Dennis Lehane: „The Drop – Bargeld“

The Drop

Ein kurzer Gangster-Roman mit Biss…

„The Drop – Bargeld“ ist die Romanvorlage des gleichnamigen Films. Der Film, der auf der Kurzgeschichte „Animal Rescue“ von Dennis Lehane basiert, kommt in Deutschland am 4. Dezember 2014 ins Kino. Dennis Lehane schrieb bereits „In der Nacht“, „Mystic River“ und „Shutter Island“.

Es ist ein sehr kurzweiliger Roman, der sich eigentlich recht schnell zusammenfassen lässt, aber mit einem leicht überraschenden Ende aufwartet, denn nicht jede Figur in der Geschichte spielt die Rolle, die man von ihr erwartet hätte. Die Charaktere, die sich sehr filmreif in meiner Phantasie herausgebildet hatten, sind auch die Stärke des kurzen Textes. Die gezeichneten Figuren von Lehane benötigen keine große Einführung, sie sind einfach da und leben im Leser.

Die Handlung beginnt mit einer Tierrettung. Der Hauptprotagonist Bob Saginowski, ein Barkeeper, findet einen kleinen Welpen, den er aus einer Mülltonne befreit. Da er mit sich selber nicht ganz im reinen lebt und eine dunkle Vergangenheit hat, ein Geheimnis, das er bereits Jahrzehnte lang hütet, bringt er den kleinen Hund vorerst bei Nadia unter. Die sympathische Nadia tritt ebenfalls durch diese Rettungsaktion in Bobs Leben und erobert gleich dem Hund sein Herz, womit er in seiner Welt verwundbarer und leicht erpressbar wird.
Seine Welt ist die Bar, in der er arbeitet. Das Besondere an dieser Bar ist, dass sie von dem organisierten Verbrechen als „money drop“, eine Art Gelddepot, benutzt wird. Hier wird, unter der Aufsicht von Bobs Chef und Cousin Marvin, nach einem ausgeklügelten System das Geld der örtlichen Mafia deponiert.
Eines Tages stürmen aber bewaffnete Männer die Bar und überfallen diese. Es dauert nicht lange bis die eigentlichen Besitzer ihre Geldeinlagen von Bob und Cousin Marv zurückverlangen. Die beiden müssen nun alles daran setzen, die Räuber aufzuspüren und das Raubgut wiederzubeschaffen. Da Bob der ermittelnden Polizei leichtgläubig etwas mehr Informationen gibt, bricht eine Lawine aus Gewalt über das Viertel hinein, in dessen Zentrum die Bar und Bob stehen. Die Ermittlungen, angeführt von einem kirchentreuen und übereifrigen Polizisten, wühlen tief in der Vergangenheit des Stadtteils, in dem jeder auf seine Weise ums Überleben kämpft. Auch wenn die Täter schnell gefasst wurden, bleibt die Frage, wer wirklich hinter dieser Aktion steht und, wer der wahre Mörder von Richie Whelan ist, den alle nur „Glory Days“ nennen?

Ein wirklich sehr kurzweiliger, aber toller Lesespaß. Denn der Roman ist eher eine Gangster-Novelle, die gut gezeichnete Typen beinhaltet. Aber der Hund, als zentrales Wesen, hatte es mir besonders angetan und auch wenn Menschen brutalst in einem LKW gefoltert wurden, ihm galt beim Lesen meine meiste Besorgnis.

Das Büchlein entfaltet ein gelungenes Kopfkino und ist auch die Romanvorlage zum Film von Fox Searchlight Pictures unter der Regie von Michael Roskam, nach dem Drehbuch von Dennis Lehane. In den Hauptrollen spielen Tom Hardy, Noomi Rapace und James Gandolfini. Der Schauspieler James Gandolfini, der im Juni 2013 verstarb, ist hier als der Cousin Marv in seiner letzten Rolle zu sehen.

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Tom Rachman: „Aufstieg und Fall großer Mächte“

Aufstieg und Fall

 „Es gibt keine Gesellschaften mehr, nur noch Individuen“

Der Autor Tom Rachman hat mit „Aufstieg und Fall großer Mächte“ seinen zweiten Roman veröffentlicht. Ein Roman, der viele kleine Kästchen beleuchtet aber erst am Ende zu einem Ganzen zusammenbaut, gleich einem Zauberwürfel. Eine Geschichte über Freundschaft, Liebe und Mut, also die großen Bausteine des Lebens.
Wenn es im Kleinen nicht mehr funktioniert, warum sollte es dann im Großen gelingen? Das Versagen des Gebildes der Familie kann sich in dem Scheitern großer Mächte wiederfinden. Jeder Mensch ist sein eigener kleiner Kosmos, der innerhalb einer Gruppe – Familie, Freunde, Wohngemeinschaft, gemeinsames Büro etc. – lebt, aber dennoch für sich als Individuum empfindet und oft auch innerhalb einer Gesellschaft ziemlich alleine sein kann. So entpuppen sich die Menschen, die man liebt nicht immer als jene, die Gutes für einen wollen. Ein Mensch, in dem man einen guten Freund gefunden zu haben meint, kann sich Jahre später als ein Mensch entpuppen, für den man lediglich ein Geschäft war, ein Projekt, das materielle Sicherheit versprach. Anhand der Geschichte der Hauptprotagonistin, die sich Tooly nennt, wird jener Lebensweg eines möglichen Werdegangs einer Gesellschaft dargestellt, die biographisch aufsteigt aber auch fallen kann…
Die Geschichte springt zwischen drei Stadien des Lebens von Tooly hin und her. Sie als Kind, die von ihrem Vater mehr oder weniger entführt wurde, weil er sie beschützen wollte. Als junge Erwachsene, die innerhalb einer ungewöhnlichen Wohngemeinschaft lebt. Als 30 Jährige Frau, die in Wales ein Buchhandlung bzw. eher ein Antiquariat führt und sich auf die Suche nach all diesen Menschen macht, die sie beschützt, geliebt, verraten und erzogen hatten. Die Reise geht von Wales nach Bangkok, nach New York, nach Italien, von den 1980er Jahren bis in die Gegenwart, vom Ende des Kalten Krieges zu Aufstieg und Schwanken amerikanischer Macht bis zur digitalen Revolution unserer Tage.

„Alle wollen es wirklich, aber nur wenige gewinnen, und fast alle verlieren. Die Menschen mögen sich damit nicht abfinden, also reden sie sich ein, dass sie insgeheim und zumindest ihren eigenen Kriterien zufolge gar keine Versager sind. Aber ach“, schloss er lächelnd, „das individuelle Ego erweist sich Tatsachen gegenüber ebenso unzulänglich wie jedes nationale Ego.“

Das Buch lebt von den Protagonisten. Neben der sehr sympathischen Tooly lernen wir ihre skurrilen, getrennt lebenden Eltern kennen, die kaum in der Lage sind für ein Kind zu sorgen. Daher landet Tooly in einer schrägen Wohngemeinschaft mit einem kauzigen alten, griesgrämigen schlauen Mann namens Humphrey, der Schach sowie Bücher liebt und mit schwerem russischem Akzent spricht.

„…aber sei vorsichtig: Triviales Mensch regiert die Welt.“

Es folgt die Liebesbeziehung zu dem Jurastudenten Duncan, der in einer Studenten-WG wohnt. Den größten Einfluß auf ihr Leben hat der charismatische und exzentrische Alleskönner Venn, der Tooly eines Tages einfach sitzen lässt.
Als erwachsene Frau, möchte sie endlich ein Fundament schaffen und Klarheit in ihre Geschichte bekommen. Warum hat der Vater sie entführt, warum spricht Humphrey auf einmal klares und deutliches Englisch? Wo ist ihre große Liebe Venn geblieben? Während sie diesen Fragen und dazugehören Menschen nachreist, wird ihr Leben durch die Luft gewirbelt… Erst Stück für Stück baut sich das ganze tragische Bild einer Frau auf, die stets in Abhängigkeiten geraten ist, die mal gut, mal ehrlich zu ihr waren, aber auch einige, die es nicht gut mit ihr gemeint hatten und sie lediglich benutzten, um ihre eigenen Ziele zu verwirklichen.

Ein Roman, der toll komponiert wurde und von den verschrobenen und guten charakterisierten Figuren lebt. Ein Plädoyer für den Zusammenhalt, für die Familie und die Freundschaft. Auf persönlicher, wie auf globaler Ebene.

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„Der Schimmelreiter“

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In den Kieler-Nachrichten wurde in den letzten Tagen der „Schimmelreiter“ als Graphic Novel vorgestellt. Dies war aber mal wieder nicht die neueste Ausgabe. Die in der Zeitung besprochene Ausgabe hatten wir bereits am 05.11. 2013 hier im Leseschatz vorgestellt.
Neu ist die Ausgabe im Boyens Verlag, der uns die Bilder von Jens Natter freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat.
Zum Inhalt der Novelle von Theodor Storm muß man wohl nicht mehr viel verlieren und warum ich es hier vorstelle? Ein Hauke kann nicht anders…
Ob man die Zeichnungen mag ist Geschmackssache – einen kleinen Eindruck kann man sich in der angefügten Bildergalerie verschaffen (zum Vergrößern einfach anklicken).
Ich mag den Schimmelreiter sehr und wurde mit dieser graphischen und künstlerischen Umsetzung sehr gut und kurzweilig unterhalten.
Ein schöner, kurzweiliger und klassischer Leseschatz.

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‚5 Blicke ins Buch‘

Ein Rückblick auf die Veranstaltung am Freitag, 17.10.2014 im Statt-Café / KulturForum Kiel

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Der Gastgeber Timo Off sprach über Bücher und führte mit kurzen, netten und sehr persönlichen Moderationen durch den Abend.

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Seine Gäste waren alles Menschen, die eines gemeinsam hatten, die Liebe zum Buch. Als erster Redner sprach Björn Högsdal als Poetry Slammer. Seine Ausführungen boten einen guten Einblick in die Kunst des gesprochenen Wortes, das auf der Bühne eine andere Gestalt annehmen kann als in gedruckter Version. Friederike Moldenhauer regte an, sich Gedanken zu machen, warum wir lesen, was wir lesen und „wie finde ich das richtige Buch für mich?“ Tim Eckhorst führte uns kurzweilig in die Kunst der Comics ein und als letzter Redner sprach der Kieler Autor und Lyriker Arne Rautenberg.

Als dritter Redner, vor Arne Rautenberg, sprach ich über meine Leidenschaft zu Büchern und darüber Buchhändler zu sein.

Ich

Hier nun mein Text, den ich mehr oder weniger so vorgetragen hatte:

„Vielen Dank für die Einladung!

Meine Name ist Hauke Harder und der nordische Name mit dem literarischen Bezug wurde mir von meinen Eltern wohl auch zur Liebe zu guten Geschichten mitgegeben. Ich bin gelernter Buchhändler und habe mich vor drei Jahren mit meiner Frau Sonja selbstständig gemacht. Wir sind die Inhaber der Buchhandlung Almut Schmidt in Kiel (Pries-Friedrichsort). Diese Buchhandlung haben wir übernommen und führen diese im klassischen Sinne einer guten Buchhandlung weiter.  Bei uns soll sich jeder wohlfühlen, der auf der Suche nach einer guten Geschichte ist. Ob Jung oder Alt…

Was ist die Aufgabe eines Buchhändlers in der heutigen Zeit, in der die digitalen Medien so schnelllebig und als schick gelten? Wir sind Medienhändler, d.h. wir vertreiben gute Geschichten. Wir verkaufen nicht nur Bücher und andere Medien. Durch unsere Menschenkenntnis und das inhalierte Wissen aus unzähligen niedergeschriebenen Erzählungen, Geschichten von diversen Autoren und Autorinnen werden wir in jedem Gespräch mit unseren Kunden gefordert, das passende Buch für unser Gegenüber zu finden.  Denn wir sind kein generierter Code, der passend zu vorangegangenen Suchkriterien Verkaufsvorschläge unterbreitet. Wir sind Menschen mit wohl echten Gefühlen, die ihre Liebe und Leidenschaft zum Buch erlebbar machen und erlesene Stunden vermitteln wollen.

Lustiges gibt es im Buchhandel natürlich auch zu erleben. Gerade wenn Kunden mit einer gefestigten Sicherheit ihr Titelwissen präsentieren… „Ich Suche das Buch: `Flusstroll´“…. Oder „Ich hätte gern: `Muttis Asche´…. oder auch „Können Sie mir helfen?… Ich hätte gerne „Charme im Darm“. Klar – schnell finde ich das gewünschte Buch, Sei es „Frostkuss“ oder „Die Asche meiner Mutter“ oder „Darm mit Charme“. Der Kunde der noch bei den Kriegerinnen aus dem Amazonas sucht findet leider nur folgendes:

Treffer Muttis Asche: „Lied der blauen Frösche“ von Christel Lehmann,  „Drei Wege – ein Ziel – Überleben“ von Barbara Kohout, „Eure Ahnen in Schlesien und Pommern“ von Rita Jarmer, „Ich älteste Tochter: Tagebuch einer 12 – 16 Jährigen“ von Thea Robinson

Treffer Flußtroll: „Warhammer“ von unbekannt. Spiel. Neu – d.h. bei Amazon nie neu, sondern neuwertig: für 63.76€

Wie man sieht, haben wir Buchhändler etwas mehr Kombinationstalent, emotionale Intelligenz und recherchieren einfach besser… Auch sind die Bestellungen bei uns schneller…. Bis 17:30 Uhr bestellt – meistens nächsten Morgen da!

Lustig finde ich auch, wenn ein Kunde ein Buch bei der Amazone bestellt, es dann aber, weil wir gute Nachbarn sind und Pakete annehmen, es doch auch wieder in einer Buchhandlung abholt…

Oft werde ich auch gefragt, was ein guter Roman ist. Individuell ganz einfach beantwortet: er muß mir gefallen…  Er sollte mich emotional packen und eine gute Geschichte beinhalten, die mir eine ganze neue Welt öffnet.  Die Sprache ist mir wichtig, aber wenn es Titel sind, die mit einer wunderbaren Sprache geschrieben, aber wenig Inhalt haben, bin ich auch gelangweilt. Es muß stimmig sein.

Ein Buch kann ein Leben verändern. Wir wissen aus der Physik und den spirituellen Lehren, daß unsere äußere Welt der Inneren gleicht. So kann eine neue Sicht mein Umfeld verändern. Ich kann nicht die Welt verändern, ich kann nur mich ändern. Meistens reicht ein kleiner Anstoß. Diese Anregung kann ich durch einen schönen, klugen Satz finden oder durch ein ganzes Buch, denn jeder Text birgt in sich die Möglichkeit, meine Sicht auf die Dinge zu erneuern. Doch muß man auch Geduld haben, denn nicht jedes Buch spricht mich an oder ist für mich zu dieser Zeit das passende. Aber es gibt Bücher, die meinem Leben mehr geben. Ein alter Zen-Spruch besagt:

„Ein herumirrender Hund wird vom Stock gefunden“.

Ich muß aktiv sein, aber das Ziel und das Wissen sind da und es kommt passend zu mir. Hierzu fällt mir noch ein Lehrspruch ein:

„Das Gras wächst nicht schneller, wenn ich daran ziehe“.

Es ist schön, in unserem Beruf zu erleben, wenn gerade junge Leser dies zum ersten Mal erfahren. Das Buch, daß sie gefunden haben und sie so sehr begeistert, daß sie ihr Umfeld anstecken wollen. Ich erinnere mich gut an diese Momente. Es kann ein guter Unterhaltungsroman sein, der mich so sehr berührt, daß ich mehr verstehe und empfinde. Eine neue Welt kann sich mir öffnen. Bücher schaffen es, in uns neue Welten zu erschließen.

Ich gestehe, ich liebe auch Filme und Serien, aber es sind die Bücher, die mich innwendig ergreifen. Das Sehen ist eine außengekehrte Sicht. Ebenfalls denke ich dies auch über die neuen Lesegeräte, die durch ihre diversen Funktionen eher vom Ursprung des Erfassens ablenken könnten.

Man muß nicht wie ich ein großer Freund von spirituellen Texten und Lehren sein, aber daß ich meine Welt und mein Umfeld selbst gestalte, sollte dennoch jedem geläufig sein. Daher empfehle ich heute das Buch: Denn jedes Buch öffnet neue Welten und Ansichten…

Neulich habe ich in einem Wirtschafts-Magazin lesen dürfen, das der Verkauf, d.h der Handel in einem Ladengeschäft „voll“ Mittelalter sei. Der Urheber dieses Geistesblitzes wünscht sich bestimmt eine Zukunft mit leeren Städten, in der wir alle Handhabungen, Einkäufe und Arbeiten liegend vor einem Monitor erledigen, gleich den prachtvollen Menschen bei Wall-E. Ebenso habe ich gelesen, E-Books sollen billiger werden als gedruckte Bücher, die zum Glück der Preisbindung unterliegen. Denn digitale Bücher benötigen „weniger“ Material. Wert bemessen am Materialeinsatz? Ist Kultur nur noch das Wert? Jürgen Vogel sagte mal in einer Talkshow, er mache Filme für Kinogänger. Diese machen sich extra auf den Weg ins Lichtspielhaus und würdigen damit schon in gewisser Weise seine Arbeit. Ebenso lebt auch das Theater von seinen Besuchern und ich zahle gerne den Eintritt, der sich hoffentlich nicht nur nach der Länge des Stückes und der Requisite richtet… Neulich habe ich den Werbespot von Bono & Co im Fernsehen sehen dürfen… Länger ist mir bekannt, dass die Band, die ich eigentlich mag, sich neuerdings für den Erhalt von Äpfeln einsetzt und ihr Album an Obstesser verschenken. Herbert Grönemeyer sagt wahre Worte: „So eine Aktion von einer so großen Band, die alle Millionäre sind, ist respektlos gegenüber den hart arbeitenden Kollegen.“ Dies gelte gerade in heutigen Zeiten, in denen es darum gehe, der Musik wieder einen Wert zu geben.

„Kunst ist schön. Macht aber viel Arbeit.“ behauptete bereits Karl Valentin.

Aber nicht nur die schönen Obstsorten, sondern auch die wilden Krieger aus der wohlbekannten Flussregion preschen vor… Jetzt kommt sie, die Flatrate für digitale Bücher in Deutschland… Endlich E-Books im Abo… Aber wer will das alles Lesen, denn es sind bisher nicht die renommierten Verlage dabei. Jetzt kommt sie, die Schwemme an Werken von Autoren, die sich nur selber so nennen und endlich fröhlich publizieren können.

„Der Leser hat’s gut: Er kann sich seine Schriftsteller aussuchen.“ (Kurt Tucholsky).

Später ist wieder der Buchhändler gefragt, denn wir sind echte Menschen, die noch als Leuchttürme im Büchermeer agieren. Denn eine Wand mit Büchern ist ein zeitloses Design.

„Ein Haus ohne Bücher ist arm, auch wenn schöne Teppiche seinen Boden und kostbare Tapeten und Bilder die Wände bedecken.“ (Hermann Hesse)

Denn für mich sind Songs und gute Geschichten Kunst, die für mich auch einen Gegenwert haben dürfen. Autoren, die vom Schreiben leben wollen, brauchen Verlage, die ihnen ordentliche Honorare und Vorschüsse bezahlen. Sie benötigen Buchhändler, die mit Leidenschaft über ihre Werke sprechen und verkaufen. Ich bin ein Leuchtturm im Büchermeer. Bei rund 90.000 Veröffentlichungen jährlich ist es gar nicht so einfach, die wirklich tollen und lesenswerten Bücher herauszufischen! Ich möchte Sie für tolle Geschichten begeistern. Ich verkaufe Bücher aus Liebe zu diesem Medium und berate mit großer Freude in unserer Buchhandlung. Uns Buchhändler zeichnet die Beratung aus. Unsere Kunden möchten unsere Meinung zu den Titeln wissen.  Wenn ich ein Buch nicht mochte, sei es ein Bestseller, Preisträger o.ä. und ich persönlich nach meiner Meinung gefragt werde, spreche ich über mein individuelles Leserlebnis, denn dieses möchten unsere Kunden hören. Es bereitet mir unglaublich viel Freude, Buchliebhaber durch ein Gespräch zu dem passenden Buch zu führen.

Ich denke, das ein Buch erst als gedrucktes Buch erfasst werden kann. Der Geruch, das Papier, das Layout … die ganze Handerotik macht ein Buch viel erlebbarer als jede Datei, die man gleich den Puppen bei Momo nicht lieb haben kann… Dennoch bin ich selber ein Medienjunkie und mag die neuen Medien und verdamme diese nicht. Ich nutze sie als eine Hilfe und als ein Kommunikationsmittel um aber auf die herkömmliche Art auf die Erzählkultur aufmerksam zu machen. Denn sonst wäre ich auch nicht hier. Würde mein Blog „Leseschatz“ nicht gelesen werden, meine gezwitscherten Buchtipps auf Twitter und unsere Lesetipps auf Facebook nicht wahrgenommen werden, hätte der heutige Gastgeber mich wohl nicht kennen gelernt und mich nicht eingeladen.

Ich bedanke mich sehr für die Möglichkeit, hier zu sprechen und hoffe, Sie für den klassischen Buchhandel begeistern zu können und hoffe, Sie haben mal das Interesse, uns kennen zu lernen. Wir freuen uns auf Sie….

Vielen Dank!“

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Orkun Ertener: „Lebt“

Lebt

„Lebt“ von Orkun Ertener verwebt Fiktion und Wahrheit zu einem ungewöhnlichen, packenden Roman und mit jeder Enthüllung steigt die Vermutung, daß die Wahrheit oft ganz anders ist, als der Leser denkt…

Ein spannender Roman über einen Protagonisten, der sich als Ghostwriter mit den Biografien anderer Menschen beschäftigt, aber seine eigene erst kennen lernen muß. Gleich einem Puzzlespiel findet man immer neue Steine, die erst an richtiger Stelle ein Ganzes ergeben…

Der Roman ist groß angelegt und bietet mehr als ein gewöhnlicher Familienroman oder ein sich nach jeder Enthüllung steigernder Thriller. Der Reiz des Textes ist die deutsche, türkische und jüdische Vergangenheit, die das Kernstück des Romans ausmacht und ein erschütterndes Kapitel der Geschichte vermittelt.

Die Handlung beginnt mit einem normalen Auftrag für Can Evinman. Er soll für eine berühmte Schauspielerin, Anna Roth, die Autobiografie schreiben. Anna Roth ist nicht nur Schauspielerin, sonder hat sich auch als Ärztin für ihren engagierten Einsatz für humanitäre Hilfsorganisationen einen Namen gemacht.

Die Assistentin von Anna Roth spielt ebenfalls ihr eigenes Spiel, sie bittet Can um private Hilfe. Ihr Großvater, der als SS-Offizier niemals belangt wurde, möchte seine Geschichte erzählen. Der greise Mann war während des Krieges in Thessaloniki stationiert und hat sich dort als Nazi vieler Verbrechen schuldig gemacht. Als der SS-Offizier damals selber in Gefahr gerät, wird er von einem Chajim Evinman verschont…

Da die Vornamen Can und Chajim jeweils für „Leben“ stehen, türkisch und hebräisch, kann alles kein Zufall mehr sein.

Ab sofort gerät Can, dessen Eltern im norddeutschen Watt ums Leben kamen, in einen gewaltvollen Strudel. Nichts ist mehr so, wie es bisher war. Denn auch seine Eltern waren das Opfer eines Verbrechens und jetzt wird auch seine Identität bedroht.

Gemeinsam mit Anna versucht Can herauszufinden, was wirklich passiert ist. In Thessaloniki werden sie fündig und das Schicksal ihrer beiden Familien ist eng miteinander verbunden.

Es ist die Geschichte der Dönme. Eine Religionsgemeinschaft von zum Islam konvertierten Juden, die während des griechisch-türkischen Bevölkerungsaustauschs ihre Heimat verlassen mussten aber nie in der Türkei akzeptiert wurden. Viele wanderten aus, einige nach Deutschland. Can stammt aus einer Tabakdynastie, deren Vermögen den Nazis in die Hände fiel. Die Vergangenheit seiner Familie holt ihn ein und sein Leben ist in Gefahr, denn es gibt Mächte, die nicht möchten, das alle Geschichten erzählt werden…

Ein gut zu lesender und spannender Roman, der immer wieder neue Facetten öffnet und stets gut zu unterhalten weiß.

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Meir Shalev: „Zwei Bärinnen“

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„Ich habe dir ja gesagt, ich schreibe: die furchtbaren Geschichten über die furchtbaren Taten der furchtbaren Männer, die ich liebe, und eigentlich – die furchtbaren Dinge, die auch ich getan hätte, wenn ich hundertprozentig ein Mann wäre.“

Der Roman „Zwei Bärinnen“ von Meir Shalev ist ein wunderbares, aber auch ein leicht sperriges Werk. Die Erzählstruktur und der Sprachstil sind wechselhaft und waren mir nicht immer gleich zugänglich. Aber nun, da ich das Buch beendet habe, ist es eines der Werke, die ich, wenn ich doch nur die Zeit hätte, gerne erneut lesen würde…

Es ist eine Geschichte über Leidenschaft, Verlust und Rache. Ein Familienroman über drei Generationen, die im Norden Israels eine Gärtnerei betreiben. Eine Geschichte, die uns Menschen Stück für Stück gleich einer sich enthäutenden Zwiebel näher bringt, die von Liebe und Hass getrieben und geprägt sind.

Im Jahr 1930 begehen drei Bauern anscheinend Selbstmord. Aber alle im Dorf wissen, daß nur zwei wahre Selbstmörder sind. Der dritte wurde ermordet… Siebzig Jahre später erzählt Ruta Tavori, eine Lehrerin, über das ganze Leid und das Schicksal ihrer ganzen Familie. Es sind ihre Männer, die sie liebt, die sie hasst, nach denen sie sich sehnt und denen sie, trotz des ganzen Leids zu verzeihen versucht…
Es sind die Geschichten von Müttern, die gleich Bärenmüttern ihre Familie schützen, aber andererseits auch als gereizte Tiere wütend zürnen können.

Ein naturgewaltiger Roman, der sich in Kreisen bewegt und immer zügiger Spannung aufbaut. Durch den unkonventionellen Erzählstil liest sich der Roman wie ein literarischer Thriller, der erst langsam seine ganze Wucht entfaltet und eine Welt voller Emotionen aufbaut.

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Haruki Murakami: „Von Männern, die keine Frauen haben“

Murakami

Das neue Buch von Haruki Murakami ist diesmal kein Roman sondern eine Sammlung an Kurzgeschichten, die alle eins gemeinsam haben: Die kurzen Erzählungen handeln gleich dem Titel „Von Männern, die keine Frauen haben“.

„Zu den Männern, die keine Frauen haben, zu werden ist ganz leicht. Man braucht nur eine Frau leidenschaftlich zu lieben, die dann verschwindet.“… „Und sobald ihr einmal Männer seid, die keine Frauen haben, dringt die Farbe der Einsamkeit tief in eure Körper ein.“

Wieder sind es die Farben, wie in dem tollen Roman „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“.  Wiedermal ist es ein Buch, das wunderbar gestaltet ist. Der Schutzumschlag ist aus durchsichtigem Material, das farbig bedruckt dem farblosen Buch erst die Farbe gibt. Auf dem Buch ist ein farbloser Herr, der sich durch diesen Umschlag in eine bunte Frau verwandelt. Das zentrale Thema aller sieben Erzählungen von Murakami ist die menschliche Seele. Diese ist gleich dem Licht, das erst für uns sichtbar wird, wenn es etwas anstrahlt. „Am farbigen Abglanz haben wir das Leben“ Goethe.

Es ist eine Sammlung von Erzählungen, die voller Geschichten sind, die mich berührt haben und die typischen Themen von Murakami aufgreifen. Die sieben Erzählungen handeln von einsamen Menschen, denen um glücklich zu sein etwas ganz entscheidendes fehlt…

Uns begegnen unter Anderem ein Schauspieler, der eine Chauffeurin einstellt und seine Einsamkeit mit den ganzen Rollen aus Film und Theater überspielt, ein Schönheitschirurg, dem das Herz bricht, weil seine Geliebte ihren Ehemann verlässt, aber zu einem andern Geliebten zieht. Ferner erleben wir die Einsamkeit eines Mannes, der mit seiner Haushilfe schläft, die ihm nach dem lieblosen Sex Geschichten erzählt, die ihre jeweilige Einsamkeit nur noch mehr vertiefen oder wir lernen einen Mann kennen, der von seiner Frau verlassen wurde und eine Bar eröffnet und von seinen eigenen Dämonen heimgesucht wird. Eine Erzählung ist sogar eine umgekehrte „Verwandlung“ von Kafka:

„Als er erwachte, fand er sich in seinem Bett in Gregor Samsa verwandelt.“

Ein Buch, das man traumwandlerisch liest und beim beenden all dieser Traumbilder, hier Kurzgeschichten, ist man leicht entrückt und die Geschichten beginnen zu verblassen. Aber eine tiefe Leere bleibt, die man wohl so schnell nicht zu füllen vermag. Oder waren alle Träume doch nur ein einziger Traum…? Gleich den Katzen in seinen Romanen und diesen Erzählungen, wird man zum Beobachter zwischen den Welten…

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„Leseschatz, die Erste….“

Da unsere Buchtipps auf unserer Homepage und in unserem Blog „Leseschatz“ immer mehr und anscheinend auch gerne gelesen werden, dachten wir, wir geben mir mal ein Gesicht…

Jetzt gibt es Leseschatz-TV!

Danke an Nele Süß, die auch die liebe Einleitung spricht. Danke für ihre Geduld mit uns und die technische Umsetzung.

So nun viel Spaß und wir sind sehr gespannt, wie der Film ankommt….

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Petra Reski: „Palermo Connection“

Taormina

Foto: Hauke Harder

Ein neuer Sizilien-Roman!  Da ich meine drei Inseln – Kreta, Sizilien und Föhr so liebe, musste ich diesen Krimi sofort haben…

Es ist ein Mafia-Roman von Petra Reski, die in Venedig lebt und über Italien – für Die Zeit, Geo, Merian, Focus und Brigitte – und immer wieder über die Mafia schreibt. Sie drehte ebenfalls eine Dokumentation über Mafiafrauen. Sie wurde für ihre Reportagen und Bücher mehrfach ausgezeichnet, u.a. »Reporterin des Jahres«. In Italien erhielt sie für ihr Antimafia-Engagement den Premio Civitas und den Amalfi Coast Media Award.

Mit „Palermo Connection – Serena Vitale ermittelt“ hat Petra Reski einen sehr realistischen und an wohl realen Fakten orientierten Krimi geschrieben, der sehr spannend zu lesen ist und auf weitere Romane mit Serena Vitale hoffen lässt.

Es geht  um die Staatsanwältin Serena Vitale, die in Palermo gegen die Mafia kämpft. Da sie einen Politiker wegen seiner Verbindungen zum organisierten Verbrechen vor Gericht bringt, riskiert sie alles und erlebt wie ihr großes Vorbild, ein Richter, der ebenfalls gegen die Mafia gekämpft hatte, ermordet wird. Ihre eigene Vergangenheit reicht zurück nach Deutschland, wo ihr Vater eine neue Existez aufbauen wollte. Ferner lernen wir einen deutschen Journalisten kennen, der auf der Suche nach einer guten Story nach Palermo geflogen ist sowie einen Polizisten, den Serena für ihren Verbündeten hält…

Serena Vitale ist eine mutige und entschlossene Ermittlerin, die sich den ganzen verwobenen Machenschaften der Mafia entgegenstellt. Als sie einen widerspenstigen Zeugen abhören lässt, wird ihr klar, dass das Netz des Verbrechens viel weiter reicht als gedacht…

Sizilien Katze

Sizilien Fotos: (Taormina und Katze) Hauke Harder

Reskis Mafiaroman in der ZDFmediathek

Palermo

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Christian Hanewinkel: „Lonesome zweisam“

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„Ich bin immer so am Rand gewesen, habe für mich gelebt, ausgeschlossen von anderen, eingeschlossen in meiner Welt“

Das Leben spielt immer woanders. Darin sind sich Viola und Tom sofort einig. Sie studieren Germanistik in Münster im ersten Semester und verheddern sich vor der Uni in eine tiefgründige Diskussion. Gleich das erste Seminar beginnt ohne sie. Beide sind sie Außenseiter, haben in ihrem jungen Leben schon große Verluste ertragen. Viola will kein Violinchen mehr sein, keine Außenseiterin und sie möchte endlich erwachsen werden.

Der junge Student Tom geht zu jedem Spiel seiner Lieblingsmannschaft Schalke 04, schließlich besitzt er eine Dauerkarte. Trotzdem ist er lieber vor dem Stadium als drinnen. Warum?

Beide treffen sich und stehen gemeinsam, aber immer noch einsam, da sie über Ihre Gefühle nicht reden können. Sie macht ungeschickte Anspielungen, die falsch verstanden zu Verletzungen führen. Denn viel einfacher als Gefühle zuzulassen ist es, vor ihnen davonzulaufen. Je bizarrer die Ausflüchte, desto deutlicher wird es: »Lonesome zweisam« ist eine Liebeserklärung an die Liebe. Selbst wenn sie es den Liebenden nicht leicht macht. Selbst wenn sie das Leben nicht leichter macht.

Ein so kleines Buch, aber ich habe zwei Anläufe benötigt. Doch ist es ein kleiner, feiner Leseschatz.

„Lonesome zweisam“ von Christian Hanewinkel ist ein Buch das uns zwei Menschen vorstellt, die sehr jung sind und unerfahren ins Leben stolpern. Sie sind jeder für sich durchwebt von der Angst vor dem Leben, den Niederlagen. Sie fühlen sich im Abseits geborgen und stehen lieber daneben als mittendrin. Sie sind Beobachter ohne irgendwo dabei zu sein. Sie haben Angst vor der Liebe und sind daher abstoßend. Lügen sind Schutzschilder und ihre Geschichten, die sie erzählen, suggerieren dem anderen ein anderes „Ich“. Sie wollen dadurch gefallen, fallen dann aber aus ihrer gespielten Rolle und mißfallen…

Beide sind Germanistikstudenten, die ständig reden, aber nicht sprechen. Sprache dient den Menschen, um wieder miteinander zu sprechen. Um dies zu können, muß man lernen sich dem Gegenüber zu öffnen und auch zuhören können…

„Ach, nein? Dann antworte doch einfach auf meine Frage. Es gibt nie Antworten im Leben, und das ist das Problem. Fragen stellen kann jeder, aber antworten?“

Ein Roman, der mich auf dem zweiten Blick überzeugt hat und viel Charme besitzt. Es sind die zwei kauzigen Charaktere, die mich anfäglich etwas mit ihrem wirren und anfänglich pubertären Gedankengängen gestört haben, dann aber mir immer vertrauter und sympathischer wurden.

„Kafkas Verwandlung ist ein gutes Stichwort.“

Ein Buch gleich einem Konzert von Porcupine Tree, eine in sich gekehrte Welt, voller Schwere, Melancholie und Schönheit. Ab und zu erklingt eine Leichtigkeit…

„Da war er auf einem Konzert von Porcupine Tree in Köln. Und dann hören die einfach nach zweieinhalb Stunden auf. Warum können die wirklich guten Bands nicht den ganzen Tag spielen?“

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