Archiv der Kategorie: Erlesenes

Meinungen des Buchhandels zum Buchpreis (1): Hauke Harder aus Kiel

Zur Nominierungen der Longlist in diesem Jahr und zum Deutschen Buchpreis wurde ich interviewt.
Danke an das Das graue Sofa: http://dasgrauesofa.wordpress.com/

Avatar von Claudiadas graue sofa

In meiner kleinen Interviewreihe möchte ich wissen, was Buchhändler von den Noinierungen auf der Longlist in diesem Jahr und vom Buchpreis ganz allgemein halten. Als erster der Buchhändler steht Hauke Harder von der Buchhandlung Almut Schmidt in Kiel Rede und Antwort.

 

Die Longlist des Deutschen Buchpreises 2014 ist seit ein paar Tagen bekannt. Sind Sie überrascht von Titeln auf der Liste, vermissen Sie den ein oder anderen Titel oder sind Sie insgesamt zufrieden?Buha_AS_HH
Insgesamt zufrieden, denn die Liste ist eine gute und bunte Mischung.
Dennoch fehlen mir persönlich einige meiner Favoriten. Aber es werden wohl immer individuelle Buchtitel nicht nominiert, die einen persönlich begeistert haben.
Als kleine Kritik würde ich sagen, daß die Liste den Lesegeschmack vieler Buchliebhaber nicht immer spiegelt. Ich denke, daß die Liste am Leser, der nicht beruflich mit dem Medium Buch zu tun hat, leicht vorbei gehen könnte. Die Auswahl ist eine künstlerische und anspruchsvolle…

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Deborah Levy: „Black Vodka“

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„Auch wenn mein Körper mit dem Verbandmull der Informationen zugestopft und die Seele längst aus der Mode ist, heile ich meine Wunden und lindere meine Schmerzen noch immer mit Pflanzen.“

Ein neues Buch von Deborah Levy, die mich schon mit „Heim schwimmen“ begeistert hat. Noch immer gibt es Bücher, die durch ihren Inhalt und die Gestaltung signalisieren, daß das Lesen ein sinnlicher Vorgang ist…

In „Black Vodka“ sind zehn Kurzgeschichten, die alle durch ihre Knappheit und Verdichtung der Story fesseln. Gerade diese Form der Erzählung passt in unsere heutige Zeit, die geprägt ist von der kurzen Aufmerksamkeitspanne vieler Leser.

Deborah Levy sticht in die Brüche unseres heutigen Bewusstseins. Sie schreibt in einer messerscharfen Präzision über die Risse und Wunden der Gesellschaft und taucht in diese ein, um diese literarisch zum Bersten zu bringen.

Jede Geschichte liest sich gleich einem Drink. Durchsichtige kalte Flüssigkeit, die in der Kehle brennt und im Kopf einen unangenehmen Nebel hinterlässt. Ein Drink, der in einem Zug getrunken, zu schnell den Kopf benebelt. Langsam genossen, verdunstet die unausgesprochene Idee…

„Black Vodka trinken heißt, um unser Leben trauern“

Es sind europäische Schauplätze die belebt werden von Weltbürgern, die nicht genau wissen wohin sie gehören. Immer auf der Suche, als würden sie stets warten, wo kein Bus fährt…

Es sind moderne Menschen, die fürchten, sie könnten nicht alles im Griff haben. Sie verlieren sich in den geschluckten Emotionen, die gleich dem Drink erst Wohligkeit versprechen, dann aber durch ungeübten Umgang Übelkeit verursachen. Bis es zu einer explosionsartigen Entleerung kommen kann…

Die Suche der Einsamen nach Geborgenheit. Menschen, die am Flughafen vergessen, ob sie auf die Ankunfts- oder Abflugsanzeige schauen müssen. Menschen, die beim Kennenlernen schon an den Abschied denken und gar nicht erst hinter der coolen Fassade hervorkriechen. Die fürchten, sie könnten nicht cool genug sein. Das Reisen kann auch eine Flucht aus einer Beziehung sein.

Inmitten eines modernen und oft humorvollen Alltags tut sich stets unmerklich ein Graben auf, den der Leser jedoch leicht überlesen aber auch mit Distanz überwinden könnte. Es gibt immer eine Möglichkeit zum Wandel, zu neuen Chancen… Dies ist das durchgängige Thema in den Werken von Deborah Levy, das sich auch bereits am Umschlag des Buches zeigt. Der Riss, der kleine Bruch im oberen linken Rand im Foto der seelisch verletzen Frau mit offener Bluse.

Der Stil von Deborah Levy ist wohldosiert, sie erzählt in einer knappen, eleganten Sprache. Vieles bleibt in den Tiefen des Textes verborgen. Es liegt am Leser, die Brüche zu finden und sie zu entziffern.

Ein tolles Buch mit leichter Melancholie, die einen nebligen Nachgeschmack im Leser hinterlässt.

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Markus Orths: „Alpha & Omega“

Alpha & Omega

 „Neue Bücher führen zu alten Einsichten…“

Wo soll man anfangen… Wo ist der Anfang …Wo das Ende? „Alpha & Omega“. Ein schriller Roman voller durchgedrehter Ideen. Ein umfangreiches Buch, das spannend zu lesen ist und auf jeder Seite kann man etwas kleines Lustiges finden oder einen bombastischen Kalauer. Ein Reigen voller sonderbarer Charaktere mit irren Wendungen.

„Wenn es endlich ist, muss es einen Anfang gehabt haben, und es muss definitiv auch ein Ende haben. Hat es einen Anfang gehabt, stellt sich die Frage, was war denn vor dem Anfang?    …  Wenn unser Universum unendlich ist, muss es auch alle unendlichen Möglich- und Wirklichkeiten geben, sprich, alles, was sein könnte, muss auch sein. Das wiederum bedeutet, dass es nicht nur ein einziges Universum geben kann, sondern das es alle denkbaren und undenkbaren, alle wahrscheinlichen und unwahrscheinlichen, alle möglichen und alle absolut unmöglichen Universen geben muss.“

Die Geschichte wird von Elias Zimmermann aus dem Jahr 2525 erzählt. Ein Quadruppel. Wie in der Zukunft üblich, hat er vier Gehirnviertel und nicht, wie wir antiken Barbaren nur zwei Gehirnhälften. Er ist dadurch in der Lage Gedanken zu hören und hat ein viel höheres Kombinationstalent. Er würde für das vorliegende Buch lediglich eine halbe Stunde benötigen. Doch war dies für mich mit nur zwei Gehirnhälften nicht möglich und das Buch hat seine Lesezeit gefordert. Dies wissend hat die Figur, der Erzähler, auch versucht, die Geschichte so übersichtlich zu strukturieren, daß auch wir Zwei-Gehirnhälfter  sie verstehen können. Es geht um die Frage warum nun die Welt im Jahr 2021 beinahe untergehen wird, d.h. untergegangen wäre – alles nur eine Frage der Perspektive. Die Rettung der Erde verdanken wir, d.h. werden wir einem mysteriösen und rätselhaften Mädchen und ihrem im wahrsten Sinne hohlen Hund verdanken.

Markus Orths hat einen Wälzer vorgelegt, der ausschweifend und oft sehr klug erzählt ist. Oft kalauernd, stets lautmalerisch wandelt er zwischen Endzeit-, Apokalypse-, Science-Fiction und Abenteuer-, Entwicklungs-Roman. „Alpha & Omega“ ist ein grotesker Zukunftsroman.

Die Protagonistin Omega liegt plötzlich mit im Krankenhaus als Alpha geboren wird. Niemand hat mitbekommen, woher sie kam. Sie ist schwarz und gänzlich unbehaart. Im Gegensatz zu Ihrem späteren Bruder Alpha schreit sie, bis Kolja sie auf den Arm nimmt. So kommt das Mädchen zu ihrer Adoptivfamilie. Es sind die Esoterikerin Birte, der stille Müllmann Kolja, der spielsüchtige Großvater Gusto und ihr Bruder Alpha, der später Informatiker werden möchte.

Später im Laufe der Geschichte ist es auf einmal da: Ein schwarzes Loch in Nevada. Von Physikern erschaffen. Ein Unding, das Tote fordert und die Erde Stück für Stück verschlingt.

Und jetzt? Vielleicht kann Omega Zacharias die Erde retten. Immerhin ist sie der erste Mensch mit drei Hirndritteln und verfügt über spektakuläre telekinetische Fähigkeiten. Obwohl sie doch lieber über den Laufsteg gehen, d.h. schweben würde. Zum Glück schaut sie alle Staffeln „Germanys Next Top Model“. Heidi Klum prägt sie darauf für alles zu kämpfen und Wolfgang Joop animiert sie unwissend zu ihren schlummernden Fähigkeiten: Sie kann schweben und schweben lassen…

„…aber ein weiser Mann schrieb mal: „Wenn wir alles für gesichert und real halten, enden wir in tödlicher Langeweile an uns selbst und der Welt.“

„Aha“, murmelte Omega. „Und wer war das?“

„Mein geliebter Carlos Castaneda.“

Wie Omega dann letztendlich die Welt rettet lohnt sich wirklich zu lesen. Ihr zur Seite stehen skurrile Typen, die den Roman recht bunt beleben. Der reichste Mann der Welt, ein Performance Künstler mit der Spezialisierung auf Buh-Rufe, ein Neuro-Wissenschaftler und eine Teilchenphysikerin. Ebenso ein homosexueller buddhistischer Mönch.

Ein Buch voller Bombast: Eine Zeitreise, ein Flugzeugabsturz und graue und schwarze Löcher…

Wer kein Buchfreund ist, kann ja auf die Verfilmung warten… Wenn dies Werk verfilmt würde, könnte es, so auch im Text, bestimmt nur James Cameron und es würde bestimmt ein Special-Effect -Blockbuster werden.

Aber eventuell kommt alles doch ganz anders, denn was weiß ich schon mit meinen kleinen zwei Hirnhälften…

„Demnach ist das Nichts gleich dem Alles. N=A“

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Judith Hermann:„Aller Liebe Anfang“

aller liebe anfang

„Hallo, wie ist es denn so, gestalkt zu werden“

Der erste Roman von Judith Hermann. Die Berliner Autorin hat bereits viele Preise für Ihre großartigen Erzählungen erhalten. Diese lassen mich stets an gute Tom Waits Songs erinnern…

Nun legt Sie mit „Aller Liebe Anfang“ einen Roman vor, in dem es über die Zumutungen der Liebe, der Schutzlosigkeit und dem Ausgeliefertsein im Leben geht.

Stella trifft Jason im Flugzeug. Sie war auf einer Hochzeit und hat den Brautstrauß gefangen und begegnet nun auf der Heimreise ihrem zukünftigen Ehemann. Da Stella unter Flugangst leidet, bittet Sie um seine Nähe. Seine rauen, rohen Handwerkerhände halten während des ganzen Fluges ihre Hand und geben ihr die gewünschte Geborgenheit. Aber auch hier bleibt er passiv, gibt nur den vermeintlichen Schutz, denn er schläft die ganze Zeit.

Als Eheleute wohnen sie mit ihrer kleinen Tochter Ava in einem einfachen Haus mit kleinem Garten im Randgebiet einer unbenannten Stadt. Stella erlebt ein einfaches, ruhiges Leben. Sie arbeitet als Pflegerin, die sehr sensibel und einfühlsam die alten Menschen betreut. Jason, der viel arbeitet und von Bau zu Bau reist, lässt seine Familie oft alleine. Diese Lücken, die auch in unausgesprochenen Bildern und Sätzen angedeutet werden, mehren sich in ihrem alltäglichen Leben.

„Träume, wie Häutungen“

Eines Tages steht, als Stella alleine zuhause ist, ein Mann vor der Tür, ein Fremder, jemand, den Stella nie zuvor gesehen hat. Er sagt, er wolle sich einfach einmal mit ihr unterhalten, mehr sagt er nicht. Stella spricht mit ihm lediglich durch die Gegensprechanlage, weißt ihn ab und will mit ihm nicht reden. Der Fremde geht, kommt aber bereits am nächsten Tag wieder. Er, der unheimliche Fremde aus der Nachbarschaft, Mister Pfister, klingelt jeden Tag, wenn sie alleine ist und hinterlegt, da sie nicht reagiert, stets etwas, einen Brief, eine CD, einen USB-Stick und ähnliche für sie persönlich gedachte Medien im Briefkasten. Halt findet Stella in Ihrer Tochter, Ava und den Gesprächen mit ihrer Freundin Clara, die ihr aus der Ferne Unterstützung sendet

„Jason geht den Waldweg runter. Die Straße ist sonntäglich. Alles bleibt zurück.“

Mister Pfister wird sie nun nicht mehr in Ruhe lassen. Was hier beginnt und sehr nachvollziehbar geschrieben ist, ist ein Albtraum, der langsam, aber unbeirrbar eskaliert.

„Mister Pfisters Blick auf mich muss so gewesen sein, denkt Stella. Und jetzt bin ich wie das Mädchen auf dem Bild, ich falle.“

In einer sehr schönen, klaren, aber auch schonungslosen Sprache und irritierenden Bildern erzählt Judith Hermann vom Rätsel des Anfangs und Fortgangs der Liebe, vom Einsturz eines sicher geglaubten Lebens. Ein Roman voll ungeheurer Schönheit und Kraft.

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Juan Gabriel Vásquez: „Das Geräusch der Dinge beim Fallen“

fallen

Ein fesselnder Roman über Kolumbien. Ein packendes Panorama über die schmutzige Geschichte des Landes, den berüchtigten Drogenhandel und die endlose Gewalt der 90er Jahre. Der Autor schafft es mit einer tollen Sprache die Schönheit und den ganzen Schrecken dieses Landes und seiner Geschichte zu vermitteln.

Der Roman nimmt seinen Anfang in Bogotá im Sommer 2009, als der Jura-Professor Antonio Yammara in der Zeitung liest, dass ein Nilpferd aus dem Zoo ausgerissen ist. Es ist der damals von jedem besuchte Privatzoo des legendären Drogenboss Pablo Escobar. Unmittelbar fühlt Yammara sich in die Zeit zurückversetzt, als der Krieg zwischen Escobars Medellin-Kartell und den Regierungstruppen auf den Straßen Kolumbiens tobte.

Er, als junger Juradozent, und der geheimnisvolle Ricardo Laverde begegnen sich 1995 zum ersten Mal im Billardsalon. Laverde, der viele Jahre im Gefängnis verbracht hat, wirkt sehr schweigsam und erzählt über seine Haft so gut wie gar nichts. Lediglich, dass er Pilot ist.

Als beide in der Stadt sind, werden sie Opfer eines Attentats. Yammara muss hautnah miterleben, wie sein Freund auf der Straße erschossen wird. Er selbst überlebt schwer verletzt und versucht von nun an hinter das Geheimnis von Laverde zu kommen. Bei den Nachforschungen entdeckt er, wie stark sein Leben von der gewaltsamen Vergangenheit des Landes bestimmt wurde.

Die Spur führt ihn zu Laverdes Tochter und zu dem Drogenbaron, für den Laverde als Pilot Drogen geschmuggelt hatte und deswegen verhaftet wurde. Seine Ehefrau verschweigt ihrer Tochter die brutale Wahrheit und erfindet stattdessen die Geschichte vom verschollenen Piloten…

Ein ergreifender Roman, der bis zum Ende fasziniert und seine Qualität bis zum Schluß hält. Ein Buch über korrupte Verhältnisse und über einen Drogenboss, der sich über jede Moral und Politik stellt. Ein wahrer Leseschatz….

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Astrid Dehe und Achim Engstler: „Auflaufend Wasser“

Watt

„Ein kleiner Sprung nur aus dem Boot, ein Gefühl von Sieg, das rasch verblasst – und Tjark Evers, Matrose und Navigationsschüler, hat seine Insel verfehlt.“

Die Novelle beruht auf wahren Begebenheiten. Im Jahr 1866 ließ sich Tjark Evers im Nebel von zwei Fischern auf Baltrum absetzen. Doch verfehlen sie die Insel und denken die Sandbank sei der anlaufende Oststrand von Baltrum. Er stand auf der Plate und als die Flut kam, ertrank der 21-Jährige.

„Er war Tjark Evers, wird es bald schon heißen. Sein Leben verschiebt sich in die Vergangenheit“

Tjark Evers ergibt sich schnell seinem Schicksal. Er weiß, er wird sterben. Er wird immer stiller und ergibt sich der Situation, denn er ahnt, nichts kann ihn nun mehr retten. Bei sich führt er in seinem Seesack ein Taschenbuch, in dem er in großer Bleistiftschrift einen Brief an seine Familie schreibt, die er heute zu Weihnachten besuchen wollte. Auf diesen Seiten schreibt Evers gewissermaßen seinen Abschiedsbrief.

Dieses Buch ist 1867 in einer Zigarrenkiste tatsächlich vor Wangerooge angeschwemmt worden.

Auf ein Wunder hoffend, vollbringt der junge Mann selbst eines: Er sucht und findet Zuflucht in Worten und Sätzen. Tjark Evers schreibt … Zwischen Wasser und Sand, zwischen Traum und Wirklichkeit ringt er um sein Leben, erkennt die Macht der See…

Das Taschenbuch legt er, als das Wasser sehr hoch ist in die Zigarrenkiste und übergibt sie den Wellen…

Tjarks Taschenbuch, die Zigarrenkiste, das Halstuch und der Bleistift sind im Heimatmuseum „Altes Zollhaus“ auf Baltrum zu sehen.

Ein wirkungsvolles Buch und es ist lesenswert, was die Autoren aus dieser Geschichte machen, denn sie konzentrieren sich auf Tjarks Innenleben, das von den Naturbildern gespiegelt wird.

Titelbild

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Robert Seethaler: „Ein ganzes Leben“

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Das kleine Buch „Ein ganzes Leben“ von Robert Seethaler hat seinen Titel zu Recht und es birgt in sich die Fülle eines Romans, die andere Autoren meist nur in einem dicken Wälzer ausleben können. Seethaler beschreibt mit einer Leichtigkeit einen ganz erfüllten Lebensbogen mit allen seinen Tiefen und Höhen.

Ein tolles Buch, das gleich zu Beginn der Geschichte aufzeigt, daß es kein leichtes Leben für den Protagonisten, Andreas Egger, werden wird.

Nichts in diesem Text wirkt aufgesetzt oder gekünstelt. Es ist ein dünnes Buch mit gerade mal 155 Seiten in denen ein ganzes Leben steckt, das mich als Leser sehr begeistert hat.

Der Kreislauf des Lebens beginnt an dem Tag, als Egger den sterbenden Ziegenhirten, genannt der Hörnerhannes, in das Tal tragen möchte, dieser aber dem Tod von der Schippe springt und Egger im Tal zum ersten Mal vor Marie steht, der Liebe seines Lebens.

Egger ist als vierjähriger Junge in dieses kleine Tal irgendwo in den Alpen gebracht worden. Der Bauer Kranzstocker nimmt ihn nur wegen der Geldtasche, die ihm um den Hals gehängt wurde, als Hilfsknecht auf seinem Hof auf. Egger wird sehr schlecht behandelt und so sehr geprügelt, daß er sein ganzes Leben lang hinken wird.

Trotz seiner Behinderung wird aus dem Jungen im Laufe der Zeit als Knecht ein starker Mann, der seine Rolle im Leben verstanden hat.

Später schließt er sich einer Gruppe von Seilbahnarbeitern an, die die ersten Bergbahnen bauen und mit der Elektrizität auch das Licht und den Lärm in das Tal bringen. Er heiratet Marie, die er jedoch bald wieder verlieren wird. Aber sie bleibt für immer in seinem Herzen.

Viele Jahre später, nachdem er Lawinenunglücke, den Krieg und russische Gefangenschaft überlebt hat und die Welt längst eine andere geworden ist, geht Egger seinen letzten Weg und wird ihr noch einmal begegnen. Eine neblige Szene, die eine „Schimmelreiter-Stimmung“ in die Alpen versetzt.

Der Kreislauf schließt sich mit dem Fund der eingefrorenen Leiche des Hörnerhannes…

Durch das ganze menschliche Drama wandert Andreas Egger mit einer unaufgeregten und charakterstarken Natürlichkeit, so dass man als Leser staunend das Buch schließt und am Ende glücklich ist, an diesem ganzen Leben teilgehabt zu haben.

Wenn man die letzte Zeile gelesen hat, spürt man die zarte Traurigkeit, aber auch die Hoffnung, etwas von dem stillen Leben von Andreas Egger möge am Leser hängen bleiben….

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Johan Bargum: „Septembernovelle“

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„Septembernovelle“ von Johan Bargum. Ein Buch, das in sich stimmig ist. Die schöne Gestaltung, das nordische Foto, eines einsamen Leuchtturms, der aus dem Mittelpunkt gerückt in leichtem Dunst in ruhiger See steht.
Das Bild des Leuchtturms wird oft im Text eingebaut. Sie sind immer da, wenn jemand sie benötigt, auch dann, wenn keiner sie braucht…

Diese Novelle ist ein kleines Geschenk. Schnell ist der Text gelesen und die Handlung inhaliert. Dennoch bleibt lange ein nebliger Nachgeschmack im Leser, der sich wohl noch länger mit dem Inhalt beschäftigen wird.
Es ist das Geheimnisvolle, die Stille und das Verschwiegene, das Unausgesprochene, das den Leser zu fesseln versteht.

Das Büchlein ist in zwei Teile eingeteilt. Im ersten wird Olof von der Polizei in seiner Wohnung aufgesucht, weil er den Verbleib seines Freundes Harald erklären soll. Es war einer der letzten warmen Sommertage, als Olof und Harald zusammen segeln gingen. Doch der Frieden in der naturbelassenen Schärenlandschaft scheint trügerisch. Denn am Ende des Segeltörns kommt nur Olof alleine zurück. Beide hatten sich zuvor seit 20 Jahren nicht mehr freundschaftlich getroffen, denn Olof hatte damals Haralds Ex-Frau, Elin, geheiratet.
Der erste Teil dieser Novelle ist in einem spitzzüngigen aber auch lakonischen Ton gegenüber den Verhörern gehalten. Die ganze Handlung spielt an einem Tag, während dieses Gesprächs mit der Polizei, in dem stets ein Brief von Harald erwähnt wird, den Olof erst nach seinem Bericht zu lesen bekommt.

Dieser Brief kommt im zweiten Teil zum Vorschein und die Perspektive wechselt. Harald erzählt beziehungsweise schreibt an den Finder dieses Briefes. Die Geschichte erscheint in einem anderen Licht und bricht einfach ab, als Harald verschwunden ist…

Im Leser bleibt eine Stille und eventuell eine Leere, die aber viel Raum für Neues geben kann. Wir lernen drei Menschen kennen, die durch ihr Schicksal verbunden waren. Die Sprache ist knapp aber metaphorisch. Die Landschaft und die Natur spiegeln die jeweiligen Seelenzustände der Protagonisten. Viele Romane spielen am und auf dem Wasser, doch bleibt in der „Septembernovelle“ immer das Land in Sicht und die See hat ab und zu ihre typischen Untiefen.
Eine Novelle, die in sich mehr verborgen hat, als sie beschreibt. Ein stilles, melancholisches Werk, das mehr ist als nur ein Roman über Freundschaft, Liebe und Segeln.
Jedes Bild, wenn nicht sogar jedes Wort, in diesem scheinbar leichten Text trägt in sich seine kleine Bedeutung…

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Marion Brasch: „Wunderlich fährt nach Norden“

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„Ein großer Teil der Sorgen besteht aus unbegründeter Furcht“

Ein wunderlich schönes Buch. Ein märchenhafter, melancholischer, aber stets auch witziger Roman über die glücklichen Momente im Leben. Ein surrealer Kreislauf. Mit „Wunderlich fährt in den Norden“ hat Marion Brasch einen Roman geschrieben, der ganz anders ist als ihr Vorgänger „Ab jetzt ist Ruhe“. War dieser ein realistischer Roman über ostdeutsche Familiengeschichten, so ist Wunderlich einfach nur wunderlich…. Beim Lesen wurde ich immer wieder an eines meiner Lieblingsbücher erinnert: „Land des Lachens“ von Jonathan Caroll (leider vergriffen), in dem der Protagonist ebenfalls die fassbare Realität in einem befremdlichen Dorf verlässt. Wunderlich ist eine Figur, die durch mehrfache Schubser lernt ihren Weg zu finden, ob dieser nun gen Norden geht oder nicht.

„Alles wäre gut, Nein, alles war gut“

Wunderlich sieht sich selber als unglücklichsten Menschen, den er kennt. Als Marie ihn verlässt, versinkt Wunderlich in Selbstmitleid. Sein Handy, das ihm ab diesem Moment stets anonyme SMS sendet, regt ihn zu einer Reise in sein Leben zurück an. Das Handy lässt ihn in einen Zug Richtung Norden einsteigen, dessen Ziel er nicht kennt und aus dem er auch wieder schneller aussteigt als gedacht. In einem unbekannten Dorf, in dem eigentlich keine Züge mehr halten, lernt er Finke kennen. In ihm findet er einen trinkfesten, etwas derben Freund, der ihn mit auf sein „Schloss“ nimmt. Da Finke am folgenden Tag einfach verschwunden ist, stolpert Wunderlich in ein Abenteuer, das vieles verändert und bei dem es nicht mit rechten Dingen zugeht…

„Aber vielleicht lag  Finke auch irgendwo im Straßengraben und war verletzt oder gar tot? Wunderlich wagte den Gedanken nicht auszusprechen, denn Dinge, die einmal ausgesprochen waren, standen im Raum und waren nicht mehr zu übersehen. Sie wurden unumstößlich Tatsache.“

Er macht sich mit der eigensinnigen Toni auf die Suche nach Finke. Ihm begegnen skurrile Charaktere – ein knarziger Kneipenwirt, liebe Dörfler, prügelnde Dorfjugend, hilfsbereite Holzfäller und Lennon Felljacke, der immer wieder auf dem Fahrrad durch diverse Szenen fährt. Ebenso gibt es wunderliche Begebenheiten mit märchenhaften Zutaten wie zum Beispiel „Blauharz“, das jede Wunde innerhalb von Minuten heilt, aber dafür auch die Erinnerung an die Ursache und an die Wunde löscht …

„Sollen wir nicht zurück, bevor es dunkel wird?“ – „Wie bistn du drauf, Hutmann“ sagte Toni schläfrig. „Wir sind doch gerade erst gekomm´?“

Ein tolles, wundersames Buch voller Magie und schrulligen Typen. Einfache Momente des Lebens, leicht zu lesen – stets komisch und dennoch tiefgründig und berührend. Eine Geschichte über einen Mann, der Entscheidungen scheut und sich dem Zufall überlässt. Durch seine Reise in den Norden wird Wunderlich zum Abenteurer und entdeckt, was er vergessen wollte und findet, was er nicht gesucht hat…

„Und jetzt? Jetzt juckten seine Haarwurzeln, weil er gleich wieder dort sein würde, wo alles einfach schön und verwunschen war. Und wo er jemand war, den er mochte. Vielleicht zum ersten Mal. Und wegen Toni. – Wunderlich nahm seinen Hut ab, damit er sich nach Herzenslust am Kopf kratzen konnte. Er meinte plötzlich zu wissen, warum er sich so leer gefühlt hatte, als er gestern am Meer stand. Vielleicht hatte er schon gespürt, das nicht Norden das Ziel seiner Reise war, sondern etwas anderes. Etwas, von dem er nicht wusste, dass man dorthin reisen konnte.“

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Anne von Canal „Der Grund“

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„Ist es nicht seltsam, dass gleich nichts mehr so ist wie jetzt?“

Wie oft kann ein Mensch von vorn beginnen?

Mal wieder ist unser Leseschatz ein literarisches Debüt. „Der Grund“ von Anne von Canal erzählt die Geschichte eines Mannes, der durch äußere Umstände stets gezwungen wird, sich neu zu finden und zu erfinden…

Die Autorin, Anna von Canal, wurde 1973 geboren und war nach dem Studium der Skandinavistik und Germanistik zehn Jahre lang im Verlagswesen tätig, bevor sie sich selbst dem Schreiben widmete. Heute lebt sie auf einem Weingut an der Mosel und zeitweise in Hamburg.

Ein Roman, der dem Leser in zeitlichen Sprüngen, Rückblicken und Tagebucheinträgen den Protagonisten Laurits sehr nahe bringt. Mit allen Sinnen kann man sein Leben zwischen großbürgerlichem skandinavischen Elternhaus, Pflichterfüllung und Freiheitsdrang verfolgen. Man wird sein Begleiter auf seiner Suche nach Aussöhnung auf den Meeren der ganzen Welt…

Das Buch beginnt mit einem zitierten Dialog, der bis auf wenige Abweichungen dem Funkverkehr zwischen der MS Silja Europa und der Estonia in der Nacht des schlimmsten Schiffsunglücks Europas basiert und lässt einen tragischen Verlauf der Geschichte erahnen.

Die Handlung beginnt mit den ersten Tagebucheinträgen von Laurits aus dem Jahr 2005. Er ist als Pianist auf einem Kreuzfahrtschiff und erlebt seine Vergangenheit erneut.

Er wurde in einem wohlhabenden Stockholmer Vorort in den Sechzigerjahren geboren und liebt das Spielen im und am Wasser. Vor allem aber lebt er in den Klavierstunden bei Fräulein Andersson auf. Überall fühlt er sich wohler als in Gegenwart seiner überspannten Mutter und des dominanten Vaters.

Auch wenn Entscheidungen oder Beeinflussungen durch andere Personen gut gemeint sein könnten, kann die Wirkung für den Betroffenen schlimme Folgen haben. Der strenge Vater, selber Chirurg, plant für seinen Sohn eine Zukunft als Mediziner. Doch die Leidenschaft von Laurits ist die Musik und als er 18 wird, schließt sein Vater mit ihm einen Pakt. Sollte er bei einem Vorspiel eines Konservatoriums als Schüler angenommen werden, stellt sein Vater sich ihm nicht in den Weg. Wenn er nicht aufgenommen werden sollte, verlangt der Vater das Laurits gleich ihm Medizin studiert. Da er aber ein sehr begabter Pianist ist, scheint eine Karriere als Konzertpianist zum Greifen nah, und er spielt um sein Leben. Doch es kommt anders als gedacht, denn er besteht die Aufnahmeprüfung nicht…

Laurits findet seine Bestimmung als Arzt – und mit seiner großen Liebe Silja und der gemeinsamen Tochter Liis das Glück. Aber auf einer Familienfeier, ihrem zehnten Hochzeitstag, muss er erfahren, daß sein ganzes Leben auf Sand gebaut ist.

„Ohne Zweifel war dies der Moment gewesen, in dem sein Leben tatsächlich von vorn begann. Neubeginn der Zeitrechnung. Wiedergeburt.“

Daraufhin fällt Laurits eine folgenschwere Entscheidung, die sein Leben und das Leben seiner Familie gänzlich auf den Kopf stellen wird. Ein tragisches Schicksal fordert erneut einen Neubeginn…

„Drei Sekunden reichten, um endgültig Abschied von allem zu nehmen, was ihm wichtig war.“

„Der Grund“ hat eine enorme Sogkraft. Das Buch ist literarisch und wunderbar geschrieben. In Teilen hat man das Gefühl etwas oder einen Handlungsstrang verpasst zu haben. Doch wird dieser gekonnt als Folge oder als ein Blick zurück eingebaut. Ein poetischer Text, der viel Raum für Emotion und eigene Gedanken lässt.

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