher ein Leid angetan zu haben? Ivan wurde auch morgens, beim Müllrausbringen ermordet. Milan sinnt nach Rache und sieht ganz deutlich den Täter bei den Serben. Jetzt liegt es am zweiten Sohn, Johnny, die Familie zu rächen.

Johnny liebt seine Familie, darin bezieht er auch den Clan mit ein. Dennoch ist er kein Mörder. Er schüchtert gerne ein oder prügelt sich, doch ist er kein Killer. In seinem Mittelpunkt stehen seine Frau, Amy, und ihr gemeinsamer Sohn Sasha. Milan übt enormen Druck auf seinen zweitgeborenen Sohn aus, weiß ihn auch aus der Reserve zu locken. Denn es zeigen sich noch andere Mitglieder, die zur rechten Seite des Anführers aufrücken möchten.

Es ermittelt die Polizei und man hat bei beiden Morden denselben Fahrzeugtyp flüchten sehen. Johnny denkt etwas weiter und befürchtet einen erneuten Bandenkrieg. Ferner hat er Zweifel an der Herkunft des Täters und dessen tatsächlichen Motiven. Denn es gab einen weiteren Mord an einem italienischen Clanmitglied. Als später aus jenem verdächtigen Fahrzeug auch auf ihn und Amy geschossen wird, flüchtet Amy mit Sasha und setzt Johnny ein Ultimatum.

Johnny ist zwischen der Liebe, der Ehre und der Loyalität hin- und hergerissen. Soll er weiterhin mit der Polizei arbeiten? Soll er einen Mord für die Ehre seines Vaters begehen? Langsam reift in ihm ein Plan, der allen gerecht werden könnte. Doch ist dies ein gewagter Seiltanz zwischen den aufgeheizten Lagern.

Ein romanhafter Thriller, der einfach ist, aber einen wahrlich süchtig macht. Sofort ist man in dieser Welt zuhause, auch wenn die agierenden Charaktere meist Antihelden sind.

Dieser Roman ist ein Debüt und lässt auf mehr hoffen. Die Perspektiven wechseln mit den Kapiteln und geben damit einen schnellen Einstieg in den Handlungsverlauf. Ein roher Mafiaroman vor der Kulisse des Balkankonfliktes in Australien. Aus dem australischen Englisch wurde das Buch von Stefan Lux übersetzt.

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Jürg Beeler: „Die Zartheit der Stühle“

Ein Buch über die Liebe und bereits beim Titel wird eine Verspieltheit deutlich, die dem Hauptcharakter zugeneigt ist. Ein poetischer und eher stiller Roman, der eine Flucht in den Mittelpunkt stellt und dabei ganz zart mit den Geschichten der handelnden Figuren umgeht.

In den kleinen Gassen von Süditalien und den lichtvollen Plätzen sucht Matteo seine Stille und findet dabei zu sich zurück. Er notiert seine Gedanken und Erinnerungen in seinen Heften. Dabei schreibt er meist seine große Liebe direkt an, ihr berichtet er, was ihm passiert und passiert ist. Dabei wächst sein großer Text über die Liebe.

Matteo ist ein stiller in sich gekehrter Mann. Er begann als Pantomime. Ein Darsteller der Stille, der durch Gesten und Mimik dem Publikum sein Innerstes zeigte. Er, Matteo, der Clown. Doch dann wurde er Schauspieler. Er, der stille Mensch fand seine Sprache auf der Bühne. Es wurden stets seine Worte, die er sagte, die lediglich jemand anderes vor ihm geschrieben hatte. Er wurde sehr erfolgreich. Dennoch war in ihm weiterhin eine Stille, die nur auf der Bühne verebbte. Zofia war seine Frau, mit der er die Einsamkeit in der Zweisamkeit ertrug. Er lebte mit ihr lange und viele Jahre zusammen. Doch sie starb. Ihr Tod lähmte ihn und ihre Verwandtschaft kümmerte sich um die ganze Trauerarbeit. Sie wurde in ihrer Heimat Warschau beigesetzt. Nicht wie er eigentlich gewollt hätte.

Auf der Bühne mimt er weiterhin die großen Rollen. Doch dann plötzlich versagt ihm die Sprache. Die Rolle erfüllt ihn nicht und er erinnert sich nicht mehr an die Worte. Als Shakespeares König Lear fällt er während einer Inszenierung, kurz nach dem Begräbnis seiner Frau, aus dem Text. Wortlos verlässt er die Bühne. Er sucht Schutz. Einen Ort, den er und Zofia liebten. Er flüchtet in eine süditalienische Kleinstadt. Doch kann er seiner Vergangenheit nicht entkommen.

Erneut sucht er die Stille, die Ruhe. In einem Café auf einer Piazza sitzt er, beobachtet, horcht in sich hinein und schreibt. Dann taucht plötzlich eine Frau auf. Sie sitzt ebenfalls an den Plätzen, arbeitet an Notenwerken und spricht ihn als Matteo an. Sie, Vera, kennt ihn. Mal taucht sie auf, dann ist sie länger verschwunden. Doch verbindet die beiden etwas. Er kann sich nicht erinnern und lässt aber den Raum zu. Sie raubt ihm seine Ruhe.

Ein wunderschönes, bedachtsames Werk. Im Mittelpunkt stehen die Formen der Liebe, in ihrer Verzweiflung, Flüchtigkeit und als großes, kaum in Worte zu fassendes Gefühl. Die Klangfarbe der Sprache ist dem Moment des schreibenden Matteos angepasst. Ein kurzweiliger, schön zu lesender Roman in traumhafter Kulisse.

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Jacqueline Thör: „obwohl sich eure gesichter fast berühren“

Lyrik, die man wirken und reifen lassen sollte. Denn hier werden Zwiespälte ausgetragen. Das Banale trifft das Tiefgründige, das Wütende tanzt mit der Hoffnung und die Trauer buhlt mit der Hingabe. Gedichte sind in Worte gekleidete Emotionen. Aber auch Verkopftes wissen diese Zeilen verspielt einzufangen.  

Jacqueline Thör studierte Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, Germanistik, Philosophie und Journalistik. 2019 erschien ihr Debütroman „Nenn mich einfach Igel„, ein intensives, surreal-realistisches Werk (die Besprechung befindet sich auch im Leseschatz). Hier zeigte sich schon der Hang der Autorin zur poetischen Sprache. Ihrer Poesie lebt sie nun in „obwohl sich eure gesichter fast berühren“ gänzlich aus. Es ist ihr lyrisches Debüt.

Die Texte sind seelische Aufrufe, die sich zuweilen selbst widersprechen. Dies verstärkt aber die Menschlichkeit der Inhalte. Denn es schreibt eine zerrüttete Seele, die ihr Schweigen bricht. Es beginnt mit undatierten Gedichten oder Fragmenten. Diese bereiten eine Stimmung vor, die an Georg Trakl (Zerfall), Gottfried Benn (Verlorenes Ich) und in Folge sogar etwas durch den halben Menschen an Blixa Bargeld erinnern.

Der Hauptteil des Werkes ist ein pandemisches Tagebuch. Hier werden alle Gefühle und Gedanken durcheinandergeworfen. Oft erklingt eine verzweifelte Trauer und Melancholie durch die Sprache. Mal heftig laut, dann wieder still und verkrochen. Der Reigen wird mit „Gesängen in den Ritzen unserer Fenster“ geschlossen. Alles ist rhythmisch, klangvoll und durchdacht. Aber auch das Schlichte zeigt sich hier und dort. Das Meiste ist einfach traurig schön zu nennen. Es sind Spiegelungen von Empfindungen in einer dunklen Zeit.

„sonst spiegelt sich / das große leid der welt / Klein in mir / doch seit kurzem / spiegelt sich auch / das kleine leid in mir / groß in der welt“

Siehe Jacqueline Thör bei und zu Gast auf Leseschatz-TV

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Marie-Alice Schultz: „Der halbe Apfel“

In diesen Tagen erscheint der neue Roman von Marie-Alice Schultz „Der halbe Apfel“ und ich durfte vorab das Manuskript lesen.

Im Mittelpunkt steht die Suche der individuellen Rolle im Leben, in der Gesellschaft und besonders innerhalb der Familie.

Der erste Satz: „Ben ist zurück.“ ist Auftakt dieser Geschichte und beinhaltet die Rückkehr von jemandem, der nun wieder seinen Platz in seiner Familienkonstellation einnimmt. Das zentrale Bild des Werkes ist mit dem Titel gesetzt. Ein halbierter Apfel. Etwas wird gerecht geteilt, aber ist dann kein Ganzes mehr. Es geht um die Frage nach Familie, Heimat und Selbstfindung. Die Erzählerin hadert mit diesen Begriffen und ist durch ihre eigene Biographie verunsichert. Stets steht sie zwischen etwas, zwischen Literatur oder darstellender Kunst, zwischen zwei Muttersprachen oder ihren doppelten Vornamen. Das ist auch der begeisternde Punkt für den Roman, denn die Erzählerin ist die Figur Marie-Alice Schultz, die durch ihren Auftritt dem Inhalt Wahrheit gibt. Denn sie ist es, die in die Geschichte von Ben, Pia, Vinz und Janis hineingezogen wird. Sie lebt in Hamburg und bekommt von ihrem Freund, Vinz, mit dem sie auch für einen Moment mehr als Freundschaft verband, einen Anruf aus Wien. Vinz erzählt, das Ben einfach zurückgekommen ist. Nach sieben Jahren taucht er einfach wieder auf.

Ben ist der leibliche Vater von Janis, der seinen Vater somit kaum kennt. Vinz war immer für Pia, die Mutter von Janis, da und lebt nun mit ihr und dem Kind zusammen. Ben bittet Pia und Vinz kurz bei den dreien miteinziehen zu können. Er habe zurzeit keine andere Möglichkeit, flunkert er leicht. Somit hat Janis plötzlich zwei Väter. Marie-Alice Schultz erfährt von dieser ungewöhnlichen Situation der Wiener Freunde und beginnt zu schreiben. Sie empfindet sich selbst oft zwischen den Stühlen und hängt in ihrem kreativen Schaffen fest. Somit treibt sie dieses Thema plötzlich an. Ihre Gedanken kreisen um die Freunde, um ihre Projekte und ihre Zukunft. Auch werden Erinnerungen an ihre verstorbene Mutter wach. Die Mutter war Französin und unterrichtete. Vor Jahren aß sie noch einen halben Apfel, bevor sie plötzlich verstarb. Identitäts- und Glücksuche stehen neben der Verantwortung in ihrem Fokus.

Gleich mit dem ersten Satz nimmt man als Leser Platz in der Wohngemeinschaft dieser ungewöhnlichen Familienkonstellation. Sofort fühlt man sich in den bildhaft beschriebenen Räumlichkeiten zuhause und man wird somit hautnaher Zeuge des Spiels, das unerwartete Wendungen bereithält.

Durch den Bezug zur Realität bekommt diese Fiktion etwas Frisches. Auch als Leser hängt man somit dazwischen. Da die Erzählerin auch nur eine Figur ist, entsteht sehr viel Freiraum. Dieser erschaffene Raum ermöglicht der Autorin, mit einer enormen Genauigkeit zu beobachten und nachzuempfinden. Sehr lebendig und authentisch treten die Charaktere aus dem Text hervor. Spielerisch leicht werden bedeutende Lebensfragen in die Handlung eingestreut.

Ein moderner und lebensnaher Roman, der zur Selbstreflexion einlädt. Für mich ein Leseschatz

Danke für mein Zitat auf dem Buchumschlag.

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Horst Eckert: „Das Jahr der Gier“

Horst Eckerts Krimiwelt ist wohl eine mit der Besten in der deutschsprachigen Thrillerlandschaft. Er kaschiert seine Bildungsromane als Thriller und gibt dem Krimi die Literatur zurück. Seine Handlungen sind toll durchdachte Szenerien, die oft den wahren gesellschaftlichen Horror fokussieren. Die politische und gesellschaftliche Entwicklung sind stets Bestandteil der Romane, die oft von der Wirklichkeit überholt und bestätigt werden.

Horst Eckert unterhält auf feine Weise. Man taucht ein in seine spannenden Bücher, vergisst das eigene Umfeld und verfolgt gefesselt den Handlungsverlauf. Dabei merkt man vorerst nicht, dass man durch die Unterhaltungsliteratur bereits stückweise die Realität ein wenig besser verstehen lernt.

Großartig ist die Komposition des Spannungsbogens. Die Melia-Khalid-Reihe ist eine logische Fortsetzung der Vincent Veih-Titel. Veih und Melia bilden ein sympathisches Ermittler-Duo. Beide haben ihre Welten und Bürden zu tragen und beleben durch ihre starken Persönlichkeiten das Setting. Im dritten Band sieht der Fall wie ein rassistisch angehauchter Überfall aus, der dann aber bei genauerer Betrachtung Ungereimtheiten offenbart und die Fäden sich in der Wirtschaft und Politik verstricken. Der einfach wirkende Fall bekommt ein ungeahntes Ausmaß und Melia und Vincent geraten erneut in einen spannenden Strudel aus Gewalt und Korruption.

Wenn man einen Roman der Melia-Khalid-Reihe aufschlägt, ist man sofort mit dem Personal und der Umgebung vertraut. Es ist stets ein wohliges, aber auch ein gruseliges Nachhausekommen. Aber eine Lesereise, die sich immer wieder sehr lohnt.  

Siehe Leseschatz-TV: Zu Gast Horst Eckert Vorstellung und Lesung: „Die Stunde der Wut“

Weitere Besprechungen über die Werke von Horst Eckert befinden sich hier im Leseschatz und auf Leseschatz-TV (YouTube)

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Eva Tind: „Ursprung“

Wo ist unser Platz in der Welt? Ein Familienroman voller berauschender Bilder, die stets mit der Lebensquelle, dem Ursprung und den persönlichen Wurzeln spielen. Es ist ein Familienbild, das erst durch die Trennung das Gemeinsame aufspürt. Mit einer Leichtigkeit beschreibt die Autorin die Tiefgründigkeit der Charaktere und wirft diese in ziemlich kurze Szenen, die kontinuierlich zum Ursprung strömen und dabei ab und zu den Schritt zurück machen, um das gesamte Bild zu vervollständigen.

Kai und Miriam lernen sich in Kopenhagen kennen und es entsteht eine Beziehung. Doch ist es Kai, der immer etwas mehr gibt und liebt. Miriam ist sehr auf sich und ihre Kunst fixiert. Miriam wird schwanger und möchte eigentlich kein Kind, das ihre Kreativität und den künstlerischen Freiraum begrenzen würde. Wenn Kai das Kind will, würde Miriam das Sorgerecht ihm überlassen und das Kind austragen. Somit tritt Sui in ihr Leben. Miriam wird eine erfolgreiche Künstlerin, die einen weltweiten Bekanntheitsgrad erlangt. Sie hat ihre Kunst vor die Familie gestellt und hat einen Mann geheiratet, der sie in der gehobenen Kunstwelt platzieren konnte. Kai betreibt mit einem Partner ein Architektenbüro und ist stets für seine Tochter, Sui, da. Mit der Volljährigkeit entschließt sich Sui, zu ihrem Freund zu ziehen. Kai empfindet mit dem erneuten Verlust eine Leere, die er auf anderen Wegen zu füllen versucht. Durch seine koreanischen Wurzeln ist er der spirituellen Sinnsuche gegenüber offen eingestellt. Diese Spiritualität ist in ihm und ist kein erzwungenes Bild im Roman, sondern ergibt sich ganz natürlich passend zum Inhalt der Handlungsentwicklung. Er reist nach Indien, um dort in einem Retreat für sich Klarheiten zu finden.

Auch Sui wird aus der Bahn geworfen. Ihr Einzug bei ihrem Freund erweist sich als keine gute Entscheidung, denn die freie Liebe, die sie sich beide zugestehen, nimmt er zu wörtlich und verletzt sie immer mehr. Auch gesundheitlich ist einiges im Ungewissen und die Diagnosen versetzen sie immer wieder in aufzehrende Wartezeiten. Sie sucht ihre Mutter, Miriam, auf, die zurückgezogen in einem Waldgebiet wohnt. Miriams Ehe nahm auch einen tragischen Verlauf und somit ist sie nach Skandinavien zurückgekehrt. Sie macht auch innerhalb ihrer Kunstauffassung eine Veränderung durch und möchte ein letztes, großes Werk erschaffen, das die Zeiten überdauern und die Natur miteinbinden soll. Ein Werk, das das Paradies einzäunen und darstellen soll. In dieser Schaffensphase treffen Tochter und Mutter nach einiger Zeit erstmals aufeinander. Doch die Begegnung bringt nicht die erhofften Antworten und Klarheiten. Die Distanz ist zu groß und der wortwörtliche Schutzwall ist zu fest um das Leben der beiden gemauert.

Sui beginnt ihre Suche nach dem Ursprung. Einem Ursprung, den sie auf der väterlichen Seite vermutet. Sie beginnt in Korea nach Antworten zu tauchen. Sie reist nach Marado, die Insel der Perlentaucherinnen.

Das Buch verführt beim Lesen. Die vermeintliche Einfachheit verzaubert die Gedanken. Durch gut gezeichnete Figuren, authentische Dialoge und einer für sich eigenen Sprache bekommt das Werk einen besonderen Sound. Vieles ergibt sich lebensnah und ist doch zuweilen unbemerkt überspitzt dargestellt. Das philosophisch Angedachte ist bodenständig, natürlich und nicht aufgesetzt eingearbeitet. Ein Roman über die existentielle Ursprungssuche. Eva Tind ist eine dänische Autorin, die mit „Ursprung“ zum ersten Mal auf Deutsch verlegt wurde. Aus dem Dänischen wurde das Werk von Ursel Allenstein übersetzt. Das Buch wurde für den DR Romanpreis nominiert

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