
Roy Jacobsen ist einer der meistgelesenen Schriftsteller Norwegens, der sich langsam aber auch über die Grenzen seiner Heimat einen Namen in der literarischen Welt macht. „Weißes Meer“ beschert uns ein Wiedersehen mit den Menschen der kleinen norwegischen Insel Barrøy. Der Roman „Die Unsichtbaren“ spielte bereits hoch im Norden Norwegens auf der Insel Barrøy und erzählt innerhalb einer Zeitspanne von 1913 bis 1930.
Barrøy misst einen Kilometer von Norden nach Süden und einen halben Kilometer von Osten nach Westen. Die Insel ist mit tiefen Buchten versehen und gehört zu einer Gruppe von kleinen Inseln, auf denen jeweils nur eine Familie lebt. Meist sind es Fischer, die einfach leben und sich alles hart erarbeiten müssen. Das Leben als Inselmensch ist meist vom Suchen geprägt. Die Suche nach Spuren, Brennholz, Beeren und alles, was die Natur zum Überleben bereithält. Für Hans und Maria ist dies ein Paradies. Ihre Tochter Ingrid hingegen will mehr. Sie geht auf das Festland. Sie arbeitet als Hausmädchen und kümmert sich um die Kinder der wohlhabenden Familie. Das Drama beginnt, als die Eltern der Kinder verschwinden und Ingrid die Kinder mit auf die Insel nimmt…
Der Roman „Weißes Meer“ ist nun die gelungene Fortsetzung von „Die Unsichtbaren“. Man muss den vorherigen Roman aber nicht gelesen haben. Beide Werke stehen für sich und können sehr gut apart gelesen werden.
„Der Fisch kam zuerst“
Die Handlung spielt 1944 und es ist Krieg. Ingrid arbeitet auf dem Festland als Fischfrau. Sie nimmt eine Saison lang die gefangen Fische aus und legt diese ein. Als der Winter naht und die Fänge immer magerer werden, fährt sie zurück auf die Insel Barrøy. Ihre Tante, die dort lebt, ist im Krankenhaus und der noch lebende Rest der Familie hat die Insel schon lange verlassen.
Ingrid beginnt sich auf der Insel erneut einzuleben. Sie lebt vom Fischfang und von dem, was die Insel hergibt. Während eines heftigen Sturms und durch einen Angriff werden viele tote deutsche Soldaten an die zerklüfteten Küsten der Insel geschwemmt. Auch Ingrid findet neben toten Seehunden eines Tages angespülte Leichen und diverse Männerkleidung, die mit Papier und Holzspäne ausgestopft war, als zusätzlicher Wärmeschutz. Einer der Männer hat überlebt und sie kann ihn schwerverwundet in ihre Hütte bringen und gesundpflegen. Trotz der sprachlichen Barrieren kommen sich beide immer näher. Sein Name ist Alexander und er scheint ein russischer Kriegsgefangener zu sein. Es beginnt eine zarte Liebe. Er gibt ihr auch einen schriftlichen Liebesbeweis, doch wird es lange dauern, bis ihr dieses Schriftstück übersetzt wird.
Ingrid will melden, dass auf ihrer Insel viele Tote sind, doch wird sie als Frau vorerst nicht wahrgenommen. Als dann doch die Behörden und besonders die Deutschen mit ihren Kollaborateuren sich auf die Suche nach Deserteuren machen, gerät das heimliche und stille Glück der beiden in Gefahr. Ingrid verausgabt sich und dehydriert so sehr, dass sie ohnmächtig ins Krankenhaus gebracht wird. Dort überlebt sie einen Anschlag und kehrt nach längerer Zeit schwanger auf ihre Insel zurück. Aber Alexander ist bereits verschwunden…
Ein Roman, der Stimmungen und Geschichte aufleben lässt und mit jeder Zeile den Leser in die karge Landschaft einlädt. Es ist kein Satz zu viel oder zu wenig und die Handlung kippt niemals ins Kitschige. Die Figuren sind tiefgründig und die Sprache des Romans ist knapp, dicht und gehaltvoll.

Marlen Schachinger schreibt sehr kunstvoll und man holpert leicht am Anfang, wird aber dann immer mehr von der Handlung und besonders der Sprache gefesselt. In „Albors Asche“ werden wir Zeuge, wie in einem kleinen Ort, der zunächst nur harmlos wirkt, durch das Auftauchen einer rothaarigen Fremden Fremdenhass und Brutalität ausgelebt wird. Beobachtet wird der Einzug dieser Fremden von einem, der bereits seit einer sehr langen Zeit sein Zimmer nicht mehr verlassen hat und alles, was sich vor seinem Fenster abspielt, akribisch notiert. Pastora, die geheimnisvolle Fremde, wird Opfer, denn sie löst Bewunderung, aber auch Aggression aus. Ein Roman, der langsam auf die Tragödie zusteuert. Ein Untergang in Intrigen und Boshaftigkeit einer vermeintlichen Idylle aus Angst vor dem Anderssein.
Neu erschienen sind nun die Erzählungen „Unzeit“. Ein großartiger Figurenreigen, der die Zustände der Zeit, d.h. der Unzeit darstellt. Es sind viele Protagonisten, die im Leser einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Sei es die kluge Physikerin mit ihren wichtigen Arbeiten, die aber keinen Erfolg hat, da sie eine jüdische Frau ist. Eine Frau die hofft, dass der Tod sie nicht vergisst. Einem Manager, der seinen Arbeitstag in der Welt des Onlinehandels beendet und in den Feierabend geht. Sein Ziel ist es, die Produktion zu steigern, d.h. er musste sein „Menschenmaterial“ ausbeuten oder verringern, d.h. entlassen.








