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Gérard Scappini: „Ungeteerte Straßen“

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Das Bild der ungeteerten Straßen vermittelt den unebenen Weg, den auch das Leben gehen kann. Sei es der naturbelassene Untergrund oder der Anfang des Lebenswegs, der ebenfalls ein holpriger sein kann. Das Buch „Ungeteerte Straßen“ von Gérard Scappini trägt den Untertitel „Eine Kindheit in Frankreich“. Wenn man aber einen gewöhnlichen Roman erwartet, wird man spätestens beim Aufschlagen der Seiten eines besseren belehrt. Der Text ist in 57 Gedichten geschrieben, die die Kindheitserinnerungen eines Jungen beschreiben. Es ist eine Lyrik, die sich dem Leser sehr schnell erschließt. „Es gibt Lyrik, die sich nicht der Welt und dem Leser verschließt!“ sagte mir in einem Gespräch Günther Butkus, der Verleger des Werkes. Es sind sehr bodenständige Gedichte, die sich fast wie Prosa lesen lassen. Denn man könnte es wie einen Text lesen, der typografisch gebrochen wurde. Dann verliert man aber den Bezug zum lyrischen und poetischen Rhythmus des Werkes.

Wir Leser tauchen ein und versinken zügig in den ungeteerten Straßen. Der Leser erlebt die Welt der 50er Jahre in Frankreich aus der Sicht von Pascal. Sein Umfeld und alle handelnden Figuren treten sehr plastisch ausgearbeitet Stück für Stück aus den einzelnen Gedichten hervor. Im Vordergrund steht die kindliche Einfachheit und Naivität von Pascal. Neben den Freuden seiner Kindheit lernt er die Konflikte der Eltern und die wachsende Armut zu bewältigen. Als sogar das Brennholz ausgeht wird sein Spielzeug verbrannt mit der Hoffnung auf Neues. Dies bleibt ihm aber trotz großer Anstrengungen meist verwehrt. Ihm wurde bei besonderem schulischen Erfolg ein Fahrrad versprochen und als er das Ziel erreicht hat, bekommt er lediglich vom Vater den Hinweis, er solle nur so weiter machen. Der Vater ist ein erfolgloser Arbeiter, war mal ein gefragter Sportler und neigt zur Willkür und zur Brutalität. Die Mutter träumt von besseren Tagen und umsorgt die Kinder liebevoll. Durch die Gedichtform erhascht man beim Lesen Einblicke in die damalige Zeit und in Stakkato-Sätzen und Bildern durchleben wir Pascals unebenen Weg von der Kindheit bis zum jungen Erwachsenen. Pascal durchlebt das Schöne, aber auch die Schrecken der Armut und die Konflikte der Familie. Ein kindliches, urteilsfreies Staunen untermalt die Trostlosigkeit jener Zeit und die Bitterkeit sowie Trauer von Pascals Familie, in deren Umfeld er langsam heranwächst.

Das Buch vereint einen Roman und einen Lyrikband in einem. Gérard Scappini schlägt mit den 57 Gedichten ein ganzes Rad um die Figuren und ihre Geschichte. Mit wenigen Worten hat er eine Welt erschaffen, die er mit tiefgründigen Charakteren belebt. Das Buch reiht sich ein in die Werke der mäandernden biographischen Romane. Doch ist es durch die knappe Sprache und die Gedichtform eine kurzweilige Reise in die Lyrik und gerade dadurch eine positive Entdeckung mit bleibenden Eindrücken.

Gérard Scappini wurde in Frankreich geboren, lebt aber in Deutschland und war als Buchhändler und Verlagsvertreter tätig.

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Doron Rabinovici: „Die Außerirdischen“

Doron Rabinovici Die Ausserirdischen

Wir Menschen benötigen keine Außerirdischen, um uns selbst unheimlich zu werden. Jedenfalls zeigt dies der überspitzte Roman von Doron Rabinovici, der aber keinesfalls ein Science-Fiction-Roman, sondern eine ironische Gesellschaftskritik ist.

Das Buch liest sich wie ein wahnwitziger Irrsinn, der durch seinen Humor und die überdrehte Handlung Spaß macht. Doch gegen Ende bleibt der Witz nur noch dezent im Halse stecken und es wird immer spannender und rasanter. Es geht um die Frage nach Schuld, Verantwortung, Toleranz und Machtgier. Rabinovici spielt mit der Verkettung von Verschwörungstheorien und der Macht der Medien am Beispiel von Fernsehshows. Es beginnt mit unsichtbaren Fremden, die den Menschen Angst machen und endet mit einem erneuten Holocaust.

Eines Morgens heißt es plötzlich, die Außerirdischen seien da. Sol und seine Frau Astrid hören es in den Nachrichten. Er ist ganz gebannt und glaubt den Meldungen, während Astrid sich an Orson Welles Radioversion von H.G. Wells erinnert und es für einen Witz hält. Sol ist Mitbegründer eines Online-Magazins „smack.com“, das sich mit Ernährung beschäftigt und ist immer mehr von der Wahrheit der Nachricht über die Landung der Außerirdischen überzeugt. Die Menschen geraten in Panik, es kommt zu Plünderungen und das Chaos bricht auf den Straßen aus. Dann breitet sich eine erneute Meldung aus, die Aliens sollen sanftmütig sein und es bestünde kein Grund zur Panik. Doch meiden sie weiterhin jeden Kontakt. Sol und sein Team berichten nicht mehr über Rezepte und Ernährungstrends, sondern sind mit aktuellen Interviews, Darstellungen und Reportagen ein Sprachrohr für die Menschen geworden und ihre Talkshows sind stets aktuell und dicht an den Ereignissen. Sie meinen, Meinungen wiederzugeben, aber dabei sind sie es, die beständig das Meinungsbild entwerfen.

Eine neue Meldung sickert durch. Die Außerirdischen, die auf der Welt für Aufschwung und Frieden gesorgt haben sollen, möchten ein Glückspiel starten. Ein globaler Wettbewerb der auf Freiwilligkeit beruhen soll. Denjenigen, die die ersten drei Plätze machen, winken unglaubliche, galaktische Preise. Alle die teilnehmen werden Stars. Da ist nur ein kleines Häkchen. Wer verliert, wird geschlachtet. Langsam keimen in Sol die Fragen um seine Mitschuld und an den Hintergründen der Spiele. Wer profitiert tatsächlich davon?

Die Handlung nimmt rasant Fahrt auf, als ein Nachbar von Astrid und Sol sich freiwillig für die Show melden möchte. Die Menschen sind alle im Bann der Gameshow, fiebern mit ihren Stars und weinen aus Stolz und Mitgefühl mit den Helden, die sich als Lunch den Aliens hingeben. Dabei rücken die eigentlichen Verursacher der Show immer mehr aus dem Bewusstsein… Waren Sie überhaupt da? Was bleibt mit den Gewinnen? Was ist mit den Exobilien? Denn das  Preisgeld und der allgemeine Aufschwung beruhen auf Grundstücken im Kosmos… Ist alles menschengemacht, wie der anfängliche Stromausfall, der auf menschliches Versagen zurückzuführen war?

Ein politisch, gesellschaftlicher und moralischer Zeigefinger, der aus dem All auf uns zeigt und ziemlich launigen Lesespaß verspricht.

„Fest steht nur, dass wir – auf uns allein gestellt – noch immer da sind. Und das allein kann unheimlich genug sein.“

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Mareike Krügel: „Sieh mich an“

Sieh mich an Mereike Krügel Piper

Der Roman spielt an einem Tag, an einem Freitag in Kiel, Projensdorf. Es scheint das ganz alltägliche Familienchaos zu sein. Doch das wirkt nur so. Das Thema des Buches dreht sich um die Frage, was passiert, wenn innerhalb der Familie eine wichtige Bezugsperson ausfällt beziehungsweise fürchtet, bald sterben zu müssen. Was soll man tun, wenn man plötzlich etwas in der Brust ertastet, während die Tochter durch ihre Verhaltensauffälligkeiten von der Schule verwiesen werden könnte und der Ehemann nur an den Wochenenden anwesend ist? „Man kann doch nicht einfach so sterben, wenn die Dinge noch ungeklärt sind.“

Mareike Krügel hat aber keinen typischen Familienroman oder ein Krebsbuch geschrieben. Brustkrebs selbst wird niemals erwähnt oder direkt ausgesprochen. Es ist ein temporeiches Buch voll alltäglichem Wahnsinn, Humor und emotionalen Herausforderungen sowie Erschütterung. Ein herzlicher und witziger Roman, der schnell an Fahrt aufnimmt. Die Handlung ist nur dezent überspitzt und nur am Ende ganz leicht überdreht. Dies soll aber keine Kritik sein, denn für mich war alles im und am Buch stimmig.

Mareike Krügel ist leider vielen Lesern noch nicht so bekannt. Dabei ist „Sieh mich an“ ihr vierter Roman und sie hat für ihre vorherigen Werke bereits einige literarische Auszeichnungen erhalten. Sie wurde 1977 in Kiel geboren und lebt nun mit ihrem Mann, dem Schriftseller Jan Christophersen, an der Schlei. Beide haben bisher viele wunderbare Bücher geschrieben. Lange ist es her, aber ich möchte es nicht unerwähnt lassen, dass Mareike Krügel mal ein Buchhandelspraktikum in unserer Buchhandlung, der Buchhandlung Almut Schmidt, gemacht hatte.

Gleich der erste Satz nimmt einen gefangen. Die Protagonistin und Ich-Erzählerin, Katharina, konfrontiert uns sofort mit ihren Ängsten. Die Angst vor dem Tod und dem Öffnen der Schultür. Schultüren wirken auf sie wie Pforten zur Hölle und dennoch würde sie für ihre Familie durch alle Höllenfeuer gehen, wenn es sein müsste. Ihre Kinder, Alex und Helli, stehen für sie im Mittelpunkt. An dem Tag der Handlung ist es erneut ihre Tochter, die vorzeitig von der Schule abgeholt werden soll. Später erfahren wir, dass die elf Jahre alte Helli leicht verhaltensauffällig ist und wohl an ADHS leidet und somit viel Raum und Zeit in Katharinas Leben einnimmt. Katharina hat neben dem Haushalt und ihrer Mutterrolle noch einen Teilzeitjob und gibt Musikkurse. Sie ist Musikwissenschaftlerin, deren Doktorarbeit seit Jahren auf ihre Vollendung wartet. Sie kommt nicht dazu, diese fertig abzugeben, da sie den ganzen Alltag und den Haushalt alleine managt, da ihr Mann, Costas, werktags in Berlin arbeitet.

Katharina lässt also alles stehen und liegen, um Helli von der Schule abzuholen, das diese sehr starkes Nasenbluten hat. Doch ihre Gedanken kreisen ständig um ihre Entdeckung. Sie ist Anfang 40 und hat in ihrer Brust etwas erfühlt. Es sitzt in ihrer linken Brust und bleibt unverändert, aber schmerzt nicht. Sie befürchtet das Schlimmste, macht sich wenig Hoffnung, da auch ihre Mutter an Krebs verstorben war. Ab sofort ist die Angst ihr beständiger Begleiter, den sie aber sehr gekonnt verdrängt und aus ihrer Wahrnehmung verbannt. Sei es nun durch ihre Tochter, die erneut ihre ganze Aufmerksamkeit benötigt oder der kleinen Panne, da sie beim Fahren ihre Lieblings CD von Schubert hört und sie leider die Angewohnheit hat, bei den schönsten Passagen die Augen zu schließen. Es passiert aber an diesem Freitag an der Ostsee noch so einiges mehr: Einer ihrer Nachbarn hat sich bei der Gartenarbeit den Daumen abgeschnitten und dann hat sich noch ein geliebter Studienfreund zu Besuch angemeldet. Dem Chaos in ihrer Umgebung und in ihrem Kopf versucht Katharina mit ihren kleinen Listen Herr zu werden, die ihr Geheimnis sind, gleich dem kleinen Etwas in ihrer Brust, zu dem ihre Gedanken stets wandern, sie es aber nie wirklich in Augenschein nimmt.

Ein warmherziges Buch, das den Leser zügig in Beschlag nimmt und sofort Bilder in der eigenen Phantasie wachsen lässt. Es behandelt viele Lebensfragen und ist lebensklug, sehr hingebungsvoll und mit sehr viel Humor geschrieben.

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Siehe auch die Besprechung auf Papiergefluester

 

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Yasmina Reza: „Babylon“

Yasmina Reza Babylon Hanser

Yasmina Reza versteht es erneut, die alltäglichen Nichtigkeiten groß werden zu lassen und somit das Dramatische fast schon komisch wirken zu lassen. Bei Reza sind es stets Dramen im Alltag, die die Gesellschaft anhand kleiner Gruppen widerspiegeln. Ihre Bücher zählen wohl auch schon zu Recht zu den gefragtesten aus und in Frankreich. Winzige Abgründe werden beleuchtet, reißen innerhalb des Textes auf und platzen meist in tragisch-komischer Weise. So auch in ihrem neuen Roman, der mit der Planung einer Party beginnt und dann bereits in der Vorbereitung ins Straucheln gerät. Nach dem Fest kommt sogar einer der weiblichen Gäste ums Leben.

Die Gestaltung des Umschlags und auch der Titel verraten bereits, was einem beim Lesen erwarten wird. Das Bild einer Frau, auf dem ein kleiner Bildausschnitt vom selben Porträt aufgelegt ist. Der kleinere Ausschnitt passt irgendwie, dann aber auch wieder nicht. So erscheint das Bild leicht versetzt, daneben, so als würde die Frau sogar schielen. Das tatsächliche Bild von uns passt nicht zu dem Erscheinungsbild, oder zu der Wahrnehmung über uns. Der Titel „Babylon“ bezieht sich auf die wichtigste Stadt des Altertums und dient als Metapher der babylonischen Sprachverwirrung.

Elisabeth wohnt in einem Mehrfamilienhaus und plant eine Frühlingsparty. Sie hat an alle eine Mail mit der Einladung versendet und ist, nach dem Versand, selbst erschrocken, dass es doch wohl zu viele Gäste werden könnten. Sie hat gar nicht genügend Sitzmöglichkeiten und Geschirr. Sie ist eine Ingenieurin, die beim Patentamt arbeitet und feiert eigentlich ungern. Sie möchte dennoch mit Bekannten und Freunden den Frühling feiern.  Sie will fröhlich in Erscheinung treten. Sie geht zu den Nachbarn, Jean-Lino und Lydie, um sich Stühle zu leihen. Bei der Organisation der Gläser geht es bei ihr und ihrem Mann noch hin und her, ob Plastikeinweg oder ob es doch etwas edleres sein soll. Hier beginnt bereits die zu steigernde Dissonanz im Roman.

Es ist der 21. März und die Frühlingsparty beginnt. Der Frühlingsanfang zeigt sich nicht, denn es beginnt zu schneien. Hierbei teilt sich das Lager der Gäste, die Frauen meinen der Schnee würde liegen bleiben, während die Herren es besser zu wissen meinen. Elisabeth, die mit circa 40 Gästen gerechnet hatte, empfängt lediglich unter der Hälfte und eine Partystimmung mag nicht aufkommen. Alles stockt und eine leichte Plauderton-Atmosphäre versiegt, sobald diese überhaupt aufgekommen zu sein scheint. Die Nachbarn Jean-Lino und Lydie lassen die Stimmung gänzlich kippen, als eine Diskussion über Hühnerhaltung und Biofleisch beginnt. Jean-Lino macht sich lustig über Lydie und ahmt sogar ein flatterndes Huhn nach. Die Gesellschaft löst sich auf und Elisabeth und ihr Mann entscheiden sich, nach der Party nicht aufzuräumen sondern ins Bett zu gehen. Dann klingelt es an der Tür und Jean-Lino steht davor und bittet um Hilfe, denn er habe gerade Lydie erwürgt. Wie es zu dem Mord kam liest sich tragisch-komisch und es spielt dabei ein nierenkranker Kater eine Rolle. Jean-Lino bittet Elisabeth, zusammen mit ihm die Leiche aus dem Haus verschwinden zu lassen.

Yasmina Reza hat das Gespür für das Kleine, das eigentlich Nichtige, das unser Leben anders erscheinen lassen kann. In den Romanen von Reza stehen nie die großen Weltprobleme im Mittelpunkt, sondern jene, die auf kleiner Bühne erscheinen: In der Beziehung, in der eigenen Wohnung oder auf einer geselligen Party. Wir tauchen ein in eine Gesellschaft, die sich hübsch macht – also den Naturzustand in Frage stellt und übertüncht.

Es geht um Behaglichkeit, d.h. Wohnlichkeit. Um Heimat und Exil. Gleich dem babylonischen Bild, sprechen alle ihre Sprache und reden aneinander vorbei. Der Mensch empfindet sich in seiner Wohnung heimatlos und einsam in der feiernden Partyrunde. Es kommt auf den Blickwinkel und den Lichteinfall an, die das bekannte Umfeld bedrohlich wirken lassen können. In winzigen Gesten spielt Reza mit unseren menschlichen Disharmonien.  Sei es am Beispiel der Pflegerin der kürzlich verstorbenen Mutter von Elisabeth, die das geschenkte Deckchen nachlässig und gedankenlos einsteckt. Aus den kleinen Gesten werden große Bilder, die in den kleinen Kammerspielen, die Rezas Bücher stets sind, uns Lesern das gegenwärtige Leben in unserem Umfeld verdeutlichen können.

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Maren Wurster: „Das Fell“

Maren Wurster Das Fell Hanser Berlin

Eine Reise in die Seelenlandschaft einer Verletzten, die sich ihre Liebe zurückerobern möchte. Ihre Reise lässt sie immer animalischer werden und ihre Verwandlung ist dezent mit Han Kang (Die Vegetarierin) zu vergleichen. Es ist eine Frau, Vic, die sich auf die gemeinsame Reise mit ihrem Freund gefreut hatte, der ihr dann aber doch einen Korb gibt und mit seiner Exfrau an die Ostsee verreist. Diese Nachricht löst in Vic anfängliche Trauer, dann Wut aus. Sie verwandelt sich und reist Karl mit einem Stein im Gepäck hinterher. Sie legt sich im wahrsten Sinne ein dickeres Fell zu.

Vic arbeitet im Kommunikationsmuseum und lernt Karl kennen, der als freier Architekt tätig war und aus seiner früheren Beziehung eine fünf Jahre alte Tochter hat. Sie hatten einen Ausflug geplant, alle drei: Vic, Karl und seine Tochter. Karl, der seinen Freiraum benötigt und sich ab und zu von Vic bedrängt fühlt, reist nun einfach mit seiner Tochter und der leiblichen Mutter an die Ostsee und reagiert nicht, d.h. kaum auf Vics Nachrichten. Dies löst in Vic eine große Trauer aus und sie erträgt sein Handeln und sein Schweigen nicht. Sie nimmt ihr Fahrrad und radelt ihm hinterher. Diese Reise verwandelt Vic. Sie benutzt einen Schaber für die Reinigung der Zunge, sie entwickelt einen großen Geruchs- und Geschmacksinn und futtert auf ihrer Radreise auch mal eine Ameise. In der Vergangenheit ist sie bereits durch einige Macken auffällig, sei es der eigene Kinderwunsch, den sie durch ein umgestülptes Kondom von Karl befriedigen möchte oder ihre Art zu rauchen. Durch die Radtour, die mehrere Tage verläuft, werden diese Verhaltensweisen gesteigert und ihr wächst auf dem Rücken ein Fell. Sie sucht die Nähe zu der Natur und wandelt in dieser immer sicherer. Nur durch den ungewöhnlichen und zügigen Haarwuchs beginnt auch ihre Scham, sich den Menschen zu zeigen. Dies vermindert oft ihren Schwimmspaß in den Gewässern, die an der Strecke ihrer Tour liegen. Ihre Reise verläuft vorbei an Kanälen, Seen und stets durch Wälder. Diese Natur ist die Metapher ihrer Seelenlandschaft, die sich immer mehr einer Tier-Mensch-Verwandlung annähert.

Die Bilder sind groß und stehen der knappen Sprache gegenüber. Es ist das Gefühl, das hier auf den Verstand stößt und so ist man als Leser hin und hergerissen, ob man mag, was man da liest. Ist es Triviales, das sich allein durch das Bild des „sich ein dickes Fell anschaffen“ zeigt? Aber es ist doch viel mehr im Buch zu entdecken und man liest gebannt weiter. Denn auch die Handlung nimmt Spannung auf, da Vic stets oben auf ihrem Rucksack einen Stein mit sich führt. Der Stein als Schmuck, als Kraftelement, als Wurfgeschoss oder sogar als Mordwerkzeug für ihre Rache?

Sie ist mit ihrer Metamorphose nicht allein, denn ihr begegnet auf der Reise ein weiterer Mensch, ein Mann, der ihr mit zwei Hörnern auf dem Haupt als Pan, als Hirtengott begegnet. Die Naturmetaphern nehmen auf der Reise zu und stehen der anfänglichen Kommunikation mit heute üblichen technischen Geräten gegenüber. Das Technodröhnen der Clubs und Discos weicht den Geräuschen der Natur, in die Vic hineinwächst. Hier muss sich das Buch erneut einem Vergleich unterziehen. Es weckt Erinnerungen an die schwedische Fernsehserie: „Jordskott“.

Die Sprache ist den Situationen angepasst. Mal in gesteigerter Wut kurz und knapp, dann aber auch beschreibend, wenn es um die Natur geht. Die Dialoge und SMS-Nachrichten lesen sich gleich einer Mitschrift auf sozialen Netzwerken. Die Autorin studierte Film-, Theater- und Fernsehwissenschaften und hat in ihrem Debutroman einiges angedacht und umgesetzt. Als Leser wandelt man ab und zu zwischen Trivialität und Philosophischem. Zwischen modernem Stadt- und Naturleben. Ein modernes Märchen als sinnliche Erfahrung, die uns ein dickeres Fell wachsen lässt, das abwehrt, sich aber auch nach Liebe und Streicheleinheit sehnt.

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Karan Mahajan: „In Gesellschaft kleiner Bomben“

Karan Mahajan I Gesellschaft kleiner Bomben CulturBooks

Das Buch brennt sich im Leser ein und man verfolgt elektrisiert die literarische Schallwelle einer Bombe. Es beginnt mit einer Autobombe, die im Mai 1996 auf dem Markt in Lajpat Nagar hochgeht. Es werden darauffolgend alle Auswirkungen und Wege zum und nach dem Anschlag beleuchtet. Lebendig treten uns die Opfer, die Angehörigen und die Täter entgegen und man fragt sich als Leser, ob man sich nur noch wundern oder über nichts mehr wundern kann.  Ein erkenntnisreiches, bewegendes und unglaublich wichtiges und lesenswertes Buch über die Frage, wie entsteht Terrorismus und wie werden Menschen radikal?

Als erstes liest man aus der Sicht der Opfer, das sind die Familien Khurana und Ahmed. Die Brüder Tushar und Nakul Khurana sind mit ihrem Freund Mansoor Ahmed auf dem Markt. Mansoor soll laut seiner Mutter eigentlich nicht raus, aber da er gerade bei seinen Freunden ist, die für ihren Vater einen alten Fernseher zu Reparatur bringen sollen, geht er mit. Dann explodiert eine Autobombe. Eine dieser kleinen Bomben, die von der Welt kaum Beachtung findet. Aber es gibt viele Tote und Tushar und Nakul sind sofort tot. Der zwölfjährige Mansoor erhebt sich verletzt und taumelt verstört davon. Die Familie Ahmed, die bisher nicht wissen, ob ihr Sohn überlebt hat, gibt der Familie Khurana die Schuld, da diese den Weg der Kinder zum Markt zugelassen hatte. Doch als ihr Sohn zwar verletzt, aber lebend nachhause kommt, übernimmt die Trauer über den Verlust der Khurana-Brüder.

Die Attentäter sind Kaschmiri, Widerstandskämpfer, die die anstehenden Wahlen beeinflussen wollen und Gewalt als Mittel zum Zweck ansehen. Bomben als Aufruf für ihre Sicht auf Gerechtigkeit. Auch wenn es viele Tote gab und der Platz und die anliegenden Geschäfte einem Trümmerfeld gleichen, war es aus ihrer Sicht eine viel zu kleine Bombe. Als die Attentäter in ihre Gruppe zurückkehren gratuliert man zu 200 Opfern, obwohl es wohl in Wirklichkeit weniger waren. Sie feiern sich auf zynische Weise als Helden und viel später im Roman wird der Vergleich zu den Anschlägen in Amerika gezogen. Die Täter sind Menschen, die unmenschlich agieren und in einem großspurigen, prahlerischen Umfeld leben und kaum Mitleid oder Empathie mit den Opfern entwickeln.

Mit dem Wechsel der Perspektiven erhaschen wir Einblicke in fremde Welten und Sichtweisen. Das Drama wird anhand der Familie Khurana verdeutlicht. Die Eltern der Brüder haben sich damals durch die Liebe zum Film kennengelernt. Durch den Verlust ihrer beiden Söhne versinken sie in Trauer und erst einige Jahre später durch die Geburt ihrer Tochter, gewinnen sie bedingt ihr Leben zurück. Für Mansoor beginnt bereits als Kind mit der Bombe eine neue Zeitrechnung. Das Ereignis teilt sein Leben in ein Davor und ein Danach. Lange wird er Schmerzen im rechten Arm haben. Schmerzen, die durch einen Splitter verursacht werden, der seine Nerven verletzt hat. Er beginnt, Informatik zu studieren und mit siebzehn verlässt er Delhi, um in die USA zu gehen. Aus ihm ist ein guter Programmierer geworden, doch durch die Haltung am PC verschlimmern sich seine Schmerzen und er kommt 2003 nach Indien zurück. Da seine Eltern bei einem Immobiliengeschäft betrogen wurden, ist aus finanziellen Gründen eine Rückkehr nach Amerika undenkbar. Bei einem „Peace-For-All-Treffen“ lernt er Ayub, einen charismatischen Aktivisten, kennen. Durch ihn erwacht in Mansoor das Religiöse und er erlernt, durch Visualisierung die Schmerzen weg zu meditieren. Seine Suche nach einem Platz im Leben nimmt immer radikalere Formen an. Ayub gerät durch seine verlorene Liebe und depressive Haltung an die Bombenleger und die Welt wird immer zynischer…

Der Roman spielt großartig mit den Perspektiven und die Wertung wird nicht vom Autor bestimmt, sondern durch die Einsicht in alle Denkmuster bildet sich diese im Leser. Gleich einer Druckwelle wächst der Roman immer mehr und breitet sich im Leser aus. Das Buch hinterlässt Erkenntnis, Reichtum und natürlich auch Verwirrung und Zerstörung. Der Roman ist grandios, detailliert und mit subtilem Humor, d.h. Sarkasmus gewürzt. Ein berührender und stets spannender Text, der die moralischen Grundfragen der Gegenwart kunstvoll darstellt und in Frage stellt.

Karan Mahajan wurde 1984 geboren, wuchs in Neu-Delhi auf und lebt in Texas. Der Roman „In Gesellschaft kleiner Bomben“ stand u.a. auf der Shortlist für den National Book Award 2016 und erhielt in Amerika viele Preise. Die „New York Times“ schrieb, dass dieses Buch zu den zehn besten des Jahres gehörte.

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Peter May: „Moorbruch“

Peter May Moorbruch Zsolnay

Das Buch lebt von der Stimmung und seinem Schauplatz, den Hebriden. Wie Valerio Varesi die Po-Ebene literarisch und bildgewaltig verewigt hat, schafft es der erfolgreiche Autor Peter May für Schottland. Als würde man einen guten Bruichladdich oder Laphroaig genießen, der durch seine Note sehr viel aus seiner Landschaft zu berichten hat. Viel Torf und sattes Grün der urbanen Natur sind der wesentliche Bestandteil dieses Romans, in dem es ums Erwachsenwerden, um einen mysteriösen Todesfall und um die Freundschaft geht.

Die Insel, auf der die Handlung spielt, hat viele unwegsame Bereiche, die man lediglich mit dem Boot oder zu Fuß erreicht. So ist auch die Seele der Bewohner beschaffen, vieles ist im Verborgenen und durch kleinste Risse, die aufbrechen können, kommen die Abgründe zum Vorschein. Gleich einem Moorbruch. So ein Bruch, der hier im schottischen Hochmoor die Handlung umrahmt, entsteht, wenn es länger nicht regnet und die Torfschichten austrocknen und aufreißen. Wenn es nach der Trockenperiode zu stärkeren Regenfällen kommt, laufen die Wassermassen in diese Risse und spülen die unteren Schichten weg. Der ganze Torf gerät dann ins Rutschen und die stehenden Wassermassen, die auf der trockenen Torfschicht liegen brechen ein. So können ganze schottische Lochs vom Erdboden verschluckt werden. Das Buch hieß ursprünglich „The Chessmen“, dann „Le braconnier du lac perdu“ und wurde jetzt unter dem Titel des geologischen Phänomens veröffentlicht.

Der Protagonist, Fin Macleod, kommt nach Jahren auf seine Heimatinsel zurück. Er war Polizist in Edinburgh und kündigte seine Stelle, als sein Sohn bei einem Verkehrsunfall getötet wurde und seine Ehe daran zerbrach. Fin taucht somit in seine Vergangenheit ein und trifft auf alte Geschichten und Freunde. Damals als Schüler waren sie eine Clique, die mit den Mofas die Insel erkundeten und eine Rockband gründeten. Fin war deren Roadie und verliebt, wie alle Jungs in Mairead, die einzige Frau der Band. Fins bester Freund, den alle Whistler nennen, spielte die Tin Whistle, die der Band ihren besonderen, mystischen Ton gab. Als die Band sich umbenannte und weiterzog, stieg Whistler aus. Die Band feierte unter dem Namen Amran größere Erfolge. Die Freundschaft zwischen Fin und Whistler hat eine besondere Tiefe bekommen durch ein Schiffsunglück, das ihre Großeltern erlebt, d.h. überlebt hatten.

Jetzt in der Gegenwart trifft Fin auf seine damaligen Freunde. Whistler, der damals der schlauste Schüler war, hat keine weiterführenden Schulen besucht und lebt auf der Insel ein sehr einfaches Leben. Er wirkt wie ein Berserker, der sich von der Natur nimmt, was er zum Leben benötigt. In ihm schlummern Phantome der Vergangenheit. Seine Frau hatte ihn mit der gemeinsamen Tochter verlassen und als sie starb bekam der neue Lebenspartner das Sorgerecht für das Mädchen. Fin stößt nun in das Gefüge der Insel hinein, denn er wird von einem Gutsbesitzer eingestellt, damit er die Ländereien bewacht und um der Wilderei Herr zu werden. Der erste, den Fin in die Schranken weisen soll, ist sein alter Freund Whistler, der in einer Hütte mitten in der Natur haust und durch das Schnitzen von Schachfiguren lebt. Fin wird in die Plänkeleien zwischen dem Gutsbesitzer und seinem Freund hineingezogen. Beide Parteien meinen, die jeweils andere schulde ihr etwas. Während Fin und Whistler durch das Moor gehen, werden sie Zeuge eines Moorbruchs, der das Wrack eines Flugzeugs zu Tage bringt. Es ist das Flugzeug von Roddy, dem damaligen Bandleader von Amran. Er wurde nach einem Flug als vermisst gemeldet, aber er soll über dem Meer verschollen gegangen sein, wie kommt die Maschine ins Moor? Die Leiche im Flugzeug ist sehr verwest, doch zeigt der Schädel, dass es sich um ein Gewaltverbrechen gehandelt haben muss. Whistler verhält sich komisch und Fin beginnt um die Geschichte herum zu recherchieren. Was ist damals vorgefallen, wer hat Roddy töten wollen oder ist es gar nicht seine Leiche?

Die Handlung hat viele Facetten und der kriminalistische Strang steht nicht im Vordergrund, sondern es ist eher der Mikrokosmos der Hebriden, der einen fesselt. Das menschliche Schauspiel mit seinen ganzen Dramen vor grandioser schottischer Kulisse. Der Roman lebt von der düsteren, morastigen Landschaft, in der die Menschen ihren eigenwilligen Gebräuchen und Gesetzen folgen. Peter May erzählt sehr ausgiebig das Leben auf der Insel, als die Helden noch junge Leute waren, die sich im Aufbruch befanden und jetzt, in der Gegenwart, als gealterte Menschen zurückblicken und betrachten, was ihnen davon geblieben ist. May versteht es, die Handlungsstränge gut zu verknüpfen und passende Stimmung aufzubauen, die er bis zum Ende aufrechterhält. Ab der Hälfte des Buches wird das Tempo angezogen und man wundert sich, dass man nach dem Beenden des Textes keine Torfreste an den eigenen Schuhen vorfindet…

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Zoë Beck: „Die Lieferantin“

Zoe Beck Die Lieferantin Suhrkamp
Auf dem Bild ist nur Zucker!

Alles nur noch per Klick bestellen, schnell, bequem und einfach. Der Drogenverkauf wird von der Straße verdrängt und bekommt wie alle Händler starke Konkurrenz aus dem Internet. Der Roman spielt in der nahen Zukunft in London und man klebt als Leser förmlich an den Seiten. Wenn Drogen, dann bitte solche Bücher, wie dieses. Doch ist der Roman keine Flucht vor der Realität, sondern schildert eine solche mögliche, die einhergeht mit den politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen Englands nach dem Brexit.

Eine Gemeinschaft von Schulfreunden aus einem Stadtteil bildet den Kern dieser spannenden Geschichte. Leigh hat den Pub von seinen Eltern übernommen und ihn der Veränderung des Umfelds angepasst. Die Bewohner des damaligen Arbeiterviertels verlangen nach besserem, gehobenen Essen, das dennoch das Bodenständige verspricht. So konnte er Stück für Stück ein gefragtes Restaurant aufbauen. Doch nagt in ihm eine Geschichte aus der Vergangenheit. Ein sehr guter Freund, der mal seine Hilfe benötigt hatte, kommt durch Drogen ums Leben. Doch hat Leigh noch Kontakt zu dessen Schwester, Elliot Johnson, die zum Glück nichts mit Drogen zu tun hat…

Eines Tages bekommt Leigh Besuch von einem Schutzgelderpresser. Längere Zeit muss er dessen Forderungen Folge leisten, doch durch die wirtschaftliche Situation gerät seine Gastronomie in Schwierigkeiten und die erpresste Summe würde das Restaurant in die Pleite treiben. Leigh wehrt sich, greift zur Waffe und lässt die Leiche des Erpressers im Umbau der Küche verschwinden. Doch das Verschwinden des Schutzgelderpressers stößt den ersten Dominostein der kommenden Verkettungen an. Der Tote, der lediglich von seinen Bossen vermisst wird, war im Auftrag einer größeren Organisation unterwegs. Diese vermuten, da sie in seiner Wohnung viel Bargeld gefunden haben, dass er zur neuen, großen Konkurrenz übergelaufen sein könnte. Die Drogenmafia ist in jeweiligen Bezirken organisiert und die Grenzen sind genau ausgehandelt. Doch neuerdings gibt es einen neuen Mitspieler. Jemand, der sehr gute Qualität in geringer Auswahl in London ausliefert. Als Kunde im Darknet kann man sich den Stoff schnell per Drohne liefern lassen. Die erste Spur, die die Unterwelt aufnimmt, um den Verbleib des Schutzgelderpressers zu ermitteln, führt zu einem Drogenhändler im Hafen, der anscheinend alle aus der Unterwelt beliefert. Auch das neue Start-up mit den Drohnen war sein Kunde. Doch der Großhändler schweigt und überlebt das Verhör nicht. Jetzt gerät die ganze Unterwelt in Aufruhr, denn ein toter Drogenhändler, der in der Themse gefunden wird, sorgt für Unruhe. Hat er eventuell auch für die Polizei gearbeitet?

Das neue Netz, das Londons Kunden aus der Luft bedient, basiert auf Menschen, die nichts voneinander wissen sondern lediglich die Drohnen bepacken und starten lassen. Die Kunden bestellen mit einer App und mit letzter Bestätigung des Standorts und der Sichtbarkeit der Drohne, wird die Drogenlieferung fallen gelassen. Doch haben Drohnen noch mehr Technologien zu bieten. Unter anderen filmen sie jede Übergabe. Hinter dem Unternehmen steht Elliot Johnson, die sich einsetzen möchte für die Legalisation der Drogen. Jeder erwachsene Mensch solle ihrer Meinung nach frei mit seinem Körper und Geist machen dürfen, was immer ihm beliebt. Unterstützt wird sie von einer Anwältin, die von dem Unternehmen „Die Lieferantin“ ebenfalls profitiert. Doch alles spitzt sich zu, denn durch das Verschwinden des Erpressers und den Mord an der Themse fühlt sich nun jeder bedroht. Auch Elliot weiß, dass sie in höchster Gefahr schwebt, denn die Unterwelt möchte sie tot sehen…

In dem Roman, der in der verlängerten Gegenwart spielt, d.h. der Brexit ist vollzogen und England befindet sich im Umbruch, breiten sich Unruhen auf den Straßen aus. Rechtsdruck und Fremdenhass nehmen zu und mittendrin entflammt ein Kampf im Drogenmilieu. Doch die Gegner sind mächtig und lauern überall…

Zoë Beck ist Autorin, Übersetzerin, Synchonregisseurin für Film und Fernsehen. Neben ihrer schreibenden Tätigkeit ist sie auch Verlegerin und zählt zu den wichtigen Krimiautorinnen Deutschlands, die bereits mit vielen Preisen geehrt wurde. Ihr Interesse gilt stets den gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen und sie erhebt ihre Stimme gegen Ungerechtigkeit und Gewalt. Es lohnt sich, ihrer Stimme zu lauschen und sich durch ihre Romane großartig unterhalten zu lassen. „Die Lieferantin“ ist ein fesselnder, sehr klug unterhaltender Krimi, der zeigt, mit welchem guten Handwerk Zoë Beck es versteht, uns Leser sofort abzuholen und an das Buch zu fesseln.

Siehe auch:

Zoë Beck spricht über ihren Krimi »Die Lieferantin«

Der Drogendeal: »Anonym, sicher, perfekt organisiert.« Zoë Beck: »Die Lieferantin« (Buchtrailer)

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Simon Strauß: „Sieben Nächte“

Simon Strauss Sieben Nächte Blumenbar Aufbau

Ein Roman, der von einem jungen Mann handelt, der Angst hat. Angst plötzlich erwachsen zu werden, ohne etwas gemerkt zu haben. Der Erzähler, oder der Autor selbst, lebt in einer wohligen Gesellschaft und geht auf die 30 zu. Diese Zahl empfindet er als Schwelle, als Übergang zu wesentlichen Entschlüssen zur Berufswahl, Hochzeit, Urlaubsort und den üblichen Entscheidungen, die mit dem Reifeprozess einhergehen. Er empfindet sich als lustlos geworden und das macht ihm am meisten Angst. Nicht mehr zu wollen als das, was man hat. In der Schulzeit noch sympathiesüchtiger Streber, der sagt, was Lehrer und Professoren hören möchten. Doch mit jeder weiteren Prüfung, mit jeder bestätigten Meinung schleicht sich die Lustlosigkeit und Angst in sein Gemüt. Der Protagonist hat den Wunsch nach Wirklichkeit. Nicht nur nach Verwirklichung, sondern er möchte weg vom jugendlichen Zynismus, der meist aus Unsicherheit geboren wird.

Ihm fehlt es an Feuer, an Leidenschaft für etwas. Bücher sind Platzhalter in der leeren, modernen Architektur geworden. Das Gelesene und das Gedachte wurden ja bereits erdacht und zu Papier gebracht. Ein Gefühl der stagnierten Routine wird durch ein nachgekautes Wissen oder eine übliche Gleichgültigkeit bestärkt. Er stammt aus einer Generation, die heimlich ihre Namen in die Bücher ihrer Väter schreiben. Ein dezenter Hinweis auf die Familie des Autors, denn sein Vater ist Botho Strauß.

So lesen wir ein Büchlein über die Sehnsüchte eines Mannes, der durch eine Reifeprüfung geschickt wird. Denn er hat ein Angebot von einem Bekannten bekommen. Einer, der nur am Ende des Buches zu Wort kommt und Simon Strauss persönlich anschreibt. Sie schließen einen Pakt. Der Andere kennt das Gefühl des Ungenügens, das dem Helden innewohnt und jagt ihn durch sieben Nächte. Jener Bekannte wird sich einfach bei ihm melden. An sieben Abenden, immer um sieben Uhr würde sich der Freund melden und ihn auf Streifzüge durch die Stadt schicken. Er soll Sünde begehen. Jeweils einer der sieben Todsünden soll er sich stellen und bis zum Morgengrauen, spätestens sieben Uhr, das erlebte auf sieben Seiten festgehalten haben.

Die Reise beginnt mit einem Bungeesprung von einem Hochhaus, denn der Hochmut kommt vor dem Fall, oder danach? Seine Hochmütigkeit wird ihm bewusst, als er das Ende vor Augen hat. Dann kommt die Fleischeslust, die Gula, und er gibt sich ganz der Völlerei hin und später der Trägheit und der Faulheit. Auf der Pferderennbahn erlebt er die Habgier. Er empfindet nicht das Verlieren als Schlimmstes, sondern den Gewinn der anderen. So erlebt der Protagonist Nacht für Nacht eine andere Regung, die als Todsünde gilt. Er empfindet den Neid in der Bibliothek und die Wollust auf einem dekadenten Maskenball. Erst nach dem Jähzorn meldet sich der Bekannte zurück und die Streifzüge durch die Emotionen werden für den Helden eine Reifeprüfung, die ihn vor der belanglosen Reife schützt. Ein letztes Aufbäumen der jugendlichen Regungen bevor der erwachsene Alltag kommt?

Was wir hier lesen ist ein Text, der sich gegen das Mitlaufen, das emotionslose Leben aufbäumt. Er soll uns anregen und unsere Herzen öffnen, damit wir Mut gegen die Angst finden. Es ist ein Buch voller Leidenschaft, das sich nicht so einfach weglesen lässt, sondern den Leser erreichen will und wird.

Siehe auch Leseschatz-TV: Simon Strauss & Henning Schöttke

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Ralf Günther: „Die Badende von Moritzburg“

Durch die Industrialisierung und die Bildung der Metropolen des neunzehnten Jahrhunderts entstand eine Sehnsucht zur Natürlichkeit. Vorweg gab es eine Entwöhnung, eine Entfremdung von der Natur. Die beengten Lebensbedingungen weckten das Verlangen nach natürlichen Erfahrungen in der unberührten Natur und nach Natürlichkeit. Besonders die Zeiten des Biedermeiers waren geprägt von engen Konventionen. Das allgemeine Zusammenleben war streng reglementiert, besonders was Kleidung, Sitten und Moral betraf. So kristallisierte sich langsam ein Gespür heraus für die Natürlichkeit. Viele Philosophen und Künstler wurden sich des Unnatürlichen im Lebensumfeld bewusst. Hiermit spielt die Novelle von Ralf Günther, mit dem Wechsel zwischen engem, stickigem Stadttreiben und der offenen Natürlichkeit. Wir werden in der sogenannten Sommernovelle Zeuge vom Ablegen des gesellschaftlichen Korsetts.

Die Protagonistin, Clara Schimmelpfenninck, leidet seit dem Tod ihrer Mutter an Atemnot. Sie hat regelmäßig Anfälle und Schübe von beklemmenden Leiden. 1910 befindet sie sich in einem Sanatorium und nach wenigen Wochen Aufenthalt ist ihre hysterische Atemnot gemindert. Die Pflege mit viel Luft und veganer Ernährung lässt sie symptomfrei werden. Ihr behandelnder Arzt benötigt selbst eine Kur und ein junger Vertretungsarzt, Dr. Brandstetter, nimmt sich der Patienten an. Da Claras Hauptproblem die Langeweile ist, lässt sie sich auf eine ungewöhnliche, anscheinend moderne Therapie, die auf einen Mann namens Freud zurückgreift, ein. Nach kurzer Auffassung scheint der Mediziner eine Diagnose parat zu haben, die dem Verlust der Mutter, dem frühen Erwachsenwerden und den gesellschaftlichen Regeln geschuldet ist. So ist besonders die Kleidung, das Korsett, zwangsläufig mit Schuld am körperlichen Leid. Ohne die Schicklichkeit und den Anstand zu verletzen, möchte er die Therapie für Clara räumlich verlagern. Das Städtchen Moritzburg ist zwei Stunden entfernt und würde der Heilung durch die Lage förderlicher sein. Sie willigt ein, da es um ihre Gesundheit geht, aber auch, weil sie weiterhin unter Langeweile leidet und sie lediglich als Patient und Arzt zusammen reisen.

Nach der qualmenden Zugfahrt kommen sie an und während Dr. Brandstetter bereits die Pension „Sorgenlos“ bezieht, macht Clara bei einem Spaziergang in der Natur Bekanntschaft mit nackten Mitgliedern der Künstlergruppe „Die Brücke“. Ohne Korsett und in der Natur kann Clara gänzlich durchatmen und verbringt Zeit mit Kirchner, Pechstein und Heckel.

Eine leichte, wirklich sommerliche Lektüre, die nicht nur Clara befreien kann. Kunst als Bild der Befreiung, als Ablegen der einengenden Kleidung, die der Mode der Zeit entspringt. Die Metapher des Buches spannt den Bogen vom atemraubenden Korsett zur befreiten Nacktheit – sei es körperlich oder seelisch betrachtet. Die Novelle ist sehr unterhaltsam und dicht erzählt. Man liest sich sehr schnell ein und befindet sich zügig in der Vergangenheit und somit in der Handlung, d.h. dem gesellschaftlichen Gemälde, das Ralf Günther sprachlich gemalt hat.

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