Christian Hanewinkel: „Sie suchen die Sonne“

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„Wer mehr vom Leben erwartet als die kleine Welt, kommt in der großen nie an“

039Tiere sind einfach. Sie denken nicht über das Kommende oder das Vergangene nach. Sie passen sich ihrem Umfeld an und genießen das pure Sein. Gleich einer Katze, die sich anschmiegt und schnurrt, oder einer Perleidechse, die sich auf den heißen Steinen der mediterranen Sonne räkelt.

Das Hauptthema in dem Roman „Sie suchen die Sonne“ von Christian Hanewinkel ist die Suche nach Glück. Wahres Glück und echte Liebe sind nichts Flüchtiges. Sie sind nicht oberflächlich. Das kurzweilige Empfinden dieser Gefühle können nur Momente sein, d.h. Glücksmomente, die aber gebunden sind an Umstände, Ereignisse oder Personen. Das wahre Glück liegt im Kleinen und ist frei von Bindungen und Zwängen. Echte Liebe ist eine besitzlose Liebe, die den anderen versteht und nichts verlangt.

Der Roman handelt von Benjamin Stegner, einem arbeitslosen Journalisten, der sich neu finden muss. Seine kinderlose Ehe ist zerbrochen. Seine Frau hat ihn mit seinem damaligen Vorgesetzten betrogen und hat auch ein Kind mit diesem. Stegner verliert seine Arbeit, da die Schnelllebigkeit und die Oberflächlichkeit der Medien seinen Beruf immer mehr in Frage stellen. Schlagzeilen sind keine Minute mehr wert, weil die nächste Nachricht bald schon kommt. Magazine, die sich immer mehr online ausrichten, tragen damit den guten Journalismus zu Grabe. Nachrichten sind zu einer Ummantelung der Werbeanzeigen geworden.

Benjamin steigt kurzentschlossen aus. Er flüchtet an die portugiesische Algarve und von seinem Ersparten mietet er in Tavira eine kleine Wohnung. In einer Kneipe trifft er sich regelmäßig mit Einheimischen und weiteren Aussteigern. Alle suchen das Glück, ihre Freiheit und die Liebe.

Benjamin ist zynisch und nicht bereit sich tiefgründig auf Menschen einzulassen. Für eine neue Liebe fühlt er sich nicht bereit. Dabei trifft er sich fast täglich mit der schönen Französin Cora in einem Café. Sie ist geschieden und hat einen Sohn. Für ihn ist es Freundschaft, doch möchte sie mehr von ihm. Als sie ihm eines Tages berichtet, dass sie zurück nach Frankreich gehen möchte, verstört ihn dies doch allerdings sehr. Er nimmt sein Mountainbike und fährt ziel- und planlos durch die Gegend. Er ist der Natur und Sonne gänzlich ausgeliefert und landet erschöpft und völlig dehydriert im Straßengraben, wo er sein Bewusstsein verliert.

Die Portugiesin Joana rettet ihn und pflegt ihn gesund. Sie freunden sich an und er hilft ihr den Gemüsegarten wieder aufzubauen und ihren verschwundenen Bruder zu suchen. Als er auch noch mitbekommt, dass ihr Grundstück wegen des nahegelegenen Steinbruchs abgerissen werden soll, beginnt er wieder zu schreiben. Vorerst einen naiven, sarkastischen Leserbrief. Doch erzählt Joana ihm die ganze Wahrheit?

Er findet in seinen alten Beruf zurück. Aber er findet dadurch keine Erfüllung. Er glaubt an die Macht des Wortes, das Realitäten spiegelt aber auch schaffen kann. Er möchte nicht nur Schlagzeilen liefern. Denn er ahnt, dass Leser Fließbandnachrichten satt sein werden. Er bricht abermals ab und verlässt erneut Deutschland, um letztendlich in Portugal bei sich anzukommen.

Seine Suche nach Glück ist im Titel enthalten, sie suchen die Sonne im übertragenen Sinne. Denn das Glück liegt im Vorhandenen, im Natürlichen. Er erkennt, dass Menschen ständig nach Anerkennung und Glück suchen, aber nicht merken, dass beides im ständigen Vorbeilaufen nicht zu haben ist. …

Dies ist der dritte Roman von Christian Hanewinkel. Er hat in diesen kurzweiligen Roman viel einfließen lassen, so dass man nach Beendigung der Geschichte einiges für sich mitnehmen kann. Ein Unterhaltungsroman, der zum Nachdenken anregt. Da ich mit dem Autor via Facebook befreundet bin, weiß ich, dass einiges von ihm in die Personen eingeflossen ist. Der Protagonist ist wie der Autor vernarrt in gute Musik. Musik, die er mag, improvisiert und hat echte Kunst hervorgebracht. Heute ist der Boden der Kunst geleckt. Vieles wird in der Kunst gleich den Medien für schnelle Kicks und Klicks produziert. Menschen, die sich mit etwas beschäftigen wollen, suchen die Tiefe und die echten Emotionen und nehmen sich Zeit für etwas. … Dafür gibt es Literatur und Bücher wie dieses….

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Siehe auch: Hanewinkel, Christian: „Lonesome zweisam

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Mercè Rodoredas: „Der Garten über dem Meer“

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Das vorliegende Buch ist in der Reihe „Klassische Schönheiten“ erschienen. Dies sind Neuentdeckungen, d.h. Neuauflagen schöner Klassiker, die einfach nur schön und edel sind. Diese Bücher sind bereits ein haptisches Erlebnis: Gebundene Bücher in einem Schuber, in feinem Leinen mit Fadenheftung und Lesebändchen. Das Papier ist ein weiches, dickliches und dadurch sehr schmeichelndes Papier.

Aus dieser Reihe habe ich mir Mercè Rodoredas Roman „Der Garten über dem Meer“ als erstes ausgesucht und gelesen. Das Werk entstand 1959 bis 1966 und beschreibt aus der Sicht eines Gärtners seine Hausherren und ihre Clique an Wohlgestellten, die in dem Sommerhaus am Meer sechs Sommer verbringen. Das Buch der 1983 verstorbenen Katalanin schildert den Monolog aus Klatsch und Gerüchten eines Bediensteten, der selbst in Wehmut verfällt. Er beobachtet die Annährungsversuche und Liebesbekundungen der Bourgeoisie, deren feudale und ausschweifenden Feste und deren Fall. Durch ausgelebte Aufstiegsträume und sozialen Ehrgeiz wurden Entscheidungen zu Gunsten des Wohlstands gemacht, gegen die Liebe.
Der Garten als Bild eines vermeintlichen Paradieses und das Meer, das als Kunstobjekt in der Handlung oder als Ort des Verweilens die jeweiligen Stimmungen der Protagonisten spiegelt.

„Ich habe schon immer gern erfahren, was den Leuten so alles passiert, und das nicht etwa, weil ich neugierig wäre… Eher, weil ich Menschen mag und die Besitzer dieses Hauses mochte ich sehr.“

In Sechs Kapiteln werden sechs aufeinander folgende Sommer beschrieben. Der Erzähler ist ein älterer Herr, der als Gärtner eingestellt ist und auf dem Anwesen in seinem eigenen kleinen Gartenhaus wohnt. Er ist der Liegenschaft sehr verbunden, denn er lebt jetzt dort als Witwer und hat viele Erinnerungen an dieses Grundstück, denn er hat bereits einigen vorherigen Besitzern dort gedient. Die Handlung spielt in den späten Zwanzigern in Spanien. Er schildert was er beobachtet und durch Gespräche in Erfahrung bringen konnte. In den Sommermonaten bewohnen die jungen und reichen Besitzer Francesc und Rosamaria das Herrenhaus am Meer. Sie empfangen jedes Jahr eine Clique aus Barcelona. Die Bediensteten und die Herren neiden oder leben diesen Sommertraum. Es werden ausgelassene Partys gefeiert, ein Wasserskilehrer wird eingestellt und ein Löwe sowie ein Affe beleben ebenfalls die Szenerien. Die dekadente Lebensweise lässt auch oft die Natur, seinen sorgsam und liebevoll angelegten Garten leiden. Aber nicht nur die Pflanzen bedürfen seine Aufmerksamkeit, denn der Gärtner beobachtet langsam auch feine Risse, Unstimmigkeiten und Disharmonien, die sich in der Gesellschaft zeigen.
Ein rauschendes Fest wurde wegen der Schwangerschaft Rosamarias gefeiert und doch kommt im kommenden Jahr lediglich Francesc in ehrlicher Trauer zurück, da sie das Kind verloren haben. Francesc stürzt sich in eine Affäre und seine Frau lebt in einer Einsamkeit und Abgeschiedenheit. Als auf dem Nachbargrundstück auch noch eine große Villa errichtet wird und der Bauherr mit seinem Reichtum protzt, ist Missgunst und Neid bei den gehobenen Herrschaften zu beobachten.
Der Gärtner wird von einem alten Ehepaar aufgesucht, da diese in der Gegend ihren Sohn Eugeni vermuten, der damals schwor nach fünf Jahren zurück zu kommen, um bei seiner großen Liebe zu leben. Durch dieses Auftreten der Eltern von Eugeni, offenbart sich dem Gärtner die Vergangenheit von Rosamaria, die sich damals gegen die Liebe zu Eugeni und für Francesc, d.h. den Wohlstand entschieden hatte.
Ein Schatten erreicht endgültig die vermeintlich harmonische Welt am Meer als die Tochter des Nachbarn mit ihrem Verlobten auf das Anwesen zieht. Der Verlobte ist niemand anderes als Rosamarias Jugendliebe Eugeni…

Ein stimmungsvoller Roman, der eine Gesellschaft vor dem spanischen Bürgerkrieg darstellt, die sich in ihrem Kosmos verheddert. Es sind alles einsame Gespenster, die durch die verlorene oder entsagte Liebe in Wehmut verfallen und straucheln. Ein atmosphärischer, schöner fast sinnlicher Klassiker der von Roger Willemsen hoch gelobt und von ihm mit einen ausführlichen Nachwort ergänzt wird.

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Juan S. Guse: „Lärm und Wälder“

Lärm und Wälder

Ein Buch, das seinen Inhalt bereits beim Öffnen offenbart. Eine schlichte Zeichnung eines wohlhabenden Hauses als architektonischen Aufriss. Der Schutzumschlag des Buches ummantelt lediglich den unteren Teil und zeigt den Vorplatz des Hauses mit sattem, grünem Rasen. Entfernt man diesen sieht man die Bewohner, die sich in einem Schutzbunker unterhalb des Hauses aufhalten.

Ein Roman, der mit der verlängerten Gegenwart und den projizierten Ängsten spielt. Eine Flucht aus den Städten in ländliche Idylle und zurück in „Gated Communities“, also geschützte Gemeinschaften, die gut gestellten Bewohnern eine Sicherheit vor den vermeintlichen Feinden in der äußeren Welt verspricht. Lauert das Feindbild draußen? Woher stammt diese Angst vor dem Fremden? Wenn die Menschheit sich in Schutzzonen verbarrikadiert, nimmt sie ihren größten Feind, sich selbst, stets mit…

Die Handlung wird zeitlich nicht benannt, doch spielt sie in einer erdachten sehr nahen Zukunft und spiegelt die Jetztzeit mit ihrer ganzen Paranoia, Ängsten, Missgünsten, Neid und Brutalitäten. Der Handlungsort ist ein umzäuntes und streng bewachtes Wohnviertel, Nordelta, am Rande von Buenos Aires. Diese Gated Community ist keine Zukunftsvision, sondern sie existiert tatsächlich. Hier leben Pelusa und Hector bereits seit mehreren Jahren mit den Söhnen Ignacio und Henny. Alle leben in einer ständigen Anspannung und Paranoia eines nahen Ausbruchs an Gewalt aus den Randbezirken. Eine Art Vorahnung eines Weltuntergangs manifestiert sich in den Menschen, die Zuflucht in diesem Bezirk suchen, dass durch Reiterstaffeln patrouilliert wird. Pelusa selbst unterstützt ihre Schwester beim Aufbau einer freichristlichen Gemeinde, die regen Zuspruch erhält. Sie hat anfänglich dieser spirituellen, esoterischen Schönrednereien der Schwester und der Gemeindeleitung nicht viel Vertrauen geschenkt. Aber durch beständiges Berieseln durch zugestellte VHS-Kassetten in ihrem Leben bevor sie nach Nordelta zog, hat sie hellhörig und gläubig werden lassen. Hector steigert sich in seinen Wahn und sieht überall eine Bedrohung und Gefahr. Er plant den Bau eines Bunkers unterhalb des Hauses. In seiner Freizeit hilft er Alvaro, einem Freund, einen „Bug-Out-Ort“ zu schaffen. Ein altes Landhaus, das sie umrüsten und mit Nahrungsmitteln für den Notfall aufrüsten.

Auch Henny, der durch einen Unfall entstellt ist und in seinem Umfeld ein Außenseiter ist, träumt ebenfalls von einem externen Zufluchtsort. Er plant eine extremere Flucht und möchte gleich den Planeten verlassen. Für seine Mondbasis trainiert er und experimentiert an sich und seinem Umfeld mit brutaler Arglosigkeit. Er neigt zu sadistischen Quälereien an Tieren und streift nachts mit seinem Luftgewehr durch Nordelta, in dem Waffen eigentlich verboten sind.

In dieser Siedlung bleibt der Feind, die äußerliche Bedrohung, gesichtslos und wird immer nur durch Berichte und Nachrichten benannt. Die Paranoia und die Gewaltbereitschaft brodeln innerhalb der Siedlung. Die Menschen vereinsamen und steigern sich in ihre eigenen Wahnbilder hinein, was sich auch durch die eingehenden Telefonate beim Pförtner zeigt. Die Menschen außerhalb wollen anscheinend rein und sie kommen näher und klopfen ab und zu an die Fenster und Mauern. Zumindest in der Vorstellung.

In einem anderen Erzählstrang wird Pelusas vorheriges Leben in den Wäldern erzählt. Wir erfahren von ihrem Versuch eines abgeschiedenen Lebens in den Anden. Hier taucht auch zum ersten Mal der Ich-Erzähler auf, der Mann an der Seite von Pelusa. In der Abgeschiedenheit taucht ein Fremder auf, dem sie Zuflucht gewähren. Doch wächst immer mehr ein Misstrauen und der Fremde scheint tatsächlich eine dunkle Vergangenheit zu haben. Das alternative Leben entpuppt sich für die Beteiligten als keine gute Lebensweise und endet mit dem Verschwinden der schwangeren Pelusa. Sie trägt in sich, wie sich vermuten lässt, Henny, der später in Nordelta zur Welt kommen wird.

Ein Roman, der einen mit seinen realistischen und krankhaften Daseinsängsten bannt. Die überspitzten Zukunftsandeutungen sind Visionen, die aber viele gegenwartsbezogene Wahrheiten beinhalten. Ein bedrückendes Szenario voller Paranoia aber auch mit Witz und Tempo geschrieben. Man liest fiebernd bis zum Ende und möchte es nicht aus der Hand legen. Eine packende Gesellschaftsanalyse.

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Katerina Poladjan: „Vielleicht Marseille“

978-3-87134-810-5

Ein feinfühliger Roman, der von schicksalhaften Begegnungen handelt. Von der Flucht vor Erinnerungen und dem inneren, eigenen Feind. Wo ist man Zuhause, wofür lebt und kämpft man tagtäglich?

Acht Monate nach dem Tod ihres Mannes, begibt sich die Hauptprotagonistin, Ann, auf eine ziellose Flucht vor der Erinnerung. Ihr verstorbener Mann ist stets in ihr lebendig. Sie hinterlässt keine Nachricht, nicht einmal ihrem Sohn, mit dem sie zum Essen verabredet war, verrät sie ihr Vorhaben. Salzburg ist die erste Etappe ihrer spontanen Flucht. Hier trifft sie auf Luc Gaspard, einen Kommissar aus Marseille. Luc soll in Salzburg seine Antrittsrede halte. Er macht Karriere und bekommt mehr Verantwortung und wechselt demnächst zu Europol, um auf internationaler Ebene zu arbeiten. Er ist also auf Dienstreise, während seine Frau mit den beiden gemeinsamen Kindern in Marseille auf ihn wartet. Seiner Ehe fehlen die Flucht aus dem Alltäglichen und die Innigkeit. Seine Frau Miyu erhofft sich viel von dem baldigen Umzug für sich und ihre Ehe.

Luc hält seine Rede nicht und hadert mit dem Kommenden. Er reist wieder ab und mit ihm fährt Ann, eigentliche Annerose. Beide begeben sich auf eine Reise, die sie von dem wegbringt, was eigentlich ihr Leben war und vielleicht nach Marseille führt.

Es ist ein stiller, melancholischer Ausbruch, der seine Kreise zieht, denn betroffen sind die Menschen, die den beiden nahe stehen und sich um diese sorgen. Theo, der Sohn von Ann, wartete im Restaurant auf diese und konnte gerade noch sein Wasser zahlen, denn eigentlich hätte sie eingeladen. Er kann sie nicht erreichen und macht sich um ihren Verbleib Sorgen, da ebenfalls auch ein Makler zu ihm Kontakt herstellt, der das Elternhaus verkaufen soll. Er versucht es immer und immer wieder und als eines Tages Luc unbedacht an Anns Handy geht, macht auch Theo sich auf den Weg nach Marseille und wartet mit Miyu auf die Verschwundenen.

Ein Roman, erzählt von sechs Tagen im Leben dieser vier Menschen. Von ihren Sehnsüchten, Hoffnungen und Ängsten. Wie einfach es ist, das Gefüge zu durchbrechen und große und kleine Erschütterungen zu verursachen. Es sind schicksalhafte, tragische und komische Begegnungen der Protagonisten, die ihren gewohnten Verlauf dadurch verlassen und zu Teilen sich selbst mit ihren Ausbrüchen überraschen. Zwei sind es, die bleiben und warten, zwei sind es, die verschwinden…

Der letzte Tag, Sonntag, der Tag, an dem alles zur Ruhe kommen soll, bleibt unbeschrieben und hinterlässt ein offenes, aber auch ein umspannendes Ende.

Katerina Poladjan, 1971 in Moskau geboren, kam als Kind nach Deutschland. Sie arbeitet als Schauspielerin und Autorin. 2011 erschien ihr vielgelobter Debütroman „In einer Nacht, woanders“, den ich auch schon sehr gerne gelesen hatte. Mit „Vielleicht Marseille“ war sie für den Alfred-Döblin-Preis nominiert, ebenfalls wurde sie zum Ingeborg-Bachmann-Preis nach Klagenfurt eingeladen.

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Matthias Engels: „Die heiklen Passagen der wundersamen Herren Wilde & Hamsun“

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Ein historischer, literarischer Spaß, der sich mit zwei gegensätzlichen Autoren beschäftigt. Die Handlung beginnt kurz nach Neujahr 1882 und der junge Oscar Wilde betritt in New York Harbor eine neue Welt. Knut Hamsun schifft in Bremerhaven ein und macht sich auch auf den Weg nach Amerika. Oscar Wilde, bereits berühmt, tritt eine umfangreiche Vortragsreise an und wird in den amerikanischen Großstädten begeistert empfangen. Auf Knut Hamsun dagegen wartet niemand.

Hamsun, der damals noch Knut Pedersen hieß, träumte von einem Leben als Schriftsteller. Doch sein erhofftes Bild von den USA und seiner Karriere wird durch die Realität ernüchtert. Statt mit Literatur verdient er sich den Lebensunterhalt mühsam mit Gelegenheitsarbeiten.

Ein biographischer Roman, der mit Fakten spielt und ein lesenswertes Panorama der damaligen Zeit und Literatur beschreibt. Der Roman erzählt episodenhaft und kurzweilig aus den stets wechselnden Perspektiven der Protagonisten, die sehr gegensätzlich waren und gänzlich andere Lebensweisen hatten. Hamsun, der lange unbekannt war und hart arbeiten musste um sich die Rückfahrt nach Norwegen leisten zu können, steht dem dandyhaften Iren gegenüber, der berühmt war und sich feiern ließ. Der biographische Roman enthüllt aber auch Parallelen der Literaten. Beide eint u.a. die Liebe zur Kunst und ihr jeweiliges Werk hat im heutigen Kanon der Weltliteratur noch ihre Gültigkeit.

Für beide beginnt die große schriftstellerische Karriere erst nach der Rückkehr in ihrer jeweiligen Heimat. Bald gehört Wilde zur europäischen Avantgarde und Hamsun erhält sogar den Literaturnobelpreis. Doch Ruhm ist vergänglich und beide erleben existentielle Schattenseiten kennen. Wilds Homosexualität lässt ihn die Macht der Presse und der Gesellschaft spüren. Hamsun erlebt, trotz wachsenden Ruhms und der Verleihung des Nobelpreises 1920, zunehmende Vereinsamung und Entfremdung. Hamsun verstrickt sich ins Politische gerade durch seine Haltung zum Nationalsozialismus. Beide Schriftsteller sterben geächtet und verbittert.

Engels lädt den Leser ein, sich mehr mit den beiden Schriftstellern zu befassen. Man kennt beide Biographien, verfolgt dennoch gebannt den Verlauf dieser Geschichte, die auch ein tolles Portrait der damaligen Zeit und deren Errungenschaften ist.

Der Autor, ebenfalls Buchhändler, hat sich in anderen Werken schon mit Persönlichkeiten der Literatur beschäftigt. Er nähert sich diesen gekonnt und mit viel Feingefühl. Ein Roman, der sich durch die kurzen Passagen sehr kurzweilig und unterhaltsam liest. Als Leser kommt man diesen unterschiedlichen Menschen sehr nahe.
Die Kapitel beginnen neben den Ortsangaben mit Logbucheinträgen, ergänzt durch Datum und Wetter, die eine Stimmung passend zum folgenden Kapitel und Protagonisten aufbauen. Ebenfalls werden kurze Einblicke in das Zeitgeschehen des 19. Jahrhunderts mit deren großen Erfindern, Entdeckungen und Künstlern geboten, die niemals von der eigentlichen Geschichte ablenken, sondern diese gekonnt ergänzen.

„Die heiklen Passagen der wundersamen Herren Wilde & Hamsun“ ist eine lohnenswerte Reise.

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Thees Uhlmann: „Sophia, der Tod und ich“

Sophia, der Tod und ich Kiepenheur

Für mich ist der Roman jetzt schon ein Kultbuch! Thees Uhlmann, der Autor, ist sonst besser bekannt als Musiker. Er ist als Solokünstler unterwegs aber auch Gründungsmitglied und Sänger der Band Tomte. Jetzt tritt er in die Fußstapfen von Sir Peter Alexander Baron von Ustinov, der Gott und den Teufel alias „Der alte Mann und Mr. Smith“ auf die Menschheit losgelassen hat.

In Uhlmanns Debutroman gibt sich der Tod die Ehre und bringt ordentlich Leben in die Bude. Was passiert, wenn eines Tages eben jener bei einem klingelt und sagt, dass man nur noch wenige Minuten zu leben hätte?

Beim Ich-Erzähler, einem melancholischen – fast schon kaputten Typen, klingelt es an der Tür. Schon das Öffnen der Wohnungstür und das, was man vom bevorstehenden Treppenhaus erwarten kann, wir hier zelebriert. Einige mögliche Verläufe des Öffnens werden im Kopf des Erzählers durchgespielt. An der Schwelle steht der Tod, der ihn abholen soll. Als blöden Scherz empfunden, knallt der Erzähler dem eigentlich noch nicht erwarteten Gast die Tür vor der Nase zu. Beim Pinkeln materialisiert sich der tatsächliche Tod aber wieder und sitzt am Badewannenrand. Es verbleiben nur noch drei Minuten, dann müssen sie nun wirklich los…

Doch kann unser Held dem Tod vorerst von der Schippe springen, denn es klingelt erneut an der Tür und Sophia tritt ein. Wenn der Tod bereits bei einem klingelt liegt es nahe, daß man seine bevorstehenden Verabredungen vergessen könnte. Sophia ist seine Ex-Freundin, die er lange bekniet hatte ihn bei dem Besuch seiner Mutter zu begleiten. Da Sophia noch nicht zu den baldigen Kunden des Todes gehört, kann dieser vorerst nicht eingreifen und erlebt seinen ersten „Urlaub“. Es entsteht ein unglaublich lustiger Road-Trip über den Besuch der Mutter bis ganz in den Süden zum Sohn des Hauptprotagonisten, den dieser noch einmal sehen möchte. Er hat seinem Kind seit sieben Jahren jeden Tag Postkarten gesendet und nur sporadische Antworten zu besonderen Anlässen bekommen – diese aber lediglich von der Mutter verfasst.

Die Geschichte ist unglaublich witzig, schräg und mit tollen Dialogen gewürzt. Der Stil ist ungewöhnlich und die Dialoge als Drama geschrieben. Mir hat das Buch sehr viel Freude gemacht, denn neben den urkomischen Sätzen und der abgedrehten Geschichte verbergen sich auch leise, melancholische Töne.
Ein aberwitziges Buch und ich habe mich sehr gefreut, daß Gérard Otremba von Sound & Books ebenfalls in dem Roman ein Kultbuch erahnte.

Also: Buch kaufen, aufschlagen, lesen und einfach kluge Unterhaltung und viel Spaß haben. Froh sein, wenn es an der eigenen Tür noch nicht klingelt…

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Irmgard Kramer: „Am Ende der Welt traf ich Noah“

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Ich habe am Sonntag mal wieder ein Jugendbuch gelesen: „Am Ende der Welt traf ich Noah“. Ein Roman für junge Leser (ab 14 Jahren), die Lust haben sich auf eine kleine emotionale Reise zu begeben.

Ein Roman, den man bis zu den letzten Sätzen lesen muß, um wirklich die ganze Handlung zu verstehen, denn sehr gekonnt werden einige Anspielungen oder mögliche Verläufe angeboten. Als Leser wird man in die Handlung hineingezogen und rätselt mit, was wohl die wirkliche Geschichte in der Handlung sein mag.
Wenn man aber aufmerksam liest, erahnt man gleich zu Beginn die Hintergründe und den tatsächlichen Handlungsort…
Der Text ist durchwoben mit zahlreichen Anspielungen auf Literatur, die sich mit Grenzerfahrungen beschäftigt. Ferner tauchen stets Symbole auf, die aus Fabeln oder anderen Märchen gefallen zu sein scheinen.

Die Heldin des Buches, Marlene, sieht einen roten Koffer und wird von diesem angezogen. Ihre Eltern sind mit ihr in Italien zu medizinischen Kongressen. Als sie diesen Koffer genauer in Augenschein nimmt, stolpert sie kopfüber in ein Abenteuer. Die eigentliche Besitzerin sollte dort abgeholt werden und ist wohl nur kurz mal weg gegangen. Schon wird Marlene für diese gehalten und findet die Möglichkeit sehr verlockend, in eine fremde Rolle zu schlüpfen. Sie wird zu Irina Pawlowa und sie soll in einem sehr abgelegenen Haus einem vorerst sehr ablehnenden Jungen Schwimmunterricht geben. Das Haus, eher eine alte, marode Villa, wird von weiteren Personen belebt. Einer Nonne, einem Koch und dem Hausmeister, d.h. dem Gärtner. Alle verbringen einen Sommer fernab der Zivilisation. Es gibt kein Telefon, kein Internet und keine Verbindung nach draußen. Der junge, Noah, ist blind und scheint schwer erkrankt zu sein. Immer wenn er die magische Grenze, die um das Haus zu sein scheint, überschreitet, bricht er körperlich zusammen. Doch möchte er ebenfalls frei sein und bittet Marlene, d.h. Irina mit ihm zu fliehen.

Marlene verliebt sich in ihn und möchte alles für ihn tun. Doch hat sie Angst, ihn über die schützende Mauer zu bringen, denn was ist es, was ihn draußen so krank macht? Wird er von jemandem vergiftet?
Als sie fliehen können, wendet sich alles und die Rollen und die Bilder verwischen sich immer mehr. Sind alles nur Träume? Was passiert mit Marlene? Wer ist Noah? Können sie ihre Liebe halten und sich weiterhin mit ihrem Herzschlag beruhigen? Warum werden sie gejagt und vom wem? Ebenfalls scheint es wichtig zu sein, endlich die geheime Kammer im Koffer zu öffnen, damit Marlene endlich versteht, besonders wer Irina ist.

Das Buch liest sich spannend. Es ist ab und zu etwas mit Metaphern und Kitsch überladen. Es sind Bilder, wie zum Beispiel der Koffer mit seiner verschlossenen Kammer, Schwimmen, als Bild der Freiheit, Geburt etc. Ebenfalls treffen wir auf Seelentiere und weitere religiöse, d.h. spirituelle Anspielungen. Es ist ein Buch voller Herz im wahrsten Sinne des Wortes. Ich habe aber über diese Fülle hinweggesehen, denn etwas Kitsch ist doch irgendwie auch wieder schön…

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Péter Gárdos: „Fieber am Morgen“

Hoffmann und Campe Fieber am Morgen

„Es gibt keine andere – entweder sie, oder ich sterbe.“

„Fieber am Morgen“ erzählt eine Liebesgeschichte von Überlebenden, die sich lediglich durch ihre Briefe kennen lernen.
Eine wachsende Liebe im Hintergrund des Grauens, denn es sind zwei Menschen die durch den Schrecken gegangen sind und sich dennoch ihre Gefühle und ihre Naivität bewahrt haben. Beide kennen sich nur durch ihre Worte und kommen sich durch diese immer näher.

Péter Gárdos erzählt die rührende Geschichte seiner Eltern, die sich 1945 in Schweden durch ihre Briefe kennen und lieben lernen.
Der junge Ungar Miklós hat das Vernichtungslager in Bergen-Belsen überlebt. Er wird gleich vielen anderen, die überlebt haben, nach Schweden gebracht. Er ist nur noch Haut und Knochen und seine Zähne wurden ihm bereits fast alle während eines Verhörs ausgeschlagen. Jetzt kommt er in Schweden todkrank an und der behandelnde Arzt gibt ihm nur noch sechs Monate zu Leben. Miklós lebt von nun an in einem Genesungsheim, aber schmiedet seine eigenen Pläne.

Er findet heraus, dass 117 junge Frauen aus seinem Heimatort auch nach Schweden gebracht wurden. Sein Wunsch ist es zu heiraten und er schreibt an alle diese Frauen immer denselben Brief, bei dem er nur die Anrede verändert. Diese Frauen leben gleich ihm in Erholungsheimen.
Unter den eintreffenden Antworten befindet sich ein Schreiben von Lili und Miklós weiß sofort, dies ist seine Auserwählte.

„Wie viele haben geantwortet?“ „Beinah zwanzig.“ „Willst du jeder von ihnen zurückschreiben?“ „Sie ist die Richtige“, antwortete Miklós. „Und woher weißt du das?“ „Ich weiß es einfach.“

Fortan schreiben Sie sich Briefe und werden sich auch immer vertrauter. Ihre Mitbewohner unterstützen sie, aber ein erhofftes Treffen gestaltet sich schwierig. Es müssen noch einige Hindernisse überwunden werden und Miklós darf nicht sterben…

Trotz der ernsten Vorgeschichte, d.h. dem Hintergrund, kristallisiert sich eine zarte und schöne Liebesgeschichte heraus. Ein Roman, so viel sei verraten, mit Happy End, denn sonst hätte Péter Gárdos diese Geschichte, in der er als Ich-Erzähler auftritt, wohl auch so nicht aufschreiben können.

Über das Buch wird und wurde bereits viel geschrieben. Der Autor, der bisher nur in seiner Heimat als Filmemacher einen Bekanntheitsgrad erlangt hat, erzählt in diesem Debut die Geschichte seiner Eltern. Das Manuskript kam auf klassische Weise zu den Verlagen und erscheint nun auf Deutsch.
Der Verlag Hoffmann und Campe hat den Titel bereits uns Buchhändlern in seinen Vorschauen angekündigt, als noch nicht einmal der Umschlag fertig war. Der Verlag erhofft sich wohl zu Recht sehr viel von dieser Publikation und hat sogar den eigentlichen Erscheinungstermin etwas vorgezogen.

International ist der Roman bereits ein Erfolg und wird vom Autor bereits fürs Kino verfilmt.

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Eva Ladipo: „Wende“  

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In dem spannenden Roman geht es um die Energiewende und um deutsch-deutsche Geschichte. Beide Wenden scheinen zumindest in diesem Buch sehr eng miteinander verknüpft zu sein.

Eine nicht ganz abwegige Geschichte, die sehr realistisch Fakten und Fiktion verknüpft. Tatsächliche Ereignisse untermauern das Gedankenspiel der Autorin, die politische Wissenschaften studierte, über das russische Steuersystem promovierte und als Journalistin tätig ist. In ihrem Debut wird ein Spannungsbogen rund um die aktuellen Fragen der Energiewende aufgeworfen. Warum die Kanzlerin, die stets pro Atom war, sofort gänzlich aussteigen möchte. Warum ein Ministerpräsident, dessen Name im Roman umgewandelt wurde, die erste rot-grüne Koalition gründete, wobei er vorher lieber die Grünen mit Dachlatten verprügelt hätte.
Der Protagonist, ein junger Jurist, stößt bei seinen Recherchen auf alte Stasiagenten und weitreichende Verschwörungen, die die Politik und Wirtschaft gelenkt, beeinflusst und ausgenutzt haben. Denn wer profitiert letztendlich von der Wende?

Am Anfang des Romans lernen wir Martin Jäger kennen, der für die ReAG-Atom arbeitet und von seinem Beweis seiner Verschwörungstheorie eingeholt wird. Er wird in seinem Elternhaus überfallen und mit seinem eigenen Gürtel erhängt, damit es wie ein Selbstmord aussieht. Ihm und seinen Kollegen der ReAG wurde gekündigt und alle denken, dies sei einer der Gründe seines Freitodes.

René Hartenstein, ein junger Ostdeutscher, hat im Westen sein Glück gefunden. Nach seinem Jurastudium folgt er seiner Freundin nach Frankfurt und macht als Jurist Karriere in der Energieindustrie. Dann kommt es in Fukushima zur Kernschmelze und Deutschland steigt aus der Atomkraft aus und ihm wird ebenfalls gekündigt. Sein befreundeter Kollege Martin Jäger, der sich mit ihm am Abend seines Todes noch treffen wollte, hat sich auf seinem Dachboden erhängt. René geht Martins offene Termine durch, um diese abzusagen. Dabei stößt er auf Anna Smoktum, bei der Martin anscheinend ein Vorstellungsgespräch hatte. Sie bietet nun René diese Stelle in ihrem Investmentfond in London an. Er sagt zu, beginnt aber in ihrer Vergangenheit zu recherchieren, denn ihren Namen verbindet er mit einem Verdachtsfall aus der Wendezeit. Denn woher hatte sie das Startkapital für ihr sehr vermögendes Unternehmen?

Er sucht in den Archiven der Stasi. Doch diese beinhalten lediglich die Protokolle der Vorgänge, die bereits abgeschlossen waren. Die Unterlagen der laufenden Untersuchungen wurden in letzter Minute nach dem Mauerfall vernichtet. Doch gibt es durch die Digitalisierung die Möglichkeit, die per Hand zerrissenen Papiere wieder zu rekonstruieren.

Beruflich hat René Erfolg bei dem Investmentfond, das sich sehr gewinnbringend die Energiewende zu Nutzen macht. Nebenbei dringt er immer tiefer in die Vergangenheit seiner Gönnerin, der er trotz ihres Alters auch zu verfallen scheint. René begreift, daß Anna Smoktums Geschichte mehr ist als deutsch-deutsche Geschichte und er stößt auf Geheimnisse der Energiewirtschaft, die anscheinend nicht nur Martin Jäger das Leben gekostet haben.

Ein lesenswerter Roman, der einen tollen Spannungsbogen und glaubhafte Charaktere beinhaltet. Das Buch lässt sich sehr zügig lesen und bietet spannende, kluge und kurzweilige Unterhaltung. Die Geschichte hinterlässt durch ihre realen Bezüge einen bitteren Beigeschmack…

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Fuminori Nakamura: „Der Dieb“

Diogenes Nakamura Der DiebEin intensiver Roman, der uns packt, nach Tokio schleift und durch die Straßen der Metropole jagt. Es ist ein literarisches Werk, wird als Thriller gefeiert und ist doch wohl etwas mehr als ein herkömmlicher Kriminalroman. Es ist die verstrickte Welt der Klein- und Großkriminellen mit ihren noch zahmen Anfängen einer Robin-Hood-Ansicht bis hin zur brutalsten Kaltblütigkeit der Mafia. Ebenso erleben wir eine Welt, in der für japanische Literatur typische Traumbilder, Katzen und dunkle Türme, die Szenerien ergänzen.

Der Ich-Erzähler lebt von geschicktem Taschendiebstahl. Sein Revier sind die belebten Straßen Tokios und die überfüllten U-Bahnzüge. Er hat sein Handwerk perfektioniert. Ein kleiner Schubs im Gedränge und mit gezieltem Griff stiehlt er fast schon kunstvoll das Portemonnaie eines ausgesuchten Opfers. Doch sind es stets reiche Menschen, die er sich aussucht. Anhand der Kleidung und Marken erkennt er den Mann oder die Frau von Welt, die er bestiehlt. Gerne auch Männer, die in den Wagen der U-Bahn Frauen belästigen. Die Portemonnaies wirft er nach deren Entleerung in Briefkästen, damit diese von der Post an die Besitzer zurückgeführt werden.

Wir erfahren, dass er wieder in Tokio ist, die Stadt also für eine gewisse Zeit gemieden hatte. Jetzt ist er ein Einzelkämpfer. Früher hat er mit Ishikawa zusammengearbeitet. Sie waren ein perfekt eingespieltes Team und Ishikawa war wie ein Vorbild, ein Idol, dem er nacheiferte. Ihre gemeinsamen Streifzüge machten sie meistens am Wochenende, denn an Werktagen musste Ishikawa das Telefon und eine Art Rezeption einer Briefkastenfirma besetzt halten.
Das letzte Mal, als er Ishikawa gesehen hatte, wurden sie genötigt einen vermeintlich einfachen Überfall für Kizaki, einem Mafiamitglied, durchzuführen. Seit diesem Einbruch, der in der Politik und Wirtschaft für Unruhe sorgte, ist Ishikawa verschwunden.

Als der Ich-Erzähler beim Einkaufen eine Mutter mit ihrem Sohn beim Stehlen beobachtet und diese warnt, als sie von den Kaufhausdetektiven beobachtet werden, wird er für das Kind eine Bezugsperson und später auch eine Art Lehrmeister. Doch will er die Frau und das Kind auch schützen und aus der kriminellen Welt fernhalten, was ihm zum Verhängnis wird, denn seine dunkle Vergangenheit holt ihn ein.

Die Beziehung zu dem kleinen Jungen, der in ihm eine Vaterfigur sieht, macht ihn erpressbar und abermals wird er von dem Großkriminellen genötigt, seine Künste als Taschendieb für diesen einzusetzen.

Ein Roman mit einer dunklen, einsamen Geschichte eines kleinen Diebes, der in die Fänge der Mafia gerät und durch seine Sehnsucht nach Menschlichkeit verletzlich wird.

Ich mag Romane aus Japan. „Der Dieb“ ist unglaublich fesselnd und das Schicksal der Protagonisten hat mich sehr in seinen Bann gezogen. Sehr spannend sind die Verstrickungen und Beweggründe, die von langer Hand gelenkt und inszeniert wurden, und die die Frage nach Schicksal, Zufall und Macht sowie Machtlosigkeit und Einsamkeit aufkommen lassen. Das Buch verklingt nicht einfach so und das Gefühl dieser gelenkten Willkür bleibt bis zum verstörenden Ende…
Ein Roman, als hätten sich Lehane und Murakami zum Schreiben verabredet und uns zusammen in ihre jeweiligen Welten eingeladen…

Ein beeindruckender Roman. Ich hoffe, es werden noch mehr Werke von Nakamura ins Deutsche übersetzt.

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