Archiv der Kategorie: Erlesenes

Klaus Böldl: „Der Atem der Vögel“

Klaus Böldl Der Atem der Vögel Fischer

Ein Roman, der ohne viel Handlung auskommt. Das, was das Buch ausmacht, sind das Schauen, die Sicht auf die Natur und der Blick ins Innere, in eine einsame Seele. Die ruhige Klarheit und stille Weite des Nordens steht der beständigen inneren, unklaren Gedankenflut entgegen. Die Stille als Einkehr und das Verlieren in der Natur werden durch die leise entschleunigte Naturlyrik von Klaus Böldl in jedem Satz verdeutlicht. Was das Lesen ausmacht, ist die Stille, die sich im Leser einnistet und die Natur wird das Sinnbild des Seienden, in dem wir uns auflösen.

„Seltsam, dass Plätze genauso vernachlässigt und übersehen werden können wie Menschen!“

Der Protagonist, Philipp, ist jemand, der sich als ungesehen empfindet. Dabei sind seine Sinne, besonders sein Blick auf das Umfeld geschärft. Er nimmt alles auf und reflektiert es. Er wird niemals das Gefühl los, sich in seiner neuen Heimat nur vorübergehend aufzuhalten. Er ist ein Gast, der sich in ein Nest gesetzt hat und sich durch die Liebe zur Natur damit abgefunden hat, dass man ihn wohl für abkömmlich hält. Er und Johanna, bei der er lebt, entfremden sich immer mehr, ohne dass einer von beiden ein Wort darüber verliert.

Philipp lebte in Hamburg, als ihm das Nationalmuseum einen Werkvertrag für die Restaurierung eines Chorgestühls aus dem Mittelalter anbietet und er auf die überschaubare Inselwelt der Färöer Inseln zieht. Sein Eremitenleben bekommt durch Johanna eine Unterbrechung. Johanna arbeitet in einem Krankenhaus und hat aus einer vorherigen Beziehung eine Tochter, Rannvá. Zu der findet Philipp einen besonderen, stillen Zugang. Denn Rannvá ist ein genügsames Kind und kann sich allein sehr gut beschäftigen. Sie begleitet ihn auch oft bei seinen Spaziergängen in der Ortschaft und in der Natur. Seine Sinne sind ständig mit der Wahrnehmung beschäftigt. Er nimmt alles in sich auf, die Klänge, die Farben und die Gerüche der Umgebung. Er beobachtet die Menschen, die Natur und besonders die Tiere, wobei es immer wieder die Vögel sind, die seine Blicke auf sich ziehen. Er ist ein Einzelgänger, der mit seinen Erinnerungen, seinem Verdrängten und seinen beständigen Gedanken beschäftigt ist. Besonders als Johanna und Rannvá nach Dänemark zu der Familie reisen und er nun wirklich alleine ist.

Im Gegensatz zu seinen Mitmenschen, die die Welt als etwas Angepasstes ansehen, ist die Welt nicht auf Philipp zugeschnitten. Er ist es gewohnt, ein Einzelgänger zu sein. Philipp ist jemand, dem alles auffällt, der aber selbst nicht auffällig ist. Seine Spaziergänge treiben ihn an. Seine Wege sind ohne Ziel, als würden sie ins Nirgendwo verlaufen, wobei er unbewusst doch irgendwie auf der Suche ist. Das lautlose Inselleben wird in der Idylle gestört, als eine Frau ertrunken im Hafenbecken gefunden wird, die Philipp kurz zuvor am Flughafen gesehen hatte. Sein verdrängtes und nie von ihm bewusst in Augenschein genommenes Innenleben tritt zu Tage und konfrontiert ihn. Gedanken und Erinnerungen aus seinem früheren Leben, als er noch auf dem Festland lebte, erfüllen ihn erneut.

Das Buch spielt mit dem Innen und Außen. Der Charme des Romans liegt in der Sprache und der Beschreibung der Natur. Wer eine handlungsstarke Lektüre sucht, wird nicht fündig, das Buch lebt von der Stille und den Landschaftsbeschreibungen des Nordens.

Der Autor lehrt mittelalterliche skandinavische Literatur an der Universität hier bei uns in Kiel. Seine Liebe zum Norden und zu der Sprache macht er in jeder Zeile erlebbar.

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Annie Proulx: „Aus hartem Holz“

Annie Proulx Aus Hartem Holz Luchterhand

Tian Ren He Yi  天人合一. Das chinesische Sprichwort bezieht sich auf die Harmonie zwischen Mensch und Natur und ist das zentrale Thema des neuen und umfangreichen Werkes von Annie Proulx, der Autorin, die fast schon Kultstatus besitzt. Doch macht der Mensch mal wieder eine Disharmonie daraus.

Annie Proulx versteht es erneut, mit bodenständiger und poetischer Sprache fremde Menschen in unnahbaren Landschaften im Leser zu verankern und lebendig werden zu lassen. Ihre vielfach ausgezeichneten Romane und Erzählungen (u.a. „Schiffsmeldungen“ und „Brokeback Mountain“) wurden oft erfolgreich verfilmt. Zehn Jahre mussten ihre Leser nun auf neuen Lesestoff von ihr warten. Die Zeit hat sie bei der Fülle des komplexen Werkes für vielschichtige Recherche und wohl für das Schreiben genutzt. Vom Umfang erinnert es an ihr für mich bleibendes Werk: „Das grüne Akkordeon“. Hier erzählt Proulx die Geschichte Amerikas anhand einer 100 jährigen Odyssee eines Akkordeons, das in Sizilien geschaffen den Weg der Auswanderer nimmt und diese begleitet. Ähnlich beginnt „Aus hartem Holz“. Es sind diesmal französische Siedler, die in den Wäldern Kanadas, d.h. Neufrankreich, ihr Glück suchen. Es folgt ein monumentales Werk über den Kampf zwischen Mensch und Natur. Durch die unendlich wirkende Natur und die undurchdringliche Wildnis werden Siedler nach Neufrankreich gelockt. Die vermeintlich nachwachsenden Rohstoffe werden abgeholzt, beseitigt, gejagt und in eigenen Reichtum umgewandelt. Es werden per Gesetz diejenigen Landbesitzer, die die wilde Natur bändigen und das Feld bestellen. Die Ureinwohner, die in Harmonie mit ihrem Land und den Naturgeistern leben, bekommen von den neuen Landbesitzern keine Rechte zugesprochen. Auch einige Missionare versuchen die Lebensgewohnheiten der Indianer an die eigenen anzupassen. Die Natur dient und nutzt den Menschen und es sei klüger, die Bäume zu fällen, Holz zu verarbeiten und die Felder für den Anbau von Getreide zu nutzen. Aus der Sicht der ansiedelnden Franzosen sind die Ureinwohner faul, weil sie die Erde nicht bearbeiten wollen. Der Roman schildert diese Ausrottung der Ureinwohner, den Bürgerkrieg und die Ausnutzung und wahnhafte Abholzung der Urwälder. Das Umdenken, das Erwachen von Naturschutz beginnt erst in den letzten Jahren. Das Buch beginnt 1693 und spannt den Bogen bis 2013.

Der Roman beginnt mit zwei Franzosen, die in Neufrankreich ankommen und über die Fülle der natürlichen Gaben staunen. Erst viele Jahre später wird das Land Kanada, nach einem indianischen Begriff, umbenannt. René Sel und Charles Duquet sind Holzarbeiter und suchen ihr Glück auf dem neuen Kontinent. Sie verpflichten sich einem Lehnsherrn und hoffen auf das versprochene Land, das ihnen nach drei Jahren Arbeit zugesprochen werden soll. Ihre harte Arbeit besteht hauptsächlich aus Holzfällen. Der Lehnsherr zeigt sich als skrupellos und unehrenhaft. Charles hält es dort nicht länger aus und flieht und bricht somit seinen Vertrag. René bleibt und fordert Jahre später sein Recht auf Land ein. Sein Herr, der sich mit einer nachgereisten Frau aus Paris vermählt, begeht Ehebruch mit Mari, einer bei ihm arbeitenden Indianerin. Sie und ihre Söhne leben unter den Weißen und sie wird nun zu einer Ehe mit René genötigt, damit der juristische Frieden wieder hergestellt wird und allen Eheverpflichtungen nachgegangen werden kann. Die Rücksichtslosigkeit der Kolonisten wird am Beispiel von Charles und seiner späteren Familie am deutlichsten erzählt. Die Familie von René und Mari fußt in den indianischen Traditionen der Mi´kmaq, während Charles nach seinem Weggang ein eigenes Handelsunternehmen gründet. Er beginnt mit dem Holz- und Fellhandel und knüpft Kontakte zu Europa und China. Er gründet in Boston, wegen der guten Lage zu diversen Routen, sein Unternehmen Duke & Sons. Seinen Namen Duquet hat er bereits abgelegt. Seine Gier springt auch auf die folgende Generation seiner Familie über. Die Nachfahren von René Sel haben es entsprechend schwerer in einer von Weißen dominierten Welt. Über 320 Jahre umspannt Proulx nun die Geschichte beider Familien. Eine Geschichte über das Verschwinden der Wälder, das Entstehen der Siedlungen, Städte und des Handelsaufkommens. Das Leben der Figuren wird anschaulich, umfangreich und für den Leser hautnah geschildert. Es sind die Entbehrungen, die Gier, Intrigen und die Rache, die sie antreiben. Erst am Ende des Buches treffen wir auf die ersten Naturschützer, die versuchen die Fauna und Flora wieder aufzubauen.

Es sind viele Figuren, die im Leser aber niemals für Verwirrung sorgen und ein umfangreiches, historisches Panorama schaffen. Ein Roman als Aufruf gegen unsere Umweltsünden. Ein Leseabenteuer, das an „Der Totgeglaubte“ von Punke, „Das Wesen der Dinge und der Liebe“ von Gilbert, „Der erste Sohn“ von Meyer oder an „Die tausend Herbste des Jacob de Zoet“ von Mitchell erinnert. Proulx Anliegen ist nicht zu überlesen, steht es stets im Vordergrund des Textes, doch ist dies auch die kleine Schwäche, denn dies ist zu sehr gehäuft dargestellt. Aber es ist es ein großes Werk, das umfangreich recherchiert und mit der von der Autorin bekannten Genauigkeit geschrieben wurde. Als Leser versinkt man schnell in dem länderumfassenden Epos und geht mal wieder ein Stück erfahrener hervor. Die Weissagung der Cree ruft aus jeden Seiten heraus. Ein Roman über den Menschen und die Natur. Die Natur, die wir Menschen zu unseren Gunsten verwandelten und erst jetzt merken, dass wir es sind, die die Natur zum Überleben brauchen.

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Haruki Murakami: „Birthday Girl“

Haruki Murakami Birthday Girl Dumont

„Ein Mensch wird nie mehr als er ist.“

Ein neues Kunstwerk von Haruki Murakami und Kat Menschik. Auch wenn sich das Umfeld verändert, wir von unseren Wünschen und Hoffnungen an das Leben getrieben werden, bleiben wir doch immer der Mensch, der wir sind. Wenn man ein gewisses Alter erreicht hat und auf sein Leben zurückblickt und sich fragt, was man für Wünsche hatte, als man zum Beispiel zwanzig Jahre alt war und diese auf sich im Jetzt bezieht, haben diese noch eine Gültigkeit? Kann man überhaupt noch in sein junges Ich schlüpfen und diese Wünsche, sei es auch nur einer, richtig formulieren?

Die Erzählung von Haruki Murakami, die kunstvoll von Kat Menschik illustriert wurde, erzählt von einer Kellnerin, die ihren zwanzigsten Geburtstag feiert. Aber eigentlich ist es keine Feier, sondern ein Tag wie jeder andere. Eine Kollegin wollte für Sie einspringen, doch ist diese krank geworden. Sie arbeitet in einem italienischen Restaurant, dessen Geschäftsführer jeden Abend um punkt acht Uhr dem Inhaber sein Abendessen, bestehend aus einem Hühnergericht, nach oben auf sein Zimmer bringt. Genau an diesem Tag, am zwanzigsten Geburtstag der Kellnerin, bekommt der Geschäftsführer Magenprobleme und sie soll am Abend das Essen nach oben bringen.  Den Inhaber hat bisher keiner gesehen. Nur der Geschäftsführer verweilt täglich bei ihm während der Essensübergabe. So kommt heute die junge Kellnerin doch zu ihrem Geburtstagsgeschenk. Denn der ältere, edle Herr, der ihr aufmacht, empfängt sie freundlich. Dieser geheimnisvolle alte Mann (in der Illustration ist es Murakami selbst)  verspricht ihr, ihr einen Wunsch zu gewähren. Egal was sie sich wünscht. Er wird es möglich machen. Sie hat aber nur einen Wunsch frei und dieser ist, sobald er ausgesprochen wurde, nicht umzutauschen oder zurückzunehmen. Ihre Antwort überrascht ihn sehr, aber er erfüllt ihr diesen…

Murakamis Sprache ist bildreich, kraftvoll und schlicht.  Er versteht es, in dieser kurzen Erzählung einen bunten Strauß an Emotionen, Verbundenheit und Tiefe entstehen zu lassen, die den Leser rüttelt und innehalten lässt. Der eigentliche Erzähler, der selten auftaucht, stellt sich selbst die Frage, was jener Wunsch war und man geht mit ihm zurück in die eigene Vergangenheit und fragt sich nach dem persönlichen Wunsch, den man als zwanzigjähriger geäußert hätte. Der Geburtstag als Fest der Freude, der Wünsche und Geschenke. Wie viele Geburtstage sind es, die einen wirklich verändern? Mehr als einer? Sind es alle Geburtstage oder ist es eventuell keiner?

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Nona Fernández: „Die Straße zum 10. Juli“

Nona Fernández Die Strasse zum 10. Juli Septime Verlag

Alles beginnt mit einem wiedergefundenen Zeitungsartikel. Juan und Greta kennen sich, seitdem sie Schüler waren. Sie wuchsen während der Pinochet-Diktatur in Chile auf und waren davon als Jugendliche betroffen, da sich auch das Schulsystem im Umbruch befand. Beide gehörten einer Gruppe linker Jugendlicher an, die damals das Gymnasium besetzten und auf dem Dach der Schule rebellierten. Diese kleine Revolution wurde seitens der Polizei aufgehoben und sie wurden länger festgehalten und verhört. Nicht alle wurden daraufhin wieder den Eltern übergeben. Das Verschwinden ist das Hauptthema dieses spannenden, literarischen Romans von Nona Fernández, der im chilenisch-spanischen Original aus dem Jahr 2007 stammt und erst jetzt in deutscher Übersetzung vorliegt.

Der Roman spielt mit wechselnden Perspektiven und Ansichten. Wir lernen am Anfang Juan kennen, der mit Maite verheiratet ist. Maite will keine Kinder, da sie fürchtet nach dem Mutterschutz durch eine Finte ihres Arbeitgebers entlassen zu werden. Eines Tages bricht Juan aus seiner arbeitsintensiven Welt aus. Er ist dem Stress nicht mehr gewachsen und tritt im wahrsten Sinne auf die Bremse und verlässt das Alltägliche. Maite verlässt ihn daraufhin und Juan versinkt in seiner depressiven Welt. Ihm bleibt lediglich sein Hund, Dalí, der ihn besser zu verstehen scheint als viele aus seinem Umfeld. Das Wohnviertel, in dem Juan lebt, wird geräumt, da dort ein Einkaufszentrum entstehen soll. Der Bauherr, Lobos, setzt Juan mehrfach unter Druck, ebenfalls sein Haus zu verkaufen. Doch in Juan wird jener Rebell der vergangenen Tage wach. Die Erinnerung an seine Vergangenheit wird durch einen alten Zeitungsartikel wachgerufen. Ferner tritt Carmen in sein Leben, die ihm Versicherungen verkaufen möchte. Sie weiß von Lobos Machenschaften und kennt auch den Termin der anrückenden Baumaschinen. Ebenfalls sind in ihrer Kundenkartei Maite und Greta.

Gretas Familie wurde ebenfalls auseinandergerissen. Durch einen tragischen Schulbusunfall kam ihre Tochter ums Leben. Sie und ihr Mann konnten den Verlust ihres Kindes nicht verkraften und trennten sich. Der Mann, der sich mit Alkohol betäubte, ist in der Gegenwart der Geschichte mit Maite zusammen und somit schließt sich einer der Kreise. Gleich Juan versinkt Greta in eine depressive Haltung und ist ständig auf der Suche nach Antworten. Sie verweigert sich dem sozialen Leben und beginnt, gegen das Vergessen anzugehen. Immer wieder geht sie zum Ersatzteilkönig in der „Straße zum 10. Juli“. Sie hat einen alten, defekten Schulbus erstanden, für den sie nun passende Ersatzteile sucht, um ihn wieder fahrtüchtig zu machen und fast originalgetreu nachzubauen. Durch Carmen, die Versicherungsagentin, hört sie nach Jahren wieder von ihrer Jugendliebe Juan. Nun hat ihre rastlose Suche ein neues Ziel, denn Juan ist plötzlich verschwunden. Zuletzt hat man ihn bei ihrer alten Schule gesehen, die nun ebenfalls abgerissen werden soll. Greta beginnt, ihn zu suchen und es zieht sie in sein Haus, das weiterhin als einziges Gebäude den Abrissplänen trotzt. Ihre Suche wird auch ein Erinnern an die damalige Zeit, als ihre Freunde Leo und Negro nie aus dem Polizeigewahrsam wiedergekehrt sind. Sie findet Juans Recherche über die Colonia Dignidad. Ist er deswegen verschwunden? Haben die wirtschaftlichen Interessen, vertreten durch Lobos, mit seinem Verschwinden zu tun? Maite, die von Gretas Exmann schwanger ist, taucht dann auch noch plötzlich auf. Hat sich Juan in seiner Depression selbst etwas angetan? Schafft es Greta, Juan zu finden oder können sie Kontakt zueinander herstellen?

Im Buch geht es um viel: die chilenische Geschichte, die Verbrechen der Vergangenheit und wirtschaftliche Korruptheit. Das Buch mahnt gegen das Vergessen und zeigt besonders seine Stärke in der Schilderung der verschwundenen und missbrauchten Kinder während der Diktatur. Alles im Buch ist miteinander verwoben und bezieht sich auf einander. Es gibt kein Einzelschicksal, das sich von der Handlung der Anderen oder von der Vergangenheit befreien konnte. Auch die Toten spielen bei Nona Fernández immer wieder eine Rolle…

Der Roman wird besonders lebendig durch die wechselnden Perspektiven und entfaltetet dadurch seinen ganzen Spannungsbogen, der bis zum Ende gehalten wird und man fiebert bis zum Ende mit, was tatsächlich mit Juan geschehen ist.

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Iris Wolff: „So tun, als ob es regnet“

Wolff So tun als ob es regnet otto müller verlag

Ein Roman, der in vier Erzählungen Momente im Leben der Protagonisten festhält, in denen die Autorin der Frage nachgeht, was den Einzelnen bezogen auf die Geschichte der familiären Vergangenheit prägt. Gibt es eine Freiheit, ein Losgelöstsein von der Geschichte? Haben wir einen freien Willen? Es treten Dinge und Verhaltensmuster in unser Leben, die zu unserem Charakter gehören, ohne dass wir eine Kenntnis davon haben, woher diese stammen.

Es sind keine unabhängigen Erzählungen, sondern über vier Generationen und vier Ländergrenzen erzählt Iris Wolff über außergewöhnliche Momente, die durch die gemeinsamen Figuren und deren Kinder zusammenfinden. Der Roman beginnt im Ersten Weltkrieg in Rumänien, endet auf den Kanarischen Inseln und umspannt dabei das zwanzigste Jahrhundert.

Jacob, ein österreichischer Soldat, ist mit seiner Truppe im Zug. Sie sind unterwegs zu einem neuen Einsatzort und sie mutmaßen, wohin ihr Transport geht und es wird Budapest gemunkelt. Doch der Zug fährt weiter und Jacob kommt in ein kleines Karpatendorf. Er steht dem Einsatz misstrauisch gegenüber und erkennt im Feind den Menschen, der doch dieselben Bücher liest. Dies lässt ihn auch zum Lebensretter werden, d.h. in einem bestimmen Moment tötet er nicht. Er wird bei einer Bauernfamilie einquartiert, die ihn mehr oder weniger gastfreundlich aufnehmen. Es entsteht eine Bindung zwischen der jüngsten Tochter, der Frau des Hofes und ihm. Bevor seine Truppe weiterzieht, kommt die Frau in der letzten Nacht in sein Bett und erwartet, nachdem er in den Wirren des Krieges untergeht, ein Kind von ihm. Dieses Kind, Henriette, gesellt sich als junge Frau gerne zu den Schlaflosen, die sich nachts im Garten von Elmér treffen. Henriette ist eine starke Frau, die ihren Weg gehen wird. Ihre Schwester hat nicht so viel Glück und wird nach dem Zweiten Weltkrieg nach Russland verschleppt. Henriettes Sohn, Vicco, taucht in der dritten Geschichte als Motorradfahrer auf, der seinen Tod vor Augen hat und befürchtet, die Übertragung der Mondlandung zu verpassen. Immer wenn Vicco über etwas nachdenken möchte, besteigt er sein Motorrad. Hedda, seine Tochter, bewundert ihre Großmutter Henriette, von der sie auch einen Ring erbt, den Henriette vor langer Zeit selbst geschenkt bekommen hatte. Hedda beobachtet auf den Kanaren ein Fischerboot, das mit einem Paar die Hafenmole verlässt und tags darauf vermisst wird.

Das Buch ist Länder und Zeiten umspannend und lehrt, dass nicht unbedingt die Hauptfiguren immer die wichtigen sind. All jene, die in Romanen wie nebenbei erwähnt werden, gehören ebenfalls nicht vergessen. Man taucht ein in eine literarische Welt, in der sich die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit aufheben. Die Geschichte und die jeweilige Politik bleiben im Buch die eigentlichen Nebenfiguren, denn es sind die Charaktere, die stets im Vordergrund stehen. Besonders Henriette bekommt durch die drei Geschichten, in denen sie auftaucht, eine bleibende Tiefe. Ein Roman, der durch Kleinigkeiten groß wird und im zarten, poetischen Ton die Individualität hervorhebt. Das Verständnis einer Gesellschaft aufgezeigt in persönlichen Ereignissen. Das Buch lässt uns Leser eintauchen, wegträumen und den tatsächlichen Augenblick vergessen. Dieses körperlich anwesend sein und doch mit seinen Gedanken ganz aus der Zeit und dem Raum zu gehen, nennt Henriettes Mutter „So tun als ob es regnet.“

Die ganze Aufmachung des Buches überzeugt. Gestaltung und Inhalt sind trefflich abgestimmt. Ein tiefgründiger, kurzweiliger Roman, der sprachlich schön geschrieben ist. Ein atmosphärisches, wunderschönes Buch, das sich immer mehr im Leser entfaltet.

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Yavuz Ekinci: „Der Tag, an dem ein Mann vom Berg Amar kam“

Ekinci Der Tag an dem ein Mann vom Berg Amar kam Kunstmann Verlag

Eine märchenhafte Parabel, die als Tierfabel beginnt und endet. Das Leben im vermeintlichen Idyll wird durch eine von oben kommende Bedrohung im Fluchtinstinkt gelebt. Am Anfang der Erzählung fliegt ein Adler über die Landschaft. Mit vorgerecktem Haupt beobachtet er das Getier auf Erden. Die Landschaft, auf die der Jäger seinen Schatten wirft, besteht aus sattem Grün, sonnenerhitztem Gestein und verdorrten Gräsern und Geäst. Am Ende des kleinen poetischen Romans streift das Getier über verbranntes und rauchendes Land.

Wie eine Fabel beginnt der Text und wechselt zwischen zauberhaftem Märchen und aufrüttelnden aktuellen Geschehnissen. Es ist die Geschichte eines kurdischen Dorfes am Fuße des Berges Amar. Das Walnusstal, ein Ort voller Märchen, Mythen und Geheimnissen. Viele hatten der Legende nach versucht das Tal zu bezwingen. Alle, seien es Propheten, Krieger oder sogar Könige, sind daran gescheitert das Tal zu betreten. Lediglich die Liebenden Amar und Sara wurden nach ihrer Flucht vom Tal aufgenommen.

Wir lernen die Menschen des Dorfes am Rande der Welt kennen, die bei der Feldarbeit tätig sind, Tiere schlachten und Fußball spielen. Der Blick der Alten ist stets auf den Berg gerichtet, während die Kinder spielen oder sich Westernfilme ansehen. Neben dem brutalen Töten einer Ziege wird dem Leser durch die Augen der Kinder bewusst, dass auf diese Menschen etwas Bedrohliches wartet. Denn die Kinder befeuern die Cowboys beim Töten der Indianer. Das anfängliche Bild der Bedrohung in der Welt der Tiere lässt sich nun auf das Kommende im Reich der Menschen anwenden. Eine Bedrohung von oben wird erwartet. Alle, besonders die Alten, warten auf jene, die vom Berg herabsteigen werden, um sie zu vernichten. Gleich am Anfang, nach einem Besuch bei den Ahnen, rettet ein Mann Küken, deren Nest vom Baum gefallen war und errichtet den Vögeln wieder ein Heim. Als er das Nest in die Gabelung legt, sieht er einen Mann, der vom Berg Amar ins Dorf gelaufen kommt.

Die Drohung der Legende, dass sie, die Übermächtigen, über den Berg Amar kommen werden, scheint sich zu bewahrheiten. Denn es hieß schon immer, eines Tages werden sie kommen und nichts wird dann mehr so sein wie früher.

Ein Roman, der mit der menschlichen Angst vor einer namenlosen Bedrohung spielt. Die Angst vor willkürlicher Zerstörung und Mord.

Der Text bleibt immer distanziert, aus der objektiven Sicht, und schafft somit bleibende Bilder, die sich im Leser metaphorisch festsetzen. Es ist der Wechsel zwischen dem Märchenhaften und der aktuellen Wirklichkeit unserer Welt, der begeistert. Der Stoff steht symbolhaft für das Schicksal bedrohter Menschen.

Die natürliche Schönheit und das archaische Leben mit seinem Fundus an alter Kultur, Geschichte und Mythen werden durch eine unterschwellige Gefährdung bedroht. Eine poetische und politische Erzählung. Der Autor beschreibt fast schon ungerührt und überlässt somit die Empathie dem Leser. Yavuz Ekinc beschäftigt sich in seinem Werk mit dem Leben der Kurden in der Türkei und hat bereits viele Preise für sein literarisches Schaffen erhalten.

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Michael Engler: „Geschichte vom Ende des Bewusstseins (Zakopane)“

Zakopane

„Bewusstsein vom Punkt zur Fläche, dann zur Kugel. Wenn das Bewusstsein so erweitert ist, dass es alles umfasst, was ist dann dahinter, was ist das Ende des Bewusstseins?“

Ein Roman, der schwerlich einzuordnen ist und wohl eher der experimentellen und surrealistischen Literatur zugeschrieben werden kann.

Der Kieler Autor schrieb bisher Erzählungen und Kurzgeschichten. Sein launiger Ton, den er und sein Verleger als „Probsteier Surrealismus“ bezeichnen, wird auch gerne mit Bukowski oder Burroughs verglichen. Sein jetziger Roman liest sich durch die eigenständigen Charaktere und die vielen klugen und unterhaltsamen Anspielungen auf Philosophie, Spiritualität und Literatur als ein sehr humorvolles und nachdenkliches Werk.

Das Buch ist in vier Kapitel gegliedert, die sich immer mehr von der Realität verabschieden und uns zeigen, dass diese auch ein Mythos ist. Im ersten Abschnitt lernen wir die Kinder kennen. Es sind Modest, Lisa, Sarah und Basho. Ihr Vater hat vor fünfzig Jahren die Familie verlassen und ist nach Zakopane in Polen gezogen. Seine nun erwachsenen Kinder planen zu seinem siebzigsten Geburtstag ein Wiedersehen. Sie schreiben und telefonieren miteinander, um den Überraschungsbesuch zu planen. Jeder hegt andere Gefühle zu dieser geplanten Reise und dem Vater. Wie schmerzhaft kann diese Begegnung werden? Wie lebt der Vater jetzt und ist er noch bei Bewusstsein? Ferner finden sie verstörende Texte des Vaters, die ihnen weitere Rätsel aufgeben und am Verstand des Vaters zweifeln lassen.  Ihr Vater macht sich Gedanken zu Bhagwan, d.h. Osho, Castaneda, dem Beatleismus, der Fritz-Lietz-Drüse (Poesie-Drüse) und die Entdeckung des planckschen Wirkungsquantums.

Der zweite Abschnitt ist ein kleiner Zeitstau, der bereits das Surrealistische des Kommenden in sich birgt. Der Vater, hier nur als der Mann bezeichnet, macht sich auf den Weg zu einer Party. Dieser Abschnitt liegt in der Vergangenheit der eigentlichen Handlung. Er umrundet Kiel, denn er fährt von der Probstei über den Hauptbahnhof zu einem  Hinterhof nahe der Ringstraße. Er lebt gerne in Kiel, besonders Friedrichsort hat es ihm angetan. Auf dem Fest trifft er auf seine Frau und die Kinder. Doch die Party verwandelt sich in einen Öko-Swingerclub.

Der Roman beschreibt nun weiter die Reise der Kinder zu ihrem Vater nach Polen. Sie reisen von Hamburg über Krakau nach Zakopane. Den Ort Zakopane erleben sie als Dimensionstor und die verschiedenen Schichten des Bewusstseins werden sichtbar. Es ist ein Familienroman, der gleich „Das Land des Lachens“ von Jonathan Carroll (leider vergriffen) und „Wunderlich fährt nach Norden“ von Marion Brasch mit der Verwischung, d.h. Entrückung der Realität und dem Bewusstsein spielt. Auch klingt, besonders gegen Ende, ein kleiner Windhauch „Sofies Welt“ von Jostein Gaarder durch die Zeilen.

Literatur, Poesie, Spiritualität und Philosophie schaffen Bewusstsein und sind die Architektur unserer Phantasie.

„Der unendliche Raum zwischen der Null und der Eins birgt Milliarden von Unendlichkeiten.“

Das Buch gibt es bei uns in der Buchhandlung Almut Schmidt oder beim Peter Rathke Verlag

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Max Annas: „Illegal“

Max Annas Illegal Rowohlt

Ein temporeicher Krimi, der von einem Asylanten handelt, der einen Mord beobachtet und nicht zur Polizei gehen kann, da er Illegal in Deutschland lebt und selbst unter Verdacht gerät.

Der Thriller handelt von Kodjo, der aus Ghana stammt und ein studierter Historiker ist. Er lebt schon seit langer Zeit in Berlin. Seit seiner Scheidung ist seine Aufenthaltsgenehmigung erloschen und er wohnt in ungenutzten Liegenschaften oder Abrissobjekten. Diese bekommt er von einer älteren Immobilienmaklerin  zugewiesen, mit der er eine Beziehung hat.  Er arbeitet als Küchenhilfe und ist ständig bemüht nicht aufzufallen.

Der Roman beginnt nachts an einer roten Ampel. Die Straßen sind unbefahren und weit und breit ist kein weiterer Mensch zu sehen. Kodjo und Saif hadern mit sich, denn es naht eine Polizeistreife. Egal, wie sie sich entscheiden, sie werden auffallen. Gehen sie über Rot, machen sie sich strafbar. Bleiben sie stehen, fallen sie auf, weil dies zu dieser Tages-, d.h. Nachtzeit an leeren Straßen sonst keiner machen würde. Saif hält es nicht aus und rennt los und es beginnt die erste Verfolgungsjagd im Roman durch die Straßen von Berlin.

Kodjo muss für einige Tage seine eigentliche Bleibe verlassen, da die Maklerin die Wohnung anderweitig benötigt. Er haust in einem Abrisshaus in Berlin-Moabit und beobachtet im Haus gegenüber einen Mord an einer Prostituierten. Die Polizei kann er nicht rufen. Er geht hinüber und wird gesehen von den Nachbarn der Toten und dem Mörder, der flieht. Kodjo kann noch ein Handyfoto vom Wagen des Täters machen, das einen Aufkleber und Teile des Kennzeichens zeigt.

Der Mord wird auch in den Medien erwähnt und Zeugen sagen aus, sie hätten einen Afrikaner gesehen. Jetzt ist Kodjo nicht nur ein Illegaler Zeuge des Mordes, sondern steht selbst unter Verdacht. Seine einzige Chance sieht er darin, selbst zu ermitteln. Er beginnt nach dem Mörder zu suchen und bekommt Unterstützung von Freunden. Doch muss Kodjo ganz vorsichtig vorgehen, denn er darf selbst nicht auffallen. Er findet eine Spur, doch auch der Mörder kennt ihn und beginnt zu handeln…

Kein Krimi mit typischem Personal und kein Polizist oder Detektiv, der im Roman ermittelt. Das Buch lebt von schnellen Szenen und hohem Tempo. Dies zeigt das Können des Autors, der auch als Dokumentarfilmer tätig ist. Seine vorherigen Kriminalromane haben bereits viele Auszeichnungen und Preise gewonnen. In „Die Mauer“  ließ er zuletzt einen farbigen Studenten namens Moses sich in einer Gated-Community der Weißen verirren. Annas Themen sind stets politisch und gesellschaftskritisch.

Ein actionreicher, flotter Krimi, der „Das Fenster zum Hof“ in unsere heutige Gesellschaft transportiert.

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Olga Grjasnowa: „Gott ist nicht schüchtern“

Olga Grjasnowa Gitt ist nicht schüchtern Aufbau

Ein Roman, der von den beginnenden Unruhen in Syrien, dem Krieg und der daraus resultierenden Flucht handelt. Es sind drei Schicksale, die dem Krieg und dem Schrecken entkommen wollen und als Flüchtlinge nach Berlin kommen. Der Roman liest sich wie ein Abenteuerroman und lässt nichts aus. Viele der geschilderten Schrecken und Gewaltszenen möchte man eher der literarischen Dystopie zuordnen, leider entsprechen sie aber der Realität und erinnern an die Nachrichten jener Tage.

Im Vordergrund stehen zwei Hauptcharaktere, die 2011 in Syrien sind, als der Arabische Frühling anbricht. Der Roman beginnt mit der Landung eines Flugzeugs in Damaskus. Hammoudi fliegt zurück in seine alte Heimat, um Formalitäten zu erledigen. Er hat gerade sein Medizinstudium in Paris abgeschlossen und eine Stelle als Spezialist in einer Pariser Klinik bekommen. Da sein Pass abgelaufen ist, fliegt er nach Syrien, um in Damaskus seine Papiere in Ordnung bringen zu lassen. Im Amt wird ihm jedoch seine Ausreiseerlaubnis entzogen und er muss in Syrien bleiben.  Seine Stelle in Paris wird ihm gekündigt, bevor er sie antreten konnte. Seiner Verlobten, Claire, erzählt er vorerst nichts und der Kontakt zu ihr wird immer geringer. In Damaskus begegnet er bei einer Schlüsselübergabe der anderen Hauptfigur im Roman, Amal. Sie werden sich im Roman nur noch einmal zufällig in Berlin über den Weg laufen und doch sind ihre Schicksale durch die Revolution in ihrem Land miteinander verknüpft.

Amal ist eine junge syrische Schauspielerin, die von einer Karriere beim Film träumt. Sie und ihr Freundeskreis, meist gebildete Kunstliebhaber, treffen sich oft, um zu demonstrieren. Oft werden diese Demonstrationen aufgelöst und es kommt zu vielen Verhaftungen. Auch sie wird vom Regime wahrgenommen und beobachtet, inhaftiert und verhört. Sie lernt Youssef, einen angehenden Regisseur kennen und beide kommen sich näher. Ihr friedlicher Protest wird ein Bürgerkrieg und man wird Zeuge unmenschlicher und willkürlicher Gewalt.

Hammoudi muss eine ärztliche Prüfung ablegen, damit er in Syrien praktizieren kann. Diese Prüfung besteht er nur stillschweigend mit Bestechung und bleibt als einziger Arzt in der Region bis zur Übernahme des Islamischen Staats tätig und gründet eine nicht erlaubte Hilfsorganisation nebst Lazarett. Als sein Leben auch in Gefahr gerät, bezahlt er Schleuser, die ihn mit Schlauchbooten nach Griechenland bringen sollen.

Amal flieht  mit Youssef in die Türkei und sie können sich mit einem Schauspielangebot eine weitere Passage nach Europa leisten. In Berlin laufen sie Hammoudi und Amal zufällig über den Weg. In Deutschland werden sie mit Bürokratie und Missgunst konfrontiert. Auch Amals Karriereträume werden fast ins Lächerliche gezogen.

Vieles ist im Roman berücksichtigt und die rohe Gewalt, die viele Menschen zur Flucht treibt wird bildreich dargestellt. Es gibt aber eine Figur, die mehr Beachtung findet als die anderen. Der Charakter, der am Ende die meisten Gefühlsregungen im Leser verursachen könnte, bleibt etwas zu wenig nahbar. Der Roman ist aber viel mehr als eine Aneinanderreihung von Geschehnissen und bietet Stoff zum Nachempfinden. Es ist ein Buch, das die Wahrheit schmerzhaft beleuchtet und ist voller Bilder, die das Grauen und die Massaker erlebbar machen. Es wird das syrische Leben vor und nach dem Umbruch verdeutlicht. Die Machenschaften der Schlepper, die maroden Schiffe und die fremdenfeindlichen Übergriffe auf Flüchtlingsheime in Deutschland werden nicht ausgelassen. Das Buch ist wichtig, da es uns alle angeht und wir es durch diesen Roman nachempfinden können, was es heißt, diese Schicksale erlebt zu haben.

Ein Roman, der allein durch die erzählte Geschichte funktioniert und viel Empathie weckt. Einige Figuren hätten mehr Tiefe haben dürfen, aber dies ist durch die Wichtigkeit des Stoffes und den guten Ansatz der Autorin ein winzig kleiner Kritikpunkt. Das Buch ist bis zum Ende spannend und man geht klüger aus ihm hervor. Die drei Abschnitte des Buches sind durch Karten abgesetzt, die uns aus der Region herauszoomen und im astrologischen Sternenhimmel enden. So werden wir durch den Text in eine Welt gezogen, die unsere ist, aber erst durch genaues Hinschauen und Zuhören ihr wahres, schreckliches Gesicht zeigt.

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Kent Haruf: „Unsere Seelen bei Nacht“

Kent Haruf Unsere Seelen bei Nacht Diogenes

Ein unaufgeregter Roman um die Überwindung der Einsamkeit. Zwei alte Seelen finden sich und füllen dadurch ihre Leere, die durch vergangene Verluste entstanden ist. Die Menschlichkeit und die Sehnsucht nach Nähe lassen uns die Protagonisten ans Herz wachsen und dadurch wird dies Buch etwas kleines Wertvolles. Denn die Lebensjahre des Körpers spiegeln nicht das wahre Alter der Seele.

Eines Tages im Mai in Colorado klingelt Addie Moore bei Louis Waters. Sie sind keine direkten Nachbarn, aber innerhalb der dörflichen Gemeinschaft sind sie sich bekannt. Addie fragt ziemlich direkt, ob sie nicht die Nächte miteinander verbringen möchten. Es geht ihr nicht um Sex. Nachts seien die Einsamkeit und die Gedankenmühlen am schlimmsten zu ertragen. Sie ist es leid, ständig allein zu sein. Ihr Wunsch ist es, einen sympathischen und netten Mann neben sich liegen zu wissen, zu reden, das Alleinsein zu verbannen und gemeinsam einzuschlafen. Sie schläft sehr unruhig und meint, dann besser und durchgängig schlafen zu können. Louis, selbst Witwer, hadert und fühlt sich mit dieser Anfrage überrumpelt, aber auch sehr geschmeichelt. Er mag Addie, hat sie aus der Ferne ebenfalls wahrgenommen und beobachtet. Was hat er auch groß zu verlieren?…

Er geht den Vorschlag ein und eine seiner ersten Taten ist der Gang zum Friseur. Seine ersten Besuche sind noch ganz gehemmt und er benutzt den Hintereingang mit einer blickdichten Papiertüte, in der er seine Nachtutensilien mitbringt. Addie möchte, dass Louis sich ganz normal verhält und die Vordertür benutzt. Ihr ist es egal, was Andere über sie reden. Denn dass über sie getuschelt und geredet wird, bleibt nicht aus. In der Gemeinde werden sie ein Thema und es macht sich Missgunst und Neid innerhalb der Nachbarschaft bemerkbar. Aber Addie und Louis trotzen dem und gewöhnen sich aneinander. Die Fremdheit und ihre Schüchternheit überwinden sie schnell. Sie trinkt abends gerne ein Glas Rotwein, hat ihm aber zuliebe auch Bier besorgt. Louis Zahnbürste und Pyjama wandern aus der Papiertüte gänzlich in das Haus von Addie. Als er kurzzeitig krank wird, meint sie, er hat doch noch kalte Füße bekommen, was aber lediglich nur ein kleines weiteres Missverständnis auf ihrem Weg zur innigen Freundschaft ist.

Den Argwohn innerhalb der Kleinstadt ignorieren sie weitgehend. Doch wird der Klatsch an die Tochter von Louis weitergeleitet. Das Hauptproblem entsteht aber mit den Eheproblemen von Addies Sohn. Diese führen zu einem längeren Aufenthalt des Enkels bei Addie. Der Enkel, Jamie, gewöhnt sich schnell ein und mag Louis, den neuen Freund seiner Oma. Sie verbringen einen gemeinsamen Sommer und Jamie bekommt sogar einen Hund aus dem Tierheim. Diese traute Gemeinsamkeit ist dem Sohn von Addie nicht geheuer und er zwingt Addie zu einer einschneidenden Entscheidung…

Der Roman hat eine Leichtigkeit und spielt mit einer zarten Liebe im Alter, die aus einer eher ungewöhnlichen Freundschaft wächst. Beim Lesen bekommt man den Wunsch nach mehr Einfachheit im Leben.

Kent Haruf ist 2014 verstorben und „Unsere Seele bei Nacht“ ist sein letzter Roman, dessen Verfilmung mit Jane Fonda und Robert Redford geplant ist.

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