Donal Ryan: „Die Sache mit dem Dezember“

diogenes ryan sache .. dezember

Ein junger Mann, der allein dasteht. Ein Dorf, das nur sein Bestes will. Eine Stimme, die ihn bezaubert. Und ein Geschäft, das alles verändert.

Ein irischer Roman, der ebenso typisch, wie ungewöhnlich zu lesen ist. Die Geschichte ist berührend, tragisch-komisch und wird durch die einfachen, wortkargen Menschen beseelt. Ein Roman, der in einer sehr intensiven und einfühlsamen Sprache geschrieben ist. Die Figuren werden beim Lesen sehr lebendig und haben mich bereichert.

Der Protagonist, John „Johnsey“ Cunliffes, ist ein stiller, etwas wortkarger Mensch, der auf dem Hof seiner Eltern aufwächst. Doch in ihm selber ist es selten still, denn er macht sich über alles Gedanken. Er wird noch verschlossener als sein Vater stirbt und seine Unsicherheit nimmt seit dem immer mehr zu.
Da kurz danach auch seine Mutter stirbt, drängen ihn alle Nachbarn, das von den Eltern geerbte Grundstück zu verkaufen. Ein millionenschweres Kernstück eines geplanten Bauprojekts, das für die Umgebung wirtschaftlichen Aufschwung bedeuten könnte. Aber John schweigt weiterhin und schließt seine Augen vor der Zukunft. Seine Peiniger aus Kindheitstagen lauern ihm daher eines Tages auf und verprügeln ihn sogar krankenhausreif und er läuft Gefahr, seine Sehkraft tatsächlich für immer zu verlieren.

Sein Lichtblick wird die freundliche Stimme von Siobhán, der Krankenschwester, in die er sich vom ersten Klang an verliebt. Aber auch sein Zimmernachbar findet Gefallen an der burschikosen Frau und so werden diese drei Menschen Freunde.
Johnsey öffnet nach längerer Zeit seine Augen, lässt sie aber vor dem anbrausenden Sturm der kommenden Ereignisse fast bis zum Schluss verschlossen. Denn der Druck der Gemeinde wird immer größer und die Umstände, die in Bewegung gesetzt wurden, kann keiner mehr so schnell aufhalten, bis es zum verstörenden Ende kommt…

Ein literarisches, kurzweiliges Lesevergnügen, das durch die tragische Geschichte und durch das Ende des Buches viel Raum für eigene Ideen und Gedankenspiele zulässt. Ein Roman, der klug und mit sehr viel Wortwitz geschrieben ist.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Martin Suter: „Montecristo“

diogenes suter montecristo

„…so lange schweben wir weiter in der großen Seifenblase. Und wir werden uns alle darin so behutsam wie möglich bewegen, denn niemand will, dass sie platzt.“

Da ist er also, der neue Roman von Martin Suter. Für mich immer ein kleines Fest. Ich habe mich sehr gefreut, als ich die Sendung vom Verlag mit den ganzen Leseexemplaren ausgepackt hatte und mich „Montecristo“ anschaute. Dies habe ich mir ziemlich lange aufgehoben, denn wie bereits gesagt, ein Suter-Roman ist für mich irgendwie immer etwas Besonderes.

Die Handlung beginnt in einem Zug. Der Protagonist, Jonas Brand, ein Videojournalist, der selbständig tätig ist, sitzt im Speisewagen des Intercitys nach Basel, als dieser im Tunnel durch eine Notbremsung zum Stehen kommt. Es handelt sich um einen „Personenschaden“. Dieser sachliche Begriff umschreibt einen Todesfall, d.h. jemand ist unter den Zug geraten. Die Notverriegelung einer Tür wurde geöffnet und es ist jemand aus dem Zug gesprungen oder gestoßen worden. Jonas Brand hält alles mit seiner Kamera fest und wittert eine kleine Skandalstory, denn der Verstorbene, Paolo, ein Bankangestellter, wird von seinen mitreisenden Kollegen mehr oder weniger vermisst…

Der Grund, warum aber Jonas Brand nach Basel reist, ist eine Party, bei der die Prominenz der Stadt Gelder für wohltätige Zwecke sammelt. Er soll über diese Festlichkeiten eine Reportage für seinen Hauptkunden „Highlife“, einem Lifestylemagazin, drehen. Daher wandert sein Film über das Unglück im Zug bisher lediglich in seine privaten Archive.

Seinen Beruf sieht Jonas Brand bisher auch nur als Übergangslösung an. Eigentlich möchte er einen Film drehen, dessen Plot ein moderner Graf von Montecristo ist und auch den Arbeitstitel „Montecristo“ trägt. Seiner neuen Freundin, Marina Ruiz, die er auf einer Filmpremiere kennen lernt, erzählt er die Handlung seiner Filmidee. Ein Gründer eines Dotcomunternehmens, das mehr als erfolgreich läuft, wird in Thailand festgenommen, da man ihm Heroin ins Gepäck geschmuggelt hat. Dieser Fall erregt großes Aufsehen, als aber seine Geschäftspartner ihn überraschend belasten, verliert sich das öffentliche Interesse. Seine Partner, die ihm auch das Heroin unterschmuggeln ließen, erhalten die Kontrolle über sein Vermögen. Er kann aber fliehen und nach operativen Veränderungen nimmt er Rache…
Als Brand sich in Marina Ruiz verliebt, rücken seine Träume erneut in den Vordergrund, denn sie sieht in diesem Film ebenfalls Blockbusterpotential.

Drei Monate später spielt ihm der Zufall wieder etwas Merkwürdiges in die Hände: zwei Hundertfrankenscheine mit identischer Seriennummer – beide, wie ihm von seiner Hausbank mitgeteilt wird, echt. Sein journalistisches Interesse ist geweckt, denn wie kann trotz der vielen Sicherheiten und Vorsichtsmaßnahmen seitens der Bundesbanken und deren Druckereien, so ein Fehler passieren?
Als auch noch in Brands Wohnung eingebrochen und diese durchwühlt wird und er kurz danach überfallen und brutal zusammengeschlagen wird, drängt sich der Verdacht auf, dass jemand Interesse an seinen Funden und Recherchen hat.
Denn wie sich später herausstellt, scheint auch der „Personenschaden“ mit diesem Fall in Verbindung zu stehen, denn der tote Banker, Paolo, hat Unmengen von Geldern verspekuliert und jemand will nun alle Ungereimtheiten aus der Welt schaffen. Auch sein Filmplot scheint eine Metapher des Kommenden zu sein, denn Jonas Brand gerät immer mehr in einen Strudel aus wirtschaftlichen und politischen Interessen.

Ein sehr spannender Roman aus der Welt der Banker, Börsenhändler, Filmproduzenten, Journalisten und Politiker. Ein gelungener Lesespaß und ein Thriller über ein abgründiges Szenario. Ein Suter über die Moral in der Finanzwelt, aber auch in der Liebe…

4 Kommentare

Eingeordnet unter Erlesenes

Matthew Thomas: „Wir sind nicht wir“

berlin wir sind nicht wir

Was ist wirklich wichtig im Leben? Hat man ein Recht auf Glück? Und wer sind wir, wenn wir nicht mehr wir selbst sind?

Ein umfangreiches Epos, das die Geschichte einer irisch-amerikanischen Einwandererfamilie erzählt.
Ein Buch, das Mut macht und eine Familiengeschichte, die Hoffnung gibt nicht aufzugeben, auch wenn das Schicksal einen verzweifeln lassen könnte.

Es zeigt uns eine verträumte Protagonistin, die uns lehren kann, dass wir immer in der Lage sind etwas zu lernen, dass es nie zu spät ist im Leben. Der Mensch kann sich eventuell nie ganz ändern, aber er kann stets versuchen, ein besserer Mensch zu werden, eine liebevollere Version seines Selbst. Es zeigt uns, dass Träume wichtig sind, aber man sollte sich auch mit dem was man hat zufrieden geben können. Ein ewiges Hoffen auf eine bessere Zukunft und ein auf dieses ausgerichtetes Leben, kann dem wirklichen, bewussten Leben nur im Wege sein.

Die ergreifende Familiensaga umspannt die Zeit von 1951 bis 2011 und ist ein umwerfender Debüt-Roman von Matthew Thomas, der an dem Buch über 10 Jahre geschrieben hat.
Es ist ein tolles Buch über die Belastbarkeit des Menschen und kein typischer Aufsteiger-Roman, der jene Erfolgsgeschichten derer erzählt, die sich von unten nach oben, d.h. vom Tellerwäscher zum Millionär, gearbeitet haben. Dieses Buch erzählt uns die Geschichte von Eileen, die wir 1951 als junges Mädchen kennenlernen. Sie ist die Tochter von „Big Mike“, dem Patriarchen von Woodside, dem Arbeiterviertel in Queens. Ihre Eltern sind Iren, die nach Amerika ausgewandert sind und wir verfolgen Eileens Erwachsenwerden in dieser Welt. Sie steht im Schatten ihres großen Vaters, dem alle im Viertel Respekt zollen. Er ist der Magnet jedes irischen Pubs. Doch ihre Mutter wird zur Alkoholikerin und es liegt an Eileen, sie durch diese Krankheit zu begleiten.

Eileen erträumt sich eine bessere Zukunft und als sie den Naturwissenschaftler Ed Leary kennen und lieben lernt öffnet sich für sie diese Möglichkeit. Sie arbeitet als Krankenschwester und stürzt sich in diese Arbeit als sie ihr erstes Kind verliert. Ihr Traum vom Vorankommen bleibt stets ihr Motivator und sie beobachtet fassungslos ihren exzentrischen Mann, der kein Interesse an seiner Karriere hat. Später wird sie aber doch schwanger und sie bekommen einen gemeinsamen Sohn. Aber langsam verändert sich ihr Mann immer mehr. Erst sind es kleine Details, die sich schleichend zeigen. Es ist der Sohn, der es zuerst bemerkt als er den Unterricht seines Vaters besucht. Als Eileen mit Ed zum Arzt geht erhalten sie die Diagnose: Alzheimer. Aber nichts kann Eileen niederringen, sie ist eine glaubhafte Heldin, die uns inspiriert, das Kommende und das Seiende zu akzeptieren und Zeit mit den Menschen zu verbringen, die uns wichtig sind.

Ein Buch, das ich ziemlich zügig und sehr gerne gelesen habe. Denn es ist eine fesselnde Geschichte mit glaubhaften Charakteren, die sich nicht auf einen Einwanderer,- Familien- oder Alzheimer-Roman begrenzen lässt.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Klaus Modick: „Konzert ohne Dichter“

modick konzert ohne dichter

Fritz Mackensen war 1884 bei seinem ersten Besuch von Worpswede begeistert. Die Landschaft, die Natur und die Weite des nordischen Himmels faszinierte seitdem junge und aufstrebende Künstler, die den überregionalen Ruf des Künstlerortes festigen. Die Gründer sind Mackensen, Otto Modersohn, Fritz Overbeck, Hans am Ende und Heinrich Vogeler. 1895 ist eine gemeinsame Ausstellung im Münchener Glaspalast der Worpsweder Künstler und ihr Bekanntheitsgrad steigt und zieht weitere Künstler an. Sie werden zu einem festen Begriff der Kunstszene. Unter ihnen befindet sich auch Rainer Maria Rilke, der dort die Bildhauerin Clara Westhoff kennen lernt, die er auch später heiratet. Ebenso lernen sich dort Heinrich und Martha Vogeler kennen, sowie Otto Modersohn und Paula Modersohn-Becker. Es entsteht ein künstlerisches Zusammenleben, eine Künstlerfamilie, die aber auch durch die unterschiedlichen künstlerischen und wohl auch politischen Haltungen kränkelt.

Der neue Roman von Klaus Modick „Konzert ohne Dichter“ macht uns diese Zeit und ihre Protagonisten erlebbar. Modicks umfangreiches literarisches Schaffen hat mich stets begeistert. Er schafft es mit einer leichten und doch sehr literarischen Art zu unterhalten und zu bilden. Seine bekanntesten Werke sind: „Der kretische Gast“, „Klack“, „Bestseller“ und „Sunset“. Auch „Sunset“ war wie „Konzert ohne Dichter“ ein Künstler-Roman. In „Sunset“ ist es Feuchtwanger, der im kalifornischen Exil 1956 an einem Augustmorgen die Nachricht vom Tode Bertold Brechts bekommt, die ihn tief erschüttert und innerhalb eines Tages, bis zum Sonnenuntergang, an die gemeinsame Zeit erinnern lässt.

Im Roman „Konzert ohne Dichter“ ist es Heinrich Vogeler, dem im Jahr 1905 die Goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft verliehen wird. Besonders für das nach fünfjähriger Arbeit fertiggestellte Werk „Das Konzert oder Sommerabend auf dem Barkenhoff“. Der Roman spielt an drei Tagen: 7. Juni, 8.Juni und am 9. Juni 1905. An diesen Tagen wird das Erlebte, aber auch Vogelers Blick auf die Entstehung der Gemeinschaft erzählt. Vogeler war Maler, Grafiker, Architekt und Designer. Er war das jüngste und letzte Mitglied der Worpsweder Malervereinigung. Er entwickelte sich zu einem der bedeutendsten Repräsentanten des Jugendstils.

Der Ruf der Künstlerszene und besonders der Erfolg von Vogeler lockt weitere Künstler an. Unter ihnen der Dichter Rainer Maria Rilke. Der nicht gerade sehr sympathische Mann, der hier als junger Lyriker erscheint, der bisher nur schlechte Gedichte verfasst hat, ist auf der Suche nach Sponsoren. Sein wahres, großes Schaffen, sein lyrisches Werk kam erst später. Hier ist Rilke ein Schnorrer und Frauenheld. Rilke nutzt seine Chance und sucht die Unterstützung Vogelers und profitiert von dessen Einfluss.
Rilke heiratet die Malerin und Bildhauerin Clara Westhoff. Sie führen eine unglückliche Ehe. Auch Vogeler, der an dem berühmten Gemälde „Das Konzert oder Sommerabend auf dem Barkenhoff“ arbeitet, ist unglücklich. Seine Ehe kriselt, sein künstlerisches Selbstbewusstsein gerät ins Wanken und seine Freundschaft zu Rilke zerbricht. Das Werk, das den Freundeskreis auf der Terrasse bei einem Konzert darstellt, ist das Kernstück dieses klugen Romanes. Alle Protagonisten stehen verträumt und nach innen gekehrt im ländlichen Idyll. Sie hängen in Gemeinschaft eigenen Gedanken nach und verweilen in Traurigkeit. Im Bild befindet sich ein leerer Stuhl. Ein Platz zwischen den Frauen bleibt leer. Es ist der Platz, den Rilke besetzen sollte…

Ein wunderbares Buch, das uns in die Zeiten des Jugendstils versetzt und in die Worpsweder Künstlerkolonie einlädt. Ein Roman über Freundschaft, die durch kleine Bemerkungen oder Gesten fragil werden kann. Ein historischer Roman, der aber auch den Bogen ins Jetzt schlagen kann, denn es sind die Verkleidungen, das Künstliche, das Dekadente und das Natürliche, das uns zu prägen vermag.

Ein gut lesbarer Kunstroman, der auch in der Gestaltung überzeugt. Der Einband erinnert an die Buchgestaltungen des Jugendstils und liegt wunderbar in der Hand. Neben der Abbildung des Gemäldes im Buch sind auch die Initialien an den Kapitelanfängen künstlerisch gestaltet, diese stammen aus einer von Heinrich Vogeler gestalteten Schmuckschrift.

2 Kommentare

Eingeordnet unter Erlesenes

Julia Jessen: „Alles wird hell“

alles wird hell

nm55as4511WOUYNKYHDas Buch beginnt mit dem Ende. Oda als alte Frau steht in ihrem Vorgarten und raucht. Wiedermal schaut sie nur auf ihre Füße als sie stürzt. Während sie am Boden liegt läuft ihr Leben in ausgewählten Situationen und Bildern an ihr vorbei. Mehrere Phasen durchlebt sie erneut bis sie ins Licht geht: Aufbrüche, Abnabelung, Entfremdungen, Abschiede und zwischendurch springen ihre Erinnerungen wie in einem Traum.

In Julia Jessens unglaublich schönem Debüt wird die Geschichte einer Frau erzählt, die das Glück und familiäre Beständigkeit sucht. Wir begegnen Oda als kleines Mädchen, die ihre erste Freiheit erahnt aber auch die Kraft der Lüge erlernt. Als Sechzehnjährige, die sich und ihre Gefühle innerhalb ihres Umfelds und besonders ihrer Familie einordnen möchte. Ihre Verwandtschaft, die sie provozierend aber stets liebevoll beobachtet. Als Vierzigjährige, die sich ein zweites Kind wünscht und dadurch in ein dunkles Loch fällt, da sie meint ihren Mann bei einer Lebenslüge erwischt zu haben und sie sich selber und ihr Umfeld belügt. Wie kann man diese Entfremdungen überwinden und die Liebe bewahren? Bis ins hohe Alter? Wir, die Leser, verlassen Oda als alte Frau, d.h. sie verlässt uns, denn sie geht ins Licht und alles wird hell…

Der Aufbruch beginnt mit der Hochzeit ihrer Tante. Oda beobachtet ihre Verwandtschaft, wie sie sich in die Vorbereitungen verstrickt und jeder seinen Platz innerhalb der Familie einnimmt. Die Diskussion um die Platzkarten sind ein Rahmen, der jeden in seinen Bereich einzuteilen scheint. Das Ehebündnis soll auf Sylt mit einem schamanischen Zeremoniell geschlossen werden. Doch die Feier wird durch den plötzlichen Tod Odas Urgroßmutter getrübt. Der Tod wird im Roman ein beständiger Begleiter bleiben. Er ist immer im Leben gegenwärtig, sei es in dieser Geschichte die Urgroßmutter, das ungeborene Kind, der Ehemann oder Oda.

Jahre später ist Oda verheiratet und Mutter. Doch in ihr nagt der sehnlichste Wunsch nach einem weiteren Kind. Doch auf einmal verweigert ihr Ehemann das zweite Kind, wobei er stets behauptet hatte, ebenfalls weitere Kinder zu wollen. Für Oda ist dies eine Verletzung, da sie ihm diese Lüge nicht so schnell verzeihen wird. Dies ist der Beginn der Entfremdungen. Doch Oda arbeitet an sich und will die Liebe bewahren. Ihr Leben als Tänzerin hat sie gelehrt, die Balance zu halten. Denn es ist wichtig bei einem kleinsten Pfad nicht nur auf die Füße zu achten, sondern stets den Blick auf das helle Umfeld zu richten und den kommenden Schritt zu fühlen. Wer lediglich auf die Füße schaut, fällt. Gleich den vielen Farbenspielen im Buch. Julia Jessen baut immer wieder farbige Metaphern ein bis alle Farben ineinander fallen und sich ergeben und am Ende Weiß werden. Alles wird weiß. Weißes Licht…
Das Buch spielt mit Farben und Grenzen. Jene Linien, Zäune, Gräben und Häute, die uns vom Gegenüber trennen können. Gleich dem kleinen Schritt auf der Bühne, auf der man seine Rolle spielt oder tanzt. Ein Roman der uns lehren kann, die Balance zu halten und, dass wir keine einzelnen Staubpartikel sind, die alleine im Licht tanzen.

„Sie hat einen verzweifelten Kampf, ein Ringen um die richtige Form getanzt. Den Kampf der Menschen um eine Form, eine Haltung, die sie durch das Leben tragen kann. Die uns hält. Und sie hat davon erzählt, wie die Menschen auseinanderfallen. So habe ich das verstanden.“

Ein großartiger Roman. Voller Leben und Liebe. Eine Liebeserklärung an das Leben. Ein Roman, der den Leser das Wesentliche betrachten lässt. Sehr gegenwärtig und farbenfroh… Ein heller Roman, ein Leseschatz, der gelesen gehört.

Lesung mit Julia Jessen: Freitag, 12.06.2015 in der Buchhandlung Almut Schmidt, Kiel

2 Kommentare

Eingeordnet unter Erlesenes

Ernest van der Kwast: „Fünf Viertelstunden bis zum Meer“

mare fünf viertelstunden bis zum meer

Ein kleines Buch, das ich an einem Sonntagmorgen ganz schnell inhaliert habe, aber das mich durch seine kompakte und emotionale Geschichte bewegt hat. Ein Buch über die großen Chancen im Leben, den Drang nach Freiheit und besonders über den Mut zu der wahren, großen Liebe.

Die Geschichte spielt in Italien und beginnt 1945 am Strand von San Cataldo. Die beiden Brüder Ezio und Alberto beobachten Mädchen am Strand, die zur damaligen Zeit noch in Badeanzügen hochverschlossen flanieren und vorbeistolzieren. Am selben Tag macht sich die 20-Jährige Giovanna Berlucchi auch auf den Weg zum Strand. Weil sie sich vorher mit ihren Schwestern um den Badeanzug gestritten hatte, da diese sich ihre gesamte Kleidung teilen müssen, und beim Zerren der Schwimmanzug reißt, bastelt sich Giovanna aus den beiden Stoffstücken einen bis dahin noch nicht erfundenen Bikini.
Als Giovanna nach dem Schwimmen aus dem Wasser kommt, verliebt sich Ezio unsterblich in sie. Er macht ihr nach dem ersten missglückten Kussversuch gleich zwei Heiratsanträge. Doch durch ihren Drang nach Freiheit antwortet Giovanna mit einem Spurt ins kühlende Nass. Ezios Liebeskummer lässt ihn fliehen und er verläßt den Süden Italiens und wird Apfelpflücker in Südtirol. Im Winter lebt er auf den Höfen und melkt dort die Kühe. Niemals wird er aber jenen Sommer mit Giovanna vergessen und Jahre später trifft auch ein Liebesbrief von ihr ein…

Der kleine Roman ist voller schöner Geschichten, über den Briefträger, über die leichte Jugend der Brüder und die große verlorene Liebe von Ezio und Giovanna und die Erfindung des Bikinis. Ein Buch, das sehr leicht und angenehm zu lesen ist und trotz der Leichtigkeit eine Tiefe über die wichtigen Entscheidungen und die kleinen Zufälle im Leben hat. Das Buch hat einfach nur Charme.

Zum Buch / Shop

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Amber Dermont: „In guten Kreisen“

mare in guten kreisen

Ein umfangreicher, stimmungsvoller Roman, der in dem Milieu der reichen Amerikaner an der Ostküste spielt. Der sympathische und irgendwie liebenswerte Protagonist, Jason Prosper, durchlebt einen Seelensturm, während im Hintergrund des Börsencrashs der 80er Jahre ein Orkan alles aufwühlt, vernichtet und wegfegt.

„Ich brüllte in die Nacht hinaus. Ließ meinen eigenen Hurrikan los und heulte mir meinen Zorn von der Seele.“

Die Handlung spielt in Neuengland und Jason Prosper wächst in einer reichen Umgebung auf. Er stammt aus besten Verhältnissen und besucht die Schulen der amerikanischen Ostküstenelite. Doch interessiert ihn der ganze Glanz des Reichtums nicht. Er liebt es mit seinem besten Freund Cal zu segeln. In dieser Leidenschaft blüht er völlig auf und als intelligenter, sportlicher Teenager durchblickt er schnell die ganzen Abgründe des Wohlstands und er verbringt seine ganze Freizeit lieber am Meer. Sie segeln sogar sehr erfolgreich diverse Regatten und fühlen sich zusammen unschlagbar. Als Cal sich aber eines Tages das Leben nimmt, zerbricht für Jason eine Welt. Alles gerät in ihm und um ihn herum aus den Fugen. Ist Jason verantwortlich für den Selbstmord von Cal? War es eine reine Verzweiflungstat? Denn beide teilten ein dunkles Geheimnis…

Aus der Bahn geworfen und in sich gekehrt muss Jason die Schule wechseln. Er wird durch eine großzügige Spende seines Vaters an der Bellingham Academy angenommen. Eine Schule gestrauchelter Jugendlicher aus reichem Elternhaus. Ein teures aber auch freizügiges Internat. Hier begegnet er am ersten Tag bereits Aidan, einer eigenwilligen Außenseiterin, die ihn fasziniert.

„Ich war in einem Raum voller fröhlicher junger Leute. Ich hatte mich nie älter gefühlt. Und noch nie so allein.“

Auf das Drängen des Coaches versucht es Jason erneut mit dem Segeln. Da er noch nie mit einem anderen Partner als Cal gesegelt ist, will er es sich und seinem Kameraden beweisen. Durch zu hohe Geschwindigkeit kentert er beim Wendemanöver und sein Mannschaftskamerad geht über Bord und wird unter Wasser gedrückt. Jason kann ihn retten, aber kehrt erneut gestrauchelt zurück. Diese Tat wird ihn lange begleiten und ist der Auftakt des eigentlichen Dramas. Denn auch wenn er seinen Schulfreund retten konnte, ist er kein Held.
Sein Lichtblick ist Aidan, die ihn vom ersten Tag an begeistert und ihm etwas Aufschwung gibt. Als Aidan ihn zu einer Party mitnehmen will, er aber mit seinem Bruder anderen Terminen nachkommen muss, kommt es zu einem weiteren noch tragischeren Einschnitt in seinem Leben, denn die Küste Neuenglands wird von einem Orkan getroffen und es wird vieles, was verborgen geglaubt war, aufgedeckt. Als die Wogen sich glätten wird eine Frauenleiche am Meer gefunden…

Ein kluger Roman, der die Lebensphase der Jugend während der Orientierung und des sich Findens schildert und durch die tiefgründige Figur des Jason Prosper an die großen Werke der amerikanischen Literatur erinnert.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Nicholas Kulish & Souad Mekhennet: „Dr. Tod – Die lange Jagd nach dem meistgesuchten NS-Verbrecher“

dr tod beck verlag

Ein unfassbares Buch. Auch wenn man meint, man habe so viel über das Schrecken der Nazivergangenheit gelesen und gesehen, gibt es doch immer wieder Bücher, die mich erschrecken und dadurch fesseln. Ein Bericht über Aribert Heim. Ich habe vorher nichts von ihm gewusst, wobei er einer der meistgesuchtesten NS-Verbrecher war.

Er wurde „Doktor Tod“ oder „Schlächter von Mauthausen“ genannt. Er war nur wenige Monate in einem Konzentrationslager stationiert, aber in dieser Zeit wurde er für seine unvorstellbar grausamen „Behandlungen“ von Gefangenen berüchtigt.
Das Konzentrationslager Mauthausen war das größte Konzentrationslager der Nationalsozialisten auf dem Gebiet Österreichs. Himmler hatte den Standort wegen der Granitsteinbrüche gewählt. Im Steinbruch wurden die Häftlinge als Zwangsarbeiter eingesetzt. Ein Lager mit den härtesten Haftbedingungen, schlimmer als Dachau und Auschwitz. Bestimmt für die „Vernichtung durch Arbeit“. Der SS-Standortarzt, Dr. Heim, wurde durch seine unglaubliche Grausamkeit bekannt. Er überzeugte durch geschickte Redewendungen viele zu anscheinend harmlosen Operationen. Seine Unmenschlichkeit zeigte sich auch darin, daß er präparierte Schädel als Schreibtischschmuck für sich und seine Freunde nutzte.

2009 gelang es den Journalisten Nicholas Kulish und Souad Mekhennet, die Hinterlassenschaften von Dr. Aribert Heim, in Kairo aufzuspüren. Denn Heim konnte untertauchen und war jahrzehntelang der meistgesuchte NS-Verbrecher.
Nach dem Krieg führte er zunächst ein gewöhnliches Leben als Gynäkologe, Eishockeyspieler und Familienvater. Kurz vor seiner Verhaftung tauchte er 1962 in Kairo unter und baute sich eine neue Existenz auf und verstarb dort 1992.

Dieses Buch beinhaltet die erschreckende und unfassbare Geschichte vom Leben und der Flucht Heims mit dem Bericht über die lange Jagd nach ihm.

Die Autoren Nicholas Kulish und Souad Mekhennet waren in der Sendung „Nachtlinie“ am 26.01.2015 im Bayerisches Fernsehen zu Gast. Zum Video.

Buchtrailer:

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Franz Hohler: „Gleis 4“

gleis 4

„Darf ich Ihnen den Koffer tragen?“ Hätte sie geahnt, was dieser Satz für Folgen hatte, sie hätte abgelehnt, höflich, aber entschieden.

Gestern haben wir einige Taschenbuch-Novitäten ausgepackt und dabei ist mir „Gleis 4“ von Franz Hohler erneut aufgefallen. Dies hatten wir damals bereits als Leseexemplar bekommen, dann ist es aber in unserem Büchermeer versunken. Jetzt, nachdem ich es ausgegraben hatte, hatte ich gestern mit dem Buch sehr schöne Leserlebnisse.

Isabelle arbeitet als Altenpflegerin, hat gerade eine Operation hinter sich und ist auf dem Weg zum Flughafen, um in den Urlaub zu fliegen. Sie will sich nach den anstrengenden Tagen in Stromboli erholen und hat sich dort mit ihrer Freundin verabredet. Doch es kommt alles ganz anders, denn als Sie sich am Bahnhof zum Zug, der sie zum Flughafen bringen soll, mit ihrem schweren Koffer abmüht, spricht sie ein älterer Herr an, der ihr seine Hilfe anbietet. Ein Gentleman, der für sie den Koffer zum Gleis bringt. Am Zug angekommen, möchte sie sich bei ihm dankbar verabschieden, aber der Mann erstarrt kurz in seiner nickenden Pose und bricht mit einem Herzanfall zusammen. Er raunt ihr noch etwas zu, als sie ihm erste Hilfe gibt, verstirbt dann aber am Gleis. In der ganzen Hektik durch die Polizei und die Passanten und den Notarzt, merkt Isabell nicht, daß sie unbewusst eine Mappe des Fremden in ihren Koffer eingesteckt hat.

Da sie nun den Flug verpasst fährt sie nachhause und erst durch das Klingeln des Handys des Toten, bemerkt sie die Mappe. Eigentlich will sie die Mappe der Polizei geben, doch da das Telefon stets von Neuem klingelt, geht sie ran und eine barsche Männerstimme spricht eine Warnung an den unbekannten Toten aus. Da sie der Polizei für weitere Fragen bereit stehen soll und auch der anreisenden Witwe, die aus Kanada anreist, zur Verfügung stehen möchte, falls diese Fragen hat, ist an die eigentliche geplante Reise nicht mehr zu denken.

Isabelle möchte nun mehr erfahren und macht sich auf die Suche nach dem mysteriösen Anrufer und erfährt von der Witwe, daß der Verstorbene in Kanada unter einem anderen Namen lebte als der, unter dem ihn der unheimliche Anrufer kannte. Die beiden Frauen recherchieren mit der Unterstützung von Sarah, der Tochter von Isabelle, und machen sich gemeinsam nach den Wurzeln der Geschichte des Toten, der anscheinend eine doppelte Identität und wohl eine furchtbare Kindheit hatte…

Ein leichter, aber hintergründiger Roman, der voller Gesellschaftskritik ist. Ein Buch, das immer spannend bleibt und eine sensible Geschichte erzählt, die betroffen machen kann…

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Kazuaki Takano: „Extinction“

Kazuaki Takano Extinction Bertelsmann

Ist die nächste Stufe der Evolution das Ende von uns allen?

Ich hatte jetzt einfach mal Lust auf ein schnelles, spannendes Buch. Ich hatte mich für „Extinction“ von Kazuaki Takano entschieden. Es war eine spontane Entscheidung, denn das Buch hat mich optisch angesprochen und der Text auf der Rückseite las sich sehr spannend und versprach, was ich suchte: gute Unterhaltung.
Der Hauptgrund war auch der japanische Autor, denn ich bin immer sehr neugierig auf japanische Literatur. Es handelt sich um einen gut gemachten Thriller, der cineastische Bilder beim Lesen heraufbeschwört.
Die Handlung beginnt im Weißen Haus, wo der Präsident zu einer Besprechung gerufen wird, in der man ihm mitteilt, dass ein Junge, Akili, wohl eine „neue Lebensform“ ist, eine neue Spezies des Menschen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten. Der Junge, ein Angehöriger eines Pygmäenstammes, kann diverse Codes und Formeln errechnen, bestimmen und auch chemische Formeln für lebensrettende Medikamente erstellen…
Die amerikanische Regierung sieht in dieser Entwicklung eine Bedrohung und meint, dieses Geschöpf bedrohe die ganze Menschheit.

Der eigentliche Held des Romans, Jonathan Yeager, ein Söldner, der sich am Anfang des Romans im Irak befindet, soll von der Regierung rekrutiert werden. Da sein Sohn unter einer tödlichen genetischen Krankheit leidet, nimmt er aus finanziellen Gründen den Auftrag an, um die weiteren Therapien für seinen Sohn bezahlen zu können. Sein Auftrag ist, mit allen Mitteln zu verhindern, dass ein tödliches Virus, das bei einem Pygmäenstamm im Kongo ausgebrochen sei, sich ausbreitet. Der Leiter dieser Operation, deren Ziel die Vernichtung der neuen Spezies ist, ist ein vom CIA eingesetzter Wissenschaftler. Doch bald bemerken sie, dass diese Spezies schützenswert ist und werden selbst zu Gejagten.
Der japanische Student Kento Kaga, erfährt, daß sein verstorbener Vater Medikamentenversuche durchgeführt hatte. Er forschte an einem Medikament gegen den tödlichen Gendefekt, an dem auch Yeagers Sohn leidet. Kento soll dieses Medikament entwickeln, doch hat er nur wenig Zeit und gerät ebenfalls in das Visier der amerikanischen Regierung und der CIA.

Alle Handlungen verweben sich zu einem Thriller, der sehr schnell zu lesen ist und einfache, gute Unterhaltung darstellt. Die Charaktere sind etwas plakativ und die Handlung in Teilen vorhersehbar, sehr konstruiert und gewollt. Aber das war auch gut so, denn gerade dadurch hat mir dieses Buch auch wieder Spaß gemacht. Gute Unterhaltung, gleich einem Spielfilm.

2 Kommentare

Eingeordnet unter Erlesenes