Archiv der Kategorie: Erlesenes

Leseschatz-TV

Leseschatz 5

Ich stelle folgende Titel vor:
„Ein Brautkleid aus Warschau“ von Vekemans, Lot
„Kommt ein Pferd in die Bar“ von Grossman, David
„Sie suchen die Sonne“ von Hanewinkel, Christian
„Neringa“ von Moster, Stefan
„Der Pfau“ von Bogdan, Isabel
„Auch das wird vergehen“ von Busquets, Milena
„Never Say Anything“ von Lüders, Michael
„Der Grund“ von Canal, Anne von
„Luxurias Glück“ von Schöttke, Henning
„Schmale Pfade“ von Greenway, Alice
„Das Mädchen mit dem Fingerhut“ von Köhlmeier, Michael

Nick Cave, Bargeld und 100 Jahre Dadaismus

Sherlock Holmes

Outtakes

Mehr Leseschatz-TV

Unser YouTube-Kanal

 

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Lot Vekemans: „Ein Brautkleid aus Warschau“

005

Der Roman „Ein Brautkleid aus Warschau“ ist in drei Teile eingeteilt. Aus drei Perspektiven verfolgen wir die Geschichte einer Frau und zwei Männern, die jeder für sich eine Lücke im Leben verspüren, eine Leere durch zu wenig Liebe.

Die Autorin, Lot Vekemans, schreibt seit 1995 Theaterstücke und hat nun ihr Romandebüt vorgelegt. Ihre Stücke wurden an mehr als 30 deutschsprachigen Bühnen erfolgreich aufgeführt. Ihr Debut liest sich sehr flüssig und verwebt die drei Perspektiven, die eine bewegende Geschichte erzählen, sehr kunstvoll. Alle Charaktere im Roman wollen stets das Beste, doch das Ergebnis ihres Handelns verwebt die anderen schicksalshaft in ihren eigenen biografischen Verlauf.

Es beginnt mit der Geschichte von Marlena. Sie ist Mitte zwanzig und lebt in Polen auf dem platten Land. Zum Leidwesen ihrer streng katholischen Eltern ist sie immer noch ohne einen Ehemann. Als die ganze Familie und die Nachbarn von einem Papstbesuch heimfahren, halten sie auf Wunsch der mitgereisten Nachbarn bei einem Hotel, dessen Küche amerikanische Hamburger anbietet. Hier begegnet Marlena Natan, einem Journalisten aus Amerika, der in Polen Urlaub macht, um die Geschichte seiner Familie zu recherchieren, die durch die Nazis in Polen umgekommen zu sein scheint. Sie verlieben sich und Marlena hat endlich das Glück zu lieben und geliebt zu werden. Sie bekommt durch Natan eine Arbeit als Küchenhilfe in dem Hotel, in dem sie sich kennengelernt haben. Der Besitzer ist Szymon, der Cousin des Vaters von Natan. Unerwartet muss Natan aber abreisen, er erzählt Marlena, seinem Vater würde es sehr schlecht gehen. So reist er nach Amerika ohne zu wissen, dass sie von ihm schwanger ist.

Ein uneheliches Kind in der katholischen Familie ist undenkbar und somit soll Marlena zwangsverheiratet werden. Sie flüchtet mit Hilfe einer Ehevermittlungsorganisation nach Holland. Dort lernt sie Andries kennen. Andries ist Landwirt und hat durch einen tragischen Unfall seine Frau verloren. Seine Schwester hat ihn überzeugt, eine neue Frau für sich und den Hof zu suchen. Seine Bedingung für die Ehe ist, dass er das Kind adoptiert und der Vater für den Jungen wird. Andries ist ein stiller Mensch, der mit dem Hof und seinen Tieren sehr verbunden lebt. Er sucht auch keine körperliche Nähe, sondern eine Frau, die Liebe und Leben in sein Leben bringt. Seine Stille läßt ihn anfänglich einfach wirken, doch im zweiten Abschnitt lesen wir seine Geschichte und lernen seine Beweggründe, Gedanken und Emotionen kennen. Marlena nimmt die Krankheit ihrer Mutter als Anlass um Holland wieder zu verlassen und reist nach Jahren zurück nach Polen. Mit ihr reist ihr Sohn.

Andries, der vor dem Gesetz der Vater des Jungen ist, hat über seine Gefühle nie geredet, doch jetzt, als ihm sein Sohn genommen wird, bricht er auf, um ihr nachzureisen. Will er seine Frau oder nur seinen Sohn zurück?

Die dritte Geschichte wird von Szymon erzählt, bei dem Marlena erneut vorerst einzieht. Auch ihn bewegen große Gefühle und er hatte vor Marlenas Weggang eine entscheidende Rolle…

Eine großartige, berührende Geschichte von Menschen, die durch ihr Handeln und den dadurch entstehenden Schicksalslauf unglücklich werden und darüber nicht wirklich sprechen können…

Ein schöner, sehr bewegender Roman.

Zum Buch

4 Kommentare

Eingeordnet unter Erlesenes

Isabel Bogdan: „Der Pfau“

002

And now for something completely different…

Am Sonntag habe ich „Der Pfau“ gelesen und danach einfach bei Facebook über meinen Leseeindruck folgenden Satz geschrieben: “…verspricht britischen Humor. Darauf hatte ich Lust, aber gelesen habe ich eher Ohnesorg-Theater…“ Mein Satz hat doch wohl für „Stimmung“ unter meinen Lesern gesorgt. Daher muß ich mich wohl erklären. Ich gebe zu, es kann an mir liegen – aber wozu ist die Literatur da? Sie kann gleich jeglicher Kunst nur anregen, was im Betrachter vorhanden ist oder aufgenommen werden kann. Ein gutes Buch sollte die Emotionen oder den Verstand des Lesers packen, wenn nicht sogar fesseln. Bei mir hat der arme Pfau nur einen Hauch von Unterhaltung hinterlassen.

Die Autorin ist auch keine Unbekannte, sie hat für viele tolle Übersetzungen gesorgt. Auch hat die liebe Caterina von „SchöneSeiten“ einen ganz anderen Leseeindruck vom Buch gewinnen können.

Das Buch verspricht durch die schicke Aufmachung und den Umschlagstext eine subtile Komödie und zieht den Vergleich zu der Serie „Fawlty Towers“ von John Cleese. Die Handlung spielt in ländlicher Idylle am Fuße der schottischen Highlands. Lord McIntosh vermietet Zimmer seines Herrenhauses, um die Instandhaltungskosten zu erwirtschaften. Das ärmliche Haus hat wenig zu bieten, ist aber wegen der Lage und Abgeschiedenheit gefragt. Es gibt auch viel Getier auf dem Hof, wobei eine Gruppe von Pfauen die Naturverbundenheit der McIntoshs symbolisieren soll. Der arme Held des Buches, der verrückt gewordene Pfau, geht auf alles los, was blau ist. Neben Mülltüten und Spielzeugen hat er es auch auf das Auto der Hausherrin abgesehen.

An einem Wochenende reist eine vierköpfige Abteilung einer Bank nebst Chefbankerin und einer eigenen Köchin an. Mit dabei ist eine Psychologin für die geplante Teambuilding-Maßnahme. Doch jedes Teamseminar mit der eigenen Chefin kann sich fraglich gestalten. Alle Pläne werden allerdings durch den Pfau durcheinander geworfen. Als der wohl liebestolle Pfau in dem blauen Wagen der Chefin einen Liebeskonkurrenten wittert, geht er auch auf dieses Auto los. Zum Glück vorerst unbeobachtet von der angereisten Gruppe. McIntosh hat nun doch Angst um seinen Ruf und tötet den armen Pfau. Um die Gäste aber mit dem Anblick eines toten Tieres zu schonen, wird der Leichnam im Wald versteckt. Dummerweise apportiert aber am folgenden Morgen der Hund der Chefin den Vogel und legt ihn ihr zu Füßen. Diese will nun wiederum nicht, daß die Gastgeber mitbekommen, daß der Hund einen Pfau gerissen hat und will nun wiederum ihrerseits das Tier verschwinden lassen. Vorerst weiht sie nur einen aus der Gruppe ein. Aber die Kreise ziehen sich bis zur Köchin und deren Kochkünsten… Die Frage wird, was wurde gekocht – Pfau, Fasan oder Gans ? – Ein Karnivoren-Witz? Als dann noch der Wintereinbruch die Abreise verzögert und eine Gans verschwindet, ist das kleine Tohuwabohu perfekt und das Team muß jetzt an sich arbeiten…

Neben den Teambuilding-Maßnahmen verstricken sich nun alle in ihre Geschichte und man verfolgt aus diversen Perspektiven die Bemühungen der Menschen und sogar der Tiere.

Das Buch hat augenscheinlich seine Wurzeln in der britischen Komödie. Auch wird das „Eishaus“ aus einem bekannten Krimi erwähnt, doch dient dies lediglich als Unterschlupf.

Der Stil und die Geschichte haben mich nicht überzeugen können. Am witzigsten war das Buch für mich, als ich mich an eine eigene Situation erinnerte. Während des Seminar-Wochenendes soll das Team eine Hütte bauen und Bilder malen. Jeder der Banker soll ein Schiff malen, das die Bank darstellt, und sich dorthin setzen, wo derjenige sich selber auf diesem Schiff sieht. Ich hatte mal ein Vorstellungsgespräch bei einer großen Buchhandelskette in Hamburg und sollte ebenfalls so ein Bild malen. Ich habe nach Stockmar Wachsmalern gefragt und habe einen Wald mit Eurythmie-„tanzenden“ Buchhändlern gemalt… Das kam nicht wirklich sehr gut an, aber während ich „Der Pfau“ las, habe ich mich daran erinnert und musste lächeln.

Das Buch spielt mit Klischees. Die Banker sind leicht versnobt und können sich mit der Natur vorerst nicht anfreunden. Die störrische Chefin tritt als erstes in Vogelkot und stellt anfänglich ihre Location-Auswahl für das Seminar in Frage, aber am Ende verspürt sie doch eine Hingezogenheit zum Landleben. Mich erinnerte wirklich die ganze Handlung an ein deutsches „Lustspiel“, eine Komödie die temporeich ist, aber ständig das offensichtliche erneut erklären möchte. Ein Buch mit einem typischen Durcheinander und diversen Perspektiven – man sieht auch mal aus den Augen des Hundes…

Die Haptik des Buches hat mit wirklich an einen Pfau erinnert. Ein schönes handliches Format und eine ansprechende Illustration. Doch beim näheren Betrachten hat der Pfau schnell sein schönes Rad vor mir versteckt… Schade!

Zum Buch

5 Kommentare

Eingeordnet unter Erlesenes

Michael Lüders: „Never Say Anything“

Beck Never Say Anything

Ein spannender Thriller, der mit der Macht der Medien, der Auseinandersetzung mit den Geheimdiensten und der Moral spielt. Ein kluger, komplexer Spannungsroman, der ganz aktuelle Themen beinhaltet. Wie bereits in dem vorangestellten Hinweis im Buch erwähnt wird, ist dies eine frei erfundene Geschichte. Ähnlichkeiten zu tatsächlichen Begebenheiten und realen Personen sind nicht beabsichtigt, ergeben sich aber möglicherweise zwangsläufig.

Michael Lüders ist Autor und Orientalist und legt nun einen spannenden, cineastischen Roman vor, der gleich der Fernsehserie „Homeland“ durch den realen Bezug in seiner Handlung brisante Themen anbietet und thematisiert.

Die Heldin des Buches ist die Journalistin Sophie Schelling. Sie ist für ihre Zeitung nach Marokko gereist. Sie hat sich auf eine eigentlich ganz normale Dienstreise eingestellt. Sie trifft sich in Marrakesch mit Hassan Maliki, einem befreundeten Verleger. Sie bekommen mit, daß die Berge eine Gefahr geworden sind. Vor ein paar Tagen sind Kämpfer von Al-Qaida im Maghreb aufgetaucht. Sie haben die Bevölkerung aufgefordert, sich ihrem Kampf anzuschließen und wahrscheinlich anschließend Geld verteilt, um Menschen anzulocken. Nun stellt sich zum ersten Mal die Frage, ob Sophie zur falschen Zeit am falschen Ort ist. Als sie und Hassan in die Gegend kommen, werden sie bereits mit einem ermordeten Schäfer konfrontiert, dieser wurde durch einen Drohnenangriff getötet. Die Bewohner Gourramas heißen sie freundlich willkommen. Sophie lernt sie als Bauern kennen, die wohl keine Gefährdung für den Rest der Welt darstellen. Als sie den toten Schäfer beerdigen und der Dorfälteste seine Rede hält, kommen Hubschraubergeräusche näher und die ersten Laserstrahlen erfassen das Dorf und die Landschaft. Dann eröffnen zwei amerikanische Hubschrauber das Feuer und Soldaten werden abgelassen. Das ganze Dorf wird ausgelöscht. Sophie beobachtet amerikanischen Soldaten, wie sie bei den Toten die Kugeln entfernen. Doch dann wird auch sie angeschossen.

Sophie überlebt und wird von fremden Menschen verarztet und zur deutschen Botschaft gebracht. Später stellt sich heraus, dass der Vater von dem auch im Dorf umgekommenen Hassan Maliki ihr zur Seite steht. Wieder in Deutschland steht sie vor der Gewissensfrage, wie weit sie bereit ist zu gehen, um die ganze Wahrheit herauszufinden. Sollte sie lieber vergessen, was sie gesehen hat? Auch ein amerikanischer Enthüllungsjournalist, der über die Foltermethoden, Drohnenangriffe und die amerikanischen Einsätze in Afghanistan und Marokko recherchierte, kommt durch einen herbeigeführten Unfall ums Leben.

Vorerst schreibt Sophie ihren Bericht neutral und sie benennt selber keine Täter. Dies überlässt sie den anderen aus der Redaktion. Aber allein durch die Tatsache, dass sie diesen Bericht schreiben kann, dass sie bei diesem Angriff dabei war und diesen Anschlag überlebt hat, macht sie auf sich aufmerksam und weckt einen übermächtigen Gegner. Sie entscheidet sich für die Wahrheit und verstrickt sich immer mehr in einem Netz aus Geheimdiensten, Militär und politischen Interessen. Als Journalistin nimmt sie nun ihren Beruf ernster, als es ihr wohl gut tut und ihre Suche wird zu einem Kampf ums Überleben…

Ein sehr spannender Thriller, dessen Inhalt fiktiv, aber sehr real wirkt.

Zum Buch

 

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Stefan Moster: „Neringa“

9783866482456 Mare Verlag

„Wo das Dürfen das Müssen ersetzt, bekam die Freiheit ihre Chance.“

Es gibt wenige Werke, die mich nachhaltig so beschäftigen. Das vorliegende Buch hat mich sehr an die Werke von Stephan Thome und Mirko Bonné erinnert. Ein klug konzipierter Roman und ein großes, vielschichtiges Werk. Der Kern des Buches ist das Fundament, auf dem sich alles erbauen lässt. Der Boden unter den Füßen, die Vergangenheit, die die Zukunft bedingt und das menschliche Miteinander. Wie sich dieser Boden gestaltet oder betrachten lässt liegt an der eigenen Wahrnehmung. Der gepflasterte Weg als Kunst oder als einfacher Pfad zum Ziel.

Der Ich-Erzähler, ein fünfzigjähriger Mann, lebt in London und ist für eine Software-Firma tätig. Er stammt aus Deutschland und hat die Grundidee für eine Software entwickelt, die es Unternehmern ermöglicht, ihre Daten gleich einem Armaturenbrett übersichtlich zu halten. Er hat lediglich die Ideen, die Umsetzung gestalten die Grafiker und die Programmierer. Die Geschichte nimmt ihren Anfang, als er im Kino einen Film sieht. (Diesen Film meine ich durch die Beschreibung erkannt zu haben und kann dem Protagonisten nur Recht geben, dass dieser ziemlich langweilig ist.) Durch eine einzige Einstellung, eine Szene, die am Mont-Saint-Michel spielt, wird er wach gerüttelt. Nun reist er in die Vergangenheit, die ihn in Teilen in die Irre zu führen scheint. Hat sich alles, was er erinnert, wirklich so zugetragen?

Die berühmte Felseninsel hatte er schon längst vergessen. Eine Postkarte mit dieser Insel im Wattenmeer als Motiv wird durch alle Hände der Familie gereicht. Sein Großvater meint beim Betrachten des Motives, da sei er schon gewesen. Sein Großvater, Jakob Flieder, der als Pflasterer allein durch seine Tätigkeit viele Spuren hinterlassen hat. Der Protagonist stellt nun durch seine Überlegungen sein eigenes Lebensziel, d.h. seine Lebensaufgabe, in Frage. Was ist es, was er an Bleibendem hinterlässt? So geht er auch in Therapie und hofft, durch diese Gespräche mehr zu erfahren. Die Flut an Fragen und Geschichten scheinen ihn gleich einer Springflut zu überrollen und er gräbt tiefer in der Vergangenheit. Besonders das Leben von Jakob Flieder fesselt ihn, d.h. dessen Leben als Handwerker und als Soldat in Frankreich.

Durch Neringa, einer Frau aus Litauen, die bei ihm putzt, kann er in sich mehr Klarheit finden. Es ist auch ihre Kunst, die ihn rührt. Sie tanzt und spielt für ein Figurentheater. Ihre flüssigen Bewegungen mit den Händen und Figuren werden sein Höhlengleichnis und er findet sein Glück im Hier und Jetzt.

Ein schöner Roman, der still und leise große Themen anspricht und wunderbar geschrieben ist. Mich hat das Buch sehr begeistert. Es kann in seiner positiven Melancholie viel im Leser anregen. Ein Wechselspiel zwischen der Moderne und dem Althergebrachten. Was ist bleibend in unserem Leben, was schaffen wir, das unsere Nachwelt, sofern man dies möchte, erinnert? Vieles was produziert wird ist nicht nachhaltig, sondern gilt dem schnellen Konsum. Gleich der Software, die die Firma des Protagonisten erstellt. Auch die Menschen in diesem Unternehmen sind wie ihre „Wolken“ und lassen sich nur noch von Trends bestimmen ohne auf diese wirklich einzugehen. Anders erscheinen hier die Mosaike, die aus kreativer Fantasie entsprungen und von Hand verlegt etwas Bleibendes symbolisieren. So können auch Menschen, gleich den gesetzten Steinbildern, zu Legenden werden, die über ihren Tod hinaus, ihre Geschichte erzählen. Die Geschichte einer Heimkehr, als Deserteur, als Lebenskünstler oder als Mensch auf der Suche nach Zufriedenheit und Glück.

Für mich bereits ein Highlight in diesem Frühjahr.

Zum Buch

2 Kommentare

Eingeordnet unter Erlesenes

Alice Greenway: „Schmale Pfade“

9783866482326 MARE Verlag

Ein tragischer Roman, der von unglücklichen Lebensgeschichten erzählt, aber auch immer das Schöne im Leben und in der Natur aufzeigt.

Es geht um die menschlichen Pfade und um das Aushalten der eigenen Biografie. Niemals klischeebehaftet erzählt Alice Greenway von Verlust, Freundschaft, Krieg und Natur. Es liest sich spannend, ist nie überladen, sondern eher poetisch knapp verfasst. Der literarische Lesefluss ist wohl auch dem nicht ganz unbekannten Übersetzer, Klaus Modick, zu verdanken. Der Text verneigt sich als Küstenroman vor seinen großen Vorbildern, die stets zitiert werden. „Robinson Crusoe“ und besonders „Die Schatzinsel“, dessen wahrer Ort hier gefunden zu sein scheint…

Die Handlung spielt 1973 in Maine. Jim Kennoway, der einsam und zurückgezogen in seinem Strandhaus auf einer kleinen Insel lebt, versteckt sich vor den Geistern seiner Vergangenheit. Er erscheint uns, dem Leser, als eine Verkörperung von Long John Silver oder als Walt Kowalski (gespielt von Clint Eastwood) aus „Gran Torino“. Er ist ein wortkarger, verbitterter alter Mann, der gleich einem Piraten nur noch ein Bein hat, aber eine Prothese ablehnt.

Er findet seine innere Ruhe in der Natur. Er war einst ein angesehener Ornithologe. Das Museum, für das er tätig war, möchte über ihn schreiben und recherchiert in seiner Vergangenheit. Ebenfalls erinnert sich Jim an die verdrängten Schrecken, die er im Krieg erlebt hat. Seine Geschichte erwacht in ihm und löst alle Emotionen in ihm erneut wach. Der Auslöser ist ein vorerst nicht ganz willkommener Gast. Nach seinen ganzen Schicksalsschlägen hat sich Jim in die Einsamkeit einer Insel zurückgezogen und wird nun von der Tochter von Tosca Baketi, seinem damaligen Scout und Freundes während des Pazifikkrieges 1943, aufgesucht. Cadillac Baketi, die junge Salomonerin, soll im Herbst ihr Medizinstudium in Yale beginnen. Um sich vorher etwas einzuleben, hat ihr Vater sie zu Jim eingeladen.

Durch ihre Anwesenheit beginnt Jim sich zu erinnern. Etwas vor dem er mit Hilfe von Alkohol fliehen wollte. Er möchte nicht an den Krieg erinnert werden. Er will diese Vergangenheit und seine grausamen Bilder und Taten vergessen und am liebsten ertränken. Auch schmerzt ihn die Erinnerung an seine Frau, seine große Liebe.
Cadillac scheint im letzten und richtigen Moment in sein Leben getreten zu sein, damit er sich erinnert und mit den düsteren Kapiteln seiner Biografie abschließen kann…

Ein Roman wie eine kleine literarische Wucht. Ein emotionaler literarischer Leseschatz, der gespiekt ist mit Zitaten, Anspielungen und Verweisen auf Hemingway, Defoe und natürlich Stevenson.

Niemals verfällt der Text ins Belanglose, Überflüssige oder in kitschige Klischees. Die Charaktere und die Landschaften treten bildhaft hervor. Am detailliertesten wurde Jim Kennoway ausgearbeitet und lässt die anderen Figuren etwas verschwinden. Es ist aber seine Geschichte und somit darf er auch am stärksten in Erscheinung treten. Er ist ein nicht sehr sympathischer Romanheld, der aber länger im Leser lebendig bleiben wird.

Zum Buch

3 Kommentare

Eingeordnet unter Erlesenes

Alexander Ilitschewski: „Der Perser“

Suhrkamp Der Perser

Ein komplexer, tiefgreifender Roman, der ganze Welten umschlingt.

Ich hatte neulich mit einem befreundeten Autor über unsere Lesegewohnheiten gesprochen. Er meinte, er merke schon, wenn ein Buch schwer in der Hand liegt und gewichtig scheint. So ein Buch ist auch „Der Perser“, ein literarischer Brocken, der erobert werden muß. Aber jede Seite und jede Episode ist es dann auch wert erobert worden zu sein. Ein facettenreiches, tiefgründiges Buch. Etwas Franzen schimmert beim Lesen durch, etwas aus „Unschuld“ wird bei mir beim Lesen wachgerufen. Wobei der vorliegende Roman noch mehr Tiefgang und Literatur beinhaltet.

Der Erzähler Ilja, ein Geologe, Weltbürger und Hobbyfotograf, kehrt in seine alte Heimat am Kaspischen Meer zurück. Es beginnt als eine Dienstreise. Der Geologe, der sich für die Eingeweide des Planeten begeistern kann, reist im Auftrag eines internationalen Konzerns nach Amsterdam. Er ist in den Neunzigern nach Amerika ausgewandert und lebt nun in Kalifornien. Früher hat er mit seinem Freund, dem iranischen Flüchtlingskind Hașem, Szenen aus seinem Lieblingsbuch nachgespielt. Es ging um Kees, den Tulpenadmiral. Die Tulpe war für Hașem die Blume des Paradieses. In der Gegenwart, in Amsterdam, fällt Ilja dieser alte Traum wieder ein. Er reist in seine Heimat Baku und auf die Halbinsel Abșeron am Kaspischen Meer, seit den Zeiten der Nobels und Rothschilds Standort der Ölförderung. In der aserbaidschanischen Steppe findet er seinen damaligen Schulfreund wieder.

Hașem, der titelgebende Perser, schlägt nicht nur Ilja in seinen Bannkreis. Beide verbrachten ihre Jugend in der damaligen Sozialistischen Sowjetrepublik und haben sich seit vielen Jahren nicht mehr gesehen. Hașem, ein Kenner der Fauna und Flora, engagiert sich für die Falkenzucht. Was Ilja aber besonders fesselt, ist neben Hasems schlichter Naturverbundenheit auch dessen Liebe zur Lyrik und Hang zur Mystik, die in den Religionen fußt, deren Wurzeln aber in der Spiritualität und Heilkunde liegen. Dadurch wird dieser verehrt wie eine Art Guru. Ein Charakter, von dem für alle eine Faszination ausgeht. Ilja möchte bleiben, bis es zu tragischen Verwicklungen kommt. Seine Existenz wird durch Hașems Lebensweise in Frage gestellt und es kommt zu wechslungsreichen Handlungssträngen, die gleich Plattentektonik oder Erdbewegungen vieles aufwühlen.

Ein umfangreicher Roman, der trotz seiner Länge und Komplexität nie langweilt oder langatmig ist. Man rutscht durch die Schauplätze, die historischen Landschaften, in denen einst die Weltreligionen zusammenfanden und die heute eine sensible Zone sind.
Der Text ist gefüllt mit Metaphern, die vom Leser entdeckt werden können. Der Roman hat eine hohe Sprachqualität und ist gespickt mit historischen, spirituellen und literarischen Verweisen. Ein stimmgewaltiger Gegenwartsroman eines großen aktuellen russischen Autors. Ein Buch, das zum Denken animiert und herausfordert durch seine Aura des Geheimnisvollen.

Es gibt ein aufschlussreiches und spannendes Arbeitsjournal des Übersetzers. Ein Blick da hinein lohnt sich auf jeden Fall. „Natürlich hat ein Roman keine Bebilderung nötig. Entscheidend sind die Bilder, die der Text im Kopf des Lesers freisetzt.“ Siehe: „Der Perser: Bilder eines Romans“

Zum Buch

4 Kommentare

Eingeordnet unter Erlesenes

Milena Busquets: „Auch das wird vergehen“

Suhrkamp Busquets Auch das wird vergehen

„Wenn die Erde nach und nach von denen entvölkert wird, die uns lieben, dann werden wir schleichend, im Takt der Todesfälle, zu Unbekannten.“

Ein kleiner, fast schon leichter Roman, der uns in den spanischen Sommer einlädt. Der Ausflug zum Meer wird eine melancholische, traurige, aber auch witzige Reise. Blanca hat ihre Mutter verloren und fährt zum Familiensitz nach Cadaqués. Es sind alle Menschen um sie, die sie lieben, doch ist sie sehr in sich gekehrt. Da auch ihre beiden Exmänner und ihr verheirateter Geliebter dabei sind, kommt es neben den vielen Gesprächen auch zu Sex. Das ganze Haus ist erfüllt mit Leben durch die Anwesenheit der Kinder und der Freunde mit deren Partnern. Alles wirkt wie eine leichte Zeit im Sommer am Meer. Es wird viel getrunken und gekifft. Alle haben Zeit und die Möglichkeit für diese Auszeit und genießen in der Trauer die gemeinsamen Bootsfahrten und Abendstunden unter freiem Himmel. Doch ist die Trauer allgegenwärtig, die verstorbene Mutter begleitet Blanca stets in ihren Gedanken. So ist auch der Text als ein innerer Monolog mit dieser ein Ringen nach Verarbeitung und die Bekämpfung der seelischen Leere. Auch wenn Blanca Menschen um sich hat, ist sie allein und fühlt sich einsam. Doch trifft sie im Dorf jenen unbekannten Mann, der auch mit auf der Beerdigung war.

Blancas innere Zwiegespräche und der erste einsame Besuch am Grab der Mutter zwingen sie zur Einsicht. Jeder Schmerz, jede Trauer hat ihre Zeit und man kann diese nur für sich bezwingen, indem man diese zulässt und durch diese geht. Man kann sich nicht verstecken. Aber jede Trauer, jeder Kummer wird vergehen. Wie alles im Leben wird auch das vergehen.

Sind wir mehr das, was wir im Laufe unseres Lebens verlieren, als das was wir tatsächlich besitzen? Als Jugendliche sind wir noch unbekümmert und glauben, das Leben werde alle seine Versprechen halten. Der Begriff „unbekümmert“ beinhaltet den Kummer, der wohl mit den Jahren in uns einzieht und immer mehr seinen Raum einzunehmen versucht.

Ein Roman, der sich sehr zügig lesen lässt und elegant mit der Gefühlswelt spielt. Ein sanfter Roman, der mit seiner melancholischen Leichtigkeit etwas Tiefe vermissen lässt. Aber eine schöne, komische Lektüre bietet und ergreifende Bilder von Abschied heraufbeschwört. Ein Buch über Trauer, Freundschaft, Liebe und die allgemeine Schönheit des Lebens.

Zum Buch

4 Kommentare

Eingeordnet unter Erlesenes

Robert Scheer: „Der Duft des Sussita“

002

Neulich hatte ich mit Robert Scheer eine kleine Diskussion über Hard-Rock auf Facebook. Wir beide sind den wummernden, lauten aber gefühlvollen Klängen der bekannten Gitarrengrößen verfallen. Wir sind beide Hardrock-Fans, die als Kind stets belächelt, dann aber im Freundeskreis ein Magnet für Mixtapes wurden. Mit dem Einfluss der Grunge-Bewegung wurde unser Musikgeschmack erneut eher belustigt angesehen.

003Warum ich das erzähle? Robert hat mich auf seinen Roman „Der Duft des Sussita“ aufmerksam gemacht. Als wir uns über unsere alten Helden unterhalten hatten, meinte er: „mein erstes Buch „Der Duft des Sussita“, vermutlich dir unbekannt, aber dort gibt es Passagen über die Rockszene in Israel“. Ich kenne sogar einige Musiker aus Israel persönlich und, da ich sein Buch tatsächlich noch nicht gelesen hatte, hat mir Robert netterweise ein signiertes Exemplar geschenkt.

Dieser Roman liest sich eher wie eine Sammlung an Kurzgeschichten, die aber doch durch einen zarten Faden verbunden sind. Es wirkt als würde man teilhaben an Episoden aus dem Leben des Autors. Robert Scheer wurde 1973 in Rumänien geboren. 1985 emigrierte er mit seiner Familie nach Israel. Nach dem Versuch als Rockmusiker Karriere zu machen, studierte er Philosophie in Haifa und Tübingen.

So spielt auch dieser Roman in Israel und erinnert durch seinen Charme, Witz und den leicht melancholischen Klang an die Werke von Tilman Rammstedt und Wladimir Kaminer. Es sind zwölf miteinander verbundene Geschichten. Wir lernen viel über die Protagonisten und deren Leben in Israel kennen. Der Duft der Sussita scheint mit seinem Neuwagenduft eher an sattes Papier zu erinnern und somit auch Kamele anzulocken. Die Familie hat endlich das Nationalauto erwerben dürfen und sie wollen dies nun feiern. Doch nach dem Besuch im Restaurant ist das nagelneue Auto, der Trabbi des Nahen Ostens, verschwunden… In der folgenden Geschichte ist der Erzähler als Übersetzer tätig, als Lothar Matthäus dem Rabbi für das defensive Mittelfeld Empfehlungen geben möchte. Ferner erfahren wir, wie der erste Kibbuz und das Catering an der Front privatisiert werden mit jeweils weitgehenden Folgen.

Neben dem Protagonisten, dem Erzähler, bleibt auch sein Onkel in bleibender Erinnerung. Onkel Sauberger, der gleich seinem Namen, ein Liebhaber unkoscherer Metzgerware ist. Auch ist die Zeit, als die männlichen Metalheads noch mit langen Haaren provozieren konnten, bis es mit dem Einfall des Hair-Metals gängige Mode wurde, ein Teil der Entwicklung des Helden. Neben den metallischen Klängen kommt auch die Oper zu Wort. Es wird der Versuch von Barenboim geschildert, wie er gerade Wagner in Tel Aviv aufführen möchte. Wir werden auch Zeugen, wie die Natur der Dummheit des Menschen trotzt und zum letzten tödlichen Tanz auf den Wellenbrechern einlädt. Der Kreis des Buches schließt sich erneut mit dem Auftreten von Wüstenschiffen.

Ein komisches Buch voller Herz, Intelligenz und politischer Weit- und Weltsicht.

Zum Buch

2 Kommentare

Eingeordnet unter Erlesenes

Michael Köhlmeier: „Das Mädchen mit dem Fingerhut“

Köhlmeier_25055_MR2.indd

Ein Roman über ein Mädchen, das alles verloren und keine Heimat hat. Sie besitzt nur, was sie bei sich trägt und ihr größter Schatz ist ein Fingerhut, der vorerst ihre Verletzung am Finger schützen soll.
Sie und zwei Jungs leben in einer Welt, die diese Kinder scheinbar nicht will. Ein unvergessliches und sehr reales und aktuelles Buch.

Am Anfang hat das kleine Mädchen noch einen Onkel. Sie sind obdachlose Flüchtlinge irgendwo in Europa. Namen und Orte bleiben unbenannt und sind beliebig. Sie spiegeln unsere reale Gegenwart. Der Onkel lässt sie tagsüber in Geschäften und holt sie abends immer wieder ab. Da das Mädchen engelsgleich wie eine Märchenprinzessin ohne Worte und mit großen Augen durch die Welt schaut, weckt sie stets Mitgefühl, wird geduldet und bekommt zu essen. Sie kann die Landessprache nicht sprechen und verstehen. Sie mag nicht so gerne Süßes, schon gar nicht Limonade. Wenn sie das Wort „Polizei“ hört, so hat es ihr der Onkel beigebracht, soll sie so laut und lange schreien, bis ihr die Luft ausgeht und dann noch einmal.

Eines Abends kommt der Onkel aber nicht. Sie geht den Weg, den sie morgens genommen haben zurück, verirrt sich und verliert sich in der Stadt.
Sie trifft auf zwei Jungs, die genauso wie sie verlassen und in der Stadt gestrandet wirken. Sie schließt sich diesen an. Einer ist der Ältere, der sie auch versteht. Der Jüngere spricht eine andere, fremde Sprache, die aber auch der Ältere zu sprechen versteht. So beginnt ihre traurige, leidvolle Odyssee. Stets auf der Suche nach Essen und Schlafplätzen.

Woher kommt das Mädchen? Warum ist sie hier? Als sie gefragt wird, wie sie heißt, sagt sie erst, sie wüsste es nicht, dann sagt sie Yiza. Ist das ihr Name?
Diese Fragen bleiben offen und doch wird eine große Geschichte in diesem kleinen Buch erzählt. Man erfährt nichts, aber man nimmt teil an einer Episode im Leben von Menschen, die eine neue Heimat suchen. Eine Geschichte, die Mitleid und Rührung hervorruft.

Das Buch liest sich wie ein poetisches modernes Märchen. So kommen auch neben der Prinzessin, Hexen und Ritter vor. Ein wundervoller Text, der einen an die großen Werke von Dickens erinnern lässt.
Ein faszinierender Roman voller Menschlichkeit, Unmenschlichkeit und der kindlichen Kraft des Überlebens.

Zum Buch

3 Kommentare

Eingeordnet unter Erlesenes