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Gudrun Büchler: „Unter dem Apfelbaum“

Unter dem Apfelbaum Septime

„Unter dem Apfelbaum“ von Gudrun Büchler ist ein kunstvoller Roman, der gefüllt ist mit emotionalen Seelenmomenten. Ein anspruchsvoller Text, der mich sehr berührt und mitgenommen hat. Ein literarisches Debüt, das von vier Generationen von Frauen erzählt, die über Jahrzehnte verstreut leben, aber stets verbunden sind und deren Schicksale sich zunehmend vermischen.

Das Buch wurde mir von unserem Freund, dem Autor Henning Schöttke, sehr ans Herz gelegt. Ich habe es sehr gerne gelesen und es hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Die Buchgestaltung ist gleich dem Inhalt und zeigt eine verstörende Behausung. Das Titelbild zeigt ein leerstehendes, verwahrlostes Zimmer, das man von oben oder unten betrachten kann. Eine Wolldecke und ein Stuhl sind kopfüber an der Zimmerdecke befestigt. Hier spiegelt sich der Erzählstil, denn die geheimnisvolle Ich-Erzählerin, die nur ab und zu auftaucht, wechselt stets die Perspektiven und beseelt die jeweiligen Protagonistinnen. Diese Erzählerin, diese mysteriöse Erscheinung, bleibt aber immer eine stille Beobachterin, eine wissende und friedvolle Seele…

Das Buch spannt einen Bogen von 1902 bis 1973 und erzählt über die berührenden Schicksale von Magda, Mathilda, Marlies und Milla. Vier Generationen einer Familie, die von Sprachlosigkeit geprägt ist. Während Magda immer stiller wird, kommt Milla bereits stumm zur Welt. Es geht ums genaue Hinsehen und darum, das Erlebte nicht zu verschweigen, sowie um die seelischen Verbindungen zueinander über Raum und Zeit.

„Ihre Körper saßen drüben im Haus und auf dem Beifahrersitz nun, und ihnen hingen all die Fäden, die sie zusammenhielten und sie miteinander verbanden und mit all den Synapsen am Himmel. Tagsüber vergaßen die Menschen oft diese Verbindungen. Nachts jedoch wurden sie sichtbar, die Synapsen, und der Mensch nannte sie Sterne.“

Es sind Lebensgeschichten, die beim Lesen das Herz zuschnüren, aber auch Hoffnung schaffen. Hoffnung auf verbleibende Menschlichkeit.

Der Roman beginnt 1973 mit Milla, die von Geburt an taub und stumm ist. Sie lebt in einem Heim für behinderte Jugendliche. Ihre Umwelt nimmt sie staunend auf und begibt sich summend in ihre erträumte Realität. Millas Urgroßmutter, Magda, wird als junges Mädchen an einen reichen Hof gegeben, um dort zu arbeiten und die eigene Familie zu entlasten. Hier erlebt sie eine entbehrungsreiche Zeit. Es zeigt sich, dass die wohlwollenden nicht unbedingt die guten Menschen und die schweigsamen, strengen nicht unbedingt die schlechtesten Menschen sein müssen. Magda stirbt bei der Geburt ihrer Tochter Mathilda, die von ihrem Vater in ein Internat für Landwirtschaft geschickt wird. Mathilda ist eine wütende junge Frau, die sich gleich Milla und Magda allein gelassen und ungeliebt fühlt. Der Krieg veranlasst wiederum Jahre später auch Mathilda dazu, ihre Tochter Marlies fortzuschicken. Sie selber wartet auf ihrem Hof auf ihren Mann, während die Front immer näher rückt.

„…Die Plane des letzten Wagens verdeckte ihr den Blick auf Marlies. Mathilda kniff die Augen zusammen, suchte nach einem Riss oder einem Loch in der Plane, nach einer Möglichkeit, hineinzuspähen und etwas zu sehen, was das Herzklopfen und die Übelkeit eindämmte, die sie mit jeder Wagenlänge stärker spürte, die sich der Treck entfernte. Mathilda hob die Hand und öffnete den Mund. Ein stummer Schrei verpuffte in der Kälte.“

Die Tochter von Marlies ist Milla, die von Geburt an taub und stumm ist. Sie wird auch aus dem familiären Zuhause in die Obhut einer Bäuerin gegeben, die ihr Haus als Heim für Behinderte führt. Die Mitbewohner bekommen von Milla eigene Namen, die sich auf ihre Erscheinung begrenzen. Es bleibt vom Menschen nur die Tat und die Äußerlichkeit übrig. Doch es gibt trotz der beständigen Traurigkeit ein fröhliches Wiedersehen und eine beseelte Heimreise…

Ein tiefgründiger und kluger Roman, der in einer klangvollen Sprache verfasst ist und durch seine genaue und tolle Beobachtung fesselt. Ich wünsche diesem Buch viele Leser und hoffe, es hinterlässt seine Spuren im Leser. Ein Werk das beengen kann, aber gegen Ende seinen Frieden findet. Ein beseelter Roman.

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Leseschatz 3

Wir haben einen neuen „Leseschatz-Film“ gedreht. Ich stelle darin die Titel vor, die mir in diesem Frühjahr besonders am Herzen liegen. Dabei reicht die Spanne von Romanen über Krimis bis hin zu Kinder- und Jugendbüchern.

Ich stelle folgende Titel vor:
1) „Kindeswohl“ von Ian McEwan. 2) „Fliehkräfte“ & „Gegenspiel“ von Stephan Thome. 3) „Montecristo“ von Martin Suter. 4) „Konzert ohne Dichter“ von Klaus Modick. 5) „In der Finsternis“ von Sandrone Dazieri. 6) „Wald“ von Doris Knecht. 7) „Vater und Sohn unterwegs“ von Hedin Brú. 8) „Die Falle“ von Melanie Raabe. 9) „Zimmer frei in Nagasaki“ von Éric Faye. 10) „Alles wird hell“ von Julia Jessen. 11) „Die Sache mit dem Dezember“ von Donal Ryan. 12) „Fünf Viertelstunden bis zum Meer“ von Ernest Kwast. 13) „Der Löwensucher“ von Kenneth Bonert . 14) „Gleis 4“ von Franz Hohler. 15) „Der Architekt des Sultans“ von Elif Shafak. 16) „Das Institut der letzten Wünsche“ von Antonia Michaelis. 17) „Infinity Drake – Scarlattis Söhne“ von John McNally. 18) „Star“ von Salah Naoura. 19) „Floaters“ von Katja Brandis. 20) „Darkmouth -Der Legendenjäger“ von Shane Hegarty


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Karl Olsberg: „Enter“

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Ein Krimi, der hochaktuelle Themen anspricht. Ein spannender Computerthriller, in dem es um Terrorismus, Internetkriminalität, künstliche Intelligenz, vernetzte Beobachtung und letztendlich um den Verlust der Privatsphäre geht.

Ich habe das Buch am Sonntag inhaliert und war durch die Geschichte und den Protagonisten sehr gefesselt. Als ich am Ende angelangt war, meinte ich fast einen Science-Fiction-Roman gelesen zu haben, der aber wohl keine unmöglichen Szenarien beschrieben hat, sondern in der tatsächlichen Gegenwart angekommen sein könnte.

Es beginnt mit einem Fußballspiel, das viele Berliner zu einem geselligen Fernsehabend veranlasst hat. Doch als das entscheidende Tor fallen könnte, fällt in fast ganz Berlin der Strom aus. Dieser Stromausfall entpuppt sich nicht als ein menschliches oder technisches Versagen, sondern er wurde durch ferngesteuerte Drohnen, die gezielt wichtige Strommasten anflogen und dadurch Kurzschlüsse verursachten, herbeigeführt. Im Internet bekennt sich eine Aktivistengruppe, die sich kurz NTR, d.h. „Netzwerk für Technologischen Realismus“ nennt zu diesem Anschlag.

Hauptkommissar Eisenberg und seine „Sonderermittlungsgruppe Internet“, kurz „SEGI“, sollen das Landeskriminalamt unterstützen, doch der Fahndungsleiter hält wenig von der SEGI und ihren eigenen Methoden. Denn das Team besteht aus ungewöhnlichen Menschen, die keine üblichen Polizisten sind. Es befinden sich unter Ihnen ein ehemaliger Hacker, eine Psychologin und ein autistischer Computer-Freak, die sich nicht um die regulären Untersuchungsabläufe und polizeilichen Ränkespiele kümmern.

Da weitere Anschläge sogar den Berliner Flughafen lähmen, wird die Zeit immer knapper und der Erfolgsdruck wächst immer mehr. Aber der Handlungsspielraum der SEGI ist sehr eingeschränkt, denn sie sind angewiesen auf die Verhörprotokolle des LKA, da sie selber nicht im „Draußen“ ermitteln sollen.

Das NTR sind „Ludditen“, die man auch „Maschinenstürmer“ nennt. Ludditen bezeichnete eine Arbeiterbewegung Anfang des 19. Jahrhunderts gegen Statusverlust und drohende soziale Verelendung durch die einsetzende Industrialisierung. Seitdem nennt man manche noch heute Ludditen, die sich gegen selbstsüchtigen Kapitalismus der Fabrikanten wenden und sich kritisch mit den Folgen der technischen Entwicklung auseinandersetzen. Das NTR will die Menschen vor den Gefahren einer unkontrollierten Technisierung warnen. Doch ihre Anschlagsserie, die stets gut geplant ist, wird immer waghalsiger. Als ein führender Wissenschaftler, ein Fachmann für künstliche Intelligenz, ermordet wird, stellt sich die Frage, ob wirklich die für die Menschlichkeit agierende „Terrorgruppe“ hinter diesem Mord steckt?

Als das LKA Opfer eines Virusanschlages wird und dieser von einem Rechner eines Mitarbeiters der SEGI gekommen sein soll, werden die Hintergründe immer mysteriöser…
Der hochintelligente „Wurm“, der sich global wie ein lebendiger Schwarm in den Rechnern einnistet, scheint eine eigene, fast schon tierische Intelligenz zu haben. Dieser Software-Parasit sammelt Daten und überträgt diese an eine unbekannte Adresse… Hat eventuell eine größere Macht oder sogar eine Regierung Interesse an den ganzen Vorgängen…? Wer beobachtet wen und wer steckt wirklich hinter der Anschlagsserie und dem Mord?

Das Buch zeigt uns, wie abhängig wir geworden sind. Wie schnell Chaos ausbrechen würde, wenn das ganze Netz infiltriert wäre und sogar versagen würde. Gleich dem anfänglichen Stromausfall, der in Kleinem zeigt, wie schnell Gewalt und Unruhen eskalieren könnten. Der Segen der modernen Techniken wird in diesem Thriller auch mit ihren Schattenseiten belegt und spannt den Bogen zu aktuellen technischen und politischen Entwicklungen. Ein spannender Thriller, der aktuelle Themen verarbeitet und sehr flüssig zu lesen ist. Die Handlung ist fast schon filmisch und rasant umgesetzt. Es ist ein Dialogroman, der durch das sehr ungewöhnliche und charaktervolle SEGI-Team fesselt.

Enter Berlin Verlag

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François Jullien: „Denkzugänge. Mögliche Wege des Geistes“

Denkzugänge

„Was heißt es aber, sich auf ein Denken `einzulassen´? Ich unterbreite hier den Vorschlag, sich auf das chinesische Denken einzulassen, um einen Abstand einzuführen, der uns enthüllt, wie wir selbst denken, innerhalb welcher Satzungen wir `zweifeln´: Ein Abstand, der uns nicht nur über unsere Frage nachdenken lässt, sondern mehr noch über das, was sie möglich gemacht hat und uns so sehr an sie bindet, dass wir sie für notwendig halten.“

In dem Buch geht der französische Philosoph und Sinologe François Jullien den Weg in das Innere der chinesischen Geisteswelt. Er studierte Chinesisch und ostasiatische Sprachen und Literaturwissenschaft in China und lehrt nun in Paris u.a. Philosophie.

In dem Buch „Denkzugänge. Mögliche Wege des Geistes“ zeigt er sein Wissen über die gegensätzlichen Philosophien, des östlichen und des westlichen Denkens. Er lädt den Leser ein, sich seine eigenen Gedanken zu machen. Was ist das Leben und kann man „leben“ erdenken? Reichen Worte aus, die Gedachtes vermitteln, um Leben zu beschreiben?
Jullien spannt den Bogen der ältesten Philosophen des hellenischen, hebräischen Denkens und deren Mystik zu den neuesten Denkern und Philosophen und stellt diesen die chinesischen Gedankenkomplexe gegenüber. Diese fußen im Taoismus, dessen Quelle das „Tao Te King“ – bzw. das „Daodejing“ von Laotse ist. Die beiden namensgebenden Begriffe stehen für etwas Unaussprechliches, das was aber jedem Leben innewohnt. „Ich kenne seinen Namen nicht, doch ich nenne es tao“ Laotse. Der Mensch kann die Wirkung des Tao, des Unaussprechlichen, erfahren, indem er die Erscheinungen der Welt beobachtet und seine Sinne vernachlässigt und sich der Stille zuwendet. Erst wenn wir unser Denken wirklich hinter uns lassen, können wir uns auf alternative Wege des Geistes begeben.
Ferner veranschaulicht Jullien anhand des „I Ging“ (Yi-Jing), der chinesischen Spruchsammlung bzw. dem Buch der Wandlung, was es heißt, verschiedene Wege des Denkens zu beschreiten.

乾 Das Schöpferische (Yi-Jing)

Es geht um das „Leben“. Das Leben leben als Tätigkeit verlangt gegenwärtiges Bewusstsein und benötigt daher ein Stillhalten. Es ist kein Warten auf das Leben sondern ein innehalten, um es möglichst zu erfassen. Ein Wechselspiel zwischen Begehren und Sättigung. Ein Bewusstsein, das erst im Innehalten der gegenwärtigen Stille, im „Jetzt“, verstanden werden kann. Kein verzögern des Kommenden, kein verbleiben im Gegangenen sondern das reine Gegenwärtige „Sein“ (siehe auch Eckart Tolle). Das Loslassen bedingt das zu Erfassende und ein Verschwinden bedingt das Erscheinende. Wir Menschen vernachlässigen die Gegenwart zugunsten eines Lebens in der Zukunft oder durch das gedankliche Nacherleben der Vergangenheit. Dies bedeutet laut Jullien, dass man „abwesend-anwesend“ ist. Die Gegenwart ist nicht auf einen mathematischen Punkt zu reduzieren. Das Bewusstsein ist unsere Existenz. Der innere stille Beobachter. Auch geht Jullien der Frage des Spirituellen und Göttlichen nach. Das Geistige und das Materielle sind stets aneinander gebunden und bedingen einander. Die Vergeistigung bildet das Materialisierende. Das Leben ist im Kleinen gleich dem im Großen: „wie oben so unten“ (Hermes Trismegistos). Das Ying und Yang: Alles durchwebt alles und möchte sich verbinden, einstimmen, d.h. ausgleichen und zusammenfließen.

Ein kluges Buch, das ich nicht einfach so nebenbei lesen konnte und auch einiges vom Leser abverlangt. Dadurch, dass ich viele spirituelle und philosophische Texte und Werke der östlichen Philosophie gelesen habe, hat es mir sehr viel Freude gemacht, den Gedankengängen von Jullien zu folgen. Ein sättigendes Buch, das viele neue Denkzugänge erschließt. Aber das Denken ist so unermesslich, dass man wohl nie an ein Ende gelangen wird. In dieser eiligen Welt ist dieses überbrückende Werk eine sinnvolle Reise in die Welt der „Denkzugänge“.

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Antonia Michaelis: „Das Institut der letzten Wünsche“

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Antonia Michaelis hat mit „Das Institut der letzten Wünsche“ einen neuen Roman für Erwachsene (ab 16 Jahren) geschrieben. Sie begann bereits als Kind zu schreiben und ist eine bekannte Autorin von zahlreichen Büchern und Theaterstücken für Kinder, Jugendliche und Erwachsene.

„Das Institut der letzten Wünsche“ ist eine bewegende untypische Liebesgeschichte einer tragisch-schönen Liebe.
Das Buch handelt von Mathilda, die ihr Medizinstudium abgebrochen hat und nun in einem Zwei-Frauen-Unternehmen arbeitet, das sterbenden Menschen ihre letzten Wünsche erfüllt. Das letzte Mal am Strand von Italien Muscheln suchen, noch einmal in einem stillgelegten Berliner Freizeitpark Riesenrad fahren, das letzte Mal Schneeflocken spüren mitten im Sommer oder die verstorbene Maria Callas noch einmal singen hören.
Für die 25 jährige Mathilda alles kein Problem, sie und ihre Kollegin basteln für ihre Kunden an einer gekonnten Umsetzung – kleine Tricks und Lügen sind dann schon ab und zu erlaubt und inbegriffen. Sie haben zwei Regeln: 1. Die Kunden müssen tatsächlich sterbenskrank sein und innerhalb der kommenden Monate sterben laut einem ärztlichen Befund. 2. Man sollte sich niemals in einen der Kandidaten verlieben.
Mathilda lebt ganz für diese Organisation und setzt alles ihr erdenklich mögliche ein um die letzten Wünsche umzusetzen. Sie versucht den Menschen dadurch eine Zeitreise in ihre schönsten Erinnerungen zu ermöglichen. Ihre Welt besteht aus aufgebauten Illusionen des Glücks, die für die Kunden aber eine seelische Erleichterung sein können. Nur für Sie bedeutet es beständige Bereitschaft und Kreativität. Durch ihre eigene Vergangenheit lässt sie viel an sich heran und geht mit sehr viel Humor an die meist traurigen Geschichten ihrer Kunden. Doch hat sie selber kein Ventil, sie kann nicht weinen und hat permanente Kopfschmerzen.

„Denk an die Sache mit der Seifenblasenwelt… Denk daran aufzupassen, dass sie nicht zu weit oben fliegt, wenn sie zerplatzt. Sonst fällst Du zu tief.“

Alles ändert sich, als Mathilda Birger als Kunden kennenlernt. Birger hat einen irreparablen Tumor nahe der Lunge und wünscht sich noch einmal seine große Liebe Doreen und ihr gemeinsames Kind wiederzusehen. Mathilda versucht nun Doreen und ihren Sohn zu finden. Doch hat sie mit der Suche ein persönliches Problem, denn seitdem Birger das Institut betreten hat, hat sie sich in ihn verliebt. In ihren Gedanken und Gefühlen ist er nun stets gegenwärtig und er verbringt ebenfalls gerne seine Zeit mit ihr. Da er anregt, Doreen als zukünftige Erbin zu locken und sie dann auch später mit ihrem punkigen Sohn auftaucht, weiß man nicht mehr ganz, was die Wahrheit ist und wer wem eine Geschichte erzählt…

„Über die wirklich wichtigen Dinge sollte man lieber nicht sprechen“

Ferner bekommt das Institut Probleme mit den Ärzten und Behörden, da natürlich viele Kunden nach dem Besuch des Instituts wirklich sterben. Und der Verdacht der aktiven oder passiven Sterbehilfe aufkeimt…

„Wer von Ihnen wunschlos sterben wird, ist zu beglückwünschen. Ich hoffe doch, es werden die meisten sein. Aber ein geringer Prozentsatz an Menschen trägt am Ende noch eine unstillbare Sehnsucht in sich.
… Der Mensch hat ein Recht auf Selbstbestimmtheit, und so hat er auch das Recht darauf, selbst zu bestimmen, was ihm wichtig ist: in hundert Prozent sicherer Umgebung im Bett zu liegen oder draußen noch einmal ein letztes großes – oder kleines – Abenteuer zu erleben.“

Antonia Michaelis ist eine wunderbare Geschichtenerzählerin. Sie gibt ihrer Erzählung und ihren Bewohnern, den Figuren, sehr viel Gefühl und Herz. Es ist eine berührende, beseelte und rührselige Geschichte, die ab und zu leicht übertreibt, aber gerade dadurch eine typische Michaelis-Stimmung aufbaut. Eine Stimmung die im Leser den Drang schaffen kann, vieles mal aus einer anderen Perspektive zu sehen, die Welt auf den Kopf zu stellen oder leicht zu verrücken… Ein schönes Buch, das nie kitschig wird und durch seine Bilder fast schon poetisch wirkt.

Antonia MichaelisAntonia Michaelis las am 23.08.2013 bei uns in der Buchhandlung aus „Paradies für alle“, auch ein wundervolles Buch für Erwachsene oder für größere „Kinder“. Es war eine schauspielerische Lesung. Sie ließ uns die gut ausgewählten Auszüge des Buches durch ihre darstellende und inszenierte Lesung bildhaft vor Augen erscheinen. Ein erlebnisreicher, teils lustiger aber auch mit zarten, nachdenklichen Tönen versehener Abend.

Also wer die Chance hat, Antonia Michaelis live zu erleben, sollte dies nicht als seinen letzten Wunsch aufschieben…

„Nur Lesen ist schöner“ schreibt über „Das Institut der letzten Wünsche“: „Herzenswünsche

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Doris Knecht: „Wald“

Rowohlt Knecht Wald

Ein Roman wie ein Gedankenspiel, das den Leser in seinen urbanen Bann zieht und sehr gekonnt vom Existenziellen erzählt.

Der Roman handelt von einer starken Frau, Marianne, die sich lieber Marian nennt, um nach einer Frau von Welt zu klingen. Sie ist eine emanzipierte Frau, die viele üble Männer als Partner hatte und Mode für selbstbewusste Businessfrauen ohne viel Schnickschnack entwarf. Sie war eine gefragte Modedesignerin, die ein Luxusleben führte.

„Geld war abstrakt, etwas, das man umso leichter gab, je weniger man dafür bekam, je unexistenzieller, desto leichter.“

Anfänglich nimmt Marian die Weltwirtschaftskrise nicht ernst. Sie empfindet diese selber als eine ferne unreelle Wirtschaftsblase, die sie nicht berührt. Doch nach einem kleinen Aufschwung, verliert sie alles. Denn selbst die Stars, die sie bekleiden durfte, legen wie alle vermögenden Menschen ihr Geld lieber in Immobilien an und kaufen bewusster ein. Mode wird Stangenware und die vielen Kontakte und Freunde sind die Facebook-Seifenblase, die zerplatzt und Marian, die auf falsche Finanzberater hörte, steht für sich alleine da.

Sie zieht in das Haus ihrer verstorbenen Tante in einer ländlichen Provinz, nahe der Voralpen. Das Haus hatte eigentlich Marians Tochter geerbt, für die sie nie eine echte Mutter war. In diesem Haus muß sie lernen sich mit der Natur zu arrangieren. Sie lebt von der Hand in den Mund. Von den Dörflern wird sie sehr misstrauisch in die Gemeinschaft aufgenommen. Gerade die moderne Welt verlassen, tritt Marian in ein Umfeld, das sich seit der Gutsherrenzeit wenig verändert zu haben scheint.

„Man ist am Land anders befreundet als in der Stadt. Vor allem ist man anders verfeindet, konkreter, ernsthafter, konsequenter, körperlicher.“

Als Sie von dem Landbesitzer Franz beim Wildern erwischt wird, beginnt eine befremdliche Beziehung zwischen beiden. Er zeigt sie nicht an, sondern zerlegt für sie das Wild und versorgt sie seitdem mit den nötigsten Lebens- und Haushaltsmitteln. Dafür hat sie einen hohen Preis zu zahlen. Stillschweigend gibt sie ihm, der eigentlich verheiratet ist, für seine Unterstützung körperliche Nähe und Sex. Durch diese schräge, unromantische Beziehung macht sie sich in der Nachbarschaft viele Feinde. Neben dem Fischen hat sie gelernt sich zu nehmen, was sie braucht, hier und dort klaut sie Maiskolben oder Hühner.

Ein Roman, der das Luxusleben gegen die Selbstversorger-Sehnsucht und gebildeter, aber einfacher Gutverdiener aufzeigt. Keine Aussteigerromantik, kein Leben in der Natur aus Überzeugung, etwa aus ökologischen Motiven, sondern aus wirtschaftlicher Not. Marian tut nichts unüberlegt. Sie lebt komplett in ihren Grübeleien und blickt viel zurück. Ihre Gedanken und somit die des Lesers sind stets in regem Fluß…

Ein tolles Buch mit einem unheimlichen Ton, der sich beständig wiederholt und dadurch verstärkt. Ein Buch, das man lange nach dem Lesen in sich tragen kann. Ein eindringlicher Text, der uns zeigt, was wir brauchen, was wir letztendlich sind und, was von uns übrig bleiben kann…

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J.R.R. Tolkien: „König Arthurs Untergang“

Klett-Cotta Arthur

„Arthur eiferte     ostwärts, gerüstet
Zum Waffengang     in den wilden Landen,
mit Macht übers Meer    in den Marken der Sachsen,
das römische Reich    vor Zerrüttung zu schützen.“

J.R.R. Tolkien, wohl der wichtigste Autor der phantastischen Literatur hat sich dem großen Sagenstoff rund um die Legende König Arthur zugewendet.
Während Tolkien bereits am „Hobbit“ schrieb und ihm die Ideen zum großen Ringekrieg fesselten, hat er auch an diesem Werk gearbeitet. Neben der Edda und dem Nibelungenlied ist wohl die Arthursage die wichtigste Quelle vieler Fantasyliteraturen.
Dies erahnt man auch beim Lesen des umfangreichen Werkes Tolkiens. Der große und bekannteste Zauberer Merlin war bestimmt die Vorlage für Tolkiens Magier Gandalf. Die Númenor aus „Herr der Ringe“ und dem „Silmarillion“, die von einer einsamen, sagenumwobenen Insel kommen sollen, erinnern an die Legende von Avalon, wenn nicht sogar an Atlantis.
Dass Tolkien Welten erschaffen und diese sprachlich sowie literarisch beseelen konnte, hat er stets beweisen können. Das Spiel mit der Sprache und die Lust an Formulierungen zeigen sich in „König Arthurs Untergang“ besonders, denn es ist ein wunderbares Poem.
Lyrik ist dank der diesjährigen Preisverleihung der Leipziger Buchmesse auch wieder populär und wird vielen Lesern wieder zugänglicher. Das Gedicht: „König Arthurs Untergang“ ist im Stabreim verfasst und in fünf Abschnitte untergliedert. Erzählt wird wie Arthur sich zum Waffengang ostwärts in ferne Länder begibt. Während er außer Landes kämpft, verliebt sich Lancelot in seine Frau Guinever und schafft damit einen dramatischen Konflikt. Der Untergang beginnt als Mordred die Macht an sich reißen möchte und dadurch die Handlung dem bekannten Abgrund entgegen treibt…

Diesen Schatz hat mal wieder Tolkiens Sohn, Christopher Tolkien, gehoben. Er hat sich nach dem Tod seines Vaters ganz der Herausgabe der bisher unveröffentlichten Werke von J.R.R. Tolkien gewidmet.
Das Gedicht, das in diesem Buch auch zweisprachig vorliegt, d.h. in einer guten deutschen Übersetzung neben dem englischen Original, nimmt fast schon den kleinsten Teil des vorliegenden Buches ein. Denn wenn man Lust auf die Werke von Tolkien und die ganze Sagenwelt hat, kann man sich länger mit den ganzen Anhängen beschäftigen. Tolkien war auch ein herausragender Erforscher der Literatur und Sprachen des Mittelalters.
Mir hat es viel Spaß gemacht mich mal wieder mit der Sagenwelt rund um König Arthur, d.h. auf Deutsch und Französisch Artus, zu beschäftigen. Seit dem ich als Jugendlicher die schöne Nacherzählung der Sage von Rosemary Sutcliff „König Artus und die Abenteuer der Ritter von der Tafelrunde“ gelesen hatte, war ich schon immer ein Freund dieser Legende. Der Film „Excalibur“ aus den 80ern hatte mich damals auch in seinen Bann gezogen…

„Anal nathrakh, urthvas bethad, dokhjel djenve“                                                      Merlins Zauberspruch aus „Excalibur“

Diese kleine, feine Entdeckung, für manche wohl auch eine Sensation aus dem Nachlass von Tolkien, ist für alle Tolkien Leser und Lyrikliebhaber ein schöner Lesespaß.

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Melanie Raabe: „Die Falle“

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Dank der lieben Caterina Kirsten von der Literaturagentur Copywrite, die auch vor kurzem mein Gesprächspartner in Ihrem Blog „SchöneSeiten“ war, hatte ich mit dem Buch „Die Falle“ von Melanie Raabe sehr spannende, kurzweilige und sehr unterhaltsame Stunden. Caterina hat mich auf diesen Titel aufmerksam gemacht und ich habe diesen am Samstagabend angefangen und wollte nicht aufhören zu lesen, so sehr hat mich das Buch in seinen Bann gezogen…

„Ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns“ Kafka

Die erfolgreiche Autorin, Linda Conrads ist 38 Jahre alt und lebt in ihrer Villa am Starnberger See mit einer großen Wiese hinter dem Haus, nahe an einem Waldrand. Auf dem Rasen tobt aber lediglich Bukowski, ihr Hund. Linda Conrads ist nur Beobachterin der nahen Natur, denn sie lebt gänzlich zurückgezogen und ist nicht nur dadurch ihren Lesern und Fans ein großes Rätsel, wenn nicht sogar ein Mysterium.

„Ich bin nicht von dieser Welt. Das sagen zumindest die Leute. Als ob es nur eine Welt gäbe. Ich stehe in meinem großen, leeren Esszimmer, in dem ich niemals esse, und sehe nach draußen. Der Raum liegt im Erdgeschoss, der Blick fällt durch eine große Fensterfront auf die Wiese hinter dem Haus und auf den Waldrand. Dann und wann kann man Rehe beobachten. Füchse. Meine Welt ist nicht weit, aber meine Welt ist sicher. Zumindest dachte ich das.“

Linda Conrads hat seit elf Jahren dieses Haus nicht verlassen. Sie hat niemals einen Fuß nach draußen gesetzt. Sie hat ein schweres Trauma erlitten. Vor Jahren hat sie ihre Schwester Anna in einer Blutlache vorgefunden. Linda wollte sich damals bei ihrer Schwester ausweinen und suchte sie in ihrer Wohnung auf. Als sie nicht öffnete, verschaffte sie sich mit ihrem Schlüssel eintritt und sah Anna tot am Boden liegen. Ermordet mit vielen Messerstichen. Sie sieht neben sich noch einen Schatten und der Blick zur Seite zeigt ihr den Mörder. Ein Mann. Sie sieht nur sein Gesicht, da er sofort fliehen kann. Seitdem steht Linda unter unglaublichem Schock.

Trotz ihrer Probleme ist sie sehr erfolgreich und berühmt. Jedes Jahr veröffentlicht sie einen neuen Roman. Sie schreibt von ihren Lesern und der Presse gefeierte Literatur.
Viele halten die Autorin Linda Conrads für ein Pseudonym, da sie keine sozialen Kontakte pflegt. Selbst ihre Eltern hat sie seit damals nicht mehr gesehen. Lediglich ihr Verleger, der ihr auch ein guter Freund geworden ist, und die Haushaltshilfe kommen sie regelmäßig besuchen.

Sie wird von dem Gesicht des Mörders verfolgt. In ihren Gedanken und Träumen ist dieses „Monster“ immer gegenwärtig. Die Polizei schenkte ihr damals keinen großen Glauben. Bis sie nun, zwölf Jahre später, das Gesicht im Fernsehen sieht. Es ist ein berühmter Journalist…
Grund für sie nun aus ihrer Starre zu erwachen und sich einen Plan auszudenken. Sie will dem Mörder eine Falle stellen.
Noch nie hat sie als Autorin Interviews gegeben. Sie wechselt ihr eigentliches Genre und schreibt einen Krimi, der genau den Tatvorgang von damals schildert und lädt den Journalisten ein, mit ihr über dieses Buch zu sprechen. In der Hoffnung ihm ein Geständnis zu entlocken und, um endlich zu erfahren, warum Anna sterben musste.

Doch wer stellt wem eine Falle? Was muss passieren, damit Linda ihr eigenes Gefängnis wieder verlassen kann? Was ist damals wirklich geschehen? Wie merkt man, dass man wahnsinnig ist oder wird?
Es beginnt eine Art Kammerspiel, in dem die Wahrheiten verwischen und man als Leser alles glaubt und wieder nichts…

Das Buch ist klug komponiert und hält bis zuletzt den Spannungsbogen. Der Aufbau ist toll durchdacht und gut geschrieben. Die Charaktere bekommen Gesichter und Tiefen. Wir lesen nicht nur aus der Sicht von Linda, sondern folgen auch in einigen Kapiteln den Romanfiguren aus dem Krimi von Linda Conrads „Blutsschwestern“. Also ein Buch im Buch mit ähnlicher Handlung. Aber was sind lediglich nur wieder Lindas Geschichten? Was ist die Wahrheit…?

Ein spannender, gut zu lesender Roman, der fesselt…

Im Gespräch mit Melanie Raabe

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Daniela Gerlach: „Was das Meer nicht will“

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„Alles, was das Meer nicht haben will, spuckt es wieder aus.“

In dem Roman von Daniela Gerlach geht es um die Enge innerhalb einer Gemeinschaft. Um die Einsamkeit, die man erleben kann, auch wenn man nicht alleine ist. Zuviel Nähe kann für einige störend und wohl auch tödlich sein…

Daniela Gerlach hat Neuere deutsche Literatur, Kunstgeschichte und Theaterwissenschaft in München studiert. Jetzt arbeitet sie als freie Journalistin, Werbetexterin und als Ghostwriter. Seit 1997 ist sie gleich ihren Figuren nach Spanien gezogen und ist heute freie Autorin, die zwischen Mittelmeer und dem Ruhrgebiet pendelt.

Das Buch zeigt tiefgründig das Innenleben einer Frau, die sich in einer Hass-Liebe zu ihrem Ehemann Georg gefangen fühlt. Sie durchlebt ein emotionales Wechselspiel, denn sie ist von zwei sie liebenden Menschen unter ein familiäres Rad gekommen. Es sind ihr Mann und ihre Mutter, die ihren Einfluss auf sie und ihre Seelenwelt ausüben.

Anfänglich ist ihre Ehe mit Georg harmonisch, verkommt dann aber in der Routine des Alltags und wird aus ihrer Sicht eintönig. Auch der alljährliche Urlaub in Ihrem Sommerhaus in Spanien bietet wenig Abwechslung. Erst als Georg ihr das Schnorcheln schmackhaft machen kann, kommt neues Leben in sie. Sie lernt im Meer eine neue Welt für sich kennen, in der sie für sich ist und einfach sie selbst sein kann. Das Meer wird ein Ort der Freiheit für sie. Ferner lernt sie durch den Einkauf einer passenden Taucherbrille den Nachbarn Karl besser kennen, der einen Laden für Tauch- und Angelmaterial in der Ortschaft führt. Karl ist das genaue Gegenteil von Georg, der alles kontrollieren muss. Karl dagegen ist locker, unkontrolliert und lebt seine Freiheit, neigt aber zum Trinken.

Die Enge und der Streit sind vorprogrammiert, als ihre Mutter wie jedes Jahr auch nach Spanien anreist, um dort zwei Wochen mit ihrer Tochter zu verbringen. Eine tragische Konstellation, denn nun wird sie von ihrer Mutter und ihrem Ehemann immer mehr eingeengt und sie beginnt eine Affäre mit dem mysteriösen Nachbarn. Schließlich eskaliert die aufgestaute Spannung…

Ein Büchlein, das man ziemlich schnell konsumieren kann. Es hat mir persönlich einen für mich ziemlich fremden Umgang von Ehemenschen und sich Liebenden aufgezeigt. Ich habe teils mit Staunen diese Konflikte verfolgt. Ab und zu sind es leider kleine Sätze, die meinen Lesefluß unterbrochen haben, weil sie nach meinem Geschmack unpassend und etwas plump sind: „Georg fährt, er ist der Gefährte.“ Aber dies ist ein kleiner Minuspunkt in diesem beklemmenden Beziehungsroman. Ein Werk über die Verflechtungen von echter und falscher Liebe.

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Stories Friends

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Kenneth Bonert: „Der Löwensucher“

Löwensucher

Ein Buch, das mich begeistert hat. Trotz des Umfangs des Buches verbirgt sich in jedem kleinen Abschnitt eine tolle Erzählung und der „Held“ ist ein nicht immer sympathischer Protagonist, dessen Geschichte ich sehr gerne verfolgt habe. Ein umfangreicher, tiefgründiger Roman, der eine Geschichte erzählt, wie ich sie liebe: tragisch-komisch…

Der Autor, Kenneth Bonert, geboren 1972 in Johannesburg, wo er auch aufwuchs, bis er 17-jährig mit den Eltern nach Kanada emigrierte, hat mit „Der Löwensucher“ seinen Romanerstling verfasst, der bereits 2013 den National Jewish Book Award und den Edward Lewis Wallant Award gewann und auf der Shortlist für den Governor General’s Award war.

Der Roman spielt in der Periode zwischen den Weltkriegen. 1924 flieht Gitelle vor dem Pogrom mit ihren Kindern aus Litauen nach Johannesburg zu ihrem Mann Abel, der dort in seiner Uhrenwerkstatt tätig ist. Es ist die Zeit der Großen Depression und viele Juden sehen Afrika als hoffnungsvolles Land. Gitelle, die bereits schreckliches durchlebt hat, träumt von einem besseren Leben, von einem eigenen Haus und ist stets auf der Suche nach Glück. Ihr Sohn, Isaac, durchstreift als Kind mit seinen Freunden das jüdische Ghetto, während die Männer der verlorenen Heimat nachtrauern. Gitelle arbeitet hartnäckig an ihrem Neuanfang und hofft, ihre in der alten Heimat gebliebene Familie nachholen zu können.

Isaac fliegt durch seine erwachsende „Körperlichkeit“ von der Schule. Er fühlt sich körperlich zu seiner Lehrerin hingezogen und wird in einem peinlichen Moment erwischt und muß die Schule verlassen. Dies ist sein Einstieg in die Welt der Arbeiter und Erwachsenen. Auch Gitelle sieht darin eine Chance schneller an die Verwirklichung ihrer Träume zu kommen. Denn Isaac beginnt als Angestellter in einer Umzugsfirma und lernt dabei seine große Liebe, Yvonne, kennen. Da er die leeren Rückfahrten mit dem Umzugswagen auch als günstiges Busunternehmen umfunktioniert, um seinen geringen Lohn etwas aufzubessern, muß er auch diese Stelle bald wieder aufgeben. Später bekommt er die Möglichkeit als Lehrling in einer Autowerkstatt zu arbeiten.

Er lernt in seinen jungen Jahren viele skurrile und schillernde Typen kennen: den fürchterlichen Magnus Oberholzer, ein Sympathisant der antisemitischen Grauhemden, und den Vertreter und Wundermittelverkäufer Bleznik, der ihm immer wieder über den Weg laufen wird. Aber besonders prägt ihn Yvonne, seine große Liebe, die ihn auch zum Nachdenken anregt. Gerade über die „Eingeborenenfrage“, die er bisher nur aus der Sicht eines Weißen betrachtet hatte. Gitelle hat ihn sehr geprägt und ihn zu einem rechthaberischen, klugen Jungen erzogen. Ihre Welt besteht nur aus klugen und aus dummen Menschen und sie hat Isaac gelehrt, stets an sein Wohl zu denken und sich immer zu den Klugen zu zählen.

Ein meisterhaft erzählter Roman, der in einer tollen Sprache geschrieben wurde. Voller tragischer Momente, die aber mit viel Herzblut und Wärme erzählt werden. Teilweise mit toll pointierter Situationskomik und Wortwitz geschrieben.

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