Archiv der Kategorie: Erlesenes

James Sallis: „Willnot“

James Sallis Willnot Liebeskind

„Die Dunkelheit stupste an alle Ecken“

James Sallis neues Buch beginnt wie ein Krimi, doch besteht dieser Eindruck lediglich am Anfang. Denn es ist ein Kleinstadtroman, ein düsterer, d.h. Noir-Roman, der in die Seelen jener amerikanischen Bürger schaut.

Lamar Hale ist Arzt, der mit seinem Mann, einem Lehrer, und einer Katze, die den literarischen Namen Dickens trägt, in der Kleinstadt Willnot lebt. Er betreibt eine kleine Arztpraxis, hat aber auch viele Einsätze in der ortsansässigen Klinik. Eines Tages wird er vom Sheriff zu einem Tatort gerufen. Man hat zwei Meilen außerhalb der Stadt, in der Nähe einer alten Kiesgrube, Leichen gefunden. Auf einer Lichtung hat ein Jäger dieses Massengrab entdeckt. Niemand weiß vorerst, wie viele Tote es tatsächlich sind und wer die Opfer sind. Eine Spezialeinheit wird in Willlnot tätig, doch das Motiv bleibt ein Rätsel.

Lamar bekommt einen kurzweiligen, wortkargen Besuch aus der Vergangenheit. Brandon Lowndes, ein ehemaliger Patient, der in Willnot aufgewachsen ist, taucht nach jahrelanger Abwesenheit wieder auf. Der Besuch wirkt sonderbar und ist auch nur von ganz kurzer Dauer. Doch erscheint Brandon immer wieder im Sichtfeld von Lamar. Er scheint, durch die dortigen Wälder zu streifen. Doch die Beweggründe von Brandon bleiben schleierhaft. Theodora Odgen, eine FBI-Agentin, erkundigt sich Tage darauf bei Lamar nach Brandon. Dieser scheint weiterhin als Scharfschütze der Marines tätig zu sein, der sich wohl unerlaubt von der Truppe entfernt hat. Als Brandon auch noch angeschossen in die Klinik angeliefert wird und kurz darauf erneut verschwindet, werden die rätselhaften Machenschaften immer dubioser.

Der Roman erzählt in knappen, aber literarischen Sätzen die Verwebungen der Menschen in einer Kleinstadt Amerikas. Eine Grube mit Leichen als schwarzes Loch, das sich in das Bewusstsein der Menschen frisst. Die Emotionen und Gedanken, der Menschen, die mit dem Vorgängen in Willnot in Berührung geraten, werden immer düsterer. Die Vergangenheit und Gegenwart von Lamar Hale, der Hauptfigur, steht stets im Vordergrund. Immer wieder träumt er von oder erinnert er sich an seine Kindheit. Sein beruflicher Alltag nimmt ihn sehr gefangen, denn er ist für die Menschen da und versucht, den Spagat zwischen Praxis und Klinik gut hinzubekommen. Auch sein Privatleben fordert seine Aufmerksamkeit und doch schieben sich immer wieder die düsteren Geschehnisse in Willnot in sein Bewusstsein.

Der Roman ist wandelbar und liest sich in vielerlei Hinsicht. Es geht auch im Buch um Literatur. Lamars Vater, ein bekannter Autor, war betrübt, als sein Sohn Arzt wurde und nicht, wie er selbst, Schriftsteller. Doch musste auch Lamars Vater seine Rolle erkämpfen und behaupten. In mehreren Genres hat er sich versucht, aber Erfolg erzielte er lediglich mit dem Schreiben von Science-Fiction Romanen. So schließt sich der Kreis zu James Salis selbst und auch innerhalb der Handlung, zu dem schwarzen Loch mit den Leichen …

Ein kleiner, großer Roman, der sich spannend wie ein Krimi liest, dann aber weit darüber hinaus in unsere Seelen blickt und hier und dort das Düstere ausmacht.

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Doris Knecht : „weg“

Doris Knecht weg Rowohlt

Das Weggehen, um anzukommen, um etwas oder sich zu finden. Dass auf dem Weg sein wird im Roman oft mit dem Bild des Mofa-Fahrens beschrieben. Die Suche auf den Mopeds, der damalige Ausflug auf dem alten Mofa und immer wieder die Auflistung, wie man auf einem Moped fahren kann. Dabei bleibt oft das Bild aus Asien hängen, wie viele Menschen diese Art der Fortbewegung in den überfüllten Städten verwenden. Diverse Gruppen und alle Familienkonstruktionen kann man auf nur einem Mofa antreffen.

Doris Knecht erzählt die Geschichte von Heidi und Georg, die jeweils für sich leben und wenig gemeinsam haben bis auf ihre gemeinsame Tochter, die nun weg ist, d.h. verschwunden. Beide, die in verschiedenen Regionen leben und jeweils eine neue Familie gegründet haben, machen sich gemeinsam auf die Suche nach Charlotte. Charlotte, die von Georg meist Lotte genannt wird, ist eigentlich kein Kind mehr. Wird es aber für ihre Eltern wohl immer bleiben.

Georg und Heidi lernten sich damals kennen und fanden eine sehr enge, körperliche Nähe. Heidi wusste sofort, dass sie Georg eigentlich nicht liebt. Aber dann wurde sie schwanger. Charlotte wird ein Sorgenkind, denn sie leidet an einer drogeninduzierten Psychose. Lotte sieht Georg nur ab und zu, denn sie ist bei ihrer Mutter aufgewachsen. Lange haben sich nun Heidi und Georg nicht mehr gesehen. Heidi lebt in Frankfurt ein sehr kleinbürgerliches Leben und ist dem Leben sehr ängstlich gegenüber eingestellt. Georg hat den Gasthof seiner Eltern in Österreich übernommen und ist eigentlich zufrieden. Beide sind erneut liiert und haben zueinander wenig, wenn nicht sogar kaum Kontakt.

Lotte ist jung, wild, verliebt und plötzlich weg. Heidi ist voller Sorge um ihre kränkelnde Tochter. Sie will und kann nicht alleine reagieren und ruft Georg an. Beide wollen Charlotte suchen. Durch Freunde und eine gegründete WhatsApp-Gruppe geht die Reise nach Asien, d.h. nach Vietnam, Kambodscha und Thailand. Heidi, die ihre Kleinbürgerwelt bisher niemals verlassen hat, ist voller Furcht und Unsicherheit, die gerade mit ihrem ersten Flug und alleinigen Reisestart am deutlichsten hervorsticht. Sie war noch niemals alleine und trifft auch erst in Saigon auf Georg, der sie leicht genervt zu ihrer initiierten Suche ermutigen muss.

Die Perspektiven und Sichtweisen wechseln und die Handlung mäandert leicht. Der Blick geht in die Vergangenheit der Charaktere und gibt den komplexen Figurenbeschreibungen viel Raum. Doris Knecht bedient sich einiger Klischees und Wiederholungen, die aber nicht stören, sondern dem Text eine gewisse Tiefe geben. Ein Buch mit einem besonderen Ton, der sich wiederholt und sich dadurch verstärkt. Ähnlich wie in ihrem Roman „Wald“, der aber im Vergleich zu „weg“ intensiver und eindringlicher war. Doris Knecht schreibt knapp und dennoch ausführlich. Es ist ein eindringlicher, humorvoller, kurzer und bündiger Sound, der beim Lesen Spaß macht.

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Husch Josten: „In Sachen Joseph“

In Sachen Joseph Husch Josten Piper

Husch Josten beschäftigt sich stets sehr tiefgründig mit komplexen Themen und Sachverhalten, die sie in großartige Literatur umsetzt. Fantasie bedeutet nicht alleine, sich etwas auszudenken, sondern aus dem Erdachten auch etwas zu machen. Dies macht die Autorin in allen ihren Werken auf besondere, kluge und unterhaltsame Weise.  Ihre Romane kreisen um Geschichte, Philosophie und die Suche nach dem Sinn. Mit viel Einfühlungsvermögen erschafft Husch Josten Figuren und erzählt mit großer Hingabe Geschichten, die einen auch nach Beendigung der Lektüre zu beschäftigen wissen. Die Autorin hat mir mal geschrieben, dass „In Sachen Joseph“ ihr Liebling sei. Der Roman ist auch wohl ihr komplexestes und überraschendstes Buch. „In Sachen Joseph“ ist ihr Debüt, das bereits 2011 erschienen ist, nun aber neu als Taschenbuch veröffentlicht wurde. Es folgten weitere, sehr lesenswerte Romane. Unter anderem „Das Glück von Frau Pfeiffer“, „Hier sind Drachen“ und „Land sehen“.

Die Sache mit Joseph ist das Spiel um die Wahrheit, den Wahn, die Freundschaft und die Vergangenheitsbewältigung. Doch darf man über das Buch eigentlich auch nicht zu viel verraten, um den letztendlichen Clou dieser ungewöhnlichen Freundschaft nicht zu verraten. Dieser Clou der Handlung wird erst gegen Ende des Buches richtig deutlich. Beginnt man vorher zu zweifeln, sich etwas zu denken, bleibt es dennoch bis kurz vor dem Ende ungewiss.

Helen ist Bibliothekarin, die von ihrer Mutter, welche in die Klinik muss, gebeten wird, auf ihren Vater aufzupassen. Das Verhältnis zwischen den beiden ist sachlich kühl. Sie nennt ihn auch stets bei seinem Nachnamen, also Herr Nienhaus. Als sie bei ihrem Elternhaus ist, trifft sie auf ihre damalige Freundin Klio und deren Sohn Paco. Paco ist Fernsehkoch mit mehr oder weniger ausgeprägten Starallüren. Da er ohne Vater aufwuchs, ist in seiner Sendung stets ein Running-Gag, der Messerwurf auf eine Dartscheibe mit dem zentrierten Wort Vater. Paco will Helen begeistern. Er beginnt um sie herumzusäuseln, um sie für ein gemeinsames Essen zu gewinnen. Helen meint, ihn ihm Züge ihres besten Freundes zu sehen und vermutet, Joseph, ihr engster Freund, könnte der Vater sein.

Joseph trat in ihr Leben, als sie Kind war und in einer unfallartigen Situation im Sandkasten freundschaftliche Hilfe erhoffte. Seitdem ist Joseph ihr engster und bester Weggefährte. Doch hat sie gerade zweimal hintereinander von Josephs Tod geträumt und da die Träume so nah beieinander waren, sieht sie darin eine Art Prophezeiung. Sie sucht den Kontakt zu ihm und möchte auch Klarheit in sein Leben bringen. Gerade weil Paco ihm so ähnlich erscheint. Doch will Joseph, der Zyniker, dies überhaupt wissen und hören? Wer ist dieser Joseph überhaupt, der sich Helen immer mehr zu entwinden scheint. Helen möchte einen Schlusspunkt setzen und spricht mit seiner Mutter, Martha, und trifft sich letztendlich auch wieder mit Paco.

Helen erlebt nun eine Geschichte, eine Art Familiendrama, das auch oft Generationen überspringen kann. Ihr Großvater war Nazi und ihre Eltern haben diesen Teil der Vergangenheit niemals richtig aufgearbeitet. Auch erfährt Helen in ihrem Elternhaus wenig Liebe und Zuneigung. Diese fand sie bisher stets in den Gesprächen mit Joseph. Doch muss sie nun, wie die Träume es angekündigt hatten, Abschied nehmen? Der geträumte Tod als Metapher eines Neuanfangs? Einer Loslösung? Beruflich ist Helen auch nicht gerade am Ziel ihrer tatsächlichen Möglichkeiten und auch ihre eigene Wohnung, die saniert wird, kann sie sich bald nicht mehr leisten. Alles steht in Helens Leben auf Wandlung und Umbruch und wird Joseph letztendlich auch aus ihrem Leben verschwinden?

Ein intelligenter Roman, der psychologisch und literarisch klar formuliert ist und den Leser fesselt und fordert. Die Autorin schreibt stets voller Dramatik, Ironie und Humor. Eine Autorin, die in den Leseschatz gehört und mich immer wieder begeistert.

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Ewald Arenz: „Alte Sorten“

Ewald Arenz Alte Sorten DuMont

Ein wunderbarer Roman über Freundschaft und Akzeptanz. Ein Mädchen, mehr schon eine junge Frau, und eine Einzelgängerin, die alleine einen Hof bewirtschaftet und ohne viel zu fragen, das Mädchen eine kurze Zeit bei sich wohnen und ankommen lässt. Diese wenigen Wochen sind es, die beide Frauen sich erkennen und annehmen lassen. Für beide ist es eine Zeit der Heilung, die literarisch ohne jede Art von Kitsch und Verklärung beschrieben wird.

Der Roman ist und beschreibt einen Rückzug. Der Leser und die Protagonisten erfahren einen Rückzug und ein Bewusstwerden des Wesentlichen im Leben. Das Einfache, das Stille und das Notwendigste stehen beständig im Vordergrund. Das, was in der Landwirtschaft getan werden muss und das, was gesagt oder auch mal stillschweigend akzeptiert werden sollte. Die Natur als Verbindung ohne den versüßenden Realitätsverlust, den man hier und dort in der Literatur vorgesetzt bekommt. Die Figuren vermitteln durch ihr Schweigen, ihre Worte und Handeln treffsicher ihre Emotionen. Es wird mal laut geflucht, geschimpft oder man lässt in der Stille die angestaute Wut abfließen. Viel Einsamkeit, Trauer und Wut haben sich in den Charakteren eingenistet und erst gemeinsam lernen sie sich, davon zu lösen. Die Natur als Metapher, denn meist, wenn der Mensch aus seiner Sicht Ordnung in jene bringen möchte, entsteht Chaos. Sally, das Mädchen, will weg. Einfach nur weg, ohne ein genaues Ziel zu haben. Das Wegsein als Beweggrund. Sie ist voller Wut und auf der Flucht vor allem und jedem. Sie steht kurz vor dem Abitur und hasst das reglementierte Leben. Jede Art der Vorschrift ist ihr ein Graus. Sie ist aus einer Klinik abgehauen, denn sie ritzt sich und stellt laut der Prognose eine Gefahr für sich dar.

Auf ihrer Flucht trifft Sally auf einem Weinberg auf Liss. Liss ist eine stark wirkende Frau, die alle landwirtschaftlichen Aufgaben auf ihrem Hof ohne Probleme erledigt. Sie ist eine verschlossene Frau, die auch ihrer Bürden zu tragen hat. Doch macht sie dies stillschweigend. Als sie mit ihrem Trecker und dem Hänger im Graben festsitzt kommt gerade Sally vorbei. Liss, die geradeheraus Sally fragt, ob sie ihr mal kurz helfen könne, löst etwas in Sally aus, denn es ist lange her, dass Sally eine offene und ehrliche Frage gestellt bekommen hat. Liss lädt Sally ein, das sie für eine Nacht auf ihrem Hof übernachten könne. Aus dieser einen Nacht werden mehr. Sally bleibt für einige Wochen auf dem Hof. Für Sally ist Liss ganz anders als die Erwachsenen in ihrem bisherigen Umfeld. Sally wir ohne viele Fragen oder typische Vorurteile von Liss in das Hofleben integriert. Besonders die Arbeit mit der Erde, den Feldfrüchten und in der Streuobstwiese lassen Sally immer mehr sich bei sich selbst ankommen. Bei ihren kurzen Gesprächen öffnen sich die beiden Frauen langsam immer mehr. Die Gespräche beginnen meist bei der Arbeit bei den Bienen, auf den Feldern, im Wald oder beim Brotbacken. Doch spürt Sally, dass auch in Liss etwas ist, über das sie nicht reden will oder kann. Die meisten Nachbarn meiden Liss auch und das große Haus, das sie alleine bewohnt, zeigt Spuren von Menschen, die dort mit Liss gelebt haben müssen. Sally beginnt, sich langsam für Liss Geschichte zu interessieren, ohne eigentlich viel mehr von sich erzählen zu müssen. Sally ist auch stets sehr impulsiv und die Launen platzen förmlich aus ihr heraus. Zwischen den Frauen wächst eine stille Freundschaft. Doch beider Vergangenheiten beschwören eine Krise herauf und da Sally auch gegenwärtig gesucht wird, müssen sie sich jeweils den noch unausgesprochenen Verletzungen stellen.

Ein wunderbares Buch, das sich sprachlich dem inhaltlichen Fluss und den Emotionen der Charaktere anpasst. Man spürt fast körperlich stets die Trauer oder die Wut. Die Rhythmik und die Aussprache passen sich den Gegebenheiten an. Die Gefühle und Sinne des Lesers werden beim Lesen angeregt und man taucht ein in das Hofleben. Die beiden Frauen, Sally und Liss, stehen glasklar vor einem, so gut sind sie gezeichnet. Ein Roman, der hoffentlich nicht wie viele alte Obstsorten vom Markt verschwinden wird. Ein sehr lesenswerter Roman über das Entstehen und Zulassen von Nähe.

Siehe auch die Besprechung von Brigitte auf: feiner reiner Buchstoff

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Cay Rademacher: „Ein letzter Sommer in Méjean“

Cay Rademacher Ein letzter Sommer in Méjean DuMont

Wohl der Sommerkrimi des Jahres 2019. Cay Rademacher hat mit „Ein letzter Sommer in Méjean“ seinen ersten Roman außerhalb seiner üblichen Krimireihen geschrieben. Der Autor lebt in Frankreich und hat eine Menge französischen Sommer in den Text scheinen lassen. Aber die traumhafte Kulisse ist trügerisch, denn Geheimnisse verdunkeln die provenzalische Sonne für die Protagonisten.

Die Handlung spielt 2014 und die Freunde einer damaligen Schülerclique aus Deutschland erhalten Briefe von einem anonymen Absender. Damals vor dreißig Jahren verbrachten sechs Freunde nach dem bestandenen Abitur einen gemeinsamen Urlaub in dem idyllischen Fischerdorf Méjean. Es sollte ihr letzter gemeinsamer Ausflug bleiben, denn einer der Jungs wird am Strand brutal erschlagen aufgefunden. Er wollte schwimmen gehen, sich abkühlen und dann zeichnen. Aber er ist nie lebendig zurückgekommen und seitdem ist sein Rucksack verschwunden. In der Dorfgemeinschaft und unter den Freuden breitet sich Misstrauen, Angst und Hass aus. Doch der Fall bleibt bis zur Gegenwart ungelöst…

Dreißig Jahre später erhalten die fünf Übrigen aus der Clique jeweils einen Brief, der andeutet, dass, wenn sie nun erneut in das Ferienhaus kommen, der Mörder endlich gestellt werden kann. Da alle irgendwie eine dunklere Vergangenheit haben und von Schuldgefühlen geplagt werden, reisen sie kurzentschlossen nach Südfrankreich. Auch Commissaire Renard aus Marseille reist an, denn die Polizei hat ebenfalls ein Schreiben erhalten. Renard ist abkömmlich und reist schwer erkrankt in das Dorf, um die Deutschen erneut zu der Tatnacht zu befragen. Auch in der Dorfgemeinschaft gibt es Verdächtige. Der Fischer, der damals mit einer der Urlauberinnen geflirtet haben soll und somit seine zukünftige Frau in die Eifersucht getrieben hat. Die Nachbarn des Ferienhauses und deren Tochter, die freundlich wirken, aber auch mit einer wachsamen und misstrauischen Distanz die damalige Gruppe erneut begrüßen.

Auch innerhalb der Gruppe der damaligen Freunde gibt es Ungereimtheiten und bisher unausgesprochene Geheimnisse. War der Mord an Michael ein zufälliger Raubmord oder ein Akt der Rache? Warum wurde mehrfach auf ihn eingeschlagen? Wer ist der anonyme Absender der Briefe, der unter dem Namen des Toten, das Ferienhaus angemietet hat?

Ganz langsam erschließen sich lange verheimlichte seelische Abgründe und die Idylle des malerischen Fischerdorfes verdunkelt sich zunehmend.

Der Roman baut sofort eine enorme Spannung auf und lebt vom französischen Setting, das in sich ein fieses Geheimnis verbirgt.

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Frank Zöllner: „Leonardo. Sämtliche Gemälde und Zeichnungen“

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Leonardo da Vinci war ein Wissbegieriger, ein Naturbegeisterter und ein Künstler, der fast alle Materialien beherrschte. Seine Forschungen, seine Ideen prägten die italienische Renaissance und reichen bis in unsere Gegenwart. Seine Werke sind von bleibender Schönheit und sind wortwörtlich bildende Kunst.

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Wir feiern diesen Lebenskünstler, der 1452 im toskanischen Vinci als unehelicher Sohn des Notars Ser Piero geboren wurde und am 2. Mai 1519 auf Schloss Clos Lucé in Amboise verstarb. Es ist sein 500-jähriger Todestag, der erneut eine seiner Renaissancen eingeläutet hat. Zum Glück bedarf es nicht nur der Werke von Dan Brown, um dies Universalgenie in Erinnerung zu behalten.

Michelangelo Buonarroti und Leonardo da Vinci sind für mich die bedeutendsten schaffenden Künstler. Ihre Werke strahlen und wirken bis zur Gegenwart. Wenn man das Glück hat und vor den Werken in den Museen steht, bekommt man einen Eindruck ihrer Begabung, ihres Könnens und ihres Wissens. Besonders Leonardo da Vinci war bereits als Kind stets wissbegierig und sehr naturbegeistert. Später in Florenz beginnt Leonardo seine Ausbildung bei dem Bildhauer und Maler Andrea del Verrocchio. Doch Leonardo lernt überall und immer. Er war Musiker, Maler, Bildhauer, Architekt, Ingenieur und Philosoph. Leonardo schuf zahlreiche Kunstwerke, eine große Anzahl von Entwürfen für Gebäude, Maschinen, Kriegsgeräte, Kunstgegenstände, Gemälde und Skulpturen. Das Tun und Erkennen war sein Lebensmotto. So machte er auch umfangreiche anatomische Studien, um das Leben zu begreifen und auch besser in der Kunst darstellen zu können. Leonardo war eine Ausnahmeerscheinung und doch während seines ganzen Lebens in der nicht gerade armen Renaissance abhängig von Sponsoren.

Das Buch „Leonardo. Sämtliche Gemälde und Zeichnungen“ ist ein wunderbarer Brocken von einem Buch, das jetzt nach neuestem Forschungsstand aktualisiert und als Jubiläumsausgabe erschienen ist. Es ist laut dem Verlag das umfassendste Buch, das es über Leonardo gibt. Es umfasst sämtliche Gemälde und fast 700 Zeichnungen. Besonders reizvoll sind die vielen Detailvergrößerungen. Ein Kunstbuch, das es somit möglich macht, den Werken näher zu kommen als in einem Museum. Das Können des Genies wird in den kleinsten Nuancen sichtbar und begeistert immer wieder aufs Neue. Mit dem umfangreichen Textanteil und ergänzenden Abbildungen umfasst das Werk das ganze Leben und Schaffen von Leonardo da Vinci.

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Ein Buch, das für alle Kunstliebhaber ein Geschenk ist. Frank Zöllner gilt als der Leonardo-Experte und verfasste diverse Kunstbücher. Er ist Professor für Mittlere und Neuere Kunstgeschichte an der Universität Leipzig.

Die Bilder durfte ich mit freundlicher Genehmigung des Verlages TASCHEN (www.taschen.com) verwenden                                                      Zum Buch / Shop

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Giulia Becker: „Das Leben ist eins der Härtesten“

Giulia Becker Das Leben ist eines der Hätesten Rowohlt

Ein toller, witziger Lesespaß. Es geht um Menschen in einer Kleinstadt. Es sind Figuren, die herrlich schräg und am Rand der Gesellschaft leben. Beim genaueren Hinsehen erlebt man die Protagonisten aber mittendrin in unserer Gesellschaft. Sie agieren in Umfeldern, die eine Zuflucht aus der Realität anbieten. Zum Beispiel eine Bahnhofsmission, die vom Leiter eher als trendiger Aufenthaltsort umfunktioniert wird und bloß nicht mehr die eigentliche Zielgruppe einer solchen Mission ansprechen soll. Ein Badeparadies Tropical Island, dass auf Dauer auch schwer erträglich zu sein scheint. Die Ferienanlage gaukelt ja irgendwie nur das tropische Paradies vor und ist dann doch eine verteuerte Schwimmhalle mit chlorhaltigem Wasser und versalzenem Essen. Die Handlung wird bestimmt durch das Anhalten und den Versuch des Ausbruchs aus dem Gesellschaftlichen und den Beziehungsproblemen. Dies wird verdeutlicht durch das Betätigen der Notbremse eines fahrenden Zuges. Aber dies passierte bereits Jahre vor der eigentlichen Handlung, bestimmt aber immer noch das Leben der Protagonisten.

Giulia Marie Becker ist eine deutsche Autorin, Fernsehmoderatorin und Musikerin. Bekannt ist sie durch die Fernsehsendung „Neo Magazin Royale“ und als Mitglied im Autorenteam von Jan Böhmermann. Nun hat sie ihr sehr witziges und übersprudelndes Debüt geschrieben, das besonders durch das Personal begeistert. Im Vordergrund steht Silke. Sie war mit einem herrischen Mann verheiratet und als sie vor 27 Jahren alle ihre beruflichen sowie privaten Interessen hinter die ihres Mannes stellen sollte, zog sie damals die Notbremse. Da sie dies im wahrsten Sinne des Wortes gemacht hatte, verlor sie ihren Job, ihre Ehe und hat seitdem einen hohen Berg an Schulden. Ein Teil der Schadensersatzforderungen wurde in Sozialstunden umgewandelt, die sie bis heute in der Bahnhofsmission des Ortes abarbeitet. Ihre Familie und Freunde haben sie mit ihren Problemen alleingelassen. Nur Renate hält weiterhin zu ihr. Renate könnte die kleine Schwester von Cindy aus Marzahn sein. Aber auch sie leidet gerade sehr. Ihr Hund ist verstorben. Dies ist auch der Einstig in das Buch, der trotz eines toten Hundes sehr witzig ist. Der Name des Schoßtieres ist Mandarine Schatzi. Als Renate ihr Herzstück alleine in der Wohnung gelassen hatte, erstickt der Hund in einer Punica-Flasche. Ihre Trauer bewältigt Renate erfolgreich mit Teleshopping. Dann gibt es da noch die Männer: der Taubenzüchter Willy-Martin, der sich beim Onlinespiel in seine Gegnerin verguckt. Der kurze Chat wird schnell Realität, denn die Frau zieht kurzerhand zu Willy-Martin zusammen mit ihrem sabbernden Hund. Der Obdachlose Zippo, der sich mit Postkarten-Lyrik durchs Leben kämpft, dann aber so sehr erkrankt, dass er Silkes ganze Aufmerksamkeit bekommt. Plötzlich taucht auch noch Silkes Exmann in der Bahnhofsmission auf. Er will Silke mit seiner gespielten Lebensveränderung zurückerobern.

Silkes ältere Nachbarin, Frau Goebel, will, bevor sie das Zeitliche segnet, noch einmal unter Palmen liegen und Aras sehen. Kürzlich sah sie im Fernsehen einen Beitrag zum ostdeutschen Paradies Tropical Islands. Sie kann Silke und Renate überzeugen, dass auch diese unbedingt mal eine Auszeit benötigen würden. Willy-Martin, der ebenfalls auftaucht, weil er vor seiner neuen Bekanntschaft flieht und Silke aus einer Selbsthilfegruppe kennt, reist mit den drei Frauen über das Wochenende in das verheißungsvolle Badeparadies. Doch ob die vier durch diese spontane Reise genügend Abstand zu ihren eigentlichen Problemen erhalten, wird sich zeigen müssen. Eventuell sind dann noch Rocksongs von Doro, Frank Rosins ehrliche Fernsehbeiträge oder ein Spendenlauf nötig, um den schrägen Figuren die Augen zu öffnen.

Ein schönes, buntes Leseabenteuer voll herrlicher, schräger Protagonisten und Handlungsstränge. Ein Text, bei dem man immer wieder viel zum Schmunzeln und oft zum Lachen animiert wird. Die Charaktere wachsen einem ans Herz und letztendlich bangt man mit diesen mit. Ein launiges Buch, das neben den deprimierenden Leben und dem ganzen Schein und Sein einen der möglichen Lebenswitze erzählt.

Siehe auch die Besprechung von Mareike Fallwickl im Bücherwurmloch

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Vea Kaiser: „Rückwärtswalzer“

Vea Kaiser Rückwärtswalzer Kiwi

Vea Kaiser schafft es stets, auf gutem Niveau zu unterhalten. Es ist ihr dritter Roman und erneut schreibt sie voller Hingabe für ihre Figuren und Geschichten. Es ist ein Unterhaltungsroman, der Spaß macht. Die eigentliche Handlung, die Überführung einer Leiche in die Heimat, wird durch ergänzende Erzählstränge ausgefächert. Ein durch diverse Lebenskrisen gebeutelter Schauspieler und seine drei Tanten machen sich von Wien auf, um nach Montenegro zu fahren, weil der tote Onkel in seinem Geburtsort beerdigt werden wollte. Die Reise beginnt erst in der Mitte des Romans und ist nicht nur dadurch ein erfrischendes Roadmovie, sondern auch eine Reise durch die Geschichte der Familie Prischinger und durch die Jahrzehnte.

Lorenz Prischinger ist pleite, sein letzter Auftritt als Schauspieler ist lange her. Vor längerer Zeit hatte er eine Rolle in einem Pilotfilm und hofft auf den Startschuss der Dreharbeiten zur eigentlichen Serie. Doch ahnt er vorerst nicht, dass seine Rolle gestrichen wurde und ohne ihn bereits gedreht wird. Wenn jemand bei ihm an der Tür klopft, hat er nun beständig Angst, der Zwangsvollstrecker stehe davor. Denn er hat sich einen gewissen Lebensstandard angewöhnt, den er sich aber schon seit langer Zeit nicht leisten kann. Er lebt in einer Fernbeziehung, die auch kurz vor dem Scheitern steht. Also ist er vorerst mit seinen Problemen allein. Wären da nicht sein Onkel Willi und seine tollen Tanten, Mirl, Wetti und Hedi, die ihm immer wieder mit Rat und Tat zur Seite stehen. Auch jetzt fährt er zu ihnen, um sie um Geld anzubetteln. Doch diesmal wird er dort nur durch das üppige Essen verwöhnt.

Der Rückwärtswalzer beginnt. Die Geschichte von Lorenz Vater, Sepp und seinen drei Schwestern wird zurückblickend erzählt. Damals hatte Sepp auch noch einen Bruder, den Nenerl. Es ist die Geschichte einer Familie aus dem niederösterreichischen Waldviertel. Die Geschwister sind alle unterschiedlich und erleben ein Drama, das sie jahrelang beschäftigen und begleiten wird. Hedi, die jüngste der Schwestern, lernt später als Krankenschwester Willi kennen und lieben. Zu einer Zeit als Hedi sehr mit ihrem eigenen Leben hadert.

Onkel Willis Geschichte ist ebenfalls durch diverse Wendungen geprägt. Seine Kindheit und Jugend erlebte er in den Bergen Montenegros. Zu Willi wurde er auch erst später. Sein eigentlicher Name ist Koviljo. Sein Vater ist Fuhrmann und Trinker. Da beides keine gute Kombination ist, verliert er durch einen Unfall seine Arbeit. Da Koviljos Mutter, bevor sie schwanger war, als Hausmädchen tätig war, bekommt sie durch eine glückliche Fügung ihre alte Arbeitsstelle zurück. Die Familie zieht ans Meer und Koviljo wird vom neuen Hausherrn zu Willi umbenannt. Hier erlebt Willi neben dem ungewohnten Luxus auch ein neues Familienleben. Als er später als junger Mann einen Unfall hat, trifft er auf Hedi, die ihn pflegt.

Hedi und Willi leben zusammen und immer in der Nähe der Schwestern, Mirl und Wetti. Die Nachkriegszeit hat sie alle geprägt und so versuchen sie, ihre Ess- und Lebensgewohnheiten an die folgende Generation, besonders den gescheiterten Schauspieler Lorenz, zu vermitteln. Als Willi nun plötzlich stirbt, stehen alle vor einer besonderen Herausforderung. Willi wollte immer in seinem Geburtsland Montenegro beerdigt werden. Doch es fehlt das Geld. Willi hatte hierfür ein extra Sparbuch angelegt, das aber von der Familie, ohne sein Wissen, schon lange geplündert wurde. Kurzerhand wird die Reise mit dem kleinen Panda geplant. Lorenz und seine drei Tanten begeben sich auf die abenteuerliche und skurrile Reise von Wien in den Balkan.

Die ganzen Irrungen und Wirrungen innerhalb der Familie und deren Geschichte nimmt Fahrt auf. Neben der Leichtigkeit stehen auch das Tragische, der Verlust und die Geheimisse der jeweiligen Protagonisten.

Es sind erneut die schrulligen Figuren, die Vea Kaiser zum Leben erweckt und ihre Liebe zum Erzählen, die das Buch zu einem Lesespaß machen. Ich hatte sie seit ihrem Debüt „Blasmusikpop“ als Anwärterin einer Irving-Erbin ins Auge gefasst. Jetzt hat sie auch noch einen Bärenforscher ins Leben gerufen, der sie noch ein wenig näher an das amerikanische Vorbild rückt. „Rückwärtswalzer“ ist charmante Unterhaltung mit Kaiser-Schmäh.

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Axel Milberg: „Düsternbrook“

Axel Milber Düsternbrook Piper

Der Schauspieler Axel Milberg hat einen Roman geschrieben, in dem er literarisch in seine Kindheit zurückreist. Auch ist das Buch eine Liebeserklärung an Kiel. Der stille, melancholische und humorvolle Schauspieler hat eine tiefe Verbindung zu Kiel, besonders zum Stadtteil Düsternbrook. Hier lebte er seit seiner Geburt im Jahr 1956 bis 1979, als er nach München zog und an der Otto Falckenberg Schule das Schauspielstudium absolvierte. Er ist bekannt durch viele Kino- und Spielfilme. Als Sprecher bei den Drei ??? und als Kieler-Tatort-Kommissar Klaus Borowski wurde er einem großen Publikum bekannt.

Der Roman „Düsternbrook“ ist autobiografisch und erzählt die Kindheit von Axel Milberg. Das Kieler Villenviertel Düsternbrook spiegelt nun seine ganze Welt. Die Erinnerungen sind in kurzen Szenen, d.h. Kapiteln leicht und chronologisch erzählt. Fast schon traumwandlerisch schreibt Axel Milberg. Die Figur des kleinen Axel wird von Seite zu Seite charmanter und zugänglicher. Auch die Landeshauptstadt Kiel, die Stadt, die als Zentrum einen Wasserkeil, die Förde, hat, bekommt eine tragende Rolle im Text. Das ganze Buch lebt durch viel Empathie und Humor.

Axel wächst mit seinem Bruder und seiner Schwester behütet auf. Sein Vater ist Jurist und macht Werbung als Scheidungsanwalt in der Kieler-Straßenbahn, die dem jungen Axel etwas peinlich ist. Er liebt es, mit seiner Mutter in die Innenstadt zu gehen. Entlang der Förde bis zu Karstadt am Alten Markt, um dort seine Wiking-Sammlung mit neuen Modell-Autos zu erweitern. Doch ist innerhalb seiner Familie und auch im Stadtteil Düsternbrook nicht alles heller Sonnenschein. Es zeigen sich auch diverse Schattenseiten. Axel geht auf die Reventlouschule und später auf die Kieler Gelehrtenschule. Sein bester Freund darf ihn irgendwann nicht mehr besuchen, da sie zu sehr mit dem Feuer gespielt hatten. Er verliebt sich beim Tennisspielen in ein Mädchen und bekommt in der Schule erste Bühnenerfahrung. Angeregt durch Karl May hat er ein kleines Theaterstück geschrieben, das auch in der Schulaula aufgeführt wird.

Ein kleiner Spannungsbogen legt sich um die Handlung. Ein merkwürdiger Mensch findet eine Box und diese regt seine krankhafte Phantasie an. Ein rätselhaftes Verschwinden von Kindern breitet sich aus. Axel vermutet, es könnte etwas mit den Außerirdischen zu tun haben, von denen er kürzlich durch einen Vortrag von Erich von Däniken in der Schule erfahren hat. Die Theorien von Dänikens beschäftigen den Jungen länger, denn auch er fremdelt mit seiner Umgebung und dies wäre doch eine passende Erklärung. Als ein Junge aus dem engeren Umfeld von Axel beim Rodeln auf der berüchtigten Todesbahn verschwindet, wird auch das Leben in Düsternbrook dadurch berührt.

Aus dem jungen Axel Milberg wird ein junger Mann, der sich in der Welt noch finden soll. Er beginnt ein Literaturstudium in Kiel, begegnet dann aber Gert Fröbe und sein ewiger Traum, Schauspieler zu werden, nimmt langsam Gestalt an. Nach einer Reise wächst die Idee, Kiel zu verlassen und er geht nach München. Der Roman endet hier, wo das öffentliche Leben von Axel Milberg seinen Anfang nimmt.

Ein schöner Kiel-Roman eines berühmten Schauspielers, der die Türen zu seiner Kindheit öffnet und uns teilhaben lässt. Ein charmanter Roman voller kindlicher Abenteuer und Erlebnisse. Das Buch wird ummantelt durch zwei Bilder, die Axel Milberg als Kind gemalt hat. Auch in den Bildern ist Kiel sehr farbenfroh zu erkennen.

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logo Siehe auch das Interview mit Axel Milberg „Die Welt in einer Nussschale“: www.kielerleben.de

 

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Mustafa Khalifa: „Das Schneckenhaus“

Mustafa Khalifa Das Schneckenhaus Weidle Culturbooks

Ein Roman, der sich tief eingräbt und nach dem Lesen Spuren hinterlässt. Ein erschütterndes Werk, eher ein Zeitdokument, das sich beim Lesen und weit darüber hinaus im Leser einnistet. Die Flut an Bildern, Geschehnissen und Charakteren geht einem sehr nah. Immer wieder wird man als Leser an die Grenzen geführt, die Grenzen, die das Menschliche und Ertragbare überschreiten. Doch gerade dies ist das – sofern man dies bei diesem Roman sagen kann – Faszinierende am Text. Aus der Distanz als Leser erahnt man die Schrecken, die der Protagonist und Autor erlebt haben und kann diese doch nur in Teilen literarisch nachempfinden. Wie ist solche Gefangenschaft in der Realität ertragbar? Der Autor und der Namenlose im Roman haben gelernt, sich zurückzuziehen, sich in einem eigenen, seelischen Schneckenhaus zu verstecken. Nur bedingt nimmt er das Umfeld wahr und verschließt sich letztendlich immer mehr, um zu überleben.

Der Text ist ein Tagebuch, das zeitlos ist. Der Protagonist hat während der Inhaftierung angefangen im Kopf zu schreiben. Erst den ersten Satz, diesen ständig wiederholt, den zweiten Satz gebildet und dann beide wiederholt und so weiter. Wie ein inneres Mantra ist somit dieses Tagebuch im Kopf gewachsen, das nun als Roman vorliegt.

Von 1982 bis 1994 war Mustafa Khalifa in Syrien inhaftiert. Sein 2007 auf Französisch und 2008 in Arabisch erschienener Roman wurde bereits in neun Sprachen übersetzt und gilt als das meistgelesene Buch in Syrien. Gefängnisliteratur ist in Syrien eine wichtige Literaturgattung und schafft somit eine Möglichkeit, sich mit der grausamen Geschichte des Landes auseinanderzusetzen. „Das Schneckenhaus“ ist ein wichtiges Zeugnis und zeigt die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse.

Der Protagonist und die Jahreszahl bleiben im Roman unerwähnt. Auch das Land und der Ort werden niemals genannt. Lediglich durch die Nennung der Gefängnisse, dem Wüstengefängnis und später dem Berggefängnis weiß man sofort, wo sich die Handlung abspielt.

Der Roman beginnt in Paris. Ein junger syrischer Absolvent der Filmhochschule verabschiedet sich von seiner Lebensgefährtin. Er vermisst seine Heimat und fliegt nach sechs Jahren in Frankreich nach Damaskus. Kaum ist er gelandet, gibt es Probleme bei der Passkontrolle. Die Beamten behalten seine Papiere und er wird vom Geheimdienst flankiert zum Verhör gebracht. Ihm wird kein Grund genannt. Später wird herauskommen, dass jemand ihn vor Jahren denunziert haben muss. Die erste Folter beginnt. Er soll einer verbotenen Muslimbrüderschaft angehören, dabei betont er immer wieder, getaufter Christ und obendrein Atheist zu sein. Es kommt zu keiner Anklage noch gerechter Verhandlung. Nach den ersten Erniedrigungen und Gruppenhaftzellen wird er in die wahre Hölle, das sogenannte Wüstengefängnis, verlegt. Mit viel Glück überlebt er die „Willkommensparty“. Aber seine Genesung dauert länger. Er bekommt anfänglich Unterstützung, doch als die Mitgefangenen erfahren, dass er ein Christ ist und sogar behauptet Atheist zu sein, bekommt er auch durch seine Zellgenossen Probleme. Die beständige Entmenschlichung, Erniedrigung und Folter kann er nur überstehen, weil er sich wie eine Schnecke in ein Schneckenhaus zurückzieht. Dabei beobachtet er, notiert im Kopf und wartet auf Erleichterung… Auf diese muss er dreizehn Jahre, drei Monate und dreizehn Tage warten… Doch auch nach seiner Entlassung dauert es lange, bis er die Freiheit erfährt…

Ein wichtiges, schwerverdauliches Werk. Das sich wie ein Faustschlag in die Magengrube der Menschlichkeit liest.

Ein Tagebuch, das während der Zeit der Gefangennahme in Gedanken geschrieben wurde und das nun, nach der Freilassung, zu Papier gebracht wurde, dokumentiert den Terror. Ein Roman als Erinnerung an die Gefangenen und Ermordeten.
Es ist ein Buch, das man nicht selten aus der Hand nimmt, um zu pausieren. Dennoch kann ich nur betonen, wie lohnenswert und wichtig diese Lektüre ist.

Der Roman wurde aus dem Arabischen von Larissa Bender übertragen und durch ein Nachwort von ihr ergänzt, dass sehr zum Verständnis des Textes beiträgt.

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