Bodo Kirchhoff: „Widerfahrnis“

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Von Bodo Kirchhoff ist man umfangreicheres gewohnt, denn meist sind seine Romane, die stets klug und schön komponiert sind, dickere Wälzer. Jetzt ist dieser kurze Roman, seine Novelle „Widerfahrnis“, mit dem Deutschen Buchpreis 2016 ausgezeichnet worden.

Zwei gebildete Protagonisten, die sich mit Sprache, Literatur und Kultur auskennen, machen spontan einen Ausflug, um den Sonnenaufgang zu erleben. Dieser Ausflug verwandelt sich in eine Reise, eine individuelle Flucht, die entgegen dem Flüchtlingsstrom verläuft. Ein Abenteuer über neue zarte Liebe und das Älterwerden. Die Lust am Leben steht im Vordergrund, doch am Ziel scheitern sie an der Realität.

Der Kleinverleger nebst eigener kleiner Verlagsbuchhandlung Reither erzählt diese Geschichte, die ihm das Herz zerrissen hat. In der Gegenwart der Handlung hat er sein Geschäft aufgegeben, da es eine Flut an Büchern gibt und somit fast mehr Schreibende als Leser. Er lebt ruhig und zurückgezogen am Alpenrand. Er liest Werke aus der eigenen Bibliothek und trinkt mediterranen Wein, als er unerwarteten Damenbesuch bekommt. Palm, eine belesene Hutmacherin, die ebenfalls ihr Geschäft aufgegeben hat, da es keine Hutgesichter mehr gibt, ist länger im Flur auf und ab gegangen, bevor sie bei ihm klingelt. Sie sucht ihn als Buchliebhaber und Fachmann auf. Sie möchte ihn für ihren Lesekreis gewinnen. Er lädt sie auf eine Zigarette zu sich ein und beide vertiefen sich in ihr Gespräch und kommen sich beim Wein etwas näher. Wir erfahren aus der Vergangenheit, dass Reithers Ehe gescheitert ist, weil er und die damalige Frau sich beide für einen Schwangerschaftsabbruch entschieden haben und beide diese Entscheidung so fürchterlich fanden, dass sich ihre Wege trennten. Die Palm schwärmt für ihr Cabrio und schlägt eine Spritztour vor. Ein Ausflug zum Achensee, um den Sonnenaufgang zu erleben. Trotz der kalten Jahreszeit bringen sie den kränkelnden Wagen zum Starten und beide, noch Fremde, lassen sich auf das Abenteuer und aufeinander ein. So beginnt in dieser Nacht Reithers Widerfahrnis. Sie stoppen nicht und aus dem kleinen Ausflug wird eine dreitägige Fahrt bis nach Sizilien. Sie übernachten gemeinsam im Auto und es beginnt eine Liebe, die nichts Körperliches sucht. Sie fremdeln schon länger nicht mehr und sind Liebende. Doch im Süden Italiens treffen sie auf Flüchtende, auf Menschen, die nicht dem Alltag sondern dem Krieg und dem Schrecken zu entfliehen versuchen. Ein stilles Mädchen, eines der Geflüchteten, tritt in Catania in das Leben von Reither und der Palm.

Ein Buch über die zarte und egoistische Liebe. Kann man Liebe geben ohne ausreichend zu lieben? Kann man mitfühlend handeln ohne ausreichend gut zu sein? Eine wunderschöne, traurige Geschichte in einem kurzen, aber vollen Buch.

Ein würdiger Preisträger. Kirchhoff fesselt durch Inhalt und Sprache. Ein großer Roman verborgen in einem kleinen Buch.

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Emma Braslavsky: „Leben ist keine Art, mit einem Tier umzugehen“

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Der Mensch ist ein Tier in einer Welt, in der er meint alles zu kennen. Er empfindet sich dem Tierischen enthoben und stellt sich an die Spitze der Evolution. Die Erde als Spielball seiner Triebe. Aber sind es nicht gerade die Triebe, die ihn wieder tierischer als jedes Tier werden lassen? Kennen wir unsere ganze Erde? In der nahen Zukunft oder der verlängerten Gegenwart zeigt uns Emma Braslavsky Menschen, die treiben und getrieben werden. Das Thema könnte nicht kleiner sein: die Entwicklung des Menschen an sich, also wie der Mensch sich selbst entwickelt. Hier taucht sie auf, die erste, wortwörtliche Haarspalterei, denn die Entwicklung der Menschheit ist passiv und wenn der Mensch sich selbst entwickelt, nimmt er eine aktive Rolle im Weltenspiel ein. Sofern die Natur sich selbst reguliert, ist alles im Fluss, tritt der Mensch auf die Bühne des Lebens, will er mit seinem Verstand organisieren und hinterlässt allzu gerne Chaos.

Ein aberwitziger Roman, in dem die nahe Zukunft als solche fast nicht in Erscheinung tritt, denn die Utopie klingt in ihrer beklemmenden Art fast schon gegenwärtig. Der Roman ist aber niemals verkopft und entwickelt einen Lesefluss, der unterhält, nachdenklich stimmt und trotz der dunklen Vision viel Humor besitzt. Er erinnert an den Roman „Terra!“ von Stefano Benni, in dem das Los der Zukunft in der Vergangenheit liegt und in einem irrwitzigen Finale endet. Braslavsky schreibt, als wäre sie bei Kurt Vonnegut in die Lehre gegangen.

Wir treffen auf Menschen, die die Sinnsuche durchlaufen und durch Triebe gelenkt werden. Der Mensch, der sich fortpflanzen möchte, sichert seinen Fortbestand durch naturwissenschaftliche Entwicklungen und Errungenschaften. Hierbei kann ein herumwirbelndes Haar den Anfang machen. Seit der schamhaften Vertreibung aus dem Paradies sucht die Menschheit die Zuflucht in diesem und sehnt sich nach Neuanfang. So wird ihr dieses auch möglich durch einen Wirbelsturm, genannt Frankenstrom Tony, der eine unentdeckte Insel einfach erscheinen lässt.

Wir lernen Jivan Haffner Fernández als Hauptfigur kennen. Er ist Architekt und seitdem es lukrativ erscheint, unterirdisches Bauland zu veräußern, spezialisiert auf Bunkerbau. Doch ist es bis zur finalen Freigabe dieses neuen Geschäftsmodells ein längerer Weg. Jivan ist ein chauvinistischer Anfangvierziger, der den Feministen und verständnisvollen Mann mimt, aber ein manipulativer Sexist ist. Er war vermögend, doch durch seine Onlinespielsucht ist er eigentlich pleite. Das Erbe seines Vaters kann er nur antreten, wenn er einen Nachwuchs zeugt, so der letzte Wille seines Vaters. Dies passt aber nicht in den Lebensplan seiner Frau, Jo Lewandowski Fridman. Sie ist selbstsüchtig und karrierebesessen, ohne aber wirkliche, eigene Ziele zu haben. Sie meint die Welt verbessern zu müssen, wird aber eher getrieben, als dass sie selbst Dinge anstößt. Sie spielt die ökologisch Korrekte, die das nicht vorhandene Vermögen ihres Mannes ausgibt. Die Ehe, die Beziehung der beiden  dient eigentlich nur noch dem Zweck und versickert immer mehr.

Ferner wird in das Spielfeld des Romans Roana Debenham geworfen. Sie ist die Tochter eines Bauunternehmers, der wie in seiner Familie üblich den Nachwuchs zum Erwachsenwerden indianerhaft für mehrere Wochen der Natur überlässt. Sie ist ein blutjunge, neunmalkluge Frau, die von ihrem Vater nach Südamerika zu einem einsamen und noch grummelnden Vulkan des Ojos del Salado geschickt wird. Sie hat wenig Geld und der Rückflug ist in drei Monaten gebucht. So lebt sie die ersten Tage im Zelt auf öder, rumpelnder Erde unter der Wölbung des ganzen Kosmos. Doch anstelle die Vernunft zu finden, um im väterlichen Unternehmen einzusteigen, macht sie sich auf Wanderschaft und auf die Suche nach dem Sinn des Lebens.

Zwischendurch lesen wir in N-Global, einem weltumspannenden Nachrichtenkanal, in dem stets das Zeitgeschehen gepostet wird. Mit dem Link zur Übersetzung in die individuelle Landessprache. Auch verfolgen wir Noah, kurz No, der mit dem Namenskürzel den grauen Alltag verneint und mit seiner Freundin, Jule, ausgestiegen ist. Beide sind splitternackt und voller Hoffnungen an einer paradiesischen Bucht gestrandet. Im Gegensatz zu Jo Lewandowski Fridman, die gerne über Tierschutz und Aussteigen redet, haben es No und Jule einfach gemacht, müssen aber erkennen, dass das, was man ins Paradies mitnimmt, man selber ist.

Die Handlungsfäden sind bizarr, aber verlaufen zueinander und es endet in einem lebensgefährlichen Finale. Auf dem Weg treffen die Protagonisten auf tolle bekannte und unbekannte Nebenfiguren.

Der Roman beschäftigt sich mit vielen Themen und die Figuren kreisen um diese. Wie überlebt man schick einen Schiffbruch? Wie macht man mehr aus Haar? Wie machen wir uns in der Zukunft? Fluch und Segen ein Mensch zu sein. Am Ende fragt sich der Leser, wohl auch ein Mensch, ob sein Leben ebenfalls keine Art ist, mit einem Tier umzugehen. Somit ist das Buch eine tolle, abgedrehte Bereicherung!

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Song, Videos und mehr auf: www.leben-ist-keine-art.de

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Shusaku Endo: „Samurai“

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Ein Samurai war ein Mann der Waffe im vorindustriellen Japan. Ein Mitglied des Kriegeradels, d.h. ein Vertreter des niederen militärischen Feudaladels. Anfang des 17. Jahrhunderts verlor der Samurai seine eigentliche Funktion als Lehensträger und Soldat. In der Regel lebte der Samurai dann als besoldeter Gefolgsmann in der Residenzstadt des jeweiligen Fürsten. Blieb der Samurai auf dem Lande wurden ihm nach und nach seine Rechte entzogen und er wurde in die Bauernschaft integriert.

So auch Hasekura Rokuemon, der als Samurai im seinem Vater und Onkel zugewiesenen Tal lebt und die Ländereien mit Hilfe der Landbevölkerung bewirtschaftet. Das Tal wurde ihnen anstelle ihrer bisherigen Ländereien zugesprochen und es keimt im Onkel weiterhin die Hoffnung, dieses trostlose und dürftige Tal gegen den damaligen Familiengrund bald wieder auszutauschen. Hasekura Rokuemon mag das Leben im Tal, auch wenn es viele Entbehrungen beinhaltet. Als Landesadliger und Samurai führt er ein zufriedenes Leben mit seiner Familie auf dem einfachen, aber eigenen Hof.

Der Roman erhält eine weitere Perspektive, die des spanischen Franziskaners Valasco, der auch ab und zu zum Ich-Erzähler des Romans wechselt. Valasco ist als Missionar in Japan und trotz der Christenverfolgung möchte er die Christianisierung vorantreiben. Sein Traum ist es, Bischof zu werden. Er ist ein egozentrischer Mensch, der fest im Glauben ist, aber vieles gerne für seine Zwecke ausnutzt und manipuliert. Die Japaner vergleicht er oft mit Ameisen, die lediglich funktionieren und zum Selbstopfer zum Wohle der Gemeinschaft bereit sind. Als christlicher Pater geriet er in Gefangenschaft, wurde aber wieder freigelassen, da er auch als Übersetzter tätig ist. Japan sucht die Handelsbeziehungen mit anderen Ländern, speziell mit Mexiko, damals noch Nueva España. Ein Hafen und ein Schiff, nach spanischen Vorbild sollen gebaut werden und um Spanien zu signalisieren, dass nicht überall die Christen verfolgt werden, soll Valasco nach Nueva España mitreisen.

Auch der Samurai wird aufgefordert, an der Mission teilzunehmen. Er sucht ein Leben außerhalb des Kampfes und legt keinen Wert auf Ruhm und so trifft ihn dieser Befehl recht unerwartet. Doch er gehorcht und er macht sich mit auf die Reise in die Länder der Südbarbaren. Zusammen mit einigen Kaufleuten und Valasco brechen sie 1613 zu der Reise auf. Doch Valasco spielt ein nicht ehrliches Spiel. Ihm ist alles daran gelegen, sich seinen Traum des Bischofssitzes in Japan zu verwirklichen.

Die Japaner treffen auf eine ihnen sehr fremde Welt und werden ebenfalls wie fremde Wesen aufgenommen. Von Mexiko geht es weiter nach Europa, und sie werden vom spanischen Vizekönig und vom Papst in Rom empfangen. Für den Erfolg ihres Auftrags treten die Japaner sogar dem katholischen Glauben bei.

Dass aber die Mission nicht vom Erfolg gekrönt war, kann man dem historischen Kontext entnehmen, denn der Roman basiert auf geschichtlichen Tatsachen. Während der langen Abwesenheit haben sich die Verhältnisse in Japan geändert und die Reise zerstört die Welt des Samurai und sein Leben gerät erneut in Gefahr.

Shusaku Endo (1923-1996) studierte französische Literatur in Japan und katholische Literatur in Frankreich. Seine Werke drehen sich oft um die Christenverfolgung in Japan. Er gilt als einer der bedeutendsten Schriftsteller Japans und erhielt u. a. den „Akutagawa-Preis“, den bedeutendsten japanischen Literaturpreis. Sein bekanntestes Werk „Schweigen“ wurde von Martin Scorsese mit u.a. Liam Neeson verfilmt und kommt 2017 bei uns in die Kinos.

„Samurai“ ist ein schön geschriebener, ruhiger Roman, der uns eine historisch belegte Begegnung des Abendlandes mit Japan schildert.

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Ian McEwan: „Nussschale“

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“O God, I could be bounded in a nutshell and count myself a king of infinite space – were it not that I have bad dreams”. Shakespeare (Hamlet)

Auch Stephen Hawking griff zu den Sternen mit dem Bezug zu Shakespeare. Der britische Physiker erklärt in „Das Universum in der Nussschale“ mit einfachen Modellen aktuelle Theorien. Hawkins erklärt den Blick auf das Universum aus seiner körperlich beeinträchtigten Situation. Shakespeares Zitat: „Ich könnte in einer Nussschale eingesperrt sein und mich für einen König von unermesslichem Gebiete halten“ zeigt die kleine Welt des Menschen, der sich selbst stets sehr wichtig hält. Ebenso die Erzählstimme in dem neuen Roman des britischen Erfolgsschriftstellers Ian McEwan. Am Anfang hadert man etwas, ob man alles es gut finden soll oder vom Klugscheißer im Mutterbauch genervt ist. Je mehr man in den Text eintaucht und dem nicht immer nüchternen Gedankenstrom des ungeborenen Kindes folgt, wird man gefesselt von dieser absurden und bösen Geschichte.

Der Clou der Geschichte ist nicht neu. Der Inhalt ist angelehnt an Hamlet von Shakespeare und die ungewöhnliche Perspektive des Erzählers haben schon John Irving oder Henning Schöttke angewendet. Denn die Stimme, die auf uns Leser einredet und uns fast schon penetriert, erklingt aus dem Mutterbauch. Die Perspektive eines ungeborenen Kindes, das durch genaues Zuhören und die kleinsten Veränderungen des Fruchtwassers alles aus dem Umfeld der Mutter im wahrsten Sinne aufsaugt. Durch Radio oder Podcast-Sendungen hat dieses Kind, das zwischen Sein und Nichtsein existiert, einen Wissensschatz angehäuft, für den andere fast schon mehrere Reinkarnationen erleben müssten. Durch Beschreibungen und Gespräche erlebt das Kind auch die äußere Welt und kann sich Bilder von den Menschen und z.B. deren Kleidung machen. Wobei er Begriffe und Farben verwendet, ohne diese wirklich zu kennen oder je gesehen zu haben. Wird ihm langweilig, hilft ein Tritt innwendig gegen den Mutterbauch und schon ist jene wach und schaltet zum Einschlafen erneut Sendungen an, die das Kind erfahrener machen und mit dem wachsenden Wissen auch immer sarkastischer werden lassen.

Dieser makabre Humor trägt das Buch, denn die Handlung ist kurzweilig. Der namenlose Fötus ist ein handlungsunfähiger Mitwisser eines geplanten Dramas. Sein Vater, John, ein lyrikliebender Verleger, soll ermordet werden. Die Mutter, Trudy, bei Shakespeare Gertrude, hat ein Verhältnis mit Claude (Claudius bei Shakespeare), einem burschikosen Bauunternehmer. Trudy hat ihren Mann aus der Londoner Wohnung geworfen. Er taucht aber ab und zu noch auf, um die Ehe zu retten, denn noch weiß er nichts von Trudys Ehebruch. Langsam dämmert es sogar dem Zeugen der ganzen Geschichte, dass Claude der Bruder seines Erzeugers ist und erst durch dieses Wissen möchte der Embryo eingreifen. Doch ist er mehr Nichtsein als Sein und kann wohl nur weiterhin ein Zeuge bleiben.

Auch wenn es so scheint, ist der Lyriker nicht mittellos. Die Immobilie ist millionenwert und würde durch einen Verkauf einen Wohlstand sichern, den Trudy und Claude nun anstreben. Da Claude Erfahrung mit Morden an Tieren gesammelt hat, ist schnell der Plan gereift, durch einen Giftmord, hier Frostschutzmittel, sich des Vaters zu entledigen. Der Zeuge, der eigentlich sehr an seiner Mutter hängt und mit dieser eng verbunden ist, nimmt Partei für seinen Vater ein. Doch wie soll er eingreifen? Wie kann er die Wege außerhalb seiner kleinen nussschalengroßen Welt lenken? Hinzu kommt, dass das Kind sich nicht nur ein großes Allgemeinwissen über Weltgeschehen, Literatur etc. angeeignet hat, sondern es sich in seinem kurzen Leben auch bereits große Weinkenntnisse anhören und antrinken durfte. Die Mutter trinkt gerne mehr als ihr oder dem ungeborenen Kind guttun würde. Das Baby genießt diese edlen Tropfen, die für ihn speziell und besonders degustiert wurden. So ist auch einiges von dem Erhörten alkoholgeschwängert…

Die Welt aus der Fruchtblase durch die Nabelschau großer Weltliteratur gesehen. Es ist eine Satire, eine mit schwarzem Humor durchzogene Erzählung. Anfänglich hadert man mit dem Kind, das den Vatermord stoppen oder später rächen möchte. Doch verfällt man erneut McEwan und liest gebannt weiter und gewinnt das Gör sogar etwas lieb…. Wie das Drama um den ungeborenen Zeugen sich entwickelt, sei, wie der Rest bei Shakespeare, Schweigen… oder Chaos?

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Natsume Soseki: „Kokoro“

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Dieser Leseschatz ist Weltliteratur und der Verfasser, Natsume Soseki (1867 – 1916), gilt als prägender Autor Japans. Der Roman ist ein Meisterwerk und das Buch und sein Schriftsteller sind Vorbild moderner und aktueller japanischer Literatur und stellte die Weichen u.a. für Haruki Murakami.

Der Roman spielt während der Transformationsprozesse der Meiji-Zeit, die geprägt war vom Umbau der Agrargesellschaft zur modernen Industriegesellschaft. Zwei Jahre vor seinem Tod schrieb Natsume Soseki „Kokoro“, ein Werk, das aus drei Teilen besteht. Das erste Kapitel „Der Sensei und ich“, sowie der zweite Teil „Meine Eltern und ich“ erzählen aus der Perspektive eines Studenten, der sich mit einem älteren gebildeten Mann anfreundet, den er lediglich Sensei nennt. In wörtlicher Übersetzung bedeutet Sensei Meister, Lehrer oder Lehrmeister, wird aber auch als sehr höfliche Anrede gegenüber Älteren oder Gebildeten verwendet. Der dritte Abschnitt „Der Sensei und sein Vermächtnis“ ist ein Brief von dem Sensei an den Studenten. Der Titel des Romans „Kokoro“ heißt auf Deutsch so viel wie Herz, Geist oder Essenz.

Der Erzähler, ein junger Student, beobachtet während der Sommerferien am Strand einen älteren, gebildeten Mann. Er fühlt sich zu diesem hingezogen und sucht dessen Bekanntschaft. Sie lernen sich kennen und schätzen. Der schweigsame und rätselhafte Sensei ist dem blutjungen und naiven Studenten ebenfalls zugetan. Nach den Ferien besucht der Student diesen regelmäßig in Tokyo. Trotz der Gastfreundschaft und seines Wohlwollens bleibt der alte, gebildete Mann auf Distanz. Die jüngere Frau des Sensei ist eine schweigsame und zurückgezogene Schönheit. Die Freundschaft ist geprägt durch Demut, Ehrfurcht und Respekt. Über Persönliches, die eigene Vergangenheit oder das Gefühlsleben wird nicht gesprochen. Der Sensei lebt gegenüber den Menschen in ständigem Misstrauen. Auf einem Spaziergang zu einem Grab wird deutlich, dass der Sensei unter einem tragischen Schuldgefühl leidet. Da er auch seiner Frau mit Distanz und Misstrauen begegnet, scheint diese etwas mit seinem fast schon misanthropen Verhalten zu tun zu haben. Seine Verachtung ist aber ein stiller und auf sich selbst gerichteter Kummer. Der Student wächst innerlich während des Studiums und durch die Begegnung mit seinem neuen Lehrmeister und wird langsam erwachsen. Der Sensei lebt in den Tag hinein, übt keinen Beruf mehr aus und scheint vermögend zu sein. Der Student strebt ebenfalls so ein leichtes Leben an und hat dadurch bisher keine festgesetzten Ziele.

Der Student ist auf dem Land großgeworden und besucht seine Eltern nur selten. Da sein Vater schwer erkrankt, reist er nach seinem erhaltenen Examen zurück, um bei seinem sterbenden Vater zu sein. Hier werden nun die unterschiedlichen Werte der Generationen und ein Land im Wandel immer deutlicher. Ebenfalls die Verfremdung und die Vereinsamung des Erzählers. Denn der Student fühlt sich im Elternhaus nicht heimisch und vergleicht stets den Vater mit dem Sensei, der im zweiten Teil des Buches nicht anwesend, aber stets gegenwärtig ist. Die Eltern erhoffen sich für ihren Sohn endlich eine Anstellung und flehen ihn an, den Sensei schriftlich darum zu bitten, ihm bei der Suche nach einer Arbeit behilflich zu sein. Bis das Antwortschreiben eintrifft vergeht eine längere Zeit und es geht auch nicht um die Zukunft des ehemaligen Studenten, sondern um die Vergangenheit des Sensei. Dieser sieht in seinem jungen Freund endlich jemanden, dem er sich anvertrauen kann und erzählt diesem, was er nicht einmal seiner Frau berichten mochte.

In seinem langen Brief kündigt er seinen Freitod an und der Erzähler verlässt seinen sterbenden Vater, um bei dem Sensei zu sein. So kehrt der Erzähler der ländlichen Tradition den Rücken und schließt mit dieser ab, denn eine Rückkehr scheint durch seine Tat fraglich. Der Abschiedsbrief beinhaltet den Rückblick des Sensei auf sein Leben und die tragischen Einschnitte, die ihn geprägt hatten. Sein Onkel hatte ihn um sein Vermögen gebracht, d.h. dieses veruntreut. Ein religiöser, asketischer Mitstudent, den er im Brief einfach K. nennt, wohnte auf seine Einladung hin mit in der Privatpension und verliebte sich, genauso wie er selbst auch, in die Tochter der Gastwirtin. Der materielle Egoismus des Onkels und die eigene Selbstsucht der Liebe verhärten sich im Sensei als Verletzung, Schuldgefühl und Treuebruch. Seine innere Vereinsamung veranlasst ihn im Geist der Meiji-Zeit zu seiner letzten Tat.

Ein stiller, sich langsam entfaltender Roman über Vereinsamung und Freundschaft. Über die Einkehr der Moderne in eine alte, traditionsverpflichtende Welt. Die einzelnen Teile im Roman vertiefen jeweils die Sicht auf die klassische und die moderne japanische Kultur. Die Not des Sensei steht stets im Vordergrund und wirkt wie der Hauptkern des Romans, doch ist es auch die wachsende Vereinsamung des jungen Erzählers.

Einer der meistgelesenen Romane in Japan verbindet das Schicksal Einzelner mit den Umbrüchen einer Kultur. Man nimmt sich beim Lesen selbst die nötige Zeit, um den Text aufmerksam zu studieren, und versinkt dabei in eine fremde, ferne Zeit. Man kann, wenn man es möchte, für sich viel Wissen aus dem Roman und den Anhängen herauslesen.

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Daniel Kehlmann: „Du hättest gehen sollen“

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Eine phantastische Erzählung, die sehr unheimlich ist und nachdenklich stimmt. Das Buch ist ein Spiel mit der Wahrnehmung gleich den Gemälden von M.C. Escher. Bereits in seinem Roman „F“ hat Kehlmann sich am Anfang des Romans dem Übernatürlichen geöffnet. Jetzt wird der Leser mit den Protagonisten durch eine Art Resonanz in eine sich herabwindende Spirale aus Dunkelheit gezogen.

Das Umschlagbild von Thomas Demand deutet bereits das Kommende im Text an. Gespiegelte Flure, die durch die Perspektive versetzt wirken. Die im wahrsten Sinne verrückte Wahrnehmung der geometrischen Figuren wird verstärkt durch den Lichteinfall einer nicht vorhandenen geöffneten Tür. Die Geometrie, d.h. die Winkelhalbierende wird auch im Text eine bedeutende Rolle einnehmen und gerade durch den Spiegelungsbegriff verschwimmen die Konturen, die Wahrnehmungen und der Boden der Tatsachen löst sich kontinuierlich auf…

Die Perspektive ist aus der Sicht des Familienvaters geschrieben. Er ist Drehbuchautor und macht sich ständig Notizen für die vom Produzenten verlangte Fortsetzung seines erfolgreichen Films. Er schreibt Ideen, Skizzen und kurze Gedanken in sein Büchlein. Aber er notiert sich mehr, er führt gleichzeitig Tagebuch. Wir Leser lesen diese Erzählung als würde uns dieses Notizbuch des Protagonisten zugespielt worden sein. Seine Notizen zum Film gesellen sich zu seinen Gedanken um seine Ehe und um den gerade begonnenen Urlaub in einem Ferienhaus in den Bergen. Seine Sätze gehen ab und zu ins Leere und bleiben unvollendet. Liegt es daran, dass er abgelenkt wurde, weil er nicht zu Ende gedacht hat oder sind seine Worte in der Spiegelwelt oder einer Parallelwelt gestrandet?

Wir lernen eine Familie kennen, die in einem Ferienhaus einquartiert ist. Das Haus liegt hoch oben im Gebirge, nahe einem Gletscher und kann nur durch eine enge Serpentinenstraße erreicht werden. Das Tal liegt in weiter Entfernung unter ihnen. Das im Tal liegende Dorf wirkt aus dieser Perspektive kubistisch. Die Landschaft ist geprägt durch schroffen Granit, durch den blauweiß schimmernden Gletscher und neblige Wälder. Die Handlung spielt vom 2. bis zum 7. Dezember, einen Tag nach dem im Text verpassten Nikolausfest. Schnell kristallisiert sich etwas Unstimmiges heraus. Etwas scheint mit dem Haus oder der Umgebung nicht zu stimmen. Die Fixpunkte verschieben sich. Der Griff zum Wasserhahn geht ins Leere, weil dieser plötzlich doch weiter weg ist. Die Spiegelungen zeigen eine Resonanz des Kommenden oder einer ganz anderen Wahrnehmung. Das eigene Spiegelbild in den Fensterscheiben verschwindet, wobei alles andere u.a. das Notizbuch sichtbar ist. Das Kind, das wie die ganze Familie unruhig schläft, wird vom Vater aufgesucht, um es zu beruhigen. Dieser Besuch wird für diesen verzögert sicht- sowie hörbar. Er, seine Frau und das gemeinsame Kind sind in dem komfortablen Ferienhaus und scheinen immer mehr aus der tatsächlichen Welt verrückt zu sein. Das Kind erzählt wirre Geschichten, die Mutter schaut und tippt stets in ihr Smartphone und der Protagonist ist immer mit seinen Notizen beschäftigt. Bei einem Einkauf im Dorf wird er als der Gast des Hauses erkannt und der verschrobene Verkäufer spricht die Warnung aus, das Haus zu verlassen. Diese Aufforderung zum Gehen findet sich auch plötzlich im Notizbuch wieder. Hat er diesen Hinweis an sich selbst geschrieben? Die ehelichen Spannungen und die wechselnden Stimmungen werden durch den fehlenden Bezug zur Realität und die Verschiebung der Wahrnehmung, die anscheinende Einkehr einer anderen diabolischen Dimension immer unheimlicher.

Gleich den Bildern von M.C. Escher lesen wir einen Text, in dem mit Perspektiven und Wahrnehmungen gespielt wird. Der Weg, der nach unten geht, endet oben und alles wirkt zwar echt, ist aber verrückt. Eine tolle kunstvolle Erzählung.

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Allard Schröder: „Der Hydrograf“

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Der Hydrograf ist bereits 2002 erschienen und liegt nun erstmalig in deutscher Übersetzung vor. Dies liegt wohl am Gastland der diesjährigen Buchmesse. Der Roman hat u.a. in den Niederlanden viele Preise gewonnen. Es ist ein literarischer, stiller Text der wohl zu Recht mit dem Zauberberg von Thomas Mann verglichen wird. Diesmal ruft nicht der Berg zur Innenschau, sondern das Meer.

Es wird vom Leben des Franz von Karsch-Kurwitz berichtet. Anscheinend hat sich wenig im seinem Leben ereignet. Der Erzähler blickt sechsundfünfzig Jahre nach dem Tod des Grafens aus Pommern auf dessen Leben zurück. Dieser ist Hydrograf und schifft am 15. April 1913 auf dem Viermaster Posen in Hamburg ein. Das Schiff hat das Reiseziel Valparaíso aber Karsch-Kurwitz ist das Ziel egal. Er will seine Forschung vorantreiben und beobachtet das Meer und macht seine Aufzeichnungen, sofern er diese nicht vergisst. Denn sein Reisegrund ist eigentlich eher eine Flucht. Er hat kurzerhand einfach diese Passage gebucht, weil er seinem belanglosen Landleben entkommen wollte. Vorrangig versucht er der arrangierten Ehe zu entfliehen.  Mit zweiunddreißig Jahren empfindet er seine Erinnerungen interessanter als seine jetzigen Perspektiven.

Seine Reisebegleitung besteht aus unterschiedlichsten Charakteren. Der eine Passagier heißt Moser, ein bodenständiger, gutbürgerlicher Salpeterhändler, der sich auf Geschäftsreise befindet. Der andere hört auf den schicksalshaften Namen Todtleben, ist Gymnasiallehrer und wird in Südamerika eine neue Stellung antreten. Diese Männer sind es, die den Alltag auf dem Schiff zusammen bestreiten. Ihre Träume, Gespräche und Einstellungen zum Leben nehmen Einfluss auf Karsch-Kurwitz.

Als das Schiff in Lissabon anlegt beobachtet Karsch-Kurwitz, der einen Landgang macht, wie ein Beiboot einen neuen Passagier an Bord bringt. Dieser neue Gast ist es, der Unruhe in die Gesellschaft bringt, denn es ist die Niederländerin Asta Maris. Erst wird sie für eine Schauspielerin, dann für eine Tänzerin gehalten, die sich auch auf den Weg in die Ferne macht. Karsch-Kurwitz fühlt sich sehr zu seiner Kabinennachbarin hingezogen. Sie sucht vertiefende Gespräche mit ihm, aber auch mal mit den anderen Reisenden. Durch die Anwesenheit der Frau rücken die wissenschaftlichen Bemühungen, die von vornherein nur ein Vorwand waren, immer mehr in den Hintergrund.

Die Männer buhlen um die Gunst der Frau. Lediglich Moser, der verheiratet ist, hält sich bedeckt. Karsch-Kurwitz fragt sich, ob er ein Leben mit so einer Frau wagen kann? Wie würde sein Leben verlaufen, könnte er sich in solch ein Abenteuer stürzen? Aber die rätselhafte Frau scheint auch ihre Geheimnisse zu haben und ist anscheinend nicht der Mensch, der sie vorgibt zu sein.

Am Zielhafen kommt es zur dramatischen Wendung. Asta Maris ist mit Todtleben an Land gegangen und Karsch-Kurwitz folgt Moser in seinem Schmerz und der Ausflug endet in einem Bordell. Sein schüchternes, krudes Frauenbild ist geprägt durch seine erste Berührung mit dem Element Wasser. Er war als Kind sehr krank und das tauchen in Salzwasser sollte Abhilfe schaffen. Es war sein Kindermädchen, die ihm im Wasser nahe war. Jahre später werden diese und ihre Tochter erneut in sein Leben eingreifen. Aber was ist während des Landgangs, auf dem Todtleben verletzt im Krankenhaus landet, tatsächlich vorgefallen?

Der Seegang kann das Schicksal einer Schiffsreise beeinflussen. Dies wissenschaftlich vorherzubestimmen, d.h. zu berechnen, wird immer etwas Ungewisses, d.h. eine Vermutung, beinhalten. Dies kann man auch auf die Reise des Hydrografen beziehen. Die Schiffspassage, die als Flucht begann, als eine Metapher für die Ungewissheit seines Lebens.

Ein sensibler Roman, der durch seine Stille und schöne Sprache besticht. Es ist eine Charakterstudie eines wohlhabenden Menschen, der stets auf der Suche nach seinem Glück ist und vor dem beginnenden Ersten Weltkrieg mit sich selbst konfrontiert wird. Ein Mann, der gelernt hat zu funktionieren, zu gehorchen, muss erkennen, dass materielle Sicherheit nichts bedeuten muss. Karsch-Kurwitz als gebildeter, überheblicher Mann muss sich selbst lernen in Frage zu stellen.

Der Roman lebt von der Sprache und der Stimmung. Die Atmosphäre an Bord wird spürbar und trotz der undramatischen Erzählstruktur bleibt das Buch durch seine psychologische Dichte stets fesselnd.

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Elena Ferrante: „Meine geniale Freundin“

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Es wird und wurde bereits sehr viel über Elena Ferrantes Roman „Meine geniale Freundin“ geschrieben und gesprochen. Die meisten Meinungen sind positiv und in Italien und Amerika ist das Buch ein großer Erfolg. Wobei es kein einzelnes Buch ist, sondern ein Romanzyklus, der aus vier Bänden bestehen wird. Nun ist mit „Meine geniale Freundin“ der erste Band den deutschen Lesern zugänglich gemacht worden. Die übrigen drei Bände „Die Geschichte eines neuen Namens“, „Die Geschichte der getrennten Wege“ und „Die Geschichte des verlorenen Kindes“ werden zügig folgen. Dies als kleiner Trost, denn das Ende des ersten Bandes ist etwas abrupt und man möchte gerne weiter lesen.

Das Buch erzählt Geschichte und anhand der geschilderten Wege der Protagonisten wird diese für den Leser zugänglich und erlebbar. Auch die Geschichte um das Buch herum, die in allen Medien bereits für Furore sorgte, liest sich spannend, denn bis vor kurzen war die Autorin ein Mysterium. Elena Ferrante ist ein Pseudonym, denn sie wollte gerade nicht den Rummel um ihre Persönlichkeit, sondern stets ihre Werke im Vordergrund wissen. So gibt sie auch immer nur Auskünfte zu dem Zyklus und nicht zu ihrer Persönlichkeit.

Das Buch spaltet die Meinungen. Dies erinnert an die ständige Diskussion über ernsthafte Kunst und Unterhaltung. Der Roman „Meine geniale Freundin“ liegt dazwischen, tendiert aber zur Literatur. Durch die Leichtigkeit und chronologische Erzählstruktur ist der Roman für Vielleser sowie für Leser, die lediglich ab und zu mal zu einem Roman greifen wollen, geeignet. Dies trauen sich Rezensenten, die tief in der Literatur verwurzelt sind, nicht zuzugeben, denn wer sagt, Literatur verlange stets absoluten Tiefgang? Romane sollen emotional bewegen, den Leser mitnehmen, unterhalten und ihm neue Welten oder Menschen vorstellen. Jedes Buch, ob Unterhaltung oder Literatur, birgt in sich die Möglichkeit Anstöße zu geben, sogar zu bilden und die Welt aus anderen Perspektiven darzustellen.

Die eigentliche Handlung spielt im Neapel der fünfziger Jahre. Die Geschichte beginnt aber in der erzählerischen Gegenwart, in der die Spuren verschwinden. Der Sohn von Raffaella Cerulla, die von vielen Lina genannt wird, ruft bei Elena Greco an. Elena ist die Freundin von Raffaela und nennt diese wiederum als einzige Lila. Lila ist verschwunden und seit Jahrzehnten hatte sie ihr Verschwinden bereits angekündigt. Nur wusste Elena nicht, was Lila damit wirklich meinte. Selbstmord scheidet aus, sie wollte sich spurlos in Luft auflösen. Elena beginnt nun zu recherchieren und zu suchen. Hier beginnt der Rückblick auf ihre Kindheit. So baut sich langsam das Porträt einer Frauenfreundschaft auf, angefangen bei der Kindheit und Jugend in einem Arbeitervorort von Neapel. Die gleichaltrigen Mädchen freunden sich an. Lila ist eine Schustertochter und Elena, die Erzählerin, ist die Tochter des Pförtners. Lila erscheint als die ungezähmte Kluge, die aber gebändigt wird durch ihren zu Gewalt neigenden Vater. Lila wird in einer Szene von ihrem Vater aus dem Fenster geworfen, weil sie auf eine höhere Schule gehen möchte. Sie soll ihm im Geschäft aushelfen, nutzt aber auch die Zeit, um einen eigenen Schuh zu entwerfen. Später heiratet sie den Lebensmittelhändler. Anders verläuft Elenas Weg. Sie wird von den Eltern unterstützt und kann die weitergehenden Schulen besuchen. Beide suchen ihren Weg aus der Armut. Elena durch die Bildung und Lila durch die Zweckehe. Schon als Kinder träumten beide von der Flucht. Beide sind Freundinnen, die unterschiedliche Wege gehen, die sich nicht mehr einen lassen. Es geht um familiäre Gewalt, die Chance auf Bildung, aber auch um die von Männern geprägte Gesellschaft. Die Auflösung der Frauenrolle oder die Auflösung der eigenen Identität bis hin zur Auflösung…

Dieser Roman erzählt europäische Geschichte aus Frauensicht mit einem Reigen an vielen Charakteren und deren Schicksalen. Die damalige Welt ist noch eher geprägt von den Männern, die hier meist nur als Randfiguren auftauchen dürfen. Es geht um das Träumen und die Chance der Flucht, das Scheitern und den Einfluss der Gesellschaft sowie der Familie auf den persönlichen Lebensweg.

Die Figuren und die Geschichte bilden beim Lesen einen enormen Sog. Die vielen Charaktere, die am Anfang auf den Leser einströmen, kristallisieren sich schnell heraus und man benötigt nicht oft die beigefügte Übersicht. Der Roman ist lebendig erzählt und die neapolitanische Saga wird in den weiteren Bänden bis in die Gegenwart reichen. So umschließt dann letztendlich das ganze epische Werk die Zeit zwischen den 50er Jahren bis heute.

Das Buch hat mich in seinen Bann gezogen und Elena und Lila werden mir in guter Erinnerung bleiben.

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Arnaud Dudek: „Strand am Nordpol“

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Eine Landschaft, die nicht stimmig ist, fast schon fantastisch wirkt, aber einen Hauch von Hoffnung beinhaltet. Sollte es einen Strand am Nordpol tatsächlich geben, dann ist wohl alles möglich.

Arnaud Dudek schreibt in einem leichten, verspielten Ton und ist ein ganz genauer Beobachter. Der erfolgreiche französische Schriftsteller wurde mit diesem Roman erstmalig ins Deutsche übersetzt.

Am Anfang lernen wir Pierre Lacaze, einen Autor und Zeichner von Graphic-Novels, kennen. Er erhält einen Anruf der eigentlichen Heldin des Romans: Françoise Vitelli. Sie hat eine Digitalkamera gefunden und mit familiärer Hilfe konnte Françoise die Bilder sichten. Da sie Buchhändlerin war, kann sie schnell anhand der gemachten Bilder den Bezug zu Pierre herstellen, der auf einem Foto neben seinen Werken posiert. Françoise möchte die Kamera zurückgeben, aber diese gehört nicht Pierre, sondern Jean-Claude Stillmann, einem Freund. Während einer missglückten Signierstunde in einer Buchhandlung sind die meisten Fotos entstanden, die sich Françoise angesehen hatte.

So lernen sich die einsame, ältere Françoise und der dreißig Jahre jüngere Jean-Claude durch puren Zufall kennen. Stück für Stück schmilzt das Eis zwischen dem ungleichen Paar und durch die gemeinsamen Gespräche bei einem Gläschen Port wirkt sich Françoise Lebenslust positiv auf Jean-Claude aus. Er gewinnt langsam sein Selbstbewusstsein zurück. Er ist arbeitslos und geschieden und möchte sich bei Françoise revanchieren. Er bringt ihr den Umgang mit den neuen Medien bei. Sie kaufen ihr einen Computer und erst langsam dämmert es Jean-Claude, dass die ältere Dame das Internet lediglich für den Besuch auf Flirtseiten nutzen möchte. Sie ist seit zehn Jahren Witwe und ihr verstorbener Mann, Alfonso, hätte es nicht ertragen, sie alleine zu sehen. Sie möchte nicht auf Kreuzfahrten oder geladenen Tanztees verstauben, sondern erhofft sich frischen Wind durch das Internet.

Françoise meldet sich in Foren unter dem Namen Bonnie an. Denn langsam schauen wir Leser auch in ihre Vergangenheit zurück. Alfonso, der durch sie etwas gezähmter war, hat dennoch als Gangster-Opa Geschichte gemacht. Angelehnt an Gary Cooper entpuppt er sich als Gentleman-Verbrecher. Sein Abgang war eher ein missglückter und lange hat Françoise daran zu arbeiten und benötigt ihre Zeit, um das zu verkraften.

Ferner wird der Roman belebt durch die tollen Nebenfiguren. Unter anderem Fanny, die Exfreundin von Jean-Claude, sowie Christiane und Jacques, die Freunde von Françoise.

Françoises Lebenslust überträgt sich sowohl auf den Träumer, der gerne jegliche Zeit anhalten würde, sowie auf uns, die Leser. Ein kurzweiliger, kraftvoller Roman, der aus dem Unscheinbaren glanzvolle, humorvolle und tiefgründige Momente zaubert.

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Candy Bukowski: „Wir waren keine Helden“

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In diesem Buch findet man sich wieder, staunt und wird mitgerissen. Es ist nichts Neues und dennoch anders und man wird immer mehr erinnert und stellt eigene biographische Fragen. Ein Roman als Selbstfindungstrip und die Handlung einer Heranwachsenden sind in der Fülle an Debutromanen nichts Neues. Dennoch versteht es Candy Bukowski, durch ihrer schonungslose und ehrliche  Herangehensweise den Leser an sich zu binden. Die Ehrlichkeit wird untermauert durch die Alltagssprache, die als Stilmittel eingesetzt wird und dadurch einfach formulierten Tiefgang anbietet.

Die Handlung spannt den Bogen von 1982 bis 2015. Es ist ein autobiografischer Roman und so lernen wir die Autorin als Sugar kennen, die uns durch ihr Leben schleift. Wir werden ein stiller Begleiter ihres Weges, der geprägt ist von Musik und der Welt der Bücher. Sie ist gelernte Buchhändlerin und war als Verlagsvertreterin tätig. Jedes Kapitel beginnt mit einem Songtitel. Da die Geschichte chronologisch erzählt wird, reist man durch die Musikgeschichte beginnend in den 80ern bis heute.

Candy Bukowski wurde 1967 geboren und wuchs auf dem Land auf. Sie beginnt ihre Rückschau als sie 15 Jahre alt war. Die Dorfattraktion war die „Ranch am Ende der Welt“, eine heruntergekommen Dorfkneipe, in der sich die Landjugend traf. Mit sechzehn materialisiert sich für Candy mitten im Dorf ihr erster Kontakt mit der Freiheit. Der Punker Pete erscheint ihr als Bote des Himmels mitten in der Nichtigkeit. Es entsteht eine Freundschaft, die ein ganzes Leben halten wird. Pete ist auch kein Punk, der die Attitüde lebt: „mach kaputt was dich kaputt macht“, sondern eher das Leben zelebriert und Candy anregt, sich stets des Jetzt bewusst zu sein. Er lehrt sie immer fair zu sein, sich selbst und andere zu achten. Bevor Candy aber diese Lebensweise gänzlich annehmen kann und im Hier und Jetzt ankommt, wird es für sie ein längerer Weg werden. Viele Freundschaften und Partner kreuzen ihren Weg. Sie zieht raus aus dem Dörflichen in die großen Städte, Frankfurt und Hamburg. Sie ertastet sich ihren Weg, der nicht gradlinig verläuft und scheitert öfters und muss sogar am Ende ums Überleben ringen. Jetzt blickt sie als Erwachsene zurück und lässt uns teilhaben an ihren Entscheidungen, Lebensfragen und Misserfolgen. Ihre Wegbegleiter bleiben teilweise etwas farblos, dies spiegelt aber die Verweildauer der jeweiligen Menschen in ihrem Leben. Wir begegnen klischeehaften Dorfprolls, untypischen Punks, schusseligen Buchhändlern und lebensweisen Buchhändlerinnen. Auch die Ehe wird von ihr gekostet und das Resultat ist ihre Tochter.

Die Etappen sind durch den untermalten Soundtrack stets eine kleine Reise in die eigenen Erinnerungen. Man findet sehr viel Gemeinsamkeiten und Anregungen, die mich positiv überrascht haben. Die Liebe zur Musik, zur Literatur und Reiki. Eine starke Frau, die durch dieses Buch in das Leben des Lesers knallt und dennoch erkennt, dass sie fünfundvierzig Jahre erlebt hat und viele Wegbegleiter hatte, aber sollte es schwierig im Leben werden, nur eine Minderheit daraus ihr zur Seite steht. Meistens stehen wir vor Entscheidungen und ganz selten gibt es Momente, in denen tatsächlich nur eine Richtung existiert. Doch gleich dem italienischen Hengst, rennt Candy immer wieder, zumindest im Kopf, die Treppe nach oben und streckt hüpfend die Faust in die Luft. Im Hintergrund läuft natürlich „Eye of the Tiger“…

Ein Roman, der mich überrascht und unterhalten hat. Der Name Bukowski ist hier Programm, auch wenn es ab und zu etwas süßlicher als bei ihrem Namensvetter zugeht. Der Satzblock ist nur anfänglich etwas gewöhnungsbedürftig, denn die Absätze sind stets durch eine ganze Leerzeile getrennt. Dadurch wird aber der Lesefluss mit der voranschreitenden Geschichte immer zügiger. Dies ist ein grundehrlicher Debutroman, der mit grober, wilder Sprache, das innere der Autorin freilegt und uns Leser zum Grübeln und Schmunzeln anregt.

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