Nona Fernández: „Die Straße zum 10. Juli“

Nona Fernández Die Strasse zum 10. Juli Septime Verlag

Alles beginnt mit einem wiedergefundenen Zeitungsartikel. Juan und Greta kennen sich, seitdem sie Schüler waren. Sie wuchsen während der Pinochet-Diktatur in Chile auf und waren davon als Jugendliche betroffen, da sich auch das Schulsystem im Umbruch befand. Beide gehörten einer Gruppe linker Jugendlicher an, die damals das Gymnasium besetzten und auf dem Dach der Schule rebellierten. Diese kleine Revolution wurde seitens der Polizei aufgehoben und sie wurden länger festgehalten und verhört. Nicht alle wurden daraufhin wieder den Eltern übergeben. Das Verschwinden ist das Hauptthema dieses spannenden, literarischen Romans von Nona Fernández, der im chilenisch-spanischen Original aus dem Jahr 2007 stammt und erst jetzt in deutscher Übersetzung vorliegt.

Der Roman spielt mit wechselnden Perspektiven und Ansichten. Wir lernen am Anfang Juan kennen, der mit Maite verheiratet ist. Maite will keine Kinder, da sie fürchtet nach dem Mutterschutz durch eine Finte ihres Arbeitgebers entlassen zu werden. Eines Tages bricht Juan aus seiner arbeitsintensiven Welt aus. Er ist dem Stress nicht mehr gewachsen und tritt im wahrsten Sinne auf die Bremse und verlässt das Alltägliche. Maite verlässt ihn daraufhin und Juan versinkt in seiner depressiven Welt. Ihm bleibt lediglich sein Hund, Dalí, der ihn besser zu verstehen scheint als viele aus seinem Umfeld. Das Wohnviertel, in dem Juan lebt, wird geräumt, da dort ein Einkaufszentrum entstehen soll. Der Bauherr, Lobos, setzt Juan mehrfach unter Druck, ebenfalls sein Haus zu verkaufen. Doch in Juan wird jener Rebell der vergangenen Tage wach. Die Erinnerung an seine Vergangenheit wird durch einen alten Zeitungsartikel wachgerufen. Ferner tritt Carmen in sein Leben, die ihm Versicherungen verkaufen möchte. Sie weiß von Lobos Machenschaften und kennt auch den Termin der anrückenden Baumaschinen. Ebenfalls sind in ihrer Kundenkartei Maite und Greta.

Gretas Familie wurde ebenfalls auseinandergerissen. Durch einen tragischen Schulbusunfall kam ihre Tochter ums Leben. Sie und ihr Mann konnten den Verlust ihres Kindes nicht verkraften und trennten sich. Der Mann, der sich mit Alkohol betäubte, ist in der Gegenwart der Geschichte mit Maite zusammen und somit schließt sich einer der Kreise. Gleich Juan versinkt Greta in eine depressive Haltung und ist ständig auf der Suche nach Antworten. Sie verweigert sich dem sozialen Leben und beginnt, gegen das Vergessen anzugehen. Immer wieder geht sie zum Ersatzteilkönig in der „Straße zum 10. Juli“. Sie hat einen alten, defekten Schulbus erstanden, für den sie nun passende Ersatzteile sucht, um ihn wieder fahrtüchtig zu machen und fast originalgetreu nachzubauen. Durch Carmen, die Versicherungsagentin, hört sie nach Jahren wieder von ihrer Jugendliebe Juan. Nun hat ihre rastlose Suche ein neues Ziel, denn Juan ist plötzlich verschwunden. Zuletzt hat man ihn bei ihrer alten Schule gesehen, die nun ebenfalls abgerissen werden soll. Greta beginnt, ihn zu suchen und es zieht sie in sein Haus, das weiterhin als einziges Gebäude den Abrissplänen trotzt. Ihre Suche wird auch ein Erinnern an die damalige Zeit, als ihre Freunde Leo und Negro nie aus dem Polizeigewahrsam wiedergekehrt sind. Sie findet Juans Recherche über die Colonia Dignidad. Ist er deswegen verschwunden? Haben die wirtschaftlichen Interessen, vertreten durch Lobos, mit seinem Verschwinden zu tun? Maite, die von Gretas Exmann schwanger ist, taucht dann auch noch plötzlich auf. Hat sich Juan in seiner Depression selbst etwas angetan? Schafft es Greta, Juan zu finden oder können sie Kontakt zueinander herstellen?

Im Buch geht es um viel: die chilenische Geschichte, die Verbrechen der Vergangenheit und wirtschaftliche Korruptheit. Das Buch mahnt gegen das Vergessen und zeigt besonders seine Stärke in der Schilderung der verschwundenen und missbrauchten Kinder während der Diktatur. Alles im Buch ist miteinander verwoben und bezieht sich auf einander. Es gibt kein Einzelschicksal, das sich von der Handlung der Anderen oder von der Vergangenheit befreien konnte. Auch die Toten spielen bei Nona Fernández immer wieder eine Rolle…

Der Roman wird besonders lebendig durch die wechselnden Perspektiven und entfaltetet dadurch seinen ganzen Spannungsbogen, der bis zum Ende gehalten wird und man fiebert bis zum Ende mit, was tatsächlich mit Juan geschehen ist.

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Iris Wolff: „So tun, als ob es regnet“

Wolff So tun als ob es regnet otto müller verlag

Ein Roman, der in vier Erzählungen Momente im Leben der Protagonisten festhält, in denen die Autorin der Frage nachgeht, was den Einzelnen bezogen auf die Geschichte der familiären Vergangenheit prägt. Gibt es eine Freiheit, ein Losgelöstsein von der Geschichte? Haben wir einen freien Willen? Es treten Dinge und Verhaltensmuster in unser Leben, die zu unserem Charakter gehören, ohne dass wir eine Kenntnis davon haben, woher diese stammen.

Es sind keine unabhängigen Erzählungen, sondern über vier Generationen und vier Ländergrenzen erzählt Iris Wolff über außergewöhnliche Momente, die durch die gemeinsamen Figuren und deren Kinder zusammenfinden. Der Roman beginnt im Ersten Weltkrieg in Rumänien, endet auf den Kanarischen Inseln und umspannt dabei das zwanzigste Jahrhundert.

Jacob, ein österreichischer Soldat, ist mit seiner Truppe im Zug. Sie sind unterwegs zu einem neuen Einsatzort und sie mutmaßen, wohin ihr Transport geht und es wird Budapest gemunkelt. Doch der Zug fährt weiter und Jacob kommt in ein kleines Karpatendorf. Er steht dem Einsatz misstrauisch gegenüber und erkennt im Feind den Menschen, der doch dieselben Bücher liest. Dies lässt ihn auch zum Lebensretter werden, d.h. in einem bestimmen Moment tötet er nicht. Er wird bei einer Bauernfamilie einquartiert, die ihn mehr oder weniger gastfreundlich aufnehmen. Es entsteht eine Bindung zwischen der jüngsten Tochter, der Frau des Hofes und ihm. Bevor seine Truppe weiterzieht, kommt die Frau in der letzten Nacht in sein Bett und erwartet, nachdem er in den Wirren des Krieges untergeht, ein Kind von ihm. Dieses Kind, Henriette, gesellt sich als junge Frau gerne zu den Schlaflosen, die sich nachts im Garten von Elmér treffen. Henriette ist eine starke Frau, die ihren Weg gehen wird. Ihre Schwester hat nicht so viel Glück und wird nach dem Zweiten Weltkrieg nach Russland verschleppt. Henriettes Sohn, Vicco, taucht in der dritten Geschichte als Motorradfahrer auf, der seinen Tod vor Augen hat und befürchtet, die Übertragung der Mondlandung zu verpassen. Immer wenn Vicco über etwas nachdenken möchte, besteigt er sein Motorrad. Hedda, seine Tochter, bewundert ihre Großmutter Henriette, von der sie auch einen Ring erbt, den Henriette vor langer Zeit selbst geschenkt bekommen hatte. Hedda beobachtet auf den Kanaren ein Fischerboot, das mit einem Paar die Hafenmole verlässt und tags darauf vermisst wird.

Das Buch ist Länder und Zeiten umspannend und lehrt, dass nicht unbedingt die Hauptfiguren immer die wichtigen sind. All jene, die in Romanen wie nebenbei erwähnt werden, gehören ebenfalls nicht vergessen. Man taucht ein in eine literarische Welt, in der sich die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit aufheben. Die Geschichte und die jeweilige Politik bleiben im Buch die eigentlichen Nebenfiguren, denn es sind die Charaktere, die stets im Vordergrund stehen. Besonders Henriette bekommt durch die drei Geschichten, in denen sie auftaucht, eine bleibende Tiefe. Ein Roman, der durch Kleinigkeiten groß wird und im zarten, poetischen Ton die Individualität hervorhebt. Das Verständnis einer Gesellschaft aufgezeigt in persönlichen Ereignissen. Das Buch lässt uns Leser eintauchen, wegträumen und den tatsächlichen Augenblick vergessen. Dieses körperlich anwesend sein und doch mit seinen Gedanken ganz aus der Zeit und dem Raum zu gehen, nennt Henriettes Mutter „So tun als ob es regnet.“

Die ganze Aufmachung des Buches überzeugt. Gestaltung und Inhalt sind trefflich abgestimmt. Ein tiefgründiger, kurzweiliger Roman, der sprachlich schön geschrieben ist. Ein atmosphärisches, wunderschönes Buch, das sich immer mehr im Leser entfaltet.

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Yavuz Ekinci: „Der Tag, an dem ein Mann vom Berg Amar kam“

Ekinci Der Tag an dem ein Mann vom Berg Amar kam Kunstmann Verlag

Eine märchenhafte Parabel, die als Tierfabel beginnt und endet. Das Leben im vermeintlichen Idyll wird durch eine von oben kommende Bedrohung im Fluchtinstinkt gelebt. Am Anfang der Erzählung fliegt ein Adler über die Landschaft. Mit vorgerecktem Haupt beobachtet er das Getier auf Erden. Die Landschaft, auf die der Jäger seinen Schatten wirft, besteht aus sattem Grün, sonnenerhitztem Gestein und verdorrten Gräsern und Geäst. Am Ende des kleinen poetischen Romans streift das Getier über verbranntes und rauchendes Land.

Wie eine Fabel beginnt der Text und wechselt zwischen zauberhaftem Märchen und aufrüttelnden aktuellen Geschehnissen. Es ist die Geschichte eines kurdischen Dorfes am Fuße des Berges Amar. Das Walnusstal, ein Ort voller Märchen, Mythen und Geheimnissen. Viele hatten der Legende nach versucht das Tal zu bezwingen. Alle, seien es Propheten, Krieger oder sogar Könige, sind daran gescheitert das Tal zu betreten. Lediglich die Liebenden Amar und Sara wurden nach ihrer Flucht vom Tal aufgenommen.

Wir lernen die Menschen des Dorfes am Rande der Welt kennen, die bei der Feldarbeit tätig sind, Tiere schlachten und Fußball spielen. Der Blick der Alten ist stets auf den Berg gerichtet, während die Kinder spielen oder sich Westernfilme ansehen. Neben dem brutalen Töten einer Ziege wird dem Leser durch die Augen der Kinder bewusst, dass auf diese Menschen etwas Bedrohliches wartet. Denn die Kinder befeuern die Cowboys beim Töten der Indianer. Das anfängliche Bild der Bedrohung in der Welt der Tiere lässt sich nun auf das Kommende im Reich der Menschen anwenden. Eine Bedrohung von oben wird erwartet. Alle, besonders die Alten, warten auf jene, die vom Berg herabsteigen werden, um sie zu vernichten. Gleich am Anfang, nach einem Besuch bei den Ahnen, rettet ein Mann Küken, deren Nest vom Baum gefallen war und errichtet den Vögeln wieder ein Heim. Als er das Nest in die Gabelung legt, sieht er einen Mann, der vom Berg Amar ins Dorf gelaufen kommt.

Die Drohung der Legende, dass sie, die Übermächtigen, über den Berg Amar kommen werden, scheint sich zu bewahrheiten. Denn es hieß schon immer, eines Tages werden sie kommen und nichts wird dann mehr so sein wie früher.

Ein Roman, der mit der menschlichen Angst vor einer namenlosen Bedrohung spielt. Die Angst vor willkürlicher Zerstörung und Mord.

Der Text bleibt immer distanziert, aus der objektiven Sicht, und schafft somit bleibende Bilder, die sich im Leser metaphorisch festsetzen. Es ist der Wechsel zwischen dem Märchenhaften und der aktuellen Wirklichkeit unserer Welt, der begeistert. Der Stoff steht symbolhaft für das Schicksal bedrohter Menschen.

Die natürliche Schönheit und das archaische Leben mit seinem Fundus an alter Kultur, Geschichte und Mythen werden durch eine unterschwellige Gefährdung bedroht. Eine poetische und politische Erzählung. Der Autor beschreibt fast schon ungerührt und überlässt somit die Empathie dem Leser. Yavuz Ekinc beschäftigt sich in seinem Werk mit dem Leben der Kurden in der Türkei und hat bereits viele Preise für sein literarisches Schaffen erhalten.

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Michael Engler: „Geschichte vom Ende des Bewusstseins (Zakopane)“

Zakopane

„Bewusstsein vom Punkt zur Fläche, dann zur Kugel. Wenn das Bewusstsein so erweitert ist, dass es alles umfasst, was ist dann dahinter, was ist das Ende des Bewusstseins?“

Ein Roman, der schwerlich einzuordnen ist und wohl eher der experimentellen und surrealistischen Literatur zugeschrieben werden kann.

Der Kieler Autor schrieb bisher Erzählungen und Kurzgeschichten. Sein launiger Ton, den er und sein Verleger als „Probsteier Surrealismus“ bezeichnen, wird auch gerne mit Bukowski oder Burroughs verglichen. Sein jetziger Roman liest sich durch die eigenständigen Charaktere und die vielen klugen und unterhaltsamen Anspielungen auf Philosophie, Spiritualität und Literatur als ein sehr humorvolles und nachdenkliches Werk.

Das Buch ist in vier Kapitel gegliedert, die sich immer mehr von der Realität verabschieden und uns zeigen, dass diese auch ein Mythos ist. Im ersten Abschnitt lernen wir die Kinder kennen. Es sind Modest, Lisa, Sarah und Basho. Ihr Vater hat vor fünfzig Jahren die Familie verlassen und ist nach Zakopane in Polen gezogen. Seine nun erwachsenen Kinder planen zu seinem siebzigsten Geburtstag ein Wiedersehen. Sie schreiben und telefonieren miteinander, um den Überraschungsbesuch zu planen. Jeder hegt andere Gefühle zu dieser geplanten Reise und dem Vater. Wie schmerzhaft kann diese Begegnung werden? Wie lebt der Vater jetzt und ist er noch bei Bewusstsein? Ferner finden sie verstörende Texte des Vaters, die ihnen weitere Rätsel aufgeben und am Verstand des Vaters zweifeln lassen.  Ihr Vater macht sich Gedanken zu Bhagwan, d.h. Osho, Castaneda, dem Beatleismus, der Fritz-Lietz-Drüse (Poesie-Drüse) und die Entdeckung des planckschen Wirkungsquantums.

Der zweite Abschnitt ist ein kleiner Zeitstau, der bereits das Surrealistische des Kommenden in sich birgt. Der Vater, hier nur als der Mann bezeichnet, macht sich auf den Weg zu einer Party. Dieser Abschnitt liegt in der Vergangenheit der eigentlichen Handlung. Er umrundet Kiel, denn er fährt von der Probstei über den Hauptbahnhof zu einem  Hinterhof nahe der Ringstraße. Er lebt gerne in Kiel, besonders Friedrichsort hat es ihm angetan. Auf dem Fest trifft er auf seine Frau und die Kinder. Doch die Party verwandelt sich in einen Öko-Swingerclub.

Der Roman beschreibt nun weiter die Reise der Kinder zu ihrem Vater nach Polen. Sie reisen von Hamburg über Krakau nach Zakopane. Den Ort Zakopane erleben sie als Dimensionstor und die verschiedenen Schichten des Bewusstseins werden sichtbar. Es ist ein Familienroman, der gleich „Das Land des Lachens“ von Jonathan Carroll (leider vergriffen) und „Wunderlich fährt nach Norden“ von Marion Brasch mit der Verwischung, d.h. Entrückung der Realität und dem Bewusstsein spielt. Auch klingt, besonders gegen Ende, ein kleiner Windhauch „Sofies Welt“ von Jostein Gaarder durch die Zeilen.

Literatur, Poesie, Spiritualität und Philosophie schaffen Bewusstsein und sind die Architektur unserer Phantasie.

„Der unendliche Raum zwischen der Null und der Eins birgt Milliarden von Unendlichkeiten.“

Das Buch gibt es bei uns in der Buchhandlung Almut Schmidt oder beim Peter Rathke Verlag

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Max Annas: „Illegal“

Max Annas Illegal Rowohlt

Ein temporeicher Krimi, der von einem Asylanten handelt, der einen Mord beobachtet und nicht zur Polizei gehen kann, da er Illegal in Deutschland lebt und selbst unter Verdacht gerät.

Der Thriller handelt von Kodjo, der aus Ghana stammt und ein studierter Historiker ist. Er lebt schon seit langer Zeit in Berlin. Seit seiner Scheidung ist seine Aufenthaltsgenehmigung erloschen und er wohnt in ungenutzten Liegenschaften oder Abrissobjekten. Diese bekommt er von einer älteren Immobilienmaklerin  zugewiesen, mit der er eine Beziehung hat.  Er arbeitet als Küchenhilfe und ist ständig bemüht nicht aufzufallen.

Der Roman beginnt nachts an einer roten Ampel. Die Straßen sind unbefahren und weit und breit ist kein weiterer Mensch zu sehen. Kodjo und Saif hadern mit sich, denn es naht eine Polizeistreife. Egal, wie sie sich entscheiden, sie werden auffallen. Gehen sie über Rot, machen sie sich strafbar. Bleiben sie stehen, fallen sie auf, weil dies zu dieser Tages-, d.h. Nachtzeit an leeren Straßen sonst keiner machen würde. Saif hält es nicht aus und rennt los und es beginnt die erste Verfolgungsjagd im Roman durch die Straßen von Berlin.

Kodjo muss für einige Tage seine eigentliche Bleibe verlassen, da die Maklerin die Wohnung anderweitig benötigt. Er haust in einem Abrisshaus in Berlin-Moabit und beobachtet im Haus gegenüber einen Mord an einer Prostituierten. Die Polizei kann er nicht rufen. Er geht hinüber und wird gesehen von den Nachbarn der Toten und dem Mörder, der flieht. Kodjo kann noch ein Handyfoto vom Wagen des Täters machen, das einen Aufkleber und Teile des Kennzeichens zeigt.

Der Mord wird auch in den Medien erwähnt und Zeugen sagen aus, sie hätten einen Afrikaner gesehen. Jetzt ist Kodjo nicht nur ein Illegaler Zeuge des Mordes, sondern steht selbst unter Verdacht. Seine einzige Chance sieht er darin, selbst zu ermitteln. Er beginnt nach dem Mörder zu suchen und bekommt Unterstützung von Freunden. Doch muss Kodjo ganz vorsichtig vorgehen, denn er darf selbst nicht auffallen. Er findet eine Spur, doch auch der Mörder kennt ihn und beginnt zu handeln…

Kein Krimi mit typischem Personal und kein Polizist oder Detektiv, der im Roman ermittelt. Das Buch lebt von schnellen Szenen und hohem Tempo. Dies zeigt das Können des Autors, der auch als Dokumentarfilmer tätig ist. Seine vorherigen Kriminalromane haben bereits viele Auszeichnungen und Preise gewonnen. In „Die Mauer“  ließ er zuletzt einen farbigen Studenten namens Moses sich in einer Gated-Community der Weißen verirren. Annas Themen sind stets politisch und gesellschaftskritisch.

Ein actionreicher, flotter Krimi, der „Das Fenster zum Hof“ in unsere heutige Gesellschaft transportiert.

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Olga Grjasnowa: „Gott ist nicht schüchtern“

Olga Grjasnowa Gitt ist nicht schüchtern Aufbau

Ein Roman, der von den beginnenden Unruhen in Syrien, dem Krieg und der daraus resultierenden Flucht handelt. Es sind drei Schicksale, die dem Krieg und dem Schrecken entkommen wollen und als Flüchtlinge nach Berlin kommen. Der Roman liest sich wie ein Abenteuerroman und lässt nichts aus. Viele der geschilderten Schrecken und Gewaltszenen möchte man eher der literarischen Dystopie zuordnen, leider entsprechen sie aber der Realität und erinnern an die Nachrichten jener Tage.

Im Vordergrund stehen zwei Hauptcharaktere, die 2011 in Syrien sind, als der Arabische Frühling anbricht. Der Roman beginnt mit der Landung eines Flugzeugs in Damaskus. Hammoudi fliegt zurück in seine alte Heimat, um Formalitäten zu erledigen. Er hat gerade sein Medizinstudium in Paris abgeschlossen und eine Stelle als Spezialist in einer Pariser Klinik bekommen. Da sein Pass abgelaufen ist, fliegt er nach Syrien, um in Damaskus seine Papiere in Ordnung bringen zu lassen. Im Amt wird ihm jedoch seine Ausreiseerlaubnis entzogen und er muss in Syrien bleiben.  Seine Stelle in Paris wird ihm gekündigt, bevor er sie antreten konnte. Seiner Verlobten, Claire, erzählt er vorerst nichts und der Kontakt zu ihr wird immer geringer. In Damaskus begegnet er bei einer Schlüsselübergabe der anderen Hauptfigur im Roman, Amal. Sie werden sich im Roman nur noch einmal zufällig in Berlin über den Weg laufen und doch sind ihre Schicksale durch die Revolution in ihrem Land miteinander verknüpft.

Amal ist eine junge syrische Schauspielerin, die von einer Karriere beim Film träumt. Sie und ihr Freundeskreis, meist gebildete Kunstliebhaber, treffen sich oft, um zu demonstrieren. Oft werden diese Demonstrationen aufgelöst und es kommt zu vielen Verhaftungen. Auch sie wird vom Regime wahrgenommen und beobachtet, inhaftiert und verhört. Sie lernt Youssef, einen angehenden Regisseur kennen und beide kommen sich näher. Ihr friedlicher Protest wird ein Bürgerkrieg und man wird Zeuge unmenschlicher und willkürlicher Gewalt.

Hammoudi muss eine ärztliche Prüfung ablegen, damit er in Syrien praktizieren kann. Diese Prüfung besteht er nur stillschweigend mit Bestechung und bleibt als einziger Arzt in der Region bis zur Übernahme des Islamischen Staats tätig und gründet eine nicht erlaubte Hilfsorganisation nebst Lazarett. Als sein Leben auch in Gefahr gerät, bezahlt er Schleuser, die ihn mit Schlauchbooten nach Griechenland bringen sollen.

Amal flieht  mit Youssef in die Türkei und sie können sich mit einem Schauspielangebot eine weitere Passage nach Europa leisten. In Berlin laufen sie Hammoudi und Amal zufällig über den Weg. In Deutschland werden sie mit Bürokratie und Missgunst konfrontiert. Auch Amals Karriereträume werden fast ins Lächerliche gezogen.

Vieles ist im Roman berücksichtigt und die rohe Gewalt, die viele Menschen zur Flucht treibt wird bildreich dargestellt. Es gibt aber eine Figur, die mehr Beachtung findet als die anderen. Der Charakter, der am Ende die meisten Gefühlsregungen im Leser verursachen könnte, bleibt etwas zu wenig nahbar. Der Roman ist aber viel mehr als eine Aneinanderreihung von Geschehnissen und bietet Stoff zum Nachempfinden. Es ist ein Buch, das die Wahrheit schmerzhaft beleuchtet und ist voller Bilder, die das Grauen und die Massaker erlebbar machen. Es wird das syrische Leben vor und nach dem Umbruch verdeutlicht. Die Machenschaften der Schlepper, die maroden Schiffe und die fremdenfeindlichen Übergriffe auf Flüchtlingsheime in Deutschland werden nicht ausgelassen. Das Buch ist wichtig, da es uns alle angeht und wir es durch diesen Roman nachempfinden können, was es heißt, diese Schicksale erlebt zu haben.

Ein Roman, der allein durch die erzählte Geschichte funktioniert und viel Empathie weckt. Einige Figuren hätten mehr Tiefe haben dürfen, aber dies ist durch die Wichtigkeit des Stoffes und den guten Ansatz der Autorin ein winzig kleiner Kritikpunkt. Das Buch ist bis zum Ende spannend und man geht klüger aus ihm hervor. Die drei Abschnitte des Buches sind durch Karten abgesetzt, die uns aus der Region herauszoomen und im astrologischen Sternenhimmel enden. So werden wir durch den Text in eine Welt gezogen, die unsere ist, aber erst durch genaues Hinschauen und Zuhören ihr wahres, schreckliches Gesicht zeigt.

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Kent Haruf: „Unsere Seelen bei Nacht“

Kent Haruf Unsere Seelen bei Nacht Diogenes

Ein unaufgeregter Roman um die Überwindung der Einsamkeit. Zwei alte Seelen finden sich und füllen dadurch ihre Leere, die durch vergangene Verluste entstanden ist. Die Menschlichkeit und die Sehnsucht nach Nähe lassen uns die Protagonisten ans Herz wachsen und dadurch wird dies Buch etwas kleines Wertvolles. Denn die Lebensjahre des Körpers spiegeln nicht das wahre Alter der Seele.

Eines Tages im Mai in Colorado klingelt Addie Moore bei Louis Waters. Sie sind keine direkten Nachbarn, aber innerhalb der dörflichen Gemeinschaft sind sie sich bekannt. Addie fragt ziemlich direkt, ob sie nicht die Nächte miteinander verbringen möchten. Es geht ihr nicht um Sex. Nachts seien die Einsamkeit und die Gedankenmühlen am schlimmsten zu ertragen. Sie ist es leid, ständig allein zu sein. Ihr Wunsch ist es, einen sympathischen und netten Mann neben sich liegen zu wissen, zu reden, das Alleinsein zu verbannen und gemeinsam einzuschlafen. Sie schläft sehr unruhig und meint, dann besser und durchgängig schlafen zu können. Louis, selbst Witwer, hadert und fühlt sich mit dieser Anfrage überrumpelt, aber auch sehr geschmeichelt. Er mag Addie, hat sie aus der Ferne ebenfalls wahrgenommen und beobachtet. Was hat er auch groß zu verlieren?…

Er geht den Vorschlag ein und eine seiner ersten Taten ist der Gang zum Friseur. Seine ersten Besuche sind noch ganz gehemmt und er benutzt den Hintereingang mit einer blickdichten Papiertüte, in der er seine Nachtutensilien mitbringt. Addie möchte, dass Louis sich ganz normal verhält und die Vordertür benutzt. Ihr ist es egal, was Andere über sie reden. Denn dass über sie getuschelt und geredet wird, bleibt nicht aus. In der Gemeinde werden sie ein Thema und es macht sich Missgunst und Neid innerhalb der Nachbarschaft bemerkbar. Aber Addie und Louis trotzen dem und gewöhnen sich aneinander. Die Fremdheit und ihre Schüchternheit überwinden sie schnell. Sie trinkt abends gerne ein Glas Rotwein, hat ihm aber zuliebe auch Bier besorgt. Louis Zahnbürste und Pyjama wandern aus der Papiertüte gänzlich in das Haus von Addie. Als er kurzzeitig krank wird, meint sie, er hat doch noch kalte Füße bekommen, was aber lediglich nur ein kleines weiteres Missverständnis auf ihrem Weg zur innigen Freundschaft ist.

Den Argwohn innerhalb der Kleinstadt ignorieren sie weitgehend. Doch wird der Klatsch an die Tochter von Louis weitergeleitet. Das Hauptproblem entsteht aber mit den Eheproblemen von Addies Sohn. Diese führen zu einem längeren Aufenthalt des Enkels bei Addie. Der Enkel, Jamie, gewöhnt sich schnell ein und mag Louis, den neuen Freund seiner Oma. Sie verbringen einen gemeinsamen Sommer und Jamie bekommt sogar einen Hund aus dem Tierheim. Diese traute Gemeinsamkeit ist dem Sohn von Addie nicht geheuer und er zwingt Addie zu einer einschneidenden Entscheidung…

Der Roman hat eine Leichtigkeit und spielt mit einer zarten Liebe im Alter, die aus einer eher ungewöhnlichen Freundschaft wächst. Beim Lesen bekommt man den Wunsch nach mehr Einfachheit im Leben.

Kent Haruf ist 2014 verstorben und „Unsere Seele bei Nacht“ ist sein letzter Roman, dessen Verfilmung mit Jane Fonda und Robert Redford geplant ist.

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Stephan Lohse: „Ein fauler Gott“

Ein fauler Gott Stephan Lohse Suhrkamp

„Ein fauler Gott“ erzählt sehr subtil von den Abenteuern eines Teenagerlebens in den 70er Jahren in Hamburg und über den Verlust des Bruders. Trotz der Trauer versinkt das Buch niemals in Melancholie, denn meistens lesen wir aus der Perspektive des elfjährigen Benjamin. Sein Alltag besteht aus Schule, Freunden, Spielen und dem Versuch mit dem Verlust zu leben und seiner Mutter Trost zu schenken.

Der Vater hat vor einem Jahr die Familie verlassen und Ruth erzieht Jonas und Ben alleine in Hamburg. Ruths bisheriges Leben entfaltet sich in kurzen Rückblicken. Im Vordergrund steht aber immer Ben, der durch seine kindliche Weltsicht den Text sehr lebendig macht. Im Schwimmbad hat der achtjährige Jonas bei einem Wettschwimmen einen Anfall und kommt in die Klinik, in der er kurz darauf verstirbt.

Während der Beerdigung macht Ruth Ben auf einen kleinen Engel auf dem Sarg aufmerksam. Dieser soll, laut Bens Mutter, darauf aufmerksam machen, dass Gott einen Engel gebraucht und dafür Jonas ausgesucht hat. Daraufhin ist der liebe Gott für Ben nur noch ein fauler Gott und er beschließt Atheist zu sein. Ben beschäftigt sich oft mit Gott und wird auch öfters auf diesen aufmerksam gemacht. Sehr feinfühlig werden die Emotionen und die Themen, die die Protagonisten beschäftigen, um- und beschrieben. Ben sucht oft den Nachbarn auf, der einen alten defekten Wagen besitzt, in dem die Brüder gerne gespielt haben. Hier kann er sich langsam öffnen und seine Trauer zulassen. Bens Mutter versucht ihre Depression vor Ben zu verstecken und zieht sich gerne in ihr Zimmer oder ins Bad zurück. Ben beobachte seine Mutter ganz genau. Sie versucht herauszubekommen, wie das Unglück mit Jonas geschehen konnte. Vor lauter Angst, muss Ben sich ebenfalls einige ärztliche Untersuchungen gefallen lassen.

Anfänglich ist Ben vom Unterricht befreit, aber er beschließt selbst, dass er wieder zu Schule gehen möchte. Die Freundschaft zu Chrisse lassen ihn die anfängliche Scheu seiner Klassenkameraden und Lehrer bald vergessen. In einem Kindererholungsheim im Schwarzwald vertraut er sich einer Betreuerin an, die ihn in seiner eigenen Trauer lässt und darin bestärkt, dass es nie besser, sondern lediglich anders wird. Als das Heim durch einen Unfall abbrennt, kommt Ben kurzweilig in einem Kloster unter. Hier ist es das Werk von Karl May, das ihn in die Welt der Phantasie einlädt.

Durch diese Begegnungen wird Jonas in ihm immer stiller, ohne jemals ganz zu verschwinden. Er lernt die Trauer zuzulassen und traut sich mit seinen Freunden erstmalig wieder in das Freibad.

Es ist ein detailreiches Werk, das uns verführt und mit Ben wachsen lässt. Stephan Lohse beschreibt voller Einfühlungsvermögen das Seelenleben eines Kindes und seiner Mutter. Wie sollen Mutter und Sohn mit so einem Verlust umgehen und wie können sie wieder Boden gewinnen, um im Alltag Fuß zu fassen? Die Plattitüden aus dem Umfeld sind wenig hilfreich und werden selbst von einem Elfjährigen enttarnt. Ruth und Ben gehen jeweils anders mit ihrer Trauer um und lernen voneinander, diese zu bewältigen. Wobei es Bens Charme und Offenheit ist, die es beiden möglich macht, wieder am Alltag teilzunehmen.

Als Schauspieler hat Stephan Lohse gelernt mit der Sprache zu arbeiten. „Ein fauler Gott“ ist sein Debütroman. Es gibt selten Bücher, in denen man sich so sehr zuhause fühlt. Ein sehr lebendiges und wohl auch für den Autor sehr persönliches Werk. Ein tolles Buch, das niemals zu traurig ist, sondern begeistert und beim Lesen sehr viel Spaß macht.

Stephan Lohse liest auf zehnseiten.de. Leseprobe auf der Seite von Suhrkamp (pdf)

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Isabelle Autissier: „Herz auf Eis“

Herz auf Eis Isabelle Autissier Mare Verlag

Ein junges Paar, das seinem alltäglichen Leben in Paris entkommen will, umsegelt die Welt und strandet dann in eisiger Einsamkeit. Sie finden durch den Aufbruch in die Welt vorerst ihre Freiheit und eine Gemeinsamkeit wieder, die sie zu verlieren schienen. Sie erleben die Welt als globalen Spielplatz und ihre Entdecker-Seele erwacht. Dann verlieren sie, durch ein Unwetter, ihr Schiff und ein archaischer Überlebenskampf auf einer einsamen arktischen Insel beginnt.

Louise und Ludovic kommen sich durch das Klettern näher und lernen sich lieben. Sie ist eher zurückhaltend und schüchtern und ihre ganze Leidenschaft ist das Bergsteigen. Er hingegen ist ein Beispiel der sogenannten Generation Y: Einzelkind von vermögenden Eltern und sorgenlos. Er ist etwas schludrig und wirkt oberflächlich. Sein Leben war bisher behütet und daraus resultiert seine positive Weltsicht. In ihrer Beziehung bringt sie sich mit der Leidenschaft zum Klettern ein, sonst ist es meist er, der sich durchzusetzen scheint. Sie ist die vernünftigere und sachliche Planerin, während er in gewisser Naivität einfach loslegt. So starten sie auch ihr großes, gemeinsames Projekt. Sie wollen das natürliche Leben spüren, raus aus Paris und die Welt erleben. Er überzeugt sie zu einem Sabbatjahr und sie erfüllen sich den Traum, die Routine hinter sich zu lassen. Anfänglich war ihnen noch nicht klar, was sie machen möchten, aber schnell reift die Idee einer Weltumsegelung.

Südlich von Kap Horn erwartet sie ihr eigentliches Abenteuer. Sie wollen sich eine unbewohnte Insel ansehen. Sie wandern von der Natur begeistert durch die gebirgige und eisige Landschaft. Als ein Sturm aufkommt rät sie zur Rückkehr zum Schiff. Doch er ist voller Tatendrang und will noch mehr sehen. Das Unwetter zwingt sie zur Flucht in eine ehemalige Walfängerstation, in der sie notgedrungen die Nacht verbringen. Er wacht auf und hört das Drehen des Windes, kann aber nicht ahnen, welche Konsequenzen es für sie hat. Der Anker muss sich durch das Unwetter gelöst haben und durch den wechselnden Sturm hat sich das Boot losgerissen. Das Abenteuer, ihre Suche nach Freiheit, findet eine jähes Ende und sie sind durch die Naturgewalt Gefangene der Insel geworden. Ein existentieller Kampf beginnt. Sie sind der Natur ausgesetzt und müssen von der kargen Insel leben, in der Hoffnung, dass sie im Frühjahr gefunden werden. Die Jagd nach Nahrung, das Schwinden der Hoffnung nagt an beiden und besonders die gegenseitigen Schuldzuweisungen und Streitereien stellen ihre Menschlichkeit und Liebe auf eine harte Probe.

Die Lebensbedingungen werden eindringlich beschrieben und es ist eine untypische Abenteuergeschichte. Als die Inselgeschichte endet, geht es um das Verarbeiten der Extremsituation. Es ist die Geschichte unserer Zivilisation, die sich frei und ungebunden empfinden möchte, doch stets die Abhängigkeit aus den Augen verliert. Wie schnell können wir durch Naturkatastrophen oder Unachtsamkeit in neue, extreme Lebensbedingungen geraten.

Die Autorin, die selbst die Welt umsegelte, macht die extreme Lebenssituation der Protagonisten für uns erlebbar. Aber das Buch lebt nicht durch das reine Abenteuer. Es geht um die existentiellen Fragen: nach Freiheit, Schuld und Liebe. Auch ein Überlebenskampf kann Routine werden. Der Roman bietet Raum zur Interpretation und Reflexion. Das Schiff der beiden heißt wohl nicht ohne Grund Jason, nach dem Anführer der Argonauten.

Ein Roman, der uns auf dünnes Eis stellt und unsere Zerbrechlichkeit aufzeigt. Ein eindringliches Buch, in dem sich lediglich die Figuren ab und zu verlieren. Die wilde Natur prallt auf unsere gegenwärtige Zivilisation. Das Buch war nominiert für den Prix Goncourt.

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Anthony McCarten: „Licht“

McCarten Licht Diogenes

Der Roman beruht auf wahren Begebenheiten und erzählt davon, wie Kreativität durch Korruption und Machtgier unmenschliches zutage bringt. Die innere Einstellung des großen Erfinders Thomas Alva Edison, dass seine Ideen und Erfindungen stets dem Wohle der Menschheit dienen sollen, wird durch seine aufkommende Armut verdrängt. Edisons Erfindungen und Weiterentwicklungen der Elektrizität und Telekommunikation hatten einen großen Einfluss auf unsere kulturelle Entwicklung. Er ist der Erfinder der Glühbirne und dies war der Beginn der Elektrifizierung der Städte und der industrialisierten Welt. Doch jede noch so gute Entwicklung kann auch von Menschen missbraucht werden. Im Roman gibt es eine Szene, in der Edison mit dem Zug durch die Stadt fährt und eine Kirche sieht, die als ein Kasino umfunktioniert wurde. Er betrachtet die Menschen, die durch eine Mischung aus Tragödie und Fortschritt verkommen und sich nun lediglich den Sinnesfreuden hingeben.

Die Handlung des Romans basiert auf dem Kampf um den Erfolg der Elektrizität. Edison, der den Gleichstrom nutzt streitet sich mit seinem ehemaligen Mitarbeiter Nikola Tesla und dem Erfinder sowie Ingenieur George Westinghouse. Tesla und  Westinghouse propagieren den Wechselstrom und die Parteien liefern sich einen erbitterten Streit welche Stromart Anwendung finden soll und die sicherste sei.

Wir erleben einen alten Thomas Edison, der auf seinen Lebensweg zurückblickt. Seine Erinnerungsarbeit ist daher eine verkürzte, wenn nicht sogar eine verzerrte. McCarten will auch keine weitere Biographie schreiben. Er nutzt die verfügbaren Fakten, um daraus ein spannendes Buch über den Preis des Fortschritts und des Ehrgeizes zu schreiben. Denn Macht und Gier sind die Motivation der Menschen, die Edison lenken und ihm weitere Aufträge zumuten.

Edison hat seit Kindheitstagen mit seinem Gehör zu kämpfen und verlangt daher von seinem Umfeld stets in 80 Dezibel zu sprechen. Schon als Jugendlicher hat er das Morsealphabet gelernt und somit auch seine Forschungen in diese Richtung gelenkt. Seine Frau pocht ihm das Gehörte oder ihre Meinung auf sein Knie, wenn sie unter Menschen sind. Seine Errungenschaften waren meist zur Vereinfachung des Büroalltags gedacht. Sein Hauptaugenmerk liegt auf der Elektrizität und der Elektrotechnik. Doch macht er auch naturwissenschaftliche Experimente, die in Selbstversuchen endeten, die ihn noch mehr als einen eigenwilligen Kauz erscheinen lassen. Als er die Glühbirne erfindet wird J.P. Morgan auf ihn aufmerksam. Morgan hat aus seiner New Yorker Bank ein Imperium gemacht und möchte Europa und dann Amerika mit Edisons Licht erleuchten.

Der Serbe Nikola Tesla, der mal für Edison gearbeitet hat, entwickelte Generatoren für den Wechselstrom. Er hat Motoren entwickelt, die mit Wechselstrom laufen. Doch Edison hält gerade den Wechselstrom für sehr gefährlich und deklariert Tesla als Spinner. Tesla bekommt Unterstützung von George Westinghouse und beide stehen nun Edison und Morgans Plan vom allgemeinen Licht im Weg. Da Morgan viel Geld in Edisons Wunderwerk investiert hat, verlangt er von Edison, Westinghouse bloßzustellen und den Beweis zu erbringen, dass Wechselstrom gefährlich ist. Edison bekommt dabei Unterstützung durch das Auftreten von Harold P. Brown und er setzt damit nicht nur sein Seelenleben aufs Spiel…

Ein Roman, der im wahrsten Sinne elektrisiert und ein Licht auf die damaligen Errungenschaften wirft. Das Spiel der Wissenschaft und der Habgier. Die Philosophie der Wissenschaft ist Leben zu retten, zu verbessern oder zu verlängern. Im Roman wird der Weg erzählt, wie sich mal wieder die Wissenschaft auf abscheulichste untreu wurde…

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Siehe auch die Besprechung auf Feiner reiner Buchstoff

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