Archiv der Kategorie: Erlesenes

Julia Jessen: „Alles wird hell“

alles wird hell

nm55as4511WOUYNKYHDas Buch beginnt mit dem Ende. Oda als alte Frau steht in ihrem Vorgarten und raucht. Wiedermal schaut sie nur auf ihre Füße als sie stürzt. Während sie am Boden liegt läuft ihr Leben in ausgewählten Situationen und Bildern an ihr vorbei. Mehrere Phasen durchlebt sie erneut bis sie ins Licht geht: Aufbrüche, Abnabelung, Entfremdungen, Abschiede und zwischendurch springen ihre Erinnerungen wie in einem Traum.

In Julia Jessens unglaublich schönem Debüt wird die Geschichte einer Frau erzählt, die das Glück und familiäre Beständigkeit sucht. Wir begegnen Oda als kleines Mädchen, die ihre erste Freiheit erahnt aber auch die Kraft der Lüge erlernt. Als Sechzehnjährige, die sich und ihre Gefühle innerhalb ihres Umfelds und besonders ihrer Familie einordnen möchte. Ihre Verwandtschaft, die sie provozierend aber stets liebevoll beobachtet. Als Vierzigjährige, die sich ein zweites Kind wünscht und dadurch in ein dunkles Loch fällt, da sie meint ihren Mann bei einer Lebenslüge erwischt zu haben und sie sich selber und ihr Umfeld belügt. Wie kann man diese Entfremdungen überwinden und die Liebe bewahren? Bis ins hohe Alter? Wir, die Leser, verlassen Oda als alte Frau, d.h. sie verlässt uns, denn sie geht ins Licht und alles wird hell…

Der Aufbruch beginnt mit der Hochzeit ihrer Tante. Oda beobachtet ihre Verwandtschaft, wie sie sich in die Vorbereitungen verstrickt und jeder seinen Platz innerhalb der Familie einnimmt. Die Diskussion um die Platzkarten sind ein Rahmen, der jeden in seinen Bereich einzuteilen scheint. Das Ehebündnis soll auf Sylt mit einem schamanischen Zeremoniell geschlossen werden. Doch die Feier wird durch den plötzlichen Tod Odas Urgroßmutter getrübt. Der Tod wird im Roman ein beständiger Begleiter bleiben. Er ist immer im Leben gegenwärtig, sei es in dieser Geschichte die Urgroßmutter, das ungeborene Kind, der Ehemann oder Oda.

Jahre später ist Oda verheiratet und Mutter. Doch in ihr nagt der sehnlichste Wunsch nach einem weiteren Kind. Doch auf einmal verweigert ihr Ehemann das zweite Kind, wobei er stets behauptet hatte, ebenfalls weitere Kinder zu wollen. Für Oda ist dies eine Verletzung, da sie ihm diese Lüge nicht so schnell verzeihen wird. Dies ist der Beginn der Entfremdungen. Doch Oda arbeitet an sich und will die Liebe bewahren. Ihr Leben als Tänzerin hat sie gelehrt, die Balance zu halten. Denn es ist wichtig bei einem kleinsten Pfad nicht nur auf die Füße zu achten, sondern stets den Blick auf das helle Umfeld zu richten und den kommenden Schritt zu fühlen. Wer lediglich auf die Füße schaut, fällt. Gleich den vielen Farbenspielen im Buch. Julia Jessen baut immer wieder farbige Metaphern ein bis alle Farben ineinander fallen und sich ergeben und am Ende Weiß werden. Alles wird weiß. Weißes Licht…
Das Buch spielt mit Farben und Grenzen. Jene Linien, Zäune, Gräben und Häute, die uns vom Gegenüber trennen können. Gleich dem kleinen Schritt auf der Bühne, auf der man seine Rolle spielt oder tanzt. Ein Roman der uns lehren kann, die Balance zu halten und, dass wir keine einzelnen Staubpartikel sind, die alleine im Licht tanzen.

„Sie hat einen verzweifelten Kampf, ein Ringen um die richtige Form getanzt. Den Kampf der Menschen um eine Form, eine Haltung, die sie durch das Leben tragen kann. Die uns hält. Und sie hat davon erzählt, wie die Menschen auseinanderfallen. So habe ich das verstanden.“

Ein großartiger Roman. Voller Leben und Liebe. Eine Liebeserklärung an das Leben. Ein Roman, der den Leser das Wesentliche betrachten lässt. Sehr gegenwärtig und farbenfroh… Ein heller Roman, ein Leseschatz, der gelesen gehört.

Lesung mit Julia Jessen: Freitag, 12.06.2015 in der Buchhandlung Almut Schmidt, Kiel

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Ernest van der Kwast: „Fünf Viertelstunden bis zum Meer“

mare fünf viertelstunden bis zum meer

Ein kleines Buch, das ich an einem Sonntagmorgen ganz schnell inhaliert habe, aber das mich durch seine kompakte und emotionale Geschichte bewegt hat. Ein Buch über die großen Chancen im Leben, den Drang nach Freiheit und besonders über den Mut zu der wahren, großen Liebe.

Die Geschichte spielt in Italien und beginnt 1945 am Strand von San Cataldo. Die beiden Brüder Ezio und Alberto beobachten Mädchen am Strand, die zur damaligen Zeit noch in Badeanzügen hochverschlossen flanieren und vorbeistolzieren. Am selben Tag macht sich die 20-Jährige Giovanna Berlucchi auch auf den Weg zum Strand. Weil sie sich vorher mit ihren Schwestern um den Badeanzug gestritten hatte, da diese sich ihre gesamte Kleidung teilen müssen, und beim Zerren der Schwimmanzug reißt, bastelt sich Giovanna aus den beiden Stoffstücken einen bis dahin noch nicht erfundenen Bikini.
Als Giovanna nach dem Schwimmen aus dem Wasser kommt, verliebt sich Ezio unsterblich in sie. Er macht ihr nach dem ersten missglückten Kussversuch gleich zwei Heiratsanträge. Doch durch ihren Drang nach Freiheit antwortet Giovanna mit einem Spurt ins kühlende Nass. Ezios Liebeskummer lässt ihn fliehen und er verläßt den Süden Italiens und wird Apfelpflücker in Südtirol. Im Winter lebt er auf den Höfen und melkt dort die Kühe. Niemals wird er aber jenen Sommer mit Giovanna vergessen und Jahre später trifft auch ein Liebesbrief von ihr ein…

Der kleine Roman ist voller schöner Geschichten, über den Briefträger, über die leichte Jugend der Brüder und die große verlorene Liebe von Ezio und Giovanna und die Erfindung des Bikinis. Ein Buch, das sehr leicht und angenehm zu lesen ist und trotz der Leichtigkeit eine Tiefe über die wichtigen Entscheidungen und die kleinen Zufälle im Leben hat. Das Buch hat einfach nur Charme.

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Amber Dermont: „In guten Kreisen“

mare in guten kreisen

Ein umfangreicher, stimmungsvoller Roman, der in dem Milieu der reichen Amerikaner an der Ostküste spielt. Der sympathische und irgendwie liebenswerte Protagonist, Jason Prosper, durchlebt einen Seelensturm, während im Hintergrund des Börsencrashs der 80er Jahre ein Orkan alles aufwühlt, vernichtet und wegfegt.

„Ich brüllte in die Nacht hinaus. Ließ meinen eigenen Hurrikan los und heulte mir meinen Zorn von der Seele.“

Die Handlung spielt in Neuengland und Jason Prosper wächst in einer reichen Umgebung auf. Er stammt aus besten Verhältnissen und besucht die Schulen der amerikanischen Ostküstenelite. Doch interessiert ihn der ganze Glanz des Reichtums nicht. Er liebt es mit seinem besten Freund Cal zu segeln. In dieser Leidenschaft blüht er völlig auf und als intelligenter, sportlicher Teenager durchblickt er schnell die ganzen Abgründe des Wohlstands und er verbringt seine ganze Freizeit lieber am Meer. Sie segeln sogar sehr erfolgreich diverse Regatten und fühlen sich zusammen unschlagbar. Als Cal sich aber eines Tages das Leben nimmt, zerbricht für Jason eine Welt. Alles gerät in ihm und um ihn herum aus den Fugen. Ist Jason verantwortlich für den Selbstmord von Cal? War es eine reine Verzweiflungstat? Denn beide teilten ein dunkles Geheimnis…

Aus der Bahn geworfen und in sich gekehrt muss Jason die Schule wechseln. Er wird durch eine großzügige Spende seines Vaters an der Bellingham Academy angenommen. Eine Schule gestrauchelter Jugendlicher aus reichem Elternhaus. Ein teures aber auch freizügiges Internat. Hier begegnet er am ersten Tag bereits Aidan, einer eigenwilligen Außenseiterin, die ihn fasziniert.

„Ich war in einem Raum voller fröhlicher junger Leute. Ich hatte mich nie älter gefühlt. Und noch nie so allein.“

Auf das Drängen des Coaches versucht es Jason erneut mit dem Segeln. Da er noch nie mit einem anderen Partner als Cal gesegelt ist, will er es sich und seinem Kameraden beweisen. Durch zu hohe Geschwindigkeit kentert er beim Wendemanöver und sein Mannschaftskamerad geht über Bord und wird unter Wasser gedrückt. Jason kann ihn retten, aber kehrt erneut gestrauchelt zurück. Diese Tat wird ihn lange begleiten und ist der Auftakt des eigentlichen Dramas. Denn auch wenn er seinen Schulfreund retten konnte, ist er kein Held.
Sein Lichtblick ist Aidan, die ihn vom ersten Tag an begeistert und ihm etwas Aufschwung gibt. Als Aidan ihn zu einer Party mitnehmen will, er aber mit seinem Bruder anderen Terminen nachkommen muss, kommt es zu einem weiteren noch tragischeren Einschnitt in seinem Leben, denn die Küste Neuenglands wird von einem Orkan getroffen und es wird vieles, was verborgen geglaubt war, aufgedeckt. Als die Wogen sich glätten wird eine Frauenleiche am Meer gefunden…

Ein kluger Roman, der die Lebensphase der Jugend während der Orientierung und des sich Findens schildert und durch die tiefgründige Figur des Jason Prosper an die großen Werke der amerikanischen Literatur erinnert.

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Nicholas Kulish & Souad Mekhennet: „Dr. Tod – Die lange Jagd nach dem meistgesuchten NS-Verbrecher“

dr tod beck verlag

Ein unfassbares Buch. Auch wenn man meint, man habe so viel über das Schrecken der Nazivergangenheit gelesen und gesehen, gibt es doch immer wieder Bücher, die mich erschrecken und dadurch fesseln. Ein Bericht über Aribert Heim. Ich habe vorher nichts von ihm gewusst, wobei er einer der meistgesuchtesten NS-Verbrecher war.

Er wurde „Doktor Tod“ oder „Schlächter von Mauthausen“ genannt. Er war nur wenige Monate in einem Konzentrationslager stationiert, aber in dieser Zeit wurde er für seine unvorstellbar grausamen „Behandlungen“ von Gefangenen berüchtigt.
Das Konzentrationslager Mauthausen war das größte Konzentrationslager der Nationalsozialisten auf dem Gebiet Österreichs. Himmler hatte den Standort wegen der Granitsteinbrüche gewählt. Im Steinbruch wurden die Häftlinge als Zwangsarbeiter eingesetzt. Ein Lager mit den härtesten Haftbedingungen, schlimmer als Dachau und Auschwitz. Bestimmt für die „Vernichtung durch Arbeit“. Der SS-Standortarzt, Dr. Heim, wurde durch seine unglaubliche Grausamkeit bekannt. Er überzeugte durch geschickte Redewendungen viele zu anscheinend harmlosen Operationen. Seine Unmenschlichkeit zeigte sich auch darin, daß er präparierte Schädel als Schreibtischschmuck für sich und seine Freunde nutzte.

2009 gelang es den Journalisten Nicholas Kulish und Souad Mekhennet, die Hinterlassenschaften von Dr. Aribert Heim, in Kairo aufzuspüren. Denn Heim konnte untertauchen und war jahrzehntelang der meistgesuchte NS-Verbrecher.
Nach dem Krieg führte er zunächst ein gewöhnliches Leben als Gynäkologe, Eishockeyspieler und Familienvater. Kurz vor seiner Verhaftung tauchte er 1962 in Kairo unter und baute sich eine neue Existenz auf und verstarb dort 1992.

Dieses Buch beinhaltet die erschreckende und unfassbare Geschichte vom Leben und der Flucht Heims mit dem Bericht über die lange Jagd nach ihm.

Die Autoren Nicholas Kulish und Souad Mekhennet waren in der Sendung „Nachtlinie“ am 26.01.2015 im Bayerisches Fernsehen zu Gast. Zum Video.

Buchtrailer:

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Franz Hohler: „Gleis 4“

gleis 4

„Darf ich Ihnen den Koffer tragen?“ Hätte sie geahnt, was dieser Satz für Folgen hatte, sie hätte abgelehnt, höflich, aber entschieden.

Gestern haben wir einige Taschenbuch-Novitäten ausgepackt und dabei ist mir „Gleis 4“ von Franz Hohler erneut aufgefallen. Dies hatten wir damals bereits als Leseexemplar bekommen, dann ist es aber in unserem Büchermeer versunken. Jetzt, nachdem ich es ausgegraben hatte, hatte ich gestern mit dem Buch sehr schöne Leserlebnisse.

Isabelle arbeitet als Altenpflegerin, hat gerade eine Operation hinter sich und ist auf dem Weg zum Flughafen, um in den Urlaub zu fliegen. Sie will sich nach den anstrengenden Tagen in Stromboli erholen und hat sich dort mit ihrer Freundin verabredet. Doch es kommt alles ganz anders, denn als Sie sich am Bahnhof zum Zug, der sie zum Flughafen bringen soll, mit ihrem schweren Koffer abmüht, spricht sie ein älterer Herr an, der ihr seine Hilfe anbietet. Ein Gentleman, der für sie den Koffer zum Gleis bringt. Am Zug angekommen, möchte sie sich bei ihm dankbar verabschieden, aber der Mann erstarrt kurz in seiner nickenden Pose und bricht mit einem Herzanfall zusammen. Er raunt ihr noch etwas zu, als sie ihm erste Hilfe gibt, verstirbt dann aber am Gleis. In der ganzen Hektik durch die Polizei und die Passanten und den Notarzt, merkt Isabell nicht, daß sie unbewusst eine Mappe des Fremden in ihren Koffer eingesteckt hat.

Da sie nun den Flug verpasst fährt sie nachhause und erst durch das Klingeln des Handys des Toten, bemerkt sie die Mappe. Eigentlich will sie die Mappe der Polizei geben, doch da das Telefon stets von Neuem klingelt, geht sie ran und eine barsche Männerstimme spricht eine Warnung an den unbekannten Toten aus. Da sie der Polizei für weitere Fragen bereit stehen soll und auch der anreisenden Witwe, die aus Kanada anreist, zur Verfügung stehen möchte, falls diese Fragen hat, ist an die eigentliche geplante Reise nicht mehr zu denken.

Isabelle möchte nun mehr erfahren und macht sich auf die Suche nach dem mysteriösen Anrufer und erfährt von der Witwe, daß der Verstorbene in Kanada unter einem anderen Namen lebte als der, unter dem ihn der unheimliche Anrufer kannte. Die beiden Frauen recherchieren mit der Unterstützung von Sarah, der Tochter von Isabelle, und machen sich gemeinsam nach den Wurzeln der Geschichte des Toten, der anscheinend eine doppelte Identität und wohl eine furchtbare Kindheit hatte…

Ein leichter, aber hintergründiger Roman, der voller Gesellschaftskritik ist. Ein Buch, das immer spannend bleibt und eine sensible Geschichte erzählt, die betroffen machen kann…

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Kazuaki Takano: „Extinction“

Kazuaki Takano Extinction Bertelsmann

Ist die nächste Stufe der Evolution das Ende von uns allen?

Ich hatte jetzt einfach mal Lust auf ein schnelles, spannendes Buch. Ich hatte mich für „Extinction“ von Kazuaki Takano entschieden. Es war eine spontane Entscheidung, denn das Buch hat mich optisch angesprochen und der Text auf der Rückseite las sich sehr spannend und versprach, was ich suchte: gute Unterhaltung.
Der Hauptgrund war auch der japanische Autor, denn ich bin immer sehr neugierig auf japanische Literatur. Es handelt sich um einen gut gemachten Thriller, der cineastische Bilder beim Lesen heraufbeschwört.
Die Handlung beginnt im Weißen Haus, wo der Präsident zu einer Besprechung gerufen wird, in der man ihm mitteilt, dass ein Junge, Akili, wohl eine „neue Lebensform“ ist, eine neue Spezies des Menschen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten. Der Junge, ein Angehöriger eines Pygmäenstammes, kann diverse Codes und Formeln errechnen, bestimmen und auch chemische Formeln für lebensrettende Medikamente erstellen…
Die amerikanische Regierung sieht in dieser Entwicklung eine Bedrohung und meint, dieses Geschöpf bedrohe die ganze Menschheit.

Der eigentliche Held des Romans, Jonathan Yeager, ein Söldner, der sich am Anfang des Romans im Irak befindet, soll von der Regierung rekrutiert werden. Da sein Sohn unter einer tödlichen genetischen Krankheit leidet, nimmt er aus finanziellen Gründen den Auftrag an, um die weiteren Therapien für seinen Sohn bezahlen zu können. Sein Auftrag ist, mit allen Mitteln zu verhindern, dass ein tödliches Virus, das bei einem Pygmäenstamm im Kongo ausgebrochen sei, sich ausbreitet. Der Leiter dieser Operation, deren Ziel die Vernichtung der neuen Spezies ist, ist ein vom CIA eingesetzter Wissenschaftler. Doch bald bemerken sie, dass diese Spezies schützenswert ist und werden selbst zu Gejagten.
Der japanische Student Kento Kaga, erfährt, daß sein verstorbener Vater Medikamentenversuche durchgeführt hatte. Er forschte an einem Medikament gegen den tödlichen Gendefekt, an dem auch Yeagers Sohn leidet. Kento soll dieses Medikament entwickeln, doch hat er nur wenig Zeit und gerät ebenfalls in das Visier der amerikanischen Regierung und der CIA.

Alle Handlungen verweben sich zu einem Thriller, der sehr schnell zu lesen ist und einfache, gute Unterhaltung darstellt. Die Charaktere sind etwas plakativ und die Handlung in Teilen vorhersehbar, sehr konstruiert und gewollt. Aber das war auch gut so, denn gerade dadurch hat mir dieses Buch auch wieder Spaß gemacht. Gute Unterhaltung, gleich einem Spielfilm.

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Ian McEwan: „Kindeswohl“

Kindeswohl

Ein Gefühlsaufwallendes, hartes Buch über brisante Themen. Ein Werk über das menschliche Bestreben gerecht zu sein und so zu handeln. Eine Geschichte über die Konflikte zwischen Religion, Wissenschaft, Glauben, Ratio und Juristerei. Der Titel des wunderbar geschrieben Werkes „Kindeswohl“ ist der Kern des Romans.

„…keinen Ersatz für seine Religion, keinen Schutz, dabei war das Gesetz eindeutig, sein Wohl hatte ihr als oberste Richtschnur zu dienen.“

Das Kindeswohl ist etwas Soziales und in einer Gesellschaft reglementiert. Es dient dem Schutz eines Kindes. Die Protagonistin des Romans, die Richterin Fiona Maye, hatte geglaubt ihre Verantwortung endet an der Tür des Gerichtsaals und öffnet damit eine emotionale Seelenreise…

Fiona Maye ist eine sehr angesehene Richterin, die für ihre Gewissenhaftigkeit weit über London hinaus bekannt ist. Sie entscheidet über das Leben und Glück vieler Familien. Sie ist mit Jack, einem Geschichtsprofessor, verheiratet und lebt mit diesem in einer anscheinend harmonischen, aber kinderlosen Ehe. Nach gemeinsamen dreißig Jahren bittet Jack sie um den Segen für seine geplante Affäre mit einer anderen Frau. Für Fiona ist dies ein unverdaulicher Schmerz und sie wirft ihn aus dem gemeinsamen Haus, denn emotional muß sie sich auf einen sehr brisanten Fall vorberieten. Adam, ein Junge, der in wenigen Monaten die Volljährigkeit erlangt, leidet an Leukämie und benötigt innerhalb weniger Stunden eine Bluttransfusion. Adam und seine Familie lehnen diese Behandlung aus religiösen Gründen ab, denn sie sind Zeugen Jehovas. Ohne diese Behandlung wird er qualvoll sterben. Adam selber scheint genau zu wissen, was er möchte und sein persönlicher medizinischer Wunsch wiegt mehr als die in wenigen Monaten erreichte Volljährigkeit. Fiona lernt Adam im Krankenhaus kennen, um sich selber ein Bild von ihm zu machen. Erliegt er dem Gerede seiner Eltern, den Lehren seiner religiösen Vorbilder oder ist es eine leicht verkitschte, teenager-geschwängerte, romantische Vorstellung eines Märtyrer-Todes, die ihn lenkt?

Da auch die Medien über diesen Fall berichten, muß Fiona innerhalb kürzester Zeit ein Urteil in diesem Tumult fällen und ist versucht, ihre kühle Professionalität zu bewahren.
Da Adam der Musik und der Lyrik verfallen ist, spürt sie in ihm den inneren Drang nach Leben und entscheidet sich für dieses. Das Leben erscheint ihr größer als seine Würde, die er nun in seinen Kreisen verlieren könnte.

Das Drama beginnt aber erst jetzt, denn Adam sieht in Ihr eine Leitfigur, die er sucht und meint zu benötigen. Sein Gefühle und sein Wunsch nach ihrer Nähe werden sein wirkliches Verhängnis. Er sucht wie viele Menschen eine Art von „Guru“, der ihn sein Inneres lehrt. Aber etwas, das in einem ist, kann man nicht im Außen finden.

Eine Geschichte, die viel Raum für Emotionen und eigene Gedanken zulässt. Ein meisterhafter Roman, der sehr kurzweilig zu lesen ist. Eine emotionale Geschichte, die gleich den im Roman beschriebenen Musikstücken Wendungen und Brüche einbaut. Musik, die nur vom Blatt abgespielt und ohne Gefühl dargeboten wird, hat keinen Pepp und kein Gespür für den wirklichen Verlauf und die Gefühlsmomente. Ganz anders ist dies Buch, es ist ein verblüffender und toll geschriebener Roman, der mich unterhalten, aber auch in vielen Punkten angeregt und angestoßen hat. Das Buch verbindet im Leser gekonnt Verstand mit Gefühl. Ein sehr lesenswerter „Leseschatz“.

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Stephan Thome: „Gegenspiel“

Thome - Gegenspiel

Das Buch „Gegenspiel“ von Stephan Thome ist die Vertiefung bzw. die Gegendarstellung der Geschichte, die man bereits in seinem vorherigen Werk „Fliehkräfte“ lesen konnte.

Thome - Fliehkräfte„Fliehkräfte“ ist der Roman über einen Mann, der in den Sog seiner Fliehkräfte gerät und seine inneren Ziele und Wünsche auf seiner Pilgerreise, seinem persönlichen Jakobsweg finden muß.
Der Protagonist, Hartmut Hainbach ist in Bonn Professor für Philosophie und hat eigentlich alles erreicht. Er hat seine Traumfrau geheiratet, die er immer noch über alles liebt.
Dennoch ist Hartmut nicht glücklich. Seine Frau ist nach Berlin gezogen, um für ein kleines Theater zu arbeiten. Die gemeinsame Tochter distanziert sich ebenfalls von ihren Eltern und studiert in Hamburg. Durch die Wochenendbeziehung mit seiner Frau und die unausgesprochenen Verletzungen leben alle in der Familie aneinander vorbei und ziehen sich immer mehr in die eigene Melancholie zurück.

Hartmut vergeht auch alle Lust an seiner Arbeit und als ihm ein überraschendes Angebot eines befreundeten Verlegers aus Berlin gemacht wird, will Hartmut endlich Klarheit. Denn eigentlich meint er, hätte er doch mit Ende fünfzig alle Entscheidungen, die einen Lebensweg betreffen, bereits getroffen. Er ist innerlich getrieben und macht sich auf eine Reise nach Frankreich und Portugal, die eine Reise zu seinem Inneren wird. Er ist sich unsicher über die Verhältnisse zu seiner Tochter, zu seiner Ehe und über ihr gemeinsames Leben. Wäre es seiner Frau denn Recht, würde er mit ihr gemeinsam neubeginnen oder ist es ihr Wunsch, sich für sich alleine neu zu finden?

Gerade diese Frage wird nun in dem Roman „Gegenspiel“ verdeutlicht, denn jetzt wird die Geschichte neu und doch viel tiefgängiger aus der Sicht von Maria, Hartmuts Frau, erzählt.

Mitte der Siebzigerjahre möchte Maria als junge Frau weg aus ihrer Heimat Portugal. Denn das Land bietet ihr wenig Perspektiven und es gab dort einige Unruhen, die neben der Revolution des Landes zu einer tiefen, erst gegen Ende des Buches erzählten, seelischen Verletzung Marias führten.
Sie ist eine Frau, die viel vom Leben erwartet. Sie will als junge Frau kein biederes Familienleben und geht daher nach Berlin, um dort zu studieren. Sie hat eine Beziehung mit einem rebellischen Theatermacher, die zwar bald scheitert, aber sie in der bewegten, kreativen und auch gewaltbereiten Künstler- und Hausbesetzerszene Westberlins erwachsen werden lässt.

Später lernt sie den Philosophiestudenten Hartmut kennen und zieht als dessen Ehefrau in die nordrhein-westfälische Provinz. Als Mutter ihrer gemeinsamen Tochter wird sie zur Hausfrau in einem spießigen Umfeld und arrangiert sich mit der Karriere ihres Mannes als Philosophie-Professor. Sie durchlebt eine depressive Phase, in der sie die Bestätigung nur noch außerhalb ihrer Ehe sucht und alle in ihrem Umfeld und besonders sich selbst damit verletzt. Als später Philippa, ihre Tochter, erwachsen wird und nach Hamburg zieht, um dort zu studieren, trifft Maria eine Entscheidung und schließt sich erneut der Theatergruppe in Berlin an…

Beide Romane, „Fliehkräfte“ und „Gegenspiel“ stehen für sich und können apart voneinander gelesen werden.

Mir hat es aber nun in Folge sehr gefallen, die mir bekannte Geschichte neu zu erleben bzw. zu lesen.
Ein Roman über die Lebenslügen innerhalb einer Lebensgemeinschaft und der Familie. Eine berührende Geschichte über den Drang nach Freiheit, eigenem Ausdruck und Verwirklichung. Ein teilweise verstörendes Bild über die Täuschungen und Selbsttäuschungen und über Verantwortung gegenüber anderen und gegenüber der eigenen Biographie und dem eigenen Leben.

„Gemeinsame Lebenslügen sind komplizierte Gebilde, aber das zugrundeliegende Prinzip ist simpel: Einer will nicht hören, was der andere sich nicht zu sagen traut.“

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Ein Rückblick…

Wir wünschen allen Buchfreunden einen frohen und guten Jahreswechsel.

Die Zeit der Rückblicke. Heute möchte ich auch kurz den Versuch wagen und schauen, welche Bücher es waren, die wohl für mich einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben.

vermisstenDurch seine unverblümte Realität hat mich der Roman. Gebete für die Vermissten“ von Jennifer Clement begeistert. Kein Roman für „Heile-Welt-Leser“, aber umso wichtiger. Es ist der schmutzige Drogenkrieg, der besonders die Frauen trifft. Ein Leben zählt nicht viel, besonders wenig das der Mädchen und der Frauen. Ein Roman, der mich mitgerissen und tief berührt hat. blue
Bei dem unglaublich tollen Debüt von Solomonica de Winter „Die Geschichte von Blue habe ich mir die Frage gestellt, wie kommt eine so junge Autorin dazu, sich mit einem solchen komplexen Thema und tiefgründigen Charakterstudien zu beschäftigen? Ein Roman , der den Leser wanken lässt und ihm am Ende den Boden unter den Füßen wegzuziehen vermag.
Ebenso kurzweilig, aber mit tollen Leseerlebnissen habe ich Ein ganzes Leben“ von Robert Seethaler gelesen. Das kleine Buch hat seinen Titel zu Recht und es birgt in sich die Fülle eines Romans, die andere Autoren meist nur in einem dicken Wälzer ausleben können. Wenn man die letzte Zeile gelesen hat, spürt man die zarte Traurigkeit, aber auch die Hoffnung, etwas von dem stillen Leben des Protagonisten möge am Leser hängen bleiben….
wunderlichGleich Wunderlich aus Wunderlich fährt nach Norden“ von Marion Brasch, der auch immer wieder in meinem Kopf mit seiner wundersamen Geschichte auftaucht. Eine tolles Buch voller Magie und schrulligen Typen.
Schrullige und echte Typen hat auch der Autor Tom Rachman in „Aufstieg und Fall großer Mächte zu bieten. Aufstieg und FallEin Roman, der viele kleine Kästchen beleuchtet, aber erst am Ende zu einem Ganzen zusammenbaut, gleich einem Zauberwürfel. Eine Geschichte über Freundschaft, Liebe und Mut, also die großen Bausteine des Lebens. Wenn es im Kleinen nicht mehr funktioniert, warum sollte es dann im Großen gelingen? Das Versagen des Gebildes der Familie kann sich in dem Scheitern großer Mächte wiederfinden.
Anna Funder beschreibt in ihrem Roman Alles, was ich bin die Beklemmung der Epoche der Künstler, die ab 1933 in das Exil gehen mussten und versteht es, den Leser diese Zeit nacherleben zu lassen.
9783866481961Ein weiteres Debüt, das ich ebenfalls sehr gerne gelesen hatte ist von Anne von Canal „Der Grund. In dem Buch wird die Frage aufgeworfen, wie oft kann und muß ein Mensch von vorn beginnen?

Aber es gibt so viele tolle Bücher, die mich gefesselt, begeistert und länger begleitet haben. Das wunderbare Buch von Murakami, diesmal kein Roman sondern eine Sammlung an Kurzgeschichten. 4619268400001ZOder das kleine, feine Buch von Christian Hanewinkel „Lonesome zweisam an deren Protagonisten ich immer wieder denke, wenn ich Platten, d.h. CDs von Porcupine Tree höre.

Ebenso habe ich sehr gerne viele und tolle Kinder- und Jugendbücher gelesen, diese sind als eine Auswahl auf unserer Homepage zu finden.

Persönliche Highlights waren wohl die diversen tollen Lesungen und Veranstaltungen bei uns in der Buchhandlung. Wir haben dadurch das Glück, tolle Menschen und Autoren intensiver kennenlernen zu dürfen. Siehe unsere Rückblicke. Ich durfte auch als Redner, vor Arne Rautenberg, über meine Leidenschaft zu Büchern sprechen. Siehe den Rückblick auf die Veranstaltung „5 Blicke ins Buch„.

Wenn ich bereits Porcupine Tree erwähne, möchte ich auch kurz meine wohl am häufigsten gehörten CDs in diesem Jahr vorstellen. Denn die Band „Opeth“ hat für mich eine Wundertüte an tollen Rocksongs geschaffen, die alte Zeiten völlig neu erklingen lassen. Die Platte: „Pale Communion“ gehört für mich zu einem Meilenstein der Musikgeschichte. Ferner hat der Musiker Yosssassii Sassi eine CD eingespielt, die tief verwurzelt ist in Fusion, Rock und Weltmusik. „Desert Butterflies“ ist sein zweites Solo-Album. Oft läuft bei uns aber auch „The Common Linnets“, ein musikalisches Gelegenheitsduo, bestehend aus den niederländischen Sängern Ilse DeLange und Waylon (eigentlich Willem Bijkerk).

Im Kino haben mich wohl länger die Filme: „A most wanted Man“, „Die zwei Gesichter des Januars“, „Can a Song save your life?“ und „Interstellar“ begeistert…
Leider waren wir dieses Jahr viel zu wenig im Theater, hatten aber viel Spaß mit „Der Rocky Horror Show“ im Opernhaus Kiel.

Ich freue mich nun auf die vielen tollen neuen Leseerlebnisse und verweise jetzt schon auf große, kommende Werke, die wir hier demnächst vorstellen werden. Im Januar erscheint ein neues tolles Buch von Ian McEwan, das ich bereits lesen durfte und zum Erscheinen im Leseschatz besprechen werde. Ebenso habe ich den neuen Roman von Stephan Thome gelesen. Das Buch heißt „Gegenspiel“ und erzählt eine uns aus „Fliehkräfte“ bekannte Geschichte völlig neu – ein tolles Gegenspiel.
Auch haben wir bereits tolle Lesungen in Planung für das kommende Jahr.

Wir freuen uns auf ein spannendes neues Bücherjahr und wünschen allen ein schönes neues Jahr!
Herzliche Grüße und erlesene Stunden!

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Petra Hartlieb „Meine wundervolle Buchhandlung“

Buchhandlung

Nun habe ich endlich mal das Buch gelesen, daß eigentlich auch in Teilen unsere Geschichte ist. Aber warum tue ich es mir gerade jetzt an? Im beginnenden Weihnachtsgeschäft lese ich das Büchlein von Petra Hartlieb „Meine wundervolle Buchhandlung“. Ich lese abends über Situationen, die ich jetzt verstärkt selbst erfahre. Ich erlese für mich keine neue Welt, nur eine etwas andere und es verwischt in meinen Erinnerungen… Ein defektes EC-Karten-Gerät im Weihnachtsgeschäft: hab ich es gerade im Buch gelesen oder war es vor kurzem Sonja und mir passiert…?

Ein Buch, das ich sehr gerne gelesen habe. Denn es geht um uns, die Buchhändler, die in diesen Zeiten verrückt sind und sich in die Selbständigkeit stürzen. Ein Roman, der voller Wahrheit und Leben ist und von der Leidenschaft handelt, die in uns Buchhändlern steckt. Ein Bericht über den unerschütterlichen Glauben, daß die Zeiten von wundervollen Buchhandlungen nicht der Vergangenheit angehören (siehe auch meinen Vortrag zu „5 Blicke ins Buch„).

Gleich wie wir, die auch den Traum einer eigenen Buchhandlung seit der Ausbildung haben, hat Petra Hartlieb mit ihrem Mann eine Buchhandlung erworben. Unser Schritt war ebenfalls ein großer aber ein nicht ganz so weiter. Denn Familie Hartlieb lebte in Hamburg und hat besagte Buchhandlung in Wien gekauft. Einfach mal im Internet mitgeboten und dann auch noch den Zuschlag erhalten. Herr und Frau Hartlieb sind wie wir naiv, aber mit großem Herzen für die Sache ans Werk gegangen. Im Buch erzählt Petra Hartlieb wie sie zur Buchhändlerin und immer mehr zu einer Unternehmerin wird. Gelernter Buchhändler ist ihr Mann, der gleich wie ich auch Verlagskenntnisse aufweisen kann.

Die Buchhandlung ist eine traditionelle Sortimentsbuchhandlung in Wien, die nun mit diesen neuen Inhabern und ihrem sehr charmanten Team zu einem kulturellen Treffpunkt wird. Die Anekdoten sind jene, die jeder Buchhändler wohl zu erzählen weiß. Ich fand mich so oft beim Lesen bestätigt und konnte oft Sonja und mich im Text wiederfinden. Es ist eine Huldigung unseres tollen Berufes und des Lesens, der Menschen, die gute Geschichten und Bücher lieben. Petra Hartlieb schreibt ferner mit Claus-Ulrich Bielfeld eine Krimireihe.

Ich empfehle daher jedem, der mal etwas von uns erfahren möchte, warum wir weiterhin das gedruckte Buch lieben, warum man sich heutzutage mit einer Buchhandlung selbständig macht, dieses kleine Werk zu lesen. Es sind kurzweilige, vergnügliche Lesestunden über uns, den hoffentlich sympathischen Buchhändlern…

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