Archiv der Kategorie: Erlesenes

Jérôme Ferrari: „Das Prinzip“

Prinzip

Ein sehr literarischer Text, der in sich gleich dem Thema mit der Unschärfe spielt.

Ein unscheinbares Buch, das auf knappem Raum die Geschichte Werner Heisenbergs aus distanzierter Sicht des Ich-Erzählers schildert. Ein philosophischer Roman, der in einer wunderschönen, fast poetischen Sprache verfasst ist.

„Drückt man sich mittels Metaphern aus, verdammt man sich zur Ungenauigkeit, und wenn man sich weigert, dies zuzugeben, dann läuft man darüber hinaus Gefahr zu lügen.“

Es geht um das Schöne und das Hässliche, das Schaffende und das Vernichtende. Es geht um die Schönheit in der Naturwissenschaft, in der mathematischen Formel, die nur als ein Versuch, die Natur zu verstehen, verstanden werden kann. Wellen oder Atome, Beschleunigung oder Entschleunigung?
Aus der Sicht der Wissenschaft taucht ein Schöpfer lediglich als eine Metapher auf. Gott sieht über die Schulter oder ist es der kleine Mensch, der versucht Gott über die Schulter zu blicken?
„Der kleine Gott der Welt bleibt stets von gleichem Schlag, Und ist so wunderlich als wie am ersten Tag.“ Goethe Faust

Das Weltbild der Physik wankt, denn die Gesetze der Mechanik gelten nicht für die Ergebnisse der Elementarteilchen, an denen Heisenberg forscht. Die Apparate, die an Materie gebunden sind und daher ungenau, beeinflussen die Messungen. Dies nennt er das Prinzip der „Unschärfe“. Alles steht in Relation zueinander.

Auch der Erzähler bleibt in seinem Bericht und in seinen Metaphern unscharf, hält Heisenberg auf Distanz. Heisenberg, der umstrittene Wissenschaftler, der dann auch am Atomprogramm der Nazis mitgewirkt hat. Es geht um die naturwissenschaftlichen Entdeckungen, aber auch deren furchtbaren Auswirkungen, die unter den Zwängen Hitlers begannen.

Ist jeder Fortschritt eine Bereicherung? Ein Roman, der viele Erkenntnisse bereithält, aber auch verunsichern kann.

Zum Buch

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Haruki Murakami: „Wenn der Wind singt / Pinnball 1973“

Dumont Murakami

Dies sind die ersten Romane von Murakami, deren Übersetzung er nun ins Deutsche zugelassen hat. Diese Werke bilden den Grundstein seines gesamten Werkes. Als Vorwort erzählt Murakami seine eigene Geschichte zu diesen kurzen Romanen. Als junger Mensch spürt Murakami den Drang zu schreiben. Er und seine Frau hatten eine Jazz-Kneipe und abends, wenn die Bar geschlossen war, beginnt er auf Servietten seine Ideen und Texte festzuhalten.

In seinem Debüt „Wenn der Wind singt“ sind bereits alle Qualitäten seines großen Schaffens angedeutet. Beide Geschichten eint der namenlose Erzähler und dessen Freund, der nur Ratte genannt wird. Diese beiden Romane komplettieren die „Trilogie der Ratte“, zu der auch „Wilde Schafsjagd“ gehört.

Murakamis Romane bestechen durch ihre einfache Erzählweise und durch die jeweils vielschichtig geschilderten Welten. Es sind Traumwelten, Parallelwelten und verwirrende Momente, die die Protagonisten und uns, die Leser, herausfordern. In den vorliegenden Romanen ist es noch sehr dezent eingesetzt und doch tauchen die Brücken zu den Unter – Parallelwelten durch diverse Symbole und Metaphern auf. So sind es immer wieder Züge, Bahnhöfe und Brunnen, die schöpferische Verbindungen sein können. Verbindungen in die Fremde, in andere Welten. Auch beleben stets Katzen seine Romane, die bekanntlich Schwellentiere sind, die gerne auf Portalen und in Türen zu anderen Welten liegen. Leider müssen diese lieben Tiere ab und zu in seinen Romanen sehr leiden, wohl weil der Mensch ihnen diese Fähigkeit neidet.

Der Wind singt das Lied eines namenlosen Helden, der sich mit seinem Freund Ratte in einer Kneipe trifft. Ratte schreit die Ungerechtigkeiten heraus und ist gleich dem Erzähler stets auf der Suche nach dem wahren Selbst. Es wird viel getrunken, geredet und es ist ein Leben zwischen Studium und Selbstfindung.
Auch die Musik spielt wieder eine große Rolle. Die Jukebox in der Bar oder das private Hören aufgelegter Platten der Helden in diesen Büchern. Es sind Klänge zwischen hartem, aber melodischem Rock, verkopftem Jazz, der die Empfindungen verrücken kann, bis hin zu Klassik mit der Tendenz zur verbindenden Harmonie. Der Erzähler sucht eine Schulfreundin, die ihm mal eine Schallplatte geliehen hatte. Er möchte ihr diese Platte endlich zurückgeben, doch hat er sie nicht mehr und beim Neukauf der Schallplatte trifft er ein sonderbares Mädchen, die einen Plattenladen betreibt und geht mit dieser eine kurze Beziehung ein.

In „Pinball 1973“ wird keine Langspielplatte gesucht, sondern es wird die Suche nach einem Flipperautomaten geschildert. Der Erzähler hatte seinen für ihn größten Erfolg auf diesem Automaten errungen, nach vielen Spielen hat er die höchste Punktzahl erreicht.
Er ist nicht mehr der Student, sondern betreibt nun mit einem Freund ein lukratives Übersetzungsbüro. Seine Mitmenschen bleiben farblos und sind ohne eigene Geschichte, aus der sie plötzlich auftauchen und wieder verschwinden. Er hat eine Beziehung zu Zwillingen, die beide bei ihm wohnen und wie er keine Namen nennen. Er nennt sie einfach Eingang und Ausgang oder beziffert sie, da er sie meist nicht auseinander halten kann.
Auch Ratte taucht wieder auf. Eine Figur, die wie eine Traumfigur agiert oder den Namenlosen spiegelt. Ratte wettert gegen das Materielle und den Wohlstand, wobei er durch sein Elternhaus genug Geld hat, um sein Studium abzubrechen und eines Tages seine Heimatstadt zu verlassen, um Schriftsteller zu werden.

„Es war eine Zeit, in der jeder möglichst cool sein wollte. Als die Schule zu Ende war, beschloss ich, nur noch die Hälfte von dem zu sagen, was ich wirklich dachte. Den Grund dafür habe ich vergessen, aber an diesem Einfall hielt ich jahrelang fest. Und eines Tages entdeckte ich, dass ich ein Mensch geworden war, der nur die Hälfte von dem sagen konnte, was er dachte.“

Murakami spricht mit einer Einfachheit und klaren, simplen Sprache große Momente des Lebens an. Er spiegelt den Traum in der Realität und verwischt diese. Es geht in diesen Büchern auch um die Kunst, die Kunst als Austausch, als Brücke oder als Brunnen zu einer fremden Sichtweise. Nachvollziehen kann man das Erlebte eines Anderen nur durch die Sprache. Die Romane behandeln die Kommunikation als Kunst.

So sind auch die Bücher von Murakami kleine Kunstwerke. Wiedermal ist der Buchumschlag ein transparenter, der eine farbige Blume darstellt. Klappt man den Umschlag beiseite hat sich die bunte Blüte in eine Pusteblume verwandelt.
Eine Pusteblume, die abhängig vom Wind ihre Geschichte forttragen kann. Gleich einem Flipperball, der durch die Mechanik hin und her geschleudert wird und doch kein wahres Ziel hat…

Zum Buch

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Jürgen Bauer: „Was wir fürchten“

Septime was wir fürchten

Was ist es, das uns Menschen Angst macht? Was ist Angst und ab wann können Ängste, die Leben schützen, warnen und bewahren sollen, krankhaft werden?
Was bedroht uns und was macht uns am meisten Angst? Die Angst vor Krankheit, Schmerz und Tod? Oder ist es fehlende Liebe, die aus dem beklemmenden Gefühl eine bedrohliche Einsamkeit schafft? Wir als Menschen sind stets in abhängigen Beziehungen, d.h. wir leben in Verbindung mit unseren Mitmenschen, die wir lieben oder hassen. Was ist, wenn die Angst vor Menschen so groß ist, dass man sich in eine Paranoia hineinsteigert? Was ist, wenn sich der Verfolgungswahn als real herausstellt?
Mit diesen Fragen spielt der fesselnde Roman, der vom Leser einiges abverlangt, aber trotz der Tiefe und literarischen Erzählkunst stets spannend bleibt und ein intensives Panorama menschlicher Psyche offenbart.

Erzählt wird die Geschichte von Georg, beziehungsweise ist es Georg, der die Geschichte seiner Familie jemandem uns noch unbekannten berichtet. Dieser Zuhörer scheint alle aus der Familie zu kennen und auch über die Seelen- und Gesundheitszustände der jeweiligen Familienmitglieder Bescheid zu wissen.

Georg leidet gleich seinem Vater unter einer paranoiden Angst. Regelmäßig muss sein Vater in ärztliche Betreuung, um medikamentös erneut eingestellt zu werden. Mit dieser Unberechenbarkeit und dem unbeständigen Elternhaus wächst Georg auf. Er durchlebt die Sätze seiner Eltern als ständige ihn begleitende Mantren: Du bist paranoid, halt den Mund und sei still!“ und „Das ist alles nur in Deinem Kopf“.
Er entwickelt anhand eines medizinischen Ratgebers sehr früh Ängste vor anderen Menschen und Krankheiten. Seine Ängste kippen ins Krankhafte, als er in einem Erdbeerfeld die Mutter eines Freundes tot auffindet. Seitdem stellen die Menschen für Georg eine Bedrohung dar. Sein Familienleben ist in seinen Augen bedroht und er steigert sich in einen regelrechten Verfolgungswahn, der sich Jahre später zu bestätigen scheint. Ein Kind wird von einem Fahrzeug angefahren, aus dem Georg zuvor beobachtet wurde. Georg, bereits verheiratet, flieht und verschwindet aus seinem bisherigen Leben und Umfeld.

Nach seiner Rückkehr geht Georgs Wahn aber immer weiter – oder bildet er sich alles gar nicht ein? Entlang vieler Lebensbeispiele werden Wendepunkte in Georgs Leben beleuchtet.
Schritt für Schritt entblättert sich die ganze Familiengeschichte und bisherige Antworten werden infrage gestellt und müssen neu bedacht werden.
Sehr geschickt wird von Jürgen Bauer hier auch der Leser mit einbezogen. Denn man beginnt an vielen Geschichten zu zweifeln, sucht nach der Realität in dem Erzählten. Eventuell liegt die letzte Lösung bei der Person, der Georg alles erzählt.

Ein intelligenter fesselnder Roman über Unruhe, Ängste, Paranoia und Sorge bis hin zu Manipulation innerhalb der Familienbande.

Zum Buch 

5 Kommentare

Eingeordnet unter Erlesenes

Keigo Higashino: „Böse Absichten“

Klett Cotta Böse Absichten

Ein spannender und gut zu lesender Kriminalroman aus Japan. Das Buch hat ein klares, schlichtes Design und zeigt als Titelbild einen zart blühenden Zweig. Aber die roten Blüten entpuppen sich als Blutstropfen. Doch ist dies vorliegende Buch ein sehr unblutiger Krimi, der sehr geschickt konstruiert und geschrieben ist. Die Handlung nimmt beständig neue Wendungen und der Leser wird gleich dem Kommissar Kyochiro Kaga manipuliert und die Figuren und deren Leitmotive verändern sich mit jeweiliger neuer Sichtweise.

Kunihiko Hidaka, ein gefeierter Bestsellerautor, wurde in seinem Haus ermordet. Er wurde mit einem Briefbeschwerer bewusstlos geschlagen und dann mit einer Telefonschnur erwürgt. Seine Romane werden als Fortsetzungswerke in den japanischen Literaturzeitungen veröffentlicht. An seinem letzten Abend in Japan und auf Erden wollte er eine neue Episode an seinen Verlag senden und danach mit seiner Frau nach Kanada auswandern.

Sein Freund und Kollege, der Kinderbuchautor Osamu Nonoguchi, wird skeptisch, da Hidaka ihn an diesem Abend zu sich bestellt hat und er das Haus verdunkelt vorfindet. Die Ehefrau, die bereits in einem Hotel schlief, kommt hinzu und beide finden im Haus die Leiche.

Auch der ermittelnde Kommissar wird befangen, denn er erkennt den Freund des Ermordeten wieder. Vor vielen Jahren unterrichteten er und Nonoguchi gemeinsam an einer öffentlichen Schule. Kaga ging nach einem Mobbingvorfall in der Schule in den Polizeidienst, während Nonoguchi ebenfalls den Beruf des Lehrers beendet, um sich dem Schreiben zu widmen. Doch bleibt Nonoguchi erfolglos und steht im Schatten des großen Autors Hidaka.

Kaga findet Hinweise, dass die Beziehung der beiden Schriftsteller nicht immer sehr freundschaftlich war. Doch Nonoguchi und die Ehefrau haben beide ein festes Alibi. So scheint es jedenfalls zu Beginn der Ermittlungen…

War es ein Mord aus niederen Beweggründen? Ging es um Mobbing und Gewalt in der Schule? War es ein Mord aus Neid an der Literatur? Der Verdacht des Plagiats keimt auf und es stellt sich die Frage, ob Hidakas erste Ehefrau durch einen herbeigeführten Unfall ums Leben kam und wirklich eine Affäre hatte? …

Das Buch ist aus verschiedenen Perspektiven geschrieben. Wir lesen den Bericht von Nonoguchi und die polizeilichen Protokolle von Kaga. In einem spannenden Hin und Her versuchen die Charaktere die Vergangenheit für sich zu klären oder zu manipulieren. Denn die eigentliche Frage ist bald nicht mehr, wer der Mörder war, sondern, warum Hidaka sterben musste und welches Alibi stimmt und was das wahre Tatmotiv war…

Zum Buch

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Jón Kalman Stefánsson: „Fische haben keine Beine“

Piper Fische haben keine Beine

Das Buch „Fische haben keine Beine“ von Jón Kalman Stefánsson ist ein sprachlich und inhaltlich großer Roman, der aus der Sicht eines namenlosen Erzählers über mehrere Generationen erzählt.
Die Charaktere und deren einzelne Schicksale ergeben den einzelnen Ton und zusammen spielen sie eine progressive Melodie, die voller Leben ist.
Wir landen mit dem Text in Keflavik, einer Hafenstadt in Südwestisland, wo das bekannteste Bauwerk, der Flughafenhangar auf einer alten Luftwaffenbasis, ist.

„In Keflavik gibt es drei Himmelsrichtungen: den Wind, das Meer und die Ewigkeit.“

Wie es scheint ist Keflavik ein karger, unwirtschaftlicher Ort, in dem der Erzähler und Ari als Jugendliche lebten und diesen als Erwachsene wieder verließen. In der Gegenwart kommen sie zurück in den Ort, der ein Vergessen symbolisiert. Das Buch reflektiert die Ereignisse in Aris Familie von Beginn des Jahrhunderts bis in die Gegenwart. Ein gefüllter Familienroman mit vielen verwobenen Geschichten.

Ari kehrt in seine Heimatstadt zurück, weil sein Vater im Sterben liegt. In seinem Gepäck ist eine Ehrenurkunde seines Großvaters, dem Kapitän, Fischer und Schiffseigner Oddur Jónsson. Ari hatte damals seine Frau einfach sitzengelassen. Morgens beim Frühstücken verschwand er einfach und lebte eine Weile in Kopenhagen, weil in ihm etwas Unausgesprochenes rumorte. Er arbeitete dort als Lektor und hatte gerade einen sehr erfolgreichen Ratgeber über den Sinn des Lebens redigiert.
Doch der Tod seines Vaters zieht ihn zurück nach Island und damit zurück in die Vergangenheit seiner Familie. Ari ist Autor und Verleger, er hat es aber gelernt seiner eigenen Geschichte und den alten und neuen Fragen stets aus den Weg zu gehen.

Seine Großeltern hatten ein tragisches Leben und lebten in und von der rauen, kargen isländischen Natur. Es sind alltägliche Geschichten von Menschen auf der Suche nach Glück und Liebe. Es sind Geschichten voller Schmerz, Verlust und der Suche nach sich selbst.
Ari erinnert sich anhand eines alten Fotos und er durchlebt erneut seine Jugend im schwarzen Loch: Keflavik. Dort lernte er die Soldaten, die Rockmusik und die Mädchen kennen. Ein Mädchen und ihr Schicksal werden Ari sein ganzes Leben begleiten.

Ein Roman, der gleich großer Musik erst als Ganzes verstanden werden kann. Ein bildreicher, poetischer und schöner Text, der an den Grundfragen rüttelt. Ein realistischer und sehr gut geschriebener Familienroman mit einer feinen, melancholischen Stimmung, die aber mit vielen klugen und heiteren Momenten durchwebt wird. Ein Werk voller Denkanregungen über das Leben. Ein Roman, der nicht wie Aris Sachbuch Antworten über den Sinn des Lebens bereithält, sondern eher zum Selbstfinden anregt. Der Weg zum wahren Selbst und die Verantwortung als Einzelperson und in der Gesellschaft.

Zum Buch

6 Kommentare

Eingeordnet unter Erlesenes

Tobias Sommer: „Jagen 135“

Septime Jagen 135

„Das Glück der Menschen ist die Unwissenheit über den Weg dorthin.“

Wieder ein Buch, das gleich beim Betrachten im Leser erahnen lässt, was zu erwarten ist. Der Buchumschlag zeigt eine Wendeltreppe über die kopfüber eine Person fliegt oder nach unten stürzt. Als Jugendlicher liebte ich folgenden Satz, der mich beim Lesen von „Jagen 135“ erneut begleitete: „Ich wollte auf der Wendeltreppe geradeaus denken“.

Eine bizarre Welt wartet auf den Leser und bietet literarische, nie klischeehafte, fast schon expressionistische Unterhaltung. Ein Roman, der viel zum Nachempfinden anregt, viel Raum für eigene Gedanken lässt und eine Handlung um die Tiefen unserer Menschlichkeit thematisiert. Denn es geht um den Weg zum Glück. Nicht um das Glück als Ziel, sondern als Weg durch den Dschungel der Seelenlandschaft. Das Buch handelt vom Unglück, also vom verirrt sein, vom Sterben, Töten und Selbstmord.

„Jagen 135“ wird von dem Ich-Erzähler Konrad Jagen erzählt, der für eine große deutsche Zeitung tätig ist. Eines seiner damaligen Kriegsfotos hat ihn berühmt gemacht. Er hatte eine Hochzeit im Kriegsgebiet fotografieren wollen, als ein Bombenattentat die Feierlichkeiten brutal zerstörte. Das Foto geht durch die Medien und fundamentiert Jagens Wohlstand. Eigentlich müsste er nicht mehr arbeiten, denn finanziell haben er und seine Frau, eine Modedesignerin, ausgesorgt. Es reizt ihn das nicht Erreichte, das fast Unmögliche und er möchte seine Geschichten mit Bildern erzählen.

Der Roman spielt in einer Zeit, als es noch keine Handys oder digitalen Kameras gab und er bekommt den Auftrag, den Ort abzulichten, der seit Jahrhunderten Lebensmüde anzieht. Ist es ein alter Hexenplatz, verströmt der Ort Mystisches oder setzt magische Kräfte frei? Jagen verfängt sich in seiner Suche, denn der Wald scheint sein Eigenleben zu haben. Nicht alle Regionen offenbaren sich gleich und das gesuchte Zentrum lässt sich daher nicht orten. Der gesuchte Platz wird mehr als ein Sammelpunkt für Unglückliche und der eigentlich kurze Aufenthalt in der Region dehnt sich immer mehr aus. Die Landschaft und die Zeit bleiben im Roman nicht greifbar. Ein kleines Dorf mit wenig Charme und einem in Dreck versinkenden Hotel, in dem lediglich Mücken bleiben und überleben. Die Landschaft ist begrenzt und durch Grenztürme bewacht. Ob zum Schutz vor dem Inneren oder dem Äußeren bleibt ebenfalls unerklärt. Nachts bekommt diese Region ihre eigene Dynamik und die unbemannten Türme werfen ab und zu ihr Licht ins Dunkle. Jagen geht die Pfade ab und belichtet, er will sichtbar machen, warum Menschen diesen Wald aufsuchen und warum Generationen, die eigentlich glücklich sein könnten, in Melancholie versinken.

Jagen trifft den merkwürdigen Herrn Kautz, der ebenfalls durch das Gebiet streift und sich sogar auch später bewaffnet. Ferner trifft er auf Susanne, die ihren Sohn verlor und sich ebenfalls auf die Suche nach der letzten, schrecklichen Gewissheit macht. Die Menschen im Dorf kapseln sich immer mehr ab und wollen den Trubel um diese Ereignisse nicht und säubern jeden Hinweis auf die Selbstmörder. Jagen und Susanne geraten immer mehr in das Visier dieser Dorfgemeinschaft, die zu fast allem bereit wäre, um die Neugier zu beseitigen.

Jagen fühlt sich auch verfolgt. Ein unheimlicher Wanderer mit ausgeprägtem Schuhabdruck, der die Lemniskate, d.h. eine acht oder die Unendlichkeit beinhaltet. Je länger der Aufenthalt von Jagen in dieser Region andauert, desto näher kommt dieser Verfolger Jagen und tritt immer mehr in seinen Radius. Der Wanderer kennt das Herzstück des Waldes wie sein eigenes und er scheint auch Jagen zu kennen…

Ein dichter Roman voller Anspielungen und Gedankenwelten. Das Buch hat viele Metaphern, die erkannt oder nur erfühlt viel im Leser bewirken. Eine Welt voller Grenzen und Abkapselungen, die eine leichte Melancholie versprüht, aber thrillerartige Spannung aufbaut. Die Handlung liest sich krimihaft, bedient sich aber nie solcher Muster und vertieft viel mehr ohne große Anstrengung beim Leser zu fordern.

Der Autor Tobias Sommer, der in Schleswig-Holstein lebt, hat bereits viele Preise erhalten und wird wohl in der deutschen Literaturszene kein Insidertipp mehr bleiben. Denn das vorliegende Buch ist tolle Kunst und nebenbei kluge Unterhaltung. Ein Buch, das die Assoziation zu den Romanen: „Wald“ von Doris Knecht, „Die Wand“ von Marlen Haushofer und zu Tom Waits „Black Rider“ hervorruft. Ein dramatischer Roman, voller düsterer und kluger Eleganz.

Zum Buch

5 Kommentare

Eingeordnet unter Erlesenes

Vea Kaiser: „Makarionissi oder die Insel der Seligen“

KiWi Makarionissi

Jetzt ist er endlich da, der neue Roman von Vea Kaiser. Nach „Blasmusikpop“ verführt uns Vea Kaiser diesmal auf die fiktive griechische Insel „Makarionissi“. Die Insel hat die Form eines Käfers und soll die Insel der Seligen sein.

„Lange bevor wir alle auf der Welt waren, durften die größten Helden dorthin übersiedeln, wenn sie keine Helden mehr sein wollten.“

Ein launiges Buch voller Helden und Mythen.

„Und sie lebten gut, aber wir leben noch besser“

Ein Familienroman, in dem Großmütter noch im Kaffeesatz lesen, alles lenken und innerhalb der Familie bestimmen wollen und dabei zu dem werden, was sie nicht werden wollten und für ihre Enkel das gleiche Schicksal besiegeln.
Vea Kaiser schreibt in einer lockeren und humorvollen Art, so daß es wirkt als würde sie die Geschichten und ihre Figuren einfach mit einer Leichtigkeit aus dem Ärmel schütteln. Erfindet Vea Kaiser ihre Figuren oder finden die Figuren sie?
Es sind Menschen, die lernen müssen, dass sie sich ab und zu lösen sollten. Loslassen heißt nicht verdrängen und nicht vergessen, sondern einfach vergeben und akzeptieren, dass manchmal die Dinge so sind, wie sie sind…

Das Buch beginnt in einem kleinen Bergdorf, in dem Yiayia Maria, eine sehr gläubige Frau, die Zeichen falsch deutet und ihre Familie damit für die kommenden Generationen ins Unglück stürzt. Denn damit ihr Cousin Lefti in dem kleinen Dorf später auch eine schöne Frau heiraten kann, manipuliert Maria ihre Familie.
Die Großmutter und Kupplerin Yiayia Maria pflanzt Sorgen und Ängste in ihre Zwillingstöchter und bald denken beide, wie schön es wäre, wenn ihre Kinder heiraten könnten. 1948 schlüpft Pagona auf Anraten ihrer Mutter in die alte Hochzeitswäsche und macht ihren Mann Spiros betrunken, um Eleni zu zeugen, die später Lefti heiraten soll.

Jahre später entschließt sich Eleni für die Freiheit und beschließt eher eine Heldin, eine Amazone zu werden und sie lässt sich für den Kommunismus begeistern. Nach dem Militärputsch in Griechenland 1967 kommt Eleni dafür ins Gefängnis, weil der Dorfpolizist, der unsterblich in sie verliebt ist, ihr einen Denkzettel verpassen möchte. Nur das Versprechen gegenüber den Behörden, das Eleni tatsächlich den ihr versprochenen Cousin Lefti heiratet, kann sie befreien.

Lefti, der immer wusste, dass Eleni ihn nicht liebt, verzweifelt an der unerwiderten Liebe und beschließt mit ihr in Deutschland einen Neuanfang. In Hildesheim leben beide zusammen, aber einsam und sie erfahren, dass man der großen Liebe im Leben mehrfach begegnen kann. Eleni trifft den Musiker Otto, der später ein großer Schlagerstar werden wird und Lefti verliebt sich in seine Sprachlehrerin Trudi, die aus Österreich stammt. Beide erahnen kurzweilig eine Spur von Glück. Als aber Eleni von Otto schwanger wird, der aber wegen seiner Karriere kein Kind möchte, zieht sie sich in ihr Heimatdorf in Griechenland zurück.
Da sie allen erzählt das Kind sei von Lefti, wird dieser von der Familie verbannt. Otto wird sich vierzig Jahre nach Eleni sehnen, die sich von Lefti scheiden lässt und mit ihrem neuen Mann auf dessen Heimatinsel Makarionissi zieht. Hier wird Eleni nach langer Zeit, die sie in Deutschland und Chicago verbracht hat, sesshaft. Lefti gründet derweil in St. Pölten in Österreich mit seiner neuen Frau ein griechisches Restaurant und ihr liebeskranker Sohn macht später in der Schweiz mit experimenteller Küche Karriere.

Auf der Insel Makarionissi treffen Jahre später die Generationen erneut zusammen. Elenis Enkel werden schließlich auf „Makarionissi“ geboren und Eleni, nun selber Großmutter, tritt in die Fußstapfen der Yiayia Maria.

„Ich fürchte, ich bin wie meine Großmutter geworden“.

In „Makarionissi“ spannt Vea Kaiser eine Geschichte über fünf Generationen, die ständig im Bezug zu dem krisenerschütterten Griechenland stehen. Der Roman endet in der Gegenwart mitten in der aktuellen Situation Griechenlands und ist gleich den antiken Werken in neun Gesänge verfasst.

Ein unterhaltsamer, kluger Roman voller Leben und eigenwilliger Protagonisten.
Vea Kaiser schreibt mit sehr viel Liebe und Witz und in ihren Dörfern oder Inseln wird der kleine Kosmos zum großen und spiegelt auf einmal eine ganze Welt. Sie kann einfach toll erzählen und fabuliert sehr schwungvoll einen mitreißenden Familienroman. Sie bedankt sich am Ende des Buches auch bei allen Buchhändlern, die es ihr unter anderen ermöglicht haben, noch ein Buch zu schreiben. Ich denke, wir, die Buchhändler, haben ihr zu danken. Denn wir haben wieder ein Buch, das wir sehr gerne in die Hand nehmen. Zum eigenen Vergnügen und als Lesetipp.
Bitte, Vea Kaiser, fühl Dich zu weiteren Geschichten ermutigt…

Zum Buch

4 Kommentare

Eingeordnet unter Erlesenes

Buchhandel statt Freihandel

TTIP_Facebook-TitelbildHeute mal ein kleiner Aufruf zum Helfen. Denn das Transatlantische Handels- und Investitionsschutzabkommen TTIP ist eine Gefahr für den stationären Buchhandel, weil es die Buchpreisbindung aufs Spiel setzt. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels fordert deshalb, dass die Buchpreisbindung in dem Vertragswerk explizit ausgenommen wird.
Lassen Sie uns gemeinsam ein unübersehbares Signal für die Preisbindung setzen!

Die Buchpreisbindung garantiert die Qualität und Vielfalt des kulturellen Angebots. Fällt sie dem Freihandel zum Opfer, werden Bücher nicht billiger, sondern die Vielfalt kleiner. TTIP ist eine Gefahr für die Buchpreisbindung und damit für den Buchhandel vor Ort.

Bitte unterstützen Sie uns und unterschreiben Sie gleich hier auf dem unten angegebenen Link und leiten Sie diesen Beitrag weiter oder teilen Sie einfach unsere Postings auf Facebook, Twitter oder Google+. Vielen Dank!

www.buchhandel-statt-freihandel.de

Machen Sie mit:
Je mehr sich beteiligen, desto größer wird die öffentliche Wirkung. Einfach anklicken, Name und ggf. ein Wort der Unterstützung reinschreiben, abschicken.

Die Buchpreisbindung garantiert, dass:
– jedes einzelne Buch zählt
– es mehr als nur Bestseller gibt
– Bücher im Durchschnitt in Deutschland günstiger sind
– es in Deutschland den Kulturstandort Buchhandlung flächendeckend gibt
– Ohne Buchmarkt weniger / keine Kultur
Es ist ein Gesetz für Buchkäufer und Leser und dient dem Schutz des Kulturgutes Buch.
Pdf: „Bücher haben feste Preise

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Joseph O’Connor: „Die wilde Ballade vom lauten Leben“

Ballade wilden Leben

Soeben ist eines der Bücher im Handel erschiene, auf das ich mich als Erstes in diesem Frühjahr gestürzt hatte. Ein toller Musik-Roman, eine Reise in die Vergangenheit großer Helden und eine nie überhörte Ballade an die Rockmusik.

Da ich britische Rockmusik liebe – besonders die guten alten Legenden, hat mich dieser Roman in seinen Bann gezogen. Die Geschichte nimmt gegen Ende des Textes sehr an Geschwindigkeit zu und hat mich an den tollen Film „Almost Famous“ erinnert.

Joseph O’Connor, geb. 1963 in Dublin ist Professor für kreatives Schreiben an der University of Limerick. Seine Romane und Erzählungen strotzen vor satirischem Humor und erhielten zahlreiche Literaturpreise. Ferner ist er der Bruder von Sinéad O’Connor und hat mit diesem Roman eine fiktive Musikerbiographie geschrieben.

Robbie und Fran kennen sich seit der Schule und verbringen gerne ihre Zeit in dem kleinen Städtchen Luton miteinander. Sie machen viel lieber zusammen Musik als den Vorlesungen an der Uni zuzuhören. Sie gründen eine Band und nennen sich „The Ships“. Wir verfolgen ihre Versuche erfolgreich zu werden und ihren Kampf sich zu finden und sich behaupten zu können. Sie touren mit der Band durch viele Clubs und feiern ab und zu kleine und große Erfolge. Als sie eines Tages von einer wenig glamourösen Tour durch die USA zurückkehren, verändert eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter alles, denn plötzlich hat sich der Erfolg eingestellt und ihr Album verkauft sich.

Selbst die Kritiker und die Zweifler beginnen die Band zu lieben. Doch der schnelle Aufstieg und der Ruhm droht die Band auseinander zu reißen, vor allem Robbie aus der Bahn zu werfen. Die Band löst sich trotz der anbahnenden Erfolge auf und jeder geht seiner Wege. Während der eine zur gefeierten Musiklegende wird, verläuft sich der andere immer mehr…
Jahre später treffen die Bandmitglieder wieder aufeinander und planen ein Comeback um gerade auch Robbie zurück ins Leben zu retten…

Ich bin ein „Purpler“ und liebe britischen Rock. Ein Roman voller Rockgeschichten und tollen, glaubwürdigen Protagonisten, die von sich, ihrer Freundschaft und Lebensgeschichte in wechselnden Perspektiven erzählen und nebenbei viele Rock-Pop-Helden der damaligen Zeit treffen. Eine irische Geschichte, voller Dramatik, Humor und Songs…

„Ein großer Roman über Freundschaft und versäumte Liebe – `Funkelnd vor Leben´“ Bob Geldorf

Zum Buch

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Kamila Shamsie: „Die Straße der Geschichtenerzähler“

Straße Geschichtenerzähler Berlin Verlag

Was ist es, das uns Menschen verbindet? Was hält die Menschenwelt im Innersten zusammen? Ist es Liebe? Geld? Machtstreben?
Liebe wohl, aber es sind auch Geschichten. Geschichten gehören in unseren Wesenskern und in jeder Mythologie werden Geschichten dazu benutzt, die Welt zu begreifen. Ebenso taucht man als Leser des Buches „Die Straße der Geschichtenerzähler“ von Kamila Shamsie in eine ferne, fremde und bunte Welt voller Verrat, Unterdrückung und dem Streben nach Freiheit ein und versteht durch diese Lektüre etwas mehr vom Werdegang der Menschheit. Es ist keine typische Liebesgeschichte zwischen Orient und Okzident.

Das Buch beginnt und endet mit den Rückblicken ins Jahr 515 vor Christus als Skylax als Erster den Indus erforschte und einen Silberreif sein eigen nannte, der Jahrhunderte später die Archäologen immer noch beschäftigte.

Die Handlung beginnt 1914 in der Türkei. Die junge Archäologin Vivian Rose Spencer wurde eingeladen bei den Ausgrabungen von Labraunda mitzuarbeiten. Das Team besteht aus Deutschen, Türken und Engländern und geleitet wird dieses von Tashin Bey, einem engen Freund ihrer Familie. Er war es auch, der in ihr das Interesse an Geschichte weckte, als sie noch ein sehr junges Mädchen war. Aus ihrer anfänglichen Freundschaft wird engere Zuneigung und Liebe. Als sie zusammen in Konstantinopel sind, erfahren sie vom Ausbruch des Krieges und aus Freunden im Team werden plötzlich Feinde. Vivian kehrt zurück nach London zu ihren Eltern, um als Krankenschwester zu arbeiten. Ihr Vater, der sich eher einen Sohn gewünscht hätte, würde sie lieber als Sanitäterin an der Front sehen. Ein hoher Offizier und Freund des Vaters bittet Vivian um ihre Aufzeichnungen und Skizzen aus der Türkei und sie verrät ihm Tashins Sympathie für die armenische Widerstandsbewegung.
Als Vivian an Überschöpfung leidet und eine Botschaft von Tashin sie erreicht, schafft es ihre Mutter, sie aus dem Dienst zu befreien und ihr eine Reise nach Peschawar zu ermöglichen.

Ferner lernen wir Qayyum Gul kennen, einen paschtunischen Soldaten, der für das Empire kämpfte. Als die Deutschen erstmals Chlorgas einsetzen, wird er schwer verwundet und verliert ein Auge. Er kehrt 1915 nach Peschawar zurück und dort verknüpfen sich die Geschichten. Vivian wird für dessen Sohn Najeeb Gul das, was Tashin damals für sie war, und weckt in Najeeb das Interesse an Geschichte.
Später, 1928, arbeitet Najeeb als Assistent für das Peschawar Museum. Vivian lehrt als Archäologie-Dozentin an der Londoner Universität und Qayyum hat sich der Friedensbewegung angeschlossen. Als Najeeb wieder Kontakt zu Vivian aufnimmt, reist sie erneut nach Peschawar, um ihn bei seinen Ausgrabungen zu unterstützen. Doch dann ereignet sich ein dramatischer Zwischenfall in der Straße der Geschichtenerzähler…

Das Buch beinhaltet eine komplexe, bunte Geschichte, voller historischer Hintergründe und Emotionen und zeigt wie Weltreiche entstehen und zerfallen. Trotz der Fülle bleibt es ein zugänglicher Schmöker, der durch die sinnliche und reale Sprache gut zu lesen ist. Beim Beenden des Textes meint man selber viel erlebt zu haben und es bleiben Bilder der schönen Gärten von Peschawar, der Ausgrabungsstelle Labraunda sowie der blutigen Straßen des Quissa Khawani-Basars im Kopf des Lesers.

„Kamila Shamsie verfügt über außergewöhnliche erzählerische Kraft.“ Salman Rushdie

Zum Buch

3 Kommentare

Eingeordnet unter Erlesenes