Dr. Klaus Witt: „Der Seelenfänger von Capri“

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Dieser Leseeindruck könnte etwas persönlicher ausfallen, denn bereits als Kind hat mich sehr die Geringschätzung der Menschen gegenüber anderen Lebensformen, besonders den Tieren, beschäftigt. Da auch im Dezember unser Kater und gestern unsere Katze, die beide an Krebs erkrankt waren,  verstorben sind, hat mich das Buch von Klaus Witt sehr angesprochen. Warum trauern wir Menschen um unsere geliebten Haustiere, die für uns wie Familienmitglieder sind und blenden aus, dass das Stück Fleisch, das auf dem Teller liegt auch von einem Tier stammt, das doch auch ein Recht hatte zu leben und geliebt zu werden? Was ist der ethische Unterschied zwischen einer Katze, Kuh oder Biene? Was soll auch der Begriff „Nutztier“ wirklich verdeutlichen und verschleiern? Haben Nutztiere weniger Rechte? Aber wovon noch weniger? Denn Tiere gelten doch meist als seelen- und rechtlos. Die Betrachtungsweise, welche Tiere appetitlich oder süß wirken, hängt vom kulturellen Umfeld ab. Stets vorrätiges und günstiges Fleisch setzt Massentierhaltung und grausame Quälereien voraus.

„Solange es Schlachthäuser gibt, wird es Schlachtfelder geben“ (Leo Tolstoi)

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Der praktizierende Tierarzt Dr. Klaus Witt hat für sich erkannt, dass er sich ausschließlich um die Heilung der Tiere kümmern möchte und nicht um die Methode, wie man Tiere möglichst rationell und gewinnbringend ausbeutet. Seine Approbation zum Tierarzt und die ärztliche Diagnose Krebs bei seiner Mutter treffen zeitgleich ein und es keimt in ihm der Wunsch, seiner Mutter seine Lieblingsinsel Capri zu zeigen. Klaus Witt hat für sich Capri liebgewonnen und in ihm ist immer diese Sehnsucht nach der Insel. Kaum kommen die beiden auf der Insel an, werden sie mit einem kranken Hund konfrontiert und lernen durch diesen liebgewonnenen Patienten den Tierarzt der Insel, den „Dottore“, den Seelenfänger, kennen. Diese Freundschaft und die mediterrane Lebensart regen die Gedanken von Klaus Witt an und  es ist ein leidenschaftlicher Appell an die Verantwortung gegenüber dem Leben und ein lebendiger Reisebericht entstanden. Das Buch macht unglaubliche Lust auf die Insel und ist für mich eine Überraschung, denn Klaus Witt ist ein belesener und fühlender Mensch, der seine Erkundungen auf Capri neben seine erlesenen philosophischen, spirituellen Ansichten mit seinen eigenen Gedankengängen kombiniert. Ein unterhaltsames Plädoyer für die Seele der Tiere und für ein Bewusstsein u.a. beim Einkauf und Konsum von Tierprodukten.

Neben den empfehlenswerten und gerade sehr aktuellen Werken von Peter Wohlleben und Clemens G. Arvay reiht sich dieses Manifest für die Tiere gelungen ein.

Jeder kann nur sich ändern und damit sein Umfeld beeinflussen. Sollten diesem Beispiel mehr Menschen folgen, könnte aus den individuellen Inseln, die wir jeder für sich sind,  ein glücklicheres und friedvolleres Miteinander keimen.

182Ich lebe vegan und durfte mal eine Woche in der Tierarztpraxis Kirchhofallee an der Seite von Dr. Matthias Böhm arbeiten, der mich zu diesem Praktikum eingeladen hatte. Er hätte mich gerne für eine Umschulung eingestellt, da er meinen Umgang mit Tieren mochte. Doch hat sich meine Biographie anders gestaltet, aber das Praktikum hat mich in meiner Hingabe zu den Tieren bestärkt. Warum sieht sich der Mensch immer noch gegenüber allen Lebensformen als erhaben an? Warum müssen wir alles ausbeuten und geringschätzen? Ich hoffe, dieser Reisebericht und anrührende Seelenfänger für Menschen und Tiere wird einen Beitrag dazu leisten. Zumindest regt er zum Nachdenken an und macht auch auf Capri sehr neugierig.

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János Székely: „Verlockung“

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Die Wiederentdeckung eines Leseschatzes. Székely ging bereits 1935 mit dem Roman  „Verlockung“ schwanger. Das Werk vollendete er dann gute zehn Jahre später. Es sollten weitere Romane folgen, die mit „Verlockung“ eine Trilogie bilden sollten. Leider hat Székely es nicht geschafft, diesen Romanzyklus zu verwirklichen. Aber „Verlockung“ für sich allein gelesen ist eine Bereicherung.

Die Handlung beinhaltet wohl viel Biographisches vom Autor. János Székely wurde 1901 in Budapest geboren. Als Achtzehnjähriger kam er auf der Flucht vor dem Horthy-Regime nach Berlin. Er verfasste Drehbücher für Stummfilme. 1934 erhielt er eine Einladung nach Hollywood und 1938 wanderte Székely endgültig aus. Während der McCarthy-Ära wurde er wiederum verfolgt und ging mit seiner Familie kurzzeitig nach Mexiko. Bereits schwer erkrankt kehrte er zurück nach Berlin und starb dort 1958.

„Verlockung“ spielt zwischen den beiden Weltkriegen in Ungarn und erzählt die lebendige und spannende Geschichte von Belá. Er wächst in einfachen Verhältnissen in einem trostlosen Dorf auf.  Bereits der Anfang des Buches lässt ahnen, wie humorvoll und toll die nun folgende Geschichte sein wird:

„Mein Leben beginnt wie ein Kriminalschmöker: Man wollte mich ermorden. Glücklicherweise wurde dieser Plan fünf Monate vor meiner Geburt gefasst, und so hat er mich kaum sonderlich erschüttert.“

So beginnt das komplexe Werk als Schelmen- Abenteuer- und Erziehungsroman. Der Protagonist ist Belá, Sohn einer Waschfrau, die diesen bei einer ehemaligen Prostituierten aufwachsen lässt, die wiederum ein heruntergekommenes Heim, d.h. eine Pension für uneheliche Kinder und (freizügige) Dienstmädchen, betreibt. Da er zur Schule gehen darf und sogar Schulbester wird, schafft er es Ende der zwanziger Jahre nach Budapest. Er arbeitet dort als Liftboy und Page in einem vornehmen Hotel. Seine Verlockung sind die Frauen. Besonders die elegante Dame aus Appartement 205, die den Hotelpagen gerne zu Liebesdiensten bestellt. Belá meinte es geschafft zu haben, das triste und arme Leben hinter sich lassen zu können. Er meinte kurzweilig das Glück spüren zu können. Belá sehnt sich nach Liebe und nicht nach dem großen Geld. Denn die Pagen bedienen sich nach den erzwungenen Liebesphantasien der edlen Dame in deren Geldbörse. Ein hübsches amerikanisches Mädchen zieht in das Hotel und es kommt zu zarten Annährungen zwischen ihr und Belá. Aber irgendwann ist diese auch abgereist und hinterlässt in ihm den Wunsch in die USA zu fliehen. Das Schreiben des amerikanischen Mädchens erreicht ihn mit unleserlichem Absender und somit verpasst Belá abermals sein Glück…

Ein umfangreicher Roman, der klug unterhält und einen mit dem Helden hoffen lässt. Die Sprache bleibt stets humorvoll und sehr anspruchsvoll – gleich der Handlung. Ich hoffe, viele Leser werden sich der „Verlockung“ hingeben…

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Elizabeth Graver: „Die Sommer der Porters“

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Ein stiller Familien- d.h. Generationenroman, der die Sommermonate der wohlhabenden Familie Porter beleuchtet, die ein Haus auf der Halbinsel Ashaunt in Massachusetts ihr Eigen nennen. Es sind ausgewählte Sommer, die episodenhaft die Geschichte einzelner Familienmitglieder erzählen. Der Roman spannt den Bogen von 1942 bis zur Jahrtausendwende.

Mister Porter, der im Rollstuhl sitzt, und seine Frau verbringen mit ihren drei Töchtern Helen, Dossy und Janie meist eine schöne Zeit in ihrem Sommerhaus. Doch ist nun der Krieg allgegenwärtig, auch auf der betulichen Insel und wächst zu einer nahenden Bedrohung. Charlie, der einzige Sohn der Porters, wird zum Piloten ausgebildet und wohl bereits bald nach Europa abkommandiert. Der Vater und die Mädchen sind stolz auf ihren Bruder, der stets präsent ist, haben aber natürlich auch Angst um ihn.

Viele der wohlhabenden Grund- und Sommerhausbesitzer meiden bereits die Insel, denn in der nahen Nachbarschaft wurde ein Militärstützpunkt errichtet. Mit der Familie reisen stets das Personal und zwei schottische Kindermädchen nach Ashaunt. Denn die Porters wirken nicht wie umsorgende Eltern und überlassen die eigentliche Erziehung den mitangereisten jungen Frauen. Bea, die sich allein um die jüngste Tochter kümmern soll, liebt diese wie eine eigene Tochter. Doch wird Bea sich bald zu entscheiden haben, ob sie weiterhin bei den Porters in Einstellung als Mutterersatz bleibt oder ihre eigene Familie gründet. Denn mit dem Aufbau des Militärstützpunkts hat sich nicht nur die Infrastruktur der Insel gewandelt, sondern es sind in der Nachbarschaft junge Soldaten, die mit den Mädchen und Frauen flirten und es werden verschiedene Bekanntschaften gemacht. So beginnen auch für die Töchter der Porters schicksalhafte Zeiten.

In weitschweifenden Kapiteln werden einzelne Charaktere und Zeiten, d.h. Sommer hervorgehoben. Helen, die vorerst aufmüpfige, dann starke Frau, die aber auch widersprüchlich wirkt, möchte das Leben kosten und alles haben. Helen war immer am engsten verbunden mit Charlie, der ebenfalls seine Probleme hatte und auch später immer gegenwärtig bleibt, auch als er bereits Soldat ist. So wandert man als Leser chronologisch durch die Sommer der Porters. Beginnend mit der Beziehung der Eltern zu ihren Kindern und deren Kindermädchen. Aber mit der Zeit kommen immer mehr Familienmitglieder hinzu, die das Sommerhaus als innere und äußere Zuflucht kennenlernen. Die einzelnen Schicksale werden aus wechselnden Perspektiven und sogar in Briefen erzählt.

Der Roman handelt von Liebe, Enttäuschungen, falschen Erwartungen und Hoffnungen. Die Geschichte erzählt viel, lässt wiederum aber auch einiges aus. So werden durch diese Auswahl und den Zeitraffer bestimmte Schwierigkeiten, Entscheidungen und Entwicklungen innerhalb der Generationen der Familie hervorgehoben. Durch die flüssige und stimmungsvolle Sprache, gelingt es Elizabeth Graver zügig die einzelnen Figuren zu charakterisieren und dem Leser vertraut werden zu lassen. Der Roman liest sich filmreif und bietet viele stille und schöne Lesemomente. Ein Roman, der in den Wirren unserer Geschichte das Alltägliche und nicht Alltägliche einer wohlhabenden Familie erzählt, die an der Küste ihren Rückzugsort findet, der aber nicht immer paradiesisch sein muss. Der Roman war in den USA für den National Book Award nominiert.

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Botho Strauß: „Herkunft“

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„Herkunft“ fällt aus dem üblichen Kanon der gesammelten Werke von Botho Strauß heraus,  denn es ist anders und doch ein zu erwartendes großes literarisches Werk vom Autor. Das Büchlein ist wohl sein persönlichster Text, denn es erzählt von der eigenen erlebten Jugend, der engen Häuslichkeit und der stets präsenten Rolle seines Vaters. Ein wichtiges und bleibendes Buch, das uns die Herkunft des Autors und seiner Werke nahebringt.

Besonders auffallend ist die schöne, knappe und präzise Sprache. Nichts wird ummantelt oder überflüssig gedehnt dargestellt. Die Sätze wirken gleich einer Statue, die aus einem groben Klotz immer mehr herausgeschliffen wurden, bis nur noch das Wahre, das Wesentliche stehenblieb.

Wir erlesen die 40er- und 50er Jahre. Es ist einer enge, bieder Welt in der Botho Strauß aufwächst. Jetzt, als älterer Mensch, blickt Botho Strauß mit diesem Text zurück und erlebt für uns Leser seine Kindheit und Jugend erneut und schildert diese durch die genaue Darstellung und Sprache sehr nachfühlbar. Sein Blick ist oft auf den prägenden Vater gerichtet, dessen Ansichten, Traditionen und Lebensphilosophie Botho Strauß meist nicht teilt und auch in Frage stellt. Nun im Rückblick erkennt er, dass man in das hineinwächst, was man damals als veraltet empfand. Sein Vater war ein Pharmazeut, der ebenfalls geschrieben hat. Er hat eine eigene Monatsschrift verfasst, die die Mutter, eine Hausfrau, einzutüten hatte. Die Meinungen über Literatur gehen bei Botho und seinem Vater aufgrund verschiedener Sichtweisen weit auseinander. Der junge Botho Strauß ist von Brecht begeistert und wünscht sich, dass sein Vater dasselbe in den Texten findet wie er. Doch der fast schon zu Misanthropie neigende Vater schwört auf Thomas Mann. Im Ersten Weltkrieg hat der Vater ein Auge verloren und sein eigenes Unternehmen wurde ihm genommen, da er in der Besatzungszone als Spion verhaftet wurde. Jetzt leben er und seine Familie in einfachen, aber gut bürgerlichen Verhältnissen.

Die erinnerte Kindheit ist eine enge, biedere Welt, in der man noch höflich ist, grüßt, wenn nicht sogar den Hut voreinander zieht. Wir lernen den jungen Botho kennen, der draußen spielt und sich verliebt. Sein Elternhaus als Herkunft und mit dem Vater als Mittelpunkt der Familie.

In der Gegenwart reist Botho Strauß in seine Vergangenheit, denn die Wohnung der Eltern wird aufgelöst und somit seine Kindheit entrümpelt und sein Zuhause aufgelöst. Ein berührender und literarischer Rückblick. Ein glaubhafter und intimer Roman, der den Weg aufzeigt, den der Autor Botho Strauß genommen hat, um der zu werden, der er ist.

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Olli Jalonen: „Von Männern und Menschen“

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Ein Roman, der alte Zeiten aufleben lässt und mich dabei unglaublich süchtig gemacht hat. Beim Lesen verweilt man gerne im skandinavischen Sommer des Jahrs 1972 und vermischt mit Bildern der eigenen Kindheit wurde das Buch für mich sehr erlebbar. Der Roman wurde von Stefan Moster, der mich in diesem Jahr bereits mit seinem Roman „Neringa“ begeistern konnte, aus dem Finnischen übersetzt. Die Tonlage und der Stil des Romans erinnern an Frank Goosen, Magnus Mills oder Gerhard Henschel (siehe u.a.: „Künstlerroman„) . Der Roman ist detailverliebt, aber niemals überladen und der tolle Erzählstil trägt einen sehr schnell durch diesen kleinen Wälzer. Es lässt uns den Protagonisten als Freund empfinden, der einem sehr vertraut wird. Auch Finnland wird etwas vertrauter. Im Anhang hat der Übersetzer Stefan Moster einen kleinen Aufsatz über die Politik Finnlands im Sommer 1972 geschrieben. Dieser rundet den Text von Jalonen ab und trägt im Kleinen dazu bei, die Umstände besser zu vertiefen.

Der Held des Romans ist 17 Jahre alt und ein kluger Schüler, der sogar von seiner Lehrerin für ein Stipendium vorgeschlagen wird. Aber seine unbeschwerten Tage enden mit den Schlaganfällen seines Vaters. Bisher hat er die Sommermonate gerne mit Krebsefangen und Radiohören verbracht. Je nach Wetterlage und Tageszeit ist es eine Leidenschaft der Jungs, mit ihren Weltempfängern Sender der ganzen Welt zu suchen und somit zumindest mit dem Radio dem landschaftlichen Einerlei zu entkommen. Sein Vater erkrankt und kann nicht mehr arbeiten und somit auch die Raten für den frisch erworbenen Wagen nicht mehr bezahlen. Diesen hat die Familie vom Autohändler des Ortes, gekauft, der nun von einem Rückkauf nicht sehr begeistert ist. Zum Glück ist der Händler der Bruder eines sogenannten nahen Verwandten, „Vetter“ Lampinen, eher Freund der Familie, dem die Installationsfirma „Volles Rohr KG“ gehört. Dieser kommt zu den Nachverhandlungen bezüglich der Rückabwicklung des Autokaufs hinzu und macht einen Deal aus, dass der Ich-Erzähler die noch fehlenden Raten, trotz des zurückgegebenen Autos, auf dem Bau abarbeiten soll.

So verbringt der Erzähler seine Ferienmonate mit dem Auffegen der Werkstatt von Vetter Lampinen und dem Bau von Regenrinnen. Er findet sich wieder in einer Welt der Handwerker und erwachsenen Männer. Da er auch werktags in dem Bauwagen der Firma übernachtet, akklimatisiert er sich schnell in dieser Welt und neben der harten Arbeit lernt er viel über Freundschaft, Verantwortung, Loyalität und Zwischenmenschliches, denn auch die Mädchen werden zu Frauen und erscheinen unserem Helden bald auch in einem neuen Licht…

Ein Abenteuer voller schriller, verschrobener Charaktere in einem Sommer, in dem es um vieles und wiederrum nichts geht. Es geht um Begeisterung und Liebe, um Freundschaft und ums Erwachsenwerden. Nebenbei erlebt man das Jahr 1972 aus finnischer Perspektive. Es ist das Jahr der Olympischen Sommerspiele in München und Kiel und die Hochphase der Piratensender. Auch der Held ist beteiligt an der Entstehung von „Radio Satan“, in dem er und sein Kumpel bereits gesendete Beiträge von regulären Sendern zusammenschneiden und dadurch den Inhalt verfremden oder diesem eine neue Bedeutung geben. So beginnt auch jedes Kapitel im Buch mit einem kleinen Beitrag aus diesen fungierten Interviews.

Das Buch hat mir sehr viel Spaß gemacht und durch die Sprache, sowie den Inhalt wurde ich immer süchtiger nach den Figuren und der Handlung. Olli Jalonen gehört zu den bedeutendsten Autoren Finnlands und ich hoffe, seine Werke werden auch im deutschsprachigen Raum eine größere Leserschaft erreichen. Ein tolles, unterhaltsames, kluges und stets humorvolles Buch.

Leseprobe

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Ruth Ozeki: „Geschichte für einen Augenblick“

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Die Autorin ist die Tochter eines Amerikaners und einer Japanerin und ist ferner Filmemacherin und Zen-Priesterin. Sie lebt in New York und auf einer kanadischen Insel. So ist es nicht verwunderlich, dass dies alles in ihrem Roman „Geschichten für einen Augenblick“ einfließt. Wenn nicht sogar Ruth selbst, die als Figur in diesem Roman auf einer kanadischen Insel mit ihrem Mann lebt und am Strand eine Hello-Kitty-Box findet. Durch diesen Fund beginnt die Geschichte.

Ruth bemerkt erst ein winziges Glitzern, ein Funkeln. In einem Büschel Seetang findet sie, durch das reflektierte Sonnenlicht angelockt, einen verschrammten Gefrierbeutel, der lange im Wasser gewesen sein muss. In diesem Beutel ist eine Lunchbox, die neben japanischen und französischen Briefen eine Uhr und ein Buch beinhaltet. Das Buch ist eine alte, gebundene Ausgabe von Marcel Proust „A la recherche du temps perdu“. Doch ist es nicht Proust, der über die vierte Dimension schreibt, sondern es sind die handschriftlichen Zeilen von Naoko Yasutani. Der Buchblock wurde gegen einen neuen ausgetaucht und lediglich der Einband erinnert an Proust. Wie ist das Buch nach Kanada gekommen? Ist die Verfasserin der Zeilen durch den Tsunami ums Leben gekommen? Hat sie sich, wie anfänglich angekündigt das Leben genommen? Denn das vorzeitige Beenden der Sein-Zeit scheint in der Familie bereits öfters vorgekommen, d.h. erwünscht zu sein.

Ruth beginnt erst zögerlich, dann immer gebannter die Geschichte von Naoko, die sich wie folgt vorstellt, zu lesen:

„Hallo! Ich heiße Nao, und ich bin Sein-Zeit, ich bin Sein, und ich bin Zeit. Weißt du, was das ist? Wenn du einen Moment hast, erzähl ich es dir.“

Sein-Zeit bezieht sich auf Dogen-Zenji. Auch das Namenskürzel Nao stellt durch die englische Aussprache die Verbindung zum Jetzt her. Denn jeder Augenblick ist ein ganz kleines Teilchen Zeit. So klein und doch sind es immer die Augenblicke, die etwas bewegen. Man kann diesen Moment kaum messen und doch bemisst er unser Leben und ist alles.

Nao sitzt, als sie an ihrem Tagebuch schreibt, in einem französischen Dienstmädchencafé in Akiba Electricity Town. Ruth, die immer mehr in den Gedankengängen und Geschichten von Nao versinkt, macht sich immer mehr Sorgen um das Leben der Verfasserin. Nao trauert ihrem Leben in Amerika nach. Als die Bitcom-Blase platzte, musste sie mit ihren Eltern zurück nach Japan. Nao muß lernen, sich neu einzuleben. Durch ihr fremdeln wird sie ein gefundenes Opfer der brutalen Schikanen ihrer Schulkameraden und Lehrer. Ihre Eltern verfallen ebenfalls in depressive Züge und verhalten sich immer verschlossener. Die Mutter schaut im Aquarium den Quallen zu und der Vater geht kaum noch aus dem Haus, bastelt Origami-Tiere und ist stark suizidgefährdet.

Halt sowie eine geistige und spirituelle Zuflucht findet Nao bei ihrer Urgroßmutter Yasutani Jiko, einer Zen-Meisterin. Diese nimmt sie einen Sommer zu sich. Auch danach bleiben sie ständig via Mail und SMS-Nachrichten in Verbindung. Die weise Yasutani Jiko schätzt sich selbst und sagt, sie sei wohl 104 Jahre alt. Ihr Sohn war ein Philosophie-Student, der dann als Kamikazekrieger ums Leben kam. Er hatte das Leben geliebt und es doch mehr oder weiniger selbstbestimmt beendet. Dieser spiegelt sich in Naos Vater, der mit seinem Leben hadert und ebenfalls den großen Denkern nacheifert und stets versucht sein Leben zu beenden.

Ruth, die als Autorin eigentlich an den Memoiren ihrer eigenen Mutter arbeiten wollte, ist nun auf der Suche nach der ganzen und wahren Geschichte von Nao. Sie liest und  kommentiert für uns Leser mit Fußnoten und Anhängen den Text von Nao. Neben der japanischen Philosophie, vordergründig dem Zen-Buddhismus, geht es um Quantenphysik, Schrödingers Katze, Umweltbewusstsein, die Sein-Zeit, Depressionen, Mobbing und Selbstmord. Auch spannt das Buch den historischen Bogen vom Zweiten Weltkrieg, dem Pazifikkrieg, den Terroranschlägen des 11. September 2001 bis zum Tsunami von 2011 mit der Katastrophe in Fukushima.

Passend zur japanischen Literatur bietet der Text auch mystische Elemente. Parallel- und ätherische Welten verweben sich in die Ebenen der eigentlichen Geschichte. So trifft Nao im Zen-Kloster auf ihren verstorbenen Großonkel und Ruth und ihr Mann bekommen Besuch von einer japanischen Krähenart. Die Krähe als Symbol des Boten, des Übermittlers zwischen den Welten.

Ein Leseschatz, der mich voll und ganz begeisterte. Ich habe vieles aus den Lehren des Zen verinnerlicht und habe eine Ausbildung in Reiki, daher sind mir die japanische Philosophie und Spiritualität sehr nah und ich konnte viele Bilder und Andeutungen in diesem Buch finden, die man, sollte man keine Vorkenntnisse haben, beim Lesen unbewusst aufnehmen wird. Sollte man mehr wissen und erfahren wollen, sind die Kommentare und Anhänge eine gelungene Anregung.

001Ein außergewöhnliches und seltenes Buch. Es ist phantastisch und realistisch zugleich – unsere wahrgenommenen und selbstbestimmten Welten.

Ein Buch, das auf mehreren Ebenen funktioniert und nebenbei große Lesefreude bietet.

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 Weitere Leseeindrücke auf: Masuko13, Buzzaldrins und Bücherwurmloch

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Arnd Rüskamp & Hendrik Neubauer: „Strand ohne Wiederkehr“

TITEL

Ein Krimi, der im Radius unserer Buchhandlung spielt…

Eckernförde Hauptstrand

Eckernförde Hauptstrand (Foto: Hendrik Neubauer)

Das Geheimnis des Bermuda-Dreiecks liegt in der Eckernförder Bucht.

Jedenfalls liegt die im Buch genannte Bermuda-Bucht im Süden von Eckernförde, am Südstrand. Hier verschwinden seit Monaten immer wieder Männer –  spurlos.

Die Handlung beginnt mit einem sommerlichen Bad am Südstrand von Eckernförde. Dem Schwimmer wird plötzlich von hinten etwas blitzschnell und mit enormer Kraft übergestülpt. Etwas drückt ihn dann rasend schnell unter Wasser…

Es geht um fünf Vermisste und eine zerlegte Leiche, die vakuumiert wurde. Der Hauptkommissar Rasmussen arbeitet schon lange an der Lösung, kann aber bisher keine Erklärung finden.

Es ist bereits der dritte Fall des Ermittlerduos Rasmussen und Brix, einer pensionierten Richterin. Ferner stehen ihr die „Knilche“ zur Seite. Freunde, die bei der Ermittlung mit Rat und Tat den beiden und der Polizei zur Seite stehen.

Die Brix war ein Jahr auf Weltreise und trifft bei ihrer Heimkehr auf einen leicht niedergeschlagenen Kommissar, der an dem Fall rund um die Bermuda-Bucht zu verzweifeln droht. Sie hat ihn nach ihrem letzten Fall, so fühlte es sich für Rasmussen an, allein gelassen.

Es sind fünf Männer, die bereits spurlos vom Südstrand verschwunden sind. Das endlich wieder vereinte und charmante Ermittlerteam versucht Klarheit in diesen mysteriösen Fall zu bringen. Ein Fall, der ganz Norddeutschland in seinen Bann zieht.

Als dann von gesellschaftskritischen Wegwerf-Gegnern im Müll eines Lebensmittelgeschäfts in Gettorf Leichenteile gefunden werden, kommt es zu ersten Verdachtsmomenten. Die Spur führt zu der nicht sehr trauernden Witwe, der exzentrischen Schönen mit einem Hang zum Kostümfetisch. Ihr Mann, Knut Berger, war Kampfschwimmer und hatte eine Bude am Strand betrieben, die auch von Pelle Erben und Sandro Hagemeister gerne aufgesucht wurde, die die zerlegte Leiche gefunden haben.

Was hat der ehemalige Kampfschwimmer mit den vermissten Männern zu tun? Was verschweigt seine Frau, die Witwe, die zwei Gesichter zu haben scheint? Ein Wirbel um Selbstsucht, Gewalt und Erniedrigung offenbart sich im beschaulichen Ostseebad. Beruhen denn nicht die meisten Tatmotive auf Beziehungsfällen?

Das maritime Flair wird gehörig durcheinander gewirbelt und es kommt zu einem zügigen Finale. Ein Gesellschaftskrimi, wohl nicht nur für Schleswig-Holsteiner ein Leseerlebnis. Wenn man aber die Lokalitäten: Eckernförde, Gettorf, Dänischer Wohld, Kiel kennt, läuft das unterhaltsame Kopfkino beim Lesen auf Höchsttouren. Apropos Kopf. Zitate aus der Popkultur von Katerina Valente über Judas Priest bis hin zu Rage Against the Machine befeuern immer wieder das Radio im Kopf…  Genießen Sie beim nächsten Bad die Angst…

Handlungsorte: u.a. Eckernförde, Kiel, Förde zwischen Bülk und Strande, Holtenau…

Fotos: Hendrik Neubauer

Passend zum Buch gibt es das in den Krimis beschriebene „Gumm Prix“ bald wieder live zu erleben. Ebenfalls lesen die beiden Autoren am 14.07.2016 in unserer Buchhandlung.

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Sonja Rüther: „Blinde Sekunden“

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Ein Spannungsroman, der mit wenig Blut auskommt. Trotz der Vorliebe der Autorin für gruselige Geschichten, ist ihr erster Thriller ein Krimi ohne Ekeleffekte und großen Mordszenarien. Es geht mehr um die Menschen und ihre seelischen und psychologischen Beweggründe. Wie weit mag ein Mensch für seine Ideale und Vorstellungen gehen? Wie weit geht der Mensch für die Liebe und wie weit kann er von Krankhaftem oder Hass getrieben werden?

Sonja Rüther unterhält und baut einen Spannungsbogen auf, der mich nicht wegen der Suche nach dem Täter fesselte, sondern durch den Aufbau der Geschichte und die Bewegründe der einzelnen Figuren. Ich meinte schnell den Handlungslauf, d.h. den Täter erkennen zu können, doch minimierte dies keinesfalls die Spannung, denn ich wollte wissen, wie die Charaktere agieren und warum. Der Blick in die Psyche, die Seele und die Abgründe der einzelnen Figuren machte für mich diesen Krimi glaubwürdig und hielt stets die Spannung.

Die Handlung spielt meist in Hamburg, aber auch in Göttingen und beginnt auf einer Charity-Veranstaltung. Wir lernen den Schönheitschirurgen Dr. Karl Freiberger und seine Frau Barbara kennen. Sie bewegen sich in der Welt der Schönen und Reichen, denen er oft zu ihrem Ansehen verholfen hat.  Seine Frau, die anscheinend durch seine Kunst operationssüchtig ist, leidet unter einer Depression. Doch ist sie wirklich suizidgefährdet?

In Hamburg treibt ein Serienmörder sein perfides Spiel. Er entführt seine Opfer aus teuren Hotels und tötet diese nach meist 119 Tagen. Im Hamburger Fünf-Sterne-Hotel Grand Elysée treffen wir erneut auf Dr. Karl Freiberger, der einen Mediziner-Kongress besucht. Im Foyer treffen sich Silvia und Sven zu einem heimlichen Rendezvous. Beide sind verheiratet, aber nicht miteinander. Sie leben in glücklichen Ehen. Silvias Ehemann ist auch der beste Freund von Sven. Doch bereits seit fünf Jahren fühlen sich Silvia und Sven immer mehr zueinander hingezogen und es wird Liebe, der sie aber keinen Raum geben wollen. Nur ein einziges Mal möchten sie ihrem körperlichen Verlangen nachgeben und verabreden sich heimlich im Grand Elysée. Durch die vorherige Aufregung und innere Unruhe verplappert sich Silvia fast bei ihrem Arbeitskollegen. Als endlich der Tag der gemeinsamen Nacht da ist und sie das Zimmer beziehen können, eilt Sven voraus, um das Zimmer persönlicher zu gestallten. Als Silvia dann aber nicht nach oben kommt, beginnt das Grauen…

Hat Silvias schlechtes Gewissen gesiegt? Hat sie es sich doch anders überlegt?  Ist sie ein Opfer des Fünf-Sterne-Mörders?

Eberhard Rieckers steht kurz vor der Pensionierung und beobachtet das bürokratische Ermitteln seiner Kollegen mit Skepsis. Gerade der Serienmörder, der in Hamburg sein Unwesen treibt, regt seine Neugier an. Aber als Polizist darf und kann man sich seine Fälle nicht aussuchen. Als er dann vom aufgelösten Sven aufgesucht wird, sieht Eberhard seine Chance im Fall tätig zu werden, denn der Tatort passt zum Profil des Serienkillers. Doch reichen seine langjährigen Erfahrungen, um die Wahrheit herauszufinden?

Ein unterhaltsamer Spannungsroman, der als Debut auf mehr von der Autorin hoffen lässt.

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Jeanette Winterson: „Der weite Raum der Zeit“

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Ich dachte Cover-Versionen gibt es nur in der Musikindustrie. Auch als Cineast erlebe ich Neuverfilmungen. Oft sind – gerade in der Welt der Rock- und Popmusik die Originale die besseren – meiner Meinung nach. Ob es bei großen Stoffen der Weltliteratur gelingen mag, sollte jeder für sich nachempfinden. Ich hatte mit „Der weite Raum der Zeit“ von Jeanette Winterson, der Neuerzählung von „Das Wintermärchen“ von William Shakespeare, sehr viel Spaß.

Seit Jahrhunderten wird Shakespeare aufgeführt, interpretiert, verfilmt oder umgewandelt als Vorlage für Graphic Novels oder Romane. Das Hogarth Shakespeare Projekt bietet bekannten Autoren die Möglichkeit, ihre persönliche Neuerzählung eines Werkes von Shakespeare zu schreiben. Die Romane, diese Neuerzählungen, werden dann auch in über zwanzig Ländern erscheinen. Mit dabei sind u.a. Margaret Atwood (Der Sturm), Jo Nesbø (Macbeth), Tracy Chevalier (Othello), Anne Tyler (Der Widerspenstigen Zähmung) uvm.

Jeannette Winterson hat sich mit „Das Wintermärchen“ beschäftigt. Dieser Text von Shakespeare habe in ihr schon lange als Glücksbringer rumort. Winterson, die selbst schon viele Romane, Kinder- und Sachbücher geschrieben hatte, gibt an, dass ihre Arbeit oft um dieses Stück kreiste. Schön ist aber, dass man „Der weite Raum der Zeit“ ohne Kenntnisse des Originals lesen kann.

Denn wer erinnert sich genau an „Das Wintermärchen“?

Das Original:

„Das Wintermärchen“ ist eines der letzten Stücke von William Shakespeare. Es sind seine großen Themen: Liebe, Eifersucht, Ehre, Verblendung, Mord(gedanken). Leontes, König von Sizilien, ist von Eifersucht getrieben. Er ist sich sicher, dass seine Ehefrau Hermione, die ein Kind erwartet, ihn mit seinem Freund Polixenes betrügt. Auch die Vaterschaft stellt er in Frage. Die Ehe geht kaputt und die Freundschaft ist vorbei. Als die Tochter Perdita zur Welt kommt, wird diese von Leontes ausgesetzt und von Schäfern aufgezogen. Polixenes kann fliehen und Hermione wird für tot gehalten, lebt aber im Verborgenen. Sechzehn Jahre vergehen, in denen Leontes seine Tat bereut. Florizel, der Sohn von Polixenes, begegnet Perdita zufällig und beide verlieben sich. Das Paar flieht nach Sizilien, wo es von Leontes aufgenommen wird. Die Zeit scheint aufgehoben und die Figuren stürzen in ein neues Leben, was sie daraus machen ist dem weiten Raum der Zeit überlassen…

Man muss aber das Original nicht kennen, um Freude am Buch von Jeanette Winterson zu haben.

Das Cover:

Der Roman beginnt, denn irgendwo muss ja eine Geschichte beginnen, mit dem Barpianisten Shep (Schäfer), der mit seinem Sohn Zeuge eines herbeigeführten Unfalls mit einem tödlichen Ausgang wird. Sein Weg über das Krankenhaus lässt ihn bei der Babyklappe auf ein frisch ausgesetztes Kind stolpern.

König Leontes ist nun der Londoner Investmentbanker Leo, der mit MiMi (Hermione) verheiratet ist. Sie kennen sich aus Frankreich. MiMi ist eine schöne Sängerin aus Paris. Sie erwarten ihr zweites Kind aber Leo ist fest davon überzeugt, dass sein Jugendfreund Xenos eine Affäre mit seiner Frau hat. Er lässt diese auch in seiner krankhaften Eifersucht überwachen. Die Freundschaft zu Xenos, dem homosexuellen Spiele-Entwickler, geht kaputt. Leo ist so sehr verblendet, dass er auch alle gegenteiligen Beweise ausblendet. Er verstößt MiMi und kann seine neugeborene Tochter Perdita nicht als seine Tochter annehmen und will sie wegschaffen lassen. Durch einen glücklichen Zufall findet der Pianist Shep das Baby und nimmt es bei sich auf. Jahre später verliebt sich Perdita in Xenos einzigen Sohn. Beide machen sich auf die Reise in die Vergangenheit ihrer Herkunft. Ob der Bann der Vergangenheit endlich gebrochen werden kann, ist dem weiten Raum der Zeit überlassen und der Rest ist Schweigen…

Eine eindrucksvolle Adaption, die wenig Lärm um Shakespeare macht. Die Zeit zwischen den beiden Werken ist gleich der spielerischen Zeit in den Handlungen ausgedacht und später aufgehoben und sie verwebt sich. Auch wenn wir in einer moderneren Welt als Shakespeare leben, haben sich die emotionalen Themen seither nicht verändert. Die Bühnen sind wohl lediglich andere geworden. Sie sind schnelllebiger und visueller gleich den von Xenos entwickelten Computerspielen. Die Zeit als Faden der Handlung, der mal bricht, mal Kurven nimmt, aber am Ende doch alle Wunden heilen könnte…

„Ein jeder frag‘ und höre, welche Rolle

Wir in dem weiten Raum der Zeit gespielt,

Seit wir zuerst uns trennten. Folgt mir schnell!“

William Shakespeare (Das Wintermärchen)

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Irène Némirovsky: „Pariser Symphonie“

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Irene Némirovsky kam 1903 in Kiew zur Welt. Sie floh mit ihren Eltern vor der russischen Revolution nach Paris und begann hier zu schreiben. Némirovsky wurde ein Star der französischen Literaturszene. Sie verfasste zwischen 1921 und 1942 fünfzehn Romane und mehr als fünfzig Novellen sowie Drehbücher und Skizzen für Kinofilme. In dieser Sammlung, die nach einer der elf Kurzgeschichten benannt ist, befinden sich Texte, die zeigen, wie sprachgewandt und tiefgründig die Autorin schrieb und mit Stilen und Ideen experimentierte. Némirovsky wurde 1942 in Ausschwitz ermordet und der Krieg ließ sie und ihr Werk für längere Zeit vergessen. Erst durch die Entdeckung eines unfertigen Manuskripts wurde ihre Literatur erneut zugänglich gemacht. In ihrem Nachlass befand sich der Text zu ihrem bekanntesten Werk „Suite française“.

Ich habe die Autorin durch Ihre Romane „Jesabel“ und „Suite française“ kennen und schätzen gelernt. Jesabel behandelt das Verlangen nach immerwährender Schönheit und das unfertige „Suite française“ handelt vom Untergang Frankreichs.

Das Buch „Pariser Symphonie“ lässt schon durch das Titelbild erahnen, wohin uns die Geschichten mitnehmen. Eine Frau balanciert auf dem Eifelturm. Im Hintergrund die Stadt Paris, auf dessen Wahrzeichen mit einer Unbekümmertheit jene Frau wandelt. Aber ist es Leichtigkeit oder Leichtsinn? Lebensfreude oder Lebensmüdigkeit?

Die Erzählungen sind meist kurz und sehr verdichtet. Es sind Ellipsen oder sogar Texte, die wie ein Drehbuch zu lesen sind. Bei einigen Texten wird man gleich einer Kamerafahrt abgeholt, die den Leser fokussiert auf den Kern der Erzählung lenkt. Es sind meist psychologische Einsichten, die in der damaligen Zeit durch die moderne Erzählstruktur verstörend waren. Gerade durch die oft neutrale Erzählerstimme.

Wir erlesen über Häusliches, Gewöhnliches, über das Eheleben und natürlich über den einkehrenden Schrecken. Es ist die Rede von der Macht der Leidenschaft und den Erfahrungen mit dem Übernatürlichen.

Es sind Erzählungen, in denen u.a. die Hauptfigur ihre Jugendliebe verloren hat und in ihrer Mutterrolle mit den Geistern der Vergangenheit konfrontiert wird. In einem Abstellraum sehen die Kinder diese Geister und erfahren mehr als ihnen von der Mutter bisher erzählt wurde.

In einer anderen Geschichte wird aus einem okkultistischen Spiel traurige Wahrheit. Die von der Gesellschaft vorerst belächelten Prophezeiungen bewahrheiten sich und führen, da sie nicht angenommen wurden, zu einem Drama.

Ein Diebstahl entpuppt sich als lieblose Verschwörung um unbeliebte Familienmitglieder, die erst in folgender Generation zu Tage kommt und diese mit einbezieht.

Eine Frau, die ihrer ersten Ehe nachsinniert und überzeugt ist, dass ihre Liebe trotz zweiter Ehe den Tod überdauert.

Oft ist der Schauplatz Paris, so auch die titelgebende Geschichte, die gleich einem Drehbuch die Stadt als Klang erfasst. Ist Armut und Erfolglosigkeit für große Kunst notwendig? Einige Geschichten, so auch diese, sind geschrieben wie Kameraeinstellungen. Ganz besonders in „Der Film“ wird u.a. durch Schnitte das Geschilderte in Szene gesetzt.

Es sind leichte, melancholische Erzählungen, die auch den Schrecken beinhalten. Aus Angst kann schnell ein Handeln mit fatalen Folgen und tödlichem Ausgang werden. Ein Echo der erlebten Vergangenheit kann sich im Ego manifestieren. So auch ein gefeierter und überzogener Autor, der sein Gefühlsleben als Kind unverstanden und von der Mutter missachtet wahrnahm,  meint nun als Autor dieses ausleben zu können. Er zwingt aber dadurch seiner Ehe und dem Kind ein Echo seiner eigenen Vergangenheit auf.

Eine Sammlung an Erzählungen mit großen Themen. Es sind zeitlose Geschichten über Liebe, Tragik, Tod und Freundschaft. Meist sind die Geschichten durchwoben vom Charme der 1930er Jahre. Aber die Figuren und Probleme wirken lediglich auf den ersten Blick als vergangen und uns fern.

Eine sehr lesenswerte Sammlung, die neugierig auf das Werk der Autorin macht.

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Siehe auch Maikes Besprechung in Herzpotenzial

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