Michela Murgia: „Chirú“

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Die charmante Stimme Sardiniens führt fort, was sie mit Accabadora begann. In Accabadora beschreibt Michela Murgia das Erwachsen einer jungen Frau in einem sardischen Dorf. Das Aufwachsen und lernen bei einer Sterbefrau. Accabadora zeigt uns getriebene Menschen, voller Erinnerungen, die gleich Treibholz auf dem Meer den Gezeiten ausgeliefert sind. Michaela Murgia nimmt das Bild des Treibholzes gleich im ersten Satz ihres neuen Romans wieder auf. Chirú kam gleich einem Holzstück an den Strand. Er wurde durch die Gezeiten geformt und tritt fast schon frech in Eleonoras Leben. Sie ist Ende Dreißig und er erst achtzehn Jahre alt. Auch wenn Welten diese beiden zu trennen scheinen, entsteht eine verrückte Beziehung, die uns in die Kunstwelt führt.

Der Roman birgt gleich Accabadora gewiss viele biographische Bezüge der Autorin, die aus Sardinien stammt und zu den bedeutendsten Autorinnen Italiens zählt.

Der Roman ist aus der Perspektive Eleonoras geschrieben, einer erfolgreichen Schauspielerin, die ein selbstbestimmtes Leben führt. Ihre Blicke in die Vergangenheit vertiefen ihre sanfte Melancholie. Chirú, ein junger Musikstudent, den sie als noch im Werden ansieht, tritt forsch und selbstbewusst in ihr Leben. Er ist ein Junge in der Kleidung eines Erwachsenden, die er noch nicht zu füllen weiß. Er bittet sie um Unterricht und Eleonora nimmt sich seiner an und begleitet seine Entwicklung. Sie lebt bereits in der Künstlerwelt, in die Chirú von ihr nun eingeführt wird. Sie ist eine edle, modebewusste Italienerin, die aber auch stets etwas Trauriges umweht. Sie stammt aus einfachen Verhältnissen und musste sich erst aus dem familiären Umfeld befreien. Ihr Vater, ein dominierendes Familienoberhaupt, hat ihr bis zu ihrer Befreiung das Leben schwer gemacht. Bereits in einer Szene am Anfang des Romans wird dies sehr deutlich. Bei einem Jahrmarktsbesuch wird ihr als Achtjährige ein Spielzeug verweigert, weil sie ihr Kleid beim Spielen beschmutzt hatte. Sie begreift als Kind das Spiel von Wunsch, Begehren, Strafe und Belohnung. Sie erkennt die Herrschsucht und ihr Mitgefühl für die Abgründe anderer und mit jungen Jahren wird ihre Kindheit beendet.

Als erwachsene Frau lebt sie ein einfaches, fast schon einsames Leben und genießt ihre Auftritte im Theater. Chirú erwählt sie als Musiklehrerin, die das Leben durchschaut. Im Vordergrund des Romans steht die Beziehung der beiden zueinander. Ihre Liebe oder eher ihr Begehren ist ungleich und zwischen der Lehrerin und ihrem Schüler stets fragwürdig und heikel. Sie kommen sich näher, wobei er als ein Kind im Manne erscheint, das die Beziehung ausnutzt und manipuliert. Eleonora kann seiner Jugend und seinem unverschämten Selbstbewusstsein nicht wiederstehen. Doch während einer späteren Tournee kommt es zum Bruch und es liegt an den Figuren, ihre jeweils neuen Rollen zu finden.

Die Beschreibungen der Kunstwelt, in die sie eintauchen, sind humorvoll. Der Roman ist gleich einem Lehrstück geschrieben, denn die Kapitel heißen Lektionen und bieten viel Raum für exakte Beobachtungen. Lektionen über die Frage wer oder was uns prägt oder beeinflusst. Es ist eine Geschichte, die witzig und tiefgründig ist und ab und zu mit charmantem mediterranem Kitsch den Leser einnimmt. Der Wechsel zwischen klugen Dialogen, humorvollen Beobachtungen und melancholischen Rückblicken ist gekonnt ausgewogen. Das Tiefgründige ist in kleinsten Anhaltspunkten eingesetzt oder in die kunstvollen Beobachtungen eingestreut. Michela Murgia ist eine einfühlsame Erzählerin, die erneut die Untiefen der menschlichen Beziehungen beleuchtet.

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Toni Morrison: „Gott, hilf dem Kind“

Toni Morrison Gott hilf dem Kind Rowohlt

Langsam entfaltet sich die Handlung und somit bekommen die Figuren in dem neuen Roman der Literaturnobelpreisträgerin eine im Leser bleibende Tiefe. Die Charaktere, meist sind es Frauen, nehmen viel Raum in Anspruch und Toni Morrison versteht es, diesen bildreich und psychologisch zu füllen. Das Hauptthema ist die Würde, die menschliche Stärke und der Mut, für sich einzustehen und seinen eigenen Weg zu finden. Der Ursprung des Schmerzes lässt uns kindlich werden und erst durch das Bewusstmachen und die Aussprache kann man daraus erwachsen.

Toni Morrison lässt abwechselnd jede Figur zu Wort kommen und dadurch bekommen die Geschichte und ihre Figuren eine immer tiefer werdende Dichte. Die Inhalte entfalten sich  peu à peu und der Text entwickelt eine enorme Kraft. Demütigungen, Missbrauch und Rassenkonflikte ziehen sich wie ein roter Faden durch alle Charakterisierungen. Amerikas schwarze Bevölkerung wird durch dieses schleichende Gift verletzt und lebt mit der Angst vor Diskriminierung. Die Heldin des Romans, Lula Ann, wird als tiefschwarzes Baby geboren. Die Mutter, Sweetness genannt, ist ebenfalls nicht vorurteilsfrei und erschrickt beim Anblick ihres Kindes. Sweetness ist eine sehr helle Farbige, die oft als Weiße angesehen wurde und kann den Anblick oder die Berührung mit ihrem Kind nicht ertragen. Fast erstickt sie das Neugeborene aus einer kurzweiligen Laune heraus. Der Vater stellt durch die Hautfarbe seine Vaterschaft in Frage und verlässt die Familie. Die Mutter zieht Lula Ann alleine groß und lehrt sie den Gehorsam. Sie möchte, dass ihre Tochter niemals auffällig ist. Diese Unterwürfigkeit macht es möglich, dass sich langsam schreckliche Geschehnisse in die Welt der kleinen Lula Ann einschleichen.

Mit dem Erwachsenwerden sträubt sich Lula Ann immer mehr gegen das angepasst sein und betont ihre Körperlichkeit. Sie ändert ihren Namen in Bride, kleidet sich nur noch in edlem, strahlendem Weiß und ist in der Kosmetikbranche tätig und sehr erfolgreich. Sie hat eine Beziehung zu einem eigenwilligen, belesenen Mann, der über seine Vergangenheit gar nichts erzählt. Später kommt heraus, dass er anscheinend zwei Leben geführt hat. Bride wird mit ihrer Vergangenheit konfrontiert, als eine Frau aus dem Gefängnis entlassen wird, gegen die sie damals als Kind ausgesagt hatte. Die Gründe erschließen sich dem Leser viel später, aber Bride möchte der Frau unbedingt helfen. Doch diese schlägt Bride brutal zusammen und die körperlichen und seelischen Verletzungen zwingen Bride zu einer Auszeit. Ihre Freundin hält noch zu ihr, aber ihr Freund wendet sich von ihr ab, weil er sie nicht versteht und auch meint, sie sei nicht die Frau seines Lebens. Sie reist ihm hinterher und durch einen Unfall wird sie zu einer längeren Heilungsphase gezwungen, die sie ganz in ihre Kindheit eintauchen lässt. In dieser fast schon mystischen Verwandlung und dem Heilungsprozess bei den umsorgten Aussteigern im Wald trifft sie jenseits ihrer kosmetisch aufgeplusterten Scheinwelt auf eine einfache Lebensweise. Sie wird die Bezugsperson eines jungen Mädchens, die auch eine dunkle Vergangenheit in sich verbirgt. Als Bride körperlich genesen ist, sucht sie weiterhin ihren Exfreund. Seine Geschichte ist mit ihrer durch Kindesmissbrauch verbunden. Sie selbst wurde nicht missbraucht, war aber damals eine wichtige Zeugin, die durch ihre Aussage zum ersten Mal den Stolz der Mutter geweckt hatte und endlich von dieser an die Hand genommen wurde.

Es wirkt, als würde sich der Schrecken immer auf gleiche Weise wiederholen und eine Beklemmung wächst, nichts dagegen tun zu können. Doch die Figuren lernen sich zu beschützen und auf verschiedene Art zu behaupten. In jedem Neuanfang und in jeder Geburt keimt immer sehr viel Hoffnung.

Ein großer Roman, der durch ganz genaue und tiefgründige Bilder, die sich Stück für Stück im Leser entfalten, besticht. Der Stil ist eindringlich, subtil, ergreifend und leidenschaftlich für jeden einzelnen Charakter.

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Husch Josten: „Hier sind Drachen“

Husch Josten Hier sind Drachen Berlin Verlag

hic sunt dracones

Gibt es Regionen, die noch nicht erforscht sind? Ist alles schon erfasst und wurde bereits alles schon einmal gesagt, d.h. wurde es bereits erzählt?

Die Gebiete und Länder, die noch unentdeckt waren, schufen die Grundlage diverser Spekulationen und hatten die Phantasie der Menschen angeregt. Auf den Karten waren es weiße Flecken und man bildete sich ein, dort lauerten die Dämonen, Wesen aus anderen Dimensionen. So entstand in der Kartographie die lateinische Textphrase „Hier sind Drachen“. Diese Drachen sind heute wohl nicht mehr kontinental auszumachen. Die Fabelwesen, die Ängste schürten und uns bedrohten, wurden durch uns selbst abgelöst. Der Roman, der Tendenzen einer Kurzgeschichte hat, spielt mit der Logik, der Sprache und dem Bewusstsein. Im Kern steht die Grundsatzfrage, ob es den Zufall gibt. Gibt es ein Schicksal, das uns herausfordert? Wie ist eine Art der Vorherbestimmung mit dem Terrorismus vereinbar? Wird unser Leben durch das Schicksal, Bestimmung oder durch das Chaos regiert? Es wirkt oft wie ein Zufall, dass man gerade dann auf bestimmte Menschen trifft, wenn man sie benötigt. Kennen wir die Menschen, die wir lieben, wirklich?

Wir lernen die Journalistin Caren kennen, die für ihre Arbeit lebt. In der Vergangenheit ist sie den Anschlägen in Boston und New York durch glückliche Fügungen entkommen. Am Morgen nach den Pariser Anschlägen will sie von Heathrow nach Paris fliegen. Sie soll über den Terror schreiben und über die Stimmung vor Ort. Sie ist immer auf der Suche nach der perfekten, noch nie erzählten Geschichte.

Der Flugplatz bildet die metaphorische Kulisse der Handlung, die sich wie ein dramatisches Kammerspiel entwickelt. Der Flug verzögert sich und Caren sitzt mit den anderen Wartenden am Terminal. So lernen wir Caren an einem Ort kennen, der ein Hafen zur ganzen Welt sein kann, aber durch die Verzögerung hier zwischenhängt. Sie ist nie wirklich am rechten Ort, auch ihre Beziehung ist zweckgebunden. Sie lebt in einer Dreierbeziehung. Der Mann, mit dem sie lebt, liebt noch eine andere Frau, kann es aber nicht ertragen, wenn sie fremdgeht. Die beiden Frauen wissen voneinander und kennen sich. Caren lebt immer dazwischen und liebt einen weiteren Mann, den Fotografen, den sie auf ihren Reportagen trifft. Es breitet sich eine Unruhe aus, da das Bodenpersonal die Fluggäste besänftigt, aber im Ungewissen lässt. Dann wird auch noch das Terminal abgesperrt. Es gab eine Terrorwarnung und der Flugplatz versinkt im Chaos. Lediglich Caren, die als Journalistin ihre Kontakte hat, bekommt nähere Informationen von einem Einsatzleiter. Caren sitzt ein Mann gegenüber, den die Unruhe um ihn herum nichts anzuhaben scheint. Er ist ein Erkenntnistheoretiker und liest Wittgensteins „Tractatus logico-philosophicus“. Caren nennt ihn deshalb Wittgenstein. Sie gibt den Menschen aus ihrem Umfeld gerne eigene Namen, die sie diesen gegenüber aber nicht ausspricht. Beide kommen ins Gespräch und geraten immer mehr ins Philosophieren. Die Grenze des Denkens geht einher mit dem seelischen Empfinden von Caren, deren räumliche Wahrnehmung sich kurzweilig begrenzt. Ab und zu überkommt sie ein Gefühl der Beengung, als würde ihr die Decke entgegenstürzen. Das Gespräch mit Wittgenstein dreht sich um das Erinnern, die Frage nach dem Lebenssinn und über die Welt und die Wirklichkeit. Hat man Einfluss auf das Leben? Warum konnte Caren zum Beispiel mehrfach dem Schicksal entkommen und ist erneut durch eine Terrorwarnung bedroht? Ist alles eine Fügung? Hinzu gesellt sich eine Handleserin, die Caren die Lebens-und Herzlinie liest. Auch wenn Ihr Leben erneut durch einen Terroranschlag bedroht ist, ist ihre Lebenslinie lang, aber zeigt kommende Veränderungen an. Welche Rolle spielen ihre Beziehungen und was haben die Männer für einen Einfluss auf das Kommende und ihr Leben?

Ein lesenswerter Roman über die Bedeutung der Geschichte, die Philosophie und die Suche nach dem Sinn. Die kurze Erzählung hat eine sprachliche und philosophische Dichte, die den Leser niemals überfordert, aber unterhaltsam herausfordert.

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Harry Martinson: „Reisen ohne Ziel“

Reisen ohne Ziel Guggolz

„Kieler Matrosenzwinkern“

Harry Martinson wurde 1904 in Schweden geboren. Er wuchs in Jämshög in Bleckinge auf. Sein Vater, ein ehemaliger Kapitän und mittelloser Händler, verstarb als Harry sechs Jahre alt war und seine Mutter wanderte ohne die Kinder nach Kalifornien aus. Er und seine Geschwister wurden „Gemeindekinder“ und reihum in Bauernhöfen einquartiert. Mit 16 Jahren heuerte Harry Martinson als Matrose an. 1927 kehrte er lungenkrank heim und veröffentlichte seine Gedichte und Texte. Er hatte mit seiner Lyrik und besonders mit seinen Reiseeindrücken große Erfolge. Er heiratete und wurde in Stockholm sesshaft, doch blieb in ihm eine beständige Unruhe und Neugier auf die Welt. Er war eine „Nomadenseele“ und begab sich immer wieder auf Erkundungen. 1974 erhielt er mit Eyvind Johnson den Nobelpreis für Literatur. Während eines Krankenaufenthaltes beging Harry Martinson Selbstmord.

Das vorliegende Buch ist eine Neuausgabe und beinhaltet wie im Original die beiden Werke „Reisen ohne Ziel“ und „Cape Farewell!“. Der Text wurde neuübersetzt und durchgesehen. Somit liegt erstmalig eine komplette Ausgabe vor, denn die damalige deutsche Ausgabe war gekürzt. Diese beiden Reisebücher sind ein literarisches Zeitdokument und nehmen uns mit zu fernen Ländern, durch diverse Seestraßen, Ozeane und Meere. Die Sprache wurde nicht den heutigen Gewohnheiten und Ansprüchen angepasst, sondern so belassen. Auch hat sich der Verlag, das Lektorat dafür entschieden Wörter zuzulassen, die uns heute eher abschrecken lassen. So kommt u.a. häufiger das N-Wort vor. Auch wenn Harry Martinson in bestimmten Aussagen einige Menschen in schubladenartigen Beschreibungen charakterisiert, ist seine allgemeine Menschenliebe immer in den Zeilen durchzuhören.

Durch das Buch bekommen wir einen Eindruck, was es heißt, auf See zu sein. Die romantische Vorstellung der Seefahrt, die vorrangig in der Literatur bedient wird, wird in „Reisen ohne Ziel“ durch den Realitätsbezug entkräftet. Die globale Welt war auch schon zu Zeiten der Dampfschiffe zusammengeschrumpft und die exotischen, fernen Länder kamen immer näher. Die Schiffe, auf denen Martinson anheuert, laufen die unterschiedlichsten Ziele an: u.a. Reykjavik, New York, Buenos Aires, Rio de Janeiro. Seine Reisen gehen über ruhige See, stürmische Ozeane oder durch diverse Flüsse und Kanäle. Am beeindrucktesten und am eindringlichsten wird der Text bei den Beschreibungen des Lebens auf den Dampfern, Schiffen und zum Teil überladenen Pötten. Die monotone, aber kräfteraubende Tätigkeit des Kohleschaufelns und das Befeuern der Kessel bei unmenschlicher Hitze. Das Entschlacken der Kessel und die Säuberung der Öltanks. Die harte Arbeit belohnt mit den Zielen auf unterschiedlichen Kontinenten. Martinson beobachtet und notiert sich vieles. Auf einem griechischen Schiff gerät er in seine größte Katastrophe. Das Schiff ist mit Holz beladen und gänzlich überladen. In einem aufkommenden Orkan kentert es fast und einige aus der Mannschaft bleiben auf See. Seine Reisen führen ihn auch durch den Nord-Ostsee-Kanal, doch die Route von Holtenau durch die Holsteinische Landschaft ödet ihn eher an und die Elbmündung erscheint ihm als Rettung vor dem Einerlei.

Das Buch hat seinen ganz besonderen Charme und man wundert sich, wie gerne man diesen Reisebeschreibungen, die stets literarisch sind, folgt. Man bekommt etwas Appetit auf die Welt und atmet den Duft unter Deck, bekommt ebenfalls schwielige Hände und die Lunge voller Kohle. Immer wieder richtet sich der Blick auf die Häfen und die Bewohner, die Städte und fremden Länder und ihre Kulturen. Die Prosa und Lyrik ist bodenständig, menschen- und naturverbunden.

„Uns selbst und die Welt müssen wir kennenlernen. Der Weg dahin führt durch guten Willen, guten Willen und nochmals guten Willen“.

Der Verlag Guggolz ist ein kleiner Schatzgräber und fördert viele Werke zutage, die es zu entdecken lohnt. Ich habe mir zur Angewohnheit gemacht, die jeweiligen Nachwörter stets als Vorwort zu lesen, denn diese sind lesenswert und schaffen einen guten Einblick in die Werke und ihre jeweiligen Autoren.

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Claus Probst: „Die Jagd – Am falschen Ort“

Claus Probst Die Jagd Fischer

Ein Thriller in dem man sich beständig fragt, ob der Protagonist Opfer oder Täter, Gejagter oder Jagender ist.  Ein temporeicher Spannungsroman, der ohne Polizei, Detektiv oder sonstige Ermittler auskommt. Um sein eigenes Leben zu retten, muss der Held seines paradoxerweise aufgeben. Doch sein Selbsterhaltungstrieb wirft sehr moralische Fragen auf. Das innere Tier, das in uns Menschen schlummert, kann, wenn es gejagt wird, seine Schutzinstinkte aktivieren. Doch reagiert dieses Tier ab und zu sehr schnell und hat es schwer, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Der Autor, der mit „Die Jagd“ seinen dritten Psychothriller geschrieben hat, arbeitet als Psychotherapeut in eigener Praxis und bringt für seine schriftstellerische Tätigkeit viele Erfahrungen aus seinem Beruf mit. Doch hat er ebenfalls einen kleinen Schutzmechanismus angewendet, denn er behauptet, dieses Manuskript sei ihm vom eigentlichen Ich-Erzähler zugespielt worden. Dieser wendet sich an wenigen Stellen direkt an uns, die Leser, um auch uns zu beeinflussen. Er möchte von uns verstanden werden und hofft, jeder von uns würde wie er handeln. Denn am Anfang macht der Held, auch wenn er sich dadurch in Gefahr begibt, das eigentlich Richtige.

Keller, der Erzähler, ist ein sympathisch wirkender Mann, der als Säugling im Jahr 1983 einen schrecklichen Unfall überlebt hat, bei dem er seine Eltern verloren hatte. Sein Leben verläuft gradlinig und fast schon harmlos. Seine Arbeitskollegen haben ihm ein Mountainbike geschenkt und an dem Tag, als er es im Waldgebiet testet, verändert sich sein Leben. Er wird Zeuge, wie ein Mann mit italienischen Akzent einen Mann und eine Frau brutal erschießt. Der Mörder versucht auch Keller zu töten, doch kann dieser im Dickicht entkommen und meldet es der Polizei. Keller ist ein sehr guter Zeichner und das Bild, das er vom Täter für die Polizei machen konnte, zeigt einen mächtigen, der Polizei bekannten Mafia-Boss. Dieser hatte noch in den Wald gerufen, sollte er zur Polizei gehen, würde er ihn finden und töten.

Die Aussage gegen das organisierte Verbrechen zwingt Keller nun in das Zeugenschutzprogramm. Seine Lebensgefährtin und Freunde haben Angst, ihn zu unterstützen und in die Geschehnisse mit hereingezogen zu werden. Er steht plötzlich ganz alleine da. Lediglich einer vom LKA wirkt zuverlässig und freundlich. Doch nimmt Keller das Programm anfänglich nicht ganz ernst. Durch das Gefühl des Alleingelassen sein und der Trennung von allem bisher bekannten, ist er innerlich stark getroffen und verletzt. Er entzieht sich der polizeilichen Beobachtung und dadurch kann ihn die Mafia finden. Er wird angeschossen, aber überlebt und nimmt jetzt die Hilfe der Polizei an. Er lässt sich in Kampftechniken und an der Waffe ausbilden. Er, der Gute, wird zum Gejagten und lebt vorerst in Spanien, bis ihm erneut zwielichtig wirkende Personen über den Weg laufen. Ist das LKA infiltriert? Hat die Mafia ihn so schnell ausfindig machen können?

Der Roman ist ein temporeicher und actiongeladener Thriller. Bis zum Ende bleibt es zweifelhaft, wer auf wen die Jagd eröffnet hat. Der Protagonist ist am Anfang ein Held, den man mag und mit dem man leidet, doch auch wir Leser verändern mit den Reisen durch Europa unsere Sicht.

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Radek Knapp: „Der Mann, der Luft zum Frühstück aß“

Radek Knapp Der Mann der Luft zum Frühstück aß Deuticke Hanser Verlage

Radek Knapp erzählt von einem Menschen, der als Kind alles zurücklassen muss und sich im Laufe der Geschichte immer wieder neu definiert, um letztendlich in der Fremde doch sein Zuhause zu finden.

Radek Knapp schreibt in seinem unverwechselbaren Stil mit viel Humor und mit einem gesunden naiven Blick auf die Welt. Die Buchliebhaber, die sich, wie ich, auf Knapps Lesefutter freuen, kann man wohl getrost eher Fans als Leser nennen. Seine Wendungen, Ideen und Formulierungen verblüffen stets aufs Neue und bringen einen nicht selten zum Lachen, wobei es immer einen ernsten Unterton gibt, der nach der kurzen Verweilzeit im Buch den Leser noch zum Grübeln animiert. Der Stil von Radek Knapp lässt sich ziemlich bündig festhalten: schwungvoll kreativ.

Der Titel des Romans erklärt sich aus einer Geschichte, die den Protagonisten des Romans, Walerian, lange begleiten und sogar ein Vorbild sein wird. Ein Mann, der von zwei Gangstern gefangen gehalten wurde und trotz Nahrungsentzug nicht klein beigab. Er ernährte sich einfach von Luft, die ihn sogar so stark machte, dass er die Gefängnistür auftreten konnte und seinen Peinigern lachend entkommen konnte.

Walerian, der Held des Romans, ist der Sohn einer unzurechnungsfähigen Mutter, die ihm eigentlich den Namen Jan geben wollte, ihn dann aber nach ihrem Beruhigungsmittel nannte. Als Walerian noch Kleinkind ist, taucht sie mit ihm im Arm bei den Großeltern auf, mit der Bitte, über das Wochenende auf Walerian aufzupassen. Das Wochenende hat eine Dauer von elf Jahren. Als Walerian zwölf ist, zieht die Mutter mit ihm von Warschau nach Wien. Die Suche nach einer passenden Schule wird zur Qual der Wahl und die schulische Laufbahn ist von kurzer Dauer. Er beschließt, dass er lieber arbeiten möchte und seine Mutter setzt ihn dann auch einfach vor die Tür.

Er ist nun auf sich allein gestellt und genießt seine anfängliche Freiheit, die er in einer schimmeligen Wohnung in einem eher vermögenden Viertel der Stadt bezieht. Da er doch nicht nur Luft essen kann, schlägt er sich mit Gelegenheitsjobs durch. Seinen durch Indiana Jones geweckten Berufswunsch muss er nur unter bestimmten Gesichtspunkten aufgeben. Denn als er als Heizungsableser tätig ist, hat er das Gefühl gleich einem Archäologen in den Schichten des Wiener Lebens zu graben. Er lernt viel über Grenzen, Geschmack und Gewohnheiten der Menschen. Teresa, seine Romanze aus der Handelsakademie, tritt erneut in sein Leben und bringt mit sich den Einstieg in das eigentliche Zuhause. Sie ist es auch, die ihm durch einen Kontakt zu weiteren damaligen Schulkameraden, die mit klugen Handys den Markt erobern wollen, die Augen für seinen tatsächlichen Lebensweg öffnet. Wenn es ihm gelingt, seinen eigenen Weg zu finden, kann seine Heimat überall sein. Er kann sich von der Vergangenheit lösen und sich von seiner zeitraubenden Starrkrankheit befreien. Doch wird jede Heilung von der Wirklichkeit geprüft und der Mensch wird wieder vom Schicksal auf die Probe gestellt. Walerian stiftet erneut, diesmal bewusst, Verwirrung bei einem Selbstmörder und immer wieder ist es die Luft, die allen zu schaffen macht…

„Schnelligkeit ist gut für Atome, aber nicht für die Wesen, die aus ihnen bestehen.“

Radek Knapps Humor und Ideenreichtum sprudeln aus dem feinen kleinen Text, der es dennoch versteht, einen nachdenklich zu stimmen. Knapp erzählt mit einer Leichtigkeit und Hingabe zu seinen Figuren, die er immer wieder an Grenzen bringt und aus der Sicht eines staunenden Menschen beobachtet, der die Naivität als einen Anker in die Wirklichkeit auswirft.

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Vicente Alfonso: „Die Tränen von San Lorenzo“

Die Tränen von San Lorenzo Vincente Alfonso Unionsverlag

Das Buch beinhaltet das Spiel mit der Wahrnehmung der Wirklichkeit und der kunstvollen Illusion. Ein Roman mit einem kriminalistischen Handlungsstrang, an dem Sigmund Freud wohl seine wahre Freude gehabt hätte. Die mythischen Wolfszwillinge, die Rom gegründet haben sollen und Freud mehrfach beschäftigten, sind die Namenspaten der Protagonisten des neuen Romans des hochgelobten mexikanischen Schriftstellers. Ein fast perfekter Mord kann wohl nur von Zwillingen durchgeführt werden…

Die Handlung spielt in Torréon, einer Großstadt in Mexiko. Während eines entscheidenden Fußballspiels wird in einer Bar ein Mord begangen. Alle sind durch die Übertragung des Spiels abgelenkt und können sich im Nachhinein nicht wirklich an die weiteren Gäste und an die Geschehnisse erinnern. Auch die Polizei hat durch ihre Präsenz beim Stadion viel zu tun und vernachlässigt dadurch die anfänglichen Ermittlungen. Dennoch ist die Mordermittlung schnell beendet. Die Identität des Mörders steht fest – oder doch nicht? Denn es ist einer der Ayala-Zwillinge. Aber welcher? War es Remo oder Rómulo? Es sind eineiige Zwillinge, die sich äußerlich sehr ähnlich sind.

Der Erzähler des Romans ist ein Psychiater, bei dem Remo Ayala in Therapie ist, d.h. war. Doch entwickelten sich die Sitzungen nicht wie erhofft und der Psychiater stellt seine Tätigkeit in Frage und sieht in seinem Nichteingreifen sein eigentliches Versagen. Hätte er viele Leben retten können? Stück für Stück setzt er nun jedes noch so kleine Puzzleteil zusammen und baut aus seinen Notizen, weiteren Berichten und Aussagen sowie Schriftstücken das ganze Bild zusammen.

Ferner macht sich ein Reporter auf die Suche nach dem Verbleib einer Wunderheilerin. Über diese heilige Niña wird viel erzählt und es ranken sich um diese Frau viele Geschichten und Geheimnisse. Ihr eigentlicher Name ist Magda und sie war früher die Assistentin des großen Padilla, einem Zauberer. Auf dessen Tour waren auch die Ayala-Zwillinge dabei. Beide machen mit Magda ihre ersten sexuellen Erfahrungen. Ist sie die Leidtragende ihrer Begierde oder sind es die Zwillinge? Ist sie das erste Opfer eines oder beider Zwillinge?

Ein Zwilling zu sein bedeutet auch innere Zerrissenheit und fragliche Verbundenheit. Gleich siamesischen Zwillingen empfinden sich die Ayala-Brüder verwachsen. Als Rómulo verschwindet, begibt sich Remo in Behandlung und sein Therapeut will aus Schuldgefühlen den tatsächlichen Geschehnissen auf die Spur kommen. Warum ist Rómulo verschwunden? Erzählt Remo die Wahrheit? Ist den ganzen Erinnerungen noch zu trauen? Spielt das Gedächtnis den Protagonisten einen Streich oder plant jemand eine perfekte Illusion? War es tatsächlich Rómulo, der den Psychiater aufsuchte und vor den Lügen seines Bruders warnte?

„Die Wirklichkeit ist einzigartig, ihre Lesarten sind unbegrenzt.“

Der Roman liest sich wie ein Krimi und ist dennoch Gegenwartsliteratur, die uns ins heiße Mexiko führt. Der Kern der Handlung spielt mit Wahrheiten, Illusionen, Identitätsproblemen und der Geschichte und Politik des Landes. Auch die Aufmachung und Haptik des Buches überzeugt. Diese erinnert, passend zum Inhalt, an einen Todeskult. Ein Roman, der ein rasantes Puzzlespiel ist und sich aus der Psychoanalyse, der Mystik und der Geschichte bedient und gut und vielschichtig unterhält.

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Klaus Böldl: „Der Atem der Vögel“

Klaus Böldl Der Atem der Vögel Fischer

Ein Roman, der ohne viel Handlung auskommt. Das, was das Buch ausmacht, sind das Schauen, die Sicht auf die Natur und der Blick ins Innere, in eine einsame Seele. Die ruhige Klarheit und stille Weite des Nordens steht der beständigen inneren, unklaren Gedankenflut entgegen. Die Stille als Einkehr und das Verlieren in der Natur werden durch die leise entschleunigte Naturlyrik von Klaus Böldl in jedem Satz verdeutlicht. Was das Lesen ausmacht, ist die Stille, die sich im Leser einnistet und die Natur wird das Sinnbild des Seienden, in dem wir uns auflösen.

„Seltsam, dass Plätze genauso vernachlässigt und übersehen werden können wie Menschen!“

Der Protagonist, Philipp, ist jemand, der sich als ungesehen empfindet. Dabei sind seine Sinne, besonders sein Blick auf das Umfeld geschärft. Er nimmt alles auf und reflektiert es. Er wird niemals das Gefühl los, sich in seiner neuen Heimat nur vorübergehend aufzuhalten. Er ist ein Gast, der sich in ein Nest gesetzt hat und sich durch die Liebe zur Natur damit abgefunden hat, dass man ihn wohl für abkömmlich hält. Er und Johanna, bei der er lebt, entfremden sich immer mehr, ohne dass einer von beiden ein Wort darüber verliert.

Philipp lebte in Hamburg, als ihm das Nationalmuseum einen Werkvertrag für die Restaurierung eines Chorgestühls aus dem Mittelalter anbietet und er auf die überschaubare Inselwelt der Färöer Inseln zieht. Sein Eremitenleben bekommt durch Johanna eine Unterbrechung. Johanna arbeitet in einem Krankenhaus und hat aus einer vorherigen Beziehung eine Tochter, Rannvá. Zu der findet Philipp einen besonderen, stillen Zugang. Denn Rannvá ist ein genügsames Kind und kann sich allein sehr gut beschäftigen. Sie begleitet ihn auch oft bei seinen Spaziergängen in der Ortschaft und in der Natur. Seine Sinne sind ständig mit der Wahrnehmung beschäftigt. Er nimmt alles in sich auf, die Klänge, die Farben und die Gerüche der Umgebung. Er beobachtet die Menschen, die Natur und besonders die Tiere, wobei es immer wieder die Vögel sind, die seine Blicke auf sich ziehen. Er ist ein Einzelgänger, der mit seinen Erinnerungen, seinem Verdrängten und seinen beständigen Gedanken beschäftigt ist. Besonders als Johanna und Rannvá nach Dänemark zu der Familie reisen und er nun wirklich alleine ist.

Im Gegensatz zu seinen Mitmenschen, die die Welt als etwas Angepasstes ansehen, ist die Welt nicht auf Philipp zugeschnitten. Er ist es gewohnt, ein Einzelgänger zu sein. Philipp ist jemand, dem alles auffällt, der aber selbst nicht auffällig ist. Seine Spaziergänge treiben ihn an. Seine Wege sind ohne Ziel, als würden sie ins Nirgendwo verlaufen, wobei er unbewusst doch irgendwie auf der Suche ist. Das lautlose Inselleben wird in der Idylle gestört, als eine Frau ertrunken im Hafenbecken gefunden wird, die Philipp kurz zuvor am Flughafen gesehen hatte. Sein verdrängtes und nie von ihm bewusst in Augenschein genommenes Innenleben tritt zu Tage und konfrontiert ihn. Gedanken und Erinnerungen aus seinem früheren Leben, als er noch auf dem Festland lebte, erfüllen ihn erneut.

Das Buch spielt mit dem Innen und Außen. Der Charme des Romans liegt in der Sprache und der Beschreibung der Natur. Wer eine handlungsstarke Lektüre sucht, wird nicht fündig, das Buch lebt von der Stille und den Landschaftsbeschreibungen des Nordens.

Der Autor lehrt mittelalterliche skandinavische Literatur an der Universität hier bei uns in Kiel. Seine Liebe zum Norden und zu der Sprache macht er in jeder Zeile erlebbar.

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Siehe auch die Besprechung auf: letusreadsomebooks

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Annie Proulx: „Aus hartem Holz“

Annie Proulx Aus Hartem Holz Luchterhand

Tian Ren He Yi  天人合一. Das chinesische Sprichwort bezieht sich auf die Harmonie zwischen Mensch und Natur und ist das zentrale Thema des neuen und umfangreichen Werkes von Annie Proulx, der Autorin, die fast schon Kultstatus besitzt. Doch macht der Mensch mal wieder eine Disharmonie daraus.

Annie Proulx versteht es erneut, mit bodenständiger und poetischer Sprache fremde Menschen in unnahbaren Landschaften im Leser zu verankern und lebendig werden zu lassen. Ihre vielfach ausgezeichneten Romane und Erzählungen (u.a. „Schiffsmeldungen“ und „Brokeback Mountain“) wurden oft erfolgreich verfilmt. Zehn Jahre mussten ihre Leser nun auf neuen Lesestoff von ihr warten. Die Zeit hat sie bei der Fülle des komplexen Werkes für vielschichtige Recherche und wohl für das Schreiben genutzt. Vom Umfang erinnert es an ihr für mich bleibendes Werk: „Das grüne Akkordeon“. Hier erzählt Proulx die Geschichte Amerikas anhand einer 100 jährigen Odyssee eines Akkordeons, das in Sizilien geschaffen den Weg der Auswanderer nimmt und diese begleitet. Ähnlich beginnt „Aus hartem Holz“. Es sind diesmal französische Siedler, die in den Wäldern Kanadas, d.h. Neufrankreich, ihr Glück suchen. Es folgt ein monumentales Werk über den Kampf zwischen Mensch und Natur. Durch die unendlich wirkende Natur und die undurchdringliche Wildnis werden Siedler nach Neufrankreich gelockt. Die vermeintlich nachwachsenden Rohstoffe werden abgeholzt, beseitigt, gejagt und in eigenen Reichtum umgewandelt. Es werden per Gesetz diejenigen Landbesitzer, die die wilde Natur bändigen und das Feld bestellen. Die Ureinwohner, die in Harmonie mit ihrem Land und den Naturgeistern leben, bekommen von den neuen Landbesitzern keine Rechte zugesprochen. Auch einige Missionare versuchen die Lebensgewohnheiten der Indianer an die eigenen anzupassen. Die Natur dient und nutzt den Menschen und es sei klüger, die Bäume zu fällen, Holz zu verarbeiten und die Felder für den Anbau von Getreide zu nutzen. Aus der Sicht der ansiedelnden Franzosen sind die Ureinwohner faul, weil sie die Erde nicht bearbeiten wollen. Der Roman schildert diese Ausrottung der Ureinwohner, den Bürgerkrieg und die Ausnutzung und wahnhafte Abholzung der Urwälder. Das Umdenken, das Erwachen von Naturschutz beginnt erst in den letzten Jahren. Das Buch beginnt 1693 und spannt den Bogen bis 2013.

Der Roman beginnt mit zwei Franzosen, die in Neufrankreich ankommen und über die Fülle der natürlichen Gaben staunen. Erst viele Jahre später wird das Land Kanada, nach einem indianischen Begriff, umbenannt. René Sel und Charles Duquet sind Holzarbeiter und suchen ihr Glück auf dem neuen Kontinent. Sie verpflichten sich einem Lehnsherrn und hoffen auf das versprochene Land, das ihnen nach drei Jahren Arbeit zugesprochen werden soll. Ihre harte Arbeit besteht hauptsächlich aus Holzfällen. Der Lehnsherr zeigt sich als skrupellos und unehrenhaft. Charles hält es dort nicht länger aus und flieht und bricht somit seinen Vertrag. René bleibt und fordert Jahre später sein Recht auf Land ein. Sein Herr, der sich mit einer nachgereisten Frau aus Paris vermählt, begeht Ehebruch mit Mari, einer bei ihm arbeitenden Indianerin. Sie und ihre Söhne leben unter den Weißen und sie wird nun zu einer Ehe mit René genötigt, damit der juristische Frieden wieder hergestellt wird und allen Eheverpflichtungen nachgegangen werden kann. Die Rücksichtslosigkeit der Kolonisten wird am Beispiel von Charles und seiner späteren Familie am deutlichsten erzählt. Die Familie von René und Mari fußt in den indianischen Traditionen der Mi´kmaq, während Charles nach seinem Weggang ein eigenes Handelsunternehmen gründet. Er beginnt mit dem Holz- und Fellhandel und knüpft Kontakte zu Europa und China. Er gründet in Boston, wegen der guten Lage zu diversen Routen, sein Unternehmen Duke & Sons. Seinen Namen Duquet hat er bereits abgelegt. Seine Gier springt auch auf die folgende Generation seiner Familie über. Die Nachfahren von René Sel haben es entsprechend schwerer in einer von Weißen dominierten Welt. Über 320 Jahre umspannt Proulx nun die Geschichte beider Familien. Eine Geschichte über das Verschwinden der Wälder, das Entstehen der Siedlungen, Städte und des Handelsaufkommens. Das Leben der Figuren wird anschaulich, umfangreich und für den Leser hautnah geschildert. Es sind die Entbehrungen, die Gier, Intrigen und die Rache, die sie antreiben. Erst am Ende des Buches treffen wir auf die ersten Naturschützer, die versuchen die Fauna und Flora wieder aufzubauen.

Es sind viele Figuren, die im Leser aber niemals für Verwirrung sorgen und ein umfangreiches, historisches Panorama schaffen. Ein Roman als Aufruf gegen unsere Umweltsünden. Ein Leseabenteuer, das an „Der Totgeglaubte“ von Punke, „Das Wesen der Dinge und der Liebe“ von Gilbert, „Der erste Sohn“ von Meyer oder an „Die tausend Herbste des Jacob de Zoet“ von Mitchell erinnert. Proulx Anliegen ist nicht zu überlesen, steht es stets im Vordergrund des Textes, doch ist dies auch die kleine Schwäche, denn dies ist zu sehr gehäuft dargestellt. Aber es ist es ein großes Werk, das umfangreich recherchiert und mit der von der Autorin bekannten Genauigkeit geschrieben wurde. Als Leser versinkt man schnell in dem länderumfassenden Epos und geht mal wieder ein Stück erfahrener hervor. Die Weissagung der Cree ruft aus jeden Seiten heraus. Ein Roman über den Menschen und die Natur. Die Natur, die wir Menschen zu unseren Gunsten verwandelten und erst jetzt merken, dass wir es sind, die die Natur zum Überleben brauchen.

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Siehe auch die Besprechung von Zeichen & Zeiten

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Haruki Murakami: „Birthday Girl“

Haruki Murakami Birthday Girl Dumont

„Ein Mensch wird nie mehr als er ist.“

Ein neues Kunstwerk von Haruki Murakami und Kat Menschik. Auch wenn sich das Umfeld verändert, wir von unseren Wünschen und Hoffnungen an das Leben getrieben werden, bleiben wir doch immer der Mensch, der wir sind. Wenn man ein gewisses Alter erreicht hat und auf sein Leben zurückblickt und sich fragt, was man für Wünsche hatte, als man zum Beispiel zwanzig Jahre alt war und diese auf sich im Jetzt bezieht, haben diese noch eine Gültigkeit? Kann man überhaupt noch in sein junges Ich schlüpfen und diese Wünsche, sei es auch nur einer, richtig formulieren?

Die Erzählung von Haruki Murakami, die kunstvoll von Kat Menschik illustriert wurde, erzählt von einer Kellnerin, die ihren zwanzigsten Geburtstag feiert. Aber eigentlich ist es keine Feier, sondern ein Tag wie jeder andere. Eine Kollegin wollte für Sie einspringen, doch ist diese krank geworden. Sie arbeitet in einem italienischen Restaurant, dessen Geschäftsführer jeden Abend um punkt acht Uhr dem Inhaber sein Abendessen, bestehend aus einem Hühnergericht, nach oben auf sein Zimmer bringt. Genau an diesem Tag, am zwanzigsten Geburtstag der Kellnerin, bekommt der Geschäftsführer Magenprobleme und sie soll am Abend das Essen nach oben bringen.  Den Inhaber hat bisher keiner gesehen. Nur der Geschäftsführer verweilt täglich bei ihm während der Essensübergabe. So kommt heute die junge Kellnerin doch zu ihrem Geburtstagsgeschenk. Denn der ältere, edle Herr, der ihr aufmacht, empfängt sie freundlich. Dieser geheimnisvolle alte Mann (in der Illustration ist es Murakami selbst)  verspricht ihr, ihr einen Wunsch zu gewähren. Egal was sie sich wünscht. Er wird es möglich machen. Sie hat aber nur einen Wunsch frei und dieser ist, sobald er ausgesprochen wurde, nicht umzutauschen oder zurückzunehmen. Ihre Antwort überrascht ihn sehr, aber er erfüllt ihr diesen…

Murakamis Sprache ist bildreich, kraftvoll und schlicht.  Er versteht es, in dieser kurzen Erzählung einen bunten Strauß an Emotionen, Verbundenheit und Tiefe entstehen zu lassen, die den Leser rüttelt und innehalten lässt. Der eigentliche Erzähler, der selten auftaucht, stellt sich selbst die Frage, was jener Wunsch war und man geht mit ihm zurück in die eigene Vergangenheit und fragt sich nach dem persönlichen Wunsch, den man als zwanzigjähriger geäußert hätte. Der Geburtstag als Fest der Freude, der Wünsche und Geschenke. Wie viele Geburtstage sind es, die einen wirklich verändern? Mehr als einer? Sind es alle Geburtstage oder ist es eventuell keiner?

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