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Arnd Rüskamp: „Der letzte Käpt’n“

Arnd Rüskam Der letzte Käpt´n Emons

Ein Küstenkrimi, der erneut bekannte Gesichter aus der Realität auf Papier lebendig werden lässt. Dies ist der vierte Fall um die Kieler Polizistin Marie Geisler. Der Titel verspricht Maritimes, doch ist der hier genannte Käpt´n der Anführer einer Rockergruppe, die sich gerne des Marine-Jargons bedient. Dieser Rockerkapitän ist beruflich Zahnarzt und seine dentale Denkweise überschneidet sich gerne mit der des erfolgreichen Anführers. Denn jemand, der ihm im Weg steht, wird auch mal mit einem faulen Zahn verglichen. Die Entfernung ist blutig, aber danach hat man meistens seine Ruhe.

So beginnt der Krimi auch gleich mit einer Hinrichtung. Bei einer Routinekontrolle am Hafen wird ein toter Biker gefunden. Der Ermordete ist ein Schwede und sollte anscheinend mit Hilfe eines Speditionsunternehmens post mortem in seine Heimat überführt werden. Marie Geisler und ihr Team beginnen mit den Ermittlungen. Alle Spuren führen zu Sven Mulder einem Zahnarzt in Neumünster. Nebenbei ist er der Kopf der White Sharks, die ihr Vereinsheim am Westensee haben. Sven Mulder handelt mit Waffen. Sein Gewissen wird dabei nicht in Mitleidenschaft gebracht, denn Waffen sind wie seine medizinischen Instrumente Werkzeuge. Die Verwendung entscheidet über den Nutzen und der Verwender hat somit die Verantwortung. Durch ein gutes und verstecktes, fast schon unsichtbares System tritt Sven Mulder als Verkäufer auf. Er macht sich bei seinen Handlungen mit regulären Lieferwagen fast unsichtbar.

Marie Geisler freut sich eigentlich auf ihren Urlaub, den sie nach einem bevorstehenden Seminar antreten wollte. Durch den Leichenfund am Hafen ist die erste Vermutung, dass es sich hier um einen Bandenkrieg handeln könnte. Ein neuer Kollege, Gregor Sachse, der ebenfalls gewisse Kontakte in die Rockerszene hat, soll sich nun in das Milieu einschleusen. Es läuft einiges aus dem Ruder und es gibt einen weiteren Toten…

Arnd Rüskamp hat sich mit seinem vierten Fall sprachlich und inhaltlich steigern können. Die Landschafts- und Ortsbeschreibungen sind sehr gekonnt eingesetzt und verlangen keine Kenntnisse, sondern wecken durch die Beschreibung eine eigene Stimmung. Doch kennt man sich in den Ortschaften aus, wirkt alles sehr realistisch und glaubhaft.

Im vorherigen Fall, „Windstärke 10“, wurde ich zum ersten Mal literarisch gesichtet. Ich lief in Friedrichsort kurz über die Straße. Jetzt in „Der letzte Käpt´n“ tauchen Sonja und ich gemeinsam auf und werden mehrfach im ganzen Text erwähnt. Ein kurzes Beispiel:

«Astrid Moeller war ob der spontanen Hilfsbereitschaft ein bisschen überrumpelt. Hauke und seine Frau Sonja arbeiteten Hand in Hand.»

Seite 213 (Siehe auch Seite 257 und 326 – eigentlich läge es nun an uns, Arnd Rüskamp einen Apfelkuchen zu bringen!). Wir sagen vielen, vielen Dank!

Jetzt sind wir nicht nur Lesebotschafter sondern auch lebendige Figuren auf Papier! Also ein Krimi, der uns sehr belebt!

Siehe auch: Leseschatz-TV: Im Gespräch mit Arnd Rüskamp (YouTube) vom 24.04.2019

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Ulrike Almut Sandig: „Monster wie wir“

Monster wie wir Ulrike Almut Sandig Schöffling

Ein unglaublich starkes Debüt, das sprachlich und durch den Inhalt überzeugt. Können wir die Monster in uns bekämpfen? Ist Gewalt eine Lösung und was kann vor dieser retten? Was wird aus Menschen, die als Kinder stets mit Gewalt konfrontiert waren? Wem kann man Vertrauen schenken und wie kann man sich gegenseitig heilen?

Das Buch ist in vier Abschnitte eingeteilt. Die beiden mittleren sind die Hauptkapitel, die jeweils die Geschichte von Ruth beziehungsweise von Viktor erzählen. Gleich im Prolog spricht Ruth aber auch jenen Voitto an, der erst im letzten Kapitel gänzlich auftaucht. Vorher ist er eine aufdämmernde Figur, der Ruth alles berichtet und die sie öfters im Text direkt anspricht.

Die Handlung beginnt in der ostdeutschen Provinz. Eine Umgebung, die durch den Kohleabbau geprägt ist und verschlungen wird. Ruth und ihr Bruder Fly wachsen im dörflichen Pfarrhaus auf. Ruth ist noch zu klein, um vieles, was um sie und mit ihr passiert, zu erfassen. Die Stimmung übernimmt sie dennoch sofort. Der Streit der Eltern wird immer spürbarer, bis die Mutter mit ihr später auch kurzweilig ihren Mann, den Pfarrer, verlässt. Ruth findet für sich die Musik als Fluchtmittel. Sie lernt schnell die Geige und das Klavier zu spielen. Die um sie herrschende Bereitwilligkeit zur Gewalt und den immer wieder auftauchenden Missbrauch erklärt sich Ruth mit Vampirgeschichten. In Folge wird es immer die Musik bleiben, die sie in Einklang bringt. Eine Art des Schutzgefühls findet sie stets bei ihrem Freund Viktor. Bei ihm wird sie sich auch trotz seiner Entwicklung sicher fühlen.

Viktor erlebt zu Hause ebenfalls Gewalt und Missbrauch. Später findet er die Möglichkeit, seine Empfindungen auszublenden. Was Gewalt bedeutet weiß er und er will nun selbst abschrecken. Er trainiert, um stark zu wirken, rasiert sich den Kopf und trägt Springerstiefel mit weißen Schürbändern. Für Viktor ist es überall besser als zu Hause. Somit stellt nur sein Erscheinungsbild seinen Weggang als Au-pair nach Frankreich in Frage. Er schummelt auch bei den Bewerbungsunterlagen und fängt bei einer wohlhabenden Familie an. Doch nimmt er sein inneres Monster mit und begegnet in Frankreich auch mindestens einem neuen und doch bekannten Monster in Menschengestalt.

Wohin es letztendlich Ruth oder Viktor verschlägt, ist durch Gewalt geprägt. Die Familien und das Umfeld geben den beiden keinen Schutz. Findet Ruth weiterhin Zuflucht und Schutz bei Viktor,  auch als er sich wie ein Nazi kleidet und sich auch so benimmt? Kann das Zusammenbrechen der DDR ihnen Raum zur freieren Entfaltung geben? Ihr Erwachsenwerden beginnt im Äußeren und vollzieht sich langsam im Inneren. Wer ist jener Voitto, dem Ruth ihre Geschichte erzählt? Wird er oder Viktor bei ihrem Konzert auftauchen? Können sich beide von der Gewalt in ihrem Leben befreien?

Das Buch ist ein Monster – und was für eins. Es ist aufwühlend, kraftvoll und begeistert von Anfang an. Man merkt der Sprache an, dass die Autorin eine gefeierte Dichterin und Klangkünstlerin ist. Inhaltlich gibt es viel zu entdecken und zu empfinden. Es geht nicht allein um Selbstbefreiung oder Selbstbestimmung, dafür ist dieses Monster zu komplex. Es ist ein Romandebüt, aber das siebte Buch der Autorin.

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Nicolas Mathieu: „Rose Royal“

Nicholas Mathieu Rose Royal Hanser Berlin

Ein Kurzroman, der überrascht und von einer Frau erzählt, die Höhe- und Tiefpunkte im menschlichen Miteinander erlebt. Doch ist sie vorbereitet und hat zur Sicherheit stets eine Pistole in ihrer Handtasche.

Nicholas Mathieu hatte mit „Wie später ihre Kinder“ einen großen französischen Gesellschaftsroman geschrieben und hat nun einen knappen Roman, eher eine Novelle, verfasst. Der Text stellt eine Protagonistin in den Mittelpunkt, die abgeklärt, tough, lebens- und liebeshungrig  ist. Das literarische Werk ist ein Psychogramm einer Frau, die vom Leben, besonders von den Männern, gezeichnet wurde und sich entschließt, sich nichts mehr gefallen zu lassen. Sie traf in ihrem Leben auf Männer, die nicht auf ein Nein hören konnten, sie hat eine Ehe hinter sich und Kinder zur Welt gebracht. Aber alle ihre Misserfolge im privaten und beruflichen Leben haben sie innerlich gestärkt. Sie möchte sich niemals wieder wehrlos erleben und hat sich eine Pistole organisiert, die sie nun stets bei sich trägt. Ab sofort soll die Angst die Seite wechseln.

Wir lernen Rose als fünfzigjährige attraktive Frau kennen, die sich eines Abends mal wieder in eine Kneipe begibt. Neben ihrer Freundin trifft auch eine Gruppe von Abiturienten ein, die lauthals feiern möchten. Als die Trink- und Feierlaune gestiegen ist, betritt Luc die Szenerie. Sein Auftreten ist der erste Wendepunkt im Roman. Er taumelt mit seinem stark verletzten Hund in die Bar. Da dem Hund nicht mehr zu helfen ist, erlöst Rose diesen kurzentschlossen mit ihrer Waffe. Trotz dieses blutigen Anfangs werden Rose und Luc in Folge ein Paar.

Die Beziehung dümpelt und ist für keinen der Beiden mit Glücksmomenten gefüllt. Das Glück finden sie wohl eher in ihren gemeinsamen Trinkgelagen. Er ist ein wortkarger Mann, der seine Männlichkeit mit seinem Wagen vorgaukelt. Dabei ist gerade sein Liebesleben verklemmt und ungenügend. Sie erträgt es bisher und tröstet ihn oft mit den Worten: „Macht nichts. Morgen schauen wir weiter.“ Doch ist Luc in seinem männlichen Stolz gekränkt und wird handgreiflich.

Das Versagen der Beziehung wird immer offensichtlicher. Ist doch eine Versöhnung möglich? Oder gleiten sie in ihre Gewohnheiten ab? Kommt es zu einem erneuten Schuss aus der Pistole?

Ein schonungsloser Roman, der am Ende überrascht und Charaktere ins Leben geholt hat, die in Erinnerung bleiben. Ein kurzer Lesemoment, der aber wie ein Pistolenschuss knallt und einiges aufwirbelt. Aus dem Französischen übersetzt wurde das Buch von Lena Müller und André Hansen.

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Meena Kandasamy: „Schläge“

Meena Kandasamy Schläge Culturbooks

Der Untertitel lautet „Ein Porträt der Autorin als junge Ehefrau“. Meena Kandasamy ist ein gewaltiger autobiografischer Roman gelungen, der begeistert und unter die Haut geht. Doch findet sich ihn ihm auch die Hoffnung auf die Kunst. Die Kunst, die Sprache und die daraus resultierenden Bilder sind als Ventil und Vermittler der Emotionen wichtige Bestandteile der Gesellschaften. Der Roman ist zart poetisch und herb gewaltig. Es geht um eine junge Frau, die Autorin, die von ihrem Mann gedemütigt, isoliert, geschlagen und missbraucht wird. Sie kann sich durch die Unbesiegbarkeit der Sprache befreien und fixiert ihr Drangsal in Form von literarischer Kunst.

Nachdem sie geflohen ist, kehrt sie heim. Ihre Mutter will die seelischen Schmerzen nicht wahrnehmen, sondern befreit sie vorerst vom körperlichen Schmutz. Zum Beispiel sind es die Läuse, in der Erzählung der Mutter werden es immer mehr, die der geschundenen Frau vom Kopf fallen. Diese Verwahrlosung ist dem Ehemann geschuldet. Doch auch die Füße, die die junge Frau auf ihrer Flucht getragen haben, rücken in den Betrachtungen der Mutter in den Vordergrund. Der Vater beweint und verarztet die Wunden der Tochter. Wie sieht es im Inneren der Frau aus? Meena Kandasamy will ihre Geschichte erzählen und erlebbar machen. Sie verarbeitet durch das Schreiben ihr Erlebtes und will ihre eigene Geschichte zurück. Jetzt ist sie eine Autorin, Übersetzerin und Aktivistin. Sie wurde in Chennai geboren und lebt jetzt in London.

Sie erzählt, was ihr zugestoßen ist. Sie ist jung und lernt einen Universitätsdozenten kennen und lieben. Er wirkt auf sie imposant und charismatisch. Nach der Ehe wird ihre bisherige Welt abgeschlossen. Mit der räumlichen Veränderung beginnt die eigentliche Isolierung. Sie ziehen in eine Region Indiens, wo sie gänzlich der Kommunikation beraubt wird. Sie spricht nicht die dortige Sprache und ihr Mann verbietet ihr die sozialen Netzwerke und verlangt ihre Passwörter für ihre Profile und Mail-Adressen. Immer mehr wird ihr das eigene Leben und besonders ihre Freiheit geraubt. Durch seine Ausbrüche erahnt sie das Kommende und er beginnt sie zu schlagen.

Die Entwicklung der Isolierung und Gewalt steigert sich kontinuierlich. Die physische und psychische Last und Gewalt wirken wie eine Lawine, die langsam über die Frau und jetzt über den Leser hinwegrollt. Der vermeintlich perfekte Mann aus der kurzen Kennenlernphase ist ein Monster geworden oder war es bereits schon immer, nur konnte er sein eigentliches Wesen anfänglich vor ihr kaschieren.

Durch die Literatur gewinnt sie ihre Freiheit zurück. Es beginnt mit imaginären Liebesbriefen, die sie schreibt, um zu schreiben und zu fühlen. Sie vernichtet diese Briefe sofort wieder, somit sind diese Texte nichts Bleibendes. Nicht aber das Resultat daraus. Sie lernt ihre Stärke zu erkennen und sie schwört sich, sich zu wehren und zu befreien. Ihr Widerstand ist letztendlich ihre Geschichte, ihre Sprache und gipfelt in diesem brillanten Buch.

Ein schockierender, lesenswerter und wichtiger Roman. Das Buch ist heftig und toll zugleich und zeigt, warum Literatur und Kunst so wichtig sind. Das Buch wurde aus dem Englischen von Karen Gerwig übersetzt.

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Helena von Zweigbergk: „Totalschaden“

Helena von Zweigbergk Totalschaden Nagel & Kimche

Ein Roman, der mit viel Einfühlungsvermögen und leichtem Witz von der Verletzlichkeit der Familie erzählt. Agneta und Xavier sind seit vielen Jahren verheiratet und haben erwachsene Töchter, die nicht mehr bei ihnen wohnen. Eigentlich war es eine glückliche Ehe. Doch irgendetwas Falsches hat sich in die Gefühlswelt eingeschlichen. Etwas hat sich verändert und Agneta registriert, dass etwas fehlt, kann es aber noch nicht greifen oder benennen.

Es beginnt mit fünf toten Hasen. Xavier liebt den Wald und hat von seinen Kollegen der Schwedischen Universität für Agrarwissenschaften den Jagdschein geschenkt bekommen. Dabei bedeutet Xavier das Jagen nichts, ihm sind lediglich der Wald und die Natur wichtig. Doch nun hat er zum ersten Mal jene fünf Hasen geschossen. Agneta und Xavier versuchen das Beste daraus zu machen. Sie wollen eigentlich die toten Tiere verdrängen, möchten die Hasen aber auch nicht umsonst gestorben wissen. Bei der weiteren Verarbeitung registrieren die Beiden unbewusst, wie sie den anderen eigentlich benötigen. Es soll ein Festschmaus mit Freunden werden. Doch als Agneta die Hasen in der Küche zubereiten möchte, setzt sie das ganze Haus aus Versehen in Brand. Dieser häusliche Totalschaden zeigt ebenfalls die Trümmer der Ehe, des gemeinsamen Lebens auf.

Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive von Agneta, die sich langsam mit den verdrängten Problemen auseinandersetzen muss. Wichtig sind dabei auch die drei Töchter. Xavier kam mit seiner dreijährigen Tochter Maria nach Schweden, nachdem seine Frau in Argentinien ermordet wurde. Daher ist Maria stets der Mittelpunkt in Xaviers Leben. Als Agneta und Xavier sich kennenlernen und heiraten, bekommen sie noch zwei Töchter. Als die Kinder später als Erwachsene zuhause ausziehen, ist aus den vielen Ehejahren ein routiniertes Miteinander geworden. Doch wird auch deutlich, dass besonders Agneta etwas fehlt. Der Totalschaden entzweit und öffnet alte und neue Wunden. Die Charaktere erleiden Leid, Schuld, Sorgen, Neid und Verlust. Können die Töchter helfen? Ist eine Gemeinsamkeit noch möglich und können die negativen Emotionen überwunden werden?

Wie immer ist die Ehrlichkeit und die offene Herzlichkeit der innere Kern jeder Gemeinsamkeit. Sobald dieses gemeinsame Nest zerstört ist, wird es beschwerlich dies wieder aufzubauen oder gemeinsam ein neues zu finden. Die Figuren sind nicht gradlinig, sondern vielschichtig angelegt. Der Roman baut mit der Entwicklung der Figuren eine Situation auf, die mit der Heimauslöschung seinen Anfang nimmt und immer wandelbarer wird.

Ein schön geschriebener und unterhaltsamer Roman. Der Handlungsverlauf ist nicht der eines typischen Familienromans. Die kleinen kaputten Bilder wachsen bis zum Brand und erlöschen immer mehr, um den Figuren Raum zur Entwicklung zu geben. Aus dem Schwedischen übersetzt wurde der Roman von Hedwig M. Binder.

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Alexandra Riedel: „Sonne Mond Zinn“

007Der Titel „Sonne Mond Zinn“ ersetzt die Sterne durch den Nachnamen des Protagonisten. So ist es auch nicht verwunderlich, dass dieser auf kleinstem Raum angelegte Debütroman auch eine Reise in die Weiten des Weltraums einspinnt. Der Raum besteht aus nichts und darin bewegen sich die Himmelskörper und kommen sich durch die vorgeschriebene Reise etwas näher. Doch kommt es selten zu einer Kollision. So ist auch die Distanz im Text ein wichtiger Bestandteil. Innerhalb der Figuren, der Räumlichkeiten und letztendlich auch kunstvoll eingesetzt zum Lesenden.

Es ist Gustav Zinn, der die Geschichte seiner Mutter erzählt. Anton Hamann ist verstorben und hinterlässt Isolde und die beiden Söhne Ulrich und Anselm. Gustav arbeitet auf einer Insel als Fluglotse und erhält überraschend einen Anruf der Witwe, die ihm mitteilen möchte, dass ihr Ehemann verstorben ist. Er sei zur Trauerfeier eingeladen. Anton Hamann ist der Großvater von Gustav, der Vater seiner Mutter Esther, die nicht zur Begräbnisfeier erscheint. Esther Zinn ist die uneheliche Tochter von Anton.

Während der Anreise, Ankunft und Trauerfeier beginnt Gustav Zinn einen inneren Monolog mit seiner Mutter. Somit spricht der Ich-Erzähler diese oft per Du an, um eine Nähe zu suggerieren, die mindestens räumlich nicht vorhanden ist. Alles wird immer distanzierter und auch etwas grotesker durch die Charaktere, die sich zum Leichenschmaus einfinden, und die wachsende Phantasie, die durch die Anekdoten, Erinnerungen und Gesprächsfetzen angeregt wird. Die Witwe, die Gustav eingeladen hat, ignoriert weitestgehend den Gast. Ulrich ist es, der versucht sich Gustav zu nähern, aber doch durch Alkohol die Bodenständigkeit verliert.

Der Leichenschmaus ist auch visuell einer. Ein grotesk wirkendes Spanferkel, das in einem Umfeld serviert wird, das keine Besinnlichkeit oder Herzlichkeit erkennen lässt. Gustav ahnt, dass die uneheliche Tochter dem Verstorbenen doch etwas bedeutet haben muss. Der für Gustav unbekannte Großvater war Astronom und hat lieber allein den Blick in die Sterne geworfen als die Menschen in seinem Umfeld wahrzunehmen. So ist auch dieser Text ein Beobachten und Registrieren, um die Umlaufbahnen der Menschen zueinander zu verstehen. Ab und zu winkt der Witz und der Slapstick durch die eigentliche Familientragödie. Charlie Chaplin tanzt ab und zu durch den Text, weil Gustavs Mutter für das Kino schwärmte, besonders für jenen Schauspieler. So bricht vieles  facettenreich auf, wie das Licht im Kinosaal, im Tower des Flughafens, bei der Begräbnisfeierlichkeit im Garten und beim Blick in die Sterne.

Ein Spiel aus Wirklichkeiten, Möglichkeiten und Sehnsüchten. Elternliebe als Zentrum. Doch was passiert, wenn diese fehlt? Wohin wandert der Schmerz? Ein poetischer Roman voller Tiefe, Weite und Humor. Der kurze Roman ist sich genug. Alles ist ausreichend und mit nicht zuviel beladen erzählt.

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Zoë Beck: „Paradise City“

Beck Paradise City Suhrkamp

Ein Zukunfts-Thriller, der unsere Gegenwart nur etwas weiterdenkt. Was wäre, wenn in der Orwell-Welt unsere heutigen Errungenschaften bereits möglich gewesen wären? Was, wenn man diese Möglichkeiten für die Zukunft weiterspinnen würde? Was würde jener Big Brother alles damit machen? In dem Werk von Orwell „1984“ wird auch durch kleinste Hinweise ein Bild im Leser geweckt. Bei Orwell ist es gleich am Anfang die Uhrzeit, die eine Verschiebung der Realität verrät. Zoë Beck versteht es ebenfalls, durch  kleinste Bilder große Welten aufzubauen.

Zoë Beck hat eine Vorliebe für Science-Fiction und schreibt nach „Die Lieferantin“ einen Roman, der in der verlängerten Gegenwart spielt. Doch ist diese paradiesische Stadt kein wirkliches Traumland und spielt nach jener Klima-Katastrophe, auf die wir zusteuern könnten. Durch eine Pandemie sind viele aus der Bevölkerung gestorben. Doch ist dieser Roman fern von einer Spiegelung der jetzigen Corona-Krise (auch wurde das Buch weit vorher geschrieben und lag mir vor der Epidemie als Manuskript vor – Danke Zoë!). Es ist tiefgründig und baut dabei ein spannendes Szenario auf.

Es spielt in Deutschland und die heutige Küstenlinie hat sich gänzlich gewandelt. Weite Teile des Landes sind entvölkert und die Menschen, die eine große Pandemie überlebt haben, leben in geballten Städten. Berlin ist lediglich eine Touristenattraktion. Die Hauptstadt ist Frankfurt, die mit dem ganzen Umlandbezirk zu einer Megacity gewachsen ist. Das Leben wird reglementiert. Die Technologien bestimmen und kontrollieren den Alltag. Für alles gibt es die passende App. Auch die Gesundheit wird ständig über eine solche kontrolliert. Es wird sich um einen gekümmert. Alles wird mehr oder weniger bestimmt, auch der Wohnraum muss beantragt und genehmigt werden.

Durch diese Zentrierung des menschlichen Lebens erobert sich langsam die Natur ihren Raum zurück. Dabei kommt es ab und zu wohl auch zu tierischen Übergriffen. Die Heldin, Liina, ist Journalistin und arbeitet für ein nichtstaatliches Nachrichtenportal. Eigentlich sollte sie gerade eine brisante Geschichte übernehmen, doch wurde sie kurzfristig zu einer banal klingenden Recherche geschickt, weil anscheinend erneut Tiere auf Menschen losgegangen sind. Während Liina widerwillig dieser Story nachgeht, passiert ihrem Chef und heimlichen Geliebten, von dem sie ein Kind erwartet, ein traumatischer Unfall. Er ist vor einen einfahrenden Zug gestürzt. War es Suizid oder wurde er gestoßen und die Täter haben moderne Videoblocker verwendet? An welcher brisanten Geschichte hat er gerade gearbeitet, die eigentlich Liina zugesagt wurde? Als dann auch noch die Kollegin stirbt, mit der er zuletzt Kontakt hatte, wird für Liina klar, es handelt sich um ein Komplott. Ihre Recherche wird immer beklemmender und sie kommt einer Wahrheit auf die Spur, die sie in große Gefahr bringt.

Ein fesselnder Thriller. Die Figuren sind sehr plastisch ausgearbeitet und die Bilder, die beim Lesen entstehen, wirken cineastisch. Das Szenario ist erschreckend glaubwürdig und die Handlung des Romans wird immer spannender. Ein verflochtener Roman, der als Spannungsroman, aber auch als Gesellschaftskritik und Warnung zu lesen ist. Ein zum jetzigen Zeitpunkt lesenswerter und passender Thriller.

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Ralph C. Doege: „Yume“

Ralph C. Doege Yume Septime

Ist alles ein Traum, ein Trauma und was ist die Realität? Ein Experiment vermindert oder besser gesagt verändert die Wahrnehmung und die Aufmerksamkeit des Protagonisten. Für den Leser ist es ein gedankliches Verwirrspiel.

Tokio als Ort des Geschehens. Die Hauptstadt von Japan verkörpert mindestens auch zwei mögliche Wahrnehmungen. Die geschäftige Stadt ist bunt, durch Wolkenkratzer geformt und beleuchtet in Neonlicht. Doch beherbergt sie ebenfalls, neben dem Modernen, das Traditionelle mit den historischen Park – und Tempelanlagen.  Auch die Religionen Shintō und Buddhismus sind unterschiedlich und dennoch gibt es Vermischungen und sie sind auf den ersten Blick schwer zu unterscheiden. Auch gibt es oft das Bild oder die Statue eines schlafenden Buddhas. Denn darum geht es in Yume. Schlaf und Träume in Bezug auf die Realität. Yume, in Japanisch 夢, bedeutet: Traum, Wunschtraum und Vision.

Es sind Zwillingsbrüder und einer hatte einen Unfall und liegt nun im Koma. Somit macht sich der andere auf die Reise nach Tokio. Der lange Flug und der Jetlag verringern bereits den zeitlichen Bezug bei der Ankunft. Raum und Zeit werden langsam surreal für den Reisenden. Aber dafür ist er auch hier. Durch moderne Technologien will man in Erfahrung bringen, wie weit der im Koma Liegende da ist und wahrnimmt. Seine Hirnaktivitäten werden gemessen, können aber nicht dechiffriert werden. Daher versucht man, mit Hilfe der YUME die Bilder zu enträtseln. Das neurowissenschaftliche Gerät YUME kann Hirnvorgänge dekodieren. Um die Daten, d.h. Bilder in einen Einklang zu bringen, benötigt man den Zwillingsbruder. Es geht um Visualisierung von Traum- und Gedankeninhalten. Somit wird der angereiste Zwillingsbruder oft und viel in Tokio schlafen müssen. Doch gelingt dies?

Im taumelnden Wachzustand erkundet er die Stadt. Die moderne und die alte Welt. Dabei beginnt der Träumende im Reisenden zu erwachen und im Traum, der Schlafende aktiv zu werden. Er erinnert sich, er beginnt zu sehen und es beginnt das Aufwachen…

Das Buch ist für den Lesenden auch eine kleine Reise nach Tokio. Man erlebt die Stadt und dank der schwarz-weißen Fotos des Autors bekommt das Setting ein stimmungsvolles Gesicht.

Das Buch ist leider viel zu kurz und man ist selbst positiv schlaftrunken nach der Lektüre. Etwas mehr hätte wohl dem Text gutgetan. Aber eventuell ist es gerade die Kürze, die den Reiz ausmacht und die Rätsel des Inhalts besonders hervorhebt. Das Leseerlebnis ist gleich einem Sekundenschlaf, nach dem man erfrischt, aber auch noch vom Traum benommen und irritiert in die Realität entlassen wird.

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Jean Stafford: „Die Berglöwin“

Jean Stafford Die Berglöwin Dörlemann

Das Ende der Kindheit steht im Mittelpunkt dieser großartigen Wiederentdeckung und Neuübersetzung. Wie aus vermeintlich untrennbaren Kindern ein Geschwisterpaar wird, das sich immer mehr voneinander zu trennen beginnt und auf Distanz geht.

Die amerikanische Schriftstellerin Jean Stafford erhielt den O.-Henry-Preis und den Pulitzer-Preis. Ihr bekanntestes Werk „Die Berglöwin“ (Original: The Mountain Lion) erschien 1947 und wurde jetzt neu von Adelheid und Jürgen Dormagen übersetzt. Ergänzt wird der Roman am Ende mit einem lesenswerten Nachwort von Jürgen Dormagen.

Erzählt wird die Geschichte von Molly und Ralph. Beide sind anfänglich acht- beziehungsweise zehnjährige Kinder, die eine Entwicklung durchlaufen, die faszinierend und psychologisch ausgearbeitet wurde. Dabei sind es Charaktere, mit denen man als Leser nicht wirklich sympathisiert. Das Werk als solches ist eine literarische und sprachliche Bereicherung für den Lesenden. Die Handlung spielt Ende der 20er Jahre. Molly und Ralph leben mit ihrer Mutter und den älteren Schwestern in einem vornehmen Vorort von Los Angeles. Sie wirken wie ein unzertrennliches Geschwisterpaar und sind bereit mit vielen Konventionen zu brechen. Ihre Mutter ist leicht konservativ, überkorrekt und vernachlässigt dabei etwas die Kinder. Diese verstehen es, aus den Situationen ihre Vorteile herauszuziehen und versuchen der gesellschaftlichen Langeweile, den Routinen und besonders dem Schulalltag zu entkommen. Ein Höhepunkt im Jahr ist der Besuch des Großvaters. Diesen scheinen aber eigentlich nur Molly und Ralph zu mögen. Der Grandpa ist Großgrundbesitzer und welterfahren. Er besitzt eine gewisse Bauernschläue und widersetzt sich auch gerne der Prohibition. Als dieser aber unerwartet bei dem jetzigen Besuch einem Herzanfall erleidet und stirbt, soll seine Beisetzung dort vor Ort durchgeführt werden. Bei der Trauerfeier zeigen sich die wahren Gesichter der Erwachsenen, die die Kinder beim Leichenschmaus selten, wenn überhaupt wahrnehmen. Durch Scharlach und eine weitere Drüsenstörung wirken die Kinder leicht kränklich, leiden auch oft unter Nasenbluten. Daher werden Ralph und Molly nach Colorado zu ihrem Onkel auf dessen Ranch geschickt. In dieser fremden, wilden Welt verabschieden sich die Kinder langsam von ihrer Kindheit und der Bruch zwischen ihnen setzt ein. Molly widmet sich immer mehr der Literatur und will selbst Schriftstellerin werden. Ralph sehnt sich nach der Jagd auf das titelgebende Tier und fürchtet um die geistige Verfassung seiner Schwester. Aus der geschwisterlichen Nähe wird langsam eine Art Hass. Dieser räumliche und psychologische Wechsel steht im Einklang mit dem Beginn der Pubertät und dem Eintritt in die Welt der Erwachsenen.

Ein psychologisch und literarisch großartiger Text. Der Roman lädt ein in eine Welt, in der die Figuren authentisch und genauestens beobachtet ins Leben gerufen werden. Die Charakterisierungen und deren Aussagen sowie Dialoge sind der damaligen Zeit entsprechend und wirken dabei zu Teilen unmenschlich. Doch das überraschende Ende und besonders auch der letzte Satz sind jenen Menschen gewidmet, die die Kinder nie als gleichwertig betrachtet hatten. Der Text selbst wertet nicht, sondern lebt vom genauen Beobachten und den wunderbaren Beschreibungen. Die Handlung und die Sprache entwickeln eine Anziehungskraft, der man als Leser schwerlich entkommen kann.

Ein großer amerikanischer Roman, den man für sich entdecken kann und sollte.

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Karosh Taha : „Im Bauch der Königin“

TAHA DuMont

„Im Bauch der Königin“ verführt uns, spielt mit uns und ist eine, nein, es sind mindestens zwei großartige Geschichten. Es sind nicht nur zwei Möglichkeiten, zwei Wahrheiten oder Perspektiven, die Karosh Taha aufzeigt. Was ist Wahrheit und Realität? Gibt es die Wahrheit ganz und unbedingt oder ist diese ein individuelles Konstrukt? Es ist ein wahrlich besonderes Buch. Auch die Aufmachung, in einem Wendeformat, ist sehr gelungen. Denn hat man die eine Geschichte beendet, wendet man das Buch und liest eine ganz andere und doch irgendwie dieselbe, die uns die vorherige ganz anders darstellt. Ein Buch mit zwei Körpern, die sich verbinden und doch jeder für sich steht.

Dies ist der zweite Roman von Karosh Taha. Sie  wurde im Nordirak geboren und lebt mit ihrer Familie in Deutschland. Ihr Debüt „Beschreibung einer Krabbenwanderung“ war ein intensiver und toller Roman über das Ankommen und die Suche nach Freiheit. „Im Bauch der Königin“ erzählt gleich der vorherigen „Krabbenwanderung“ von der deutsch-kurdischen Gemeinschaft und ist großartige Literatur. Die Autorin konnte sich zu ihrem Debüt enorm steigern.

Beide Bücher, die zusammen ein ganzes ergeben, sind auch unterschiedlich geschrieben. Dabei ist es für den Leser nicht wichtig, mit welcher Geschichte er beginnt. Wobei das Lesebändchen wohl einen kleinen Hinweis zu geben vermag. Beide Geschichten sind Wahrnehmungen um einen identischen Personenkreis, in dessen Zentrum der Bauch der Königin in Form einer freizügig lebenden Frau Shahira auftaucht. Sie ist aber stets das zentrale Bauchgefühl und nicht die wirkliche Hauptfigur. In der ersten Geschichte berichtet die Ich-Erzählerin Amal. Sie wird als ein Mogli-Kind bezeichnet, weil sie als Mädchen unter Jungs groß wird und sich oft wie ein solcher benimmt. So hat sie auch gleich zu Beginn des Textes ihren Mitschüler Younes verprügelt. Da sie ein Mädchen ist, wird ihr dies angelastet und viele gehen auf Distanz zu ihr. Doch ist es ihre anfängliche Art, für sich einzustehen und sich in der Welt zu behaupten. Frauen werden in dieser Community auch unterschiedlich angesehen. Besonders Shahira, die Mutter von Younes. Sie bricht mit ihrer Freizügigkeit einige Regeln und begeistert durch ihre Erscheinung und stößt gleichermaßen die Gemeinschaft ab. Später freundet sich Amal besonders mit Younes an. Beide suchen ihre Zuflucht beieinander. Younes ist lange in einem selbstauferlegten Wartemodus, weil er sich seinen Vater zurückwünscht und ist dadurch im Freundeskreis sehr verletzlich. Amals Vater geht eines Tages ebenfalls. Er als Architekt hadert mit seinen beruflichen Möglichkeiten in Deutschland und verlässt die Familie.  Amal, Younes und Shahira werden in der Gesellschaft zu Außenseitern und beschützen sich gegenseitig. Besonders vor der Clique um Raffiq, die immer wieder provoziert. Jahre später kommt es zu einer Eskalation und Zerwürfnissen der Freunde und Lebenswünsche. Amal begibt sich daraufhin auf die Suche nach ihrem Vater in Kurdistan.

Die gewendete Wahrnehmung stellt Raffiq in den Vordergrund. Erneut sind es Younes und seine freizügige Mutter Shahira, die das Zentrum der Aufmerksamkeit bilden. Raffiqs bester Freund ist Younes, der sich sehr kraftvoll entwickelt hat. Keiner möchte sich ihm in den Weg stellen und schon gar nicht mit ihm kämpfen. Raffiqs Gedanken kreisen oft um Shahira, die für ihre Lebensweise von vielen in Frage gestellt wird. Als sie anfangen sollen, sich um ihre Zukunft zu kümmern, ist in Raffiq immer noch einiges im Unklaren. Seine Freundin, Amal, plant einen Auslandsaufenthalt mit ihrer Freundin in Amerika. Da Raffiq die Distanz stört, versucht er diese Reise zu boykottieren. Sein Vater, der seine Familie verlassen hat und in der Gastronomie in Frankfurt tätig ist, kann bei seiner Lebensplanung auch nicht mehr aktiv behilflich sein. Raffiq muss sich der Frage stellen, was er im Leben eigentlich will.

Bei beiden Sichtweisen gibt es Überschneidungen, wie zum Beispiel den Badesee und die sogenannte Königin des Buches. Aber hat man die eine Wahrnehmung gelesen, wird diese fast gänzlich anders erneut dargestellt. Menschen erscheinen ganz anders und deren Rollen in der Gesellschaft und in dieser Handlung sind plötzlich ganz andere. Zwei Perspektiven werden beleuchtet und die jeweiligen Realitäten können ganz andere sein. Es werden Handlungen unterschiedlich bewertet, beurteilt und gedeutet. Auch die Geschlechterfrage ist dabei bei der Betrachtung von Bedeutung. Welche ist wahr? Bestimmt beide. Vieles wird durch die kunstvolle Wendung neu oder anders bewertet. Ohne es zu merken hat Karosh Taha uns, den Leser, leicht manipuliert und gerade dadurch begeistert.

Karosh Taha schreibt einfach wunderbar. Sie hat viel zu sagen und zu erzählen. Man kann nach Beenden des Textes hoffen und wünschen, dass man weiterhin viel von der deutschsprachigen Schriftstellerin zu lesen bekommt.

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