Zeruya Shalev: „Schmerz“

Berlin Verlag Shalev Schmerz

Wiedermal hat Zeruya Shalev einen Roman geschrieben, der gänzlich in die Tiefe geht, der sich sprachlich abhebt und beim Lesen eine bannende Stimmung aufkommen lässt. Es ist die Sprache, die fesselt und einen in der Handlung vorantreibt. Eine kluge, tiefgründige Studie menschlicher Empfindungen, Wünsche und Schicksale. Ein Roman über Liebe und Wunden. Beide können Schmerz verursachen. Schmerz, der seelisch ist, kann körperlich werden und körperlicher Schmerz kann seelischen Schaden hinterlassen.

Es ist wieder ein sehr persönliches Buch, denn Iris, die Protagonistin überlebt einen Terroranschlag. Sie hatte gerade ihre Kinder zur Schule gebracht. Eigentlich sollte ihr Mann die Kinder bringen, doch er musste in seine Firma, ausnahmsweise so früh am Morgen. Als sie wieder auf dem Heimweg ist und einen Bus überholen möchte, wird dieser durch einen Attentäter gesprengt und reißt viele in den Tod.
Zehn Jahre später lebt sie in ihrer Karriere auf und leitet eine Schule. Ihre Kinder sind erwachsen und die Tochter verlässt bereits das Elternhaus. Iris ist zwar in ihr altes Leben zurückgekehrt, doch leidet sie unter unerträglichen Schmerzen. Ihr Mann steht ihr immer zur Seite, doch ist es ein unterkühltes Miteinander. Sie leben zusammen, aber bleiben auch jeder für sich. Gerade als die Tochter auszieht, übernachtet Iris immer häufiger in dem Kinderzimmer.

„Die Privatsphäre für jeden Einzelnen haben sie gewonnen, doch sie haben es nicht geschafft, die Gemeinschaftsbereiche mit Leben zu füllen…“

Ihr Leben gerät immer mehr ins Straucheln, als sie in der Klinik von einem Schmerztherapeuten untersucht wird. In ihm erkennt sie ihre damalige große Liebe, Eitan. Er war die Liebe ihrer Jugend. Sie stand ihm damals rührend zur Seite, als er sich um seine sterbende Mutter kümmerte. Als diese verstarb, wollte er einen Neubeginn machen, in der für Iris kein Platz war.
Diese Wunde, die Eitan ihr damit zugefügt hat, schmerzt sie gleich der körperlichen, die ihr der Selbstmordattentäter zugefügt hat. Doch fühlt sie sich erneut von ihm angezogen. Sie versucht für sich auszuloten, was und wo ihre Liebe ist. Sie entflieht der Ehe. In ihr nagt auch das Ungewisse: warum hat sie damals die Kinder zur Schule gebracht und nicht, wie sonst ihr Mann? Warum musste er genau an jenem Tag früh aus dem Haus?

Ein tiefgreifendes Psychogramm. Shalev ist eine genaue Beobachterin und unglaublich tolle Autorin. Viele Sätze möchte man unterstreichen und bewahren. Ein Buch über Emotionen, Schmerz, Liebe und deren Wunden.

Wiedermal ist es Shalev gelungen, die verwundete Seelenwelt einer Frau zu schildern, die wohl vieles ihrer eigenen Biographie in sich birgt. Das Attentat, das sie selbst überlebte und ihre Mutter, die immer von ihrer großen Liebe, die nicht ihr Vater war, schwärmte. Was passiert, fragt sich Shalev, wenn man dieser erneut begegnet und verfällt?

Ein sehr lesenswerter Roman, der sprachlich sowie inhaltlich sehr zu fesseln weiß. Erneut aus dem Hebräischen übersetzt von Mirjam Pressler (Hila Blum, Ahorn Appelfeld und Amos Oz)

Zum Buch

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Farina de Waard: „Zähmung – Das Vermächtnis der Wölfe“

Zähmung

Ab und zu, wenn der Herbst naht, verspüre ich Lust auf fantastische Welten. Welten und Geschichten, in die man eintaucht und gänzlich in ein naturverbundenes, magisches Umfeld versinkt.

Wir hatten neulich das Glück und durften Farina de Waard kennenlernen. Sie ist fasziniert von der Natur und deshalb spielt auch die Verbundenheit zur Umwelt eine tragende Rolle in ihren Büchern.
In ihrem Debutroman „Zähmung – Das Vermächtnis der Wölfe“ erleben wir eine Welt, die mit unserer Welt verbunden ist. Diese Welt nennt sich Tyarul und sie ist ganz nah bei uns, doch können wir diese nicht sehen oder betreten. Nur wer eines der wenigen Portale zwischen den Welten betritt, kann zwischen den Welten wandeln.
Tyarul ist ein wildes, grausames Land, in der die Zeit stehen geblieben zu sein scheint oder anders verläuft. Es ist eine Welt voll von schöner Natur, magischen Steinen, Zauberern, Menschen und fremdartigen Wesen, die in mittelalterlichen Siedlungen und Städten hausen.

Der Roman beginnt in unserer Welt. Eine Frau, die ein Bündel an sich gepresst hält rennt durch einen U-Bahn Tunnel und wird von altertümlich bewaffneten großen Menschen verfolgt, die sie letztendlich auch stellen und töten. Im Bündel befindet sich aber nicht das gesuchte Mädchen, die Mutter konnte es wohl noch in Sicherheit bringen…

Das Mädchen Sina scheint jemand besonderes zu sein, denn die Tyrannin Zayda und Herrscherin von Tyarul setzt alles daran, sie zu finden. Mazuk, ihr Häscher, jagt seit Jahrzehnten die zerstreuten Rebellen – seit er vor vielen Jahren das gesuchte Kind der Magierin Ithilia verlor. Seine Spur führt ihn über Paris nach Hamburg. Er tötet ihre Zieheltern und entführt sie nach Tyarul.
Sina landet nach ihrer Entführung in einer ihr fremden Welt und wird in ein unmenschliches Verlies gesperrt. Mit Hilfe weiterer Rebellen kann sie entkommen und nachdem sie sich mühsam in die mittelalterliche Welt einleben und von ihren Verletzungen erholen konnte, eröffnet sich ihr langsam ihr wahres Schicksal: Sie soll die auserwählte Magierin „Zenay“ sein, die Retterin der Welten…

Dieser Auftakt hat mich gefesselt. Gerade durch die liebevollen Beschreibungen und trotz der gängigen Fantasybilder war vieles anders und neu. Die Heldin, die anfänglich stets zweifelt und gegen ihre Ängste zu kämpfen hat, erinnerte mich an die großen Werke von Stephen R. Donaldson. Die Naturverbundenheit der Autorin glänzt immer wieder durch in dieser Welt voller Magie und Wunder.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Celil Oker: „Lass mich leben, Istanbul“

Unionsverlag Lass mich leben, Istanbul

Wieder ist es einem Kriminalroman gelungen, in mir Fernweh zu erwecken, denn was ich besonders an Krimis mag, sind meistens die Schauplätze. Im Buch „Lass mich leben, Istanbul“ wird man als Leser förmlich durch die Viertel, Gassen und Straßen von Istanbul getrieben. So ist auch eine der wichtigsten Rollen im Buch die Stadt selbst.

Als Ermittler taucht erneut Remzi Ünal auf („Schnee am Bosporus“ u.a.). Der jetzige Privatdetektiv war vor längerer Zeit Pilot bei der Luftwaffe und dann bis zu seiner Kündigung bei Turkish Airlines beschäftigt. Der ehemalige Kapitän und angehender Schwiegersohn – sofern er seine Angebetete anruft – schlägt sich jetzt mehr oder weniger erfolgreich als Privatdetektiv durch. Wir lernen ihn als einen einsamen, nikotinsüchtigen Kaffeeliebhaber kennen. Er lebt in einem schäbigen Hotel, dessen Namen er sich nicht traut zu sagen, weil es ihm sehr peinlich ist, dort zu wohnen. Dabei würde wohl ein einziger Anruf bei seiner Freundin reichen, damit er wieder zurück könnte…

Morgens wird Remzi Ünal erst richtig zu einem Menschen, wenn er guten Kaffee oder türkischen Mokka getrunken hat. Im Café, in dem er sein Morgenritual durchführt taucht ein junger Internist auf, der seine Freundin vermisst. Sie ist Krankenschwester und seit Tagen verschwunden. Er hat seine Beziehung mit ihr vor dem Kollegium des Klinikums geheim gehalten, daher bittet er Remzi um Hilfe.
Als Remzi den Fall übernimmt und in der Klinik nachfragt, wird er bereits von einem Irren mit einem Skalpell bedroht. Als er eine Freundin der Vermissten aufsucht, findet er nicht nur die Freundin sondern eventuell auch die Gesuchte, die aber im Trubel verschwinden kann, denn in der Wohnung liegt im Schlafzimmer ein toter junger Arzt.
Alles beginnt aus dem Ruder zu laufen, als auch noch drei Schlägertypen auftauchen, dessen Anführer sich, wie sich etwas später herausstellt, als ein Bandenchef ausgibt, für den er selbst eigentlich ab und zu arbeitet.
Als der Fall sich etwas zu entwirren scheint, wird erst deutlich, in was für ein Wespennest gestochen wurde, denn eine ominöse Klinik behandelt mit zweifelhaften Methoden Patienten gern auch aus dem kriminellen Umfeld.

Die Verwicklungen steigern sich laufend und der Krimi liest sich zügig und macht Spaß. Mit leichtem Witz, Sarkasmus und einem bösen Blick auf die Korruption der Gesellschaft. Ab und zu etwas übertrieben, besonders dann wenn Remzi Ünal sich körperlich zur Wehr setzen muss und auch bei überzähligen Angreifern als Held hervorgeht. Das Ende erinnert etwas an Agatha Christie, denn alle Beteiligten treffen sich und der Fall wird in dieser Runde letztendlich gelöst.

Zum Buch

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Henning Schöttke: „Luxurias Glück“

001

Plötzlich stand Henning Schöttke bei uns im Laden. Er wollte uns „Gula“ („Gulas Menü“ sein erster Roman) vorstellen. Seit diesem netten Besuch sind wir gut befreundet und ich habe daher auch die Ehre gehabt mir seine Arbeitsplätze und seine Struktur hinter seinen Romanen anzusehen.
Im dritten Roman, seiner Roman-Reihe begleitet Henning erneut eine Frau auf ihrem Lebensweg.
Die Romane sind innerhalb des „Todsünden-Zyklus“ eingebunden, können aber jeder für sich stehen und apart gelesen werden. Es werden insgesamt sieben Bücher, die jeweils symbolhaft für eine der Todsünden stehen, die in die heutige Zeit übertragen werden und die existentiellen Grundlagen des Lebens darstellen – Essen, Schlaf, Liebe, Feuer, Recht, Arbeit und die Kunst. Jedes Buch steht für sich baut aber Brücken zu den anderen Werken und den Protagonisten, die ab und zu wieder auftauchen. Man trifft also beim Lesen auf alte Bekannte, findet Anspielungen auf andere Kapitel, Charaktere oder Bücher.

Luxuria wächst in Hamburg auf und ist das älteste Kind einer einfachen Familie. Ihr Leben baut sich wie ein gelungenes Puzzle immer weiter vor dem Leser auf. Die Episoden aus ihrer Biographie werden nicht chronologisch erzählt, sondern vertiefen durch die Erzählstruktur aus verschiedenen Perspektiven immer mehr ihre Sehnsucht nach Liebe. Das Buch wendet sich vom Tod zur Geburt, denn im Prolog begegnen wir der glücklichen und geliebten aber vor kurzem verstorbenen Luxuria. Sie hatte ihr Glück gefunden und war in sich eins. Am Ende des Buches erleben wir die Geburt ihres Kindes – so schließt sich der literarische Kreislauf im Roman.

Luxuria wächst in den 70er Jahren in Hamburg auf und ihre Eltern streiten viel und sie muß die Verantwortung für ihre Geschwister übernehmen. Geborgenheit findet Luxuria bei der Nachbarin Marion, die mit ihrem Mann eine Werkstatt betreibt. Die Lebenseinstellung von Marion widerspricht aber der einfachen Sichtweise ihrer Mutter und somit wandelt Luxuria zwischen zwei Welten.
Marion bleibt immer ihre Vertraute und übernimmt die eigentliche Mutterrolle, die sie als Schülerin auch heimlich unterstützt. Sie ist es auch, die ihr rät Hebamme zu werden.

Als junge Frau können andere ihr nicht wirklich nahe kommen und auch der Sex kann ihre Sehnsucht nach Liebe nie stillen. Dies liegt wohl an der kalten, konservativen und lieblosen Erziehung ihrer Eltern, denn wie sich später zeigt, haben auch andere Geschwister ihre Probleme mit der Liebe zu sich und anderen.
Als ein traumatisches Ereignis alles erschüttert, lernt sie endlich die Liebe anzunehmen und findet zu sich selbst.

Ich habe alle drei Romane von Henning unglaublich gerne gelesen. Immer wenn man ein Buch von ihm beendet hat, möchte man gerne erneut ein anderes lesen, um die ganzen Verbindungen der Werke zu durchleuchten. Es sind sehr gute Entwicklungsromane, die den Zeitgeist widerspiegeln. Das vorliegende Buch ist wohl Hennings literarischster Roman.

005

Besonders stolz bin ich, da ich dieses Buch bereits in einer vorherigen Fassung lesen durfte und Anregungen einbringen durfte. Es ist auch der erste Roman, in dem ich unter den Danksagungen genannt werde. Dabei habe ich doch zu danken….

Siehe auch meine Besprechung zu “Acedias Traum”

Zum Buch

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Aharon Appelfeld: „Ein Mädchen nicht von dieser Welt“

Rowohlt Berlin Ein Mädchen nicht von dieser Welt

Der neue Roman von Aharon Appelfeld „Ein Mädchen nicht von dieser Welt“ liest sich fast schon wie ein Märchen gegen dunkle Stunden.
Wiedermal sind es Menschen in seinem Roman, die sich im Wald vor den Nazis verstecken. Gleich seinem vorherigen Werk. Neben den märchenhaften Illusionen und religiösen Hoffnungen birgt das dünne Büchlein wohl viel Wahrheit und Erlebtes.
Der Autor Appelfeld wurde 1932 in Czernowitz geboren. Im Krieg überlebte er das Ghetto sowie das Lager. Er versteckte sich als Junge in den ukrainischen Wäldern, überlebte dann als Küchenjunge der Roten Armee und kam 1946 nach Palästina.

In dem Roman „Ein Mädchen nicht von dieser Welt“ erzählt er von zwei jüdischen neunjährigen Jungs, die von Ihren Müttern im Wald versteckt werden, um sie vor der Verfolgung der Nazis zu schützen.
Adam, der tatkräftige und traditionell erzogene Junge, wird von seiner Mutter aus dem Ghetto in den Wald gebracht. Er kennt den Wald und alles was darin ist, seine Eltern haben ihm viel beigebracht. Die Mutter lässt ihn allein, denn sie möchte auch die Großeltern in Sicherheit bringen, bevor die Deportationszüge kommen.
Im Wald trifft er auf Thomas, einen sehr klugen und belesenen Jungen, den er auch schon von der Schule kennt. Sie waren eigentlich keine guten Freunde, doch nun müssen sie lernen, sich im Wald zurecht zu finden. Ihre Mütter wollten gegen Abend wieder kommen. Doch als es immer später wird, beschließen die Kinder sich ein Nest oben in einer Baumkrone als Schutz zu bauen.

Auch in den folgenden Tagen kommen ihre Eltern nicht, und da die mitgegebenen Brote bald aufgebraucht sind, sammeln sie wilde Früchte und Wasser.
Doch der Schrecken des Krieges ist nicht weit entfernt. Nachts flüchten Menschen durch den Wald, sie hören Schüsse und einmal begegnen sie auch einem Verwundeten, dem sie versuchen zu helfen. Sie bauen ihr Nest immer tiefer im Wald, in dem sie sich sicher fühlen. Sie müssen lernen, dass sie nur gemeinsam überleben können.
Doch bekommen sie Hilfe von einem kleinen Mädchen, Mina, das sie auch von der Schule kennen. Sie ignoriert die Jungs, aber versorgt sie heimlich. Mina scheint als Magd ausgebeutet zu werden, wenn nicht sogar misshandelt. Als die Rote Armee immer näher rückt, werden die Nächte im Wald kälter und auch Mina gerät in große Gefahr…

Ein Roman über Freundschaft und Hilfe in großer Not. Ein außergewöhnlicher Text über das Überleben in der Natur. Er zeigt uns den menschlichen Zusammenhalt und eine tiefe Freundschaft und sehr großen Mut.

Das Buch wurde aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler übersetzt. Der Roman ist in einer schönen, leicht zu lesenden Sprache geschrieben. Ein einzigartiges Büchlein.

Zum Buch

2 Kommentare

Eingeordnet unter Erlesenes

Leseschatz 4

Wir haben eine neue Folge „Leseschatz-TV“ gedreht…

Ich hoffe, Ihr und Sie haben viel Spaß…

Ich stelle folgende Titel vor:
1) Tremblay, Der Name meines Bruders 2) Rothmann, Im Frühling sterben 3) Saucier, Ein Leben mehr 4) Rakoff, Lieber Mr Salinger 5) Thomae, Momente der Klarheit 6) Flender, Green Wash Inc. 7) Trucillo, Geometrie der Liebe 8) Kaiser, Makarionissi 9) Francis, Die Schatten von Race Point 10) Herbst, Traumschiff 11) Mai Jia, Das verhängnisvolle Talent des Herrn Rong 12) Zaimoglu, Siebentürmeviertel 13) Punke, Der Totgeglaubte 14) Trojanow, Macht und Widerstand 15) Padura, Ketzer 16) Rai, Gottespartitur
KINDER- JuBu 17) Fuchs, Mädchenmeute 18) Willems, Das Buch über uns 19) Stewner, Alea Aquarius 20) Terry, MindGames 21) Rinehart, Chroniken von Toronia 22) Wilson, Ganz schön langweilig 23) Schärer, Der Tod auf dem Apfelbaum

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Ilija Trojanow: „Macht und Widerstand“

Fischer Trojanow Macht und Widerstand

Ilija Trojanow hat mit „Macht und Widerstand“ laut eigenen Aussagen, sein Opus magnum veröffentlicht. Er wurde 1965 in Sofia geboren und flüchtete mit seinen Eltern 1971 über Jugoslawien und Italien nach Deutschland. Er lebte unter anderem in Nairobi, Kenia, Indien und studierte in München. Ein Weltbürger – ein Weltensammler, gleich seinem sehr lesenswerten Roman.
Er schreibt neben seinen Reiseberichten Romane, zuletzt den tollen Roman „EisTau“. Jedenfalls steht auf dem neuen Buch auf dem Umschlag erneut Roman. Es ist ein Roman, aber auch ein Zeitzeugnis, ein politisches Erinnerungswerk. Denn der vorliegende Text wird mit tatsächlichen Dokumenten belegt, d.h. vertieft.
Trojanow recherchierte und erkundete 15 Jahre lang die Geschichte seiner Herkunft und die von Bulgarien. Sein Dokumentarfilm: „Vorwärts und nie vergessen! Ballade über bulgarische Helden“ (Quelle: ZDF und YouTube) ist eine Auseinandersetzung mit 45 Jahren kommunistischer Diktatur. Seine Helden sind ehemalige Häftlinge. Er begleitet diese zu ihren ehemaligen Kerkern und lässt sie von ihren Leiden und Folterungen erzählen.
Dieser Film ist das Fundament des Romans „Macht und Widerstand“, denn wenn man die Gespräche im Film sieht, findet man vieles im Roman wieder.

Der Roman erzählt die erschütternde Geschichte von Konstantin, der sein Leben lang Widerstand leistet und von dem zynischen und korrupten Metodi, der es als Karrierist bis in die obersten Ränge der Macht schafft.
Trojanow lässt beide abwechselnd ihren Weg ab den 50er-Jahren erzählen. Konstantin wurde als Jugendlicher als Anarchist und Antikommunist verurteilt. Er verbringt viele Jahre in Haft. Metodi, ein Kommunist der ersten Stunde, und Konstantin sind zwei Kontrahenten, die sich seit ihrer Kindheit immer wieder über den Weg laufen.
Bei der Suche nach demjenigen, der ihn verraten haben könnte, stößt Konstantin auf Metodi. Seine akribische und hartnäckige Recherche ruft Erinnerungen an seine Verhöre und Folterungen wach – auch an jene aus seinem engen Umkreis. In ihm ist eine Wut auf die alten Politiker und Machthaber, die auch nach 1989 einfach weiter machen konnten.
Metodi verkörpert diese Laufbahn und erzählt rückblickend seine Geschichte, die durch Brutalität, Arglosigkeit und Verachtung gefärbt ist. Seine persönliche Situation gerät durch das Auftreten von Nezabrawka ins Wanken. Sie behauptet seine Tochter zu sein. Metodi habe ihre Mutter im Arbeitslager vergewaltigt…

Der Roman liest sich spannend und schließt viele Bildungslücken. Einige Figuren bleiben etwas blaß, aber gerade dadurch bekommen die wichtigen Charaktere eine Tiefe, um das ganze Ausmaß ihrer Geschichte zu verdeutlichen.

Ein sprachlich gewaltiger Roman, der zwischen wörtlich wiedergegebenen Stasi-Akten und erfundenen Passagen wechselt. Teilweise klingt satirischer Humor durch und beizeiten wird Trojanow sogar sarkastisch. Er zitiert Dokumente und entwirft in kurzen Kapiteln ein ganzes Panorama zwischen den Jahren 1950 und 2000. Die Jahreszeiten sind es selber, die er anhand der Kapitelüberschriften erzählen lässt („1999 erzählt“ etc.). Die untergegliederten Kapitel sind jeweils nach den Ich-Erzähler-Stimmen von Konstantin oder Metodi benannt.

Ein wichtiger Roman, der es bereits auf die Longlist zum Deutschen Buchpreis geschafft hat.

Zum Buch

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Feridun Zaimoglu: „Siebentürmeviertel“   

Kiwi Siebentürmeviertel

Ein sprachgewaltiges Epos von unserem Nachbarn. Feridun Zaimoglu und wir leben im gleichen Stadtteil in Kiel. Ab und zu laufen wir uns über den Weg. Er grüßt auch stets herzlich zurück, wobei er uns wohl gar nicht kennt…

Er hat seine Lieblingsstadt Kiel literarisch verlassen und ist in die Vergangenheit nach Istanbul gereist. Sein Roman spielt im Siebentürmeviertel, wo laut den Kieler Nachrichten sein Vater groß geworden ist. Dieses Viertel mit den byzantinischen Mauern ist Unesco-Weltkulturerbe. Ein Roman über die Familie, Zugehörigkeit und Fremdsein.

Während des zweiten Weltkrieges haben Exilanten aus Deutschland in der Türkei eine Wahlheimat gefunden. Wolf, der Ich-Erzähler, flieht mit seinem Vater aus Deutschland nach Istanbul. Von seinen türkischen Freunden wird er auch Hitler-Sohn oder Arier genannt. Er taucht ein in eine archaische Welt, die im Wandel ist und wächst in einem Ort auf, in dem sich Ethnien und Religionen begegnen. Sie finden sich im Siebentürmeviertel wieder, in der Familie von Abdullah Bey, einem ehemaligen Arbeitskollegen seines Vaters.

Sein Vater, der vor der Gestapo fliehen musste, lässt später auch Wolf zurück in der Familie von Abdulllah, dem türkischen Patriarchen, der durch den Verlust eines eigenen Kindes Wolf als Ziehsohn aufzieht. Die vorübergehende Maßnahme wird zu einer Dauerlösung und Wolf muß sich zurechtfinden und behaupten. Er wächst in dieser fremden Welt auf, besucht die Schule und erobert sich die Stellung unter den Jugendlichen des Viertels.
Wir begegnen Heimatlosen und heimisch gewordenen: Armeniern, Tschetschenen, Griechen und Kurden, die das Viertel beleben.

Mit großer Fabulierkunst und großen Bildern entwirft Zaimoglu einen tiefgründigen, aber kurzweiligen 800-Seiten starken Roman, der seine Spannung erhält, als Wolf begreift, welches Spiel wirklich um ihn gespielt wird und sich die wahre Rolle seines Ziehvaters offenbart.

Beim Lesen taucht man ein in diese fremde Welt, die Zaimoglu anhand der Erzählungen seines Vaters so farbenfroh beschreiben konnte. Mal eine ganz andere Sichtweise: Ein Junge, dessen Vater sich bei den Nazis unbeliebt gemacht hat, strandet mit diesem in Istanbul.

Ein wunderbar geschriebener, umfangreicher Roman, der klug unterhält. Ein leidenschaftlicher historischer Roman.

Zum Buch

2 Kommentare

Eingeordnet unter Erlesenes

Alban Nikolai Herbst: „Traumschiff“

mare Traumschiff

Eine Reise mit dem Traumschiff zum Zauberberg?

Ist die letzte Reise lediglich ein Traum? Das „Traumschiff“ ist ein Bild eines Schiffes, das von Charon gesteuert wird und den Übergang vom Leben in den Tod bedeutet.

Ein Kreuzfahrschiff als Symbol der letzten Reise. Dies ist das zentrale Bild des tiefgründigen Romans von Alban Nikolai Herbst. Vieles offenbart sich dem Leser erst viel später im Text, manches nur anhand vorbeischwimmender Bilder.

Wir lesen aus der Perspektive von Gregor Lanmeister, der seinen Monolog auf Kladden festhält, die er als eine Art Abschiedsbrief an Kateryna verfasst. Er wankt über Deck als ein stiller Gast, der gerne barfuß und lediglich im Bademantel bekleidet die Flure und die Decks aufsucht. Die Handlung beginnt als Monsieur Bayoun verstirbt und das Schiff verlässt. Dieser war sein Freund und Lehrmeister. Von ihm hat er auch das Mahjong, ein altes chinesisches Spiel, das übersetzt so viel wie „Sperlingspiel“ heißt. Das Spiel besteht aus 144 Spielsteinen. Dies steht auch in Bezug zu den Gästen des „Traumschiffs“, denn trotz der meist 400 Fahrgäste, sind es 144 Auserwählte, die das „Bewusstsein“ erlangt haben. Gregor ist einer dieser „erleuchteten“. Er weiß, wie alle diese 144, dass sie das Schiff nicht mehr lebend verlassen werden. Sie bleiben, um zu gehen…

Die Traumwelt öffnet sich dem Leser langsam. Man beginnt zu stutzen, als Gregor sich aufregt, dass das Bordpersonal stets Zimmer anstelle von Kabine sagt. Tatjana, die Kellnerin ist stets besorgt um ihn und gibt den anderen kleine Winks, damit er immer genügend zu trinken hat. Ebenfalls unterstützt sie ihn auch beim Essen und schaut, dass er genügend zu sich nimmt. Das Traumschiff verwandelt sich immer mehr in seine letzte Fluchtphantasie, die von erträumten Wolken, Delphinen und Mantas, die auch gerne in den Lüften schwimmen, umspielt werden.

Gregor ist ein humorvoller, stiller und sehr genauer Beobachter. Sein körperlicher Abbau schreitet dennoch voran. Er ist aber stets wachsam und versucht geistig klar zu bleiben. Es ist seine Phantasie, die ihn erleuchtet. Er lebt in seiner Welt, dem Traumschiff. Hier ist vieles möglich und anders. Er schwimmt durch ein Meer der Illusionen und wird von weiteren ausgewählten der 144 Menschen begleitet, die wir als Leser somit auch besser kennenlernen dürfen. Seine Phantasie lässt ihn auch auf den Wellen tanzende Feen erscheinen, die ihn Sirenen gleich heranwinken.

Gregors Bewusstsein ist ganz auf den Augenblick fixiert. Ein Hier und Jetzt erlebt er aber als Traum, denn das Schiffsleben ist seine Sehnsucht nach bewusstem Leben. Er reist anhand der Koordinaten aus der Realität.

Ein Roman, der einige Längen hat, aber die hatte jener „Zauberberg“ wohl auch und ist durch diesen Vergleich auch schon wieder gerettet. Ein Buch voller Wunder und Schönheit über die Kraft der Phantasie und den Wunsch nach einem würdevollen Ende.

Zum Buch

8 Kommentare

Eingeordnet unter Erlesenes

Jocelyne Saucier: „Ein Leben mehr“

Insel Verlag Leben mehr

Ein Buch über die Menschlichkeit, Natur und Freiheit. Ein beseelter Roman über den Wunsch eines natürlichen und selbstbestimmten Lebens.

„Man ist frei, wenn man sich aussuchen kann, wie man lebt“
„Und wie man stirbt.“

Es sind drei alte Männer, Tom, Charlie und Theodore, die sich in die nordkanadischen Wälder zurückgezogen haben. Drei Männer, die die Freiheit lieben und ihren Lebensabend selbstbestimmt verbringen wollen. Alle haben eine kleine Dose mit Gift für den Moment, wenn ein eigenständiges Überleben in der Wildnis nicht mehr möglich sein sollte.
Ihre Hütten stehen für sich, jeweils in einer Lichtung, aber nur wenige Gehminuten voneinander entfernt, damit sie sich stets schnell aufsuchen können. Die Dinge, die sie nicht in der Natur finden, werden ihnen von Bruno, einem jungen Mann aus dem Dorf gebracht. Ihren Lebensunterhalt finanzieren sie sich durch ihre Hanfplantage, von deren Ernte sie sich ab und zu auch selbst gerne etwas gönnen.

Die gemächliche Einsiedelei, die die Männer mit jagen, angeln und Whiskey-geschwängerten Gesprächen füllen, wird eines Tages unterbrochen und viel komplizierter als erahnt.
Aber wiedermal ist es die Liebe, die das Leben sucht und bereichert.
Als eines Tages eine namenlose Fotografin Charlies Lichtung betritt wird das Männerdasein durcheinandergewürfelt. Sie sucht nach den letzten Überlebenden der großen Brände und möchte einen gewissen Boychuck ausfindig machen. Tad, Ed oder Theodore Boychuck geistert durch alle Geschichten, die sich die Überlebenden erzählen. Er ist eine Legende, denn er hat die Brände als Kind überlebt und pilgerte damals alleine und verstört durch die betroffenen Länder. Dabei ist ihm seine große Liebe begegnet. Gleich doppelt, denn es sind Zwillinge, die sich damals mit einem Floß zu retten versuchten.

Jahre später lebt er nun mit Tom und Charlie im Wald. Doch als die Fotografin eintrifft, schweigt er für immer, denn er ist vor wenigen Tagen an Altersschwäche verstorben. Er, der Schweigsame, hatte immer gemalt und in seinen Bildern seine Geschichte erzählt. Doch erkennt dies erst eine weitere Frau, die in diese Einsamkeit eintritt. Marie-Desneige, eine zierliche, eigensinnige Dame, die im hohen Alter einem psychiatrischen Heim mit Hilfe ihres Verwandten, Bruno, entkommen konnte. Die Fotografin und die mystische alte Dame bleiben und alle Beteiligten finden neben ihren bisherigen Leben, ein Leben mehr…

Ein wundervoller Roman über Liebe, Getriebenheit, Schmerz, Wildnis und Erlösung durch die Kunst. Eine Geschichte voller Leben, die lange im Leser nachklingt. Dies ist der vierte Roman von Jocelyne Saucier, aber der erste, der ins Deutsche übersetzt wurde. Ein internationaler Erfolg, der bereits verfilmt wird. Eine uneingeschränkte Leseempfehlung!

Zum Buch

INSEL WERBUNG MIT MEINEM TEXT

7 Kommentare

Eingeordnet unter Erlesenes