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Heðin Brú: „Vater und Sohn unterwegs“

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„Früher war man dankbar, wenn ein armer Mann etwas zu essen hatte und ein Dach über dem Kopf. Jetzt muss alles immer so großartig sein.“

Heðin Brú erzählt vom Leben auf den kargen Färöer Inseln. Wir tauchen ein in eine Welt, in der der Mensch einen entbehrungsreichen Alltag erlebt und von dem Leben muss, was er von der Natur bekommt. Ein Dasein zwischen Walfang, Torfstechen und Treibholz sammeln.

Die färöische Landschaft besteht aus bewirtschaftetem baumlosen Land mit Äckern und Heuwiesen, nicht bewirtschafteter wilder Heide- und Berglandschaft und der windumbrausten, felsigen Küste mit ihren Schären. Die traditionellen Behausungen waren Lehmhütten mit wenigen Stuben, in dem das Tier und der Mensch gemeinsam unterkamen. Das Dach war meist aus Birkenrinde, das lediglich mit Grassoden abgedeckt wurde. Gegessen wurde aus einem Topf in der einzigen Stube, in der eine Feuerstelle am Boden war. Selbst Besteck war in dieser Zeit noch reiner Luxus.

Der Roman beginnt, als der Teenager Kálvur und sein schon recht alter Vater Ketil unterwegs sind zu einer Grindwaljagd. Schon in dieser Eröffnungsszene zeigt sich das Thema des Buches, denn Vater und Sohn gehen zu Fuß über den Berg, um den Schauplatz zu erreichen. Kálvur schaut neidisch auf die vorbeifahrenden Autos. Es ist der Einbruch der Moderne in diese trostlose archaische und traditionsbewusste Welt. Ketil steht dieser Entwicklung sehr ablehnend und verständnislos gegenüber. Er folgt seinem Glauben und seiner Gewohnheit und lehrt seinen jüngsten Sohn ein ehrliches Leben in dieser Fischer- und Bauernwelt, das sich mit den Gegebenheiten der Natur arrangieren muss. Ketil ist ein Relikt aus dieser untergegangenen Zeit, der durch seine sture Weisheit, die aus Naturverbundenheit und festem Gottesglauben besteht, zum Sympathieträger des Romans wird.

Nach der Waljagd, die auf den Färöer Inseln Tradition sind, ist Ketil leicht angetrunken und kauft für seine Familie ein zu großes und viel zu teures Stück Walfleisch. Da nun diese zukünftige Zahlschuld ihre Existenz bedroht, versuchen Ketil und Kálvur auf diversen Wegen das fehlende Geld aufzutreiben, sei es durch den Verkauf von Fischen, Seehund, selbstgestrickten Pullovern oder das trostlose Holzsammeln. Ganz anders als seine älteren Söhne, die sich nach einem besseren Leben sehnen und lieber durch Kredite einen erkauften Wohlstand leben. Dieses Denken ist Ketil gänzlich fremd und nur die eine drohende Rechnung wird zu einer sehr großen Belastung für ihn, die ihn aber nicht davon abhält, auch die Steuerschulden seiner Kinder zu bezahlen, damit diese nicht aus ihren neuen Häusern gepfändet werden. Ketil kämpft einen tapferen und ehrenvollen Kampf um seine Ehre, die er sich nicht nehmen lassen will.

Ein nordischer Klassiker, der mir sehr literarisch eine Welt aufgezeigt hat, die mir sehr fremd ist. Gerade der brutale Umgang mit den Lebewesen und besonders die Waljagd haben mich aus heutiger Sicht und als Veganer sehr abgeschreckt. Aber gerade dies macht das Buch sehr besonders, denn es unterhält auf sehr hohem Niveau und regt sehr zum Denken an. Die Menschen waren damals in dieser Region abhängig von der Jagd die im Vergleich zu der modernen Industrie-Fischerei wohl noch etwas naturbezogener war. Dieser literarische Schatz kann sehr bereichernd sein. Heðin Brús „Vater und Sohn unterwegs“ ist einer der ersten Romane, in denen die färöische Sprache, die zuvor dem ländlichen Alltag und den traditionellen Volksliedern vorbehalten war, zur Literatur wurde.

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Guggolz

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Im Gespräch mit Hauke Harder

Vielen Dank an Caterina Kirsten für das schöne Interview mit mir.
In der Reihe »SeitenBlicke« führt sie in unregelmäßigen Abständen Gespräche mit Literaturschaffenden aller Art. Heute komme ich zu Wort.

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Sandrone Dazieri: „In der Finsternis“ (Uccidi il padre)

piper in der finsternis

Ein spannender Roman, der mich sehr gefesselt hat. Sandrone Dazieri, eigentlich gelernter Koch, arbeitet als Lektor und Drehbuchautor. Daher versteht er es auch einen sehr spannenden Thriller zu schreiben, der mich als Leser in seinen Bann gezogen hat. Ich wollte nicht aufhören und war gestern beim Lesen nicht wirklich ansprechbar.

Die Handlung beginnt aus der Sicht von Dante Torre, der als Kind in einem Silo gefangen gehalten wird. Seine Welt besteht aus diesen runden Betonwänden mit einer nur notdürftigen Ausstattung. Sein Entführer, der sich wenn überhaupt nur vermummt zeigt, erniedrigt oder belohnt Dante willkürlich. Mal ist Dante der brave Sohn, mal das dumme Vieh. Elf lange Jahre wird er in diesem Betonsilo eingesperrt und musste lernen, jede kleine Geste seines Peinigers, den er „Vater“ nennen soll, zu deuten, um zu überleben.

Jahre nach seiner Befreiung verschwindet wieder ein Kind. Eine Familie war in der Natur zum Picknick unterwegs und der Vater war nur kurz in der Sonne eingeschlafen. Als er erwacht sind seine Frau und der gemeinsame Sohn weg. Als die Polizei eine Frauenleiche im Waldstück findet und vom Kind lediglich die Schuhe, die an einem Busch angebunden wurden, wird in alle Richtungen ermittelt. Der Vater steht als Hauptverdächtiger unter Verdacht, da auch Blut am Fahrzeug gefunden wurde. Die junge Ermittlerin Colomba Caselli, die eigentlich beurlaubt ist, soll auf Bitten ihres direkten Vorgesetzten in diesem Fall ermitteln, da sich innerpolitische Machtspiele in der römischen Polizei anzeigen.
Dante Torre soll ihr helfen, denn er besitzt eine besondere Gabe: er kann Menschen lesen, d.h. jede kleine Geste oder Betonung deuten. Doch hat er für diese Gabe einen sehr hohen Preis bezahlt, denn sein Trauma begleitet ihn beständig und ein normales Leben ist für ihn nicht mehr möglich.

Sie finden in der Nähe der ermordeten Frau eine Trillerpfeife, die einst Dante gehört zu haben scheint und seit seiner Befreiung nicht mehr gefunden wurde. Sein Entführer gilt, seitdem Dante fliehen konnte, als tot. Doch war der damals gefundene tote Landwirt nicht sein sogenannter „Vater“. Keiner schenkte ihm Glauben, auch jetzt nicht, als er die sterile aber ansonsten gewöhnliche Pfeife findet. Er weiß, der „Vater“ ist zurück und er hat erneut zugeschlagen…

Dante und Colomba setzen nun alles daran das Kind zu finden. Dante will endlich Genugtuung und Colomba hat nichts zu verlieren, denn sie wurde offiziell vom Dienst suspendiert, da eine Katastrophe in Paris sie beinahe das Leben gekostet hätte und ihre Karriere und damit ihre Existenz fast zerstört hätte. Diese Geschichte wird stets in Rückblicken erzählt und fügt dem rasanten Thriller einen weiteren Spannungsbogen hinzu. Beider Spürsinn bringt sie auf eine Fährte: Jahrelang sind unzählige Kinder entführt worden – mit dem Ziel, ihre Erinnerung auszulöschen und sie zu neuen Menschen zu machen. Jetzt werden beide endgültig von ihrer Vergangenheit eingeholt. Eine Reise in die dunkle Seite der menschlichen Seele…

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„Blauer Berg und weiße Wolke“

blauer berg weiße wolke Insel Verlag

„Der blaue Berg ist der Vater der weißen Wolke. Die weiße Wolke ist der Sohn des blauen Berges. Den ganzen Tag bedingen sie sich gegenseitig, ohne voneinander abhängig zu sein. Die weiße Wolke ist immer die weiße Wolke. Der blaue Berg ist immer der blaue Berg.“ Meister Tozan

Das Gleichnis vom blauen Berg und der weißen Wolke entstammt der Tradition des japanischen ZEN-Buddhismus, der aber seine Wurzeln im chinesischen hat. ZEN ist eine charakteristisch fernöstliche Form des Buddhismus und eine in China entstandene Strömung oder Linie des Mahayana-Buddhismus, die wesentlich vom Daoismus beeinflusst wurde. Er sperrt sich gegen diskursives Denken, aber enthält philosophische Einsichten, die sich von unseren gewohnten und schulischen Denkmustern abheben. Dieses Büchlein kann durch die gewählten Inhalte diesen Bogen zu unserem eigenen kulturellen Hintergrund verbinden.

Schwerpunkt dieser Schulen ist es u.a. den unruhigen Geist, die herumschwirrenden Gedanken (die tobenden Affen im Kopf) und spontanen Handlungen in eine Gegenwärtigkeit zu bringen. Die Bewusstmachung des Augenblicks. Das Geistige und das Gedachte durch Versenkung in einen Einklang zu bringen, um einen weisen Umgang mit sich und der Welt zu finden.
So kann ein unruhiger Geist, ein grübelnder Betrachter, durch die Berührung mit dieser Stille viel erfahren. Gleich einem stürmischen See, der durch die Verbindung zu stilleren Gewässern zur Ruhe kommt.

Viele bedeutende Vertreter sind in diesem handlichen Band vereint. Neuere sowie ältere Zitate von u.a. Ikkyu Sojun, Han Shan, Thich Nath Hanh und Hermann Hesse. Die ältesten Zitate stammen aus dem Pali-Kanon, den wohl frühesten Lehrreden des Buddhas. Der Buddha will auf das Göttliche in uns selbst aufmerksam machen. „Sieh dich selbst! Das ist alles! Dann weißt du alles!“. Ob man nun religiös interessiert ist, ein spirituell Suchender ist oder wie man zum Buddhismus steht, ist beim Lesen der Texte nebensächlich.

Anliegen diese kleinen Buches ist es, den Lesern, egal was man glaubt, einen anderen Blick zu vermitteln, auf das Sehen, Hören, Essen und sogar das Lesen. Eventuell entsteht eine neue Sicht auf uns selbst oder das Bewusstsein.

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Éric Faye: „Zimmer frei in Nagasaki“

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Mal wieder so ein kleiner, feiner Roman, der etwas ganz Besonderes ist. Ein Buch, das mich an „Ich nannte ihn Krawatte“ von Milena Michiko Flasar erinnert. Eine Lektüre über das Schicksal einer heimlichen Mitbewohnerin und ihres noch ahnungslosen und unfreiwilligen Gastgebers. Es sind zwei Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten und für eine Zeitspanne einen verändernden Teil im Leben des Anderen einnehmen, sich begleiten und dadurch die jeweilige Biographie umlenken. Das spannende dabei ist, dass sie sich nur einmal wirklich begegnen.

Die Geschichte spielt in Nagasaki. Dies ist die Stadt, die sich auch in der Geschichte des Landes als erstes der anderen Welt öffnete. Japan hat sich lange dem Welthandel verschlossen und erst den Niederländern erlaubt an eine künstliche Insel, die vor Nagasaki erbaut wurde, mit ihren Handelsseglern anzulegen (siehe auch im tollen Roman: „Die tausend Herbste des Jacob de Zoet“ von David Mitchell).

Die Handlung spielt in der heutigen Zeit und wir lernen Shimura Kobo, einen 56 jährigen Mann, kennen, der alleine in seinem kleinen Haus wohnt, das in einem Außenbezirk von Nagasaki steht.
Er wird stutzig, denn seit einigen Tagen hat er das Gefühl, daß ihm Lebensmittel aus dem Kühlschrank entnommen werden. Erst zweifelt er an sich: Hat er die Zutaten wirklich gekauft oder hat er sie eventuell im Geschäft liegen gelassen? Als er sich aber in seiner Wohnung immer unwohler fühlt beginnt er die Bestände zu notieren. An übersinnliche Begegnungen mag er nicht glauben. Als ihm wiedermal ein Joghurt fehlt und die Saftmenge reduziert ist kauft er sich eine Kamera, deren Bilder er online von seinem entfernten Arbeitsplatz abrufen kann. Er ist ein gewissenhafter Meteorologe der nun von einem seelischen Sturm erfasst wird, denn er wird Zeuge, wie sich eine ihm fremde Frau in seiner Küche Tee zubereitet und Reis kocht.

Der Roman, der auf eine wahren Geschichte beruht, die im Mai 2008 von mehreren japanischen Zeitungen veröffentlicht wurde, entfaltet aus unterschiedlichen Perspektiven das psychologische Portrait zweier Menschen, die sehr unterschiedlich sind und doch von der gleichen Sehnsucht verbunden sind.
Es geht um das ausgestoßen sein, das vertrieben sein, das Finden einer Heimat, das Zuhause, d.h. Geborgensein. Gleich vielen Lebewesen, die zu ihrem Ursprung zurückkehren, zum Ort ihrer Geburt, um dort für sich im Vertrauten zu sterben.
Das einleitende Zitat von Pascal Quignard am Beginn des Buches ist sehr passend:

„Man erzählt, dass Bambusstangen der gleichen Herkunft zur gleichen Zeit blühen und zur gleichen Zeit sterben, so entfernt die Orte sein mögen, wo sie auf der Welt gepflanzt worden sind.“

Ein kleiner „Leseschatz“, der mich überzeugt und viel Lesevergnügen bereitet hat. Der Autor Éric Faye wurde mit diesem Text zum ersten Mal ins Deutsche übersetzt. In Frankreich war der Titel bereits ein großer Publikumserfolg und wurde mit dem bedeutenden Grand Prix de l’Académie Française ausgezeichnet. Das Buch wurde von der Grafik-Designerin Anja Wesner gestaltet, deren Arbeiten bereits beim Wettbewerb der „schönsten Bücher der Welt“ berücksichtigt wurden.

Zimmer frei Nagasaki

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Antoine Laurain: „Liebe mit zwei Unbekannten“

Liebe mit zwei Unbekannten

Dies Buch ist wieder mal eines jener Bücher, die ich eigentlich nur testen wollte. Ich hatte das Leseexemplar vom Verlag erhalten und wollte es lediglich für unsere Buchhandlung prüfen…
Und auf einmal habe ich es ganz gelesen. Es hatte mich in seinen Bann gezogen. Auch wenn die Handlung keine großen Überraschungen bietet und die Protagonisten ein klein wenig klischeehaft sind. Man bekommt als Leser, das was man beim Betrachten des Buches bereits erwarten darf: Einen schönen Liebesroman, in dem man versinkt und für die Lesezeit sein Umfeld vergessen darf…

Es geht um zwei Menschen, Laure und Laurent, die in Paris leben und sich bisher nie begegnet sind. Beide haben ähnliche Namen und er verliebt sich in sie anhand ihrer Notizen und des Inhalts ihrer Handtasche.
Laure wird eines Tages brutal überfallen und beraubt. Sie zieht, da sie nun ohne Schlüssel auch nicht in ihre Wohnung kommt, für eine Nacht in ein Hotel, das genau gegenüber ihrem Haus steht. So kann jedenfalls auch ihre freilaufende Katze sie in dem Hotelzimmer besuchen. Doch wird sie am kommenden Morgen von dem Hotelpersonal, die ihren Einzug bereits mit einem kleinen Unbehagen zugelassen haben, bewusstlos vorgefunden. Die Verletzungen des Überfalls scheinen doch schlimmer zu sein als geahnt…

Laurent, ein Buchhändler, findet auf seinem Weg zu seiner Buchhandlung, eine Damenhandtasche, die lieblos auf einem Mülleimer abgelegt wurde. Von Neugier getrieben und, um auch die Besitzerin ausfindig machen zu können, schaut er in diese Tasche hinein.
Der Inhalt verrät ihm nicht den Namen, aber gibt dennoch einiges preis über die Besitzerin: einen Spiegel, Fotos und einen Roman von Modiano, was ihm als Buchliebhaber sehr begeistert, den Modiano gilt als sehr zurückhaltend und hier liegt nun ein vom Autor persönlich signiertes Exemplar an die Besitzerin vor.
Ferner findet Laurent ein rotes Notizbuch, in dem die Unbekannte ihre geheimen Gedanken und Träume festgehalten hat. Auch Ihre Listen von Dingen, die sie mag oder nicht mag.
Laurent ist fasziniert von dieser ihm unbekannten Frau und verliebt sich in ihre Gedanken. Also beschließt er, sich auf die Suche nach ihr zu machen.
Seine Bemühungen, sie, die Unbekannte zu suchen, sind irgendwie rührselig und es macht Spaß, ihm durch Paris auf dem Weg zu seiner Liebe zu folgen…

Ein schlichtes, aber schönes Buch, in dem ich mich unerwartet verloren habe und durch den Text stimmungsvolle Lesestunden hatte.

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Donal Ryan: „Die Sache mit dem Dezember“

diogenes ryan sache .. dezember

Ein junger Mann, der allein dasteht. Ein Dorf, das nur sein Bestes will. Eine Stimme, die ihn bezaubert. Und ein Geschäft, das alles verändert.

Ein irischer Roman, der ebenso typisch, wie ungewöhnlich zu lesen ist. Die Geschichte ist berührend, tragisch-komisch und wird durch die einfachen, wortkargen Menschen beseelt. Ein Roman, der in einer sehr intensiven und einfühlsamen Sprache geschrieben ist. Die Figuren werden beim Lesen sehr lebendig und haben mich bereichert.

Der Protagonist, John „Johnsey“ Cunliffes, ist ein stiller, etwas wortkarger Mensch, der auf dem Hof seiner Eltern aufwächst. Doch in ihm selber ist es selten still, denn er macht sich über alles Gedanken. Er wird noch verschlossener als sein Vater stirbt und seine Unsicherheit nimmt seit dem immer mehr zu.
Da kurz danach auch seine Mutter stirbt, drängen ihn alle Nachbarn, das von den Eltern geerbte Grundstück zu verkaufen. Ein millionenschweres Kernstück eines geplanten Bauprojekts, das für die Umgebung wirtschaftlichen Aufschwung bedeuten könnte. Aber John schweigt weiterhin und schließt seine Augen vor der Zukunft. Seine Peiniger aus Kindheitstagen lauern ihm daher eines Tages auf und verprügeln ihn sogar krankenhausreif und er läuft Gefahr, seine Sehkraft tatsächlich für immer zu verlieren.

Sein Lichtblick wird die freundliche Stimme von Siobhán, der Krankenschwester, in die er sich vom ersten Klang an verliebt. Aber auch sein Zimmernachbar findet Gefallen an der burschikosen Frau und so werden diese drei Menschen Freunde.
Johnsey öffnet nach längerer Zeit seine Augen, lässt sie aber vor dem anbrausenden Sturm der kommenden Ereignisse fast bis zum Schluss verschlossen. Denn der Druck der Gemeinde wird immer größer und die Umstände, die in Bewegung gesetzt wurden, kann keiner mehr so schnell aufhalten, bis es zum verstörenden Ende kommt…

Ein literarisches, kurzweiliges Lesevergnügen, das durch die tragische Geschichte und durch das Ende des Buches viel Raum für eigene Ideen und Gedankenspiele zulässt. Ein Roman, der klug und mit sehr viel Wortwitz geschrieben ist.

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Martin Suter: „Montecristo“

diogenes suter montecristo

„…so lange schweben wir weiter in der großen Seifenblase. Und wir werden uns alle darin so behutsam wie möglich bewegen, denn niemand will, dass sie platzt.“

Da ist er also, der neue Roman von Martin Suter. Für mich immer ein kleines Fest. Ich habe mich sehr gefreut, als ich die Sendung vom Verlag mit den ganzen Leseexemplaren ausgepackt hatte und mich „Montecristo“ anschaute. Dies habe ich mir ziemlich lange aufgehoben, denn wie bereits gesagt, ein Suter-Roman ist für mich irgendwie immer etwas Besonderes.

Die Handlung beginnt in einem Zug. Der Protagonist, Jonas Brand, ein Videojournalist, der selbständig tätig ist, sitzt im Speisewagen des Intercitys nach Basel, als dieser im Tunnel durch eine Notbremsung zum Stehen kommt. Es handelt sich um einen „Personenschaden“. Dieser sachliche Begriff umschreibt einen Todesfall, d.h. jemand ist unter den Zug geraten. Die Notverriegelung einer Tür wurde geöffnet und es ist jemand aus dem Zug gesprungen oder gestoßen worden. Jonas Brand hält alles mit seiner Kamera fest und wittert eine kleine Skandalstory, denn der Verstorbene, Paolo, ein Bankangestellter, wird von seinen mitreisenden Kollegen mehr oder weniger vermisst…

Der Grund, warum aber Jonas Brand nach Basel reist, ist eine Party, bei der die Prominenz der Stadt Gelder für wohltätige Zwecke sammelt. Er soll über diese Festlichkeiten eine Reportage für seinen Hauptkunden „Highlife“, einem Lifestylemagazin, drehen. Daher wandert sein Film über das Unglück im Zug bisher lediglich in seine privaten Archive.

Seinen Beruf sieht Jonas Brand bisher auch nur als Übergangslösung an. Eigentlich möchte er einen Film drehen, dessen Plot ein moderner Graf von Montecristo ist und auch den Arbeitstitel „Montecristo“ trägt. Seiner neuen Freundin, Marina Ruiz, die er auf einer Filmpremiere kennen lernt, erzählt er die Handlung seiner Filmidee. Ein Gründer eines Dotcomunternehmens, das mehr als erfolgreich läuft, wird in Thailand festgenommen, da man ihm Heroin ins Gepäck geschmuggelt hat. Dieser Fall erregt großes Aufsehen, als aber seine Geschäftspartner ihn überraschend belasten, verliert sich das öffentliche Interesse. Seine Partner, die ihm auch das Heroin unterschmuggeln ließen, erhalten die Kontrolle über sein Vermögen. Er kann aber fliehen und nach operativen Veränderungen nimmt er Rache…
Als Brand sich in Marina Ruiz verliebt, rücken seine Träume erneut in den Vordergrund, denn sie sieht in diesem Film ebenfalls Blockbusterpotential.

Drei Monate später spielt ihm der Zufall wieder etwas Merkwürdiges in die Hände: zwei Hundertfrankenscheine mit identischer Seriennummer – beide, wie ihm von seiner Hausbank mitgeteilt wird, echt. Sein journalistisches Interesse ist geweckt, denn wie kann trotz der vielen Sicherheiten und Vorsichtsmaßnahmen seitens der Bundesbanken und deren Druckereien, so ein Fehler passieren?
Als auch noch in Brands Wohnung eingebrochen und diese durchwühlt wird und er kurz danach überfallen und brutal zusammengeschlagen wird, drängt sich der Verdacht auf, dass jemand Interesse an seinen Funden und Recherchen hat.
Denn wie sich später herausstellt, scheint auch der „Personenschaden“ mit diesem Fall in Verbindung zu stehen, denn der tote Banker, Paolo, hat Unmengen von Geldern verspekuliert und jemand will nun alle Ungereimtheiten aus der Welt schaffen. Auch sein Filmplot scheint eine Metapher des Kommenden zu sein, denn Jonas Brand gerät immer mehr in einen Strudel aus wirtschaftlichen und politischen Interessen.

Ein sehr spannender Roman aus der Welt der Banker, Börsenhändler, Filmproduzenten, Journalisten und Politiker. Ein gelungener Lesespaß und ein Thriller über ein abgründiges Szenario. Ein Suter über die Moral in der Finanzwelt, aber auch in der Liebe…

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Matthew Thomas: „Wir sind nicht wir“

berlin wir sind nicht wir

Was ist wirklich wichtig im Leben? Hat man ein Recht auf Glück? Und wer sind wir, wenn wir nicht mehr wir selbst sind?

Ein umfangreiches Epos, das die Geschichte einer irisch-amerikanischen Einwandererfamilie erzählt.
Ein Buch, das Mut macht und eine Familiengeschichte, die Hoffnung gibt nicht aufzugeben, auch wenn das Schicksal einen verzweifeln lassen könnte.

Es zeigt uns eine verträumte Protagonistin, die uns lehren kann, dass wir immer in der Lage sind etwas zu lernen, dass es nie zu spät ist im Leben. Der Mensch kann sich eventuell nie ganz ändern, aber er kann stets versuchen, ein besserer Mensch zu werden, eine liebevollere Version seines Selbst. Es zeigt uns, dass Träume wichtig sind, aber man sollte sich auch mit dem was man hat zufrieden geben können. Ein ewiges Hoffen auf eine bessere Zukunft und ein auf dieses ausgerichtetes Leben, kann dem wirklichen, bewussten Leben nur im Wege sein.

Die ergreifende Familiensaga umspannt die Zeit von 1951 bis 2011 und ist ein umwerfender Debüt-Roman von Matthew Thomas, der an dem Buch über 10 Jahre geschrieben hat.
Es ist ein tolles Buch über die Belastbarkeit des Menschen und kein typischer Aufsteiger-Roman, der jene Erfolgsgeschichten derer erzählt, die sich von unten nach oben, d.h. vom Tellerwäscher zum Millionär, gearbeitet haben. Dieses Buch erzählt uns die Geschichte von Eileen, die wir 1951 als junges Mädchen kennenlernen. Sie ist die Tochter von „Big Mike“, dem Patriarchen von Woodside, dem Arbeiterviertel in Queens. Ihre Eltern sind Iren, die nach Amerika ausgewandert sind und wir verfolgen Eileens Erwachsenwerden in dieser Welt. Sie steht im Schatten ihres großen Vaters, dem alle im Viertel Respekt zollen. Er ist der Magnet jedes irischen Pubs. Doch ihre Mutter wird zur Alkoholikerin und es liegt an Eileen, sie durch diese Krankheit zu begleiten.

Eileen erträumt sich eine bessere Zukunft und als sie den Naturwissenschaftler Ed Leary kennen und lieben lernt öffnet sich für sie diese Möglichkeit. Sie arbeitet als Krankenschwester und stürzt sich in diese Arbeit als sie ihr erstes Kind verliert. Ihr Traum vom Vorankommen bleibt stets ihr Motivator und sie beobachtet fassungslos ihren exzentrischen Mann, der kein Interesse an seiner Karriere hat. Später wird sie aber doch schwanger und sie bekommen einen gemeinsamen Sohn. Aber langsam verändert sich ihr Mann immer mehr. Erst sind es kleine Details, die sich schleichend zeigen. Es ist der Sohn, der es zuerst bemerkt als er den Unterricht seines Vaters besucht. Als Eileen mit Ed zum Arzt geht erhalten sie die Diagnose: Alzheimer. Aber nichts kann Eileen niederringen, sie ist eine glaubhafte Heldin, die uns inspiriert, das Kommende und das Seiende zu akzeptieren und Zeit mit den Menschen zu verbringen, die uns wichtig sind.

Ein Buch, das ich ziemlich zügig und sehr gerne gelesen habe. Denn es ist eine fesselnde Geschichte mit glaubhaften Charakteren, die sich nicht auf einen Einwanderer,- Familien- oder Alzheimer-Roman begrenzen lässt.

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Klaus Modick: „Konzert ohne Dichter“

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Fritz Mackensen war 1884 bei seinem ersten Besuch von Worpswede begeistert. Die Landschaft, die Natur und die Weite des nordischen Himmels faszinierte seitdem junge und aufstrebende Künstler, die den überregionalen Ruf des Künstlerortes festigen. Die Gründer sind Mackensen, Otto Modersohn, Fritz Overbeck, Hans am Ende und Heinrich Vogeler. 1895 ist eine gemeinsame Ausstellung im Münchener Glaspalast der Worpsweder Künstler und ihr Bekanntheitsgrad steigt und zieht weitere Künstler an. Sie werden zu einem festen Begriff der Kunstszene. Unter ihnen befindet sich auch Rainer Maria Rilke, der dort die Bildhauerin Clara Westhoff kennen lernt, die er auch später heiratet. Ebenso lernen sich dort Heinrich und Martha Vogeler kennen, sowie Otto Modersohn und Paula Modersohn-Becker. Es entsteht ein künstlerisches Zusammenleben, eine Künstlerfamilie, die aber auch durch die unterschiedlichen künstlerischen und wohl auch politischen Haltungen kränkelt.

Der neue Roman von Klaus Modick „Konzert ohne Dichter“ macht uns diese Zeit und ihre Protagonisten erlebbar. Modicks umfangreiches literarisches Schaffen hat mich stets begeistert. Er schafft es mit einer leichten und doch sehr literarischen Art zu unterhalten und zu bilden. Seine bekanntesten Werke sind: „Der kretische Gast“, „Klack“, „Bestseller“ und „Sunset“. Auch „Sunset“ war wie „Konzert ohne Dichter“ ein Künstler-Roman. In „Sunset“ ist es Feuchtwanger, der im kalifornischen Exil 1956 an einem Augustmorgen die Nachricht vom Tode Bertold Brechts bekommt, die ihn tief erschüttert und innerhalb eines Tages, bis zum Sonnenuntergang, an die gemeinsame Zeit erinnern lässt.

Im Roman „Konzert ohne Dichter“ ist es Heinrich Vogeler, dem im Jahr 1905 die Goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft verliehen wird. Besonders für das nach fünfjähriger Arbeit fertiggestellte Werk „Das Konzert oder Sommerabend auf dem Barkenhoff“. Der Roman spielt an drei Tagen: 7. Juni, 8.Juni und am 9. Juni 1905. An diesen Tagen wird das Erlebte, aber auch Vogelers Blick auf die Entstehung der Gemeinschaft erzählt. Vogeler war Maler, Grafiker, Architekt und Designer. Er war das jüngste und letzte Mitglied der Worpsweder Malervereinigung. Er entwickelte sich zu einem der bedeutendsten Repräsentanten des Jugendstils.

Der Ruf der Künstlerszene und besonders der Erfolg von Vogeler lockt weitere Künstler an. Unter ihnen der Dichter Rainer Maria Rilke. Der nicht gerade sehr sympathische Mann, der hier als junger Lyriker erscheint, der bisher nur schlechte Gedichte verfasst hat, ist auf der Suche nach Sponsoren. Sein wahres, großes Schaffen, sein lyrisches Werk kam erst später. Hier ist Rilke ein Schnorrer und Frauenheld. Rilke nutzt seine Chance und sucht die Unterstützung Vogelers und profitiert von dessen Einfluss.
Rilke heiratet die Malerin und Bildhauerin Clara Westhoff. Sie führen eine unglückliche Ehe. Auch Vogeler, der an dem berühmten Gemälde „Das Konzert oder Sommerabend auf dem Barkenhoff“ arbeitet, ist unglücklich. Seine Ehe kriselt, sein künstlerisches Selbstbewusstsein gerät ins Wanken und seine Freundschaft zu Rilke zerbricht. Das Werk, das den Freundeskreis auf der Terrasse bei einem Konzert darstellt, ist das Kernstück dieses klugen Romanes. Alle Protagonisten stehen verträumt und nach innen gekehrt im ländlichen Idyll. Sie hängen in Gemeinschaft eigenen Gedanken nach und verweilen in Traurigkeit. Im Bild befindet sich ein leerer Stuhl. Ein Platz zwischen den Frauen bleibt leer. Es ist der Platz, den Rilke besetzen sollte…

Ein wunderbares Buch, das uns in die Zeiten des Jugendstils versetzt und in die Worpsweder Künstlerkolonie einlädt. Ein Roman über Freundschaft, die durch kleine Bemerkungen oder Gesten fragil werden kann. Ein historischer Roman, der aber auch den Bogen ins Jetzt schlagen kann, denn es sind die Verkleidungen, das Künstliche, das Dekadente und das Natürliche, das uns zu prägen vermag.

Ein gut lesbarer Kunstroman, der auch in der Gestaltung überzeugt. Der Einband erinnert an die Buchgestaltungen des Jugendstils und liegt wunderbar in der Hand. Neben der Abbildung des Gemäldes im Buch sind auch die Initialien an den Kapitelanfängen künstlerisch gestaltet, diese stammen aus einer von Heinrich Vogeler gestalteten Schmuckschrift.

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