Archiv der Kategorie: Erlesenes

Orkun Ertener: „Lebt“

Lebt

„Lebt“ von Orkun Ertener verwebt Fiktion und Wahrheit zu einem ungewöhnlichen, packenden Roman und mit jeder Enthüllung steigt die Vermutung, daß die Wahrheit oft ganz anders ist, als der Leser denkt…

Ein spannender Roman über einen Protagonisten, der sich als Ghostwriter mit den Biografien anderer Menschen beschäftigt, aber seine eigene erst kennen lernen muß. Gleich einem Puzzlespiel findet man immer neue Steine, die erst an richtiger Stelle ein Ganzes ergeben…

Der Roman ist groß angelegt und bietet mehr als ein gewöhnlicher Familienroman oder ein sich nach jeder Enthüllung steigernder Thriller. Der Reiz des Textes ist die deutsche, türkische und jüdische Vergangenheit, die das Kernstück des Romans ausmacht und ein erschütterndes Kapitel der Geschichte vermittelt.

Die Handlung beginnt mit einem normalen Auftrag für Can Evinman. Er soll für eine berühmte Schauspielerin, Anna Roth, die Autobiografie schreiben. Anna Roth ist nicht nur Schauspielerin, sonder hat sich auch als Ärztin für ihren engagierten Einsatz für humanitäre Hilfsorganisationen einen Namen gemacht.

Die Assistentin von Anna Roth spielt ebenfalls ihr eigenes Spiel, sie bittet Can um private Hilfe. Ihr Großvater, der als SS-Offizier niemals belangt wurde, möchte seine Geschichte erzählen. Der greise Mann war während des Krieges in Thessaloniki stationiert und hat sich dort als Nazi vieler Verbrechen schuldig gemacht. Als der SS-Offizier damals selber in Gefahr gerät, wird er von einem Chajim Evinman verschont…

Da die Vornamen Can und Chajim jeweils für „Leben“ stehen, türkisch und hebräisch, kann alles kein Zufall mehr sein.

Ab sofort gerät Can, dessen Eltern im norddeutschen Watt ums Leben kamen, in einen gewaltvollen Strudel. Nichts ist mehr so, wie es bisher war. Denn auch seine Eltern waren das Opfer eines Verbrechens und jetzt wird auch seine Identität bedroht.

Gemeinsam mit Anna versucht Can herauszufinden, was wirklich passiert ist. In Thessaloniki werden sie fündig und das Schicksal ihrer beiden Familien ist eng miteinander verbunden.

Es ist die Geschichte der Dönme. Eine Religionsgemeinschaft von zum Islam konvertierten Juden, die während des griechisch-türkischen Bevölkerungsaustauschs ihre Heimat verlassen mussten aber nie in der Türkei akzeptiert wurden. Viele wanderten aus, einige nach Deutschland. Can stammt aus einer Tabakdynastie, deren Vermögen den Nazis in die Hände fiel. Die Vergangenheit seiner Familie holt ihn ein und sein Leben ist in Gefahr, denn es gibt Mächte, die nicht möchten, das alle Geschichten erzählt werden…

Ein gut zu lesender und spannender Roman, der immer wieder neue Facetten öffnet und stets gut zu unterhalten weiß.

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Meir Shalev: „Zwei Bärinnen“

bärinnen

„Ich habe dir ja gesagt, ich schreibe: die furchtbaren Geschichten über die furchtbaren Taten der furchtbaren Männer, die ich liebe, und eigentlich – die furchtbaren Dinge, die auch ich getan hätte, wenn ich hundertprozentig ein Mann wäre.“

Der Roman „Zwei Bärinnen“ von Meir Shalev ist ein wunderbares, aber auch ein leicht sperriges Werk. Die Erzählstruktur und der Sprachstil sind wechselhaft und waren mir nicht immer gleich zugänglich. Aber nun, da ich das Buch beendet habe, ist es eines der Werke, die ich, wenn ich doch nur die Zeit hätte, gerne erneut lesen würde…

Es ist eine Geschichte über Leidenschaft, Verlust und Rache. Ein Familienroman über drei Generationen, die im Norden Israels eine Gärtnerei betreiben. Eine Geschichte, die uns Menschen Stück für Stück gleich einer sich enthäutenden Zwiebel näher bringt, die von Liebe und Hass getrieben und geprägt sind.

Im Jahr 1930 begehen drei Bauern anscheinend Selbstmord. Aber alle im Dorf wissen, daß nur zwei wahre Selbstmörder sind. Der dritte wurde ermordet… Siebzig Jahre später erzählt Ruta Tavori, eine Lehrerin, über das ganze Leid und das Schicksal ihrer ganzen Familie. Es sind ihre Männer, die sie liebt, die sie hasst, nach denen sie sich sehnt und denen sie, trotz des ganzen Leids zu verzeihen versucht…
Es sind die Geschichten von Müttern, die gleich Bärenmüttern ihre Familie schützen, aber andererseits auch als gereizte Tiere wütend zürnen können.

Ein naturgewaltiger Roman, der sich in Kreisen bewegt und immer zügiger Spannung aufbaut. Durch den unkonventionellen Erzählstil liest sich der Roman wie ein literarischer Thriller, der erst langsam seine ganze Wucht entfaltet und eine Welt voller Emotionen aufbaut.

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Haruki Murakami: „Von Männern, die keine Frauen haben“

Murakami

Das neue Buch von Haruki Murakami ist diesmal kein Roman sondern eine Sammlung an Kurzgeschichten, die alle eins gemeinsam haben: Die kurzen Erzählungen handeln gleich dem Titel „Von Männern, die keine Frauen haben“.

„Zu den Männern, die keine Frauen haben, zu werden ist ganz leicht. Man braucht nur eine Frau leidenschaftlich zu lieben, die dann verschwindet.“… „Und sobald ihr einmal Männer seid, die keine Frauen haben, dringt die Farbe der Einsamkeit tief in eure Körper ein.“

Wieder sind es die Farben, wie in dem tollen Roman „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“.  Wiedermal ist es ein Buch, das wunderbar gestaltet ist. Der Schutzumschlag ist aus durchsichtigem Material, das farbig bedruckt dem farblosen Buch erst die Farbe gibt. Auf dem Buch ist ein farbloser Herr, der sich durch diesen Umschlag in eine bunte Frau verwandelt. Das zentrale Thema aller sieben Erzählungen von Murakami ist die menschliche Seele. Diese ist gleich dem Licht, das erst für uns sichtbar wird, wenn es etwas anstrahlt. „Am farbigen Abglanz haben wir das Leben“ Goethe.

Es ist eine Sammlung von Erzählungen, die voller Geschichten sind, die mich berührt haben und die typischen Themen von Murakami aufgreifen. Die sieben Erzählungen handeln von einsamen Menschen, denen um glücklich zu sein etwas ganz entscheidendes fehlt…

Uns begegnen unter Anderem ein Schauspieler, der eine Chauffeurin einstellt und seine Einsamkeit mit den ganzen Rollen aus Film und Theater überspielt, ein Schönheitschirurg, dem das Herz bricht, weil seine Geliebte ihren Ehemann verlässt, aber zu einem andern Geliebten zieht. Ferner erleben wir die Einsamkeit eines Mannes, der mit seiner Haushilfe schläft, die ihm nach dem lieblosen Sex Geschichten erzählt, die ihre jeweilige Einsamkeit nur noch mehr vertiefen oder wir lernen einen Mann kennen, der von seiner Frau verlassen wurde und eine Bar eröffnet und von seinen eigenen Dämonen heimgesucht wird. Eine Erzählung ist sogar eine umgekehrte „Verwandlung“ von Kafka:

„Als er erwachte, fand er sich in seinem Bett in Gregor Samsa verwandelt.“

Ein Buch, das man traumwandlerisch liest und beim beenden all dieser Traumbilder, hier Kurzgeschichten, ist man leicht entrückt und die Geschichten beginnen zu verblassen. Aber eine tiefe Leere bleibt, die man wohl so schnell nicht zu füllen vermag. Oder waren alle Träume doch nur ein einziger Traum…? Gleich den Katzen in seinen Romanen und diesen Erzählungen, wird man zum Beobachter zwischen den Welten…

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„Leseschatz, die Erste….“

Da unsere Buchtipps auf unserer Homepage und in unserem Blog „Leseschatz“ immer mehr und anscheinend auch gerne gelesen werden, dachten wir, wir geben mir mal ein Gesicht…

Jetzt gibt es Leseschatz-TV!

Danke an Nele Süß, die auch die liebe Einleitung spricht. Danke für ihre Geduld mit uns und die technische Umsetzung.

So nun viel Spaß und wir sind sehr gespannt, wie der Film ankommt….

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Petra Reski: „Palermo Connection“

Taormina

Foto: Hauke Harder

Ein neuer Sizilien-Roman!  Da ich meine drei Inseln – Kreta, Sizilien und Föhr so liebe, musste ich diesen Krimi sofort haben…

Es ist ein Mafia-Roman von Petra Reski, die in Venedig lebt und über Italien – für Die Zeit, Geo, Merian, Focus und Brigitte – und immer wieder über die Mafia schreibt. Sie drehte ebenfalls eine Dokumentation über Mafiafrauen. Sie wurde für ihre Reportagen und Bücher mehrfach ausgezeichnet, u.a. »Reporterin des Jahres«. In Italien erhielt sie für ihr Antimafia-Engagement den Premio Civitas und den Amalfi Coast Media Award.

Mit „Palermo Connection – Serena Vitale ermittelt“ hat Petra Reski einen sehr realistischen und an wohl realen Fakten orientierten Krimi geschrieben, der sehr spannend zu lesen ist und auf weitere Romane mit Serena Vitale hoffen lässt.

Es geht  um die Staatsanwältin Serena Vitale, die in Palermo gegen die Mafia kämpft. Da sie einen Politiker wegen seiner Verbindungen zum organisierten Verbrechen vor Gericht bringt, riskiert sie alles und erlebt wie ihr großes Vorbild, ein Richter, der ebenfalls gegen die Mafia gekämpft hatte, ermordet wird. Ihre eigene Vergangenheit reicht zurück nach Deutschland, wo ihr Vater eine neue Existez aufbauen wollte. Ferner lernen wir einen deutschen Journalisten kennen, der auf der Suche nach einer guten Story nach Palermo geflogen ist sowie einen Polizisten, den Serena für ihren Verbündeten hält…

Serena Vitale ist eine mutige und entschlossene Ermittlerin, die sich den ganzen verwobenen Machenschaften der Mafia entgegenstellt. Als sie einen widerspenstigen Zeugen abhören lässt, wird ihr klar, dass das Netz des Verbrechens viel weiter reicht als gedacht…

Sizilien Katze

Sizilien Fotos: (Taormina und Katze) Hauke Harder

Reskis Mafiaroman in der ZDFmediathek

Palermo

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Christian Hanewinkel: „Lonesome zweisam“

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„Ich bin immer so am Rand gewesen, habe für mich gelebt, ausgeschlossen von anderen, eingeschlossen in meiner Welt“

Das Leben spielt immer woanders. Darin sind sich Viola und Tom sofort einig. Sie studieren Germanistik in Münster im ersten Semester und verheddern sich vor der Uni in eine tiefgründige Diskussion. Gleich das erste Seminar beginnt ohne sie. Beide sind sie Außenseiter, haben in ihrem jungen Leben schon große Verluste ertragen. Viola will kein Violinchen mehr sein, keine Außenseiterin und sie möchte endlich erwachsen werden.

Der junge Student Tom geht zu jedem Spiel seiner Lieblingsmannschaft Schalke 04, schließlich besitzt er eine Dauerkarte. Trotzdem ist er lieber vor dem Stadium als drinnen. Warum?

Beide treffen sich und stehen gemeinsam, aber immer noch einsam, da sie über Ihre Gefühle nicht reden können. Sie macht ungeschickte Anspielungen, die falsch verstanden zu Verletzungen führen. Denn viel einfacher als Gefühle zuzulassen ist es, vor ihnen davonzulaufen. Je bizarrer die Ausflüchte, desto deutlicher wird es: »Lonesome zweisam« ist eine Liebeserklärung an die Liebe. Selbst wenn sie es den Liebenden nicht leicht macht. Selbst wenn sie das Leben nicht leichter macht.

Ein so kleines Buch, aber ich habe zwei Anläufe benötigt. Doch ist es ein kleiner, feiner Leseschatz.

„Lonesome zweisam“ von Christian Hanewinkel ist ein Buch das uns zwei Menschen vorstellt, die sehr jung sind und unerfahren ins Leben stolpern. Sie sind jeder für sich durchwebt von der Angst vor dem Leben, den Niederlagen. Sie fühlen sich im Abseits geborgen und stehen lieber daneben als mittendrin. Sie sind Beobachter ohne irgendwo dabei zu sein. Sie haben Angst vor der Liebe und sind daher abstoßend. Lügen sind Schutzschilder und ihre Geschichten, die sie erzählen, suggerieren dem anderen ein anderes „Ich“. Sie wollen dadurch gefallen, fallen dann aber aus ihrer gespielten Rolle und mißfallen…

Beide sind Germanistikstudenten, die ständig reden, aber nicht sprechen. Sprache dient den Menschen, um wieder miteinander zu sprechen. Um dies zu können, muß man lernen sich dem Gegenüber zu öffnen und auch zuhören können…

„Ach, nein? Dann antworte doch einfach auf meine Frage. Es gibt nie Antworten im Leben, und das ist das Problem. Fragen stellen kann jeder, aber antworten?“

Ein Roman, der mich auf dem zweiten Blick überzeugt hat und viel Charme besitzt. Es sind die zwei kauzigen Charaktere, die mich anfäglich etwas mit ihrem wirren und anfänglich pubertären Gedankengängen gestört haben, dann aber mir immer vertrauter und sympathischer wurden.

„Kafkas Verwandlung ist ein gutes Stichwort.“

Ein Buch gleich einem Konzert von Porcupine Tree, eine in sich gekehrte Welt, voller Schwere, Melancholie und Schönheit. Ab und zu erklingt eine Leichtigkeit…

„Da war er auf einem Konzert von Porcupine Tree in Köln. Und dann hören die einfach nach zweieinhalb Stunden auf. Warum können die wirklich guten Bands nicht den ganzen Tag spielen?“

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Anthony Ryan: „Das Lied des Blutes“

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Ein neuer stimmungsvoller Fantasy-Epos beginnt…

Wir erlesen eine Welt, in der Vaelin Al Sorna der berühmteste Gefangene des Reiches ist. Ein großer Kämpfer, der auf ein Schiff gebracht wird, um seiner Bestrafung entgegen zu segeln…

Während dieser Passage erzählt er einem Geschichtenerzähler seinen Werdegang, sein Leben….

Ich gebe zu, der Anfang klingt nach Rothfuss, der mit seiner Königsmörder-Trilogie einen wunderbaren, poetischen und spannenden Zyklus geschaffen hat. Da wir aber bis zum nächsten Band von Kvothe noch warten müssen, möchte ich allen diesen fulminanten Auftakt der Rabenschatten-Trilogie ans Herz legen.

Vaelin Al Sorna besaß viele Namen. Kaum dreißig Jahre alt, war er im Lauf seiner Geschichte mit vielen Titeln bedacht worden: `Schwert des Königs´, `Junger Falke´, `Dunkelklinge´ oder für seine Feinde „Rabenschatten“.

Als Kind wird er zum sechsten Orden gebracht, der sich von nun an um seine Ausbildung kümmert. Es ist eine strenge Ausbildung, die ihn zu einem gefürchteten Kämpfer werden lässt. Sein Leben im Orden wird getragen durch einen engen Verbund an Brüdern, die mit ihm diese harte Ausbildung bis zum Ende durchlaufen. Schnell zeigt sich, daß er jemand besonderes ist.

Hier zeigt sich die Stärke des Buches. Die Charaktere sind glaubwürdig und sehr detailliert beschrieben und ihr Leben wird nachfühlbar geschildert. Mal wieder ein Zyklus, der viel bietet und einfach großen Lesespaß verspricht. Gerade die verschiedenen Zeitstränge sind gut eingewoben und es deutet sich an, daß Vaelin Al Sorna dem Geschichtenerzähler die Geschichte wohl etwas anders erzählt hat…

Ein umfangreiches Werk, das mich in seinen Bann geschlagen und stets sehr gut unterhalten hat. Das Buch beinhaltet viele Intrigen, Magie und Action. Die Sprache ist passend zum Inhalt altmodisch gehalten, wird aber gleich mit dem Spannungsbogen immer flüssiger, so daß man diesen dicken Schmöker zügig durchgelesen hat und nun wieder eine Roman-Serie angefangen hat, bei der man sehnsüchtig auf die Folgebände warten muß…

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„Ein gutes Leben ist die beste Antwort“

Die Geschichte des Jerry Rosenstein

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Eine wahre Geschichte, die viel Mut machen kann und wie ich finde gelesen gehört.

Das Buch endet während eines Dinners auf einer Kreuzfahrt. Jerry Rosenstein wird von einer Dame gefragt, ob er denn meine, daß es Auschwitz wirklich gegeben hätte…

Dies ist wohl einer der Gründe, die für diese Biographie sprechen. Ein Buch gegen das Vergessen. Ein Bericht über einen Juden, der Auschwitz überlebt hat und sich weder in Europa noch in Amerika als Homosexueller unterkriegen lässt.

Der Autor, Friedrich Dönhoff, der 1967 in Hamburg geboren wurde und dort lebt, hat bereits einige Biographien und Romane geschrieben. Es sind zwei Generationen, die zwischen dieser Freundschaft von Jerry Rosenstein und Friedrich Dönhoff liegen. Jerry Rosenstein ist 86 und Friedrich Dönhoff 45 Jahre alt.

Beide treffen sich in San Fransisco, wo Jerry seit 1949 wohnt. Im Sommer 2013 reisen beide im Auto von Amsterdam, wo Jerry in der Nachbarschaft von Anne Frank lebte, nach Bensheim, auf den Spuren von Jerrys Kindheit und Jugend. Jerry möchte von sich und seiner Geschichte erzählen, nachdem er bisher stets allen Fragen ausgewichen ist.

Er berichtet wie er als Jude in Deutschland aufwuchs, dann mit seinen Eltern nach Holland flüchtet. Mit 15 Jahren wurde er deportiert und kam über mehrere Lager dann nach Auschwitz. Mit unglaublich viel Glück hat er diese schlimme und grausame Zeit überlebt.

Danach war er immer auf der Suche nach Freiheit und hat diese letztendlich in Amerika finden können. Auch wenn es anfänglich als Schwuler in Amerika schwer war sich einzufinden und zurechtzukommen. Er hat sich aber seine geistige, innere und sexuelle Freiheit erkämpft und bewahren können.

Es ist die Geschichte eines Mannes, der sich entschieden hat glücklich zu sein, und mit dieser Lebensphilosophie macht sein Bericht Mut. Trotz zahlreicher Schicksalsschläge und der entmenschlichten Zeit findet er sein Happy End und hat bisher seinen Glauben an das Gute bewahren können…

Packend und mit viel Feingefühl erzählt Friedrich Dönhoff von ihren gemeinsamen Reisen, die unterbrochen werden von Jerrys Rückblicken.

Dönhoff leben

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Angelika Klüssendorf: „April“

„Sie hat das vage Gefühl, Verantwortung für sich zu übernehmen…“

april

Vor drei Jahren war Angelika Klüssendorf für ihren Roman „Das Mädchen“ für den Deutschen Buchpreis nominiert. Ein Buch, das mich unwohlig gefesselt, aber auch begeistern konnte. Ein Roman über das Aufwachsen in der DDR. Die Mutter ist eine prügelnde und stets betrunkene Frau, daher wächst das noch namenlose Mädchen in dieser tristen Familienwelt und dem Kinderheim auf.

Der neue Roman „April“ setzt dort an, wo „Das Mädchen“ endet und ist erneut für den Buchpreis nominiert. Eine junge Frau, die sich selber den Namen April gegeben hat bezieht ihr erstes eigenes von der Jugendhilfe zugewiesenes Zimmer zur Untermiete bei einer ruppigen Alten.

Ebenso ist ihr Job, die Anstellung als Bürohilfe, vom Amt organisiert. Alles fühlt sich zunächst wie ein kleiner Schritt Richtung Freiheit an. Zwischen alten und neuen Freunden versucht sich April in den 70er Jahren in Leipzig zurechtzufinden.

„Ich war immerzu wütend als Kind, sagte sie. Ich habe vor Wut keine Luft gekriegt.“

Es gelingt der jungen Frau nicht, sich selber zu finden und auszubrechen aus dem Vorgelebten. Ebenso misslingt ihr verzweifelter Selbstmordversuch. Der darauf folgende Aufenthalt in der Psychiatrie zeigt eine depressive, verzweifelte Frau, die nur nach außen kantig und roh erscheint.

„…wäre sie bloß frei von dem Schatten ihrer Mutter.“

Erst durch die Ausreise aus der DDR beginnt sie sich selber zu erahnen und kann beginnen, Freude und Glück zuzulassen. Die ersten typisch grauen Bilder der DDR verlässt sie auf Sizilien im bunten Noto und dem wunderschönen Ort Taormina. Aber auf jedes Hoch folgt meist ein berstendes Tief…

Taormina

Foto: Hauke Harder

In einer Disco wird deutlich, warum sie sich April nennt. Sie wünscht sich den Song „April“ von Deep Purple, den letzten Song des letzten Album der Urbesetzung ( Für Fans: Die Platte ohne Namen, d.h. Deep Purple III der Mk. I Besetzung).

Musikalisch spiegelt der Song das Buch. Am Anfang klingt ein Orchester, später kommt der Progressiv-Rock, der den Hardrock der folgenden Deep Purple-Besetzung andeutet. Der Mittelteil wird von einem Kammerorchester gespielt. Wenn der letzte Song dieser Platte verklungen ist, denkt man sich leicht berauscht, desorientiert und benommen. Ebenso ist es mir mit dem Text „April“ gegangen. Ein Buch, das sich unwohlig lesen lässt. Beim Lesen sogar leichten Trübsal hervorruft

„Wer sich nicht selber helfen kann, dem kann niemanden helfen.“

Ein bewegender Roman, der eine unnahbare Protagonistin in verschiedenen alltäglichen Situationen, in der Psychiatrie, als junge Mutter und schließlich innerhalb einer kleinen Familie nach der Ausreise in die BRD, darstellt. Aprils Kampf um die Lösung zu ihrer Vergangenheit, von der Wandlung vom Mädchen zu einer jungen Frau, die lernt für sich zu empfinden und sich anzunehmen. Eine Frau, die immer im Wechsel steht. Als Jahreszeit steht der April zwischen den Extremen und macht was er will. Als Song ist es der Aufbruch zu einem neuen Stil. Als Mensch der Versuch das Wahrnehmungsvermögen zu erweitern und nicht erneut in die Welt der Literatur oder Phantasie zu flüchten.

Ein Buch das länger in mir rumoren wird und noch lange nicht verklungen ist ….

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Jennifer Clement: „Gebete für die Vermissten“

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Ein Roman, der mich mitgerissen und tief berührt hat. Ein Text, der sich wohl einreihen wird in die große Literatur, die uns, den Lesern, eine Welt erleben lässt, von der wir nur ab und zu mal kleine Schlagzeilen erhaschen und wohl bisher nicht erahnen konnten, in welche Dramen ein menschliches Schicksal verstrickt wird.

Die Autorin, Jennifer Clement, wuchs in Mexiko-Stadt auf und hat für diesen Roman über zehn Jahre lang in der mexikanischen Provinz recherchiert und führte viele Interviews mit den vom Drogenkrieg betroffenen Mädchen und Frauen. Aus diesem realistischen Potpourri schuf sie ihre Charaktere, die das Leid aller dieser Menschen, besonders das der Frauen widerspiegeln.

Es ist der schmutzige Drogenkrieg, der besonders die Frauen trifft. Ein Leben zählt nicht viel, besonders wenig das der Mädchen und der Frauen. Es sind die Drogenbosse, die besonders die hübschen Mädchen der Dörfer „ernten“ lassen und dann missbrauchen, verkaufen und sich ihrer später entledigen und sie fallen lassen, d.h. wegwerfen…

„In Mexiko ist es das Beste, wenn man ein hässliches Mädchen ist, sagte meine Mutter.“

Sobald die schwarzen Geländewagen der Drogen- und Menschenhändler kommen, verstecken die Mütter ihre Töchter in Erdlöchern. So wächst auch Ladydi in einem unmenschlich gewordenen Bergdorf auf. Ein Dorf ohne Männer, denn die sind in den USA auf der Suche nach Arbeit, Opfer des Drogenkrieges oder bereits längst tot.

Es ist eine trostlose, karge und harte Welt, in der verzweifelte Mütter ihre Töchter als Jungen verkleiden oder die Zähne schwärzen, wenn nicht sogar ausschlagen, damit sie, sollten sie sich nicht rechtzeitig verstecken können, unattraktiv erscheinen. Nur ab und zu kommen die Ehemänner zu Besuch oder ein neuer Lehrer, der sein soziales Jahr in dem Dorf absolvieren muß taucht in dem „gottverlassenen“ Bergdorf auf.

Ladydi, die diesen Namen nicht als Prinzessin trägt, sondern als Wappen gegen ein Patriarchat, träumt mit ihren Freundinnen von einer richtigen Zukunft und Liebe. Doch müssen sie immer wieder ihren Lebenswillen erwecken. Das Dorf liegt inmitten von Mais- und Mohnfeldern und die geschmierten Militärhubschrauber versprühen ihre giftige Ladung Paraquat kurz bevor sie die Mohnfelder erreichen genau über den Dörfern, über den Frauen und Mädchen. Oft ist dies ein Todesurteil.

Ladydis Rettung scheint ein Arbeitsangebot als Hausmädchen in Acapulco zu sein, doch ihr Cousin, selber der großen Drogenmafia zugehörig, verwickelt sie in diesen furchtbaren Überlebenskampf…

„Gebete für die Vermissten“ hat eine langhaltige Wirkung und zeigt dennoch den familiären Zusammenhalt und beschwört die Kraft auf Hoffnung in einer schrecklichen Welt.

Das Buch ist flüssig und schnell zugänglich zu lesen und hinterlässt bleibende Eindrücke. Der Roman zeigt uns eine mutige Heldin, die ein schockierendes, aber wohl realistisches Bild aller dieser Mädchen und Frauen, die Jennifer Clement interviewt hat, beschreibt.

Die Regierungsorganisation schätzt die Zahl der Entführungen im Jahr 2012 auf 105.682. Zur Anzeige werden nur wenige gebracht, 2013 waren es nur 1.446. Die Dunkelziffer liegt bei 99% und nach einer Entführung folgt Zwangsarbeit, Sexhandel und Pornografie. 70.000 Menschen kostete der Krieg gegen die Drogen das Leben.

Die unverblümte Wahrheit dieses Buches macht es so lesenswert. Kein Roman für „Heile-Welt-Leser“, aber um so wichtiger. „Gebete für die Vermissten“ wird sich bestimmt als beständiger Geheimtipp in den Regalen der Buchhändler halten.

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