Eva Ladipo: „Wende“  

003

In dem spannenden Roman geht es um die Energiewende und um deutsch-deutsche Geschichte. Beide Wenden scheinen zumindest in diesem Buch sehr eng miteinander verknüpft zu sein.

Eine nicht ganz abwegige Geschichte, die sehr realistisch Fakten und Fiktion verknüpft. Tatsächliche Ereignisse untermauern das Gedankenspiel der Autorin, die politische Wissenschaften studierte, über das russische Steuersystem promovierte und als Journalistin tätig ist. In ihrem Debut wird ein Spannungsbogen rund um die aktuellen Fragen der Energiewende aufgeworfen. Warum die Kanzlerin, die stets pro Atom war, sofort gänzlich aussteigen möchte. Warum ein Ministerpräsident, dessen Name im Roman umgewandelt wurde, die erste rot-grüne Koalition gründete, wobei er vorher lieber die Grünen mit Dachlatten verprügelt hätte.
Der Protagonist, ein junger Jurist, stößt bei seinen Recherchen auf alte Stasiagenten und weitreichende Verschwörungen, die die Politik und Wirtschaft gelenkt, beeinflusst und ausgenutzt haben. Denn wer profitiert letztendlich von der Wende?

Am Anfang des Romans lernen wir Martin Jäger kennen, der für die ReAG-Atom arbeitet und von seinem Beweis seiner Verschwörungstheorie eingeholt wird. Er wird in seinem Elternhaus überfallen und mit seinem eigenen Gürtel erhängt, damit es wie ein Selbstmord aussieht. Ihm und seinen Kollegen der ReAG wurde gekündigt und alle denken, dies sei einer der Gründe seines Freitodes.

René Hartenstein, ein junger Ostdeutscher, hat im Westen sein Glück gefunden. Nach seinem Jurastudium folgt er seiner Freundin nach Frankfurt und macht als Jurist Karriere in der Energieindustrie. Dann kommt es in Fukushima zur Kernschmelze und Deutschland steigt aus der Atomkraft aus und ihm wird ebenfalls gekündigt. Sein befreundeter Kollege Martin Jäger, der sich mit ihm am Abend seines Todes noch treffen wollte, hat sich auf seinem Dachboden erhängt. René geht Martins offene Termine durch, um diese abzusagen. Dabei stößt er auf Anna Smoktum, bei der Martin anscheinend ein Vorstellungsgespräch hatte. Sie bietet nun René diese Stelle in ihrem Investmentfond in London an. Er sagt zu, beginnt aber in ihrer Vergangenheit zu recherchieren, denn ihren Namen verbindet er mit einem Verdachtsfall aus der Wendezeit. Denn woher hatte sie das Startkapital für ihr sehr vermögendes Unternehmen?

Er sucht in den Archiven der Stasi. Doch diese beinhalten lediglich die Protokolle der Vorgänge, die bereits abgeschlossen waren. Die Unterlagen der laufenden Untersuchungen wurden in letzter Minute nach dem Mauerfall vernichtet. Doch gibt es durch die Digitalisierung die Möglichkeit, die per Hand zerrissenen Papiere wieder zu rekonstruieren.

Beruflich hat René Erfolg bei dem Investmentfond, das sich sehr gewinnbringend die Energiewende zu Nutzen macht. Nebenbei dringt er immer tiefer in die Vergangenheit seiner Gönnerin, der er trotz ihres Alters auch zu verfallen scheint. René begreift, daß Anna Smoktums Geschichte mehr ist als deutsch-deutsche Geschichte und er stößt auf Geheimnisse der Energiewirtschaft, die anscheinend nicht nur Martin Jäger das Leben gekostet haben.

Ein lesenswerter Roman, der einen tollen Spannungsbogen und glaubhafte Charaktere beinhaltet. Das Buch lässt sich sehr zügig lesen und bietet spannende, kluge und kurzweilige Unterhaltung. Die Geschichte hinterlässt durch ihre realen Bezüge einen bitteren Beigeschmack…

Zum Buch

2 Kommentare

Eingeordnet unter Erlesenes

Fuminori Nakamura: „Der Dieb“

Diogenes Nakamura Der DiebEin intensiver Roman, der uns packt, nach Tokio schleift und durch die Straßen der Metropole jagt. Es ist ein literarisches Werk, wird als Thriller gefeiert und ist doch wohl etwas mehr als ein herkömmlicher Kriminalroman. Es ist die verstrickte Welt der Klein- und Großkriminellen mit ihren noch zahmen Anfängen einer Robin-Hood-Ansicht bis hin zur brutalsten Kaltblütigkeit der Mafia. Ebenso erleben wir eine Welt, in der für japanische Literatur typische Traumbilder, Katzen und dunkle Türme, die Szenerien ergänzen.

Der Ich-Erzähler lebt von geschicktem Taschendiebstahl. Sein Revier sind die belebten Straßen Tokios und die überfüllten U-Bahnzüge. Er hat sein Handwerk perfektioniert. Ein kleiner Schubs im Gedränge und mit gezieltem Griff stiehlt er fast schon kunstvoll das Portemonnaie eines ausgesuchten Opfers. Doch sind es stets reiche Menschen, die er sich aussucht. Anhand der Kleidung und Marken erkennt er den Mann oder die Frau von Welt, die er bestiehlt. Gerne auch Männer, die in den Wagen der U-Bahn Frauen belästigen. Die Portemonnaies wirft er nach deren Entleerung in Briefkästen, damit diese von der Post an die Besitzer zurückgeführt werden.

Wir erfahren, dass er wieder in Tokio ist, die Stadt also für eine gewisse Zeit gemieden hatte. Jetzt ist er ein Einzelkämpfer. Früher hat er mit Ishikawa zusammengearbeitet. Sie waren ein perfekt eingespieltes Team und Ishikawa war wie ein Vorbild, ein Idol, dem er nacheiferte. Ihre gemeinsamen Streifzüge machten sie meistens am Wochenende, denn an Werktagen musste Ishikawa das Telefon und eine Art Rezeption einer Briefkastenfirma besetzt halten.
Das letzte Mal, als er Ishikawa gesehen hatte, wurden sie genötigt einen vermeintlich einfachen Überfall für Kizaki, einem Mafiamitglied, durchzuführen. Seit diesem Einbruch, der in der Politik und Wirtschaft für Unruhe sorgte, ist Ishikawa verschwunden.

Als der Ich-Erzähler beim Einkaufen eine Mutter mit ihrem Sohn beim Stehlen beobachtet und diese warnt, als sie von den Kaufhausdetektiven beobachtet werden, wird er für das Kind eine Bezugsperson und später auch eine Art Lehrmeister. Doch will er die Frau und das Kind auch schützen und aus der kriminellen Welt fernhalten, was ihm zum Verhängnis wird, denn seine dunkle Vergangenheit holt ihn ein.

Die Beziehung zu dem kleinen Jungen, der in ihm eine Vaterfigur sieht, macht ihn erpressbar und abermals wird er von dem Großkriminellen genötigt, seine Künste als Taschendieb für diesen einzusetzen.

Ein Roman mit einer dunklen, einsamen Geschichte eines kleinen Diebes, der in die Fänge der Mafia gerät und durch seine Sehnsucht nach Menschlichkeit verletzlich wird.

Ich mag Romane aus Japan. „Der Dieb“ ist unglaublich fesselnd und das Schicksal der Protagonisten hat mich sehr in seinen Bann gezogen. Sehr spannend sind die Verstrickungen und Beweggründe, die von langer Hand gelenkt und inszeniert wurden, und die die Frage nach Schicksal, Zufall und Macht sowie Machtlosigkeit und Einsamkeit aufkommen lassen. Das Buch verklingt nicht einfach so und das Gefühl dieser gelenkten Willkür bleibt bis zum verstörenden Ende…
Ein Roman, als hätten sich Lehane und Murakami zum Schreiben verabredet und uns zusammen in ihre jeweiligen Welten eingeladen…

Ein beeindruckender Roman. Ich hoffe, es werden noch mehr Werke von Nakamura ins Deutsche übersetzt.

Zum Buch

9 Kommentare

Eingeordnet unter Erlesenes

Zeruya Shalev: „Schmerz“

Berlin Verlag Shalev Schmerz

Wiedermal hat Zeruya Shalev einen Roman geschrieben, der gänzlich in die Tiefe geht, der sich sprachlich abhebt und beim Lesen eine bannende Stimmung aufkommen lässt. Es ist die Sprache, die fesselt und einen in der Handlung vorantreibt. Eine kluge, tiefgründige Studie menschlicher Empfindungen, Wünsche und Schicksale. Ein Roman über Liebe und Wunden. Beide können Schmerz verursachen. Schmerz, der seelisch ist, kann körperlich werden und körperlicher Schmerz kann seelischen Schaden hinterlassen.

Es ist wieder ein sehr persönliches Buch, denn Iris, die Protagonistin überlebt einen Terroranschlag. Sie hatte gerade ihre Kinder zur Schule gebracht. Eigentlich sollte ihr Mann die Kinder bringen, doch er musste in seine Firma, ausnahmsweise so früh am Morgen. Als sie wieder auf dem Heimweg ist und einen Bus überholen möchte, wird dieser durch einen Attentäter gesprengt und reißt viele in den Tod.
Zehn Jahre später lebt sie in ihrer Karriere auf und leitet eine Schule. Ihre Kinder sind erwachsen und die Tochter verlässt bereits das Elternhaus. Iris ist zwar in ihr altes Leben zurückgekehrt, doch leidet sie unter unerträglichen Schmerzen. Ihr Mann steht ihr immer zur Seite, doch ist es ein unterkühltes Miteinander. Sie leben zusammen, aber bleiben auch jeder für sich. Gerade als die Tochter auszieht, übernachtet Iris immer häufiger in dem Kinderzimmer.

„Die Privatsphäre für jeden Einzelnen haben sie gewonnen, doch sie haben es nicht geschafft, die Gemeinschaftsbereiche mit Leben zu füllen…“

Ihr Leben gerät immer mehr ins Straucheln, als sie in der Klinik von einem Schmerztherapeuten untersucht wird. In ihm erkennt sie ihre damalige große Liebe, Eitan. Er war die Liebe ihrer Jugend. Sie stand ihm damals rührend zur Seite, als er sich um seine sterbende Mutter kümmerte. Als diese verstarb, wollte er einen Neubeginn machen, in der für Iris kein Platz war.
Diese Wunde, die Eitan ihr damit zugefügt hat, schmerzt sie gleich der körperlichen, die ihr der Selbstmordattentäter zugefügt hat. Doch fühlt sie sich erneut von ihm angezogen. Sie versucht für sich auszuloten, was und wo ihre Liebe ist. Sie entflieht der Ehe. In ihr nagt auch das Ungewisse: warum hat sie damals die Kinder zur Schule gebracht und nicht, wie sonst ihr Mann? Warum musste er genau an jenem Tag früh aus dem Haus?

Ein tiefgreifendes Psychogramm. Shalev ist eine genaue Beobachterin und unglaublich tolle Autorin. Viele Sätze möchte man unterstreichen und bewahren. Ein Buch über Emotionen, Schmerz, Liebe und deren Wunden.

Wiedermal ist es Shalev gelungen, die verwundete Seelenwelt einer Frau zu schildern, die wohl vieles ihrer eigenen Biographie in sich birgt. Das Attentat, das sie selbst überlebte und ihre Mutter, die immer von ihrer großen Liebe, die nicht ihr Vater war, schwärmte. Was passiert, fragt sich Shalev, wenn man dieser erneut begegnet und verfällt?

Ein sehr lesenswerter Roman, der sprachlich sowie inhaltlich sehr zu fesseln weiß. Erneut aus dem Hebräischen übersetzt von Mirjam Pressler (Hila Blum, Ahorn Appelfeld und Amos Oz)

Zum Buch

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Farina de Waard: „Zähmung – Das Vermächtnis der Wölfe“

Zähmung

Ab und zu, wenn der Herbst naht, verspüre ich Lust auf fantastische Welten. Welten und Geschichten, in die man eintaucht und gänzlich in ein naturverbundenes, magisches Umfeld versinkt.

Wir hatten neulich das Glück und durften Farina de Waard kennenlernen. Sie ist fasziniert von der Natur und deshalb spielt auch die Verbundenheit zur Umwelt eine tragende Rolle in ihren Büchern.
In ihrem Debutroman „Zähmung – Das Vermächtnis der Wölfe“ erleben wir eine Welt, die mit unserer Welt verbunden ist. Diese Welt nennt sich Tyarul und sie ist ganz nah bei uns, doch können wir diese nicht sehen oder betreten. Nur wer eines der wenigen Portale zwischen den Welten betritt, kann zwischen den Welten wandeln.
Tyarul ist ein wildes, grausames Land, in der die Zeit stehen geblieben zu sein scheint oder anders verläuft. Es ist eine Welt voll von schöner Natur, magischen Steinen, Zauberern, Menschen und fremdartigen Wesen, die in mittelalterlichen Siedlungen und Städten hausen.

Der Roman beginnt in unserer Welt. Eine Frau, die ein Bündel an sich gepresst hält rennt durch einen U-Bahn Tunnel und wird von altertümlich bewaffneten großen Menschen verfolgt, die sie letztendlich auch stellen und töten. Im Bündel befindet sich aber nicht das gesuchte Mädchen, die Mutter konnte es wohl noch in Sicherheit bringen…

Das Mädchen Sina scheint jemand besonderes zu sein, denn die Tyrannin Zayda und Herrscherin von Tyarul setzt alles daran, sie zu finden. Mazuk, ihr Häscher, jagt seit Jahrzehnten die zerstreuten Rebellen – seit er vor vielen Jahren das gesuchte Kind der Magierin Ithilia verlor. Seine Spur führt ihn über Paris nach Hamburg. Er tötet ihre Zieheltern und entführt sie nach Tyarul.
Sina landet nach ihrer Entführung in einer ihr fremden Welt und wird in ein unmenschliches Verlies gesperrt. Mit Hilfe weiterer Rebellen kann sie entkommen und nachdem sie sich mühsam in die mittelalterliche Welt einleben und von ihren Verletzungen erholen konnte, eröffnet sich ihr langsam ihr wahres Schicksal: Sie soll die auserwählte Magierin „Zenay“ sein, die Retterin der Welten…

Dieser Auftakt hat mich gefesselt. Gerade durch die liebevollen Beschreibungen und trotz der gängigen Fantasybilder war vieles anders und neu. Die Heldin, die anfänglich stets zweifelt und gegen ihre Ängste zu kämpfen hat, erinnerte mich an die großen Werke von Stephen R. Donaldson. Die Naturverbundenheit der Autorin glänzt immer wieder durch in dieser Welt voller Magie und Wunder.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Celil Oker: „Lass mich leben, Istanbul“

Unionsverlag Lass mich leben, Istanbul

Wieder ist es einem Kriminalroman gelungen, in mir Fernweh zu erwecken, denn was ich besonders an Krimis mag, sind meistens die Schauplätze. Im Buch „Lass mich leben, Istanbul“ wird man als Leser förmlich durch die Viertel, Gassen und Straßen von Istanbul getrieben. So ist auch eine der wichtigsten Rollen im Buch die Stadt selbst.

Als Ermittler taucht erneut Remzi Ünal auf („Schnee am Bosporus“ u.a.). Der jetzige Privatdetektiv war vor längerer Zeit Pilot bei der Luftwaffe und dann bis zu seiner Kündigung bei Turkish Airlines beschäftigt. Der ehemalige Kapitän und angehender Schwiegersohn – sofern er seine Angebetete anruft – schlägt sich jetzt mehr oder weniger erfolgreich als Privatdetektiv durch. Wir lernen ihn als einen einsamen, nikotinsüchtigen Kaffeeliebhaber kennen. Er lebt in einem schäbigen Hotel, dessen Namen er sich nicht traut zu sagen, weil es ihm sehr peinlich ist, dort zu wohnen. Dabei würde wohl ein einziger Anruf bei seiner Freundin reichen, damit er wieder zurück könnte…

Morgens wird Remzi Ünal erst richtig zu einem Menschen, wenn er guten Kaffee oder türkischen Mokka getrunken hat. Im Café, in dem er sein Morgenritual durchführt taucht ein junger Internist auf, der seine Freundin vermisst. Sie ist Krankenschwester und seit Tagen verschwunden. Er hat seine Beziehung mit ihr vor dem Kollegium des Klinikums geheim gehalten, daher bittet er Remzi um Hilfe.
Als Remzi den Fall übernimmt und in der Klinik nachfragt, wird er bereits von einem Irren mit einem Skalpell bedroht. Als er eine Freundin der Vermissten aufsucht, findet er nicht nur die Freundin sondern eventuell auch die Gesuchte, die aber im Trubel verschwinden kann, denn in der Wohnung liegt im Schlafzimmer ein toter junger Arzt.
Alles beginnt aus dem Ruder zu laufen, als auch noch drei Schlägertypen auftauchen, dessen Anführer sich, wie sich etwas später herausstellt, als ein Bandenchef ausgibt, für den er selbst eigentlich ab und zu arbeitet.
Als der Fall sich etwas zu entwirren scheint, wird erst deutlich, in was für ein Wespennest gestochen wurde, denn eine ominöse Klinik behandelt mit zweifelhaften Methoden Patienten gern auch aus dem kriminellen Umfeld.

Die Verwicklungen steigern sich laufend und der Krimi liest sich zügig und macht Spaß. Mit leichtem Witz, Sarkasmus und einem bösen Blick auf die Korruption der Gesellschaft. Ab und zu etwas übertrieben, besonders dann wenn Remzi Ünal sich körperlich zur Wehr setzen muss und auch bei überzähligen Angreifern als Held hervorgeht. Das Ende erinnert etwas an Agatha Christie, denn alle Beteiligten treffen sich und der Fall wird in dieser Runde letztendlich gelöst.

Zum Buch

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Henning Schöttke: „Luxurias Glück“

001

Plötzlich stand Henning Schöttke bei uns im Laden. Er wollte uns „Gula“ („Gulas Menü“ sein erster Roman) vorstellen. Seit diesem netten Besuch sind wir gut befreundet und ich habe daher auch die Ehre gehabt mir seine Arbeitsplätze und seine Struktur hinter seinen Romanen anzusehen.
Im dritten Roman, seiner Roman-Reihe begleitet Henning erneut eine Frau auf ihrem Lebensweg.
Die Romane sind innerhalb des „Todsünden-Zyklus“ eingebunden, können aber jeder für sich stehen und apart gelesen werden. Es werden insgesamt sieben Bücher, die jeweils symbolhaft für eine der Todsünden stehen, die in die heutige Zeit übertragen werden und die existentiellen Grundlagen des Lebens darstellen – Essen, Schlaf, Liebe, Feuer, Recht, Arbeit und die Kunst. Jedes Buch steht für sich baut aber Brücken zu den anderen Werken und den Protagonisten, die ab und zu wieder auftauchen. Man trifft also beim Lesen auf alte Bekannte, findet Anspielungen auf andere Kapitel, Charaktere oder Bücher.

Luxuria wächst in Hamburg auf und ist das älteste Kind einer einfachen Familie. Ihr Leben baut sich wie ein gelungenes Puzzle immer weiter vor dem Leser auf. Die Episoden aus ihrer Biographie werden nicht chronologisch erzählt, sondern vertiefen durch die Erzählstruktur aus verschiedenen Perspektiven immer mehr ihre Sehnsucht nach Liebe. Das Buch wendet sich vom Tod zur Geburt, denn im Prolog begegnen wir der glücklichen und geliebten aber vor kurzem verstorbenen Luxuria. Sie hatte ihr Glück gefunden und war in sich eins. Am Ende des Buches erleben wir die Geburt ihres Kindes – so schließt sich der literarische Kreislauf im Roman.

Luxuria wächst in den 70er Jahren in Hamburg auf und ihre Eltern streiten viel und sie muß die Verantwortung für ihre Geschwister übernehmen. Geborgenheit findet Luxuria bei der Nachbarin Marion, die mit ihrem Mann eine Werkstatt betreibt. Die Lebenseinstellung von Marion widerspricht aber der einfachen Sichtweise ihrer Mutter und somit wandelt Luxuria zwischen zwei Welten.
Marion bleibt immer ihre Vertraute und übernimmt die eigentliche Mutterrolle, die sie als Schülerin auch heimlich unterstützt. Sie ist es auch, die ihr rät Hebamme zu werden.

Als junge Frau können andere ihr nicht wirklich nahe kommen und auch der Sex kann ihre Sehnsucht nach Liebe nie stillen. Dies liegt wohl an der kalten, konservativen und lieblosen Erziehung ihrer Eltern, denn wie sich später zeigt, haben auch andere Geschwister ihre Probleme mit der Liebe zu sich und anderen.
Als ein traumatisches Ereignis alles erschüttert, lernt sie endlich die Liebe anzunehmen und findet zu sich selbst.

Ich habe alle drei Romane von Henning unglaublich gerne gelesen. Immer wenn man ein Buch von ihm beendet hat, möchte man gerne erneut ein anderes lesen, um die ganzen Verbindungen der Werke zu durchleuchten. Es sind sehr gute Entwicklungsromane, die den Zeitgeist widerspiegeln. Das vorliegende Buch ist wohl Hennings literarischster Roman.

005

Besonders stolz bin ich, da ich dieses Buch bereits in einer vorherigen Fassung lesen durfte und Anregungen einbringen durfte. Es ist auch der erste Roman, in dem ich unter den Danksagungen genannt werde. Dabei habe ich doch zu danken….

Siehe auch meine Besprechung zu “Acedias Traum”

Zum Buch

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Aharon Appelfeld: „Ein Mädchen nicht von dieser Welt“

Rowohlt Berlin Ein Mädchen nicht von dieser Welt

Der neue Roman von Aharon Appelfeld „Ein Mädchen nicht von dieser Welt“ liest sich fast schon wie ein Märchen gegen dunkle Stunden.
Wiedermal sind es Menschen in seinem Roman, die sich im Wald vor den Nazis verstecken. Gleich seinem vorherigen Werk. Neben den märchenhaften Illusionen und religiösen Hoffnungen birgt das dünne Büchlein wohl viel Wahrheit und Erlebtes.
Der Autor Appelfeld wurde 1932 in Czernowitz geboren. Im Krieg überlebte er das Ghetto sowie das Lager. Er versteckte sich als Junge in den ukrainischen Wäldern, überlebte dann als Küchenjunge der Roten Armee und kam 1946 nach Palästina.

In dem Roman „Ein Mädchen nicht von dieser Welt“ erzählt er von zwei jüdischen neunjährigen Jungs, die von Ihren Müttern im Wald versteckt werden, um sie vor der Verfolgung der Nazis zu schützen.
Adam, der tatkräftige und traditionell erzogene Junge, wird von seiner Mutter aus dem Ghetto in den Wald gebracht. Er kennt den Wald und alles was darin ist, seine Eltern haben ihm viel beigebracht. Die Mutter lässt ihn allein, denn sie möchte auch die Großeltern in Sicherheit bringen, bevor die Deportationszüge kommen.
Im Wald trifft er auf Thomas, einen sehr klugen und belesenen Jungen, den er auch schon von der Schule kennt. Sie waren eigentlich keine guten Freunde, doch nun müssen sie lernen, sich im Wald zurecht zu finden. Ihre Mütter wollten gegen Abend wieder kommen. Doch als es immer später wird, beschließen die Kinder sich ein Nest oben in einer Baumkrone als Schutz zu bauen.

Auch in den folgenden Tagen kommen ihre Eltern nicht, und da die mitgegebenen Brote bald aufgebraucht sind, sammeln sie wilde Früchte und Wasser.
Doch der Schrecken des Krieges ist nicht weit entfernt. Nachts flüchten Menschen durch den Wald, sie hören Schüsse und einmal begegnen sie auch einem Verwundeten, dem sie versuchen zu helfen. Sie bauen ihr Nest immer tiefer im Wald, in dem sie sich sicher fühlen. Sie müssen lernen, dass sie nur gemeinsam überleben können.
Doch bekommen sie Hilfe von einem kleinen Mädchen, Mina, das sie auch von der Schule kennen. Sie ignoriert die Jungs, aber versorgt sie heimlich. Mina scheint als Magd ausgebeutet zu werden, wenn nicht sogar misshandelt. Als die Rote Armee immer näher rückt, werden die Nächte im Wald kälter und auch Mina gerät in große Gefahr…

Ein Roman über Freundschaft und Hilfe in großer Not. Ein außergewöhnlicher Text über das Überleben in der Natur. Er zeigt uns den menschlichen Zusammenhalt und eine tiefe Freundschaft und sehr großen Mut.

Das Buch wurde aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler übersetzt. Der Roman ist in einer schönen, leicht zu lesenden Sprache geschrieben. Ein einzigartiges Büchlein.

Zum Buch

2 Kommentare

Eingeordnet unter Erlesenes

Leseschatz 4

Wir haben eine neue Folge „Leseschatz-TV“ gedreht…

Ich hoffe, Ihr und Sie haben viel Spaß…

Ich stelle folgende Titel vor:
1) Tremblay, Der Name meines Bruders 2) Rothmann, Im Frühling sterben 3) Saucier, Ein Leben mehr 4) Rakoff, Lieber Mr Salinger 5) Thomae, Momente der Klarheit 6) Flender, Green Wash Inc. 7) Trucillo, Geometrie der Liebe 8) Kaiser, Makarionissi 9) Francis, Die Schatten von Race Point 10) Herbst, Traumschiff 11) Mai Jia, Das verhängnisvolle Talent des Herrn Rong 12) Zaimoglu, Siebentürmeviertel 13) Punke, Der Totgeglaubte 14) Trojanow, Macht und Widerstand 15) Padura, Ketzer 16) Rai, Gottespartitur
KINDER- JuBu 17) Fuchs, Mädchenmeute 18) Willems, Das Buch über uns 19) Stewner, Alea Aquarius 20) Terry, MindGames 21) Rinehart, Chroniken von Toronia 22) Wilson, Ganz schön langweilig 23) Schärer, Der Tod auf dem Apfelbaum

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Ilija Trojanow: „Macht und Widerstand“

Fischer Trojanow Macht und Widerstand

Ilija Trojanow hat mit „Macht und Widerstand“ laut eigenen Aussagen, sein Opus magnum veröffentlicht. Er wurde 1965 in Sofia geboren und flüchtete mit seinen Eltern 1971 über Jugoslawien und Italien nach Deutschland. Er lebte unter anderem in Nairobi, Kenia, Indien und studierte in München. Ein Weltbürger – ein Weltensammler, gleich seinem sehr lesenswerten Roman.
Er schreibt neben seinen Reiseberichten Romane, zuletzt den tollen Roman „EisTau“. Jedenfalls steht auf dem neuen Buch auf dem Umschlag erneut Roman. Es ist ein Roman, aber auch ein Zeitzeugnis, ein politisches Erinnerungswerk. Denn der vorliegende Text wird mit tatsächlichen Dokumenten belegt, d.h. vertieft.
Trojanow recherchierte und erkundete 15 Jahre lang die Geschichte seiner Herkunft und die von Bulgarien. Sein Dokumentarfilm: „Vorwärts und nie vergessen! Ballade über bulgarische Helden“ (Quelle: ZDF und YouTube) ist eine Auseinandersetzung mit 45 Jahren kommunistischer Diktatur. Seine Helden sind ehemalige Häftlinge. Er begleitet diese zu ihren ehemaligen Kerkern und lässt sie von ihren Leiden und Folterungen erzählen.
Dieser Film ist das Fundament des Romans „Macht und Widerstand“, denn wenn man die Gespräche im Film sieht, findet man vieles im Roman wieder.

Der Roman erzählt die erschütternde Geschichte von Konstantin, der sein Leben lang Widerstand leistet und von dem zynischen und korrupten Metodi, der es als Karrierist bis in die obersten Ränge der Macht schafft.
Trojanow lässt beide abwechselnd ihren Weg ab den 50er-Jahren erzählen. Konstantin wurde als Jugendlicher als Anarchist und Antikommunist verurteilt. Er verbringt viele Jahre in Haft. Metodi, ein Kommunist der ersten Stunde, und Konstantin sind zwei Kontrahenten, die sich seit ihrer Kindheit immer wieder über den Weg laufen.
Bei der Suche nach demjenigen, der ihn verraten haben könnte, stößt Konstantin auf Metodi. Seine akribische und hartnäckige Recherche ruft Erinnerungen an seine Verhöre und Folterungen wach – auch an jene aus seinem engen Umkreis. In ihm ist eine Wut auf die alten Politiker und Machthaber, die auch nach 1989 einfach weiter machen konnten.
Metodi verkörpert diese Laufbahn und erzählt rückblickend seine Geschichte, die durch Brutalität, Arglosigkeit und Verachtung gefärbt ist. Seine persönliche Situation gerät durch das Auftreten von Nezabrawka ins Wanken. Sie behauptet seine Tochter zu sein. Metodi habe ihre Mutter im Arbeitslager vergewaltigt…

Der Roman liest sich spannend und schließt viele Bildungslücken. Einige Figuren bleiben etwas blaß, aber gerade dadurch bekommen die wichtigen Charaktere eine Tiefe, um das ganze Ausmaß ihrer Geschichte zu verdeutlichen.

Ein sprachlich gewaltiger Roman, der zwischen wörtlich wiedergegebenen Stasi-Akten und erfundenen Passagen wechselt. Teilweise klingt satirischer Humor durch und beizeiten wird Trojanow sogar sarkastisch. Er zitiert Dokumente und entwirft in kurzen Kapiteln ein ganzes Panorama zwischen den Jahren 1950 und 2000. Die Jahreszeiten sind es selber, die er anhand der Kapitelüberschriften erzählen lässt („1999 erzählt“ etc.). Die untergegliederten Kapitel sind jeweils nach den Ich-Erzähler-Stimmen von Konstantin oder Metodi benannt.

Ein wichtiger Roman, der es bereits auf die Longlist zum Deutschen Buchpreis geschafft hat.

Zum Buch

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Feridun Zaimoglu: „Siebentürmeviertel“   

Kiwi Siebentürmeviertel

Ein sprachgewaltiges Epos von unserem Nachbarn. Feridun Zaimoglu und wir leben im gleichen Stadtteil in Kiel. Ab und zu laufen wir uns über den Weg. Er grüßt auch stets herzlich zurück, wobei er uns wohl gar nicht kennt…

Er hat seine Lieblingsstadt Kiel literarisch verlassen und ist in die Vergangenheit nach Istanbul gereist. Sein Roman spielt im Siebentürmeviertel, wo laut den Kieler Nachrichten sein Vater groß geworden ist. Dieses Viertel mit den byzantinischen Mauern ist Unesco-Weltkulturerbe. Ein Roman über die Familie, Zugehörigkeit und Fremdsein.

Während des zweiten Weltkrieges haben Exilanten aus Deutschland in der Türkei eine Wahlheimat gefunden. Wolf, der Ich-Erzähler, flieht mit seinem Vater aus Deutschland nach Istanbul. Von seinen türkischen Freunden wird er auch Hitler-Sohn oder Arier genannt. Er taucht ein in eine archaische Welt, die im Wandel ist und wächst in einem Ort auf, in dem sich Ethnien und Religionen begegnen. Sie finden sich im Siebentürmeviertel wieder, in der Familie von Abdullah Bey, einem ehemaligen Arbeitskollegen seines Vaters.

Sein Vater, der vor der Gestapo fliehen musste, lässt später auch Wolf zurück in der Familie von Abdulllah, dem türkischen Patriarchen, der durch den Verlust eines eigenen Kindes Wolf als Ziehsohn aufzieht. Die vorübergehende Maßnahme wird zu einer Dauerlösung und Wolf muß sich zurechtfinden und behaupten. Er wächst in dieser fremden Welt auf, besucht die Schule und erobert sich die Stellung unter den Jugendlichen des Viertels.
Wir begegnen Heimatlosen und heimisch gewordenen: Armeniern, Tschetschenen, Griechen und Kurden, die das Viertel beleben.

Mit großer Fabulierkunst und großen Bildern entwirft Zaimoglu einen tiefgründigen, aber kurzweiligen 800-Seiten starken Roman, der seine Spannung erhält, als Wolf begreift, welches Spiel wirklich um ihn gespielt wird und sich die wahre Rolle seines Ziehvaters offenbart.

Beim Lesen taucht man ein in diese fremde Welt, die Zaimoglu anhand der Erzählungen seines Vaters so farbenfroh beschreiben konnte. Mal eine ganz andere Sichtweise: Ein Junge, dessen Vater sich bei den Nazis unbeliebt gemacht hat, strandet mit diesem in Istanbul.

Ein wunderbar geschriebener, umfangreicher Roman, der klug unterhält. Ein leidenschaftlicher historischer Roman.

Zum Buch

2 Kommentare

Eingeordnet unter Erlesenes