Mathijs Deen: „Unter den Menschen“

Mathijs Deen Unter den Menschen mare„Bauernsohn sucht Frau. Wohnt allein. 80 ha.“ So lautet die Anzeige, die der wortkarge Protagonist aufgibt und somit in einen schleichenden Neuanfang gerissen wird.

Der Roman spielt an der niederländischen Nordsee auf einem Hof am Deich. Das Meer ist lediglich einen Steinwurf entfernt, aber um einen nächsten Menschen anzutreffen, muss man schon einige Kilometer fahren. Jan lebt hier auf dem Hof seiner Eltern. Er ist hier groß geworden und kennt nichts anderes. Als er den Hof übernimmt, wollen seine Eltern die Welt sehen. Bevor diese aber ihre Reise antreten, kocht die Mutter mehrere Tage lang und friert alles ein, damit ihr Sohn auch in ihrer Abwesenheit lange versorgt ist. Somit hat er für viele Monate – wenn nicht sogar für Jahre, Muttis Essen und genießt auch schon mal eine deftige Erbsensuppe zum Frühstück. Die Eltern, die gerade die Reise angetreten haben, verunglücken bei einem Verkehrsunfall tödlich und somit ist Jan allein.

Er kann sich manchmal gar nicht mehr erinnern, wann er das letzte Mal mit jemandem gesprochen hat. Auch die Arbeit ist gerade für Wochen erledigt. Es gibt auf dem Hof nichts zu tun. Die Einsamkeit macht ihm zu schaffen und ihm fehlt eine Frau. Er setzt eine Anzeige auf. Da er ein stiller Geist ist, der weniger Worte für seine regen Gedanken verwendet, fällt die Kontaktanzeige sehr kurz aus. Er bekommt vier Antwortschreiben von der Redaktion zugestellt. Drei davon entsorgt er sofort und die von Wil spricht ihn an.

Als es zu der ersten Begegnung kommt, zeigt sich Wil als nicht so liebreizend oder gefühlsecht wie erhofft. Sie scheint mehr Interesse am Haus, d.h. dem Hof zu haben und möchte wissen, ob man das Meer sehen kann. Wil scheint einen eigenen Plan zu haben. Wil ist auch nicht ganz zufällig hier. Sie hat die Anzeige entgegengenommen und sich über die Lage des Hofes informiert. Alle Antworten hat sie in der Redaktion beseitigt und vier Schreiben aufgesetzt, die alle unterschiedlich sind. Vier Namen und vier Telefonnummern, die aber alle zu ihr weitergeleitet werden. Als Jan sich meldet, muss sie nur schnell reagieren, denn sie weiß ja anfänglich nicht, welche der vier Frauen, d.h. Schreiben Jan angesprochen haben. Es ist Wil. Wil steht auch für den Willen. Sie, eigentlich Irene, sucht einen Neuanfang. Jan ist und bleibt aber ein Mensch, der auf Traditionen besteht und dem es schwerfällt, sich zu öffnen. Auch Wil, die ihre wahren Gefühle nur lebt, wenn sie alleine ist, trifft ab und zu Entscheidungen, die ihn vor den Kopf stoßen. Sie vernichtet zum Beispiel das von seiner Mutter vorgekochte Essen. Sie will vieles reglementieren und planen, aber auch, dass man selber für sich sorgt. Sie soll auch, laut ihrer Therapeutin, ihren Willen finden und durchsetzen. Aber was ist ihr wahrer Wille, ihr Wunsch? Wer ist diese Wil, die nur eine Rolle von Irene ist? Wie können diese beiden Menschen, die sich kaum kennen und sehr unterschiedlich sind, überhaupt glücklich zusammenkommen? Gerade weil sie sich besser verstehen, wenn sie schweigen. Finden Jan und Wil, d.h. Irene, ihren Frieden miteinander?

Ein Küstenroman, der mittels der Landschaft die Weite und die Stürme dieser ungewöhnlichen Beziehung auslotet. Das Kammerspiel auf dem Hof steht, im Gegenspiel zum weiten Horizont hinter dem Deich, für die Enge und Einsamkeit.

Mathijs Deen ist ein Stilist, der mit wenigen Worten eine Stimmung aufbaut und seinen schrillen Figuren Raum gibt. Eine Geschichte voller Sehnsucht, Missverständnis, Einsamkeit und Träume. „Unter den Menschen“ erschien erstmals 1997 und wurde 2016 in einer überarbeiteten Fassung, die hier in der deutschen Übersetzung von Andreas Ecke vorliegt, wiederentdeckt. Zeitgleich wurden bereits die Filmrechte verkauft.

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Dag Solstad: „T. Singer“

Dag Solstad T. SInger Dörlemann

Das Leben findet gegenwärtig stets öffentlich statt. Gehend essen, telefonieren, Internet-Recherche, lachen, weinen und streiten sind auf den Gehwegen Alltag geworden. Die Figur T. Singer dagegen vergeht immer wieder vor Scham und seine adoptierte Tochter wird später, gleich ihrem Erzieher, nicht auffallen wollen und beide scheinen sich jeweils zu verlieren.

Am Anfang steht die Scham. Das Schamgefühl, das den Protagonisten Singer überfallartig überkommen kann. Er erstarrt regelrecht, wenn er sich an Vergangenes erinnert und versteckt sich fast schon kindlich hinter seinen Händen und will das Geschehene rückgängig machen. Da dies niemals gelingt, bleibt es bei einem inneren, verzweifelten  Monolog: „Nein, nein“. Dabei ist es meist nicht die Handlung an sich, sondern das dabei beobachtet geworden zu sein, das ihn peinigt. Singer, dessen Vorname stets nur abgekürzt wird, zieht sich immer mehr zurück. Bleibt auch im Freundeskreis fast unerkannt. Das Anonyme bleibt sein Lebensmotto. Er ist ein Grübler, der bereits in frühen Jahren den Schriftsteller in sich erkennt. Doch kommt er über seinen ersten Satz niemals hinaus. Seine Sprache ergreift nicht seine Gedanken und somit gibt er auf, wird aber immer ein Buchmensch bleiben. Mit Mitte dreißig beschließt der vorher ewige Student, ein neues Leben anzufangen. Er hat eine Anstellung als Bibliothekar in der Stadt Notodden bekommen und macht sich auf die Reise dorthin. Auf der Zugfahrt durch die Provinz Telemark trifft er auf den Direktor Norsk Hydro, der ebenfalls nach Notodden reist, um den dortigen Firmensitz abzuwickeln. Diese Bekanntschaft wird nur von kurzer Dauer sein und sie werden sich nur noch zufällig begegnen, doch ist der Anreisetag und Abend sehr sonderbar und bleibt in Singers Erinnerung ein lebendiges Erlebnis.

Schnell arbeitet und lebt sich Singer in der Stadt ein. Auch hier lebt er ein zurückgezogenes Leben. Nach der Arbeit geht er oft ins Kino und bleibt eher für sich und unerkannt. Kann sich so en Mensch überhaupt verlieben? Ja, er kann und ehelicht die alleinerziehende Mutter Merete. Merete ist Töpferin und hat eine kleine Tochter. Doch bringt auch die Liebe keine tatsächliche Erfüllung, denn Singer wird immer er selbst bleiben und das Zusammenleben wird durch seine Grübeleien erschwert. Kurz bevor die Ehe zerbricht, passiert ein tragisches Unglück. Singers weiteres Leben gestaltet sich weiterhin sorgenvoll, gerade weil er sich um das kleine Kind kümmert, das sich seine Wesenszüge aneignet.

T. Singer bleibt rätselhaft und stets schamerfüllt. Mit ihm hat Dag Solstad einen Helden ins Leben gerufen, der uns einen Blick in unser öffentliches Leben werfen lässt. Wie weit versteht man sich selbst und wird durch andere Augen wahrgenommen? Wir, die Leser, nehmen T. Singer mit unseren eigenen Augen auf und werden zwischen ernsten existentiellen Fragen und ironischen Analysen hin- und hergeworfen. Die Balance zwischen Witz, Ernsthaftigkeit und literarischem Können ist in diesem Werk aufs Feinste ausgewogen.

Dag Solstad, der erneut von Ina Kronenberger übersetzt wurde, gehört zur ersten Garde der norwegischen Autoren. Haruki Murakami gehört zu seinen begeisterten Lesern und Peter Handke hat einem seiner Werke sogar ein Essay gewidmet. In Norwegen haben seine Romane Kultstatus.

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Katrine Engberg: „Blutmond“

Katrine Engberg Blutmond Diogenes

„Blutmond“ ist nach „Krokodilwächter“ der zweite Fall der Kopenhagener-Thriller-Serie. Katrine Engberg hat eine der für mich besten dänischen Krimi-Serien geschrieben. Weitere Fälle gibt es bereits und werden hoffentlich zügig auch auf Deutsch erscheinen. Blutmond ist ein Vollmond während einer totalen Kernschattenfinsternis und deutet laut den Legenden auf eine Wandelung hin und gilt als ein Omen. Der Blutmond erscheint gerade in der Woche, in der Kopenhagen eine Fashion Week feiert.

Die Handlung beginnt in einer kalten Januarnacht. Im Geologischen Museum findet ein rauschendes Fest statt, wo viele Stars und Berühmtheiten aus der Modewelt aufeinandertreffen. Der schillernde Modedesigner Alpha Bartholdy taumelt leicht verwahrlost zu einer Prostituierten und ihrer Kundschaft. Er bricht unter Qualen im Schnee zusammen und stirbt. Die spätere Obduktion ergibt, dass er mit gewöhnlichen Haushaltsmitteln, d.h. mit Rohrreiniger, ermordet wurde. Diese stark basische Flüssigkeit mit passenden Getränken gemixt ergibt einen tödlichen Cocktail.

Jeppe Kørner und Anette Werner sollen mit ihrem Team ermitteln. Sie gehen die Gästeliste durch und stoßen auf eitle, schräge und schillernde Charaktere. Aber auch sehr einsame, verletzte Seelen wandeln durch die turbulente Szene. Jeppes guter Freud, der Schauspieler Johannes, ist auch ein beständiger Gast der rauschenden Partys dieses Kopenhagener Großereignisses. Johannes verstrickt sich immer mehr und gerät unter die Verdächtigen. Als es zu einem weiteren Opfer kommt, wird deutlich, dass es sich wohl um eine Mordserie innerhalb der Sternchen und Stars der prominenten Gäste handelt. Jeppe und Anette geraten unter Druck und Anette hat nebenbei zunehmend körperliche Beeinträchtigungen. Jeppe hadert mit seinem bisherigen Liebesleben und kommt Sara, einer Team-Kollegin, während der Ermittlungen immer näher. Auch steht seine Freundschaft zu Johannes unter keinem guten Stern und droht, ihn aus der Bahn zu werfen. Jeppe ist dadurch bei den weiteren Ermittlungen leicht voreingenommen.

Alte Bekannte aus „Krokodilwächter“ tauchen auf, die auf weitere mögliche Täterkreise aufmerksam machen. Im Radio gibt es eine Unterhaltungssendung, die Menschen, die vor Problemen stehen, bei der Entscheidungsfindung behilflich sein möchte. Im Gremium der Moderatoren sitzen neben der üblichen Redaktion wechselnde Gäste. Auch die jetzigen Opfer während der Fashion Week waren einst beratende Gäste in einigen Folgen dieser Sendung. Handelt es sich um einen Racheakt oder treibt ein Psychopath sein Unwesen in der Glamourwelt? Ist der Täter einer der Geschädigten des Arzneimittelbetrugs, in den auch unter anderem Alpha Bartholdy verwickelt war?

Im Trubel der ganzen Festlichkeiten blickt das ermittelnde Team hinter die Kulissen der Haute Couture und gerät immer mehr in eine Verstrickung aus Betrug und Eifersucht. Immer wieder tauchen neue Verdächtige auf und der Fall scheint immer wieder ganz andere Wendungen zu nehmen.

Ein packender Krimi, der neben den Figuren auch Kopenhagen literarisch lebendig werden lässt. Ein Roman, der toll konstruiert und geschrieben ist. Die Vorfreude auf die folgenden Bücher mit Jeppe und Anette ist nach „Blutmond“ sehr hoch…

KATRINE, Sonja und ichWir hatten das Glück und haben Katrine Engberg 2018 in Kopenhagen getroffen. Danke an den Diogenes Verlag für die Vermittlung!

Siehe auch Leseschatz-TV: Katrine Engberg: „Krokodilwächter“ (YouTube)

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Jakuta Alikavazovic: „Das Fortschreiten der Nacht“

Jakuta Alikavazovic Das Fortschreiten der Nacht Nautilus

Was bedeuten Liebe, Zuflucht und Schutz? Was macht die zunehmende Angst mit dem Miteinander und der Gesellschaft? Wie wirkt sich Krieg auf Kunst aus und kann Kunst Kriege verhindern? Wie entwickeln sich unsere Städte, die Wohnstätten und Heimatorte durch die aufkommenden Ängste? „Das Fortschreiten der Nacht“ beginnt mit Nächten in Paris. Diese Nächte erzählen neben der anfänglichen Leidenschaft auch die Geschichte der versehrten Städte und Menschen. Der Wunsch nach Schutz und die Sehnsucht nach Frieden und Freiheit keimen in jeder Dunkelheit.

Gleich den Nächten, d.h. den wechselnden Tageszeiten, wiederholt sich anscheinend auch immer wieder die Geschichte. Im Zentrum steht eine ungleiche Liebe, die ihren Anfang in Paris nimmt. Der Kern des Romans ist dann der Jugoslawienkrieg, der seine Wirkungswellen für die Protagonisten bis in die Gegenwart schlägt.

Paul ist der Sohn eines Maurers aus einem Pariser Vorort. Er studiert Architektur und verdient sich seinen Unterhalt als Rezeptionist in den Nachschichten eines Hotels. Dort lernt er Amélia kennen, die ebenfalls Architektur studiert und in dem Hotel wohnt. Denn das Hotel, das zu einer Kette gehört, ist im Besitz ihrer Familie. Beide versuchen, ihrer Vergangenheit zu entkommen. Paul versucht, seiner Herkunft zu entfliehen. Amélia ist die Tochter eines reichen Vaters, der sich aber nie um sie kümmerte. Ihre Mutter, Nadja, ist irgendwie verschwunden. Nadja wollte dem Krieg mit Kunst und Poesie entgegentreten, diesen sogar aufhalten und zog mitten hinein in den Jugoslawienkonflikt.

Paul und Amélia treten vorerst als kleine Konkurrenten auf. Beide buhlen um die Gunst ihrer Professorin Albers, die an der Uni Kultstatus zu haben scheint. Ihre Vorlesungen sind anfänglich gut besucht. Doch durch Albers Themen und philosophische Fragestellungen, die sich auf die Entwicklung des Städtebaus in Bezug auf Krieg und gesellschaftliche Ängste beziehen, bleiben immer mehr Studenten aus. Paul und Amélia sind gefesselt und saugen die Betrachtungen auf. Da Paul die Nächte in Amélias Hotel verbringt, kommen sich die beiden immer näher. Aus dem ersten gemeinsamen Essen an der Rezeption wird mehr. Aber vieles von Amélia bleibt für Paul ein Geheimnis. Ihn verstört ihr Kommen und Gehen, aber dann reizen ihn sehr ihr scharfer Verstand und ihre sinnliche Körpernähe. Die Nächte gehören Ihnen. Doch auch die Geschichte ihrer Eltern wiederholt sich in ihrer Beziehung. Die Liebe scheint Amélia nicht zu reichen und plötzlich ist sie, wie ihre Mutter, verschwunden. Allein hadert Paul und ist unglücklich. Paul hat seine Angst umgeformt und Kapital daraus gemacht. Er wird reich durch Schutz- und Überwachungstechnologien. Jahre später, als sie sich wiedersehen, ist alles verändert. Paul erfährt, dass Amélia auf den Spuren ihrer Mutter war. Ist eine glückliche Beziehung überhaupt noch denkbar? Sie haben eine gemeinsame Tochter, für die Paul der Vater sein möchte, den er sich immer gewünscht hatte. Hat Amélia das Trauma des verlassenen Kindes überwunden und kann selbst eine gute Mutter sein? Was bedeutet Schutz? Wie kann man in der Welt Schutz versprechen und geben?

Das Buch ist anspruchsvoll und mit sehr viel Feingefühl geschrieben. Ein Werk, das sich dem Leser erst etwas später gänzlich erschließt, aber schon gleich zu Beginn durch die Sprache und die Fragestellungen begeistert. Eine Liebesgeschichte in einer Zeit, in der Terror, Angst und der Wunsch nach Geborgenheit die Kunst und das Miteinander bewusst sowie unbewusst mitgestalten. Der Roman beginnt in den Nächten eines Hotels in Paris, spannt dann den Bogen und versucht, die Welt literarisch begreiflicher zu machen.

Jakuta Alikavazovic wurde in Paris geboren, ihre Eltern kamen in 1970er Jahren aus Bosnien und Montenegro nach Frankreich. Übersetzt wurde der Roman aus dem Französischen von Sabine Mehnert.

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Jocelyne Saucier: „Niemals ohne sie“

Jocelyne Saucier Niemals ohne Sie Insel

Jocelyne Saucier ist durch ihren Roman „Ein Leben mehr“, der auch bereits verfilmt wird, bekannt geworden. Jetzt wurde erstmalig ein weiteres Werk, ein älteres von ihr, ins Deutsche übersetzt. Ein Roman, der um die Situation kreist, was passieren kann, wenn die Stützen unter Tage, d.h. im Bergbau, und innerhalb einer Familie wegbrechen. Beide Romane, die es bisher in der Übersetzung zu lesen gibt, eint die  Menschlichkeit, die Metaphern der unbändigen Natur und der Drang der Protagonisten nach Freiheit. Es sind beseelte Romane über den Wunsch eines natürlichen und selbstbestimmten Lebens.

Erzählt wird die Geschichte einer großen Familie, der Cardinals, in einem kleinen, abgelegenen kanadischen Dorf. Es ist eine wilde und ungewöhnliche Großfamilie mit einundzwanzig Kindern. Es sind die Kinder, die uns ihre Geschichte erzählen. In wechselnden Perspektiven wird die Geschichte dieser Bergbau-Familie erzählt, die anfänglich nahe einer Mine lebt. Der Vater hat Zink entdeckt. Doch ereignete sich damals eine Katastrophe, die nun aus verschiedenen Blickwinkeln Stück für Stück Gestalt annimmt. Jeder Erzählstrang mündet in der Gegenwart der Erzählung auf einem Erzsucherkongress, auf dem die ganze Familie erstmalig wieder zusammenkommt. Aber sind es alle, die dort eintreffen?

Die Kinder erleben eine Jugend, die eng mit dem Alltag des Vaters in Verbindung steht. Die Geburtstage werden in einer Kiesgrube gefeiert und das Geburtstagskind darf eine Stange Dynamit anzünden. So ist es nicht verwunderlich, wenn einer der Jungen auch mal Dynamit mit zur Schule nimmt, um bei Liebeskummer eine Reaktion bei einer Schulkameradin herauszufordern. Die Mutter, die am Tage überfordert ist und nur am Abend ihr kurzweiliges Refugium findet, bekommt viel mehr von den Machenschaften der Kinder mit, als diese wahrhaben wollen. Der Vater ist ganz auf seine Suche nach Erz fixiert und als er Zink findet, wittert der ganze Familienclan Gewinne. Doch lässt der Vater sich mit Anteilen an einer Firma bezahlen und als der Zinkpreis immer weiter sinkt, wird die Miene stillgelegt und die Firmenanteile sind nichts mehr wert. Doch geben sich die Cardinals niemals geschlagen. Auch wenn das Dorf immer mehr zu einer Geisterstadt verkommt, sucht der Vater weiter sein Glück im Gestein und wird auch fündig. Im Stollen spürt er einen Goldquarzgang auf. Doch droht ihm abermals, das Glück aus den Händen zu zerrinnen. Es sind die Kinder, die einen Plan haben und es kommt zu jener Katastrophe.

Die Kinder sind das Herzstück dieses berührenden Romans. Kinder, die dem ärmlichen Alltag u.a. mit ihren phantastischen Namen zu entkommen versuchen. Die älteren Kinder übernehmen die Elternrollen und die Knirpse wachsen antiautoritär, wild und ohne Angst vor nichts und niemandem auf. Durch die damalige Katastrophe wird die Familie auf eine harte Probe gestellt und droht zu zerreißen. Die kleinsten Kinder haben damals, als das Schicksal zugeschlagen hatte, noch nicht gelebt und sind nun voller Wissbegier auf die damalige Zeit. Auf einem Kongress für Erzsucher kommt es zu einem überfälligen Familientreffen. Die meisten Kinder sind in der Welt zerstreut. Sie wollten den damaligen Schatten entkommen und eine Tochter lebt jetzt als Inuit. Nun sind sie alle angereist, um bei dem Kongress dabei zu sein. Dies ist das Ende des Schweigens und erstmalig werden die Erben der Mine wieder durchgezählt…

Ein Roman, der das Innerste der Erde und den Kern einer außergewöhnlichen Familie ausgräbt. Das Tiefe, Schwere liegt ganz nah bei der schlichten Schönheit und Leichtigkeit. Sobald man mit den Figuren in die Tiefe hinabgestiegen ist, betrachtet man staunend die immer deutlicher werdenden Umrisse der Umgebung und Handlung. Saucier hat einen bewegenden und tragisch-schönen Roman geschrieben, der besonders durch die witzigen, kraftvollen und erlebbaren Figuren glänzt.

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Sarah Kuttner: „Kurt“

Sarah Kuttner Kurt Fischer

„Kurt“ erzählt von einer komplizierten Familie, die mit einem großen Verlust zu leben hat und wieder lernen muss, ins Leben zurückzufinden.  Stück für Stück finden die Protagonisten Trost und lernen, mit dem Schmerz zu leben. Es ist der Blick auf das Schöne im Leben, der sie aufrichtet. Manchmal genügt eine Kleinigkeit. Ein Pflanze zum Beispiel, die hilft, den Verlust zu begreifen und zu verarbeiten.

Sarah Kuttner hat es wieder geschafft. Mit ihrem neuen Roman schaut sie tief in die Psyche ihrer Charaktere. Die schweren Themen, die Kuttner in ihren Büchern anpackt, bekommen durch ihre Art zu schreiben neben der Melancholie eine Leichtigkeit und sogar viel Witz. Ihre Geschichten und Figuren sind authentisch und werden durch den Text sehr erfahr- und erlebbar.

Das Besondere an dem Buch ist die persönliche Bindung, die der Leser mit den Charakteren eingeht. Die Protagonisten sind sehr einfühlsam beschrieben und man schließt den kleinen Kurt gleich am Anfang sehr ins Herz und leidet demzufolge in der folgenden Handlung sehr mit.

Kurt wächst auf in einer Patchwork-Familie. Die Erzählerin ist Lena, die neue Lebenspartnerin von Kurts Vater, der ebenfalls Kurt heißt. Lena lebt mit und liebt also neuerdings zwei Kurts. Lena und der große Kurt haben sich in Brandenburg ein Haus gekauft. Ein Haus, in dem Kurt sein eigenes Zimmer bekommt und eine Garten hat zum Toben und spielen. Lena, die Stadtpflanze, muss sich mit der neuen Umgebung erstmal anfreunden und an die neuen Familienverhältnisse gewöhnen. Sie sind gerade frisch umgezogen und es stehen noch einige Kisten nicht ausgepackt im Haus. Vieles fehlt noch und muss renoviert werden. Doch finden die drei irgendwie ihr Glück. Besonders im Garten blüht Lena auf. Auch der kleine Kurt möchte mithelfen und die neuen Pflanzen, besonders den Jasmin, selbst einpflanzen. Als er gerade dabei ist und mit seiner Kinderschaufel das Loch gräbt, kommt Jana, seine leibliche Mutter, und möchte ihn abholen. Dabei sieht sie seine Kinderschaufel und findet diese zu mädchenhaft für einen Jungen. Doch ist es der kleine Kurt, der seiner Mutter sofort Nachhilfe in Genderfragen gibt.

Dann passiert das Unfassbare. Es trägt auch keiner die Schuld. Es ist ein Unfall, den niemand hätte verhindern können. Beim Spielen auf einem Klettergerüst stürzt Kurt und bricht sich das Genick. Die Erwachsenen, die zwei Mütter und der große Kurt, müssen jetzt lernen, mit dem Verlust zu leben. Aber wie stellt man das an? Wie findet man einen Weg aus der Trauer? Kann man wieder ins eigene Leben zurückfinden? Lena ist die Beobachterin, die ihren Schmerz hintenanstellt. Sie ist ja die neue Mutter und nicht die „echte“, daher gibt sie ihrem Freund Kurt und Jana den entsprechenden Raum, ihren Verlust und Schmerz zu verarbeiten. Doch hat Lena ebenso den kleinen Kurt verloren und muss auch ihren Weg finden, damit zurechtzukommen. Lena ist für Kurt da, auch wenn er vorerst untröstlich ist.

In unaufgeregter Weise beschreibt Sarah Kuttner, wie man sich nach so einem großen Verlust wiederfinden kann. Sie versteht es, der Tiefe einen Hauch von Leichtigkeit und Witz zu geben, der die tragischen Momente im Leben der Charaktere erträglich macht. Nach ihrem vorherigen Roman „180 Grad Meer“ hat Sarah Kuttner sich gesteigert. Besonders die Trauer und Verzweiflung nimmt man den Figuren jederzeit ab und der ganze Weg, den diese zu gehen haben, ist sehr nachvollziehbar beschrieben.

Siehe auch meine Besprchung: „ Sarah Kuttner: 180 Grad Meer

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Annie Ernaux: „Der Platz“

Annie Ernaux Der Platz Suhrkamp

Annie Ernauxs Werke sind stets autobiografisch. Nach „Die Jahre“ und „Erinnerung eines Mädchens“ erscheint nun „Der Platz“ auf Deutsch. Alle Werke gelten als prägend für die französische Gegenwartsliteratur und sind genaue Beobachtungen ihrer persönlichen Herkunftsverhältnisse. „Der Platz“ erschien bereits 1984 und erschuf eine neue Form der Selbstbetrachtung, wobei sie sich diesmal selbst reduziert und hinter ihren Vater stellt. Alle Werke leben von einer gestochenen Leichtigkeit, die aber jeweils eine poetische, literarische Tiefe erzeugt. „Die Jahre“ sind ihre Geschichten, aber auch ein Gesellschaftsporträt und eine zeitgeschichtliche Chronik. Es sind ihre Eindrücke, die zuweilen auch nur aus einem Satz bestehen. Gespannt kann man nun auf die Verfilmung warten, denn „Die Jahre“ lebt durch die verknappte Sprache und Fülle an Beobachtungen. Alle Werke wurden aus dem Französischen sehr einfühlsam von Sonja Finck übersetzt.

„Der Platz“ beginnt mit der Erinnerung von Annie Ernaux, als sie ihre Ausbildung beendet und verbeamtet wird. Ihre Mutter gratuliert ihr und der Vater stirbt zwei Monate später. Es ist das Jahr 1967. Die Vorbereitungen für die Trauerfeier und die Beisetzung geben den Anlass sich mit dem Leben des Vaters auseinanderzusetzen. Er war stets der Arbeiter, der Blaumannträger, der den gesellschaftlichen Aufstieg schaffte, dann aber stets die Angst vor dem erneuten Abstieg hatte. Die Geschichte beginnt ein paar Monate vor dem zwanzigsten Jahrhundert in der Normandie. Der Großvater war Fuhrmann und arbeitete seit seinem achten Lebensjahr immer hart und hatte keine Zeit für Geselligkeit oder Bildung. Die Großmutter hatte hingegen eine Klosterschule besucht. Ihr Sohn, Annie Ernauxs Vater, ging zur Schule und lernte. Doch mit zwölf nahm ihn sein Vater aus der Abschlussklasse zu jenem Hof, wo auch er tätig war. Die Familie konnte es sich nicht leisten, ihn einfach so weiter durchzufüttern. Er arbeitete fortan als Knecht. Annie Ernaux erinnert sich immer, wenn sie Proust oder Mauriac liest, dass diese Autoren über die Zeit schreiben, als ihr Vater Kind war. Die Welt, in der er aufgewachsen ist, ist für sie reinstes Mittelalter. Nach dem Ersten Weltkrieg arbeitete ihr Vater in einer Seilerei und lernte dort seine zukünftige Frau kennen. Nach dem Versuch mit diversen Arbeiten um die Runden zu kommen, kauften die beiden einen Laden für den alltäglichen Bedarf, in der Hoffnung, der Armut zu entkommen. Doch bis sie Erfolge erzielten, war es ein beschwerlicher Weg. Als sie dieses Geschäft aufgaben und später einen neuen Lebensmittelladen mit anliegender Kneipe erwarben, stellte sich langsam ein Wohlstand ein. Der Vater blieb aber stets wie er war und als seine Tochter eine höhere Schule besuchte, entfremdeten sie sich Stück für Stück. Doch war der Vater auch stolz auf seine Tochter. Letztendlich war wohl einer seiner Lebenszwecke, dass seine Tochter mal jener Welt angehören sollte, die beständig auf ihn herabgeblickt hatte.

Annie Ernauxs Blick richtet sich auf ihren eigenen Weg, auf das Milieu, das sie durch ihre Bildung verlassen konnte. Es wird aber niemals gejammert, die Familie war bemüht, ihr Glück zu finden. Der Text stellt die Frage der Zugehörigkeit und setzt sich mit der Gesellschaft auseinander. Das Buch erzählt die persönliche Geschichte der Autorin und ihrer Familie und zeigt, dass Bildung, das Lesen und ein Bewusstsein für Kultur lebensverändernd sind. Ein Werk voller Erinnerungsbilder, die zart, mit einer leichten Sprache und doch stets literarisch festgehalten wurden.

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Siehe auch Leseschatz-TV: Annie Ernaux: „Die Jahre“ (YouTube)

 

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Julia Rothenburg: „hell/dunkel“

Julia Rothenburg hell dunkel Frankfurter Verlagsanstallt

Nach Koslik sind nun zwei neue, tiefgründige Charaktere in die Welt der Literatur hineingeboren worden: Valerie und Robert. Julia Rothenburgs Debütroman „Koslik ist krank“ war eine gelungene literarische Überraschung. Jetzt hat die junge Autorin ihren zweiten Roman veröffentlicht. Nach dem starken Debüt um den Mann, dessen Leben in wenigen Tagen im Krankenhaus umgekrempelt wird, war ich gespannt, ob die Intensivität und Qualität auch im nun folgenden Roman gehalten werden kann. Julia Rothenburg hat sich mit „hell / dunkel“ gesteigert, ihr Roman ist noch intensiver, direkter und komplexer. Die Autorin hat eine enorme Empathie für ihre Figuren und ihr Talent zu schreiben ist sehr beachtlich.

Trotz der auktorialen Erzählperspektive gibt es stets zwei Sichtweisen, eine helle und eine dunkle. Kurz, die von Valerie und die von Robert. Valerie ist die helle, die jüngere von beiden. Sie ist neunzehn Jahre alt, lebt bei ihrer Mutter und geht noch zur Schule. Als sie gerade mit wenig Begeisterung am Schulsport teilnimmt, versucht sie die meist etwas vorwurfsvollen Meldungen ihrer Mutter zu ignorieren. Die Mutter ist sehr krank, war oft in Behandlung und immer liegt es an Valerie, für die Mutter da zu sein. Die Krankheit der Mutter ist zurückgekehrt und sie ist erneut in die Klinik gekommen. Als Valerie von der Schule heimkommt, ist plötzlich Robert wieder da. Robert, der dunklere von beiden, ist dreiundzwanzig Jahre alt. Für Geschwister werden sie allein durch ihr Aussehen selten gehalten. Beide haben aber durch die familiäre Situation und das Krankheitsbild der Mutter arge Probleme. Roberts Vater ist Italiener, der in den Restaurants in Berlin den Musiker mimt. Doch auch diese Beziehung zwischen den Eltern ist gescheitert, gleich die mit Valeries Vater. Daher ist Robert vor Jahren aus Berlin weggezogen, um in Marburg seine Ausbildung zu machen. Valerie ist als die Jüngere bei der Mutter geblieben. Doch nun ist Robert unerwartet zurückgekommen. Mit seiner Ankunft beginnt Valerie sich anfänglich zurückzuziehen, sie möchte mal dem Halbbruder die Verantwortung übergeben können. Doch rennt Robert auch vor seinen Problemen davon. Seine Ausbildung und Beziehung hat er einfach verlassen und beendet. Wegen der Krankheit der Mutter ist er nun zurückgekehrt und verspricht auch zu bleiben. Die Mutter hat laut der Diagnose nur noch wenige Tage zu leben und gemeinsam stehen sie vor Fragen, auf die es keine einfachen Antworten geben kann. Wie sie mit dem schleichenden Abschied umgehen müssen, wie sie die letzten Tage für die Mutter gestalten und wie sie selbst mit ihren drei Grundgefühlen Wut, Trauer und Schmerz umzugehen haben.

Sie waren schon immer sehr miteinander verbunden und nun, durch diese schwere Zeit, verringert sich zunehmend ihre Distanz zueinander. Das Unfassbare, das sie erleben, macht sie immer sensibler und sie kommen sich immer näher. Die Nähe zu anderen Freunden oder Partnern kann niemals dieses Seelenloch füllen, das sich in ihnen öffnet. Ihre Nähe, die sie erst nicht zulassen können, hat viele Seiten: mal ist sie geschwisterlich zankend, dann wieder voller Schmerz und immer wieder kommt es zu zärtlichen Annäherungen, die tröstend, aber auch immer brisanter werden.

Die Geschichte eines ungewöhnlichen Geschwisterpaares, das einen Neubeginn sucht und dabei Abschiednehmen lernen muss. Der Roman lebt von den ganz genau beobachteten Nuancen des Miteinanders. Mit einer enormen Sprachqualität entwirft die Autorin einen erstaunlichen Roman. Mit viel Einfühlungsvermögen und einfühlsamer Sprache tastet sich die Autorin an ihre Figuren und die Handlung heran. Ein außergewöhnlicher und intensiver Roman.

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Tadeusz Dąbrowski: „Eine Liebe in New York“

Tadeusz Dabrowski Eine Liebe in New York Schöffling

Dies ist mal so ein ganz anderer Liebesroman. Das Buch bietet eine Mischung aus derben und feinfühligen Gedankenspielen. Tadeusz Dąbrowski beschreibt eine männliche Sicht auf die Gefühle seines Protagonisten und umkreist damit die Rätsel, die die Liebe beinhalten kann. Der Text bleibt stets einfühlsam, lyrisch und voll herzlichem Charme und Witz.

Die Handlung könnte innerhalb weniger Sätze erzählt werden und doch hat der Roman viel zu erzählen. Das Zwischenmenschliche wird ohne Kitsch, dafür mit viel Wahrhaftigkeit erfasst und in Sätze gekleidet, die es verstehen, im Leser etwas nachklingen zu lassen. Mit viel Gespür und der passenden Sprache hat Tadeusz Dąbrowski ein Werk geschaffen, das sich als Liebesroman bezeichnen lässt, aber dann doch auch irgendetwas ganz anderes ist. Tadeusz Dąbrowski ist ein renommierter polnischer Lyriker, der hiermit seinen Debütroman geschrieben hat.

Das Buch bedient niemals den süßen Kitsch, wobei es sich dann doch der Klischees bedient: Das Spiel des Kennenlernens, das Verlangen, die gebildeten Vorurteile, die wachsende Begierde, der Verlust und dann doch und immer wieder die Liebe. Aber das alles in so ganz anderer Art, dass es Spaß macht, dem Text und den Figuren durch New York zu folgen.

Der Erzähler ist gleich dem Autor ein polnischer Lyriker. Er befindet sich gerade auf Lesereise und gastiert in New York. In einer U-Bahn trifft er auf eine Architektin. Sie kommen durch das Buch, das er dabei hat, ins Gespräch. Ihr Name ist Megan und sie hat ein reges Interesse an Kunst. Doch sieht er in ihr lediglich das, was er zu sehen bereit ist. Für ihn ist sie eine typische Amerikanerin: Blond, jung und oberflächlich. Die ehelichen Verbindungen stehen ihnen irgendwie nicht im Weg und er beginnt sein Spielchen. Es reizt ihn, diese junge, blasse und hübsche Frau zu erobern. Er will ein erotisches Abenteuer. Je näher sich beide kommen, desto mehr empfindet er. Er fühlt sich magisch von ihr angezogen. Zuerst hat er in ihr nur die oberflächliche Frau gesehen, die es zu erobern galt. Dabei ist er es gewesen, der durch seine Coolness und Begierde nur an der Oberfläche gekratzt hat. Sie verleben einen berauschenden Abend mit gutem Essen, viel Alkohol und erleben das New Yorker Nachtleben. Als er seinem Ziel nahe gekommen ist, verflüchtigt es sich auch wieder. Seine Lesereise geht weiter. Aber es kommt zu einem erneuten Zusammentreffen, denn er will und muss sie einfach wiedersehen. Doch hat er auch ein Leben und eine Familie in Polen.

Der Reiz ist die Wandlung eines Mannes, der vorurteilsbelastet in die Beziehung taumelt und sich dann verliebt und seinen Gefühlen Ausdruck geben will. Sein Herz wurde erobert, d.h. berührt. Er sucht und braucht ihre Nähe und Zuwendung. Doch wissen wir, dass er den am Anfang beschriebenen metaphorischen Wasserfall herabgestürzt ist. Er schreibt nun seine Geschichte und therapiert sich damit selbst. Megan ist Literatur geworden. So steht, wie am Anfang, auch gegen Ende ein Buch im Vordergrund. Sie hat ihm ein Buch geschenkt, das sie bewegt hat. Auch hier hadert er mit dem Gehalt des Inhalts, sieht dann doch, es geht um das Leben –  um sein Leben? Und was ist das überhaupt, das Leben und die Liebe?

Ein Roman über Liebe, Begierde und Wirklichkeiten. Mit einer besonderen Sprache wird von der Liebe erzählt, die intensiver wird, wenn sie sich zu verflüchtigen droht.

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Joey Goebel: „Irgendwann wird es gut“

Joey Goebel Irgendwann wird es gut Diogenes

Manche Autoren könnten Rockstars sein. Man freut sich auf das neue Buch wie auf eine neue Platte. Joey Goebel ist so ein Autor und ein großartiger Erzähler. Sein neuestes Werk kann man auch als eine Art Konzeptalbum beschreiben. Jeder „Song“ steht für sich und zusammen ergeben die einzelnen Kapitel dann einen Roman. Der Vergleich kann auch inhaltlich bestehen bleiben, denn in den Texten verweben sich immer wieder Anspielungen auf großartige Alben und ihrer Künstler. Von den Ramones, Nirvana bis hin zu Thelonious Monk.

Der rote Faden der Handlung ist das Gefühl des Abgeschnittenseins. Alle Protagonisten empfinden eine Einsamkeit und leben isoliert. Als würden sie in einer Seifenblase, in ihrer eigenen geschaffenen Welt leben. Doch versuchen alle, diese Membran, die sie von der Außenwelt trennt, zu durchbrechen. Sie sehnen sich nach Zusammengehörigkeit, Liebe und Anerkennung. Der Ruf nach draußen erfolgt meist leise, in ersten kleinen Bewegungen. Mal per E-Mail oder in einem Hotel am Pool mit der Einladung zu einem Bier. Doch oft sind die Charaktere so in ihrer Einsamkeit gefangen, dass sie bei den Versuchen scheitern. Aber dennoch geben sie niemals auf. Alle hegen in sich einen Keim der Hoffnung auf Zweisamkeit.

Joey Goebel schreibt einen Kleinstadtroman, der sich durch die einzelnen Kapitel entfaltet. Es ist ein Kosmos, der immer atmosphärischer wird und an die Werke von Richard Russo erinnert. Die Geschichten sind einfühlsam und lakonisch erzählt. Der Versuch, der Einsamkeit zu entkommen, wirkt oft komisch, ist einzigartig aber auch melancholisch. Joey Goebels Satire bleibt erstmals sehr viel stiller als seine bisherigen Werke, eventuell weil Amerika die literarische Satire an die Wirklichkeit abgeben musste.

Am Anfang lernen wir einen Mann kennen, der auf seine Angebetete wartet, während er sich seine Drinks genehmigt. Diese tritt dann auch auf und er führt mit ihr einen inneren Monolog. Sie ist jeden Abend pünktlich bei ihm und allen anderen der Kleinstadt. Denn sie ist die Nachrichtensprecherin, die ihm im Fernsehen jeden Abend begegnet. Er ist verliebt und beginnt den Versuch, sie in der Realität zu treffen. Doch dabei bekommt er einen weiteren, nerdigen Mitverliebten als Mit- bzw. Gegenspieler. Unser Held hat einen einfachen Job, möchte aber mit seinen Drehbüchern erfolgreich werden. Sein bisheriges Werk steht Pate für alle kommenden Geschichten. Das Drehbuch handelt von einem Protagonisten, der keine Freunde hat und ständig in seinem Auto sitzt. Er erlebt das Leben durch die Windschutzscheibe. Einer Frau geht es ähnlich und das Drehbuch endet so, dass nun beide in seinem Wagen sitzen und die Welt lediglich durch Glas sehen und empfinden.

Eine weitere Geschichte erzählt von einer Lehrerin. Da ihr Mann im Gefängnis ist und sie dasselbe Schicksal ihren Schülern ersparen möchte, bietet sie sich als Fahrhilfe bei feuchtfröhlichen Partys an.  Eine Punkband hat ihren ersten Auftritt und der schüchterne Sänger erlebt den Rausch vor dem Publikum und träumt sich dann später einsam in seinem Bett in eine bessere Welt. So ergeht es allen Hauptfiguren in den Texten. Sie sehnen sich nach einer anderen Wirklichkeit und nach Geborgenheit innerhalb einer Gemeinschaft. Sie suchen den Kontakt zu anderen Menschen und scheitern meist an sich selbst. Sie erleben die Welt durch eine Glasscheibe und treten unermüdlich auf diese trennende Membran ein, um die äußere Welt in ihr Innerstes einzuladen oder anders herum.

Ein Buch, das uns zeigt, dass immer Hoffnung besteht, dass es irgendwann gut werden könnte. Ein großer Roman voller subtilem Humor, Feingefühl und sehr lebendigen Figuren. Es ist ein Roman aus einzelnen Geschichten. Es gibt viele kleine Andeutungen und Charaktere tauchen wieder in folgenden Kapiteln auf. Alles steht in Bezug zueinander. Ein Buch, in dem man, sollte es man erneut lesen, bestimmt noch weitere kleine versteckte Hinweise finden könnte. Eventuell ist es eines der stärksten Werke von Joey Goebel.

Abgerundet wird das Buch von einem exklusiven Interview, das Benedict Wells mit Joey Goebel geführt hat.

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