Archiv der Kategorie: Erlesenes

Ela Mang: „Menduria“

menduria

Die Kraft der Phantasie und die der Literatur sind Leitbild für diesen märchenhaften Fantasy-Roman für junge Erwachsene ab 14 Jahren. Eigentlich kann die Menduria-Trilogie seit Tolkien und Michael Ende nicht wirklich neues erzählen, wird aber bestimmt viele Leser in seinen Bann ziehen. Für mich war es ein Buch für den Neujahrstag und ich wurde mit spannender, romantischer und fabelhafter Unterhaltung belohnt.

Gleich vielen anderen Fantasy-Stoffen (man erinnere die großartigen Chroniken über den „Zweifler“ Thomas Covenant von Stephen Reeder Donaldson) beginnt die Geschichte in unserer, der realen Welt. Lina ist 16 Jahre alt und liebt es zu lesen. Sie liest alles, was ihr ihre Mutter und die Nachbarin empfehlen, deren Hund sie gerne ausführt. Sie lebt mit ihrem Zwillingsbruder bei ihrer Mutter, die als Schriftstellerin gerade auf Lesereise ist. Der Vater ist seit einiger Zeit spurlos verschwunden. Lina hat Träume, die sich später als Visionen herausstellen und eine Welt jenseits der uns bekannten andeuten. Es scheint Wesen zu geben, die sich der Träume bedienen. Die Nachbarin scheint Kenntnis davon zu haben, denn sie überreicht Lina einen Traumfänger, der später ihrem Bruder gute Dienste erweisen wird.

Bei einer unheimlichen Begegnung tritt ein weißer Wolf, Lupina, an Linas Seite und redet mit ihr. Ab diesem Moment verändert sich alles und das Weltengefüge beginnt zu wanken. Es gibt eine Parallelwelt, die durch die Phantasie und Träume der Menschen gespeist und erschaffen wird. Diese Andernwelt nennt sich Menduria. Besonders die Träume und Geschichten von Menschen mit viel Phantasie haben in Menduria großen Einfluss. Ihre Gedankenströme erschaffen tatsächliche Welten. Linas Mutter, als Schriftstellerin, verfällt auch jenen Traumdieben und fällt in eine Art Koma.

Lupina, die ihre Gestallt verwandeln kann, bittet Lina, ihr durch eines der vielen Portale nach Menduria zu folgen, denn sie ist die Auserwählte. Sie ist es, die Menduria und somit auch ihre Mutter und beide Welten retten kann. Das sogenannte Gezeitenbuch, das Buch der Welten, hat Lina vor langer Zeit auserwählt. Nur sie wird in dem Buch lesen können und somit die Magie der Andavyan erlangen und erlernen. Das Buch ist mit sieben Siegeln geschützt, denn auch Xedoc, der dunkle Fürst, beansprucht das Buch und die Herrschaft über die Welten. Aber das Buch wird sich nur für Lina öffnen, wenn sie sich als würdig erweist. Nur durch das wahrhaftige Empfinden von: Mitgefühl, Vertrauen, Mut, Hilfsbereitschaft, Ehrlichkeit, Liebe und Vergebung werden sich die Siegel für Lina öffnen.

Wenn Lina beide Welten retten möchte, bleibt ihr nichts anderes übrig als nach Menduria zu reisen. Ihr Bruder soll in unserer Welt bleiben, damit er später das Werk ihrer Mutter, der eigentlichen Verfasserin des Buches der Welten, an bestimmten Stellen ergänzen und fortführen kann. Lina hingegen stolpert in ein Abenteuer voller Wesen aus allen Gedankenwelten der Menschheit. Ihr Widersacher ist der Fürst, der die Träume der Menschen als Druckmittel und Waffe einsetzt. Sie kann aus dem Kerker entkommen und flieht mit einem Dunkelelfen Darian.

Auch wenn Darian eigentlich der Leibwache des Fürsten angehörte, hilft er Lina und scheint in ihr auch etwas zu erkennen. Er weiß und plant mehr als alle meinen oder ahnen. Lina verfällt ihm immer mehr. Ist ihr Schicksal vorherbestimmt, bereits geschrieben worden? Auch der verschollene Vater taucht wieder auf und Lina öffnet die Siegel bewusst und unbewusst… Wird sie aber alle öffnen können? Kann sie letztendlich alle Empfindungen wahrhaftig für die Prüfungen des Buches erfühlen? Ist sie die prophezeite Retterin und kann sie die letzte Schlacht für die gute Seite gewinnen?

Das ganze Abenteuer ist in drei Teilen angelegt. Es ist ein einfacher, aber schöner Märchenroman, der die Kraft unserer Phantasie heraufbeschwört und altbekanntes mit neuem verwebt.

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Cees Nooteboom: „533 Tage. Berichte von der Insel“

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Ein Tagebuch das anfänglich eitel wirkt und den Leser fragen lässt, wie kommt es, dass der Autor seine Gedanken für so wichtig erachtet, um ein Buch über seine Grübeleien zu veröffentlichen? Aber man folgt ihm gerne und hat eigentlich kein großes Interesse an zum Beispiel Kakteen, möchte dann aber gleich dem Verfasser immer mehr erfahren.

Seit vielen Jahren verbringt der in Amsterdam lebende Autor Cees Nooteboom mehrere Monate im Jahr auf Menorca. Sein umfangreiches Werk, das in viele Sprachen übersetzt ist, umfasst Erzählungen, Berichte, Gedichte und vor allem die für mich großartigen Romane „Rituale“, „Allerseelen“ und „Paradies verloren“.

In „533 Tage“ notiert Nooteboom in einer Leichtigkeit seine Beobachtungen über die inselspezifische Fauna und Flora und gibt seinen Gedanken und Erinnerungen freien Lauf. Er schweift gerne ab und vertieft seine Gedanken über die gerade gelesene Literatur, denen man nur bedingt folgen kann, die aber neugierig auf die von Nooteboom beschriebenen Werke machen. Er beobachtet die Tiere Menorcas und hegt und pflegt mit Unterstützung seinen Garten. Die Pflanzenwelt wird zu seinen gefühlten Familienangehörigen. Sein Blick geht aber auch nach innen, in seine Sorgen und philosophischen Betrachtungen über die Gegenwart. Sorgen über die globalen politischen und kulturellen Entwicklungen. Ein Bericht über die Insel wird zu einer Betrachtung der Welt als Insel im Kosmos.

Als Leser wird man ab und zu mit seinen eigenen Gedanken allein gelassen und Nooteboom regt an und schweigt dann, um die gerade entstandene Leere vom Leser selbst füllen zu lassen. Es ist wenig eitles im Text, in dem der Verfasser sich als großen Autor sieht, der jetzt in einem Lebensalter schreibt, in dem er sich erlaubt, wie viele seiner Vorbilder, über alles schreiben zu dürfen. Dies kann ab und zu langweilen.  Aber es ist Cees Nooteboom, der diesen Bericht geschrieben hat und, so empfinde ich es, darf er es auch. Seine Frage, wo wir sind, wenn jemand anderes von uns träumt, reicht bis zur Erkenntnis, dass man die ganze Welt nicht vergessen darf. Er stellt sich dann auch die Frage, die einst schon U2 („How long must we sing this song?“) gesungen haben: Bis zu welchem Alter muss man sich um die Welt kümmern? Er ist lieber auf seiner Insel und pflegt seine Kakteen und macht sich dennoch über alles seine Gedanken. Durch das Notieren und Veröffentlichen kann es sein, dass die Welt sich etwas bessert?!…

Cees Nooteboom darf mich immer wieder in seine Gedankenwelt einladen. Es dürfte aber auch mal wieder sehr gerne ein Roman sein.

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Andreas Maier: „Der Kreis“

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Andreas Meier macht es wie viele, er erinnert sich an seinen Werdegang und schreibt große Romanzyklen. „Der Kreis“ ist der fünfte Roman der sogenannten Ortsumgehung. Der Kreis als Symbol hat keinen Anfang und kein Ende. Wenn man den Kreis als Möbiusschleife bindet, auch kein Innen und außen. Jedoch bei der Ausführung, dem Zeichnen eines Kreises, treffen sich der Beginn und der Schluss. So trifft der jetzt vierzigjährige Autor auf seinen Anfang und reflektiert über das Vorläufige und was er daraus gemacht hat.

Ein Werdegang, in dem man sich als Leser an vielen Stellen wiederfindet. Der erste Kontakt mit der Kunst und der Literatur durch den ehrfurchtvollen Blick auf die Bibliothek der Mutter. Dann keimt im Ich-Erzähler die Liebe zur Musik, die melodisch und klassisch beginnt und im Brachialen das Kontroverse sucht und findet. Dann die Berührung durch das Schultheater mit der darstellenden Kunst und der Beginn der Liebe zum Theater und der Sprache als Kunst.

Der Erzähler ist Grundschüler und schleicht sich, wenn die Mutter weg ist, in das Lesezimmer und beginnt in Nachschlagewerken zu lesen. Die belesene und leicht verkopfte Mutter sucht den geistigen Austausch mit diversen Autoren, da sie ihr eigenes belesenes Niveau ihrem Mann nicht zutraut. So ist es die Mutter, die unbewusst oder bewusst den Erzähler als Kind in die Welt der Bücher einlädt. Auch wenn die in Gesprächen gelobten und erwähnten Autoren mit den Büchern auf dem Schreibtisch oder in den Regalen nicht gleich auszumachen sind. Denn der gehörte Name Theo Düschadeng kann vom kindlichen Erzähler nicht als Teilhard de Chardin erkannt werden.

Über die ersten Versuche am Klavier und später am Schlagzeug eines Freundes kommt die Leidenschaft für die Musik. Die klassische Musik bildet den Grundstein der kommenden berauschenden Musik des Rocks. Mit dreizehn darf er mitkommen in die Frankfurter Festhalle zum ersten Heavy Metal Konzert. Um in der Clique mithalten zu können, fachsimpelt er ebenfalls über Bands und deren jeweilige Mitglieder. Der Name der Band wird im Text nicht verraten. Es sind aber die 80er Jahre und es ist eine der lautesten Bands, die damals unterwegs waren. Der Beschreibung nach könnte es gut Motörhead sein. Für viele Rockfans kehrt man gerne mit Andreas Maier in diverse Konzerterinnerungen zurück. Gerade die ersten Rock- und Metalkonzerte, die man als Heranwachsender erlebt hat, stehen bei der Erzählung Pate. Das im Wir-Gefühl berauschte belächeln der Vorband, die man prinzipiell nicht gut zu finden hat. Dann das Warten während des Umbaus und die Aufregung beim Erlöschen des Saallichts und die Vorfreude auf seine Helden, die die Bühne stürmen.

In der Mittelstufe wird in ihm das Verständnis der darstellenden Kunst durch eine Schulaufführung geweckt. Er sieht den damals noch unbekannten Schauspieler Thomas Heinze, dem auch jenes Kapitel gewidmet ist. In der Oberstufe schließt sich der begonnene Kreis und Andreas Maier versteht, dass die Autoren, Musiker und Schauspieler keine entrückten Künstler sind, sondern nahbar sein können. Er kann ebenfalls durch das einfache „Machen“ ein Künstler sein.

Ein Roman, der vieles im Leser erklingen lässt, dass so vertraut und dennoch anders ist. Durch die Schilderung des Alltäglichen wird das Bekannte emporgehoben und künstlerisch beleuchtet. Das Geschilderte wird erfahrbar. Ein sehr humorvoller, realistischer Roman, der viel Freude macht und toll geschrieben ist.

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Siehe auch die Besprechung auf: Sounds & Books

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Hannah Dübgen: „Über Land“

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Durch einen Zusammenprall werden zufällig die Protagonisten zusammengeführt. Ein kleiner Verkehrsunfall wird der Auftakt einer Freundschaft und das Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen. Ein zentrales Bild im Roman ist das Ischtar-Tor mit den Löwen. Die Löwen gehören zu der Göttin Ischtar, der Göttin der Liebe und des Krieges. Liebe und Krieg liegen nahe und sind lediglich durch eine Grenze getrennt. So geht es auch im Roman um Grenzen: Ländergrenzen und kulturelle Gräben, die es zu überwinden gilt. Tore und Türen sind Öffnungen, die trennen, aber auch verbinden können.  Aber es geht auch um innere und familiäre Bindungen, die in der Gegenwart Raum und Zeit überwinden können und müssen.

In Berlin fährt Clara, eine junge Ärztin, mit ihrem Fahrrad Amal, eine aus dem Irak stammende Archäologie-Studentin, an. Durch die erlebte Flucht wird durch den Zusammenprall der Fluchtinstinkt von Amal geweckt und sie rennt einfach davon. Clara, die sich nicht nur beruflich um Amal sorgt, sucht diese. Amal hofft in Deutschland auf Asyl und lebt in einem Flüchtlingsheim in einem Zweibettzimmer, das sie sich mit einer durch Folter traumatisierten Mitbewohnerin teilt.

Clara und Amal finden langsam zueinander und vertrauen sich. Amal schildert ihr Leben im Irak und die Flucht. Ihr Vater ist nach dem Regimewechsel politisch aufgefallen und gilt seitdem als verschwunden. Ihre Mutter, Rauya, hat Amal zur Flucht verholfen. Clara leiht Amal ihren alten Laptop und somit kann Amal mit ihrer Familie und besonders ihrer Mutter kommunizieren.

Auch Claras Leben ist zerrissen. Ihr Lebenspartner, Tarun, ist Architekt und leitet erstmalig sein eigenes Bauvorhaben in seiner eigentlichen Heimat. Unweit von Kolkata in Indien baut er einen Turm, der u.a. einen Raum der Stille, der Mediation beinhalten und allen Menschen zugänglich sein soll. In seiner Familie hat ein ungeborenes Kind ein Herzproblem und muss operiert werden. Tarun schließt Clara bei der Organisation gänzlich aus und grenzt sich ab. Auch das Bauvorhaben aus Berlin zu überwachen wird immer schwieriger und Tarun reist schließlich nach Indien.

Als Amals Großmutter einen weiteren Schlaganfall hat und stirbt, möchte Amal endlich ihr Versprechen einlösen und zumindest ein blaues Veilchen auf das Grab pflanzen. Doch ist ihr Asylantrag noch nicht bewilligt und sie kann Deutschland nicht so einfach verlassen. Clara entschließt spontan, für sie nach Bagdad zu fliegen.

Am Ende sind es drei Schriftstücke, die alle Leben verändern werden. Eine lange Mail von Tarun an Clara, ein Schreiben von der Ausländerbehörde an Amal und das Tagebuch von Clara, die die Aufzeichnungen für sich und Amal macht.

Es ist ein Roman voller Achtung und Respekt vor den jeweils anderen. Durch die Handlung, die Sprache und die Charaktere versinkt man schnell in dieser Geschichte. Ein tiefgründiger, berührender, leicht philosophischer Roman über Selbstbestimmung und Findung.

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Marlen Schachinger: „Martiniloben“

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Es beginnt mit der Mantelteilung von Sankt Martin. Ein Akt aus Nächstenliebe. Eine Tat, die bis heute bekannt und sogar gefeiert wird. Martiniloben ist ein Winzerfest, auf dem Wein der Region verköstigt wird. Aus dem vorangestellten Zitat von Friedrich Achleitner: „Das Dorf ist eine Versammlung von netten Menschen, die untereinander alle verfeindet sind“ wird die Tendenz des vorliegenden Romans deutlich.  Marlen Schachinger hat ein Werk geschaffen, in dem es viel zu erkunden gibt. Es ist ein sprachlich ausgefeilter, tiefgründiger Roman, der einen Lesesog entfaltet, der bis zum Ende spannend bleibt. Der Text mag an „Aller Liebe Anfang“ von Judith Hermann erinnern, ist dann aber viel verschachtelter und bietet neben dem Stalking-Thema eine gegenwärtige politische und gesellschaftliche Beklemmung. Das Christliche im Ursprung des Festes Martiniloben als Vorwand für das Gutbürgerliche, das zumindest im Roman sehr beängstigende Tendenzen zum rechten Gedankengut entwickeln kann.

Mona ist mit ihrem Mann dem stressigen Stadtleben entflohen und auf das Land gezogen. Als Philosophiedozentin pendelt sie zwischen dem namenlosen Dorf und der Stadt, in der sie tätig ist. Mona und Emil, ihr Ehemann, ein zurzeit arbeitsloser Journalist, haben vor kurzem ein Kind verloren und durch seine Arbeitslosigkeit wird ihre Beziehung auf eine Probe gestellt. Emil lässt sie auch oft alleine mit dem Vorwand von Recherchen für mögliche Artikel. Ist er Mona treu? Besonders als die Nachbarin den Kontakt zu ihnen vermehrt sucht, wird ihr Misstrauen geschürt. Im Dorf leben Flüchtlinge, um die sich Mona ehrenamtlich kümmert. Die Gruppe an weiteren Freiwilligen ist sehr geschrumpft und die Stimmung im Dorf wird durch den Rechtsruck immer unangenehmer. Die Flüchtlingswelle wird für die ohnehin rechtsorientierte Dorfgemeinschaft als eine Art Naturkatastrophe empfunden und Mona muss sich immer mehr Anfeindungen gefallen lassen. Sie bekommt Drohbriefe und Emil versteht nicht, warum Mona nicht zur Polizei geht. Als sie einen Schlüssel vermisst, nimmt die Bedrohung immer mehr zu. Verschafft sich jemand Zugang zum Haus? Die Katze verschwindet, der Kamin ist plötzlich mit Wasser übergossen und eines ihrer Manuskripte wurde an ihrem Computer manipuliert. Monas Texte, Essays sind meist ans Ende eines Kapitels gestellt und runden die Charakterisierung gekonnt ab. Die Drohgebärden werden massiver und die Briefe beinhalten immer mehr einen beängstigenden Ton und sogar kleine Mordwerkzeuge.

Auch das Berufsleben zerrt an Monas Psyche und Gesundheit. Ihre Stellung steht in Frage und ihre ehrenamtliche Tätigkeit wird ihr von ihrem Vorgesetzten angelastet. Mona leidet immer mehr und es kommt zu einem Zusammenbruch. Es zeigt sich, wem sie vertrauen kann und der gesellschaftliche Druck spitzt sich immer mehr zu. Das ganze Dorf bereitet sich auf das kommende Martiniloben vor und während des Trinkgelages eskaliert die Situation.

Ein Gesellschaftsroman oder eine gegenwärtige Dystopie, die einen Spannungsbogen aufbaut und bis zum Ende aufrechterhält. Marlen Schachinger spielt mit der Literatur und kann einfach sehr gut schreiben. Wer die Autorin nicht kennt, sollte unbedingt ihrer Stimme Gehör schenken. Ein Buch, das fesselt, begeistert und den Leser innehalten lässt.

Eine lohnenswerte Lektüre. Ein literarisches Werk, das in sich einen Thriller verbirgt und  Sozialkritisches aufzeigt. Eine ländliche Idylle, die durch den Menschen keine mehr ist. Die Angst vor dem Unbekannten verbreitet sich beängstigend und die gefühlte egozentrische Verletzlichkeit dominiert und macht ein friedvolles Miteinander kaum möglich. Hass ist ein Gift, das schleichend wirkt und Angst verbreitet. Im Roman prallt das Stadtleben auf das Landleben und die Fronten zwischen Arm und Reich verhärten sich in Missgunst und Neid. Die Religion als Vorwand der eigenen Kultur, die doch weit vom Ursprung gelebt wird und ein Martiniloben zum Desaster führt.

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Leseprobe (pdf) Weitere Besprechung auf booknerds.de

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Catharina Junk: „Auf Null“

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Ein schnell und gut zu lesender Roman, der vom Neuanfang nach einer Krebsdiagnose handelt. Es ist nicht wie bei John Green oder Jojo Moyes, in deren Büchern berührend gestorben wird, sondern es geht um den Weg zurück ins Leben. Ein Zurück nachdem eine Diagnose und langer Krankenhausaufenthalt einen aus dem alltäglichen Leben geworfen hat.

Wir lernen eine schlagfertige, leicht zynische Protagonistin kennen, die den Krebs bekämpft hat und lernen muss, das Leben und die Liebe wieder zuzulassen. Nach einem Jahr kann Nina das Krankenhaus verlassen. Sie ist geheilt, aber hat es noch nicht verstanden, dass sie gesund ist. Sie hadert stets und in ihr keimt immer die Angst eines Rückfalls. Ihr fällt es schwer, Menschen und Positives an sich heranzulassen. Selbst das geschenkte Auto stellt sie in Frage und hofft, die Eltern können es, sollte sie sterben, wieder mit nicht zu großen Verlusten abstoßen. Zurückblickend wird ihr Krankheitsverlauf erzählt. Sie ist um die zwanzig, Studentin und plant eine Reise mit ihrer Freundin Bahar. Um die Reise bereits angebräunt anzutreten, besuchen die beiden ein Sonnenstudio. Nach dem Besuch hat Nina rote Punkte auf der Haut und unglaubliche migräneartige Schmerzen im ganzen Körper. Der behandelnde Arzt überweist sie ins Klinikum, das sie so schnell nicht wieder verlassen wird. Die Diagnose lautet: akute myeloische Leukämie.

Nina wechselt alle drei Monate die Stationen und somit die Zimmer, die alle mit Bildern von Vincent van Gogh verziert sind. Diese Bilder werden ihr negativer Begleiter, die aber dennoch am Ende des Romans zu einer realen Reise animieren. Die Behandlung schlägt nicht richtig an und sie muss länger in der Klinik verweilen als geplant. Ein kurzweiliger Lichtblick ist einer der Pfleger, denn auch mit Bahar, die sich sehr um sie kümmert, ist sie zerstritten, weil diese einen Facebook-Aufruf ohne ihr Wissen gemacht hat.

Doch nach einem Jahr ist sie geheilt und kommt nachhause. Doch vertraut sie ihrem Körper nicht und kann mit der neuen, alten Situation kaum umgehen. Ihr Bruder, Theo, der für sie gebetet hat, ist gläubig geworden und ihre Eltern wollen ihr die Zeit und die Möglichkeit schenken, wieder zu sich zu finden. Mit Isabelle, einer Freundin, die ebenfalls wenig Nähe zulassen kann, geht sie auf eine Party. Durch eine unhygienische Situation, flüchtet Nina, hat dann aber mit dem geschenkten Auto eine Panne. Der Abschleppdienst kommt wiederwillig mitten in der Nacht. Es ist Erik, der bei seinem Vater aushilft und eigentlich nicht viel von Reparatur versteht. Seine Leidenschaft ist die Musik. Sie verlieben sich, schneller als Nina eigentlich bereit für das Leben und die Liebe ist. Wie soll auch Liebe funktionieren ohne neuen Lebensmut?

Der Lebensmut ist das zentrale Bild des Romans. In einer Szene begegnet sie einer Frau in einem Wartezimmer, die mit ihrem Sohn nach der Genesung einen Fallschirmsprung plant. Ein Bild von Lebensmut oder Lebensmüdigkeit? Dies spiegelt sich auch in der Aufmachung des Buches. Der Umschlag zeigt einen bunten Fallschirm und einen kleineren, dunklen Fallschirmspringer.

Der Roman kann gleich „Tschick“ und „Mädchenmeute“ als Literatur für junge Erwachsene gelesen werden. Insbesondere durch die schlagfertige Protagonistin werden wohl viele Leser in den Bann dieser warmherzigen und witzigen Geschichte gezogen. Ein Buch, das Mut macht für den Sprung ins Leben.

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Dorit Rabinyan: „Wir sehen uns am Meer“

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Eine Liebe hinter Mauern. Ein Liebesroman, der von einer Liebe zwischen einer Israelin und einem Palästinenser erzählt.

Ein friedliches Miteinander ist machbar, wenn der Mensch die Grenzen – auch jene im Kopf – überschreitet. Wir sind alles Menschen, egal in welchem Land wir zufällig geboren wurden und welcher Religion wir angehören. Wir sehnen und wünschen uns wohl fast alle das Gleiche. Wir lieben die Literatur, die Musik und die Kunst. Kunst, besonders Literatur und Musik, ist die Sprache, die einkehrt in die Emotionen und in die Seele. Dieses Verständnis kann durch äußere Gegebenheiten verdrängt werden. So auch in dem vorliegenden Roman, der bereits für viel Gesprächsstoff und durch die Streichung von der Lektüreliste der Schulen ins Israel Skandale hervorrief.

Liat ist als Übersetzerin in New York, wird aber in wenigen Monaten wieder nach Tel Aviv zurückkehren. Auch in Amerika ist sie vielen Vorurteilen ausgesetzt. In einem Café wurde sie beobachtet, wie sie hebräisch schrieb und das FBI wurde auf sie angesetzt. Die Handlung spielt 2001 kurz nach den Anschlägen. In dem Café ist sie kurz danach mit einem Freund verabredet, der nicht kommen kann und einen Freund bittet, ihr dies auszurichten. So lernen sich Liat und Chilmi kennen. Chilmi ist Maler, d.h. Künstler, und kommt aus Ramallah. In der Heimat hätten sich die beiden nie kennenlernen können. Beide erzählen und erinnern sich an fast die gleiche Landschaft. Beide haben eine Sehnsucht zum Meer, das er immer nur aus der Ferne sehen konnte, und ihrer Heimat. Doch jeder auf seine eigene, erlebte und anerzogene Weise. Ihre Gespräche werden politisch und sie geraten oft in Streit. Daher vermeiden sie immer mehr die Politik anzusprechen, denn sie wissen, ihre Zeit ist begrenzt und die Beziehung hat ein Enddatum, denn Liat wird zurückreisen.

Liats Eltern dürfen niemals von ihrer Liebe zum Chilmi erfahren. Sie verleugnet ihn bei den Telefongesprächen und vor den Freunden und Verwandten, denen sie zufällig in einer U-Bahnstation über den Weg laufen. Auch bei einer Familienfeier bei ihm kommt es zum Streit, denn die Gefühle und Erlebnisse können nicht vergessen werden und sind auch mit ihnen nach New York gereist. Ein Konflikt zweier Staaten verkörpert durch die Protagonisten. Ein politisches Konzept und der Konflikt einer Ein- oder Zwei-Staatenlösung. Eine binationale Wirklichkeit, in der die Landschaft, der Himmel nicht teilbar sind. Sie fragen sich, warum sie, die Liebenden, auch scheitern, wo die ganze Welt seit Jahren bereits scheiterte? Ist ein glückliches Ende für die beiden in der Liebe und im realen Leben vorgesehen?

Sie entfremden sich immer mehr. Es beginnt im Herbst, in der bunten Jahreszeit, wandelt über in den farblosen, kalten Winter und endet in der Hitze des Sommers. Eine perspektivlose Beziehung, denn auch ihre Liebe ist begrenzt. Gibt es trotz des Hintergrunds ein Recht auf persönliches Glück?

Es ist ein Roman, der wohl viel biographisches von der Autorin erzählt. Dorit Rabinyan wurde als Tochter einer iranisch-jüdischen Familie in Israel geboren. Der Roman könnte etwas mehr Tiefgang haben, muss er aber nicht, denn die Geschichte der Protagonisten steht im Vordergrund.

Ein Roman, der hochgelobt wird von Amos Oz. Es ist ein gutes Buch, denn es lässt sich sehr gut lesen und neben der eigentlichen Liebesgeschichte entwickelt sich viel mehr und man geht ein kleines Stückchen klüger aus dem Buch hervor.

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„Wir sehen uns am Meer“Bericht: Bayerischer Rundfunk

 

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Shumona Sinha: „Kalkutta“

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Eine poetische Reise nach Kalkutta, die von einer Kindheit in Indien erzählt. Ein Rückblick auf die Geschichte der Familie und deren Zerfall, der einhergeht mit der blutigen Geschichte des Landes.

Die Autorin erzählt sehr metaphorisch, zart und sehr poetisch die Sicht einer Frau, die Jahre in Paris gelebt hat und nun durch den väterlichen Verlust in die Heimat reist. Das Gegenwärtige prallt auf die Erinnerungen der Vergangenheit, gleich einer Kerze, die von beiden Seiten angezündet wurde.

Shumona Sinha wuchs ebenfalls in Kalkutta auf, lebt aber jetzt, gleich der Protagonistin in Paris. „Kalkutta“ ist ihr dritter Roman. Bekannt wurde die indisch-französische Autorin mit den Roman „Erschlagt die Armen!“.

Der Roman beginnt mit der Einäscherung von Trishas Vater. Die Asche wird mit einem Stock vorsichtig zerteilt und in den verbrannten  Überresten findet sie eine Blume, die nicht gepflückt werden darf. Nach der Trauerfeier möchte sie nicht mit den anderen mitgehen, sondern zieht in das leerstehende Elternhaus. Die Tage, die sie in dem Haus verbringt, werden zu einer sinnlichen Reise in ihre Vergangenheit. Sie beginnt, sich zu erinnern. Durch das Erleben des Viertels in Kalkutta, des Hauses und der ganzen Gegenstände und nicht zuletzt der Pistole des Vaters, wird es eine emotionale Reise in die Erschütterungen der Familie und der Politik. Die Geschichte Westbengalens von der britischen Kolonialzeit, der kommunistischen Regierung bis zur Gegenwart. Trishas Vater, Shankya, hat neben dem alltäglichen Erscheinungsbild eine andere Rolle eingenommen. Durch seine politische Aktivität gären negative Emotionen im Elternhaus. Er ist ein intelligenter Lehrer und Anhänger der kommunistischen Bewegung. Die Liebe zwischen ihm und Umila, Trishas Mutter, ist kompliziert. Die Beklemmung wächst durch die Depression der Mutter, die ihre verlorene Liebe betrauert. In der Gegenwart der Geschichte lauscht Trisha ihren Gedanken in den schweigenden Räumen des Hauses. Durch das Ergreifen der Gegenstände im Haus kommt das Begreifen. Die Erinnerungen kommen nicht chronologisch, aber wir werden langsam Zeuge bei der Entdeckung der gehüteten Familiengeheimnisse und der vielen turbulenten Geschehnisse in der Familie und in Indien.

Ein Roman, in den man allein schon durch die poetische Sprache versinkt. 2014 erschien „Calcutta“ und wurde bereits vielfach ausgezeichnet. Jetzt liegt das Buch erstmalig aus dem Französischen übersetzt vor. Ein Roman, der Familiäres dem Politischen gegenüber und gleichstellt. Ein Leben in Indien während der Veränderungen.

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Horst Eckert: „Wolfsspinne“

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Die Wolfsspinne ist eine Tarantel, die bis auf wenige Ausnahmen nicht durch Fangnetze ihre Beute jagt, sondern dieser auflauert. So wurde die Spinne der Codename der damaligen Ermittlungen, die in dem neuen Fall von Vincent Veih eine Rolle spielen. Ein Roman, der aufgrund des aktuellen Bezugs nicht nur durch die spannende Handlung für Gänsehaut sorgt. Die Thriller von Horst Eckert sind stets sehr gut recherchiert und sehr packend und gut geschrieben. Horst Eckert ist erst spät zum Schreiben gekommen, gehört aber mittlerweile zu den wichtigsten Vertretern der Spannungsliteratur in Deutschland. Er sieht den Kriminalroman auch als eine Kunstform der Literatur, die die realen Tiefen und Beweggründe einer Gesellschaft aufzuzeigen vermag. (Siehe Lesung „Schattenboxer“ am 28.04.2015 in der Buchhandlung Almut Schmidt)

Nach „Schwarzlicht“ und „Schattenboxer“ ist „Wolfsspinne“ der dritte Roman der Vincent-Veih-Reihe. Der Prolog deutet auf die sogenannten „Dönermorde“ hin. Die Handlung ist rein fiktiv, doch erkennt man viele der geschilderten Ereignisse und Protagonisten wieder und der Roman bekommt dadurch einen schaurigen Bezug zur Realität.

Die Handlung beginnt 2011 in Eisenach. Eine Bank wird von zwei maskierten Männern überfallen, die mit Fahrrädern entkommen können. Sie fliehen zu einem Wohnwagen, in dem der dritte Mann, der Fahrer, auf sie wartet. Zwei dieser NSU-Mitglieder werden tot in diesem Wohnwagen aufgefunden. Alles deutet auf Selbstmord hin und vom dritten Mann wussten nur wenige…

In Düsseldorf wird im Jahr 2015 eine Restaurantbetreiberin brutal erschlagen und vergewaltigt. Sie lebte in Trennung und ihr edles Restaurant machte zwar guten Umsatz, aber keine Gewinne mehr. Um den Stress und die vielen Arbeitsstunden zu bewältigen, konsumierte sie Crystal Meth, das sie laut Aussage einer ihrer Mitarbeiter auch an diese vertrieben haben soll. Der erste Verdacht führt zu ihrem ehemaligen Küchenchef, dem sie vor kurzem kündigen musste. Vincent Veih, der an diesem Fall ermittelt, hat selbst gerade einige Probleme zu bewältigen. Er hat an einer Demonstration gegen den Aufmarsch von Neonazis teilgenommen und wurde von einem Nazi angegriffen. Als er sich wehrte, wurde er von zwei Polizisten als Unruhestifter festgenommen und später in der Presse als pöbelnder und untragbarer Hauptkommissar hingestellt. Dies zieht weitere Kreise, da seine Mutter ehemals eine  RAF-Anhängerin war und sein eigener Lebensweg von einem Punk zum Polizisten verlief.  Sein Großvater war ebenfalls Polizist, aber ein treuer Nazi, der sich schlimmer Verbrechen schuldig gemacht hatte. Vincent hat kein Verständnis für Rassismus und gerade die aufkommenden Strömungen lassen ihn erschauern, daher war es für ihn natürlich, sein Recht auf Demonstration wahrzunehmen und seinen Unmut gegen die aktuelle politische Stimmung, die die gruselige Rhetorik der Vergangenheit annimmt, zu äußern.

Es wird in alle Richtungen wegen des Mordes an der Promiwirtin ermittelt. Die Spur führt aufgrund des Crystal Meth auch in das Drogenmilieu. Ronny Vogt arbeitet für das LKA als verdeckter Ermittler in der Drogenszene. Er arbeitet in Imbissketten, die nicht ganz legal wirtschaften. Er war bereits im Untergrund für den Thüringer Verfassungsschutz tätig und hatte 2011 den Nationalsozialistischen Untergrund ( NSU ) infiltriert und beobachtet. Der Kreis zieht sich zu den damaligen Überfällen und er weiß, was damals wirklich passiert ist. Aber er muss über die Vergangenheit schweigen, damit nichts über die Ereignisse unter dem Codenamen „Wolfsspinne“ bekannt wird.

Der Roman ist vielschichtig und populär. Es geht um Drogenmafia, Investmentmanagement, den damaligen Nazi-Terror und die aktuellen Pegida-Bewegungen. Horst Eckert ist Politikwissenschaftler, Autor und Journalist und daher sind seine Romane auch aktuelle Spiegelungen und Mahnungen. Seine Dramaturgie ist großartig und die Dialoge sind nicht Füllmaterial, sondern heben den spannenden Lesefluss.  Es werden durch das Buch, das eine erdachte Geschichte erzählt, die damaligen Verstrickungen des NSU-Skandals beleuchtet. Ein komplexer Krimi, in dem es viel zu entdecken gibt.

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Roger Willemsen: „Wer wir waren“

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Das schmale Buch „Wer wir waren“ ist wohl das letzte, was wir von Roger Willemsen zu lesen bekommen. Er ging mit der Idee für ein neues Buch mit diesem Titel schwanger. Es sollte ein Blick aus der Zukunft in die Vergangenheit, unsere Gegenwart sein. Der Rückblick einer kritischen Nachwelt auf unser jetziges Leben. Doch hat seine Krankheit ihm diese Idee geraubt und uns einen sympathischen klugen Menschen genommen, der mit schönen Sätzen zum Verweilen einlädt. Sätze, die uns treffsicher einen Spiegel vorhalten.

Das Büchlein beinhaltet eine Rede, eine mitreißende Zukunftsrede, die wohl den zentralen Gedanken seiner Buchidee formuliert. Es wurden drei überarbeitete Manuskripte gefunden mit handschriftlichen Marginalien. In dem vorliegenden Buch wurde die kurze Version mit den eingearbeiteten Notizen von Roger Willemsen verwendet.

Der Text liest sich trotz der Thematik nie melancholisch oder destruktiv, sondern stets mit dem klugen und typischen Schalk des Verfassers. Er beklagt, dass vieles schlechter geworden ist. Unsere Umwelt, die Manieren, die Persönlichkeiten und die Menschheit, die sich die Erde untertan gemacht hat und diese wie ein Virus besetzt. Roger Willemsen Ton ist kritisch und scharf, aber mit einer Heiterkeit, die uns sich selbst belächeln lässt.

Der Mensch als eine Goethe-Figur, die sich freut, wie weit wir es zuletzt doch gebracht haben, wird von der Faust emporgehoben „O ja, bis an die Sterne weit!“ Doch in dieser Antwort schwingt auch der Hohn. Viele haben es damals nicht für möglich gehalten, dass die Menschheit fliegen wird, in jedem Haushalt ein Computer stehen könnte und sich fast jeder ein Automobil leisten kann. Die damaligen Aussagen, die jene Zweifelnden machten, können mit dem Blick aus der heutigen Zeit belächelt werden. Doch was sagt die Menschheit in der Zukunft über unsere heutigen Errungenschaften und Denkmodelle? Die Virtualität wird immer prägnanter und gerade unsere umgangssprachlich oft gestellte Nachfrage im Gespräch „echt?“  lässt aufhorchen und stellt den Bezug zur Realität in Frage. Es sind moderne Zeiten mit modernen Kommunikationsmitteln. Aber was ist modern? Modern, damals noch zukunftsweisend, ist zum Gegenwärtigen verkommen.

Doch möchte ich nur Beispiele andeuten, denn das kleine Buch ist groß und sollte viele erreichen. Es ist lebensklug und lebensbejahend. Wir werden durch die vielen Medien überflutet, die zwar eine schnellerwerdende Welt deklarieren, die uns alle verbindet, aber gerade die Fülle an Orientierungen werden von diversen Plattformen für uns passend gefiltert. Das Buch lädt nun ein, einer zu früh verstorbenen Stimme zu lauschen und die kluge Stille im Selbst erklingen zu lassen.

„Wer wir waren“ ist ein Nachlass, eine Zukunftsrede, die überarbeitet und von Roger Willemsen bereits vorgetragen wurde. Ein Grundstein eines Buches, das nie erscheinen wird, aber dennoch im Leser hoffentlich viel anregt, anstößt und hinterlässt. Roger Willemsen spricht uns Menschen an, ohne sich dabei selbst hervorzuheben. Ein interessierter und kritischer Autor, der herausragte ohne herauszustechen.

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