Mala Laaser: „Karl und Manci“

Karl und Manci Mala Laaser FünfZweiVierNeun

Die Novelle „Karl und Manci“ von Mala Laaser ist der Auftakt einer kleinen Buchreihe, die in Vergessen geratene Autoren und ihre Werke wieder der Öffentlichkeit zugänglich machen möchte. Mala Laaser ist sehr unbekannt, gehört aber zu den jungen Talenten aus der Zeit der Weimarer Republik. Ihr Werk ist wie bei vielen ihrer Generation vergessen, verschollen und durch den Nationalsozialismus unterbrochen und für immer beendet worden. Die Novelle „Karl und Manci“ beinhaltet die wichtigsten Merkmale der Literatur dieser Zeit, der Neuen Sachlichkeit. Diese Literatur ist schlicht, fast schon nüchtern und spiegelt die Gesellschaft. Die Figuren und ihr Handeln wirken auf den ersten Blick distanziert und doch ist alles, trotz der Kürze des Textes, fein detailliert und realistisch beobachtend. Es ist eine Gesellschaft, die den Ersten Weltkrieg verarbeitet und um ihre Existenz ringt. Das Leben in den Städten birgt die Quelle vieler sozialer Probleme und spätestens durch den Aufstieg des Nationalsozialismus wird auch die Kunst hoch politisch.

Bislang wurde die vorliegende Novelle ausschließlich in vier Teilen in einer Publikation der CV-Zeitung des Central Verbands deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens veröffentlicht. Der Text hat etwas kurzweiliges, wenn nicht sogar etwas sehr schlichtes, doch entfaltet sich beim Lesen und bei der Reflektion des Erzählten eine Tiefe. Es beginnt mit einer Aussage und endet mit einer Frage. Die Aussage stellt fest, dass wir es alle wissen, dass die Zeit gleich einem Spaten gewaltig den Boden umgegraben hat. Aus der Fülle an Geschicken und Geschichten soll uns das Schicksal zweier Liebender dargelegt werden. Doch die schlichte Romanze im Ton der damaligen Zeit zerfällt durch das Wechselspiel von Scham und Eitelkeit, um dann doch die Protagonisten in Vertrautheit zueinander finden zu lassen. Die letzte Frage des Textes verklingt süß und doch regelrecht bitter.

Die Liebe von Karl und Manci hatte es anfänglich schwer. Professor Brinkmann, Karls Vater, hat verbindliche Pläne für seinen Sohn und da ist die Liebe zu Manci nicht eingeplant. Seine Überzeugungsrede verschifft Manci nach Ägypten, wo sie durch den Professor als Laborantin eine Einstellung erhält. Als Karls Vater stirbt, nimmt dieser auch seine Pläne mit in sein Grab. Mit dem Einverständnis der Mutter löst Karl alle seine Versprechen und Gelöbnisse auf und bittet Manci heimzukommen. Als diese eintrifft, weicht die Wiedersehensfreude ein Stück weit der Erkenntnis, dass die unbekümmerten Zeiten von damals vorüber sind. Noch plagen Karl auch keine Zukunftsängste, er schmiedet Hochzeitspläne und es keimt neben der Liebe in ihm der Besitzerstolz ihr gegenüber. Er will sie in der Heimatstadt ankommen und sich in Ruhe nach einer Einstellung umsehen lassen. Bald soll sie aber, nach seinem Plan, mit ihm in einer eigenen Praxis tätig sein. Doch die Nöte werden immer größer. Er ist zu eitel, um nach einer aus seiner Sicht niederen Tätigkeit Ausschau zu halten. Manci ist es, die nun als selbstbewusste Frau auftritt. Durch einen Schwächeanfall gewinnt sie Freunde und eine Anstellung. Auch Karl bekommt immer mehr die Massenarbeitslosigkeit zu spüren. Die wirtschaftliche Lage der Zeit lässt ihn auf einen Mann treffen, der Kurse anbietet und seinen jüdischen Schülern, sofern er sie auserwählt hat, Arbeit vermittelt. Karl lernt, dass Geld nicht stinkt und es ihm egal zu sein hat, womit er sein Lebensunterhalt verdient. So finden beide in ihren neuen Funktionen ihr kleines Glück. Doch das private Glück muss noch gefunden werden, denn trotz des Vertrauens zueinander verschweigen sie sich gegenseitig ihre Entscheidungen aus Angst vor Missverständnissen.

Dieser Text, der seicht und kühl wirkt, birgt in sich eine kleine Fülle, der man durch erneutes Lesen oder dem Nachsinnen immer mehr Raum gibt. Die Novelle hat eine Leichtigkeit, in der aber ständig ein feiner, melancholischer Unterton zu hören ist, der uns immer genauer hinhören lässt. So entfaltet sich in der Darstellung der Liebesgeschichte und des ganz persönlichen Schicksals von Karl und Manci ein politisches und sozialkritisches Panorama der damaligen Zeit.

Die Ausgabe hat ein Nachwort von Birgit Böllinger (Sätze & Schätze)

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Zia Haider Rahman: „Soweit wir wissen“

Zia Haider Rahman Soweit wir wissen Berlin Verlag

Ein Koloss von einem Buch, in dem es um das große Ganze geht. Doch was ist das große Ganze überhaupt? Was treibt uns Menschen an und was macht uns aus? Ist unsere Biographie mehr durch die persönliche Herkunft oder das kulturelle Umfeld geprägt? Was passiert, wenn die uns bekannte Welt auseinanderbricht? Sei es durch naturwissenschaftliche Errungenschaften, durch religiösen Fanatismus oder durch Kriege. Der Roman spannt den Bogen über diese großen Themen. Eine Welt nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001. Es geht um Geopolitik, Philosophie, Migration und die Finanzkrisen. Das Buch will viel und spannt eine Brücke, durch die alle Themen irgendwie miteinander verbunden werden. Denn in der Mathematik, der Geschichte, der Wissenschaft und in der Religion gibt es Behauptungen, die wir lediglich glauben können. Jedes System birgt Lücken und wir können diese nur mit unseren Erfahrungen füllen. Es bleibt aber immer noch eine klaffende Lücke, soweit wir wissen…

Diese Lücken tauchen auch in dem vorliegenden Werk auf. Doch sind es Kunstgriffe, die uns zusammen mit den Protagonisten abschweifen und stets viel erfahren lassen. Die Sprünge im Handlungsverlauf wirken chaotisch und schaffen dann doch wieder den Bezug zum Inhalt des Werks, gleich Fraktalen. So sind es gerade die Brüche, die einzelnen Episoden aus dem Leben der Figuren, die diesen großen Bildungsroman zusammenhalten.

Im Zentrum steht die Geschichte der Migration, die vom Erzähler, dem Freund des eigentlichen Helden, aufgezeichnet, zusammengetragen und mit Marginalien ergänzt wird. Im Jahr 2008 steht Zafar abgerissen und erschöpft vor der Tür des Freundes in London. Der aus Pakistan stammende Erzähler hat gerade seine Arbeit als Banker verloren. Seine Frau hat ihn verlassen und er hat somit genügend Zeit für Zafar, den er anfänglich gar nicht wiedererkannt hatte, als dieser nach einigen Jahren unerwartet vor seiner Tür steht. Durch die Finanz- und Ehekrise hat der Erzähler, der lange gut gelebt hatte, alles verloren und widmet sich nun der Biographie seines Freundes und reflektiert sein eigenes Leben.  Zafar stammt im Gegensatz zum Erzähler aus armen Verhältnissen aus Bangladesch. Durch lange, sprunghafte Gespräche und Notizen baut sich langsam das große Ganze auf. Die Kindheit Zafars in einfachen Verhältnissen, dann die Liebe zur Mathematik, die keine Grenzen kennt, lediglich eine Sprache ist, die nur benennt, sofern es sich mit Fakten belegen lässt. Doch die Naturwissenschaft hat auch ihre Grenzen und Zafars Leben ist geprägt von Entfremdung, der Suche nach Stabilität und dem ewigen Scheitern. Das Scheitern der Migration sowie im Beruf und der Liebe. Zafars Liebesgeschichte mit Emily wird ein ohnmächtiges Spiel, in das sie ihn verwickelt und das ihn krank werden lässt. Der psychische Verfall eines Mannes geht einher mit den Geschehnissen des 21. Jahrhunderts. Die Entfremdung und die Einsamkeit als große Gleichung in diesem Roman voller Erkenntnis und Täuschung. Beide Helden sind intelligent und scheitern doch.

Es ist ein Roman über viele Ereignisse am Beispiel einzelner. Ein Debütroman, der viel zu sagen hat und von detaillierten Charakteren belebt wird. Ein Buch, das mit Wissen spielt und ganz nebenbei die großen Fragen zur Weltpolitik, Kultur und  den wichtigen Schlüsselthemen der Gegenwart aufwirft.

Zia Haider Rahman hat ein sehr umfangreiches Werk geschaffen, das uns gleich den Protagonisten hinhören lässt und viel zum Nachdenken, Nachforschen und Nachfühlen bietet. Der Text hat etwas Verkopftes und ist dennoch ein kunstvoll gewebter Stoff aus vielen bunten Flicken, die aus allen menschlichen Errungenschaften der Wissenschaft, Kunst, Religion und Philosophie bestehen.

Der Roman, der sich zwischen Bangladesch, London und New York bewegt, gewinnt an Glaubwürdigkeit und Tiefe durch die Biografie Zia Haider Rahmans. Der Autor wurde gleich seinem Helden im ländlichen Bangladesch geboren. Nach dem Befreiungskrieg 1971 kam er noch als Baby nach London. Rahman konnte seine einfache schulische Ausbildung dank eines Begabtenstipendiums in Oxford fortsetzen und komplettierte sie in München, in Cambridge und in Yale. Er hat als Investment Banker, später als Anwalt gearbeitet. Seit ein paar Jahren arbeitet Rahman als Anwalt für Menschenrechte und kämpft vor allem gegen Korruption. So birgt das vorliegende Buch wohl viele autobiografische Züge.

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Leseschatz-TV

Es gibt wieder neue Leseschatz-TV Beiträge:

Unbenannt

Zu Haukes Filmchen: Peter Berthold „Unsere Vögel“ – Haukes kleiner Aufruf, Leseschatz des Frühjahrs 2017: Iris Wolff: „So tun, als ob es regnet“, Leseschatz-TV: Spannungsliteratur, Leseschatz-TV: Patry Francis: „Die Schatten von Race Point“, Leseschatz-TV: Juliana Kálnay: „Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens“, Leseschatz-TV: Marie Lu: Young Elites – Die Gemeinschaft der Dolche

Siehe: Leseschatz-TV, auf unserer Homepage oder auf YouTube

 

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Richard Russo: „Ein Mann der Tat“

Richard Russo Ein Mann der Tat Dumont

Ein großer Roman über das amerikanische Idyll, in das langsam das Chaos einsickert. Die Handlung spielt in einer Kleinstadt, die im Bundesstaat New York liegt, und hält die Ereignisse des Feiertagswochenendes um den Memorial-Day fest. Innerhalb dieser überschaubaren Zeitspanne versteht es der Pulitzer-Preis-Träger Russo einen ganzen Kosmos an besonderen Geschehnissen entstehen zu lassen und wendet sich voller Zuneigung allen seinen Figuren zu. Der Genuss des Buches liegt gerade in der Fülle der Charakterisierungen und der Liebe zum Detail, die trotz der Dicke des Werkes niemals ausufert oder seicht mäandert. Als Leser ist man schnell dieser Kleinstadt und ihren Bewohnern verfallen und man verbringt gerne seine Zeit mit den bodenständigen, skurrilen, zweifelnden und allen weiteren handelnden Protagonisten.

North Bath hat den Aufschwung verpasst und vieles versiegt in der gebeutelten Landschaft: die Quellen, die Investoren und die Steuereinnahmen. Lediglich der Bürgermeister hält tapfer fest an seinem Glauben an seine Stadt. Doch die Einwohner werden Zeuge, wie die Nachbargemeinde ihren Aufschwung erlebt, während North Bath immer mehr kränkelt. Die Industrie und mit ihr auch der Immobiliensektor brechen im wahrsten Sinne des Wortes zusammen. Ferner breitet sich ein übler Gestank aus, der den Menschen zu schaffen macht und an die Erblast vorangegangener Planungen und Kommerzialisierungen erinnert.  Der letzte Zufluchtsort ist allabendlich, sofern man erwerbstätig ist, sonst wohl schon eher, die Gastronomie, sprich der Imbiss und die Bar, in der es schales und billiges Bier zu trinken gibt.

Die Handlung beginnt mit einer Beerdigung. Ein angesehener Richter ist verstorben und wird beigesetzt. Es treten die Menschen an sein Grab, die ihm, gewollt oder gefühlt erzwungen, die letzte Ehre erweisen möchten. Unter ihnen der Polizeichef Douglas Raymer. Seine Selbstzweifel lassen ihn am Grabe nicht nur metaphorisch schwanken. Seit der Schule hadert er mit sich und durch seine Lehrerin angetrieben ist er schriftlich sowie gedanklich immer auf der Suche nach seinem wahren Ich. Seine polizeiliche Laufbahn stellt er ebenfalls in Frage und wurde darin auch durch einige Missgeschicke seinerseits bestärkt. Auch der Verstorbene hat in Raymer nicht die vorbildliche Führungsfigur gesehen, die man üblicherweise von einem Polizeichef erwartet hätte. Daher ist Raymers Anwesenheit während der Beerdigung eher ein pflichtvolles Erscheinen. Gedanklich ist er ganz woanders. Er fühlt sich zu seiner farbigen Kollegin hingezogen, hat aber den Verlust seiner Ehefrau, Becka, noch nicht ganz verarbeiten können. Becka war dabei, ihn zu verlassen. Er hatte schon immer geahnt, dass seine Frau etwas Besseres verdient hatte und alle in seinem Umfeld gaben ihm das Gefühl, dass es ein Wunder war, dass Becka überhaupt ihn geheiratet hatte. Becka verliebte sich in einen anderen Mann und an dem Tag, als sie Raymer verlassen wollte, machte sie einen ungeschickten Hüpfer von der Treppe und verstarb. Im Fahrzeug fand der Polizist die erste Spur zu dem Mann, der ihm seine Frau genommen hatte. Unter dem Sitz verkeilt lag eine Fernbedienung für ein Garagentor. Sein Plan war es nun, alle Tore in der Ortschaft auszutesten, doch durch einen Schwächeanfall fällt Raymer in das offene Grab des Richters und verliert nicht nur erneut das Ansehen, sondern auch das einzige Beweisstück.

So breitet sich langsam, während der Feierlichkeiten zum Memorial-Day, das Chaos in der Ortschaft aus. Die Besitzerin des Lokals führt privat einen kleinen Krieg mit ihrem Mann um den verbleibenden Wohnraum. Er organisiert Garagenverkäufe, d.h. private Flohmärkte und sammelt alles, was er noch meint reparieren und in Geld umwandeln zu können. Dies ist eher sein Hobby, das allerdings so weit geht, dass bald schon das Gartengewächs einem riesigen Schuppen weichen muss. Dann ist da noch ein ehemaliger Sträfling, der seine Liste abarbeitet. Seine handschriftliche Liste umfasst fünf Namen, an denen er sich rächen möchte. Als weitere Figur taucht ein alternder und kränklicher Bauunternehmer auf, dessen Gebäude eines Tages einfach eine Wand nicht mehr halten kann. Es sind Gelegenheitsarbeiter, einfache Handwerker, Handlanger oder Staatsdiener, die durch ihre ausgewählte Sprache dem Proletariat entkommen möchten. Es sind Wendungen und Ereignisse, die von den Protagonisten herbeigeführt werden oder in deren Leben treten, die an diesem Wochenende aller Leben beeinflussen. Besonders steht im Vordergrund die Suche nach der Fernbedienung und dem eigentlichen Besitzer, die den Suchenden auch vor einer Grabschändung nicht zurückschrecken lässt. Das ausufernde Alltagsdrama innerhalb dieser Kleinstadtidylle wird noch durch eine entlaufene Kobra verstärkt.

Das Buch nimmt den Leser in seinen Bann und durch die Liebe zum kleinsten Detail, das stets zwischen Drama und Komik schwankt, wird die Lektüre, gerade durch das großartige Personal, zu einem großen amerikanischen Roman. Der Roman beinhaltet die persönlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen im Mikrokosmos des Bürgerlichen in der Randregion des Staates New York. Richard Russo erzählt tiefgründig, unterhaltsam und in einem klugen Ton über das menschliche Miteinander, das durch die Revierkämpfe der Egos, die Einflüsse aus dem Umfeld und die hineingesteigerten Nichtigkeiten scheitern kann. Die Handlungsstränge verdichten sich gleich den Gerüchen nach schalem Bier, Klosteinen und dem industriellen Erbe, das nicht nur die Landschaft verpestet.

Ein Buch, in dem man sich zügig zuhause fühlt und sich mit den Bewohnern der Stadt, d.h. den Figuren des Romans, anfreundet und das man ungern wieder verlässt.

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Siehe auch die Besprechung auf: AstroLibrium

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Graham Swift: „Ein Festtag“

Graham Swift Ein Festtag dtv

Die Novelle von Graham Swift ist ein Aufruf für die Kunst, die Literatur und die Sinnlichkeit. Der Text spielt am Mothering Sunday, heute zum Muttertag verkommen, am 30. März 1924. Es ist ein Tag, der für Jane Fairschild eine Tragödie beinhaltet, aber auch eine Freiheit und Liebe offenbart, die sich entfalten wird, so dass ihr als alte Frau, am Lebensende, immer noch jener Tag zu denken geben wird.

Sie wurde 1901 geboren und arbeitet als junge Frau als Dienstmädchen in Südengland. Es ist die Zeit, als noch mehr Pferde als Autos die Menschen bewegten. Aber der Umbruch steht bevor. Die männlichen Bediensteten verschwinden und der Krieg raubt den Familien die jungen Männer.  Als Hausangestellte ist man dem Haus und dem Dienstherrn verpflichtet und geniesst wenig Freizeit. Auch die eigenen Geburtstage sind mit schwerer Arbeit erfüllt. Lediglich am Mothering Sunday bekommt man frei, um den Tag mit der Familie, besonders der Mutter verbringen zu können. Dieser Tag soll Jane als ein Geschenk erscheinen. Ihr Dienstherr ist gut und bemerkt in ihr die Freude am Lesen und unterstützt sie darin. In ihrer freien Zeit durchstreift sie mit ihrem Fahrrad die Natur und liest sehr viel. Doch kennt ihr Herr nicht die ganze Wahrheit. Oft ist sie nicht draußen, um zu lesen, sondern die zweiundzwanzigjährige Jane hat eine heimliche Liebschaft mit dem Erben der Nachbarsfamilie. Anfänglich treffen sie sich in den Büschen und er, Paul Sheringham, steckt ihr einige Münzen zu. Diese Prostitution wandelt sich aber zu Liebe und sie empfindet sich als frei, wenn sie bei ihm ist. An diesem Muttertag sind alle ausgeflogen und die Bediensteten sind zu ihren Familien gereist. Paul ruft bei ihrem Dienstherrn an und, da sie es ist, die die Gespräche entgegenzunehmen hat, kann er sie persönlich und heimlich einladen. Der Anruf ist knapp und deutlich, heute solle sie durch den Haupteingang zu ihm kommen. Sie beendet das Gespräch, als sei falsch verbunden worden und radelt kurz darauf ihrer Liebe entgegen. Das erotische Abenteuer befreit sie und gänzlich nackt beobachtet sie, wie er sich erneut einkleidet, denn er hat eine weitere Verabredung mit seiner Verlobten in der Stadt. Jane weiß, dies ist wohl ihr letztes Treffen, denn in zwei Wochen wird er heiraten. Doch hat er sie erwählt und zeigt sich ihr gänzlich entblößt. Sie geben sich zum Letzen Mal dem anderen hin, ohne Scheu oder Scham. Seine Verlobung wirkt inszeniert und scheint ihn ebenfalls zu verstimmen. Als er losgefahren ist, bleibt sie noch eine Weile allein im fremden Herrenhaus und wandelt gänzlich nackt durch die Räume, nichts ahnend, dass gerade währenddessen das Schicksal ihr Leben verändern wird.

Jahre später blickt sie als Autorin auf diesen Moment zurück. Sie versteht die Tiefe des erlebten Augenblicks, des geschenkten Moments, der in sich die Tragödie verbarg. Doch gerade solche Erlebnisse schaffen Stoff, der die Kunst und die Literatur belebt. Dieser eine Tag war es, der Jane zur Schriftstellerin werden ließ.

Ein kleines, tiefgängiges Buch, das voller Atmosphäre ist. Wir tauchen ein in die Welt, die an „Downton Abbey“ und an  Mercè Rodoredas: „Der Garten über dem Meer“ erinnert. Es ist ein Aufruf zum Leben mit all seiner Intimität und Leidenschaft. Aber auch ein kleiner Klagetext über den Verlust. Verlust  der Zeit und der Liebe. Ein bewegendes kleines Stück Literatur.

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Matthias Teut: „Erellgorh“

Errelgorh Matthias Teut Dicht Fest Verlag

Phantastische Literatur lebt von der Fremdheit und der Sehnsucht nach Abenteuer. Es sind meist Orte und Landschaften, in die man eintaucht, die fern unserer schnelllebigen und technisierten Welt angesiedelt sind. Dies macht den Reiz dieser Literatur aus, die meist das Mittelalter und  die Märchen als Vorbilder nimmt und eine gehörige Prise an eigener Magie und fantastischen Wesen hineinstreut. Epische Stoffe, in denen es Wesen, Sprachen und Länder gibt, die in der Phantasie des Lesers eine ihm bisher gänzlich fremde Welt entstehen lassen. So schafft es auch Matthias Teut durch kurze Kapitel die Welt von Erellgorh aufzubauen. Handwerklich und sprachlich ist dieser Zyklus, der aus drei Bänden besteht (Band drei ist in Vorbereitung), bei den großen Vorbildern seines Genres einzuordnen. Die Kapitel sind jeweils aus der Sicht der drei Helden geschrieben und enden meist mit einem offenen Ende, sodass man regelrecht an das Buch gefesselt wird.

Die drei Helden heißen Atharu, Selena und Pitu. Sie leben jeweils in verschiedenen Orten in Jukahbajahn. Ein Land voller Magie und unheimlicher Geschöpfe. Die Menschen leben zurzeit mit den anderen Völkern im Frieden. Der Legende nach haben sich die Elben zurückgezogen und sind fast nur noch ein Mythos. Sie leben in ihrer mächtigen Stadt Erellgorh, verborgen im Dunst des Nebelsees.

Das Abenteuer beginnt für Atharu, als die oberste Alt-Mutter im Sterben liegt. Bei ihr hat Atharu den Zugang zur magischen Welt erlernt. Doch kann er den Zauber noch nicht gänzlich einsetzen und auch sein eigenes, magisches Element liegt vorerst in ihm verborgen. Er kennt sich mit den Kräutern, den Namen und der Wirkung vieler Dinge aus und beherrscht die machtvolle alte Sprache der Elben. Er erbt ein altes Bruchstück eines Medaillons, das er vor Neidern geheim halten muss und dadurch sogar seine Heimat verlassen soll. Die Alt-Mutter sagt ihm, er solle seiner Bestimmung folgen und er erhält weiterhin einen magischen Armreif. Nach den Sterbegesängen macht er sich auf seine große Reise und bekommt Unterstützung seines besten Freundes, einem Jäger und Fährtenleser.

Selena ist eine Küchenmagd, die durch einen Brief von ihrer Mutter zum Aufbruch aufgefordert wird. Sie erhält ein Päckchen ebenfalls mit einem Bruchstück des Medaillons. Sie soll das Päckchen stets sicher verwahren, denn es hänge sehr viel davon ab. Sie solle zum Nebelsee reisen und sich vor anderen in Acht nehmen. Ihre Reise lässt sie ebenfalls in große Abenteuer stürzen und sie lernt Menschen kennen, die ihr nichts Gutes wollen, aber auch innige Freundschaften entstehen. In ihr ist, gleich Atharu, eine Kraft, die sie noch nicht zu kennen scheint. Sie erfährt, dass es etwas Unheimliches, Dunkles in der Welt gibt.

Dann ist da noch Pitu, der Straßenräuber, der stets auf der Flucht lebt und öfters auch die Städte wechselt. Auch er begibt sich auf eine Reise ins Ungewisse. Als er mal wieder fliehen muss, landet er am Hafen und durch eine verstrickte Handlung beim Löschen und Beladen der Schiffe, gerät er unter Deck eines Seglers und seine Reise beginnt.

Die drei Handlungsstränge, die stets in gleichbleibender Reihenfolge erzählt werden, werden immer spannender und garantieren eine epische Welt voller Magie und gut gezeichneter Hauptfiguren, die man zügig lieb gewinnt. Alle drei machen sich auf die Reise und folgen einer Prophezeiung, die sie zum Nebelsee führt. Sie haben große Abenteuer zu bestehen und ahnen noch nichts von der Bedrohung, die auf sie lauert. Denn grausame Schatten jagen nach den magischen Bruchstücken und als Atharu, Selena und Pitu sich endlich begegnen, überschlagen sich die Ereignisse und der Leser befindet sich bereits im zweiten Band der Saga.

Band eins ist nominiert als bestes Romandebüt für den Deutschen Phantastik-Preis 2017.

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Andrew Miller: „Nachts ist das Meer nur ein Geräusch“

Nachts ist das Meer nur ein Geräusch Andrew Miller Zsolnay

Die Geschichte einer Frau, die schwer zu verstehen ist, die sich verschließt und gleich dem Roman nicht mit üblichen Charakterisierungen zu bemessen ist. Die Handlung baut sich stakkatoartig auf und beginnt dann zu kippen. Anfänglich ist die See, die immer ein begleitendes Bild im Roman ist, kabbelig, doch das Gewässer verändert sich immer mehr.

Die unnahbare Hauptfigur erscheint, d.h fällt in die Handlung. Wir als Leser und die weiteren Figuren im Roman, die mit Maud in Kontakt treten, werden von ihr an- und abgestoßen. Sie wirkt fast autistisch und ihre eingestreuten Erinnerungen lassen die erlittenen Wunden erahnen.

Die Handlung beginnt durch einen Unfall, wird durch einen weiteren gesprengt und nimmt erst später mit dem Zweiten wirkliche Fahrt auf. Der erste Unfall geschieht beim startklar machen der Boote für die nächste Saison auf dem Gelände des Segelclubs. Maud fällt vom aufgebockten Boot auf den harten Boden.  Sie fliegt an Tim vorbei und liegt wie tot auf den zerbröckelten Ziegelsteinen. Dann steht sie einfach auf und geht weiter. Diese fast schon mystische Begebenheit lässt die Beiden ein Paar werden. Beide wirken sehr unterschiedlich. Maud stammt aus einfachen Verhältnissen und ist eine begehrenswerte, aber eigenwillige Naturwissenschaftlerin. Sie arbeitet an der Entwicklung pharmazeutischer Mittel gegen Schmerz. Ihr Erscheinungsbild ist in der wissenschaftlichen Welt durch ihr Tattoo bereits auffällig und wohl für ihren Charakter wegweisend: „Sauve qui peut“  – rette sich wer kann. Tim stammt aus einer vermögenden, adligen Familie und kann über seine Zeit frei verfügen. Seine Leidenschaft gilt der Musik, besonders die klassische Gitarre beherrscht er und spielt gerne auf kostspieligen und edlen Instrumenten.

Der Roman schildert das Zusammenspiel zwischen Tim, der eigentlich Henley heißt und Maud. Er versucht in ihr Innenleben vorzudringen. Er möchte alles von ihr wissen und erfahren, doch sie bleibt stets einsilbig, verschlossen und in sich gekehrt. Sie erscheint dennoch unverfälscht, aber als eine, die ihre Umwelt nicht wirklich wahrzunehmen scheint. Auch ihre Schwangerschaft verändert sie kaum. Als Zoe, ihre Tochter, auf der Welt ist, arbeitet sie weiterhin viel und vernachlässigt etwas ihre mütterliche Fürsorge. Tim wird der Hausmann, der sorgende Vater, der nebenbei für Maud ein Konzert komponieren möchte.

Ein weiterer Unfall schleudert eine Wendung in ihr Leben. Diesmal kommt es aber zu einer familiären Tragödie. Der Unfall zerreißt die unverheiratete Familie gänzlich und Tim, der bereits eine andere Frau kennengelernt hat, distanziert sich immer mehr und Maud sucht den Ort auf, in dem sie sich stets geborgen fühlt. Sie lebt auf einem Segelboot und macht auch später die Leinen los und segelt davon. Doch auch auf dem Atlantik erwartet sie die wechselnde See mit all den treibenden Stimmungen. Ab dem Zusammentreffen mit weiteren Kindern, bekommt das Geräusch des Meeres und des Buches erneut einen anderen Ton.

Ein Roman, der uns Leser ab und zu alleine lässt. Mit unseren Gefühlen, Gedanken und Zuneigungen. Manchmal wirkt das Erzählte nichtig und unwichtig. Dadurch bilden sich kleine Flauten, die aber im Ganzen der Stimmung des Romans zuträglich sind und man als Leser in eine interessierte Strömung eintaucht. Das Buch erreicht irgendwann einen Punkt, ab dem man Maud nicht mehr loslassen möchte. Doch bleibt man als Leser gerade am Ende verdattert zurück und verweilt noch länger bei Maud. Ein Roman, der wie ein Familienroman beginnt, dann, durch das Schicksal gelenkt, das Drama einer Frau erzählt, die sich und uns der Wildnis und dem Meer aussetzt.

Andrew Miller wurde 1960 geboren und lebt heute in Somerset. 1998 erschien „Die Gabe des Schmerzes“, für den er den „Impac Dublin Literary Award“ bekam. 2013 wurde auf Deutsch der sehr lesenswerte Roman „Friedhof der Unschuldigen“ veröffentlicht. Letzterer wurde ausgezeichnet mit dem „Costa Book of the Year Award“.

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Ulrich Schacht: „Notre Dame“

Ulrich Schacht Notre Dame Aufbau Velrag

„Notre Dame“ ist ein Roman, in dem es um Grenzüberschreitungen, das Überwinden von politischen, gesellschaftlichen und den inneren Mauern geht. Die Stadt Paris als Sinnbild der Liebe. Denn es ist die Stadt, von der wir die Schönheit und Vollkommenheit erwarten. In Paris treffen Kunst und Kultur auf den Genuss des Lebens und suggerieren uns den Ort überschäumender Lebensfreude. Es ist nicht der Ort, die Stadt, sondern das Bild, das wir uns von einem Ort aufgebaut haben und in uns tragen. Die Schönheit erleben wir meist im Unbewussten und die wirkliche Freiheit, die wir im Leben und in der Liebe suchen, entsteht durch die Absicht und durch den Willen.

Ulrich Schacht hat einen Roman geschrieben, der sich wie eine Kathedrale vor dem Leser aufbaut. Stück für Stück entfaltet sich das komplexe Werk. Gleich dem kirchlichen Gebäude steht man am Ende vor einem Kunstwerk, das den Grundriss und den Aufriss der persönlichen Lebenskunst und Philosophie  umspannt. Beim Betrachten entdecken wir das schnörkellose Werk, das alles Menschliche und Übermenschliche beinhaltet. Der kleine Mensch als unvollkommenes Wesen wandelt durch diese Kathedrale und wird zum Abglanz der Schönheit auf der Suche nach Freiheit und Liebe.

Der Roman ist kein typischer Wenderoman, auch wenn er viele Momente aus dem Leben des Autors verarbeitet. Ulrich Schacht wuchs in der DDR auf und wurde 1973 wegen Hetze verurteilt und 1976 in die Bundesrepublik entlassen. Er arbeitete als Feuilletonredakteur und Chefreporter, bis er als freier Autor nach Schweden zog.  Schacht erhielt bereits viele Auszeichnungen und Preise für sein Werk (u.a. „Grimsey“).

Torben Berg, der Protagonist, fliegt 1991 in die französische Hauptstadt. Lediglich seiner zwölfjährigen Tochter hat er von seinem Vorhaben erzählt. Er möchte Silvester in Paris verbringen, der Stadt, in der er anderthalb Jahre vorher großes Liebesglück erlebt hatte. Berg ist verheiratet, doch wirkt seine Ehe gescheitert. Er ist ein anerkannter Journalist und lebt in Hamburg. Er ist in der DDR aufgewachsen, wurde wegen staatsfeindlicher Hetze inhaftiert und wurde nach Jahren der Haft in die BRD entlassen. 1989 reist er im Auftrag seiner Zeitung in den bröckelnden Arbeiter- und Bauernstaat. Nach einem Konzert von Wolf Biermann will er die Stimmung einfangen. Er taucht in das Nachtleben ein und lernt Henrike Stein kennen, eine Studentin, die lediglich Rike genannt wird. Auch Rike ist eigentlich in festen Händen. Zwischen den beiden entsteht, trotz des Altersunterschieds, eine besondere Anziehung. Er sendet ihr später seinen neuen Gedichtband und bekommt auch von ihr ein Antwortschreiben, in dem sie ihm gegenüber zugibt, keine Lyrikliebhaberin zu sein, aber seine Worte sie berührt hätten, was ihn wiederum sehr bewegt. Seine Dienstreisen plant und verbindet er, um ihr oft nahe zu sein. Sie finden zueinander und gewinnen eine kurze, intensive Liebe, die ihren Höhepunkt in Paris hat.

Seine Vergangenheit ist mit der DDR verwachsen, wo das Träumen über Freiheit durch äußere und innere Mauern begrenzt war. Die Sehnsucht nach fernen Ländern spiegelt sich in Torben Bergs journalistischen Dokumentationen. Seine Aufzeichnungen und Erfahrungen nutzt er nicht nur für das öffentliche Schreiben. Doch das Verlangen und die Sehnsucht verglimmen, wenn das Bild, das man projiziert, nicht mit dem Alltäglichen übereinstimmt. Die körperliche und seelische Liebe kann verblassen. Das Liebesleid greift bis 1991 und Torben Berg muß erneut seine Grenzen überwinden.

Ulrich Schacht baut den Roman langsam auf und schafft damit ein lohnenswertes Werk, das wohl viel Biographisches beinhaltet. Ein Roman über die Wiedervereinigung zweier Staaten und das Finden der Liebe. Freiheit als Ziel in den historischen Begebenheiten, im Leben und in der Liebe. Ein Roman, der zart, poetisch und wuchtig zugleich ist, gleich dem Bild, das wir uns von einer Kathedrale machen.

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Anja Goerz: „Wenn ich dich hole“

Wenn ich Dich hole Anja Goerz dtv

Ein unblutiger Thriller, der eher durch die Stimmung, als durch die Handlung, eine Spannung aufbaut. Ein kleiner Junge ist in einem abgelegenen Haus in Nordfriesland in Gefahr. Ein Schneesturm erschwert die Rettung und die ganze Familie wird durch Geschehnisse aus der Vergangenheit bedroht.

Ein Besuch bei der Großmutter hat Lewe und seine Mutter, Insa Steensen, nach Niebüll verschlagen. Wiedermal sind Insa und Lewe vorgereist, denn Bendix, der Ehemann, d.h. Lewes Vater, befindet sich auf Geschäftsreise. Doch scheint ihm dies sehr gelegen zu kommen, denn das Verhältnis zwischen ihm und Grete wirkt angespannt. So wird es jedenfalls in der Dorfgemeinschaft wahrgenommen. Es wird viel getuschelt, da sich alle untereinander kennen und sie beobachten konnten, dass Bendix selten bei den familiären Besuchen dabei ist.

Insa und Grete gehen im dörflichen Lebensmittelladen einkaufen, während Lewe alleine im abgelegenen Haus der Großmutter in Nordfriesland bleibt. Es ist Winter und der Schneefall nimmt kontinuierlich zu. Der Ladeninhaber kommt mit beiden ins Gespräch und während des plattdeutschen Smalltalk lässt er beiläufig einen Satz fallen, der darauf hinweist, dass er über die familiäre Situation und Bendix Vorleben mehr zu wissen scheint, wird dann aber von Grete zügig unterbrochen. Beim Auto angekommen, meint Grete jemanden wieder zu erkennen, hadert dann aber doch und stellt das Gesehene in Frage.

Bendix selbst ist auf der Heimreise. Er will in Heathrow umsteigen und wartet auf den Flug nach Hamburg. Doch die Wetterlage verschlechtert sich, viele Flüge werden gecancelt und auch sein Flug verzögert sich. Während er am Terminal wartet, bekommt er Anrufe von Lewe, seinem neunjährigen Sohn. Lewe langweilt sich und will wissen, wann sein Vater endlich nachhause kommt. Bendix wundert sich, warum Grete und Insa nicht bei ihm sind und versucht Insa anzurufen, doch erreicht er stets nur die Mobilbox. Die Fluggesellschaft hält die Reisenden noch im Ungewissen, was mit dem Flug nach Hamburg ist und Bendix befürchtet, es an diesem Tag wohl nicht mehr nach Schleswig-Holstein zu schaffen. Die Anrufe von Lewe werden immer panischer, denn seine Oma und seine Mutter sind immer noch weg und nicht zu erreichen. Bendix nimmt Kontakt zur örtlichen Polizei auf und bittet diese, bei seinem Sohn vorbeizuschauen und Insa und Grete suchen zu lassen. Doch plagt ihn das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden.

Durch den Schneesturm wird nicht nur Bendix Flug gestrichen, sondern auch Grete und Insa sind auf dem Weg vom Einkaufen durch einen Unfall in einen Graben gerutscht. Ein anderer Wagen war plötzlich aufgetaucht. War das ein Zufall? Als Insa langsam erwacht und sich um Grete sorgt, wird sie von hinten niedergeschlagen. Auch die Anfahrt des Polizisten, der nach Lewe sehen möchte, wird durch den starken Wintereinbruch erschwert. Bendix gerät in Panik und versucht mit der Bahn weiterzukommen. Sein Handy-Akku ist fast leer und die Anrufe seines Sohnes bereiten ihm immer mehr Angst, denn dieser meint, dass er im Haus nicht mehr alleine ist. Irgendjemand ist wohl dort.

Die Panik, die Bendix befällt, wird von Seite zu Seite erfahrbarer. Wo sind seine Frau und seine Mutter? Wie kann er seinem Sohn helfen, während er doch noch so viele Reisestunden vor sich hat? Wer ist in dem Haus und was ist tatsächlich mit Insa und Grete passiert? Eine weitere Erzählperspektive erscheint im Roman, Henrike, die die eigentliche Handlung durch eingeschobene Kapitel unterbricht. Es wird immer deutlicher, dass es um die Vergangenheit geht, die nun alle einzuholen scheint.

Ein Spannungsroman, der von der Stimmung lebt. Die Hilflosigkeit, Angst und Panik wird immer greifbarer und geht einher mit dem immer dichter werdenden Schneesturm. Die unterschiedlichen Perspektiven werden zügig aufgebaut und die kurzen Kapitel enden jeweils mit kleinen Cliffhangern. Die Sprache ist flüssig und baut gekonnt die passende Atmosphäre auf. (Fein ist auch, dass es endlich mal wieder ein Charakter mit dem Namen Hauke in die Literatur geschafft hat.)

Ein Roman einer Stimme aus Schleswig-Holstein, denn Anja Goerz ist vielen als Radiomoderatorin (u.a. R.SH, NDR,  radioeins/rbb und Nordwestradio Bremen) bekannt. Sie ist auf dem nordfriesischen Festland nahe Sylt aufgewachsen und lebt jetzt bei Berlin.

Am Donnerstag, 14.09.2017 findet bei uns in der Buchhandlung Almut Schmidt eine Lesung mit Anja Goerz statt. Siehe unsere Veranstaltungen

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Dirk Stermann: „Der Junge bekommt das Gute zuletzt“

Dirk Stermann Der Junge bekommt das Gute zuletzt

Ein so schön trauriger Roman. Stermann versteht es, die Waage zwischen Humor, Leichtigkeit, zarter Melancholie und trauriger Einsamkeit aufrechtzuerhalten.  Dirk Stermann ist ein deutsch-österreichischer Moderator (u.a. Die Fernsehsendung „Die Geschichte eines Abends“), Kabarettist und Autor. Er ist ein Autor, der das Absurde zelebriert und einen fröhlich melancholischen Roman über die Vielfältigkeit der Einsamkeit geschrieben hat. Der Verlag schreibt über das Buch: „Der traurigste Roman der Welt“. Das mag wohl stimmen, wird dem aber dennoch niemals gerecht. Denn ein feiner Humor weht beständig mit. Dennoch ist das Buch so traurig, dass man beim Lesen auf schönste Weise mitleidet. Aber es bleibt trotz des Absurden, des Surrealen niemals zu überspitzt dargestellt und es überfordert nicht mit empathischen Superlativen, wie es Hanya Yanagihara in diesem Jahr gemacht hat.

Das Buch will erlebt werden und lädt den Leser zu einer emotionalen Reise ein. Der Titel verspricht, dass der Held doch noch das Gute bekommen wird. Aber ist es wirklich das Gute für den Jungen? Wieviel Schmerz ist nötig und überhaupt möglich? Gleich den schmerzvollen Stichen von exotischen Ameisen, deren Gift stundenlange Pein verursacht, bleibt am Ende der einsame Schmerz und das macht richtig traurig. Trotz der Gefühlswallungen, die auf den Leser einprasseln lohnt sich das Buch und wird im Leser einiges losbrechen und Stermann zeigt sich erneut als Meister des fröhlich Melancholischen.

„Fernweh in der Häuslichkeit“

Der Roman handelt von Claude, der mit seinen exzentrischen Eltern in Wien lebt. Er ist dreizehn Jahre alt und geht Dank eines Stipendiums auf eine Schule der High Society. Seine Mutter ist Ethnologin und interessiert sich viel mehr für andere Menschen und Kulturen als für ihre eigene Familie. Claudes Vater ist Musiker und spielt im Orchester und in einer Barockband die Posaune. Die Eltern trennen sich Stück für Stück und als die Mutter mit einem Indio zusammenlebt, ziehen sie durch die gemeinsame Wohnung eine Mauer. Nun lebt Claude mit seinem Vater auf der einen und die Mutter, der Indio und Claudes kleiner Bruder auf der anderen Seite. Die Großmutter hält ebenfalls fest an ihrer Tochter und zeigt sich kaltherzig gegenüber Claude, der die Hoffnung für seine Familie nicht aufgibt. Doch auch der Vater lernt ebenfalls eine neue Frau kennen, die sich auf einem waldorfschulgeschwängerten Selbstfindungstrip zu befinden scheint. Claude ist auf beiden Seiten, der Mütterlichen und der Väterlichen, nicht willkommen. Die Mutter zieht aus, um die Welt zu erfahren. Der Vater, ständig auf Tournee, beschließt ebenfalls einen Neuanfang ohne Claude und zieht auch aus der gemeinsamen Wohnung aus.  Da die Wohnung bezahlt ist, bleibt Claude dort wohnen. Allein.

Wäre da nicht der Nachbar, der MS-Leidende Taxifahrer Dirko, der aus Serbien geflohen ist, der sich Claudes annimmt. Von ihm lernt er die dunkle Geschichte Wiens kennen, aber auch sich zu verteidigen. Denn als armes Kind hat er es schwer auf der Schule der Reichen, die ihn beständig ärgern und sogar verprügeln. Als Claude durch eine erneute Prügelei die Schule wechseln soll, lernt er in der neuen Klasse ein gleichaltriges Mädchen kennen. Als die häusliche Situation für Claude immer unerträglicher wird, denn der Vater hat Zimmer der Wohnung untervermietet, beschließen Claude und Minako, das Mädchen, eine eigene Familie zu gründen. Beide minderjährig und naiv werden erneut mit dem Schmerz konfrontiert…

Das Buch ist tief traurig und lustig zugleich. Alle Figuren sind so gekonnt eingesetzt, dass alle sich im negativen oder positiven Sinne im Leser entfalten. Die Kapitel sind den Insektenbissen und deren Schmerzskala angepasst und diese steigert sich mit dem Leid der Hauptfigur und welcher Schmerz auf diese noch lauert, erfährt man am Ende, wo diese dann aber auch in sich ihre Freiheit findet.  Ein Roman, wie ich ihn liebe. Eine gute Geschichte, die skurril ist und mit humorvoller Melancholie erzählt wird. Es gibt im Buch einiges zu entdecken und der Roman lebt von einer ganz besonderen Magie.

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