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Karosh Taha: „Beschreibung einer Krabbenwanderung“

Karosh Taha Beschreibung einer Krabbenwanderung Dumont

Das Bild einer Krabbenwanderung verdeutlicht den Drang, die Heimat zu verlassen auf der Suche nach einem besseren Leben. Es sind nicht die Schwierigkeiten des Auswanderns, die hier im Vordergrund stehen, sondern die des Ankommens. Die blutroten Krabben machen sich vom Landesinneren auf den Weg ans Meer, um dort ihre Eier abzulegen. Diese Metapher beinhaltet den Kern des Romans und verdeutlicht gerade durch die Bewegung der Krabben, die wohl doch auch mal einen Schritt vor machen, um dann wieder zwei zurückzumachen, den Wunsch endlich anzukommen.

Dieser kraftvolle Debütroman handelt von einer kurdischen Familie, die aus dem Irak geflohen ist und in Deutschland lebt. Im Mittelpunkt steht Sanaa, eine zweiundzwanzigjährige Studentin. Sanaas Geschichte ist wohl eng mit dem Erlebten der Autorin verbunden. Karosh Taha wurde im Nordirak geboren und lebt mit ihrer Familie in Deutschland. Es ist eine Kunst, die Idee einer Geschichte in richtige Worte zu kleiden und dabei die Emotion, die hinter dem Erzählten steht, zu transportieren.  So wird man regelrecht in eine Sprache hineingezogen, die kraftvoll und den Gefühlen der Protagonistin folgend auch mal derb sein darf. Der ganze Roman lebt besonders durch sein Personal. Die Figuren sind sehr lebendig und skurril entworfen und gehen dem Leser wohl länger nicht mehr aus dem Kopf.

Im Roman tauchen immer wieder die roten Krabben auf. Mal im Traum oder in der Erinnerung. Sanaa wurde an einem Strand im Irak von einer Krabbe gezwickt. Als sie fragt, warum die Krabbe das gemacht habe, wird ihr erzählt, dass diese Krabbe wohl bei der Wanderung verlassen, d.h. vergessen wurde und sich nun unwohl fühlt und alle zwicken möchte. Die Familie ist aus dem Irak geflohen. Der Traum von Europa wuchs im Vater und durch die Schussverletzung seiner Frau machten sie sich auf den Weg und strandeten in Deutschland. Nun leben sie in einem Hochhaus in einem Stadtteil, der von vielen Kurden belebt wird. Sanaa studiert und hat einen Freund und auch noch einen Liebhaber. Sie ist immer irgendwie dazwischen. Die Mutter leidet an Depressionen und dadurch versucht Sanaa für ihre jüngere Schwester eine Bezugsperson zu sein. Die Schwester ist noch jung, orientierungslos und gerne wütend. Der Vater wechselt oft die Arbeit und ist meist nicht zuhause. Um sein Wegbleiben ranken sich viele Ungereimtheiten und Geschichten. Ebenfalls das Kennenlernen, die Ehe der Eltern und die Flucht der Familie ist Sanaa in mindestens drei verschiedenen Versionen erzählt worden. Die Mutter zieht sich zurück, verschläft die Tage und steht dann wieder auf dem Balkon und man befürchtet das Schlimmste. Sanaa beginnt sich langsam aufzubäumen. Besonders gegen die bestimmende Tante, die ihre Wohnung belagert und immer Tabakrauchend Sanaa die Luft raubt. Der Drang nach Freiheit und Unabhängigkeit wächst in ihr und sie sucht überall ihre kleinen Fluchten. Der Blick zurück auf das Hochhaus wirkt auf sie wie der Blick in viel zu viele Augen, die sie durch die Fenster anstarren und beobachten. Sie hat auch das Gefühl, verfolgt zu werden von einem großen Mann, den sie wegen seines Wagens lediglich Volvomann nennt und der später enger in ihr Familienleben eingreift, als sie bisher ahnt. Sanaa rebelliert und ist dennoch sehr fürsorglich für ihre Familie und möchte allen gerecht werden und versuchen, alle Wunden zu heilen. Ihr innerer und äußerer Kampf nach Freiheit stellt sie vor große Entscheidungen. Als sich der Rauch der Tante verzieht, wird der Stadtteil mit einem Nebel bedeckt. Jetzt kann Sanaa weiterwandern ohne gesehen zu werden. Doch ist gerade darin die Gefahr für ein gesellschaftliches oder familiäres Miteinander, man lässt sich gegenseitig in Ruhe, geht nicht aufeinander zu und redet nicht miteinander.

Ein intensiver Roman über das Ankommen und die Suche nach Freiheit. Eine Heldin, die anfänglich im Dazwischen lebt: Herkunft und Heimat, Erinnerung und Zukunft, Verantwortung und Losgelöstsein, Geschichten und Wirklichkeit. Ein Roman, der voll ist von Bildern, Leben und Charakteren, die im Leser lange nach Beenden des Textes leben und ihn begleiten werden. Die Sprache ist gehaltvoll und stets zur Szenerie und Figur passend gewählt. Ein Buch wie eine Reise, die man erst beim Ankommen, d.h. beim Zuklappen, gänzlich reflektiert und merkt, wie wohl man sich in der Geschichte und ihren Menschen gefühlt hat.  Wieder ein Debüt, das mich begeistern konnte.

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Siehe auch Leseschatz-TV: Debütantinnen:

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Anne Reinecke: „Leinsee“

Anne Reinecke Leinsee Diogenes

Wieder ein Debütroman, der unaufgeregt für Aufregung sorgen kann. Es ist ein Künstler-, Liebes- und Entwicklungsroman. Zwischen zwei fast gehauchten „Jetzt“ wird eine Liebe gelebt, die vorher nicht sein durfte und dann erst durch das sich lösen neu erfunden werden darf. Additiv und subtraktiv ist der Unterschied zwischen einer Plastik und einer Skulptur. Bei einer Plastik fügt man Material zusammen und bei einer Skulptur nimmt man etwas vom Körper weg, befreit das Werk aus dem ursprünglichen Umfeld. So sind die Charaktere im Roman „Leinsee“ angelegt. Einige wachsen durch eine externe Zuführung und anderen wird etwas Eigenes weggenommen.

Die Fragen des Buches sind, was bedeutet Familie? Was ist das, was uns antreibt? Was lässt uns kreativ werden? Was lässt uns lieben? Ein Künstlerpaar, das über ihren eigenen Sohn nicht reden mag und diesen auch ins Internat gibt. Zum Schutz des Kindes oder aus Egoismus? Wie kann so ein Kind sich später selbst vertrauen, sich selbst finden und zu seiner Liebe finden?

Karl ist seinen Weg gegangen. Er ist ein Einzelgänger, der sich, noch nicht einmal dreißig Jahre jung, als Künstler einen Namen gemacht hat. Er ist der Sohn von Ada und August Stiegenhauer, dem gefragtesten Künstlerpaar der Gegenwart. Doch haben seine Eltern damals das Kind mehr oder weniger abgeschoben. Zum Kindeswohl wegen des ganzen Rummels oder weil das Glamourpaar der deutschen Kunstszene keinen Platz in ihrem Leben für ein Kind hatten? Karl war im Internat und ging dann doch auch den Weg seiner Eltern. Für ihn war es alles ein Witz. Seine Aufnahme an der Kunstschule und seinen Erfolg mit seinen vakuumierten Werken kann er selbst nicht richtig ernst nehmen. Doch feiert er Erfolge und steht gerade vor seiner ersten eigenen Ausstellung. Seine Mutter wird schwer krank und kommt mit einem Hirntumor in die Klinik. Da der Tumor irreparabel erscheint, nimmt sich August das Leben. August und Ada waren ein sehr enges und verbundenes Paar. Alles machten sie gemeinsam im Leben und nun auch im Sterben. Ada überlebt den Eingriff, hat aber fortan mit räumlicher und zeitlicher Koordination zu kämpfen. Karls bisherige Welt beginnt sich zu wandeln. Gerade durch seine Reise in das Elternhaus und das Atelier des Künstlerpaares am Leinsee. Seine Freundin, die ebenfalls für die Kunst, d.h. für das Schauspiel tätig ist, bleibt und organisiert Karls Ausstellung. Karl freundet sich langsam mit seiner neuen Umgebung an, die ihn mit seiner Vergangenheit konfrontiert. Eine Pflegerin des Krankenhauses wird eine enge Verbündete von Karl und hilft ihm sich langsam zu lösen. Doch ist er innerlich zerrissen und stellt alles in Frage. Das, was ihm tatsächlichen Halt gibt, ist ein kleines, achtjähriges Mädchen, das ihn immer wieder besucht. Sie ist die Konstante in seinem Leben. Ihre Naivität und Unbekümmertheit reist Karl aus seinem inneren Stillstand. Als aber seine Freundin, die Pflegerin, seine Mutter und Tanja, das Mädchen, während einer Teeparty aufeinandertreffen, kommt es zu einem Bruch. Erst durch das Mädchen findet Karl wieder zurück zum Leben und findet wieder seinen eigenen Zugang zur Kunst. Die Jahre vergehen und er tritt als Künstler seinen eigenen Weg aber auch das Erbe seiner Eltern an. Das Bleibende in Karls Leben wird mal still im Hintergrund oder real immer jene Tanja sein.

Ein Roman, der voller Kunst, Trauer, Glück und Liebe ist. Kunst und Leben sind immer eng verbunden. Dieses Debüt erinnert in seiner Stimmung leicht an die tolle dänische Fernsehserie „Die Erbschaft“. Der Charakter von Karl steht immer im Vordergrund. Leider ist es gerade Tanja, von der wir als Leser mehr erfahren möchten, die aber immer ein Rätsel bleiben wird. Für uns und für Karl.

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Weitere Besprechung finden Sie auf: Zeichen & Zeiten

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Mareike Fallwickl: „Dunkelgrün fast schwarz“

Dunkelgrün fast schwarz Fallwickl Frankfurter Verlags.

Ein tiefgründiges und begeisterndes Debüt. Ein Roman, der dem Leser lichte Momente, aber auch die Schattenseiten des Lebens erhellt. Von einer dunklen Hoffnung wandert man ins fast Schwarze. Die zentrale Szene im Buch spielt sich auf einem Spielplatz ab. Hier tritt ein Kind ohne ersichtlichen Grund ein anderes. Dies war der auschlaggebende Moment für den Roman. Mareike Fallwickl hat dies so tatsächlich mal beobachten können, d.h. müssen. Diese Szene hat sie nicht mehr losgelassen. Daraufhin hat sie über die sogenannten „Arschlochkinder“ nachgedacht. Warum sind diese so? Woher kommt deren Verhalten? Sind die Eltern, die Erziehung oder das Umfeld schuld? Kann so etwas losgelöst von Erziehung und Elternhaus in dem entsprechenden Kind vorhanden sein? Was passiert, wenn diese kleinen Tyrannen erwachsen werden? Der Roman ist Mareike Fallwickls Versuch, fiktive Antworten auf diese Fragen zu geben.

Mareike Fallwickl ist in der Welt der Literatur keine Unbekannte. Sie schreibt Rezensionen und Zerrisse. Lange lesen Mareike Fallwickl und ich uns gegenseitig und wir mögen unsere Meinung und Buchtipps sehr. Daher war ich auf ihr Buch sehr gespannt und neugierig. Kann sie sich als sehr kritische Leserin auch als Autorin behaupten? Dies ist jetzt kurz und knapp zu beantworten: Ja, sie kann. Sie hat eine kluge und tiefsinnige Art zu schreiben, wie nebenbei entwirft sie die Szenerien und fesselt durch die tollen Charakterisierungen.

Der Roman handelt von drei Freunden: Raffael, Moritz und Johanna. Die drei verbindet ein Netz aus Liebe und Abhängigkeit. Der Roman beginnt in der Gegenwart aus der Sicht von Moritz, der mit seiner Frau, Kristin, ein Kind erwartet.  Dann springt die Handlung zurück in das Jahr 1986 und erzählt von Marie, der Mutter von Moritz. Sie sind gerade von Wien aufs Land, in ein einsames Bergdorf, gezogen. Drei Jahre bevor Alexander, der Vater von Moritz, seinen medizinischen Abschluss in Wien macht und nachkommt.

Der Verlauf der Handlung springt zwischen dem gegenwärtigen Erzählstrang der Protagonisten als Erwachsene und deren Tagen aus der Kindheit. 2017 taucht Raffael plötzlich wieder auf. Er tritt in das Leben von Moritz und Kristin, als wäre er nie weg gewesen und richtet sich mit der einen oder anderen Lüge häuslich bei ihnen ein. Kristin ist verwundert, denn Moritz hat bisher noch nie etwas von seinem damaligen besten Freund erzählt. Moritz und Raffael haben sich bereits im Kindergarten kennengelernt. Raffael ist schon als Kind sehr egozentrisch und selbstbezogen. Raffael ist es, der bestimmt und vorweg geht und Moritz ist der, der seinem Freund immer folgt. Doch dann tauchen die ersten Verletzungen auf. Auch der Vater von Raffael ist nicht richtig einzuschätzen. Er, der verheiratete Mann, nähert sich immer mehr Marie, Moritz Mutter, an. Was ist in der Familie los? Was lässt Raffael so sein? Doch alle schweigen, denn er hat einen besonderen Charme und stets ein entwaffnendes Lächeln… Über die Freundschaft zwischen Moritz und Raffael will Marie sich einerseits freuen, aber sie erkennt das Zerstörerische, das Gewaltvolle, das von Raffael ausgeht. In der Schule kommt Johanna dazu und erweitert das Band der Freundschaft. Um an Raffael heranzukommen, geht sie eine Beziehung mit Moritz ein und das Drama nimmt seinen Lauf. Sechzehn Jahre später holt die Vergangenheit sie ein. Alles Ungesagte bricht mit ungebremster Wucht hervor.

Mareike Fallwickl hat den Roman toll konstruiert. Jedes Bild ist gekonnt inszeniert und Stück für Stück baut sich das ganze Werk auf. Man taucht ein in ein Buch voller Verzweiflung, Vergeltung, Sehnsucht, Vergebung und Liebe. Wenn man bei dem Beispiel eines Bildes bleibt, kann man es fast impressionistisch nennen. In der darstellenden Kunst des Impressionismus wurden Schatten und Reflexionen je nach der Lichtwirkung farbig dargestellt. Objekte wurden allein durch verschiedene Farben auf der Leinwand fixiert. So ist nicht nur der Titel ein emotionales Spiel mit Farben, sondern auch im Text tauchen immer wieder Farben auf. Gerade die Wahrnehmungen der Charaktere und der Stimmungen tauchen im bestimmten Kolorit auf. Diese sogenannte Synästhesie ist Moritz zu Eigen und bereichert seine Rolle.

Ein packendes, großartiges Werk, das auf mehr von der Autorin hoffen lässt. Ein Roman über Freundschaft, Leidenschaft und Sanftheit.

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#Bücherfrühling 2018

005Am Tag der Oscarverleihung trudeln ganz viele Buchliebhaber und Buchhändler in das MAGAZIN-Filmkunst­Theater in Hamburg. Der Landesverband Nord e.V. vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels hat erneut zum Buchbesprechungstag #Bücherfrühling 2018 eingeladen. Es ist ein passender und schöner Ort. Ein altmodisches und schönes Lichtspielhaus, in dem man nun ganz gebannt die Kurzbesprechungen der wohl wichtigsten Neuerscheinungen des Frühjahrs lauschen durfte. Es waren noch zu entdeckende Perlen dabei sowie kommende oder bereits erschienene Highlights.

Seitdem wir Buchhändler sind, ist das eine feste Größe für den vertreibenden Buchhandel im Norden. Lange ist es her, erstmalig als Azubi sogar noch mit Herrn Quax in Kiel. Dies war dann als angehender Buchhändler oft eine Pflichtveranstaltung und man musste den nicht anwesenden Kollegen hinterher Bericht erstatten. Also war es damals mehr Arbeit als Spaß. Nun hat sich einiges verändert. Es ist alles beim Alten geblieben und doch so viel frischer und lebendiger geworden. Ohne die Vorgänger zu schmälern, aber die neue Besetzung bietet eine spaßige Tour durch die

Bücherfrühling 1

Karla Paul und Dr. Rainer Moritz. Foto: Christiane Hoffmeister

Neuerscheinungen des Frühjahrs. Karla Paul ist das neue Gesicht für die Buchbesprechungstage. Ich denke, vielen Buchmenschen ist Karla Paul bereits irgendwo begegnet. Zumindest im Internet. Sie ist Lesebotschafterin bei Stiftung Lesen und Redaktionsleitung bei Buchkolumne und tritt ebenfalls in der ARD auf. An ihrer Seite saß Dr. Rainer Moritz. Rainer Moritz ist Literaturwissenschaftler, Literaturkritiker, Übersetzer, Autor und Leiter des Literaturhauses in Hamburg.

 

Eines der neueren Anliegen dieser Veranstaltungsreihe ist, nicht nur Buchhändler anzusprechen, sondern auch alle anderen Buchliebhaber sind stets herzlich eingeladen. Auch wenn wir als Berufsleser bemüht sind, sehr viel zu lesen, schafft man doch niemals die ganze Flut an kommenden Werken zu sichten und sogar zu lesen. Für den Einkauf für die eigene Buchhandlung und für die Übersicht für mich als Blogger war die Auswahl sehr gelungen.  Es waren einige Leseschätze dabei, die ich bereits hier besprochen habe oder welche, die noch auf mich warten. Das Problem an dieser Auswahl war, dass man wohl noch viel mehr Bücher gefunden hat, die zu einem passen und die man dank dieser Auswahl erst gefunden hat.

Bücherfrühling 2

Karla Paul und Dr. Rainer Moritz. Foto: Christiane Hoffmeister

Als Gast merkte man gar nicht, dass man über vier Stunden den Rednern zuhörte. Die Zeit verflog und die ganze Veranstaltung verging sehr kurzweilig. Karla Paul und Rainer Moritz stellten jeweils in vier Blöcken je acht Titel ihrer Auswahl vor. Es waren vorrangig belletristische Titel, aber auch das eine oder andere Sachbuch und ein Kochbuch kamen vor. Beide hatten ihre Favoriten und konnten uns mit sehr viel Herzblut für diese mitbegeistern. Auch wurde man bei einigen Titeln, bei denen man selbst haderte, bestärkt, eventuell die Finger von diesen weg zu lassen. Beide gingen in einem guten Tempo durch ihr Programm und haben die Lust am Lesen verbreitet. Ich bin froh, beide endlich persönlich getroffen zu haben und hoffe, mein Einwand bei der Verwechslung von Pink Floyd und Deep Purple war nicht zu dreist, aber als Purpler konnte ich das so nicht einfach stehen lassen.

Ich hoffe, die Frischzellenkur für diese althergebrachte Veranstaltungsreihe wird erfolgreich und spricht sich herum. Jeder, der Bücher liebt, sollte nach den folgenden Terminen Ausschau halten. Ein schöner Büchersonntag mit sehr sympathischen Rednern und einer lieben Frau Markwa, die wie eine gute Gastgeberin zwischen Gästen und Rednern hin und her flitzte.

Bücherfrühling Marwa

Carola Markwa Foto: Christiane Hoffmeister

Wir sagen vielen lieben Dank an Karla Paul, Rainer Moritz und Carola Markwa! Ebenfalls bedanke ich mich bei meiner Sitznachbarin,  Christiane Hoffmeister von Büchereck Niendorf Nord, die mir die Fotos von Karla Paul und Rainer Moritz zur Verfügung gestellt hat, da ich sonntags gerne offline lebe und nichts dabei hatte außer Stift und Papier, um fleißig mitzuschreiben.

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Für mich war der Tag eine Bereicherung und Bestätigung. Die Freude am Lesen ist ansteckend und der Lesegeschmack von Rainer Moritz und Karla Paul deckt sich jeweils ziemlich mit meinem. Für uns gibt es keine Grenzen, wir lesen, was uns gefällt! Auch ist Karla wie ich ein Medienjunkie und verweist gerne auf tolle Serien und Filme…

Kleine Werbung in eigener Sache, auch ich stehe für solche Veranstaltungen sehr gerne zur Verfügung. Ich mache den Abend: Erlesenes – Leseschatz-Live zwei Mal im Jahr in unserer Buchhandlung und war u.a. auch bereits Gast im Literaturhaus Schleswig-Holstein und im StattCafé. Mehr

Ich würde mich freuen, wenn wir Buchmenschen es alle schaffen, durch solche Veranstaltungen und unsere Beiträge die Lust am Lesen noch weiter zu verbreiten!

Mehr und die Liste der Titel.

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Ryu Murakami: „Das Casting“

Ryu Murakami Das Casting Septime

„Das Casting“ ist von 1997 und wurde erstmals 2013 ins Deutsche übersetzt. Nun liegt das Werk auch als Taschenbuch vor und kann so die Grundlage für einen guten Einstieg in das Schaffen des japanischen Schriftstellers, Drehbuchautors und Regisseurs Ryu Murakami sein. Der Roman ist auch die Grundlage für den Film „Audition“ von 1999, der als Horrorfilm des japanischen Regisseurs Takashi Miike sogar Kultstatus erlangte. Wobei der Begriff Horror und Thriller leicht irreführend sein kann. Wenn jemand solchen erwartet, sollte ihm bewusst sein, dass er etwas anderes vorfinden wird. Wobei gerade das Ende des Buches, das fast wie ein Gesellschafts- und Liebesroman beginnt, durch seine gewaltigen Bilder, erschrecken kann. Aber es soll nicht zu viel verraten werden, denn die Spannung spitzt sich ganz langsam zu und ist anfänglich nur zwischen den Zeilen zu lesen. Murakamis Ton ist stets zurückhaltend und voller Andeutungen. In seinen Werken klingt auch stets eine dezente Gesellschaftskritik. Die Handlung und der Stil wirken für den Roman sehr einnehmend und man folgt gebannt dem immer makabrer werdenden Verlauf.

Der Dokumentarfilmer Aoyama hat vor sieben Jahren seine Frau verloren. Seitdem lebt er als alleinerziehender Vater ein einfaches Leben. Er hat bisher keine Verabredung wahrgenommen und sich auch nicht nach einer neuen Lebenspartnerin umgesehen. Lediglich die Hausangestellte steht ihm im Haushalt und bei der Erziehung des Sohnes zur Seite. Als Shigehiko, Aoyamas Sohn, fünfzehn Jahre alt ist, beginnt auch dieser, gleich dem Bekanntenkreis Aoyamas, ihn zu einer neuen Heirat zu drängen. Als Dokumentarfilmer hat er Kontakte aus der Filmszene und sein Freund, Yoshikawa, bekommt eine Idee für eine, wie sie finden, perfekte Partnerwahl. Sie planen die Produktion eines Films und laden mit Hilfe der Medien zu einem Casting ein. Für den noch unausgereiften Film suchen sie junge Schauspielerinnen und Darstellerinnen. Sollte der Film tatsächlich das Interesse von zahlungswilligen Produzenten wecken, hätte die Suche innerhalb des Castings nach einer Frau für Aoyama einen netten Nebeneffekt. Wie Yoshikawa seinem Freund prophezeit hat, treffen auch tausende Bewerbungen ein. Alle Frauen senden nebst dem Lebenslauf und Lichtbild auch ein kleines Anschreiben. Aus diesen Bewerbungen suchen sie also passende Frauen zum Vorsprechen ein, immer mit dem Hintergedanken eine Heiratskandidatin zu finden. Doch bereits bei den vorgelegten Anschreiben ist Aoyama auf die junge und hübsche Tänzerin Asami Yamasaki fixiert. Bei den ersten Casting-Runden wartet er gebannt auf ihr Erscheinen und kann sich vor- sowie hinterher nicht auf die anderen Frauen einlassen.

Aoyama schafft es, Asami außerhalb des Castings zu treffen und sie anfänglich etwas unbeholfen für sich zu gewinnen. Es beginnt wie eine zarte Liebesgeschichte. Doch irgendetwas scheint nicht zu stimmen. In einem Restaurant treffen sie auf einen weiteren Gast im Rollstuhl, der sie ganz verschreckt beobachtet. Sie beginnt auch, bereits während des Castings kleine Lügengeschichten einzustreuen. Yoshikawa hat ebenfalls ein ungutes Gefühl, doch will Aoyama nichts davon hören. Er ist gänzlich in Asami verliebt und sie beginnt auch, ihm ihre traurige Geschichte zu erzählen und die Liebesgeschichte wandelt sich wie oben angedeutet. Das Krankhafte rückt immer mehr in den Vordergrund und der Roman nimmt fast Züge eines Psychothrillers an.

Der Roman liest sich stimmungsvoll und beginnt sanft melancholisch, wird dann ein Liebesroman, der gegen Ende den Thriller offenbart. Das Literarische steht dem Brutalen, etwas Perversen gegenüber. Ein Roman, der voller Kontraste ist und doch fast klassisch und gradlinig erzählt wird. Anfänglich ist das Grauen zwischen den Zeilen versteckt und das ist es, was wohl den hauptsächlichen Reiz des Werkes ausmacht.

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Siehe auch Leseschatz-TV: Literatur aus und um Japan:

Ich bespreche:  1) Ryu Murakami: „Das Casting“, 2) Yoko Ogawa: „Hotel Iris“, 3) Ruth Ozeki: „Geschichte für einen Augenblick“, 4) Fuminori Nakamura: „Der Dieb“, 5) Shusaku Endo: „Samurai, 6) David Mitchell: „Die tausend Herbste des Jacob de Zoet, 7) Milena Michiko Flašar: „Herr Kato spielt Familie“, 8) Haruki Murakami: „Birthday Girl

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Deborah Levy: „Heiße Milch“

Deborah Levy Heiße Milch Kipenheuer & Witsch Kiwi

Deborah Levy taucht mit ihrem neuen Buch erneut tief ein in die Psyche ihrer Protagonisten. Es geht um eine ungesunde Mutter-Tochter-Beziehung. Die Tochter musste bereits in jungen Jahren Verantwortung für ihre Mutter übernehmen und definiert sich durch die Krankheit der Mutter. Sie hat noch keine Ahnung, wo sie selbst im Leben steht oder was sie vom Leben erwarten darf.

Deborah Levy schreibt erneut über Bindungen und Brüche im Leben ihrer Helden. Dass sie psychologisch faszinierende Geschichten erzählen kann, hat sie bereits in ihren Werken „Black Vodka“ und „Heim schwimmen“ bewiesen. Für „Heiße Milch“ wurde sie bereits mehrfach ausgezeichnet. Nun liegt die deutsche Übersetzung vor und lädt uns Leser ein, sich mit der Enge der Mutter-Tochter Beziehung und der Sehnsucht nach Freiheit und Weite auseinanderzusetzen. Heiße Milch als Bild der Geborgenheit, der mütterlichen Wärme und dem alten Hausmittel bei zum Beispiel Schlafstörungen. Doch die Befreiung der Tochter, das Freischwimmen birgt in sich seine eigenen Gefahren. Lauern in jedem Leben Seeungeheuer, wenn man sich zu weit raus wagt? Auch im flachen Gewässer kann ein Medusenbiß schmerzhaft sein. So ist auch die Handlung des Romans gleich einer Berührung mit einer Feuerqualle und heftet sich mit fast unsichtbaren Fängen am Leser fest und brennt sich regelrecht ein.

Sofia begleitet ihre Mutter Rose nach Andalusien in Spanien. Rose leidet unter einer unbekannten Krankheit, die sie meist an den Rollstuhl fesselt. Mutter und Tochter möchten endlich Klarheit über jene Krankheit erfahren. Sofia, die sich bereits als Kind immer um die Mutter kümmern musste, da ihr griechischer Vater die Familie schon vor Jahren verlassen hatte, möchte ergründen, warum die Mutter mal nicht gehen kann, ihre Beine anscheinend nicht spürt und doch ab und zu laufen kann und sogar eine Fliege auf ihren Beinen zu spüren scheint. Will Rose lediglich Aufmerksamkeit bzw. Sofia durch ihre hypochondrische Erkrankung egoistisch an sich binden? Oder leidet Rose tatsächlich an einer bisher nicht diagnostizierten Erkrankung?

Sie besuchen die teure Klinik von Dr. Gomez, bei dem sich Rose in Behandlung begibt. Dieser wirkt mehr interessiert an den Menschen hinter der Krankheit und die Therapie wirkt bereits auf den ersten Blick fragwürdig. Auch die Tochter des Arztes, die als „Sonnenschein“ in der Praxis mitwirkt, verbirgt ihre eigenen Probleme. Sofia, die immer größere Schritte zur Abnabelung macht, nutzt die Zeit, die ihre Mutter in der Klinik verbringt, am Strand und lernt durch einen schmerzhaften Kontakt mit Quallen den Strandwächter kennen. Als sie dann auch noch die deutsche Ingrid trifft und sich eine neue Abhängigkeit in ihrer Seele bildet, muß Sofia sich selbst erkennen und ihrer eigene Identität erkunden. Endlich lernt sie, eigene Entscheidungen zu treffen und es kommt zu überfälligen Lösungen, Abnabelung – wenn nicht sogar zur Amputation…

Ein Roman über die Strategie, um Liebe und Aufmerksamkeit zu erlangen. Was passiert, wenn der Trost der Eltern in jungen Jahren ausbleibt und man sich als Kind in der kümmernden Rolle wiederfindet? Schillernde Ärzte, leidenschaftliche Freunde und falsche Familien treffen sich vor mediterraner Kulisse. Sie müssen sich selbst finden und lernen, einander zu vertrauen und sich doch auch von einander lösen zu können.

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Nickolas Butler: „Die Herzen der Männer“

Nickolas Butler Die Herzen der Männer Klett-Cotta

Anhand einer langen Männerfreundschaft wird ein zeitlicher Bogen von 1962 bis 2019 gespannt. Eine Freundschaft zweier sehr unterschiedlicher Männer, die doch einiges verbindet. Die Handlung ist in vier Abschnitte geteilt und gradlinig, fast schon konservativ erzählt. Wodurch werden Jungs, die ihren Weg in der Jugend noch vor sich haben, zu Opfern oder zu Tätern? Es treffen gute, schlichte und schlechte Menschen aufeinander. Anfänglich ist es eine fast reine Männerwelt. Männer und Jungs, die im Pfadfinderlager gemeinsame Zeit verbringen. Die Männer, die als Betreuer ihre Söhne begleiten, nutzen die Zeit, um dem Alltag, meist sogar mit Alkohol, zu entkommen. Die Jungs, die ihren Weg noch zu finden haben, sammeln Baseballkarten, machen Geländespiele und lernen in der Natur zu überleben. Doch folgen sie ein Stück weit auch dem Ideal der Väter. Als am Ende des Romans eine starke, aber verletzte Frau, ihren Weg in diese patriarchische Welt findet, stellen sich ihr hohle, rechtspopulistische Machos in den Weg.

Es beginnt 1962. Nelson ist ein stiller, sensibler Junge, der dadurch für seinen Vater eine Enttäuschung ist. Sein Vater sieht in ihm ein Muttersöhnchen, das zu nah am Wasser gebaut ist. Beide sind im Pfadfinderlager, denn der Vater hat die Hoffnung, dass dort aus dem verunsicherten Kind ein Mann gemacht wird. Nelson hat kein Selbstbewusstsein, da er keine Freunde hat. Doch entsteht eine Kinderfreundschaft im Lager. Jonathan, den Nelson auf seinem Kindergeburtstag kennengelernt hat, hält immer mehr zu ihm. Damals an seinem Geburtstag, hatte er viele Kinder eingeladen und doch war nur Jonathan als Gast gekommen. Da dieser auch bei den Pfadfindern ist, werden er und der Lagerleiter die Bezugspersonen für Nelson während der Tage in der Natur und in seinem kommenden Leben. Nelson hat den Spitznamen „Trompeter“, da er von seinem Großvater eine Trompete hat, die er über alles schätzt und somit zum morgendlichen Weckruf abgestellt wurde. Das strukturierte Pfadfinderleben und die moralischen Werte geben Nelson einen Rahmen, dessen strenge Einhaltung ihn im Lager aber nicht sehr beliebt macht. Auch sein Vater geht beständig auf Abstand. Nach einer verlorenen Wette bei einem Mannschaftsspiel, muss er den verlorenen Wetteinsatz einlösen und wird dabei sehr erniedrigt. Jonathan erweist sich hierbei erneut als sein Retter. Doch ist er es wirklich? War er nicht auch im Wald dabei, als er gejagt und geärgert wurde? Ist Jonathan, der treue und ehrliche Freund, der immer zu Nelson steht? Sein Vater sondert sich immer mehr ab und verschwindet dann auch gänzlich aus Nelsons Leben. Da seine Mutter, die von den Plänen ihres Mannes bereits wusste, sich nun aber nach der abrupten Trennung, kurzfristig keinen Rat weiß, kontaktiert Nelson den alten Kriegsveteran, der das Pfadfinderlager leitet und beginnt so langsam in dessen Fußstapfen zu treten.

1996 reisen erneut ein Vater und sein Sohn in das selbige Pfadfinderlager. Es sind Jonathan und sein Sohn Trevor. Sie reisen rechtzeitig zuhause ab, um sich bereits vorher mit einer Freundin und mit Nelson, der jetzt das Lager leitet, zu treffen. Trevor freut sich auf Nelson, den er sehr mag und bewundert. Er hofft, endlich mehr über dessen Zeit in Vietnam zu erfahren. Trevor ist ganz anders als sein Vater. Er ist einfühlsam und glaubt an die große Liebe, die er auch in seiner Freundin Rachel gefunden hat. Jonathan möchte ihm die Augen für seine Sicht auf die Welt öffnen und drangsaliert seinen Sohn mit väterlichen Ratschlägen. Trevor, der belesen ist, u.a. die „Prophezeiungen von Celestine“ gelesen hat, lässt den Rat weitestgehend an sich abperlen. Doch als er mitbekommt, dass die Freundin, mit der sie sich zum Abendessen treffen, die neue Frau an der Seite seines Vaters ist, eskaliert der Abend.

Im letzten Abschnitt des Romans wird nun Rachel in den Vordergrund gestellt. Es ist das Jahr 2019 und sie reist als Frau mit ihrem Sohn in das Pfadfinderlager, das immer noch von Nelson geleitet wird. Warum reist sie als Frau in das Lager? Was ist mit ihrem Exmann Trevor geschehen? Was muss sie dort erleben? Was ist in ihrem Eheleben vorgefallen? Wie ist es bisher Nelson und Jonathan ergangen?

Ein Roman über die wahre Männlichkeit? Mitnichten. Es geht um die Verletzlichkeit des Herzens. Ein Roman, der moralisches aufzeigt und mit vielen Bildern spielt. Auch die Pfadfinder dienen hier stets als Schaubild. Freundschaft, Loyalität und Wertevorstellungen gehen einher mit Gemeinheiten und Verletzungen, die man sich gegenseitig antut. Stärke wird oft mit Muskelkraft, Autorität und Macht verwechselt.

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Christopher Ecker: „Andere Häfen“

Christopher Ecker Andere Häfen mitteldeutscher verlag

Christopher Ecker ist für seine fantastische, kluge und stets einfallsreiche Literatur bekannt. Die bekanntesten Werke des in Kiel lebenden Autors sind die Romane: „Fahlmann“ und „Der Bahnhof von Plön“. Ende des letzten Jahres hat er ein neues, schmales Buch herausgebracht. Es trägt einen Namen mit nordischen Bezug: „Andere Häfen“. Ich betone, dass es ein schmales Buch ist, weil es sind 87 Texte auf 240 Seiten. Das bedeutet es sind ganz kurze Geschichten und nicht alle reichen sogar zu einer Kurzgeschichte. Es sind Textfragmente von geringem Umfang. Die meisten weisen das Merkmal der Kurzgeschichte auf. Die Kurzgeschichte ist vor allem als ein literarischer Kahlschlag zu deuten. Alles hat eine Tiefe und Metaphorik. Doch neben all der klugen Symbolik sind einige Texte auch mit Humor durchwoben. Eins eint die Texte: es sind Situationen, die hoffnungslos und beängstigend sind. Der Keim eines leichtfüßigen Lebens geht vielen Charakteren im Buch verloren. Die Welt kann durch solche Literatur auf den Kopf gestellt werden. Der Hafen als Ort der Sehnsucht, des Ankommens aus der Fremde oder der Abreise in das Unbekannte. Die anderen Häfen als Fundus des menschlichen Unbewussten. Auch sieht man am Ende des Textes in der Ferne das im Sonnenlicht bedeutungsvoll dräuende Wasser der Kieler Förde.

Die Sammlung beginnt „Zum Geleit“ begrüßend und zeigt sich gleich zwangsneurotisch. Bevor die Reise beginnt, soll alles aus sein, der Herd, das Licht, der Wasserhahn. Kaum aus der Tür, lohnt sich der Weg zurück, um erneut zu prüfen. Am Ende wird der Leser letztendlich gegrüßt und ein Lebewohl erklingt. Das letzte resignierte Hinabbeugen, des kraftlosen Charakters am Fließband der einerlei Tätigkeit. Dazwischen wird dem Leser schwindelig vor lauter kurzen Bildern, die sich in das Gedächtnis des Lesers einbrennen. Es reichen wenige Sätze, um ganze Räume, wenn nicht sogar  Kosmen sich entfalten zu lassen. Christopher Ecker legt seine Charaktere und dessen Umfelder mit großartigen Szenen bloß. Er kann unglaublich gut schreiben und die Sprache wird sehr lebendig. Nicht alles ist schön, es hat auch Groteskes, Horrorartiges und Fantastisches, das sich in die bekannte Welt einschleicht.

Es ist unmöglich eine Zusammenfassung des Inhalts zu schreiben. Das Buch ist Lesespaß pur, großartige Lektüre und kluge Kunst. Wir begegnen unter anderem einem Mann, der bei der Abnahme seiner gemieteten Wohnung von einer Horde von Vermietern, die alles bemängeln, niedergewalzt wird. Katzen kommen leider um, haben sich aber zum Glück am Ende doch gewehrt. Es tauchen Gegenstände auf, die es nicht gibt, Räume öffnen sich oder der Eingang wird plötzlich verwehrt und Menschen verschwinden einfach.

Die Geschichten sind vielschichtig und die ganze Sammlung ist ein großer Fundus an Realität, Träumen und Alpträumen. Die kurzen Texthappen stehen für sich, sind aber durch einige Bilder verbunden. Es sind herrlich schöne und skurrile Momente, in die uns Christopher Ecker wirft. Langeweile kommt beim Lesen niemals auf. Das, was man nach dieser Lektüre mitnimmt, ist, dass man sich der Umgebung und der Identifikation nie ganz sicher sein kann. Auch die abgestellten Götter tauchen auf und sind dem irdischen Dienst verfallen. Die Sprache ist stets treffend und ganz genau. Es ist eine Kunst, in so kurzen Minigeschichten so viel Tiefe, Emotion und Verstand einfließen zu lassen. Nach jeder Ecke, d.h. nach jedem Umblättern, befindet man sich auf neuem unerwartetem Terrain. Ein großes Leseabenteuer.

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Siehe auch die Besprechung auf schiefgelesen

 

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Gert Loschütz: „Ein schönes Paar“

Gert Losschütz Ein schönes Paar Schöffling & Co

Eine literarische und schön-traurige Liebesgeschichte, die mit der Vereinigung des vorher geteilten Deutschlands in die Brüche geht. Die Teilung Deutschlands dient als geschichtlicher Rahmen, aber auch als Bild der getrennten Familien. Die Mauer als trennendes Bauwerk in der Gesellschaft, in der Politik und in der Liebe. Doch wäre dies als Metapher zu einfach, denn die große Liebe der Hauptfiguren entzweit sich, als die Übersiedlung in den Westen gelingt. Aus Liebe wird die Liebe zerstört, aber letztendlich, und das ist der Clou, sind sich die Protagonisten näher, als alle es sich denken konnten.

Der Erzähler ist der Fotograf Philipp. Für ihn ist der Rückblick auf seine Jugend und auf seine Eltern gleich einem Blick durch ein Stereoskop. Durch das Betrachten von Stereobildpaaren, die mit einer Stereokamera aufgenommen wurde, erlangen die Bilder durch die Abweichung eine räumliche Tiefe. Innerhalb von wenigen Wochen bekommt Philipp die Nachricht, dass seine Eltern jeweils innerhalb kurzer Zeit verstorben sind. Die Haushälterin des Vaters ruft als erstes an. Als Philipp seiner im Heim lebenden Mutter, Herta, mitteilt, dass Georg verstorben ist, wirkt diese uninteressiert am Tod ihres Mannes. Sie leben seit vielen Jahren getrennt, haben sich aber nicht scheiden lassen. Nach wenigen Tagen bekommt Philipp von einem jungen Pfleger die Nachricht, dass auch Herta verstorben ist.

Philipp durchsucht die Wohnung des Vaters nach persönlichen Erinnerungen und räumt auf, da die Räumlichkeiten verkauft werden sollen. Hierbei findet er eine Kamera, die für die Eltern von besonderer Bedeutung war. Mit diesem Fund beginnt der Fotograf, seinen Fokus auf die Vergangenheit zu werfen. Er beginnt, das Leben der Eltern zu reflektieren. Wie kam es zum Bruch in der Ehe? Was ist damals tatsächlich vorgefallen? Langsam erschließt sich Philipp das ganze Paradox der elterlichen Beziehung.

Georg Karst ist Berufssoldat und lernt in Plothow Herta kennen. Sie arbeitet als Schneiderin und als er sie eines Tages sieht, ist es bei ihm wie Liebe auf den ersten Blick. Seine Kaserne ist einige Kilometer entfernt, dennoch versteht er es, Herta regelmäßig zu treffen und dennoch pünktlich als Soldat zurückzukehren. Ihre Liebe ist wahrhaftig und glücklich. Als Stahlarbeiter beginnt Georg seine Karriere nach dem Krieg. Ein Freund vermittelt ihm ein Vorstellungsgespräch im Westen im Bundesverteidigungsministerium. Als diese Interesse zeigen und ihn anschreiben, wird dieser Brief von der Staatssicherheit der DDR geöffnet und gelesen. Georg fühlt sich verfolgt und um dem Gefängnis zu entgehen, scheint eine Flucht unumgänglich zu sein. Sein überstürzter Ausbruch in den Westen gelingt, er lässt aber vorerst Herta und Philipp zurück. Als diese wenige Tage später nachreisen, könnte dies der Anfang eines erträumten und erfüllten Lebens sein.

In Tautenburg beginnt der Keim des Unglücks zu wachsen. Georg macht in der Tuchfabrik, in der er arbeitet, einen Fehlgriff und wird angezeigt. Er soll eine große Geldsumme aus dem Tresor entwendet haben. Herta, die hinter ihren Mann steht, kauft Georg auf unmenschliche Weise frei und die Konsequenzen sind für beide unerträglich und reiner Schmerz.

Philipp hat durch seinen Beruf gelernt, ganz genau hinzusehen und macht sich Stück für Stück auf, die ganzen Bilder der zerrütteten Ehe zusammenzusetzen. War doch die Ehe gescheitert, aber was ist aus der Liebe geworden? Die ganze Geschichte offenbart sich langsam in jedem Detail. Die Fragen werden fast zwischen den Zeilen beantwortet. Ein Buch, in das sich der genaue Blick lohnt.

Ein sprachlich großartig und toll in Szene gesetzter Roman. Die Stille, die nach dem Ungeheuerlichen bleibt, schwingt beständig mit. Die Hilflosigkeit und Einsamkeit am Beispiel des Vaters wird für den Leser sehr spürbar erzählt. Das Verschwinden von Herta aus dem Leben von Georg und Philipp, bleibt der Spannungsbogen, der immer wieder die Frage aufwirft, was hätte die Ehe retten können? Was ist das für eine Liebe, die sich aus Liebe selbst zerstört? Als Herta später wieder auftaucht, sind die anderen Beziehungen in Philipps Leben und Umgebung auch erkrankt. Die Perspektiven streuen sich und als Leser bekommen wir Bilder, die sich erst in Folge erklären lassen und man sollte genau hinhören und aufmerksam lesen, damit sich alle Handlungsbögen und alle Fragen erklären lassen.

Ein kraftvoller und ergreifender Roman über die Liebe. Ein sprachlich und inhaltlich intensiver Roman vor dem Hintergrund deutscher Geschichte. Besonders das Ende rührt Herz und Geist und lässt das Buch im Kopf verweilen.

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Siehe auch die Besprechung auf Zeichen & Zeiten

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Angelika Klüssendorf: „Jahre später“

Angeika Klüssendorf Jahre später Kiepenheuer Witsch

Mit dem Roman „Jahre später“ schließt sich nun ein Kreis, der mit „Das Mädchen“ seinen Anfang nahm. Ein Roman über das Aufwachsen in der DDR. Die Mutter ist eine prügelnde und stets betrunkene Frau, daher wächst das noch namenlose Mädchen in dieser tristen Familienwelt und dem Kinderheim auf. Dann bekam das Mädchen in dem Roman „April“ ihren Namen und versucht sich als junge Frau in den 70er Jahren in Leipzig zurechtzufinden. Den Namen April hat sie sich selbst gegeben. Es ist ein alter Deep Purple-Song, der musikalisch einen Aufbruch zu einem neuen Stil bedeutete. Auch ist es die Jahreszeit des unbeständigen Wandels. Es ist Aprils Bemühung, mit der Vergangenheit abzuschließen, sich den alten Geschichten zu entsagen. Die Wandlung vom Mädchen zu einer jungen Frau, die lernt für sich zu empfinden und sich endlich anzunehmen. Jetzt, Jahre später wird das Mädchen, die durch das Konsumieren von Literatur eine Ahnung von sich erhielt, Schriftstellerin und erzählt erneut ihre Geschichte. Es ist die Geschichte einer von vornherein kaputten Beziehung und Ehe. „Jahre später“ knüpft nach „April“ an und endet mit dem ersten Satz von „Das Mädchen“: „Scheiße fliegt durch die Luft“.

April hat ein Schreibstipendium und ist nun Autorin geworden. Auf einer Lesung trifft sie auf den Chirurgen Ludwig. Sein Kindergesicht fällt ihr auf und es kommt zu einem Rendezvous. Er prahlt mit seinem literarischen Interesse und buhlt um sie mit der Nennung großer Autoren. Beide nähern sich einander an und sind dennoch verschieden und stoßen sich wie Magnete ab, die versuchen zusammenzugehören. Als Leser fühlt man geradezu die sich stets erweiternde Disharmonie. Sie ziehen in eine gemeinsame Wohnung, die April gar nicht mag. Irgendetwas scheint April an Ludwig zu finden, sogar zu lieben. Seine Geschichten sind übertrieben, während sie mit einer Schreibblockade zu kämpfen hat. Beide, besonders Ludwig, machen ihre Witze auf Kosten anderer. Besonders die Nachbarin bekommt dies schriftlich zu spüren. Ludwig stammt aus vermögenden und seinen Worten nach anständigen Verhältnissen und möchte dem Spießertum entkommen. April nimmt dieses Leben an und lässt sich von Ludwig umgarnen. Doch regt sich in ihr stets eine Art Widerstand. Sie nennt es „aberden“, wenn sie Versprechen macht und dabei ihre Finger uneinsichtig für den Anderen kreuzt. April erlangt durch Ludwig, ihre Ehe und das gemeinsame Kind Abstand zu ihrer vorherigen Welt. Doch sind sie zwei Unvertraute, die versuchen miteinander eine Vertrautheit zu finden. Ludwig erscheint wie einer, der nie ankommt, immer weiter will. In beiden ist eine stete Untiefe, die sie unausweichlich an den Abgrund führt. Die Ehe wirkt auf den Leser gleich zu Anfang zerstörerisch und April und Ludwig leben sich immer mehr auseinander. Aprils innere Geister reden auf sie ein und das Grausige und Manipulierende von Ludwig offenbart sich immer mehr. Die letztendliche Trennung lässt April Ludwig erkennen, oder zumindest anders und für uns Leser wie befürchtet sehen. April ist eine Figur, die bereits als Mädchen viel durchlebt hat und schlimmeres erfahren musste und wird auch dies überstehen…   Sind es alles nur Figuren und Geschichten? Ist es doch in großen Teilen die Geschichte von Angelika Klüssendorf selbst, die sie uns hier erzählt?

Erneut ein Roman, der ganz präzise erzählt und mit wenig auskommt. In knapper Sprache ist ein großes Buch entstanden, das nun nach „Das Mädchen“ und „April“ die Geschichte des vorerst namenlosen Mädchens, das in der DDR aufwuchs und sich als April auf den beschwerlichen Weg der Identifikation machte, erzählt. Jetzt, Jahre später, ist es der ehrliche und meisterhaft erzählte Blick einer Schriftstellerin auf eine unheimliche Ehe.

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