Hanya Yanagihara: „Ein wenig Leben“

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Ein monströses Buch, das man, sobald man die ersten Seiten gelesen hat, verschlingt, oder besser gesagt das uns Leser verschlingt. Denn gleich einem Mahlström wird man in die Handlung hineingezogen. Ein Roman, der sprachlich und literarisch toll zu lesen ist und nicht nur durch seinen Umfang viel vom Leser abverlangt. Man wird mit den Figuren sofort vertraut und leidet im wahrsten Sinne mit ihnen. Das Buch ist monströs, weil es voll ist mit Leid und die Melodramatik gerne überreizt, was dem Lesegenuss aber keinesfalls schadet. Es ist ein Wechselspiel zwischen dem gebildeten, kunstliebhabenden und dem einfachen, ländlichen Amerika. Ein Gegenwartsroman, der durch seine Rückblicke lebt. In der erzählerischen Gegenwart, die aber keinen realen Bezug bekommt, treffen wir auf wohlwollende, großzügige und hilfsbereite Menschen. Doch flechtet sich immer mehr die Vergangenheit der Charaktere in die Handlung mit ein und öffnet jenen angedeuteten Mahlström an Leid, Gewalt und Missbrauch. Im Vordergrund steht und glänzt aber immer die Freundschaft und die Liebe.

„Mein Leben, wird er denken, mein Leben. Aber weiter wird er nicht denken können, und er wird diese Worte im Geiste wiederholen – Mantra, Fluch und Ermutigung zugleich…“ (Seite 211)

Es ist eine lebenslange Männerfreundschaft, die ihren Anfang im College in New England nahm. Nach dem Studium sind alle nach New York gezogen, um dort ihre beruflichen Ziele zu verwirklichen. Hier beginnt die Handlung gleich einem typischen Roman über das Erwachsenwerden. Die Wohnungssuche, die Partys, die Verhältnisse und die alltäglichen Identitätskrisen. Es sind die vier Freunde: Willem Ragnarsson, der auf einer Farm in Wyoming aufwuchs und aus einfachen Verhältnissen stammt. Er hat früh seinen Bruder verloren, was für die psychologische Entwicklung des Romans wichtig ist. Er ist ein gutaussehender Mann, der am Anfang des Buches von einer Karriere als Schauspieler träumt, die sich im Verlauf der Handlung auch immer mehr bewahrheitet. Jean-Baptiste Marion, der stets nur JB genannt wird, ist der Sohn von Einwanderern aus Haiti und strebt ein Künstlerleben an. Er arbeitet in einem Atelier, das er sich mit anderen jungen Künstlern teilt und jobbt nebenbei an der Rezeption einer Kunstzeitung, mit der Hoffnung dort die Redaktion auf ihn aufmerksam machen zu können. Malcom Irvine stammt aus einem wohlhabenden Elternhaus. Im Gegensatz zu JB, der in einer heruntergekommenen Wohnung lebt und Willem, der sich mit Jude eine Wohnung sucht, lebt Malcom anfänglich noch bei seinen Eltern. Aber er lebt unter dem Rad seines Vaters, einem afroamerikanischen Juristen. Malcom baut in seinem Zimmer architektonische Modelle und wird von seiner Mutter emotional getragen. Die zentrale Figur im Roman ist Jude St. Francis, um den sich auch der ganze Freundeskreis zu drehen scheint. Jude ist ein gebildeter, junger und aufopfernder Mann, der Mathematik und Jura studiert. Ihm geht es um die Philosophie und um die Klarheit der beiden Fächer, die auf den ersten Blick wenig gemein haben. Doch ist er auch der Unbekannteste aus der Clique und langsam erfahren wir Leser auch immer mehr aus der Kindheit und Jugend der Protagonisten, besonders den Leidensweg von Jude.

Durch anfänglich kleine Bemerkungen und dann immer mehr werdende Andeutungen erfahren wir von den Schmerzen und inneren Dämonen, die in Jude wohnen und ihn niederschmettern. Keiner der Freunde weiß, woher er diese Schmerzen hat. Alle meinen, es sind die Beine, doch ist es die Wirbelsäule die ihn plagt. Hinzu kommt, dass er seinen inneren Hyänen durch angelernte Selbstzüchtigungen zu bändigen versucht. Eines Abends weckt Jude Willem mit einem Handtuch um den Arm gewickelt und bittet ihn um Verzeihung und um Hilfe. Jude ritzt sich und in dieser Nacht hat ihn der Schnitt mehr verletzt als er gewollt hatte. Ein befreundeter Arzt nimmt sich stets seiner an und kann erahnen, welche Pein in Jude schlummert. Langsam baut sich das ganze Drama auf und wir Leser erfahren seinen Leidensweg. Er war ein Findelkind, das man neben einem Kloster beim Müll gefunden hatte. Im Kloster lernt er die Entbehrungen kennen, aber er sehnt sich nach Persönlichkeit und Eigentum. Von den Mönchen wird er gemaßregelt und körperlich bestraft. Doch ist dies lediglich der Anfang seiner Geschichte, die es gilt als Leser selbst zu entdecken, denn der Sog der Geschichte liegt besonders in dem Erkunden und Abtauchen in die Welt der Dunkelheit.

Später ist es die Freundschaft zu Malcom, JB und besonders zu Willem, die ihm Halt gibt. Neben der dunklen Vergangenheit steht die Hoffnung auf eine Zukunft ohne die Ungeheuer der Vergangenheit. Hinzu kommen Harold und Julia, die Jude finanziell und emotional unterstützen und ihn auch als jungen Mann adoptieren.

Das Buch ist teilweise schwer zu ertragen und in Teilen überspitzt geschrieben. Aber es ist ein Roman, in den man versinkt und der große Empathie im Leser weckt. Es sind Männer, die den Roman beherrschen, Frauen sind meist Nebenfiguren. Die überfüllte Melodramatik mit ihren Cliffhangern ist ein gut eingesetztes Handwerksmittel, um den Leser an den Text zu fesseln. Der ganze Roman entwickelt eine enorme Anziehungskraft und das Zentrum des Traumas aus Missbrauch und Gewalt lässt einen erstaunen und erschauern.  Ich meine es nicht negativ, aber das ganze Buch ist gleich einer großartigen Fernseh- (Spielfilm-) Serie, von deren Charakteren man beim Schauen so gebannt ist, dass man nicht aufhören kann hinzusehen.

Ein in Amerika viel diskutiertes Buch, das nun auf Deutsch erschienen ist und ebenfalls viele Leser berühren wird. Ein Buch, das mit viel Sprachgefühl und einer gut erzählten Geschichte geschrieben wurde. Ein Roman, der ein Gefühlschaos heraufbeschwört und trotz der im negativen und im positiven überspitzten Darstellungen sehr überzeugen kann. Ein Roman, der einen nicht mehr loslässt, über unaussprechlichen Schmerz, Grausamkeit und ernste, tiefe Freundschaft. Er baut durch die Erzählstruktur Empathie zu den Charakteren auf. Dies ist der Reiz des Werkes, denn man liest mit einem Grausen den Text über die schrecklichen und schönen Möglichkeiten des Lebens. Auch der Umschlag des Buches spiegelt dies wider: Ein Mann in einem intimem Moment. Ein Blick, der uns eigentlich wegschauen ließe, denn es könnte ein Orgasmus oder ein tief empfundener Schmerz sein, den der Mensch gerade durchleidet. Das Buch wird wohl eines der viel diskutiertesten Werke des Jahres werden…

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Siehe auch die Besprechung der Klappentexterin , auf: letteratura , Letusreadsomebooks (zur engl. Ausgabe) und masuko13

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David Garnett: „Mann im Zoo“

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Ist eine Artgerechte Tierhaltung im Zoo möglich und sind wir Menschen nicht auch Tiere?

Der Roman „Mann im Zoo“ wirft Fragen auf und ist nebenbei eine sehr gute, literarische Unterhaltung, die bereits 1924 in England erschienen ist. Die Geschichte von Diogenes im Londoner Zoo ist auch gespickt mit viel britischem Humor.

Wir lernen John Cromartie bei einem Besuch mit Josephine Lackett im Londoner Zoo kennen. Auf den ersten Blick wirken sie wie ein Liebespaar, doch sie streiten sich beim Flanieren vor den Tieren. Sie hat seinen Antrag abgelehnt und verweigert sich der Verlobung. Der Streit wird immer beleidigender und sie nennt ihn ein Überbleibsel, einen Tarzan, der zu seinen Freunden ausgestellt gehört. Da sie ihn, den Tarzan in ihren Augen, nicht heiraten möchte, verabschiedet er sich und sie gehen getrennte Wege.

Die Vorwürfe haben ihn getroffen und er überlegt, ihren Ratschlag anzunehmen. Nicht, um es ihr zu beweisen oder sie zu verletzten, er findet, der Homo Sapiens gehört ebenfalls in dem Zoo ausgestellt, da sonst auch alle anderen Tiere im Tierpark zu sehen sind. John schreibt tatsächlich einen Brief an die Verwaltung des Zoos und bietet sich dem Park als Ausstellungsstück an. Sein Brief wäre wohl nicht so angenommen worden, wenn sich nicht ein unbeliebtes Mitglied des Vorstandes so sehr in Empörung über jenes Anliegen hineingesteigert hätte. Der unliebsame Vorstandsmensch droht mit seinem Rücktritt, würde man in Erwähnung ziehen, John Cromarties Bitte nachzukommen. Also ist die Einstellung als Mensch im Zoo zügig ausgesprochen. John bekommt einen Käfig mit eigenem Bad und Schlafraum. Er möge sich aber sonst stets vorne aufhalten und sich gerne wie jedes andere Tier benehmen. Fortan lebt John im Zoo zwischen seinen neuen Nachbarn, einem Schimpansen und einem Orang-Utan. Er wird die Zooattraktion, die bestaunt, belacht und gerne aufgesucht wird. Abends nutzt er seine Freigänge im Park und lernt, sich den tierischen Instinkten und Verhalten anzupassen. Der Pfleger des Affenhauses ist auch für seine Belange zuständig und so lebt er sich schnell ein und lebt Diogenes gleich in seinem Gehege. Da er aber mehr Besucher an seine Gitterstäbe lockt als seine Nachbarn, macht er sich auch nicht gerade unter den Tieren beliebt, da diese nun weniger Zuwendung und Aufmerksamkeit bekommen. Seine Ignoranz gegenüber seinen Zellengenossen verstärkt deren Haltung, die für ihn gefährlich werden könnte. Lediglich mit einem Karakal, einer afroasiatischen mittelgroßen Katze, die auch als Wüstenluchs bezeichnet wird, freundet er sich an.

Da er seinen Einzug in den Zoo nicht als Belehrung, Rache oder dergleichen angetreten ist, wächst nun in ihm eine Unruhe und Befürchtung darüber, was er tun soll, wenn Josephine ihn im Zoo aufsucht. Noch schafft er es, die Besucherströme auszublenden und nicht wahrzunehmen, aber was passiert, würde sie ihn so sehen? Denn natürlich hat sie auch der Presse entnehmen können, dass John tatsächlich im Zoo ausgestellt wird. Ist er verrückt geworden? Was ist mit seinem Leben? Was mit seiner Liebe?

Als sie dann doch vor ihm steht, verbietet er ihr sogar den Besuch. Doch da er nun ein Tier unter Tieren ist, kann ihn jeder, ob er möchte oder nicht, aufsuchen und ansehen.

Als der Zoo noch weitere Menschen aus allen Regionen ausstellen möchte, eskaliert es und Tier und Mensch kommen sich unliebsam näher. Ob John und Josephine sich doch erneut als Menschen begegnen und was aus der Idee wachsen kann, Menschen und Tiere auf eine Ebene als Ausstellungsstücke zu stellen, sei nun dem Leser überlassen, der sich auf sehr vergnügliche Lesestunden freuen kann. Ein Roman voller tierischer Menschen und menschlicher Tiere. Die meisten sind dickköpfig und verrennen sich. Fast alle Beweggründe geschehen aus Eifersucht, Liebe und Neid. Ein feiner, unterhaltsamer und gut geschriebener britischer Roman, der nun in deutscher Übersetzung vorliegt.

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Jochen Rausch: „Im Taxi“

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Ein Buch über Taxifahrer und ihre Geschichten. Sie fahren Tag und Nacht – sie erzählen und hören zu. Meist sind es ganz kurze, oberflächliche Gespräche, die aber in der Summe ein Panorama aus Ansichten, Meinungen und Erfahrungen mit uns teilen. Die Fahrgäste und die Taxifahrer haben eins gemeinsam, sie müssen irgendwohin fahren. Nur ist es der Fahrgast, der das Ziel angibt. Es gibt wohl 250.000 Taxifahrer in Deutschland und jeder mit einer eigenen Geschichte.

Jochen Rausch ist viel mit dem Taxi gefahren und hat den Fahrern zugehört. Er machte sich seine Notizen und versuchte auch den Stil des Gesagten beizubehalten. Aus diesem Potpourri sind 120 Miniaturen aus unterschiedlichen Städten entstanden, die nie länger als eine Seite sind. Jede Geschichte öffnet eine Welt, die man kurzweilig besucht. Jochen Rausch als Schriftsteller versteht es, nicht zu werten, sondern einfach den Wortlaut und das Erzählte unkommentiert auf den Leser wirken zu lassen. Es sind oft Menschen, die diesen Beruf als Übergangsjob ausüben oder, weil zurzeit keine Alternative für den Fahrer ersichtlich ist.

Jochen Rausch, bekannt durch den Roman „Krieg“ (wird gerade verfilmt), fährt ungern selber Auto und nimmt bevorzugt die öffentlichen Verkehrsmittel. Im Taxi sitzt er meist vorne neben dem Fahrer und fördert das Gespräch. Nicht immer erwünscht oder positiv, wie auch gleich der Einstieg im Buch zeigt. Hierbei ist ihm wohl die Idee gekommen, diese festzuhalten und zu notieren. So sind diese Geschichten „Im Taxi“ entstanden, die im Radio bei NDR Kultur und WDR 5 liefen und jetzt als Buch vorliegen.

Man fühlt sich erinnert an den Episodenfilm „Night on Earth“ von Jim Jarmusch und bummelt mit Jochen Rausch durch die Städte und taucht ein in kurzweilige Miniaturwelten, die anregen und nachklingen können. Mal sind die Menschen, die uns fahren, sympathisch, mal staunt man einfach und auch unsympathische Taxifahrer lassen uns in ihr Fahrzeug einstiegen. Es sind u.a. Filmemacher, die auf ihre Chance warten, Flüchtlinge, die in Deutschland lieber Taxifahren, als in ihrer Heimat Menschen verarzten. Fahrer, die sich als Könige empfinden oder als Verlierer. Aber auch sie müssen viel aushalten: die Fahrgäste bringen ebenfalls ihre Geschichten mit in den Fahrgastraum und benehmen sich dort oft nicht wie Gäste. Die meiste Zeit verbringen die Taxifahrer mit warten und wenn endlich ein Gast in den Wagen steigt, ist man froh, wieder einen Gesprächspartner zu haben. Der ehemalige Studentenjob wird nun oft von Menschen ausgeübt, die gerade mal so mit ihrem Gehalt leben können. Es sind u.a. ehemalige Ärzte mit Migrationshintergrund oder Kunst- und Literaturliebhaber. Rausch gibt allen, den gebildeten und den einfachen Leuten eine Stimme und wir erlesen deren Geschichten in kurzen Sätzen, aber stets im engen Raum eines Taxis aufgefangen.

So ist das Buch ein Reigen an Eindrücken, die man zügig erliest, aber länger im Kopf behalten wird. Jochen Rausch lädt uns ein zu einer besonderen Reise durch Deutschland. Auf kleinstem Raum öffnet das Buch ganze Geschichten, die authentisch sind und uns im wahrsten Sinne des Wortes etwas erfahren lassen.

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Martin Suter: „Elefant“

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Der neue Martin Suter lehrt die Ehrfurcht vor dem Leben, wie auch immer es entstanden sein mag und wo auch immer es lebt und liebt. Suter schreibt über große Themen und spielt mit dem Gedankenkonstrukt der Evolution versus Schöpfung. Das eine als der natürliche Lauf der Dinge und das andere als das bewusste Eingreifen, um Leben zu manipulieren mit dem Ziel, daraus Gewinne zu erwirtschaften. Es wäre wohl kein Suter, wenn er nicht mehr aus seinen Texten und Ideen herausholt. Es geht auch um die Menschlichkeit, die in verschiedenen Facetten im Roman beschrieben ist. Die Charaktere sind Obdachlose, ein Elefantenflüsterer, ein Zirkusdirektor, Veterinäre, Wissenschaftler und ein kleiner, rosa Elefant, der im Dunkeln leuchtet.

Schoch lebt in seiner versteckten Höhle am Fluss. Seine Behausung hat er geerbt von einem Mitobdachlosen, der, als dieser mit dem trinken aufhörte, kurz darauf verstorben war. Aus Angst, selbiges Schicksal zu erleiden, hält Schoch seinen Pegel. Aber vor zehn Uhr rührt er keinen Alkohol an, lediglich seine zwei Morgenkaffee, die er sich in der Stadt günstig zu besorgen weiß. Eines Nachts nimmt er im Rausch einen Besucher in seiner Höhle wahr. Erst denkt er, es sei ein leuchtendes Spielzeug, ein rosa Minielefant. Doch es ist ein lebendiges Tier, das ihn, nachdem er realisierte, dass es keine Alkohol geschwängerte Traumwahrnehmung ist, als neue Ziehmutter annimmt.

Es ist ein Experiment, das in Sri Lanka seinen Anfang nahm. Der Genforscher Roux ist karriereversessen und möchte seinen ehemaligen Arbeitgeber, der ihm seine Patente geklaut hat, nun mit einer eigenen Firma übertrumpfen. Er hat sich befruchtungsfähige Eizellen eines Elefanten aus Sri Lanka organisiert und hat diese genetisch modifiziert. Ein Zirkusdirektor, der mit seinen Elefanten Nebeneinkünfte durch Leihmutterschaft erzielt, stellt Roux eine Elefantenkuh zur Verfügung. Roux ist es gelungen eine Kombination aus Luziferin und dem Pigment vom Mandrill in das Erbgut zu integrieren. Der neugeborene Elefant würde dann nicht nur im Dunkeln leuchten, sondern er wäre auch komplett rosa. Dies würde eine neue Welt öffnen: Tiere als perfektes Maskottchen oder ähnliches. Der chinesische Markt hat sich in seine Firma eingekauft und hegt ebenfalls reges Interesse an diesen neuen Möglichkeiten. Doch entwickelt sich der Embryo ganz anders. Er leidet unter mikrozephalem osteodysplastischen primordialen Zwergwuchs Typ II. Der Fötus wächst kaum im Mutterleib, entwickelt sich aber sonst ganz normal.

Der Elefantenpfleger, Kaung, liebt seine heiligen Tiere und plant mit dem Tierarzt Dr. Reber eine nicht für alle lebensrettende Verschwörung. Sie verheimlichen die Geburt und verstecken den kleinen Elefanten, den sie Brisha, nach dem Hindi-Wort für Regen, nennen. Doch die Gegenspieler ahnen den Komplott und bekommen Hilfe von einem chinesischen Unternehmen, das in dem rosa Minielefanten, der nachts leuchtet, ein gelungenes Spielzeug wittern. So kommt es zu einer Flucht, die nicht für alle glimpflich ausgeht und Brisha landet in der Welt von Schoch, der den Elefanten fortan Sabu nennt. Jetzt werden Schoch und Valerie, die Schoch mit Sabu unterstützt, die Gejagten.

Ein kleiner Minielefant als Held klingt süß. Man möchte doch auch so einen Freund als Haustier haben. Aber genau hier setzt Suter ein. Was bilden wir Menschen uns ein, dass wir alles was niedlich ist, haben und manipulieren möchten? Auch der Elefant im Roman verlangt Respekt. Er will als echtes, ehrfurchtvolles Lebewesen gesehen werden. Wir Menschen forschen und werden durch das zu genaue Hinsehen oft auf vielen Augen blind. Der Vorteil, Erbgut zu entschlüsseln, kann bedeuten, dass man Genfunktionen ausschalten und u.a. Krebs sowie Alzheimer besiegen könnte, aber es weckt auch kriminelle Energie. Wir bauen uns eine Welt, in der wir das Wachstum selbstbestimmt kreieren wollen. Aber wo sind die Grenzen und wo bleibt die Menschlichkeit?

Suter spielt mit kleinen sowie konstruierten Wundern, umspannt den ganzen Bogen der Gesellschaft und stellt nebenbei sozialkritische und ethische Fragen. Der Roman entwickelt einen spannenden Plot, der sofort Bilder im Leser hervorzaubert und man taucht gerne erneut ein in die Romanwelt von Martin Suter, die bildet, unterhält und feinen Lesespaß verspricht und  auch hält.

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Siehe auch die Besprechungen auf: brasch & buch und Pinkfisch

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Fabian Hischmann: „Das Umgehen der Orte“

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Fabian Hischmann zitiert am Anfang in seinem neuen Roman ein Kinderlied aus dem Film „Stand by me – Das Geheimnis eines Sommers“. In dem Film geht es um eine Gruppe von Kindern, die im Verlauf der Handlung den Schritt ins Erwachsenenleben machen müssen. Aber was passiert danach? Dieser Frage geht Hischmann nun nach. Seine Bande von Charakteren wird uns Lesern in einem Episodenroman vorgestellt. Figuren, die Tiefe bekommen, die man dann wieder aus den Augen verliert, um später woanders wieder aufzutauchen oder lediglich erwähnt zu werden. Das ganze Personal ist, so stellt es sich am Ender heraus, miteinander verwoben und erst dann steht man vor einem Mosaik aus vielen kleinen Steinchen. Eins haben die meisten Charaktere aber gemein, sie sind getrieben durch das Findenwollen. Es sind meist junge Menschen, die durch ihre Sehnsüchte, Verzweiflung und Hoffnungen sich umkreisen, Orte suchen und finden. Meist sind es Umwege und die Berührungspunkte untereinander können ganz klein und nur für den Leser ersichtlich bleiben.

Man sollte dieses Buch aufmerksam lesen, denn einige Episoden sind kurz und der Reigen an Personal nimmt zu und man blättert öfters zurück, um die Person, die man eventuell verloren meint, wieder zu finden. Fabian Hischmann war 2014 mit seinem Debütroman „Am Ende schmeissen wir mit Gold“ für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Zu diesem Buch hatte ich hier folgendes geschrieben: „Ein tragisch-komischer Text, der handwerklich sehr routiniert geschrieben ist und sich wohl schnell in den Reigen der neueren deutschen Autoren einfinden wird.“ Ich denke, dass Fabian Hischmann dies nun erneut beweisen konnte. Ein Buch, das mich hadern ließ, ob ich es wirklich beim Lesen mochte. Die Sprache ist mal kunstvoll, dann wieder alltäglich und ein wirklicher Handlungsbogen erschließt sich erst beim Beenden der Lektüre. Aber gerade beim Zuklappen des Buches wandern die Gedanken zurück und man verweilt in diversen Szenen.

Die Handlung nimmt seinen Anfang mit Lisa. Sie futtert ihren Kummer in sich hinein und befreundet sich mit Anne, dem rebellischen Nachbarsmädchen. Lisa wird wegen ihres Körperbaus gerne gehänselt. Nur Anne sieht in ihr etwas mehr. Es gesellt sich Magnus hinzu, der mit Anne die erste Liebe erlebt und gemeinsam zementieren sie die Löcher im nahe gelegenen Golfclub zu. Da Lisa nie friert, entschließt sie sich nach Island zu gehen. Ab jetzt gesellen sich immer weitere Charaktere hinzu. Die Perspektiven verändern sich und die Handlung verheddert sich immer mehr, um letztendlich auf der kalten Insel zu enden. Es sind Menschen, die man schnell verstehen lernt. Junge Leute, die u.a. in der Seehundstation arbeiten, im Kino Popcorn verkaufen oder die ganze Welt bereisen. Die Themen sind unspektakulär und dennoch lebenswichtig: Unser Miteinander, unsere Liebe, Sexualität und unsere Krisen. Ein junger Autor, der nach seinem Erfolg verstirbt. Eine Party, die Erinnerungen wachrüttelt und Menschen zusammenbringt. Doch sind die Berührungspunkte meist klein und jeder verbleibt in seinem Kosmos. Ein Lebenskonzept als Roman, in dem man auch schon mal einen Sommer verpasst. Ein Roman, der die Zeit von 2004 bis 2020 umspannt. So kommen auch bekannte Persönlichkeiten vor. Matt Damon verstirbt in naher Zukunft und Nick Cave geht mit seinem Boot, der „Henry Lee“, auf hoher See verloren. „Henry Lee“ ist eine weitere Anspielung auf einen Song. Er wurde auf dem Album „Murder Ballads“ von Nick Cave veröffentlicht. Diese Balladen sind gleich diesem Roman ein Reigen an tragischen, schönen und bizarren Geschichten.

Ein Roman, der voller Leben steckt. Teilweise geht es aber am Leben vorbei und die Charaktere umwandern ihre eigentlichen Orte. Ein Buch, das reduziert in der Sprache und Handlung einen weiten Bogen spannt, der aus vielen kleinen einzelnen Steinchen erbaut wurde. Ein realistischer Gesellschaftsroman der in die verlängerte Gegenwart schaut. Die Sehnsucht nach Zusammengehörigkeit und nicht bloß schnöde Vernetzung.

Fabian Hischmann wird eventuell eher junge Menschen, die die Literatur für sich entdecken, ansprechen. Er ist ein junger Autor, der es kunstvoll versteht, seinen Gedanken Ausdruck und Leben zu geben. Durch die etwas einfache Sprache und vulgären Ausdrücke, die als Kunstmittel eingesetzt sind, wirkt es ab und zu gekünstelt übertrieben und zielgruppengerecht eingesetzt. Aber wenn man als Leser, im Gegensatz zu den Figuren, die Übersicht behält und am Ende das Buch zuklappt, seht man erstaunt vor dem ganzen Mosaik und fühlt sich erneut in den einen oder anderen Charakter oder Handlungsstrang hinein. Dann blickt man gerne zurück und man erwischt sich beim erneuten Hin-und-Her-Blättern im Buch.

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Helge Keipert: „Der Werwolf“(CD)

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Dieser Leseschatz ist mehr ein Hörschatz, der aber besonders durch die Sprache und die Texte lebt.

Helge Keipert ist ein Songwriter und, wie er sich gerne selbst betitelt, eine One Man Band. Sein Mutterschiff ist aber die Band „Merlot“, die auch zur Eröffnung unserer Buchhandlung gespielt hatte.

Der Werwolf – Ein Lebenstraum ist in Erfüllung gegangen! So ist es auf Helges Homepage zu lesen. Lange ging er mit der Idee schwanger, eine CD mit deutschen Balladen einzuspielen. Früh hatte Helge seine Liebe zu Balladen und Gedichten, die Geschichten erzählen, entdeckt. Es sind Texte, die zwischen 1640 und 2016 entstanden sind. Es sind Gedichte von H. Heine, C.F. Meyer, C. Morgenstern, E. Kästner, F. Wedekind, E. Jandl und einige mehr. Die Texte zu den meisten Balladen sind hier.

Helge ist der Schöpfer des Musikalischen und versteht es, sich zurückzunehmen und den Text in den Vordergrund zu stellen. Er singt oder spricht alle Texte selbst und hat die CD mit guten Gastmusikern eingespielt. Lediglich bei zwei Liedern bekommt er Unterstützung durch seine Tochter, die eine sehr angenehme Stimmabwechslung einbringt. Die einzelnen Songs zu besprechen erübrigt sich, denn es ist eine CD, die Spaß machen soll und entdeckt werden möchte. Die Musik ist passend zu den einzelnen Balladen komponiert. Mal erklingt der klassische Minnesänger, mal der Storyteller, der es gern auch etwas rauer mag. Man hört aber mehr auf die Texte und die besonderen Betonungen der Worte. Stets ist es die Liebe zum kleinsten Detail und der Sprachwitz, die begeistern.

Wir kennen es wohl alle aus der Schule, als man einzeln oder im Klassenchor die Gedichte oder Balladen zitiert hat. Oft sehr dramatisch, aber stets voller Kraft und bestimmt auch mit viel Gefühl. Als Schüler war es wohl eine Pflicht, die dann aber durch die Tiefe der Sprache und der transportierten Emotion etwas in einem jeden angesprochen hat und zurückblickend wohl vieles anregen konnte. Besonders die Vielfältigkeit und die Wortkunst sowie der Wortwitz haben es mir und wohl auch Helge angetan.

Die Erde ist ein gebildeter Stern oder ein eingebildeter Stern? Diese Frage trällert in mir und hinzu gesellen sich viele Ohrwürmer und Zitate aus diversen Balladen. Die CD ist eine nette und neue Begegnung mit der deutschen Lyrik und macht Lust, sich erneut mit Balladen und Gedichten zu beschäftigen.

Die CD gibt es bei und in der Buchhandlung Almut Schmidt oder auf der Homepage von Helge Keipert – hier kann man auch Songs probehören. (Es ist auch für 2017 ein Konzert bei uns geplant. Den genauen Termin geben wir noch bekannt. )

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T. C. Boyle: „Die Terranauten“

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Das Leben unter einer Glaskuppel. Was passiert wenn vier Männer und vier Frauen in einem Terrarium eingesperrt werden und zwei Jahre darin überleben sollen? Es gibt nur eine Regel: Nichts darf rein und nichts darf rauskommen. Der Vergleich zu diversen Fernsehprofilen der Gegenwart drängt sich beim Lesen auf, denn besonders die Auswahl der Probanden erinnert an bekannte Castingshows. Das Dschungelcamp oder Big-Brother unter dem Deckmantel der Wissenschaft. So liest sich auch der Roman sehr zügig und man mutiert selbst zu einem kleinen Voyeuristen.

T.C. Boyle, wohl der Rockstar der amerikanischen Literatur, versteht es erneut uns Leser zu fesseln. Er ist ein sarkastischer, kluger Autor, der gerne Fakten als Grundlage seiner Romane nimmt, die dann literarisch, gesellschaftskritisch und voller wundersamer Geschichten sind.

„Die Terranauten“ beginnt im Jahr 1994, als eine Gruppe von begeisterten Wissenschaftlern der Frage nachgeht, ob Leben in einem eigenständigen, geschlossenen ökologischen System langfristig möglich ist.  Dieses Experiment hat man in Arizona tatsächlich durchgeführt. Die sogenannte „Biosphäre 2“ ist ein Gebäudekomplex mit dem Ziel, ein von der Außenwelt unabhängiges, in der ursprünglichen Planung sich selbst erhaltendes Ökosystem zu schaffen. „Biosphäre 2“, da es als zweite „Erde“ gesehen wird. Im Roman ist es eine riesige Glaskuppel, die „Ecosphere 2“ genannt wird. Die Leiter und die sehr vermögenden Sponsoren planen eine zehnjährige Laufzeit mit je zweijährigem Teamwechsel. Das Team muss sich in diversen Eignungstests behaupten. Sie werden zu Meer und zu Land in diversen Landschaftsformen getestet. Der Roman beginnt, als die letzten sechszehn Teilnehmer zum Gespräch gebeten werden. Es sollen die Namen, der Personen genannt werden, die es in die Kuppel geschafft haben. Aus drei verschiedenen Perspektiven, die stets in gleicher Reihenfolge aufeinanderfolgen, erschließt sich die Handlung. Die Helden des Romans sind Dawn Chapman, gefolgt von Ramsay Roothoorp und Linda Ryu. Dawn und Linda haben sich in der Bewährungsphase angefreundet und beide warten auf ihr Ergebnis. Da von den sechzehn nur acht weiterkommen, ist die Aufregung sehr groß. Dawn und Ramsay werden genommen und Linda muss draußen bleiben. So wird das Leben in der Kuppel aus zwei Perspektiven erzählt, während Linda alles mit Missgunst und Neid von draußen als Angestellte des Mission Control beobachtet und infiltriert.

Der Einzug soll ein großes Medienspektakel werden. Doch ist es bereits der zweite Einzug, das vorangestellte Team hatte die Luftschleuse geöffnet, weil eine Teilnehmerin durch einen Unfall einen Finger verloren hatte. Nach der Operation ist diese Teilnehmerin mit Einkaufstüten erneut in die Ecosphere eingezogen. Dadurch verlor das Experiment an Glaubwürdigkeit und das mediale Interesse verebbte.

Doch einige Schaulustige und Journalisten sind beim Einzug der acht neuen Bewohner anwesend. Mit freudigen Primatenrufen ziehen diese in ihre neue Heimat für die kommenden zwei Jahre ein. Sie nehmen sich fest vor, egal was passiert, dass die Schleuse geschlossen bleibt. Jeder hat nun seine Aufgabe zu erfüllen. Dawn ist für die Pflege der Tiere zuständig und Ramsay ist u.a. das Sprachrohr zu den Medien. Sie müssen von dem leben, was sie im Terrarium anbauen und ernten können. Sie haben verschieden Landschaftsformen und somit wächst auch unterschiedliche Fauna und Flora in dem großen Gewächshaus. Sie müssen sich u.a. mit Ameisen, Kakerlaken und Galagos zurechtfinden und deren wichtigen Beitrag in der Ecosphere berücksichtigen. Man kann alle möglichen Welten erschaffen und wenn diese belebt werden, kann wohl alles passieren und es kann für alle zu ungeplanten Überraschungen kommen. Die Natur verläuft gerne entgegen den Erwartungen der Wissenschaft. So werden die Nahrung und zuletzt sogar der Sauerstoff immer knapper.

Im ersten Jahr leben sich die Probanden ein und bekommen andere Gesichter nur durch eine gefängnisartige Besucherzone zu sehen. Dadurch kommt es auch zu ersten zwischenmenschlichen Problemen und Phantasien. Ramsay, der leicht sexsüchtig ist, nähert sich Dawn immer mehr. Diese unwissenschaftlichen Züge sind es, die das allgemeine Interesse am Projekt beleben werden. Denn die unwiderstehlichen Phantasien von Entblößungen, Entgleisungen und der Sex treffen stets den Nerv von Zuschauern, die zu der großen Kuppel reisen, um die Insassen zu beobachten und zu fotografieren. Das Leben hinter Glas bietet kaum Privatsphäre.

Zum Wechsel in das zweite Jahr wird Dawn schwanger. Das spaltet das Team und es kommt zu Turbulenzen. Doch es bleibt bei dem Leitspruch, dass nichts die Kuppel verlässt und nichts und niemand herein darf. Somit könnte es das erste Kind werden, das innerhalb einer künstlichen Atmosphäre zur Welt kommt. Aber genau das war ja eigentlich auch der Plan des Experiments, der Versuch des menschlichen Überlebens innerhalb eines kreierten unabhängigen Ökosystems. Die Medien fokussieren die Eltern des Kindes und diese werden berühmt. Dies zieht aber noch mehr Neider mit sich und Linda plant außerhalb der Kuppel an ihrer Karriere und ihrer Rache…

Der Roman ist ein typischer Boyle, der anhand dieses aberwitzigen Projekts unsere menschlichen Schwächen aufzeigt. Trotz des zynischen Tons fehlt mir zu Teilen etwas der typische Humor von T.C. Boyle und die Handlung hat ab und zu einige Längen. Dies ist aber jammern auf hohem Niveau, denn der Roman ist spannend und unterhält ungemein und ich habe ihn verschlungen.

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Ela Mang: „Menduria“

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Die Kraft der Phantasie und die der Literatur sind Leitbild für diesen märchenhaften Fantasy-Roman für junge Erwachsene ab 14 Jahren. Eigentlich kann die Menduria-Trilogie seit Tolkien und Michael Ende nicht wirklich neues erzählen, wird aber bestimmt viele Leser in seinen Bann ziehen. Für mich war es ein Buch für den Neujahrstag und ich wurde mit spannender, romantischer und fabelhafter Unterhaltung belohnt.

Gleich vielen anderen Fantasy-Stoffen (man erinnere die großartigen Chroniken über den „Zweifler“ Thomas Covenant von Stephen Reeder Donaldson) beginnt die Geschichte in unserer, der realen Welt. Lina ist 16 Jahre alt und liebt es zu lesen. Sie liest alles, was ihr ihre Mutter und die Nachbarin empfehlen, deren Hund sie gerne ausführt. Sie lebt mit ihrem Zwillingsbruder bei ihrer Mutter, die als Schriftstellerin gerade auf Lesereise ist. Der Vater ist seit einiger Zeit spurlos verschwunden. Lina hat Träume, die sich später als Visionen herausstellen und eine Welt jenseits der uns bekannten andeuten. Es scheint Wesen zu geben, die sich der Träume bedienen. Die Nachbarin scheint Kenntnis davon zu haben, denn sie überreicht Lina einen Traumfänger, der später ihrem Bruder gute Dienste erweisen wird.

Bei einer unheimlichen Begegnung tritt ein weißer Wolf, Lupina, an Linas Seite und redet mit ihr. Ab diesem Moment verändert sich alles und das Weltengefüge beginnt zu wanken. Es gibt eine Parallelwelt, die durch die Phantasie und Träume der Menschen gespeist und erschaffen wird. Diese Andernwelt nennt sich Menduria. Besonders die Träume und Geschichten von Menschen mit viel Phantasie haben in Menduria großen Einfluss. Ihre Gedankenströme erschaffen tatsächliche Welten. Linas Mutter, als Schriftstellerin, verfällt auch jenen Traumdieben und fällt in eine Art Koma.

Lupina, die ihre Gestallt verwandeln kann, bittet Lina, ihr durch eines der vielen Portale nach Menduria zu folgen, denn sie ist die Auserwählte. Sie ist es, die Menduria und somit auch ihre Mutter und beide Welten retten kann. Das sogenannte Gezeitenbuch, das Buch der Welten, hat Lina vor langer Zeit auserwählt. Nur sie wird in dem Buch lesen können und somit die Magie der Andavyan erlangen und erlernen. Das Buch ist mit sieben Siegeln geschützt, denn auch Xedoc, der dunkle Fürst, beansprucht das Buch und die Herrschaft über die Welten. Aber das Buch wird sich nur für Lina öffnen, wenn sie sich als würdig erweist. Nur durch das wahrhaftige Empfinden von: Mitgefühl, Vertrauen, Mut, Hilfsbereitschaft, Ehrlichkeit, Liebe und Vergebung werden sich die Siegel für Lina öffnen.

Wenn Lina beide Welten retten möchte, bleibt ihr nichts anderes übrig als nach Menduria zu reisen. Ihr Bruder soll in unserer Welt bleiben, damit er später das Werk ihrer Mutter, der eigentlichen Verfasserin des Buches der Welten, an bestimmten Stellen ergänzen und fortführen kann. Lina hingegen stolpert in ein Abenteuer voller Wesen aus allen Gedankenwelten der Menschheit. Ihr Widersacher ist der Fürst, der die Träume der Menschen als Druckmittel und Waffe einsetzt. Sie kann aus dem Kerker entkommen und flieht mit einem Dunkelelfen Darian.

Auch wenn Darian eigentlich der Leibwache des Fürsten angehörte, hilft er Lina und scheint in ihr auch etwas zu erkennen. Er weiß und plant mehr als alle meinen oder ahnen. Lina verfällt ihm immer mehr. Ist ihr Schicksal vorherbestimmt, bereits geschrieben worden? Auch der verschollene Vater taucht wieder auf und Lina öffnet die Siegel bewusst und unbewusst… Wird sie aber alle öffnen können? Kann sie letztendlich alle Empfindungen wahrhaftig für die Prüfungen des Buches erfühlen? Ist sie die prophezeite Retterin und kann sie die letzte Schlacht für die gute Seite gewinnen?

Das ganze Abenteuer ist in drei Teilen angelegt. Es ist ein einfacher, aber schöner Märchenroman, der die Kraft unserer Phantasie heraufbeschwört und altbekanntes mit neuem verwebt.

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Cees Nooteboom: „533 Tage. Berichte von der Insel“

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Ein Tagebuch das anfänglich eitel wirkt und den Leser fragen lässt, wie kommt es, dass der Autor seine Gedanken für so wichtig erachtet, um ein Buch über seine Grübeleien zu veröffentlichen? Aber man folgt ihm gerne und hat eigentlich kein großes Interesse an zum Beispiel Kakteen, möchte dann aber gleich dem Verfasser immer mehr erfahren.

Seit vielen Jahren verbringt der in Amsterdam lebende Autor Cees Nooteboom mehrere Monate im Jahr auf Menorca. Sein umfangreiches Werk, das in viele Sprachen übersetzt ist, umfasst Erzählungen, Berichte, Gedichte und vor allem die für mich großartigen Romane „Rituale“, „Allerseelen“ und „Paradies verloren“.

In „533 Tage“ notiert Nooteboom in einer Leichtigkeit seine Beobachtungen über die inselspezifische Fauna und Flora und gibt seinen Gedanken und Erinnerungen freien Lauf. Er schweift gerne ab und vertieft seine Gedanken über die gerade gelesene Literatur, denen man nur bedingt folgen kann, die aber neugierig auf die von Nooteboom beschriebenen Werke machen. Er beobachtet die Tiere Menorcas und hegt und pflegt mit Unterstützung seinen Garten. Die Pflanzenwelt wird zu seinen gefühlten Familienangehörigen. Sein Blick geht aber auch nach innen, in seine Sorgen und philosophischen Betrachtungen über die Gegenwart. Sorgen über die globalen politischen und kulturellen Entwicklungen. Ein Bericht über die Insel wird zu einer Betrachtung der Welt als Insel im Kosmos.

Als Leser wird man ab und zu mit seinen eigenen Gedanken allein gelassen und Nooteboom regt an und schweigt dann, um die gerade entstandene Leere vom Leser selbst füllen zu lassen. Es ist wenig eitles im Text, in dem der Verfasser sich als großen Autor sieht, der jetzt in einem Lebensalter schreibt, in dem er sich erlaubt, wie viele seiner Vorbilder, über alles schreiben zu dürfen. Dies kann ab und zu langweilen.  Aber es ist Cees Nooteboom, der diesen Bericht geschrieben hat und, so empfinde ich es, darf er es auch. Seine Frage, wo wir sind, wenn jemand anderes von uns träumt, reicht bis zur Erkenntnis, dass man die ganze Welt nicht vergessen darf. Er stellt sich dann auch die Frage, die einst schon U2 („How long must we sing this song?“) gesungen haben: Bis zu welchem Alter muss man sich um die Welt kümmern? Er ist lieber auf seiner Insel und pflegt seine Kakteen und macht sich dennoch über alles seine Gedanken. Durch das Notieren und Veröffentlichen kann es sein, dass die Welt sich etwas bessert?!…

Cees Nooteboom darf mich immer wieder in seine Gedankenwelt einladen. Es dürfte aber auch mal wieder sehr gerne ein Roman sein.

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Andreas Maier: „Der Kreis“

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Andreas Meier macht es wie viele, er erinnert sich an seinen Werdegang und schreibt große Romanzyklen. „Der Kreis“ ist der fünfte Roman der sogenannten Ortsumgehung. Der Kreis als Symbol hat keinen Anfang und kein Ende. Wenn man den Kreis als Möbiusschleife bindet, auch kein Innen und außen. Jedoch bei der Ausführung, dem Zeichnen eines Kreises, treffen sich der Beginn und der Schluss. So trifft der jetzt vierzigjährige Autor auf seinen Anfang und reflektiert über das Vorläufige und was er daraus gemacht hat.

Ein Werdegang, in dem man sich als Leser an vielen Stellen wiederfindet. Der erste Kontakt mit der Kunst und der Literatur durch den ehrfurchtvollen Blick auf die Bibliothek der Mutter. Dann keimt im Ich-Erzähler die Liebe zur Musik, die melodisch und klassisch beginnt und im Brachialen das Kontroverse sucht und findet. Dann die Berührung durch das Schultheater mit der darstellenden Kunst und der Beginn der Liebe zum Theater und der Sprache als Kunst.

Der Erzähler ist Grundschüler und schleicht sich, wenn die Mutter weg ist, in das Lesezimmer und beginnt in Nachschlagewerken zu lesen. Die belesene und leicht verkopfte Mutter sucht den geistigen Austausch mit diversen Autoren, da sie ihr eigenes belesenes Niveau ihrem Mann nicht zutraut. So ist es die Mutter, die unbewusst oder bewusst den Erzähler als Kind in die Welt der Bücher einlädt. Auch wenn die in Gesprächen gelobten und erwähnten Autoren mit den Büchern auf dem Schreibtisch oder in den Regalen nicht gleich auszumachen sind. Denn der gehörte Name Theo Düschadeng kann vom kindlichen Erzähler nicht als Teilhard de Chardin erkannt werden.

Über die ersten Versuche am Klavier und später am Schlagzeug eines Freundes kommt die Leidenschaft für die Musik. Die klassische Musik bildet den Grundstein der kommenden berauschenden Musik des Rocks. Mit dreizehn darf er mitkommen in die Frankfurter Festhalle zum ersten Heavy Metal Konzert. Um in der Clique mithalten zu können, fachsimpelt er ebenfalls über Bands und deren jeweilige Mitglieder. Der Name der Band wird im Text nicht verraten. Es sind aber die 80er Jahre und es ist eine der lautesten Bands, die damals unterwegs waren. Der Beschreibung nach könnte es gut Motörhead sein. Für viele Rockfans kehrt man gerne mit Andreas Maier in diverse Konzerterinnerungen zurück. Gerade die ersten Rock- und Metalkonzerte, die man als Heranwachsender erlebt hat, stehen bei der Erzählung Pate. Das im Wir-Gefühl berauschte belächeln der Vorband, die man prinzipiell nicht gut zu finden hat. Dann das Warten während des Umbaus und die Aufregung beim Erlöschen des Saallichts und die Vorfreude auf seine Helden, die die Bühne stürmen.

In der Mittelstufe wird in ihm das Verständnis der darstellenden Kunst durch eine Schulaufführung geweckt. Er sieht den damals noch unbekannten Schauspieler Thomas Heinze, dem auch jenes Kapitel gewidmet ist. In der Oberstufe schließt sich der begonnene Kreis und Andreas Maier versteht, dass die Autoren, Musiker und Schauspieler keine entrückten Künstler sind, sondern nahbar sein können. Er kann ebenfalls durch das einfache „Machen“ ein Künstler sein.

Ein Roman, der vieles im Leser erklingen lässt, dass so vertraut und dennoch anders ist. Durch die Schilderung des Alltäglichen wird das Bekannte emporgehoben und künstlerisch beleuchtet. Das Geschilderte wird erfahrbar. Ein sehr humorvoller, realistischer Roman, der viel Freude macht und toll geschrieben ist.

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Siehe auch die Besprechung auf: Sounds & Books

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