Ian McEwan: „Kindeswohl“

Kindeswohl

Ein Gefühlsaufwallendes, hartes Buch über brisante Themen. Ein Werk über das menschliche Bestreben gerecht zu sein und so zu handeln. Eine Geschichte über die Konflikte zwischen Religion, Wissenschaft, Glauben, Ratio und Juristerei. Der Titel des wunderbar geschrieben Werkes „Kindeswohl“ ist der Kern des Romans.

„…keinen Ersatz für seine Religion, keinen Schutz, dabei war das Gesetz eindeutig, sein Wohl hatte ihr als oberste Richtschnur zu dienen.“

Das Kindeswohl ist etwas Soziales und in einer Gesellschaft reglementiert. Es dient dem Schutz eines Kindes. Die Protagonistin des Romans, die Richterin Fiona Maye, hatte geglaubt ihre Verantwortung endet an der Tür des Gerichtsaals und öffnet damit eine emotionale Seelenreise…

Fiona Maye ist eine sehr angesehene Richterin, die für ihre Gewissenhaftigkeit weit über London hinaus bekannt ist. Sie entscheidet über das Leben und Glück vieler Familien. Sie ist mit Jack, einem Geschichtsprofessor, verheiratet und lebt mit diesem in einer anscheinend harmonischen, aber kinderlosen Ehe. Nach gemeinsamen dreißig Jahren bittet Jack sie um den Segen für seine geplante Affäre mit einer anderen Frau. Für Fiona ist dies ein unverdaulicher Schmerz und sie wirft ihn aus dem gemeinsamen Haus, denn emotional muß sie sich auf einen sehr brisanten Fall vorberieten. Adam, ein Junge, der in wenigen Monaten die Volljährigkeit erlangt, leidet an Leukämie und benötigt innerhalb weniger Stunden eine Bluttransfusion. Adam und seine Familie lehnen diese Behandlung aus religiösen Gründen ab, denn sie sind Zeugen Jehovas. Ohne diese Behandlung wird er qualvoll sterben. Adam selber scheint genau zu wissen, was er möchte und sein persönlicher medizinischer Wunsch wiegt mehr als die in wenigen Monaten erreichte Volljährigkeit. Fiona lernt Adam im Krankenhaus kennen, um sich selber ein Bild von ihm zu machen. Erliegt er dem Gerede seiner Eltern, den Lehren seiner religiösen Vorbilder oder ist es eine leicht verkitschte, teenager-geschwängerte, romantische Vorstellung eines Märtyrer-Todes, die ihn lenkt?

Da auch die Medien über diesen Fall berichten, muß Fiona innerhalb kürzester Zeit ein Urteil in diesem Tumult fällen und ist versucht, ihre kühle Professionalität zu bewahren.
Da Adam der Musik und der Lyrik verfallen ist, spürt sie in ihm den inneren Drang nach Leben und entscheidet sich für dieses. Das Leben erscheint ihr größer als seine Würde, die er nun in seinen Kreisen verlieren könnte.

Das Drama beginnt aber erst jetzt, denn Adam sieht in Ihr eine Leitfigur, die er sucht und meint zu benötigen. Sein Gefühle und sein Wunsch nach ihrer Nähe werden sein wirkliches Verhängnis. Er sucht wie viele Menschen eine Art von „Guru“, der ihn sein Inneres lehrt. Aber etwas, das in einem ist, kann man nicht im Außen finden.

Eine Geschichte, die viel Raum für Emotionen und eigene Gedanken zulässt. Ein meisterhafter Roman, der sehr kurzweilig zu lesen ist. Eine emotionale Geschichte, die gleich den im Roman beschriebenen Musikstücken Wendungen und Brüche einbaut. Musik, die nur vom Blatt abgespielt und ohne Gefühl dargeboten wird, hat keinen Pepp und kein Gespür für den wirklichen Verlauf und die Gefühlsmomente. Ganz anders ist dies Buch, es ist ein verblüffender und toll geschriebener Roman, der mich unterhalten, aber auch in vielen Punkten angeregt und angestoßen hat. Das Buch verbindet im Leser gekonnt Verstand mit Gefühl. Ein sehr lesenswerter „Leseschatz“.

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Stephan Thome: „Gegenspiel“

Thome - Gegenspiel

Das Buch „Gegenspiel“ von Stephan Thome ist die Vertiefung bzw. die Gegendarstellung der Geschichte, die man bereits in seinem vorherigen Werk „Fliehkräfte“ lesen konnte.

Thome - Fliehkräfte„Fliehkräfte“ ist der Roman über einen Mann, der in den Sog seiner Fliehkräfte gerät und seine inneren Ziele und Wünsche auf seiner Pilgerreise, seinem persönlichen Jakobsweg finden muß.
Der Protagonist, Hartmut Hainbach ist in Bonn Professor für Philosophie und hat eigentlich alles erreicht. Er hat seine Traumfrau geheiratet, die er immer noch über alles liebt.
Dennoch ist Hartmut nicht glücklich. Seine Frau ist nach Berlin gezogen, um für ein kleines Theater zu arbeiten. Die gemeinsame Tochter distanziert sich ebenfalls von ihren Eltern und studiert in Hamburg. Durch die Wochenendbeziehung mit seiner Frau und die unausgesprochenen Verletzungen leben alle in der Familie aneinander vorbei und ziehen sich immer mehr in die eigene Melancholie zurück.

Hartmut vergeht auch alle Lust an seiner Arbeit und als ihm ein überraschendes Angebot eines befreundeten Verlegers aus Berlin gemacht wird, will Hartmut endlich Klarheit. Denn eigentlich meint er, hätte er doch mit Ende fünfzig alle Entscheidungen, die einen Lebensweg betreffen, bereits getroffen. Er ist innerlich getrieben und macht sich auf eine Reise nach Frankreich und Portugal, die eine Reise zu seinem Inneren wird. Er ist sich unsicher über die Verhältnisse zu seiner Tochter, zu seiner Ehe und über ihr gemeinsames Leben. Wäre es seiner Frau denn Recht, würde er mit ihr gemeinsam neubeginnen oder ist es ihr Wunsch, sich für sich alleine neu zu finden?

Gerade diese Frage wird nun in dem Roman „Gegenspiel“ verdeutlicht, denn jetzt wird die Geschichte neu und doch viel tiefgängiger aus der Sicht von Maria, Hartmuts Frau, erzählt.

Mitte der Siebzigerjahre möchte Maria als junge Frau weg aus ihrer Heimat Portugal. Denn das Land bietet ihr wenig Perspektiven und es gab dort einige Unruhen, die neben der Revolution des Landes zu einer tiefen, erst gegen Ende des Buches erzählten, seelischen Verletzung Marias führten.
Sie ist eine Frau, die viel vom Leben erwartet. Sie will als junge Frau kein biederes Familienleben und geht daher nach Berlin, um dort zu studieren. Sie hat eine Beziehung mit einem rebellischen Theatermacher, die zwar bald scheitert, aber sie in der bewegten, kreativen und auch gewaltbereiten Künstler- und Hausbesetzerszene Westberlins erwachsen werden lässt.

Später lernt sie den Philosophiestudenten Hartmut kennen und zieht als dessen Ehefrau in die nordrhein-westfälische Provinz. Als Mutter ihrer gemeinsamen Tochter wird sie zur Hausfrau in einem spießigen Umfeld und arrangiert sich mit der Karriere ihres Mannes als Philosophie-Professor. Sie durchlebt eine depressive Phase, in der sie die Bestätigung nur noch außerhalb ihrer Ehe sucht und alle in ihrem Umfeld und besonders sich selbst damit verletzt. Als später Philippa, ihre Tochter, erwachsen wird und nach Hamburg zieht, um dort zu studieren, trifft Maria eine Entscheidung und schließt sich erneut der Theatergruppe in Berlin an…

Beide Romane, „Fliehkräfte“ und „Gegenspiel“ stehen für sich und können apart voneinander gelesen werden.

Mir hat es aber nun in Folge sehr gefallen, die mir bekannte Geschichte neu zu erleben bzw. zu lesen.
Ein Roman über die Lebenslügen innerhalb einer Lebensgemeinschaft und der Familie. Eine berührende Geschichte über den Drang nach Freiheit, eigenem Ausdruck und Verwirklichung. Ein teilweise verstörendes Bild über die Täuschungen und Selbsttäuschungen und über Verantwortung gegenüber anderen und gegenüber der eigenen Biographie und dem eigenen Leben.

„Gemeinsame Lebenslügen sind komplizierte Gebilde, aber das zugrundeliegende Prinzip ist simpel: Einer will nicht hören, was der andere sich nicht zu sagen traut.“

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Ein Rückblick…

Wir wünschen allen Buchfreunden einen frohen und guten Jahreswechsel.

Die Zeit der Rückblicke. Heute möchte ich auch kurz den Versuch wagen und schauen, welche Bücher es waren, die wohl für mich einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben.

vermisstenDurch seine unverblümte Realität hat mich der Roman. Gebete für die Vermissten“ von Jennifer Clement begeistert. Kein Roman für „Heile-Welt-Leser“, aber umso wichtiger. Es ist der schmutzige Drogenkrieg, der besonders die Frauen trifft. Ein Leben zählt nicht viel, besonders wenig das der Mädchen und der Frauen. Ein Roman, der mich mitgerissen und tief berührt hat. blue
Bei dem unglaublich tollen Debüt von Solomonica de Winter „Die Geschichte von Blue habe ich mir die Frage gestellt, wie kommt eine so junge Autorin dazu, sich mit einem solchen komplexen Thema und tiefgründigen Charakterstudien zu beschäftigen? Ein Roman , der den Leser wanken lässt und ihm am Ende den Boden unter den Füßen wegzuziehen vermag.
Ebenso kurzweilig, aber mit tollen Leseerlebnissen habe ich Ein ganzes Leben“ von Robert Seethaler gelesen. Das kleine Buch hat seinen Titel zu Recht und es birgt in sich die Fülle eines Romans, die andere Autoren meist nur in einem dicken Wälzer ausleben können. Wenn man die letzte Zeile gelesen hat, spürt man die zarte Traurigkeit, aber auch die Hoffnung, etwas von dem stillen Leben des Protagonisten möge am Leser hängen bleiben….
wunderlichGleich Wunderlich aus Wunderlich fährt nach Norden“ von Marion Brasch, der auch immer wieder in meinem Kopf mit seiner wundersamen Geschichte auftaucht. Eine tolles Buch voller Magie und schrulligen Typen.
Schrullige und echte Typen hat auch der Autor Tom Rachman in „Aufstieg und Fall großer Mächte zu bieten. Aufstieg und FallEin Roman, der viele kleine Kästchen beleuchtet, aber erst am Ende zu einem Ganzen zusammenbaut, gleich einem Zauberwürfel. Eine Geschichte über Freundschaft, Liebe und Mut, also die großen Bausteine des Lebens. Wenn es im Kleinen nicht mehr funktioniert, warum sollte es dann im Großen gelingen? Das Versagen des Gebildes der Familie kann sich in dem Scheitern großer Mächte wiederfinden.
Anna Funder beschreibt in ihrem Roman Alles, was ich bin die Beklemmung der Epoche der Künstler, die ab 1933 in das Exil gehen mussten und versteht es, den Leser diese Zeit nacherleben zu lassen.
9783866481961Ein weiteres Debüt, das ich ebenfalls sehr gerne gelesen hatte ist von Anne von Canal „Der Grund. In dem Buch wird die Frage aufgeworfen, wie oft kann und muß ein Mensch von vorn beginnen?

Aber es gibt so viele tolle Bücher, die mich gefesselt, begeistert und länger begleitet haben. Das wunderbare Buch von Murakami, diesmal kein Roman sondern eine Sammlung an Kurzgeschichten. 4619268400001ZOder das kleine, feine Buch von Christian Hanewinkel „Lonesome zweisam an deren Protagonisten ich immer wieder denke, wenn ich Platten, d.h. CDs von Porcupine Tree höre.

Ebenso habe ich sehr gerne viele und tolle Kinder- und Jugendbücher gelesen, diese sind als eine Auswahl auf unserer Homepage zu finden.

Persönliche Highlights waren wohl die diversen tollen Lesungen und Veranstaltungen bei uns in der Buchhandlung. Wir haben dadurch das Glück, tolle Menschen und Autoren intensiver kennenlernen zu dürfen. Siehe unsere Rückblicke. Ich durfte auch als Redner, vor Arne Rautenberg, über meine Leidenschaft zu Büchern sprechen. Siehe den Rückblick auf die Veranstaltung „5 Blicke ins Buch„.

Wenn ich bereits Porcupine Tree erwähne, möchte ich auch kurz meine wohl am häufigsten gehörten CDs in diesem Jahr vorstellen. Denn die Band „Opeth“ hat für mich eine Wundertüte an tollen Rocksongs geschaffen, die alte Zeiten völlig neu erklingen lassen. Die Platte: „Pale Communion“ gehört für mich zu einem Meilenstein der Musikgeschichte. Ferner hat der Musiker Yosssassii Sassi eine CD eingespielt, die tief verwurzelt ist in Fusion, Rock und Weltmusik. „Desert Butterflies“ ist sein zweites Solo-Album. Oft läuft bei uns aber auch „The Common Linnets“, ein musikalisches Gelegenheitsduo, bestehend aus den niederländischen Sängern Ilse DeLange und Waylon (eigentlich Willem Bijkerk).

Im Kino haben mich wohl länger die Filme: „A most wanted Man“, „Die zwei Gesichter des Januars“, „Can a Song save your life?“ und „Interstellar“ begeistert…
Leider waren wir dieses Jahr viel zu wenig im Theater, hatten aber viel Spaß mit „Der Rocky Horror Show“ im Opernhaus Kiel.

Ich freue mich nun auf die vielen tollen neuen Leseerlebnisse und verweise jetzt schon auf große, kommende Werke, die wir hier demnächst vorstellen werden. Im Januar erscheint ein neues tolles Buch von Ian McEwan, das ich bereits lesen durfte und zum Erscheinen im Leseschatz besprechen werde. Ebenso habe ich den neuen Roman von Stephan Thome gelesen. Das Buch heißt „Gegenspiel“ und erzählt eine uns aus „Fliehkräfte“ bekannte Geschichte völlig neu – ein tolles Gegenspiel.
Auch haben wir bereits tolle Lesungen in Planung für das kommende Jahr.

Wir freuen uns auf ein spannendes neues Bücherjahr und wünschen allen ein schönes neues Jahr!
Herzliche Grüße und erlesene Stunden!

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Petra Hartlieb „Meine wundervolle Buchhandlung“

Buchhandlung

Nun habe ich endlich mal das Buch gelesen, daß eigentlich auch in Teilen unsere Geschichte ist. Aber warum tue ich es mir gerade jetzt an? Im beginnenden Weihnachtsgeschäft lese ich das Büchlein von Petra Hartlieb „Meine wundervolle Buchhandlung“. Ich lese abends über Situationen, die ich jetzt verstärkt selbst erfahre. Ich erlese für mich keine neue Welt, nur eine etwas andere und es verwischt in meinen Erinnerungen… Ein defektes EC-Karten-Gerät im Weihnachtsgeschäft: hab ich es gerade im Buch gelesen oder war es vor kurzem Sonja und mir passiert…?

Ein Buch, das ich sehr gerne gelesen habe. Denn es geht um uns, die Buchhändler, die in diesen Zeiten verrückt sind und sich in die Selbständigkeit stürzen. Ein Roman, der voller Wahrheit und Leben ist und von der Leidenschaft handelt, die in uns Buchhändlern steckt. Ein Bericht über den unerschütterlichen Glauben, daß die Zeiten von wundervollen Buchhandlungen nicht der Vergangenheit angehören (siehe auch meinen Vortrag zu „5 Blicke ins Buch„).

Gleich wie wir, die auch den Traum einer eigenen Buchhandlung seit der Ausbildung haben, hat Petra Hartlieb mit ihrem Mann eine Buchhandlung erworben. Unser Schritt war ebenfalls ein großer aber ein nicht ganz so weiter. Denn Familie Hartlieb lebte in Hamburg und hat besagte Buchhandlung in Wien gekauft. Einfach mal im Internet mitgeboten und dann auch noch den Zuschlag erhalten. Herr und Frau Hartlieb sind wie wir naiv, aber mit großem Herzen für die Sache ans Werk gegangen. Im Buch erzählt Petra Hartlieb wie sie zur Buchhändlerin und immer mehr zu einer Unternehmerin wird. Gelernter Buchhändler ist ihr Mann, der gleich wie ich auch Verlagskenntnisse aufweisen kann.

Die Buchhandlung ist eine traditionelle Sortimentsbuchhandlung in Wien, die nun mit diesen neuen Inhabern und ihrem sehr charmanten Team zu einem kulturellen Treffpunkt wird. Die Anekdoten sind jene, die jeder Buchhändler wohl zu erzählen weiß. Ich fand mich so oft beim Lesen bestätigt und konnte oft Sonja und mich im Text wiederfinden. Es ist eine Huldigung unseres tollen Berufes und des Lesens, der Menschen, die gute Geschichten und Bücher lieben. Petra Hartlieb schreibt ferner mit Claus-Ulrich Bielfeld eine Krimireihe.

Ich empfehle daher jedem, der mal etwas von uns erfahren möchte, warum wir weiterhin das gedruckte Buch lieben, warum man sich heutzutage mit einer Buchhandlung selbständig macht, dieses kleine Werk zu lesen. Es sind kurzweilige, vergnügliche Lesestunden über uns, den hoffentlich sympathischen Buchhändlern…

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„Förde Fräulein“

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Heute mal kein Leseschatz, sondern ein Buchschatz. Die Autorin Merle Primke hat für uns Kiel neu erfahren…
Wir Kieler kennen das häufige Vorurteil, dass man unserer schönen Förde-Stadt entgegenbringt, nämlich dass die Stadt nichts zu bieten hätte. Meistens denkt man als alter Kieler Seebär ähnlich und ist dann oft erstaunt, was es alles so bei uns zu entdecken gibt. Toll ist auch gerade, dass in Kiel alles sehr schnell zu erreichen ist – ob die Innenstadt oder die naheliegende Natur – Wasser, Wald oder die vielen Felder…
Merle Primke hat es sich nun zur Aufgabe gemacht Kiel zu entdecken. Ihre Geheimtipps sind tolle, individuelle Läden, Cafés und Restaurants. Ihre Vorliebe ist das Individuelle und mit viel Liebe und Herz bringt sie uns Kiel als die schöne, verträumte Stadt wieder näher… Es ist bereits ein richtiger Kult um das Förde-Fräulein entstanden, denn es gibt bereits auch diverse Non-Book-Produkte

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Leider sind wir im Buch nicht dabei…

Unser Weihnachtsspezial:
Der Verlag und wir verlosen zwei Bücher mit jeweils tollen Produkten aus dem „Falkemedia-Shop“.
Die Gewinner können dann das Buchpaket in der Buchhandlung Almut Schmidt abholen.
Einfach uns in einem kleinen Satz als Kommentar hier im Blog oder bei Facebook schreiben, warum Sie oder Ihr meint, dass Ihr das Buch haben möchtet…

Unter allen Antworten verlosen wir die beiden Buchpakete und geben die Gewinner am Mittwoch, 17.12.2014 bekannt. Viel Glück!

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Ulf Erdmann Ziegler „Und Jetzt Du, Orlando!“

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Denn die einen sind im Dunkeln
Und die andern sind im Licht.
Und man siehet die im Lichte
Die im Dunkeln sieht man nicht.
B. Brecht

Dies Zitat, die Strophe aus der Moritat von Mackie Messer aus der Dreigroschenoper geisterte in meinem Kopf als ich den neuen Roman von Ulf Erdmann Ziegler „Und Jetzt Du, Orlando!“ las.
Ein Buch mit großen Bildern, die viel Freiraum für Assoziationen zulassen sowie diverse Gedankengänge des Lesers auslösen können.

Ein kluger Text, der von den Emotionen erzählt, die auf den großen Leinwänden der Lichtspielhäuser stattfinden, bis zum oberflächlichen Beobachten jener „Kopf-Nach-Unten-Generation“, die auf den kleinen Bildschirmen ihrer Smartphones Nachrichten und Wissen verwischen…
Ein Roman von `Tänzern im Dunkeln´. Von Menschen, die das Licht sind, das man sieht, und durch deren Betrachten man selbst heller wird. Gleich dem Höhlengleichnis ist das Buch durchwoben von Schatten-Licht-Spielen, die an die großen Kinomomente erinnern.

Als der Film „Dancer in the Dark“ von Lars von Trier mit Björk in der Hauptrolle vermarktet werden soll, treffen sich Oliver und Olando. Zwei Männer, die sehr unterschiedlich sind, sich aber sehr verbunden fühlen. Oliver, der Ich-Erzähler, wurde 1959 in Ulm geboren und hat Betriebswirtschaft studiert. Jetzt lebt er in London und arbeitet für einen Filmverleih. Orlando ist jünger und hat angefangen Philosophie zu studieren. Das Studium bricht er ab, um auch in die Unterhaltungsindustrie zu wechseln, da er sich mit Musik auskennt. Er kauft Filmmusikrechte ein.
Oliver und Orlando werden Freunde, die sich regelmäßig abends treffen und durch London ziehen und miteinander reden. Wenn ihnen mal die Worte fehlen, fällt ihnen stets eine passende Filmszene ein, denn beide sind vom Kino begeistert.
Ihre Kreise, die sie ziehen, werden immer größer und sie landen in diversen Kneipen, Pubs und Musikclubs. Beide sind verlorene Nachtgänger, die ihr Schattendasein ausleben und durch ihre Gespräche immer mehr aus ihrem Leben preisgeben. Oliver lebt erst nach seiner Ankunft in London auf und findet seine zukünftige Frau, während Orlando uns Einblicke in seine komplizierte Familiengeschichte gibt.
Auch beruflich bleibt es nicht gradlinig, denn es kommen große Veränderungen auf die Unterhaltungsindustrie zu und mit dem Fortschritt der neuen Techniken verlagern sich auch die Aufgaben und die Sicht von Oliver und Orlando. Es läuft darauf hinaus, daß man am Ende überflüssig werden könnte. Gleich zu Beginn des Textes wird deutlich, daß das Leben der Protagonisten aus den Fugen geraten wird und sie nicht die gemeinsame Zeit haben werden wie erhofft…

Ein Roman über Freundschaft und nicht nur für Cineasten großes Kino. Ein Buch, das viel im Leser anregen kann und viele Andeutungen zu Filmen und Literatur spannt.

Ein Text der provoziert, unterhält und in Teilen witzig zu lesen ist, aber viel Raum zum Grübeln geben wird…

Ulf Erdmann Ziegler wird am Mittwoch, 18.02.2015, 19:00 Uhr bei uns aus „Und Jetzt Du, Orlando!“ in der Buchhandlung Almut Schmidt lesen.

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Leseschatz, die zweite….

Wir haben einen neuen Leseschatz-Film gedreht. Dies ist bereits unser zweiter Film auf unserem YouTube-Kanal. Hier besprechen wir die Titel, die uns begeistert haben. Wir besprechen Romane, Kinder- und Jugendbücher, sowie Krimis und phantastische Literatur.

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Patrick Modiano: „Gräser der Nacht“

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Ein Roman, der einem Erwachen gleicht. Man fühlt mit dem Erzähler, der sich im ersten Satz bereits fragt, ob er alles nur geträumt habe. „Gräser der Nacht“: der Titel ist wie ein Bild, das die Geschichte spiegelt. Im Hellen mag alles deutlich sein, jedes Detail, jeder Grashalm ist zu erkennen, doch mit der Dämmerung verblassen die Farben, die Eindrücke und das Einzelne. Es bleibt nur die Erinnerung an das farbige Leben.

Patrick Modiano, gerade mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet, hat mit „Gräser der Nacht“ zeitgenössische Erinnerungsliteratur geschrieben. In einem stets undramatischen und leicht melancholischen Ton wird die Geschichte mit der Gegenwart und dem Paris der sechziger Jahre verbunden. Aus der Distanz eines halben Jahrhunderts erinnert sich der Erzähler Jean, wie er Mitte der sechziger Jahre in Paris die geheimnisvolle Dannie kennenlernte. Jean streift durch das heutige Paris und wandert zurück in seine Vergangenheit. Mit Hilfe seiner damaligen Notizen und den Orten, die er jetzt wieder aufsucht, versucht er sich zu erinnern. In ihm und dem Leser wird immer mehr das Gefühl der beständigen Ungewissheit verstärkt. Bestimmte Namen, Gesichter und Details kommen ihm in den Sinn. Aber es scheint niemanden mehr zu geben, der jetzt mit ihm über damals reden kann oder mag. Er versucht Zeugen der damaligen Geschichte zu finden, doch scheinen alle vergessen zu haben. Oder es scheint keine Zeugen zu geben.
Als Jean damals Dannie kennenlernte und sich in sie verliebte, hatte sie viele Adressen und Namen. Sie lebte mit falschen Papieren und verkehrte mit einer zwielichtigen Gruppe von Menschen, die politische Kontakte nach Marokko unterhielten. Trotz der beständigen Ungewissheit wurden beide ein Liebespaar. Er der angehende Schriftsteller und sie, die Frau, die von vielen Geschichten umrankt ist und die auch von der Polizei gesucht wird. Dannie verschwindet einfach von einem Tag auf den anderen und Jahre später wird Jean als Zeuge von den Behörden zu einem ungeklärten Todesfall verhört. Es geht auf die wahre Geschichte eines marokkanischen Exilpolitikers zurück, der am 29. Oktober 1965 in Paris entführt und ermordet wurde.

Ein literarischer Roman voller Feinsinnigkeit und Schönheit. Ein Buch, das den Leser das Verwirrspiel der Protagonisten und dieser Geschichte nachempfinden lässt. Ein sprachlich schöner Roman, der seine Tiefe in jenen melancholischen Grautönen hat, die einer Dämmerung gleichen, jenem Zustand, der dem Betrachter die Kontraste und Farben wegnimmt. Auch wenn alles da ist, bleibt es in der Nacht oder in den Zeiten verborgen…

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Nick Hornby: „Miss Blackpool“

Hornby

Der neue Roman „Miss Blackpool“ von Nick Hornby entführt uns zu den wilden, bunten Zeiten der 60er-Jahre. Hornby nimmt uns mit zu den Anfängen der großen Unterhaltungsindustrie, zu den großen britischen Helden aus der Medienwelt mitten ins Swinging-Sixties-London.
Die Protagonistin, Barbara, die am Anfang der Geschichte an der Wahl zur „Miss Blackpool“ teilnimmt, den Preis aber nicht annimmt und die Provinz verlässt, weil sie kein weiteres Jahr in dem Dorf aushält, zieht nach London. Sie geht in das Zentrum der entstehenden Pop- und Rockkultur, um Komikerin zu werden.
Zuerst arbeitet sie als Verkäuferin und ihr Weg auf die Bühne erscheint aussichtslos. Aber sie bekommt bei einem Vorsprechen die Chance ihres Lebens und aus Barbara wird Sophie. Um mit ihrer Vergangenheit abzuschließen nennt sie sich ab sofort nur noch Sophie und wird in einer Gruppe von aufsteigenden Künstlern aufgenommen, die zu ihrer Familie werden. Sie wird ein Star innerhalb der Truppe rund um die beiden Drehbuchautoren Tony und Bill, den Produzenten Dennis und den Schauspielkollegen Clive. Sophie spielt in der Sitcom eine junge Frau namens Barbara. Vor der Kamera wird aus Sophie wieder Barbara…

„Aber dann bewegen wir uns doch. Wenn auch nur im Kreis!“

Die Serie wird trotz einiger Katastrophen ein Riesenerfolg. Doch der Roman zeigt mehr das Leben um die leuchtenden Sternchen jener Tage. Was passiert, wenn der Ruhm und die Ideen ausbleiben, was bleibt, wenn die Schönheit verblasst?

„… Darum ging es die ganze Zeit, von Anfang an. Ich wollte berühmt werden, dass meine Mutter in der Zeitung von mir liest oder mich im Fernsehen sieht und mich dann sucht und findet.“

Die Geschichte ist sehr unterhaltsam erzählt. Es wird eine Zeit lebendig, in der vieles seinen Anfang nahm. Es treten im Text Legenden aus Pop- und Rockgeschichte auf, die mich heute noch begeistern. Es kommt zu stets bekannten Diskussionen und Streit beim Durchstöbern der Plattensammlung, ob nun Beatles oder Rolling Stones… Es ist die Welt der am Hungertuch nagenden Drehbuchschreiber, der überarbeiteten Regisseure und meist egozentrischen Schauspieler und der vom Ruhm träumenden Mädchen…

„Die letzten vier Jahre hatten ihr Ruhm und Geld gebracht, aber auch Verwirrung. Konnte sie überhaupt irgendwas? Oder hatte sie nur Glück gehabt?“

Das Buch heißt im Original „Funny Girl“ gleich dem Roman von Anthony McCarten, in dem eine kurdische junge Frau in London Komikern wird. Der McCarten war etwas bissiger und eher eine multikulturelle Gesellschaftskomödie. Der neue Hornby swingt und beleuchtet mehr die Zeit der 60er Jahre im brodelnden London, auch wenn die Figuren ab und zu mit dem Inhalt verblassen…

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Frans Eemil Sillanpää: „Frommes Elend“

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Der finnische Autor Frans Eemil Sillanpää lebte von 1888 bis 1964 und hat als bisher einziger Autor aus Finnland den Nobelpreis für Literatur erhalten.
Der Roman „Frommes Elend“ ist ein unglaublich schöner Leseschatz und ein Buch, das man aufgrund der Gestaltung und des Formats sehr gerne in die Hand nimmt.
Es ist ein literarisches Werk, das mich durch die tragische Geschichte und die tolle Sprache und den teils humorvollen und ungewöhnlichen Erzählstil gefesselt hat.
Ein älterer Roman, der dennoch an Aktualität nichts eingebüßt hat und sich gut neben der modernen Literatur behaupten kann. Mich hat das Buch ab und zu an die kürzlich erschienene Novelle von Robert Seethaler „Ein ganzes Leben“ erinnert, auch wenn es mehr von John Knittels „Via Mala“ ins sich birgt.

Der Roman erzählt einen Lebensweg in einer Umgebung, die uns heutzutage fremd und sehr fern ist. Es ist eine harte, karge und trostlose Welt, in der wir uns beim Lesen verlieren können. Ein Text, der jeden Leser emotional fesseln und zu Herzen gehen wird.

Die Geschichte beginnt gleich mit dem Ende. Die Hauptfigur wird mit neun weiteren Gefangenen vom Kriegsrichter zum Tode verurteilt. Vor dem Massengrab werden diese erschossen und Jussi, der der letzte ist, legt sich zu den anderen Leichen, was dem Erschießungskommando nicht recht ist. Er soll im Stehen erschossen werden.
Es ist der Bürgerkrieg, der während einer Lebensmittelkrise im ersten Weltkrieg entfacht wurde, der sein Leben fordert. Durch die Kombination mit russischer Propaganda radikalisierte sich zum damaligen Zeitpunkt die Arbeiterbewegung in Finnland. Die Arbeiterklasse nahm die Ideale des Sozialismus an und fand Zuspruch in der Landbevölkerung. Der Bürgerkrieg brach letztendlich wegen der Unzufriedenheit gesellschaftlicher Gegensätze aus und forderte sehr viele Opfer. Warum unser Held Jussi erschossen wird, ist aber eher auf ein Missgeschick zurückzuführen und wird erst gegen Ende des Romans erzählt.

Der Protagonist kommt 1857 auf dem Nikkilä-Hof zur Welt. Je nach Gelegenheit wird er Jussi, Juha, Johan oder Janne genannt. Später wird ihm der jeweilige Hof-, bzw. Ortsname angehängt, in dem er gerade lebt bzw. arbeitet: Nikkilä-Jussi, Tourila-Jussi und Toivola-Juha.
Jussi selber hat eine kleine Auffassungsgabe und ein geringes Denkvermögen. Somit gelangt er in seinem ganzen Leben stets in tragische Geschichten.

Seine Eltern sind Bauern, die durch die Trunksucht des Vaters alles verlieren und als dieser später stirbt, verlässt die Mutter mit ihrem kleinen Sohn den Hof. Sie werden ein Teil jener Bettler, die durch die große Hungersnot in Finnland (1866 bis 1868) durch die Lande ziehen. In diesen drei Jahren verhungerten ca. 270 000 Menschen. Die Gründe für diese Katastrophe waren die vorangegangen dürftigen Ernten und die ungünstigen Wetterverhältnisse hatten dann für die kommenden Ernten verheerende Auswirkungen.

Jussi kommt auf dem Hof des Onkels unter. Er muß schnell seine Kindheit hinter sich lassen und soll als Knecht harte Arbeiten erledigen. Durch einen Jungenstreich, den einer seiner Freunde Kustaa auf einem Fest mit den Gästen spielt, verliert Jussi auch dieses Zuhause. Diese Art von Missgeschicken wird sich durch sein ganzes Leben ziehen. Denn immer sind es Andere, die ihn lenken und benutzen. Er in seiner fast frommen, wenn nicht gar naiven Unschuld wird stets ins Elend katapultiert. Sei es die Geschichte über seinen Lohn für die Waldarbeiten, den Andere ihm entwenden oder auch seine zukünftige Frau, die ihm auch nie die ganze Wahrheit erzählt oder jener Kriegsrichter am Ende, d.h. am Anfang des Romans, der kaum finnisch kann…

Ein Roman voller Leben. Ein Lebensweg, eines Mannes, der in seinem Alltag auf dem Hof und in der Natur danach strebt, ein menschenwürdiges und anständiges Leben zu führen. Der Roman wurde gekrönt mit dem Literaturnobelpreis und erzählt ein tragisches und anrührendes Schicksal, das dennoch positiven Mut im Leser weckt. Schön, das dieser Leseschatz vom Guggolz Verlag wieder gehoben wurde und somit vielen Lesern erneut zugänglich gemacht wird.

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