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Claus Probst: „Nummer Zwei“

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„Dies ist wirklich ein spezial gelagerter Sonderfall…“

Ich wollte eigentlich nur mal eben in das Buch schauen, um zu sehen, worum es geht und wie es geschrieben ist. Aber dann hat dieser spannende Thriller mich überzeugt und ich konnte nicht aufhören zu lesen…

Ein gut geschriebener, kluger Krimi, der unterhaltsam und dennoch tiefgründig ist.

Claus Probst hat 2012 den Agatha-Christie-Krimipreis gewonnen und mit „Nummer Zwei“ hat er seinen ersten Thriller veröffentlicht. Da er Psychologe ist und als Psychotherapeut tätig ist, findet man in dem Roman authentische Protagonisten mit ausgeklügelten Verhaltensweisen.

Am frühen Morgen findet der traumatisierte Romberg die Leiche eines jungen Mädchens, nackt, gewaschen und mit gespreizten Beinen auf einer Bank sitzend, als hätte der Mörder sie gerade eben erst dort zurückgelassen. Gegen alle Vernunft entfernt er das Mädchen vom Tatort, bringt es zu sich nach Hause, zieht ihr ein Sommerkleid an und legt sie mit einem Stofftier in die Tiefkühltruhe. Er weiß, er darf das nicht tun. Er weiß auch, dass ein Mörder, der bereits zwei junge Frauen umgebracht hat, die Region Mannheim in Angst versetzt. Aber etwas ist in ihm und er muss so handeln….

Die Analytikerin Lena Böll wird von ihrer Weiterbildung in Los Angeles abgezogen, um an diesem Fall zu arbeiten und sie sucht nun nach diesem vermissten jungen Mädchen. Der Serienmörder ist irritiert, da seine Leiche nicht in den Medien erscheint. Denn nirgendwo ist eine Leiche gefunden worden. Er brüstet sich per SMS, die er an die Eltern des Mädchens sendet, mit seiner Tat.

Lena Böll, einer sehr toughe und sympathische Profilerin, die selber mit ihren Schattenseiten zu kämpfen hat, wendet ihr ganzes psychologisches Können an, um das Profil „beider“ Täter zu entwerfen. Denn ihr und der Polizei wird durch die SMS schnell deutlich, daß jemand die Leiche `gestohlen´ hat. Diesen jemand nennen die Ermittler „Nummer Zwei“. Es beginnt ein hochriskantes und spannendes Katz-und-Maus-Spiel, in dem ein Unbekannter zum entscheidenden Faktor wird – auf Leben und Tod.

Die Ausgangssituation für diesen Krimi ist sehr speziell und einzigartig. Der Plot bietet tiefgründiges psychologisches Potential. Der Roman wechselt stets die Perspektiven und vertieft damit die starken Charaktere von Romberg und Böll.

Man kann bereits in den Ankündigungen lesen, daß der Autor an Folgeromanen um die Profilerin Lena Böll schreibt, die in diesem Fall „Nummer zwei“ sehr überzeugend dargestellt wird. Ich vermute und hoffe, diese werden mich noch mehr begeistern, denn es deutet sich hier eine kluge und spannende Krimi-Reihe an. In Claus Probst schlummert noch viel Potential als Autor und als Psychologe…

»In meiner Arbeit als Psychotherapeut geht es mir um das Gleiche wie beim Schreiben: Gefühle und bislang Unverständliches zu ausdrucksstarken Bildern zu verdichten, um das Leben und die eigene Existenz begreiflicher zu machen.« Claus Probst

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Jamil Ahmad: „Der Weg des Falken“

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Die Reisenden der Verlage sind nun unterwegs und besuchen die Buchhandlungen mit den vielen Neuheiten des kommenden Leseherbstes. Im Deutschen Taschenbuch Verlag erscheint ein Werk, daß ich ganz vergessen hatte und nun zum Glück aus meinem ungelesenen Bücherberg gefischt und mit Begeisterung gelesen habe. Das Buch ist bei Hoffmann und Campe verlegt und erscheint im November als Taschenbuch.

Ich habe das Buch angefangen und konnte mich dem Text nicht mehr entziehen. Ein sprachliches Kunstwerk. Ein moderner, poetischer Abenteuer-Roman, der uns eine Welt offenbart, die uns sehr fern ist. Das Buch lebt von der unglaublich schönen Sprache, die knapp bemessen, das Wesentliche der Geschichte berichtet.

Der Autor, ein greiser Pakistaner, der ehemals in Belutschistan als Regierungsbeauftragter für die Stämme dieser Region und später als Botschafter in Kabul tätig war, schrieb bereits vor vierzig Jahren diesen Roman. Durch diesen aussagekräftigen Text ist Jamil Ahmad eine Art Star-Autor geworden. Er lebt ganz einfach, kann keinen Computer bedienen, tritt nicht im Fernsehen auf und meint, er habe nur ein paar Geschichten zu Papier gebracht, per Hand, ganz einfach… Wir verdanken seiner deutschen Frau, daß wir diesen `Leseschatz´ nun lesen dürfen.

Im Roman folgen wir als gebannter Leser den Spuren des jungen Tor Baz – dem schwarzen Falken – durch eine archaische Welt. Die Geschichte erzählt aus der Grenzregion zwischen Pakistan, Afghanistan und Iran. Dies ist der Zusammenhalt des ganzen Buches. Die karge, lebensabweisende Landschaft der Nomaden. Ein bisher in der Literatur seltenes Gebiet, denn die Überlieferungen der Nomaden sind flüchtig und an eine erzählende, mündlich überliefernde Kultur gebunden. Jamil Ahmad hat sich sehr literarisch und poetisch tief in die Stammeskulturen und Geschichte dieser Regionen versenkt.

Das Schicksal von Tor Baz steht unter einem schlechten Stern. Seine Eltern haben durch ihre Liebe die Stammesregeln verletzt und werden jahrelang gehetzt. Das junge Paar flieht vor den Verfolgern in die Berge und sie erhalten Obdach in einem Militärstutzpunkt. Keine Zuflucht – lediglich Obdach. Dies ist in diesen Regionen ein großer Unterschied. In diesem Stützpunkt kommt Tor Baz zur Welt. Das Schicksal schlägt aber zu und die Verfolger finden das Paar und nur der Junge überlebt das Gemetzel und man lässt ihn alleine in der Wüste. Sein Leben wird nun zu einer einzigen Odyssee über die Grenzen dreier Länder hinweg. Mal steht er unter der Obhut eines Soldaten, dann ist er Begleiter eines Lehrlings eines wandernden Mullahs, schließlich Ersatzsohn eines Paares, dessen Kind auf zweifelhafte Weise zu Tode kam. Tor Baz erlebt Stammeszwiste, Mädchenhandel, er begegnet Rebellen aber auch normalen Männern und Frauen, die alles geben würden, um ihre traditionelle Lebensweise zu bewahren. Aber alles ist im Wandel, im zeitlichen Wandel in den Regionen.

Ein wunderbares, faszinierendes Buch. Es erschließt dem Leser eine bisher verborgene, unbekannte in Teilen unverständliche Welt. Mit sparsamen Worten schafft es Jamil Ahmad ein klares Bild zu zeichnen. Nicht Gekünsteltes schafft dieses kleine Kunstwerk. Es ist die unkünstliche Weise dieser Erzählung, die uns in die Kargheit der Landschaft und ihren Protagonisten entführt.

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Ayana Mathis: „Zwölf Leben“

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„Alle miteinander waren Funken, die an dunklen Orten durch die Luft flogen und zu leuchten versuchten, obwohl sie dazu verdammt waren zu Asche zu werden.“

Angeregt durch die tollen uns sehr sehenswerten Filme: „Der Butler“ und den erst kürzlich gesehenen „12 Years a slave“ (ein Film, der zurecht viele Preise erhalten hat) habe ich mich mit dem Buch: „Zwölf Leben“ von Ayana Mathis beschäftigt.

Die Autorin, Ayana Mathis wuchs als Tochter einer alleinerziehenden, depressiven Mutter, in Germantown, einem Arbeiterviertel in Philadelphia, auf. Die Mutter förderte ihr Talent und sie ist Absolventin des Iowa Writers´ Workshop und mit diesem, ihrem ersten Roman (Org. „The Twelfe Tribes of Hattie“) gelang ihr ein großer Erfolg. Sie wird bereits jetzt schon als eine Nachfolgerin von Toni Morrison gehandelt.

Es ist ein Familienroman, ein gelungener „Schmöker“, um eine starke und unbeugsame Frau.  Der Text ist sehr gefühlvoll. In kraftvollen Bildern wird das mitreißende Leben derer, von denen dieser Roman erzählt, beschrieben. Mit viel Einfühlungsvermögen und Menschenkenntnis schreibt Mathis gekonnt von Hoffnung, Verständnis und Liebe. Mich hat das Buch sehr gut unterhalten – in Teilen allerdings etwas zu sehr konstruiert. Dies ist aber ein hinnehmbarer und leicht überlesbarer Makel.

Es ist die Geschichte um eine außergewöhnliche Frau und ihre zwölf Kinder, die während der Great Migration, nach dem Exodus der afroamerikanischen Bevölkerung aus dem Süden, beginnt. Eine farbige Familie, die sich aus bitterer Armut aus den Südstaaten der USA in der Hoffnung auf ein besseres Leben in den Norden begibt.

Hattie ist gerade 15 Jahre alt, als 1925 die Zeit des großen Aufbruchs der Afroamerikaner aus dem Süden in die Nordstaaten beginnt. Im Norden hofft man auf bessere Lebensbedingungen. Die Bürgerrechtsbewegung mit dem Ziel einer Gleichstellung von Farbigen zog sich von 1910 bis 1970 hin. In Philadelphia wird Hattie Mutter von vielen Kindern. Ihre ersten Kinder, die sie hoffnungsschwanger gleich Philadelphia und Jubilee tauft, sterben an einer Lungenentzündung. Ihre weiteren Kinder verstreuen sich nach Jahren der bitteren Armut in der Welt um jeweils ihr Glück zu suchen. Hattie bleibt stets ihr Anker, ihr `Zuhause´ Sie bleibt immer stolz und unbeugsam. Doch sie kann auch verbittert und wütend werden. Die Geschichte ihrer Kinder zieht sich mit deren Lebenskrisen durch das ganze 20. Jahrhundert und ist dadurch amerikanische Zeitgeschichte.

„Alles kann man verlieren, aber den Kampf gegen die Bitterkeit muss man gewinnen“

Die Hoffnung erstirbt in Teilen in Arbeitslosigkeit, Trunksucht und Spielleidenschaft. Die Liebe zwischen Hattie und ihrem Mann verliert sich in alltäglicher, harter Arbeit, im Kampf ums Überleben, im Hunger und in der Not der Kinder.

Ein atmosphärisches Lesevergnügen, das den Leser alle Protagonisten sehr bildreich erleben lässt. Man fühlt sich verbunden und nimmt Anteil an den einzelnen Lebensschicksalen.

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„Im Schatten des Banyanbaums“

Bild„Ich schaute genauer hin. Dann sah ich sie, diese andere Welt, von der Papa immer sprach, in der man das Verlorene wiederfand. Es war einladend und still, irdisch und luftig zugleich. Dort gab es keine explodierenden Bomben oder Raketen, niemand weinte oder starb, es gab keine Tränen, keine Trauer. Es gab Schmetterlinge, die mit zarten Flügeln wippten, jeder so schillernd wie ein Traum.“

Dieser Leseschatz ist ein Debüt von Vaddey Ratner.

Es ist ein unglaublich berührender Roman, insbesondere, wenn man diesen mit dem Wissen liest, daß die junge Autorin das darin Geschilderte selbst als kleines Mädchen durchlebt hat und trotz allem nie ihren Lebensmut verloren hat.

Vaddey Ratner wurde 1970 in Kambodscha geboren und war erst fünf Jahre alt, als die Roten Khmer an die Macht kamen. 1982 gelangte sie als Flüchtlingskind ohne Englischkenntnisse in die USA. 1990 schloss sie die Highschool als Jahrgangsbeste ab und studierte Südostasiatische Geschichte und Kunst. „Im Schatten des Banyanbaums“ war unter anderem unter den Finalisten des PEN/Hemingway Foundation Awards. Vaddey Ratner lebt heute in Potomac, Maryland.

Die Geschichte, die sie in ihrem Debüt erzählt, ist also in weiten Teilen ihre eigene. Denn die Protagonistin, Raami, lebt ebenfalls in Kambodscha und ihre Kindheit endet mit sieben Jahren, als die Roten Khmer die Macht übernehmen und alle Menschen aus der Hauptstadt vertreiben.

Das Mädchen lebt nun zwischen der Grausamkeit der neuen Machthaber und der menschlichen Großzügigkeit der Landbevölkerung.

Der Roman ist aus der Sicht eines sehr fantasiebegabten Kindes geschrieben, das zum Glück an Ihren Träumen festhält. Um die Gräueltaten zu beschreiben, webt die Autorin teilweise mythische Erzählungsebenen in Ihren wunderbaren Text. Der Schrecken wird nicht als literarisches Mittel eingesetzt, weder verharmlost oder zu sehr dramatisiert. Dies macht die Geschichte sehr erlebbar.

Ein wunderbares Buch, das an die Werke von Hosseini erinnert. Eine grausame Geschichte, die voller Schönheit erzählt ist. Ein kraftvoller Text, der beim Lesen sehr viel Emotion und Mitgefühl erweckt.

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Philipp Meyer: „Der erste Sohn“

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Das große Epos über den Gründungsmythos Amerikas. Ein Werk mit einer rohen und außergewöhnlichen erzählerischen Kraft.

Die Protagonisten des Romans sind keine Helden, sondern zu Teilen unsympathische und orientierungslose Seelen, die von Habgier getrieben die amerikanische Geschichte durchwandern.

Philipp Meyer hat einen wahren Antihelden geschaffen und erzählt in diesem kräftigen Epos die unverblümte Besiedelung des Westens. Mit vereinzelt sehr brutalen Bildern erlebte ich als Leser den Gründungsmythos und die Identität Amerikas neu. Ein Buch, das mich in seinen Bann gezogen hat, aber auch, ab und zu durch seine ungeschminkte – wohl natürliche Brutalität der gar nicht so lang entfernten „Western-Zeit“ schockiert und verstört hat.

Die Handlung ist der Kampf des texanischen McCullough-Clans um Land, Öl und Macht. Die Geschichte der Eroberung des amerikanischen Westens als große Familiensaga über drei Generationen während der letzen 150 Jahre.

1836 – Der erste Sohn der neuen Republik Texas wird geboren: Eli McCullough. Seine Familie wird brutal von den Comanchen überfallen und getötet, er selbst wird vom Häuptling Toshaway begnadigt und später vom Stamm aufgenommen. Nach seiner Zeit bei den Indianern wird Eli Großunternehmer, der mit Rindern und Öl handelt. Im Roman wird aus verschiedenen Perspektiven die Geschichte seiner Familie über drei Generationen hinweg erzählt.

Philipp Meyer versteht es, die Schicksale der Individuen vor dem Hintergrund der Geschichte des Staates Texas und der Eroberung des amerikanischen Westens sehr lebendig werden zu lassen und erzählt mit außergewöhnlicher Kraft und ohne falsche romantische Verklärtheit.

Ein kraftvolles, rohes Werk fern jeglicher Winnetou-Romantik.

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Hanne-Vibke Holst: „Das Mädchen aus Stockholm“

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Die Last der Lüge und die Macht der Vergebung ist das Thema des Romans: „Das Mädchen aus Stockholm“ von Hanne-Vibke Holst.

Hanne-Vibke Holst ist eine der erfolgreichsten Autorinnen Dänemarks und lebt in Kopenhagen. Sie platziert in Dänemark und Schweden stets Bestseller und hat für ihren Roman: „Der perfekte Plan“ den Dänischen Buchpreis gewonnen.

Das Buch „Das Mädchen aus Stockholm“ beginnt 1940 als der Zweite Weltkrieg ausbricht, der alles zu zerstören droht. Die Familie der eng verbundenen Zwillinge Leif und Leo sieht sich mit vielen Problemen konfrontiert. Gemeinsam erleben sie im Pfarrhaus ihrer Eltern hautnah den Widerstand gegen die deutsche Besatzung.

Als sie später als junge Männer ein schwedisches Mädchen kennen lernen, das beide fasziniert und sich beide in dieses verlieben wird ihre Brüderlichkeit und Geschwisterliebe auf eine harte Probe gestellt. Einer der Brüder soll das `Mädchen aus Stockholm´ für sich gewinnen, doch gelingt dies nur mit einer List, die sehr lange unbemerkt bleibt. So bahnt sich diese Lüge ihren Weg durch die Generationen…

Im Jahr 2011 lebt Helena in Berlin und sie soll für Ihre Arbeit als Opernintendantin mit dem Demokratiepreis geehrt werden. Zu diesem Anlass hat sich auch ihre Tochter, Sophie angekündigt. Zwischen beiden war lange Zeit ein verletztes Schweigen. Beide sehnen sich nach gegenseitiger Annäherung. Mehr sogar die ehemals rebellische Tochter. Doch das Treffen nimmt eine ungeahnte Wendung und enthüllt eine bittere Lüge aus der Vergangenheit, die ihrer beider Schicksale verändern wird…

Ein unterhaltsamer Familienroman, der eine einfache, klare Sprache hat und trotzdem Tiefgang besitzt. Ab und zu ist der Text etwas klischeehaft, aber sehr gut zu lesen und mehr als pure Unterhaltung. Der Roman ist durch seine Erzählstruktur sehr kurzweilig, gefühlvoll und fesselnd geschrieben.

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Eugene McCabe: „Schwestern“

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„Jeder ist jemand, und keiner ist niemand…“

Eine bewegende Novelle: „Schwestern“ von Eugene McCabe. Eine meisterhafte Erzählung, die in kurzen, prägnanten Sätzen eine Geschichte über Verrat und Vergebung zweier ungleicher Schwestern erzählt.

Der Autor Eugene McCabe wurde 1930 als Sohn irischer Eltern in Glasgow geboren. In den frühen 1940er Jahren kehrte die Familie zurück nach Irland in die Grafschaft Monaghan zurück. Neben seinen Theaterstücken schrieb er auch Kinderbücher, Kurzgeschichten, ein Sachbuch und Drehbücher für Fernsehspiele. McCabe lebt auf einer Farm in der Nähe von Clones in Monaghan in der Nähe der Grenze zwischen Irland und Nordirland.

Die Novelle beginnt im Spätherbst 1952. Die beiden Schwestern, Tricia und Carmel sind noch klein, als ihre Mutter stirbt. Sie bleiben allein bei ihrem Vater, einem Trinker, Weiberhelden und wie sich viel später herausstellen wird, einem Kinderschänder. Dies bekommen die beiden Schwestern, die viel zu jung sind, nicht mit. Aber der Vater muß eines Tages fliehen und verkauft seine Arztpraxis und lässt die Kinder allein. Diese werden von Verwandten verwahrlost und verstört aufgefunden und bei sich aufgenommen.

Während Tricia zu einer lebenshungrigen jungen Frau heranwächst, zieht es die jüngere und schönere Carmel in die Abgeschiedenheit eines Klosters. Als junge Nonne lernt sie ihren Frieden in der göttlichen Natur zu finden. Doch die irdische Liebe lässt sie zweifeln und sie verlässt unerwartet den Orden und stolpert aus einer vorgeblich heilen Welt in ein grundlegend verändertes Irland. Ende der sechziger Jahre ist die Gesellschaft im Umbruch. Die Kirche hat den Menschen nur noch wenig zu bieten. In Nordirland eskaliert der Krieg.

Carmel kommt vorerst bei ihrer Schwester unter und heiratet später einen verwitweten Bestattungsunternehmer.  Sie bleibt eine in sich gekehrte, entrückte Frau, die sich selber strengen moralischen Ansprüchen unterwirft, denen kaum einer, nicht einmal die Nonnen, ihr Mann und ihre Schwester genügen kann.

Durch einen durch Alkohol und verletzen Stolz verursachten Verrat gerät die heile Welt gänzlich aus den Fugen. die erhoffte Vergebung kann nur durch Gottes Kraft oder durch die Geschwisterliebe erteilt werden…

Diese Novelle ist von einem meisterhaften Autor erzählt. In zurückgenommener und nüchterner Sprache liest sich die Geschichte von Verrat und Vergebung sehr kurzweilig. Ein tiefgründiges Buch, das nicht Gewolltes, sonder eher Reduziertes darstellt um dadurch das Große, die eigentliche Dramatik des Textes, in den Vordergrund zu stellen, das im Verschwiegenen und Verborgenen liegt.

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Ein Buch kann ein Leben verändern

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Ein Buch kann ein Leben verändern. Wir wissen aus der Physik und den spirituellen Lehren, daß unsere äußere Welt der Inneren gleicht. So kann eine neue Sicht mein Umfeld verändern. Ich kann nicht die Welt verändern, ich kann nur mich ändern.

Meistens reicht ein kleiner Anstoß. Diese Anregung kann ich durch einen schönen, klugen Satz finden oder durch ein ganzes Buch, denn jeder Text birgt in sich die Möglichkeit, meine Sicht auf die Dinge zu erneuern. Doch muß man auch Geduld haben, denn nicht jedes Buch spricht mich an oder ist für mich zu dieser Zeit das passende. Aber es gibt Bücher, die meinem Leben mehr geben. Ein alter Zen-Spruch besagt: „Ein herumirrender Hund wird vom Stock gefunden“. Ich muß aktiv sein, aber das Ziel und das Wissen ist da und es kommt passend zu mir.  Hierzu fällt mir noch ein Lehrspruch ein: „Das Gras wächst nicht schneller, wenn ich daran ziehe“.

Es ist schön, in unserem Beruf zu erleben, wenn gerade junge Leser dies zum ersten Mal erleben. Das Buch, daß sie gefunden haben und sie so sehr begeistert, daß sie ihr Umfeld anstecken wollen. Ich erinnere mich gut an diese Momente. Bücher von M. Ende, später H. Hesse, besonders „Demian“ und „Siddharta“ haben mich damals sehr gefesselt. Ebenfalls „Faust“ von Goethe. Aber es müssen ja nicht immer diese Klassiker sein, die eine Welt prägen. Es kann ein guter Unterhaltungsroman sein, der mich so sehr berührt, daß ich mehr verstehe und empfinde. Eine neue Welt kann sich mir öffnen. Bücher schaffen es, in uns neue Welten zu erschließen.

Ich gestehe, ich liebe auch Filme und Serien, aber es sind die Bücher, die mich innwendig ergreifen. Das Sehen ist eine außengekehrte Sicht. Ebenfalls denke ich dies auch über die neuen Lesegeräte, die durch ihre diversen Funktionen eher vom Ursprung des Erfassens ablenken könnten.

Man muß nicht wie ich ein großer Freund von spirituellen Texten und Lehren sein, aber daß ich meine Welt und mein Umfeld selbst gestalte, sollte dennoch jedem geläufig sein. Daher empfehle ich heute das Buch: Denn jedes Buch öffnet neue Welten und Ansichten. Machen Sie etwas für Ihre Gesundheit, lesen Sie ein Buch 😉

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„Warten“

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Auf unseren Leseschatz der Woche hat wohl keiner gewartet.
Das liegt aber nicht am einfühlsamen und heiteren Buch, sondern eher an der Tatsache, daß wir das Warten verlernt haben.

In dem Büchlein „Warten“ ist die Journalistin Friederike Gräff einem ungeliebten Zustand auf der Spur, der nur scheinbar neutral ist und sogar glücklich machen kann: das Warten.

Wir warten auf den Bus, auf die große Liebe und der Kreative auf die nächste Idee… Jedes Warten hat seine Geschichte. Friederike Gräff ergründet, was dieser Zustand in uns auslöst. Sie steigt in die Tiefen unserer Psyche und stellt das Warten in ein neues Licht. Ist das Warten eine Gabe, die vor allem den religiösen Menschen auszeichnet? In unseren heutigen Gesellschaften gilt Warten als schwer erträglich, weil es all dem entgegensteht, was das moderne Individuum als seine unveräußerlichen Werte begreift: Freiheit, Gleichheit, Selbstbestimmung. Warten kann die Zeitwahrnehmung intensivieren. Aber was ist Zeit – gibt es diese Zeit? Kann man Zeit ungenutzt vergehen lassen?

Friederike Gräff vermittelt uns in einer schnelllebigen Gegenwart die Vorzüge des Wartens. Ihre vielstimmige Erkundung ermutigt uns, Warteräume zu schaffen und sie selbstbestimmt zu nutzen.

Wer dieses Buch liest, wartet und sieht das Verweilen mit ganz anderen Augen.

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Donna Tartt: „Der Distelfink“

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Es ist ein tolles, ein famoses Werk, daß in seiner Tiefe und der Geschichte wohl keinen Leser unberührt lassen wird.

Der Roman ist in einer kompakten und sehr schönen Sprache geschrieben und fast schon konventionell erzählt. Er zeigt bereits in den Anfängen des umfangreichen 1022 Seiten starken Textes das ganze Spektrum des Kommenden auf. Wer in Kategorien denken möchte, kann das vorliegende Buch schwer einordnen, denn ob es nun ein Entwicklungs- oder ein Bildungsroman ist, fällt bei der Fülle schwer zu sagen. Auf jeden Fall ist es ein Meisterwerk. Die US-Autorin hat zu Recht für diesen Roman den diesjährigen Pulitzer-Preis in der Kategorie Literatur erhalten.

Der Roman handelt von menschlichen Beziehungen, von Tod und Verlust, von Freundschaften, aber auch von Verrat und natürlich der Liebe.

Theodore Decker, der Ich-Erzähler, ist dreizehn Jahre alt, als er seine Mutter bei einem Bombenanschlag im New Yorker Metropolitan Museum verliert. Minutiös und sehr detailliert schildert Tartt bereits diese Anfangsszene, die in sich schon den ganzen charakteristischen Zusammenfall beinhaltet. Er und seine Mutter besuchen das Museum und betrachten den zarten Distelfink, das Werk von Carel Fabritius, einem Schüler Rembrandts und Lehrer Vermeers. Die Mutter erzählt ihrem Sohn, daß Fabritius 1654 bei einer Explosion ums Leben kam. Kurz danach explodieren im Museum zwei Bomben und Theos Leben nimmt eine ungute Wendung. Im Chaos nach der Detonation trifft er den älteren Herrn, dem er kurz vorher in Begleitung eines rothaarigen Mädchens, „Pippa“, begegnet war, und dieser animiert ihn skurril und leicht verwirrt zum Kunstraub. Theo nimmt den Distelfink an sich.

Er wird von der Familie Barbours, einer wohlhabenden Familie eines ehemaligen Schulfreundes, aufgenommen, denn sein Vater, ein gescheiterter Schau- und Glücksspieler, der ihn und seine Mutter vor einiger Zeit verlassen hat, ist unauffindbar und die Großeltern wollen den Jungen nicht zu sich nehmen. Theo trifft später wieder auf Pippa, die ihn vom ersten Augenblick an fasziniert hat und begegnet so auch ihrem Großvater Hobie, der sein väterlicher Freund wird.

Der erste Teil des Buches ist eine sorgfältige Charakterstudie, die bereits alle Themen des Buches anklingen lässt. Die Handlung überschlägt sich, als Theos Vater ihn doch abholt und nach Las Vegas mitnimmt. Der moralische Zerfall von Theo wird getragen von Lügen, Alkohol und Diebstahl. Im Hintergrund rumort in ihm immer das entwendete Gemälde. Stets möchte er sich erleichtern, es jemandem beichten, doch je länger er es bei sich hat, desto unmöglicher wird es.

Das große Thema des Buches ist, warum wir wissentlich Falsches machen und dies auch erkennen und wie, wenn es auffliegt, das ganze maskierte Lebensbild ins Wanken gerät. Theo treibt die Sehnsucht an, etwas Bleibendes festzuhalten.

Der Distelfink ist ein Symbol. Ein angeketteter leichter Vogel. Man kann diesen für seine Schönheit und Ausstrahlung bewundern, aber dennoch ist er ein gefangenes, zartes Geschöpf, das in sich selber gefangen ist. Ebenso verhält es sich mit dem Roman. Er ist ein verästeltes Kunstwerk mit enormer Wirkung und einer Fülle an realistischen Details.

„Und so gern ich an eine Wahrheit jenseits der Illusion glauben würde, glaube ich doch inzwischen, dass es sie nicht gibt. Denn zwischen der „Realität“ auf der einen Seite und dem Punkt, an dem der Geist die Realität trifft, gibt es eine mittlere Zone, einen Regenbogenrand, wo die Schönheit ins Dasein kommt, wo zwei sehr unterschiedliche Oberflächen sich mischen und verwischen und bereitstellen, was das Leben nicht bietet: und das ist der Raum, in dem alle Kunst existiert und alle Magie.“

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