Natascha Wodin: „Sie kam aus Mariupol“

Natascha Wodin Sie kam aus Mariupol Rowohlt Verlag

„Wenn du gesehen hättest was ich gesehen habe“

Das vorliegende Werk macht deutlich, warum Literatur so wichtig ist. Literatur und Bücher sind wichtig, damit wir die Chance bekommen, den Umfang unserer Geschichte und der Geschehnisse auf der ganzen Welt etwas besser zu verstehen. Durch die Literatur können wir anhand einzelner Figuren bruchstückhaft an Geschichtsereignissen teilhaben und hoffentlich daraus lernen. Durch den emotionalen Bezug zu den literarischen Figuren oder tatsächlichen Einzelschicksalen verankert sich in uns Lesern ein Bezug zu Welten und Geschichten, die in solch einem Umfang sonst nicht möglich wäre.

Natascha Wodin hat ihre Suche nach der Geschichte ihrer Mutter literarisch festgehalten. Durch ihre Familienforschung werden wir Zeuge vom Leben einer Frau, die den stalinistischen Terror und deutsche Zwangsarbeit im Dritten Reich erlebt hat. Sie überlebt die dunklen Zeiten, aber zerbricht später daran. Diese literarische Romanbiographie gibt den Menschen, die aus der Ukraine nach Deutschland deportiert wurden, eine Stimme und ist für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Natascha Wodin wurde 1945 als Kind sowjetischer Zwangsarbeiter in Fürth geboren. Sie wuchs in einem Lager für „Displaced Persons“ auf. Sie ist die Tochter einer Ukrainerin aus der Hafenstadt Mariupol, die mit ihrem Mann 1943 als Zwangsarbeiterin nach Deutschland verschleppt wurde. 1956 als Natascha gerade zehn Jahre alt war nahm sich ihre Mutter das Leben. Nie hat die Mutter ihr erzählt, was sie erlebt hatte. Natascha Wodin lebt heute als Schriftstellerin in Berlin und Mecklenburg. Ihre Suche beginnt, als sie spielerisch den Namen ihrer Mutter in die russische Suchmaschine eingibt. Sie wird auf der Seite „Azov´s Greeks“ fündig. Denn die Stadt Mariupol war lange ein Zentrum griechischer Kultur und bis Ende des 19. Jahrhunderts war die Mehrheit der Stadtbevölkerung griechischer Herkunft. Bisher hatte Natascha Wodin spärliche Erinnerungen an ihre Eltern. Lediglich einige Fotos und eine Ikone waren in ihrem Besitz. Nun, durch diesen zufälligen Fund, kann sie eine Spur zur Geschichte ihrer Mutter aufnehmen.

Sie stammt aus einer Familie, die anscheinend Großgrundbesitzer und baltische Adlige waren. Es wird eine mühsame Suche, denn die Familie durchlebt die Nöte der Ukraine: Hunger, stalinistischen Terror, Krieg und Vernichtung. Sie werden enteignet und spiegeln das Ende einer ganzen Epoche. In der Familie waren Landwirte, Gebildete und Opernsänger. Durch die Revolution und den anschließenden Bürgerkrieg beginnt die Zerstreuung der Familie. Das ganze Land zerbrach, weil den Besitzenden alles genommen wurde ohne weitere politische Ideen. Nataschas Mutter wird während des Zweiten Weltkriegs nach Deutschland in ein Zwangsarbeitslager deportiert und in der Rüstungsindustrie eingesetzt. Es gab während des Dritten Reichs eine massenhafte Deportation an Ukrainern nach Deutschland, eingeleitet von der Propaganda der Besetzer. Schritt für Schritt wurden Männer und Frauen aufgerufen, sich zum Arbeitseinsatz in Deutschland zu melden. 1942 wurde für alle Jugendlichen aus der Ukraine ein Pflichtdienst eingeführt. Bis zu zehntausend Zwangsarbeiter wurden Tag für Tag nach Deutschland transportiert. Durch das Auftauchen eines Tagebuchs wird im Roman parallel zur Geschichte der Mutter auch das Leben einer Schwester im sowjetischen Gulag geschildert.

Es ist ungewiss, wie viele Menschen während des Zweiten Weltkrieges zur Zwangsarbeit gezwungen und verschleppt wurden. Es waren Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene, die wie Sklaven eingesetzt wurden. Sie mussten unter meist unmenschlichen, KZ-ähnlichen Bedingungen leben. Durch die Recherche stößt  Natascha Wodin auf weitere Ungeheuerlichkeiten. Nach einer Studie des Holocaust Memorial Museums belief sich die Anzahl der Nazi-Lager auf 42.500. 30.000 davon waren Zwangsarbeitslager. Also waren diese Lager fast flächendeckend im Reich verteilt. Dies sind unfassbar große Zahlen, die es für die menschliche Vorstellungskraft umso wichtiger machen, dass einzelne Stimmen hervorgehoben und erhört werden. Diese persönlichen Schicksale wecken unserer Empathie und lassen den ganzen Umfang der Gräueltaten aus der Vergangenheit lebendig werden.

Es ist eine Biographie verpackt in einen literarischen Roman. Die Sprache ist reduziert, aber stets sehr kunstvoll eingesetzt. Die Handlung ist in den einzelnen Passagen gekonnt komponiert. Der Roman liest sich spannend und ist ein wichtiges Buch über eine bisher eher unbekannte Episode unserer dunklen Geschichte. Ein beklemmendes und intensives Leseerlebnis, das durch die eingesetzten Fotos an Tiefe und Persönlichkeit gewinnt. Natascha Wodin ist nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse und hat für das unveröffentlichte Manuskript zu „Sie kam aus Mariupol“ bereits den Alfred-Döblin-Preis verliehen bekommen.

Zum Buch / Shop

2 Kommentare

Eingeordnet unter Erlesenes

Sanne Averbeck: „Die Gästeliste“

gasteliste

Ein Thriller um das Leben einer Selbstdarstellerin und ihre Gästeliste. Auf dieser Liste hält sie alle für sie wichtigen Personen und deren Netzwerke fest. Die Geschichte spielt mit den sozialen Medien, denn die Protagonistin hat ihr Auftreten in den diversen Kanälen perfektioniert. Handlungsort des Romans ist Hamburg und er zeigt uns eine Welt, in der die Charaktere mehr auf ihr Erscheinungsbild, als auf das tatsächliche Leben achten. Selbst ein Facebook Kommentar wird genutzt, um die User in diversen Gruppen in gewünschte Bahnen zu lenken. Ein „Gefällt mir“ als bewusste Inszenierung und alle Postings und wirklichen Auftritte dienen stets der Manipulation.Eigentlich sind die Figuren im Roman keine Menschen, die man persönlich treffen und kennenlernen möchte, aber man wird durch die spannende Handlung an das Buch gefesselt und liest es in einem Rutsch bis zum Ende durch.

Wir lernen Carola Martins kennen, die sich durch ihren Blog mit Produktbeschreibungen und Bewertungen einen großen Bekanntheitskreis erarbeitet hat. Ihre Meinung, Postings und Kommentare auf Twitter und Facebook sind sehr gefragt und sie setzt durch ihre Besprechungen und diverse Inszenierungen Trends. Sie hat die sozialen Netzwerke stets im Griff und verweilt täglich mehrere Stunden im Internet. Ihre Follower und Netzwerkfreunde erhoffen sich, ein Teil ihrer Welt zu werden. Regelmäßig veranstaltet Carola Partys, zu denen sie wichtige Persönlichkeiten einlädt. Ab und zu auch Menschen, die kurzweilig an ihrem Ruhm schnuppern dürfen oder von denen sich Carola erhofft, weitere wichtige Kontakte zu erfahren. Ihr nächster geplanter Schritt der Karriereplanung ist ein eigenes Fernsehformat.

Carola plant alles und studiert selbst die kleinste Mimik genau ein, damit ihr nichts auf ihrem Weg zu den großen Bühnen mehr im Wege steht. Sie erschleicht sich bei allen Menschen in ihrem Umfeld ganz subtil ihre Vorteile. Gefühle und wahre Freundschaften sind für sie nebensächlich. Lediglich zu Bianca, die sie seit der Kindheit kennt, scheint sie weiterhin eine Freundschaft zu pflegen. Über alle ihre Kontakte führt sie eine Liste, die sie gut versteckt aufbewahrt. Auf dieser Liste formuliert sie jegliche Tendenzen, Eigenschaften und  für sie wichtigen Vorteile, die sie von der entsprechenden Person erwartet.

Auf einer Party wird eine der Frauen verbal verunglimpft und dies zieht im Internet weitere, hämische Kreise. Kurz darauf gerät deren Schwester in einen Unfall. Auch hieraus versteht es Carola, ihren Vorteil zu ziehen. Doch geraten plötzlich weitere Menschen aus dem Umfeld in Gefahr. Bianca, die stets auf den Partys anwesend ist, aber nicht wirklich Spaß hat, lernt plötzlich einen Mann kennen. In einem Hotel sieht sie ihn später schlaftrunken aus dem Bad kommen. Er wird brutal und steckt ihr Schlaftabletten in den Mund. War das der Mann, der sie so liebevoll angesehen hatte?

Auch die konkurrierenden Fernsehproduzenten, die ein heimliches Liebespaar waren, werden Opfer eines Gewaltverbrechens. Jetzt wird die Polizei aufmerksam auf Carolas Netzwerk und stellt eine Verbindung zu ihrer Gästeliste her. Da auch dubiose Facebookprofile auftauchen und Mails unter falschen Namen versendet werden, wird der Verdacht immer stärker, dass jemandem daran gelegen ist, Carolas Leben zu zerstören. Muß Carola ihre Gästeliste aus der Hand geben? Kann es sein, dass es nur um die Liste geht, ihr eigentliches Kapital?

Der Roman spielt mit bestimmten Klischees und sogenannten It-Menschen einer Schickimicki-Gesellschaft. Die Sprache ist den Figuren und den üblichen Umgangsformen der sozialen Kanäle angepasst. Die Autorin möchte aufzeigen, dass Facebook und Co. nützliche Kanäle sind und vergleichbar mit einem Handwerkszeug, Menschen nützen, aber auch schaden können. Es liegt in unseren Händen, wie wir es nutzen und, ob wir uns positiv präsentieren oder stets den Schattenseiten folgen wollen.

Sanne Averbeck ist ein Pseudonym der Autorin Sonja Rüther (u.a. „Blinde Sekunden„). Dies wird bereits im Buch aufgeklärt, aber ich wusste es, dank Facebook….

Zum Buch / Shop

Siehe auch renies-lesetagebuch

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Takis Würger: „Der Club“

der-club-takis-wurger-kein-aber

Ein Campus- und Liebesroman mit einer düsteren und sehr spannenden Geschichte. Es geht um den „Pitt Club“ der Universität von Cambridge und einen weiteren, inneren Kreis, der sich seinen Mitmenschen gegenüber erhaben empfindet und vor Verbrechen nicht zurückschreckt. In einem elitären, inneren Kreis, können einige Mitglieder mit ihrer vermeintlichen Macht nicht umgehen. Die im Club vorherrschende Sportart ist das Boxen. Hier gilt es die Grenzen zu erfahren, und seine Überlegenheit nicht auszuspielen und zu missbrauchen. Der innere Kreis des Clubs bezeichnet sich als Schmetterlinge und sieht sich als eine natürliche Weiterentwicklung aus einem niederen Stadium. Aber das Bild des Schmetterlings wird auch in der Chaostheorie verwendet. Denn ein einziger Flügelschlag kann demnach einen Tornado auslösen. So liegt es bei dem Protagonisten, ein Schmetterling zu sein, der mit seinen Handlungen herausbekommen soll, was im Club vor sich geht, um dann das verbrecherische System des Clubs zu vernichten.

Der Roman beginnt in Niedersachsen. Die Eltern von Hans leben in einem abgelegenen Haus, damit die schwerkranke Mutter in Ruhe sterben kann. Durch einen tragischen Verkehrsunfall verliert Hans seinen Vater und kurz darauf auch seine Mutter. Als Hans acht Jahre alt ist, erfährt er von der Halbschwester seiner Mutter, die in England lebt, ihn aber nicht aufnehmen kann. So kommt Hans in ein kirchliches Internat. Einer der Brüder trainiert Hans dort weiterhin im Boxen, das er schon zu Lebzeiten seines Vaters angefangen hatte.

Eines Tages bekommt er ein überraschendes Schreiben seiner Tante, die ihn nach England einlädt. Sie lockt ihn mit einem Stipendium für das St. John College in Cambridge, denn es gibt dort eine Angelegenheit, bei der er ihr eventuell helfen könnte. Weiteres erfährt er erst, als er in Cambridge ankommt. Er soll ein Verbrechen aufklären. Was genau möchte Alex, seine Tante, vorerst nicht verraten. Alex hat Kontakte, die ihn für den „Pitt Club“ vorschlagen würden. Innerhalb dieses Clubs sind Verbrechen begangen worden, die er nun mit neuer Identität aufdecken soll. Er lernt Charlotte kennen, die ihn in das Leben in Cambridge einführt und in einen Snob verwandelt, damit er eine Chance bekommt, ein Mitglied des Clubs zu werden. Der Vater von Charlotte, ebenfalls ein Boxer, soll nun Hans für den Club vorschlagen. Es dauert auch nicht lange und Hans bekommt eine Einladung und wird ein Mitglied in dem elitären Club. Er erfährt Stück für Stück von den dunklen Geheimnissen, die sich hinter den Mauern des Colleges verbergen. Diese Machenschaften scheinen weite Kreise in der britischen Oberschicht zu ziehen. Alle halten sich bedeckt: Alex, seine neuen, echten und falschen Freunde. Besonders Charlotte, die ebenfalls ein trauriges Geheimnis hütet, verschließt sich vor Hans, wobei sich beide ineinander verlieben.

Alles spitzt sich auf den nahenden Boxkämpfen zu. Hans muss sich ganz auf den Club einlassen, damit er die Wahrheit und die Verbrechen verstehen und aufklären kann. Er handelt gegen seinen eigentlichen Charakter. Gibt es Momente im Leben, die es rechtfertigen, dass man das Falsche macht, um etwas Richtiges zu erreichen?

Der Roman wechselt gekonnt die Perspektiven und wir Leser erfahren ganz langsam das ganze Ausmaß der Geschichte. Die Charaktere und die Handlung sind hingebungsvoll angelegt und trotz der schrecklichen Geschehnisse ist es ein schön zu lesender Roman. Der Autor war bereits als Journalist tätig und hat jetzt mit „Der Club“ seinen Debütroman geschrieben. Er ist ebenfalls Boxer, hat in Cambridge studiert und war Mitglied in diversen Clubs und Vereinigungen.

Der gedruckte Roman ist ein kleines haptisches Erlebnis und die Farben des Umschlags sind den im Roman genannten Club-Farben angepasst. Das Buch überzeugt inhaltlich und mit der Aufmachung. Ein berührendes Buch, das eine schöne Liebesgeschichte, einen spannenden Kriminalfall und einen Entwicklungsroman beinhaltet.

Zum Buch / Shop

Siehe auch Die Buchbloggerin

3 Kommentare

Eingeordnet unter Erlesenes

Lukas Bärfuss: „Hagard“

lukas-barfuss-hagard-wallstein

Lukas Bärfuss hat mit seinem Roman „Hagard“ einen Follower in die Realität geholt und ist mit dem Buch für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Hagard als Begriff wird im Text nirgends erwähnt oder erklärt. Das Wort kommt ursprünglich aus dem Französischen und bedeutet: scheu, wild, störrisch und verstört. Es ist ferner ein Fachbegriff aus der Jagd und meint einen Beizvogel, der zur Zeit seiner Gefangennahme sein Alterskleid trägt, d.h. das Federkleid erwachsener Vögel, die nach der Mauser das Jugendkleid abgelegt haben. In dem Roman geht es ums Pirschen und Verfolgen, denn der Protagonist fühlt sich plötzlich von einer Frau angezogen und folgt ihr unbemerkt 36 Stunden lang.

Der eigentliche  Erzähler schaut nach langer Zeit auf dieses Ereignis zurück und versucht, die Geschichte zu verstehen. Er möchte das Geheimnis lüften, wie es dazu kam, dass Philip plötzlich von einem Begehren oder stumpfen Verlangen getrieben, sein Schicksal herausfordert. Es beginnt an einem Brezelstand im Zentrum der Stadt und endet auf einem Balkon irgendwo in der Vorstadt. Was passiert alles dazwischen? Warum wurde Philip zu einem Stalker? Wie konnte er sich so gehen lassen, dass er letztendlich sogar seine Scham aufgab? Die Frau bleibt immer die Gesichtslose, die Anonyme, der Philip durch einen Wink, den er in ihre Haltung hineininterpretiert, folgt und sich von seinem geschäftlichen Alltag entrücken lässt.

Philip ist Makler und organisiert einige Liegenschaften. Er ist auf dem Weg zu einem Geschäftstreffen. Doch sein Kunde verspätet sich. Plötzlich sieht er in den Menschenmassen ein Paar Schuhe aufleuchten und wird von der Frau, die er nur von hinten sieht, angezogen. Er lässt den Termin platzen und verfolgt wie in einem Rausch diese Frau. Er ignoriert die Anrufe seines Büros und die seiner Verwandtschaft. Er ist ein Endvierziger und gleich vielen anderen von seinem Smartphone abhängig. Doch durch das Auftreten dieser Frau ignoriert er das Summen und Vibrieren seines Handys und nimmt ohne große Aufregung in Kauf, dass sein Akku sich immer mehr leert. Die Frau nutzt die öffentlichen Verkehrsmittel und da er auch sein Portemonnaie nicht dabei hat, wird er zum Schwarzfahrer. Nichts hält Philip von seinem Vorhaben hab. Was ist aber sein Vorhaben? Will er die Frau kennenlernen? Will er ihr näher kommen oder ist in ihm ein perverser Trieb?

Am Abend, vor der Wohnung der Frau, lässt er sich sein Auto bringen, damit er nachts einen Ort für seine Observation hat. Um die Türen nicht aus den Augen zu verlieren lässt er sich Pizza liefern und blendet alles andere um ihn herum aus. Lediglich eine Elster nimmt er wahr. Am folgenden Tag schleicht er ihr erneut hinterher und kann nicht aufhören, ihr zu folgen. Sein Handy ist bereits fast leer und die Menschen, die mit ihm in Kontakt treten wollen, werden besorgter. Er ist so besessen, dass er nicht einmal aufhört, als er auf der Flucht vor Kontrolleuren einen Schuh verliert. Die letzte Nachricht, die ihn auf dem Handy erreicht, ist eine Meldung der Polizei. Doch kann er sie nicht lesen, da sich nun sein Smartphone abschaltet.

Die Fragen, warum Philip so getrieben wird und wie es endet, treiben uns Leser weiter. Man wird selbst zum Verfolger und das Buch bleibt bis zum Ende spannend. Ein Roman, in dem eine Warnung gegen die Modernisierung der Technik erklingt. Wir machen uns abhängig von dieser und fallen gänzlich aus unserer alltäglichen Rolle, sollte eines unserer ausgelagerten Gehirne ausfallen. Der Roman übertritt viele Bereiche und ist ein faszinierendes Werk, in dem das „Folgen“ in den sozialen Netzwerken überspitzt in die Realität geholt wird. Wann wird es pervers und verliert jegliche Scham? Wann ist eine Grenze überschritten? Ist der Jäger krankhaft? Sind wir es, die Gesellschaft, die solchen Geschehnissen namenlos folgen?

Ein kunstvoller, spannender Roman, der sich zügig liest und wir Leser folgen dem Verfolger atemlos durch seine Obsession.

Zum Buch / Shop

 

4 Kommentare

Eingeordnet unter Erlesenes

Willi Achten: „Nichts bleibt“

willi-achten-nichts-bleibt-pendrgon

Ein Krimi, der viel mehr ist als ein herkömmlicher Spannungsroman. Es geht um einen Kriegsfotografen, der die Welt nicht mehr passiv aus der Perspektive eines Fotografen beobachten will, sondern sich wehrt und sich fragt, ob er nicht schon eher hätte eingreifen sollen. Durch seinen Rachedurst getrieben setzt er alles, was ihm bleibt, aufs Spiel.

In einer Szene wird das Licht in einem Gemälde von Turner beschrieben. Ein gebrochenes Licht, das durch veränderte Lichteinfälle, ausgelöst durch einen Vulkanausbruch im Pazifik, prachtvoll erstrahlt. Das Wundervolle lässt den Ursprung des Schrecklichen vergessen und verschleiert dies. So ist auch der Handlungsort ein eigentliches Idyll. Ein Hof im Wald und die nahegelegenen Alpen. Die Gebirgs- und Waldlandschaft als Fluchtort, als Ort der Naturverbundenheit und Sehnsüchte. Doch sind es die Schattenseiten und die Abgründe der menschlichen Psyche, die immer mehr in die Handlung einziehen und das Leben der Protagonisten verändern werden.

Franz Mathys ist ausgebildeter Fotograf und hat seinen Lebensunterhalt als Kriegsfotograf bestritten. Eines seiner Fotos wurde sogar mit dem „World Press Photo Award“ ausgezeichnet. Er hat die Schrecken und die Kriegsverbrechen in Srebrenica, Afghanistan und im Südsudan gesehen und dokumentiert. Er war Zeuge einer Steinigung und weiterer unmenschlicher Gräueltaten. Immer als Fotograf, der die Momente festhielt und nicht eingegriffen hat. Seitdem schlummern in ihm Schuldgefühle. Dabei ist er schon ein aufbrausender Mensch, der das Ungerechte nicht erträgt. Dies zeigte sich bereits während seiner Ausbildung, als sein Meister seine Fotos ungefragt veröffentlichte.

In der Gegenwart der Handlung lebt Mathys zurückgezogen im Wald. Er lebt mit seinem Vater und seinem Sohn auf einem Hof. Der Junge liebt die Taubenzucht, doch als er daran stark erkrankt, müssen sie sich von den Tieren trennen und Mathys dunkle Seite erwacht. Während der Behandlung seines Sohnes, die ihn durch das verabreichte Cortison aufquellen lies, tritt Karen in ihr Leben. Karen ist die Lehrerin, die sich erst liebevoll um seinen Sohn kümmert, dann Mathys Herz erobert. Nach einem tragischen Unfall holt die leibliche Mutter den Sohn wieder zu sich.

Jetzt lebt Mathys allein mit seinem Vater auf dem Hof. Im Wald beobachtet er zwei Wilderer, die auch noch einen Hund schlagen. Der passive Fotograf erwacht und greift ein und schlägt die Tierquäler zusammen. Kurzdarauf wird sein Vater brutal zusammengeschlagen und muss schwer verletzt ins Krankenhaus gebracht werden. Mathys setzt jetzt alles daran, die Täter zu finden und sein Wunsch nach Rache verändert ihn immer mehr. Seine Spur führt ihn zu Tierquälern und seine Wut erwacht. Er will nur noch handeln und lässt damit die Menschen zurück, die er liebt. Wenn er sich seiner Einsamkeit und seinem Rachewahn hingibt, könnte er wirklich alles verlieren und am Ende könnte dann nichts mehr bleiben…

„In der Wut verliert der Mensch seine Intelligenz“

Es werden Erinnerungen an die Werke von Jochen Rausch: „Krieg“ und Tor Even Svanes: „Ins Westeis“ wach, denn diese Bücher zeigen jeweils die eigentlichen inneren Kämpfe der Protagonisten vor malerischer Kulisse. „Ins Westeis“ spielt ebenfalls mit dem Thema, wie wir Menschen mit unserer Natur und besonders mit den Tieren umgehen. Das Setting, die Natur, spielen in „Nichts bleibt“ eine große und stimmungsgebende Rolle. Das eigentliche Idyll verbirgt den menschlichen Abgrund. Man ist gleich von Anfang an von den Protagonisten und der Handlung in Bann genommen. Ein Roman, der sofort fesselt und einen durchrüttelt.

Zum Buch / Shop

9 Kommentare

Eingeordnet unter Erlesenes

Gudrun Büchler: „Koryphäen“

gudrun-buchler-koryphaen-septime

Koryphäen sind Menschen, die an der Spitze stehen, ursprünglich Chorleiter. Meist versteht man eine Koryphäe als jemanden, der in einem Gebiet Besonderes geleistet hat, sozusagen ein Experte für etwas ist. So lernen wir auch zwei Hauptprotagonisten kennen, die jeder für sich eine Koryphäe ist. Der eine arbeitet auf einer erbauten Plattform im Atlantik, der andere sucht die Einsamkeit auf einer paradiesischen Insel. Beide sind der Wirklichkeit enthoben – denn die Handlung spielt in einer nicht definierten Zukunft. Die Höhe, d.h. die Sphäre, in der sich die beiden treffen, wird durch den ständigen Durst auf Tomatensaft deutlich. Niedriger Luftdruck verändert den Geschmacksinn und lässt den Verlust von Bodenhaftung oder sogar Menschlichkeit erahnen. Die Polaritäten zwischen der Erdnähe, dem Enthobenen, der natürlichen Insel und einer gebauten Plattform über dem Meer spiegeln den Kern der Handlung. Es ist die Spannung zwischen der Gesellschaft und deren Systemen und dem Individualismus.

Auf der Plattform im Atlantik werden Profile und genetische Informationen der Menschen gesammelt. Es sind bereits 80% der Menschheit digital codiert. Die Suche nach Algorithmen für die Optimierung der lebenswichtigen Ressourcen sollen gefunden und geschrieben werden. Große Verbände sind interessiert an jenen Daten. Bleibt der Mensch der Zukunft noch ein Zufallsprodukt? Curt ist Leiter dieser Serverfarm und ist für die Auswahl der Suchläufe und sogenannten Castings zuständig. Alles gebilligt von Regierungen, Interessensverbänden und der Kirche. Dabei verstößt die Arbeit auf der Plattform gegen die Menschenrechte und den Datenschutz. Ferner laufen Gedanken über eine Unterwanderung der eigentlichen und bestehenden digitalen Netzwerke. Denn wer benötigt ein Smartphone mehr, der Besitzer oder jene, die die Daten über den Nutzer durch das Gerät sammeln?

Den Sprung zu einer losgelösten Kunst der Kommunikation erlangt Hausman, ein ehemaliger Wissenschaftler, der nun als Aussteiger auf einer Insel im indischen Ozean lebt. Er verbindet sich mit dem grenzenlosen Bewusstsein und erlangt dadurch Zugang zu allen Gedanken, Orten und Menschen.  Mit seinem Bewusstseinsfaden verknüpft er sich mit dem telepathischen Netz der Menschheit. Lediglich sein Gummibaum, den er mit seinem Computer verbunden hat, meldet, wenn sich sein reales Umfeld verändert. In diesen körperlosen und globalen Streifzügen wandert er durch Raum und Zeit. Als ein Attentat auf den Papst ausgeführt wird und dieser im Koma liegt, gesellt sich dieser u.a. mit in die Sphärenwelt. Als Hausman das Bewusstsein von Curt berührt, werden Curts sensorische Fähigkeiten geweckt. Nun wissen und ahnen beide, dass das Wissen über grenzenloses Bewusstsein und freie Energien gefährlich ist und die Netze geraten außer Kontrolle…

„Menschen können zwar getötet werden, aber kein Gedanke, der einmal gedacht worden ist.“

Ein Roman, der mit der Vielschichtigkeit des Bewusstseins, der Realität und der Wirklichkeiten spielt. Der Mensch endet nicht bei seinen Konturen und verbindet sich digital sowie psychisch stets mit seinem Umfeld. Im Gegensatz zu ihrem Vorgängerroman: „Unter dem Apfelbaum“ verlässt Gudrun Büchler etwas die Bodenständigkeit, versteht es aber sehr zu unterhalten und anzuregen. Obwohl ein tatsächlicher Spannungsbogen fehlt, versteht es die Autorin, die Bilder und Handlungsstränge gekonnt aufzubauen und uns Leser zu fesseln. Ein Buch, das nicht allein durch die Aufmachung auf uns zurückblickt, wenn nicht sogar uns Leser anstarrt.

Zum Buch / Shop

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Selja Ahava: „Dinge, die vom Himmel fallen“

ahava-dinge-die-vom-himmel-fallen-mare

Der Roman schildert stets die Sprachlosigkeit gegenüber den Augenblicken, in denen aus heiterem Himmel etwas geschieht, dass den Lebensweg oder die Sichtweise auf das Leben komplett verändert. Es sind Dinge, die in unserem Leben passieren, die das Gefühl der Sicherheit und des Gewohnten auf den Kopf stellen.

Gleich dem Vorgängerroman „Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm“ geht Ahava der Frage nach, wie man das verrückte, einem sich entgleitende Leben in Sprache fassen kann. Meist werden ihre Protagonisten gegenüber dem Schicksal still, verharren in einer Starre oder werden verrückt. Die Perspektive des Romans ist hauptsächlich aus der Sicht von Saara geschrieben. Am Anfang des Buches ist sie acht Jahre alt und steht dem Leben noch offener und staunender gegenüber als der verkopfte Erwachsene. Als Kind hat man das Recht, an die Welt der Märchen zu glauben und diese im Alltag zu integrieren. So ist eine Metapher im Roman, die Märchen der Gebrüder Grimm, die Saaras Mutter immer falsch zu Ende erzählte. Die Märchen sind ebenfalls voll mit Gruseltaten und unfassbaren Dingen, die ein Kind in seiner Phantasie aber nur so weit zulassen kann, wie es der heranwachsende Geist zu begreifen vermag.

Saara lebt mit ihren Eltern in Finnland in einem gerade gekauften Haus, das stark renovierungsbedürftig ist. Sie nennen ihr Heim liebevoll das Sägemehlhaus, weil im ganzen Haus Häckerling und Sägemehl von den Decken und aus den Fugen rieselt. Im Sommer will die Familie ein aus Autoreifen bestehendes Hochbeet bauen und als die Mutter den Garten betritt, fällt mitten im Sommer ein ballgroßer Eisbrocken vom Himmel und erschlägt sie. Der grässliche Anblick bleibt Saara erspart, weil der Vater sie sofort beiseite nimmt. Doch ist er es, der sein Leben lang unter diesem Bild zu leiden hat. Er wird diesen Schicksalsschlag nie richtig verarbeiten können. Saara hingegen scheint Jahre später einen Weg zu finden. So ein Eiskristall kann durch eine defekte Wasserleitung eines Flugzeuges oder ähnliches entstehen und gefriert dann im Fall und wächst kontinuierlich an. Ist es Zufall oder Schicksal? Solche Dinge, die eigentlich nicht sein dürften, bleiben ein Bestandteil in Saaras Familie. Da Pekka, der Vater, es im Sägemehlhaus nicht mehr aushält, ziehen sie zu der Tante Annu, die durch einen Lottogewinn vermögend geworden ist und sich ein großes Gutshaus gekauft hat. Aber auch Annu widerfährt unglaubliches, denn sie gewinnt erneut den Hauptgewinn beim Lottospiel. Das eigentliche Glück entpuppt sich für sie als Schock. Denn die Macht des Schicksals zweifach herauszufordern und dann auch zu bezwingen, übersteigt die Vorstellungskraft und stellt bisherige Denkmuster in Frage. Annu verfällt in einen dreieinhalbwöchigen Dornröschenschlaf. Saara beobachtet alles in kindischer Naivität und erlebt fast alles wie ein märchenhaftes Abenteuer, in dem ihr imaginärer Freund Hercule Poirot ihr zur Seite steht. Durch die Krimis angeregt, erlebt sie klare Linien und menschliche Umrisse, die auch mal verwaschen können, gleich einer gezeichneten Bodenmarkierung eines Leichenfundes.

Saaras Vater sucht Antworten im Internet und durchforscht jede Statistik über Unglücke und die daraus resultierenden Folgen. Die Tanta Annu schreibt einen schottischen Fischer an, der auch mehrfach vom Schicksal auserwählt wurde. Hamish MacKay wurde viermal vom Blitz getroffen, überlebte jedes Mal und trotzt den Naturgewalten jeden Tag aufs Neue.

Jahre später, Saara ist ein Teenager, ziehen sie zurück ins Sägemehlhaus. Doch erneut schlägt das Leben ungeplante und ungewollte Wendungen ein. Wieder ist es das Schweigen über das Unaussprechliche. Aber auch der Wille des Lebens, sich stets seinen Weg zurückzuerobern. Gleich einem Apfelbaum, der wächst wo er eigentlich keinen Halt findet, oder nicht wachsen dürfte…

Ein wunderbares Buch über die Dinge, die uns jederzeit zustoßen können, die Ohnmacht gegenüber dem Schicksal und unsere Schutzlosigkeit. An jeder Ecke kann das Unerwartete unser Leben beenden oder verändern. Wie geht man mit diesen Momenten um und wie lernen wir, diese zu begreifen und dann auch wieder loszulassen? Kann die Zeit alle Wunden heilen? Diesen Fragen geht Ahava in ihrem Neuen Werk nach, das erneut von Stefan Moster übersetzt wurde, und schreibt voller Hingabe zu ihren Charakteren und baut eine Handlung auf, die einen vieles überdenken lässt.

Zum Buch / Shop

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Odafe Atogun: „Tadunos Lied“ 

atogun-tadunos-lied

Ein Roman, der sich fast wie ein Märchen liest. Doch ist es ein aktueller Text, der das Lied der Freiheit singt, die Macht der Musik verdeutlicht und nebenbei ein kleiner Liebesroman ist.

Ein Musiker, der gegen einen ungerechten Staat getextet und gesungen hat, musste ins Exil gehen. Bei seiner Rückkehr hat er nicht nur sein Gesicht, sondern auch seine Stimme verloren und wird aufgefordert, sich für die Liebe oder den Widerstand zu entscheiden.

Taduno ist in Nigeria ein bekannter Musiker. Er hat mit Liebesliedern angefangen, doch als das Militärregime immer korrupter wurde, begann er gegenanzusingen. Er hat seine Musik benutzt, um auf die Politik aufmerksam zu machen und der diktatorischen Regierung zu schaden. Da er sich dadurch in Gefahr gebracht hatte, ging er nach der Folter ins Exil. Seine Platten wurden in den Läden verboten und konfisziert. Alles, was mit Taduno in Verbindung zu bringen war, wurde verboten und vernichtet. Auch seine Existenz.

Hier beginnt die Handlung des Romans. Taduno ist seit drei Monaten im Exil und bekommt ein Schreiben von seiner großen Liebe Lela, die in der Heimatstadt geblieben war. Sie hofft, er möge seinen Frieden gefunden haben, warnt aber, sollte er jemals seinem Heimweh nachgeben, er sich auf unliebsame Veränderungen und Überraschungen einzustellen habe. Das Land und die Stadt haben sich auf unbeschreibliche Weise verändert. Dies beunruhigende Schreiben rumort in ihm und er fragt sich, was in seiner Heimat vorging. Sein Kopf und sein Herz sind bei Lela, ohne die er sich eigentlich keine Zukunft denken kann und mag. Trotz der drohenden Gefahr reist er zurück.

In seiner Heimatstadt muss er feststellen, dass ihn, den damaligen berühmten Sänger, keiner mehr erkennt. Seine ehemaligen Nachbarn und Freunde erinnern sich nicht an ihn. Der Name ist verflogen und er hat sein Gesicht im wahrsten Sinne verloren. Die Gemeinschaft nimmt ihn auf und lässt ihn in seinem Haus wohnen, sie sind aber vorerst ihm gegenüber sehr reserviert. Alles wirkt, als hätte er nie existiert. Der größte Schicksalsschlag trifft Taduno, als er erfährt, dass Lela vom Geheimdienst entführt worden ist. Die Regierung hat sie verschleppt, weil sie ihn, Tadeo, suchen. Doch kennt keiner mehr seinen Namen, seine Lieder oder sein Aussehen. Durch Lela wollen sie ihn finden. Wenn er ein Loblied auf die Regierung singen würde, würden sie sie freigelassen.

Doch sein Problem ist, dass er seine Stimme und seine Identität verloren hat. Wie kann er denn Lela befreien, wenn ihn keiner mehr erkennt und wie soll er ohne Stimme ein Loblied singen? Er beginnt seine Gefühle durch sein Gitarrenspiel auszudrücken. Seine Melodien erzählen mehr, als er es zurzeit mit einer Stimme könnte. Seine Suche nach sich selbst läuft über die Musik. Dabei gewinnt er alte Freunde zurück, auch den damaligen Inhaber des Tonstudios, der ebenfalls durch Tadunos Protestsongs in Gefahr geraten war und untertauchen musste.

Wird Taduno sich dem Regime beugen und ein Loblied singen können, um damit seine Liebe zu retten? Kann er gegen seine Überzeugung ansingen?

Ein schönes Buch, das zart geschrieben ist, aber umso mehr im Leser erklingt. Ein Roman über das eigene Gewissen und den Mut, zu seiner Überzeugung zu stehen. Der Text ist einfach, aber leicht poetisch zu lesen. Es ist ein politischer, anregender Liebesroman. Wir lernen einen Protagonisten kennen, der sich durch seine Musik erklärte und als man ihm diese wegnahm, aufhörte zu sein. Als ihm dann auch noch seine Liebe geraubt wird, muss er sich und seine Musik neu finden.

Ein ruhiger Roman, der gegen jede Tyrannei geschrieben wurde und uns durch den spannenden Plot zwingt, Tadunos Lied zuzuhören. Ein Roman über Unterdrückung, Terror, Freundschaft, Zivilcourage und das Einstehen für die eigene Überzeugung.

Zum Buch / Shop

4 Kommentare

Eingeordnet unter Erlesenes

Daniel Zahno: „Mama Mafia“

daniel-zahno-mama-mafia

Ein frischer Mafia-Roman, der spannend ist und an die Klassiker seines Genres erinnert. Auch der Pate steht Pate, denn es kullern u.a. in einer Szene Orangen davon. Ein Roman, der zügig zu lesen ist, klug und unterhaltsam geschrieben ist, als hätten sich beim Schreiben Dennis Lehane und die Coen-Brüder vereint.

Mama Mafia als Ziehmutter, die den unfreiwilligen Helden liebevoll aufpäppelt, füttert, saubermacht und ihn großzieht. Wie jede Mutter ist auch Mama Mafia unglaublich stolz auf ihren Zögling und hat auch einiges mit ihm vor.

Der Roman beginnt in einem Handygeschäft in New York, hat dort dann seinen Wendepunkt und der finale Treffpunkt wird ebenfalls jenes Geschäft sein. Harvy ist ein Rocksänger und jobbt nebenbei in einem Café und als Fahrradkurier. Seine Band ist bisher nicht sehr erfolgreich und daher fristet Harvy ein Leben als Überlebenskünstler. Er nimmt es mit dem Eigentum nicht ganz so genau, denn wenn er eine edle Kaffeemaschine sieht, kann er meist nicht wiederstehen, diese mitgehen zu lassen. Er ist mit einer Bekannten gerade in einem Apple-Store im Grand Central Station und schaut sich die neuesten Modelle an. Sein Handy funktioniert nicht mehr richtig und ein neues könnte er sehr gut gebrauchen. Er schafft es mit zufälliger Raffinesse das Gerät zu klauen und kann sogar dem durch den Alarm aufgeweckten Wachpersonal entkommen. Da er sich auch durch gelegentliche Diebstähle über Wasser hält, hat er Kontakte, die ihm helfen, das stibitzte Handy neu zu codieren. Dennoch bekommt er plötzlich eine Nachricht von einem Unbekannten. Er wurde beim Diebstahl gefilmt und wird nun erpresst. Schnell lokalisiert er, woher die Nachricht kam und verschafft sich mit einem fingierten Kurierauftrag Zutritt zu diesen Räumlichkeiten. Er kann den Laptop entwenden, von dem wohl die Nachricht versendet wurde. Doch der Besitzer des Rechners, Joe Garcia, ist ihm auf der Spur und macht als Überbringer eines Kurierauftrags einen Gegenbesuch bei Harvy. Es kommt zu einer Rangelei und durch ein Missgeschick hat nun Harvy auch noch eine Leiche zu entsorgen.

Es stellt sich später heraus, dass Joe Garcia ein Mafiamitglied war, der die Polizei infiltriert hatte und dass Jennifer, die Frau, die für ihn gearbeitet hat, die Geliebte des Mafiabosses Tony Tangeroli ist. Harvy und Jennifer kommen sich näher, als es eigentlich gesund für sie wäre. Jennifer und Tonys Mutter werden Liebhaber der Musik von den Racoons, Harvys Band. So wird die Mafia aufmerksam auf die Musik und Tony organisiert für die Racoons einen Vertrag bei Sony. Ab sofort steht Harvy unter der Beobachtung der Mafia und wird auch immer mehr zum engeren Freund und Berater von Tony. Dennoch geht er eine Liebesbeziehung zu Jennifer ein. Als er Tony bei einem Anschlag durch einen verfeindeten Clan das Leben rettet, wird er immer mehr ein Mitglied der Tangeroli-Familie. Ab jetzt beginnt es, für ihn und Jennifer immer gefährlicher zu werden. Auch in der Band rumort es, denn der große Erfolg birgt auch seine Schattenseiten und der Ruhm, der auf Mafiamethoden erbaut ist, schmeckt nicht allen Musikern. Für Harvy, als Ziehsohn von Mama Mafia, beginnt ein gefährliches Spiel zwischen den Clans, seinen Freunden und der neuen Mafia-Familie.

Eine rasante, flüssige Lektüre mit diversen Anspielungen auf Mafia-Romane und Filme. Eine packende Geschichte, die wandlungsreich ist und mit einigen Überraschungen aufwartet.

Zum Buch / Shop

2 Kommentare

Eingeordnet unter Erlesenes

Juliana Kálnay: „Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens“

kalnay-eine-kurze-chronik-des-allmahlichen-verschwindens

Ein Debütroman einer jungen Kieler Autorin, der bunt ist und uns Leser verwirrt, begeistert und uns zu voyeuristischen Beobachtern macht. Der kurzweilige Episodenroman wirkt wie ein expressionistisches Theaterstück, in dem Szene für Szene ein Bild zusammengesetzt wird. Ein Bild eines Hauses und deren Bewohnern. Doch ist es ein Bild, das, kaum gesehen, wieder verschwindet, gleich einem in Sand gemalten, farbefrohen Mandala. Ein Haus, in dem es rumort und unentdeckte Türen und Räume auftauchen und diese mit seinen Mietern verschwinden können…

Der Roman liest sich wie ein surrealer Besuch bei „Biedermann und die Brandstifter“. Ferner werden durch diesen experimentellen Roman Erinnerungen an Michael Endes Stück „Die Spielverderber – Oder Das Erbe Der Narren: Commedia Infernale“ wach.

Es ist ein phantastisches Buch voller irrer und skurriler Figuren und Geschichten. Ein Mehrfamilienhaus mitten in der Stadt, das bewohnt wird von Menschen, die sich mehr oder weniger gut kennen. Das Buch erzählt in kurzgehaltenen Kapiteln von den jeweiligen Bewohnern des Hauses Nummer 29. Wir begegnen chronisch schlaflosen Menschen, die uns verschroben im Treppenhaus begegnen und sich gerne einladen lassen. Wir lernen Ronda kennen, die ein Aquarium mit Goldfischen hat. Doch hält die Fische nichts in ihrem lebenswichtigen Nass. Ronda wacht auf und entdeckt, dass ihre Fische nicht im Aquarium bleiben wollten. Die toten Tiere werden in Blumenerde unter Katzenminze beerdigt, was wohl auch für den komischen Geruch im Haus sorgt. Es gibt auch eine Wohnung im vierten Stock mit Katzenklappe, die lediglich zum Balkon führt. Jetzt wohnt dort ein Bewohner, der kein Haustier hält, aber dies als Minifluchtweg ansieht. Im Haus leben auch einige Kinder, die anfänglich viel mit Maia spielen. Maia spielt gerne Verstecken und buddelt Löcher, gleich einem Maulwurf, bis sie später ganz verschwindet. Die zentrale Figur im Haus scheint Rita zu sein, die schon ewig im Haus Nummer 29 wohnt. Sie kennt alle und beobachtet das Leben um sie herum.

Gleich der „Vegetarierin“ von Han Kang lernen wir ein Ehepaar kennen, dessen Liebe aus einem natürlichen Umfeld in eine unnatürliche Transformation erwacht. Don der jetzt als Baum auf Linas Balkon steht, gepflegt und geliebt wird, ist ein Magnet für Besucheranstürme und seine Früchte der Grundstoff süßer Marmeladen. Ein Mitbewohner, der sich durch die offenstehende Tür Zugang verschaffen hat, lebt fortan im Fahrstuhl und richtet seine Kochnische im vierten Stock ein. Das Haus und seine Bewohner haben alle ein Eigenleben. Die Bewohner beleben das Haus und das Haus ist der Handlungsort des allmählichen Verschwindens, denn es gibt nicht nur Kinder, die sich durch die Mauern beißen und graben, sondern auch eine Wohnung, die die Mieter verschluckt. Rita ist die Person, die wohl alles versteht und ihr Wissen gerne teilen würde.

Der Werbespruch eines großen Möbelunternehmens wabert beim erstaunten Lesen im Kopf herum. Denn es gibt Menschen, die Wohnen einfach und es gibt Menschen die erfüllen ganz und gar ihren Wohnbereich. Alle Nachbarn sind, zumindest durch das Haus, miteinander verbunden. Doch spiegeln sie ebenfalls den Zeitgeist der inneren Vereinsamung. Gleich Schnecken, die ihr Haus mit sich herumtragen und durch ihr Leben kriechen. Laut dem Buch gibt es auch Nacktschnecken, dessen Haus sich auflöst und gänzlich verschwindet…

Anfänglich lässt sich der Roman schwer einordnen, durch die sehr kurzen Kapitel durchwandert man aber sehr schnell das ganze Haus und liest den Text gebannt und verfolgt staunend die ganzen Geschichten.

Ein phantastischer, surrealer und kurzweiliger Roman. Die Autorin hat ein sehr außergewöhnliches, gewöhnungsbedürftiges Werk geschaffen. Sprachbegabt versteht es Juliana Kálnay uns durch das Treppenhaus ihrer großen Phantasie zu jagen. Gleich Rita im Roman lernen wir Leser, durch Wände zu sehen und werden Zeuge jener komischen, berührenden Episoden.

Zum Buch / Shop

5 Kommentare

Eingeordnet unter Erlesenes