Archiv der Kategorie: Erlesenes

Jan Christophersen: „Echo“

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Eine leise, nachklingende Geschichte, die mit einem überraschenden Ende daherkommt. Der neue Roman von Jan Christophersen „Echo“.

Der Titel spielt auf den Gitarreneffekt „Echo“ an. Ein künstliches Echo, das einstellbar die Note, die auf der Gitarre angespielt wird, wiederholt. Jede Wiederholung wird etwas leiser als die vorherige.

Ebenso ist der Roman als ein Echo zu sehen. Die Geschichte wird hin und her geworfen und verklingt. Das Buch ist in drei Teilen untergliedert. Es beginnt 1989 auf einem Schulausflug an die polnische Ostsee, auf diesem lernen sich Gesa und der etwas jüngere  Tom näher kennen. Er ist Gitarrist der Schulband, die während der Klassenfahrt-Abschlußfeier ein Konzert geben werden. Angeregt durch die Meereswellen, findet er mit Hilfe seines neuerworbenen Effektgerätes seinen Klang, seinen Sound, den er im Laufe seiner musikalischen Laufbahn perfektionieren und als sein Markenzeichen tragen wird. Später trennen sich die Wege der beiden und doch kreuzen sie sich immer wieder.

Der zweite Teil des Romans spielt 1999. Tom tourt mit seiner Band „Wiltons“ und Gesa lebt mit ihrer Familie in Flensburg, was auch, wenn er mal zu Besuch kommt, seine bescheidene Heimat wird. Das Gartenhäuschen wird sein Zufluchtsort, seine „Toms Hütte“, in der beide zusammen gelernt haben der Musik wirklich zuzuhören. Nicht nebenbei, sondern ganz bewusst, der Seele, der Emotion, die die Geschichte eines Songs erzählen will, zu lauschen. So erleben sie sich in unausgesprochener Stille, in der Musik, die ihre Gefühle und Gedanken trägt.

Durch einen brutalen, zufälligen Übergriff wird das Release-Konzert der eigenen CD und dadurch auch die Band aufgelöst und auf Gesas Hochzeit, auf der Tom als Solo-Künstler seinen Auftritt hat, werden beide und ihre Freundschaft auf eine harte Probe gestellt.

Der dritte Teil, das letze stille Echo einer Freundschaft, spielt 2004. Am Ende wünscht man sich einen anderen Schluß. So wie man bei einem langen guten Jazz- oder Rocksong mitunter nicht genau weiß, wann der letzte Ton gespielt war, weil das Echo ihn verlängert und noch trägt, aber die Band bereits die Bühne verlassen hat…

Ein sehr einfühlsamer Roman. Mit tiefgründiger Spannung hat Jan Christophersen eine Geschichte über Freundschaft und Seelenverwandschaft geschrieben und erzählt von genutzten und ungenutzten Möglichkeiten. Spielerisch wird das Schwanken zwischen Nähe, Distanz und Harmonie eingefangen und wie ein Echo hin und her geworfen und wie ein lang gespielter Ton auf der Gitarre gehalten wird, bis er still verklingt, wird die Geschichte im Leser dennoch lange nachklingen…

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Anna Funder: „Alles, was ich bin“

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Anna Funder hatte das Glück, eine Zeitzeugin des letzten Jahrhunderts kennen zu lernen – Ruth Blatt. In Berlin Fotografin, in London Widerstandskämpferin und Mitglied einer Gruppe von Freunden um den Schriftsteller und Revolutionär Ernst Toller, die für die Freiheit ihr Leben aufs Spiel setzten und gegen die Nazis kämpften.

Anna Funder, 1966 geboren, studierte in Melbourne und Berlin. Sie ist Autorin, Anwältin und Dokumentarfilmerin. Für ihr erstes Buch „Stasiland“ erhielt sie den Samuel Johnson Award.

Ernst Toller wurde am 1. Dezember 1893 als Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie geboren. Ebenso, wie viele andere zog er als „Hurra-Patriot“ in den Ersten Weltkrieg und kam als Pazifist aus den Schützengräben zurück. Nach dem Scheitern der Räterepublik wurde er zu fünf Jahren Festungshaft verurteilt. Während der Haft entstanden seine bedeutendsten Werke.  Nach seiner Haftentlassung setzte Toller sich weiter für sozialistische Ideale ein. Er prophezeite, daß Hitler versuche, auf legale Weise an die Macht zu kommen und diese dann auch nie freiwillig mehr abgeben würde.

Ab 1933 im Exil bemühte Ernst Toller sich, die Zersplitterung der politischen Kräfte aufzuheben. 1935 werden in einem Londoner Hotelzimmer die bekannten deutschen Widerstandskämpferinnen Dora Fabian und Mathilde Wurm tot aufgefunden. Die Gestapo spricht von Selbstmord der beiden Frauen, die eng mit dem charismatischen Revolutionär und Schriftsteller Ernst Toller bekannt waren.

„Kann Kunst die Wirklichkeit beeinflussen?“

Anna Funder beschreibt in ihrem wunderbaren Buch die Beklemmung dieser Epoche und versteht es, den Leser diese Zeit nacherleben zu lassen. Die verschiedenen Schicksale, die jeweils aus der Perspektive der einzelnen Personen erzählt werden, spiegeln den leidenschaftlichen Kampf für die Freiheit wieder. Erzählt wird das auf wahren Begebenheiten basierende Buch als Liebesgeschichte, als ein literarisches Werk über Leidenschaft und Verrat.

Von Hitlers Machtergreifung in Berlin an begleitet Anna Funder in ihrem großen Roman die Gruppe von Freunden, die über Nacht zu einer Gruppe von Verfolgten wurde. Sie flohen nach London, wo sie neue Verbündete fanden und große Gefahren auf sich nahmen, um den Widerstand gegen die Nazis zu organisieren. Sie erzählt von der Verbindung außergewöhnlicher Menschen, die in Zeiten größten Aufruhrs alles riskieren für die Freiheit und die Liebe.

Eine uneingeschränkte Leseempfehlung! Ein tolles, sehr gut geschriebenes und spannendes Werk. Ich denke und hoffe, dieses Buch wird auch auf dem deutschen Buchmarkt seine Preise erhalten. Ein großes Leseabenteuer!

 

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Februar 18, 2014 · 2:46 pm

„Der kluge Fischer“

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Die Erzählung des Nobelpreisträgers Heinrich Böll erstmals als Bilderbuch von Emile Bravo.

Die Geschichte ist sehr kurz erzählt und wohl weit bekannt, aber stets zeitlos und bringt einen zurück zum Wesentlichen.

In einem kleinen Hafen macht ein Fischer sein Nickerchen. Ein Tourist weckt ihn durch das nervige Klicken seines Fotoapparats und fragt, warum er nicht aufs Meer fahre. Da der Fischer antwortet, er sei schon fischen gewesen, fragt der Tourist warum er nicht bei diesem tollen Wetter noch einmal hinausfahre. Mit größeren Erträgen und Ausbeute könne er Schiffe und eine Fischfabrik kaufen. Am Ende könnte der Fischer doch so reich werden, dass er nicht mehr arbeiten bräuchte und morgens in der Sonne eine Siesta machen könne. Darauf der kluge Fischer: „Aber das mache ich doch gerade, nur das Klicken Ihres Fotoapparats hat mich gestört.“

Diese kluge Fabel wurde von dem französichen Künstler Emile Bravo in ein Geschenk- bzw. Bilderbuch verwandelt. Die Bilder erinnern leicht an „Tim und Struppi“. Ein wunderbares Buch für Groß und Klein!

Ein schönes Buch – zum Glück.

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Der Weltraum, unendliche Weiten…

Ich möchte mich diesmal für den Science-Fiction-Roman stark machen, denn ich lese gerne mal einen guten, anspruchsvollen Zukunftsroman. Leider wird dieses Genre immer noch „belächelt“… Aber es gibt so große und tolle Werke von Lem, Asimov, Wells und Clark um nur einige der Klassiker zu nennen.

Bild  Gerade Clark hat für mich einen der spirituellsten und philosophischsten SF-Romane geschrieben: „Die letzte Generation“. Ein Titel, den ich immer noch gerne empfehle. Es geht um die Transformation des Lebens und deren Beobachter… Ein Roman, der neben „2001 – Odyssee im Weltraum“ wohl für viele der bedeutendste Roman von Bestsellerautor Arthur C. Clarke ist. Gleich zu Anfang der Handlung erscheinen gigantisch große Raumschiffe über den Großstädten der Erde. Die Außerirdischen nehmen zwar Kontakt zu den Menschen auf, wollen sich jedoch selbst nicht zeigen. Sie werden „Overlords“ genannt und sind den Menschen in jeder Beziehung weit überlegen, vor allem in technischer und moralischer Hinsicht. Sie sollen die Menschheit zu neuer Reife führen, um einen Evolutionssprung auf eine weitere Entwicklungsstufe einzuleiten. Nach fünfzig Jahren zeigen sich die Overlords erstmals, und sie gleichen dem Bild, das sich die Menschen von Teufeln gemacht haben. Ein neugieriger junger Mann schmuggelt sich an Bord eines der Raumschiffe der Overlords und hat so die Möglichkeit, den Heimatplaneten der Außerirdischen zu besuchen. Auf der Erde zieht sich unterdessen eine Gruppe von Künstlern auf eine einsame Insel zurück, um ohne die Segnungen der neuen Technologie auszukommen. Doch ausgerechnet dort werden die ersten Kinder einer gänzlich neuen Generation geboren. Diese Kinder haben die Fähigkeiten der Telepathie und Präkognition. Sie beginnen von anderen Welten zu träumen, und als sie sich zusammenschließen, verlassen sie als gemeinsame „Seele“ die Erde.

Bild  Gerne tauche ich ab in die Weiten des unendlichen Weltalls der Literatur, der sogenannten Space Operas. Das „Weltraumabenteuer“ ist das klassische Motiv der Science Fiction schlechthin. Bereits 165 n. Chr. ließ Lukianos seinen Helden zum Mond fliegen. Kluge und spannende Werke haben mich begeistert. Werke von Poe, Verne, Bova, Hamilton, Bear, Heinlein und Niven….etc. Besonders angetan hat es mir „Dune, der Wüstenplanet“

In weiter, weiter Zukunft irgendwo im Universum, das vom Imperator Shaddam IV. beherrscht wird ist der wichtigste Planet der Wüstenplanet „Arrakis“. Dort nur findet man das SPICE, eine hochwirksame „Droge“. Als das Haus Atreides die Macht über Arrakis übernimmt beginnt ein grausamer Machtkampf und es kommt zu einem interstellaren Krieg … Dies ist nur der Auftakt einer Saga, die mich begeistert und zum ersten Mal beim Lesen eines SF-Titels zum Notizen machen verleitet hat.  Der ursprüngliche Wüstenplanet-Zyklus von Frank Herbert besteht aus sechs Romanen, die zwischen 1965 und 1985 erschienen sind. Nach dem Tod des Autors im Jahre 1986 wurde der Zyklus um zeitlich früher angesiedelte Trilogien sowie einem nachfolgenden Zyklus erweitert. Eine lesenswerte, philosophische und spirituelle Lesereise.

Bild Nicht zu vergessen mein „Shrike“…  Der Autor, über den King stets schreibt, daß er ihn so sehr beneidet: Dan Simmons. Das große Science-Fiction-Epos, mit dem Dan Simmons Weltruhm erlangte ist „Hyperion“, eine seitenfressende Achterbahnfahrt.

„Der Hegemonienkonsul saß auf dem Balkon seines Ebenholzraumschiffs und spielte Rachmaninows Prélude in cis-Moll auf einem uralten, aber sehr gut erhaltenen Steinway, während sich große Saurierwesen unten in den Sümpfen drängten und heulten“.

In den Weiten des Alls hat sich die Menschheit über unzählige Sonnensysteme ausgebreitet. Während technischer Fortschritt und Dekadenz Unmögliches wahr machen, suchen sechs Menschen Antwort auf die größte aller Fragen: Was ist das Leben, was ist der Tod?

Endlich nach längerer Zeit auch wieder lieferbar: „Die Hyperion-Gesänge“. Dieser Sammelband umfasst die zwei Romane Hyperion (erschienen 1989) und Der Sturz von Hyperion (erschienen 1990). Im ersten Teil der Hyperion-Gesänge, Hyperion, erzählen sich die Pilger auf dem Weg zu den Zeitgräbern auf Hyperion gegenseitig Teile ihrer Lebensgeschichte und ihre persönlichen Gründe für die Teilnahme an dieser Pilgerfahrt zum „Shrike“.

Abschluß findet die Saga in dem Sammelband Endymion (bestehend aus den zwei Romanen Endymion – Pforten der Zeit und Endymion – Die Auferstehung) Endymion spielt ein gutes Viertel Jahrtausend nach „Dem Fall“, der die damals herrschende Hegemonie und den alles verbindenden Techno-Core vernichtete. Erzählt werden beide Endymion-Bände aus der Perspektive von Raul Endymion, der sie als Erinnerungen niederschreibt, während er in einem High-Tech-Exekutionsgefängnis auf seine Hinrichtung wartet. Selten sind in mir so viele Bilder entstanden, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben. Das „Unwesen“, das „Shrike“, der Zen-Tempel, Die sogenannten „Auferstehungschristen“, die Kaste „Pax“ und das ganze Universum um Hyperion. Das Werk ist angereichert mit so vielen Andeutungen aus der Philosophie und der Weltliteratur, besonders Hölderlin mit seinen Hyperion-Gesängen.

Wie wohl keine anderen Bücher weisen diese Romane darauf hin, daß es im Universum mehr zu erreichen gibt, als das bloße Überleben.

„Energie! – Immer der Nase nach…

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Martin Mosebach: „Das Blutbuchenfest“

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Der Titel wurde gerade frisch nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse 2014. Also habe ich mich schnell mit dem komplexen Werk beschäftigt.

Schnell hatte ich mich eingelesen in Mosebachs treffende Sprachkonstruktionen und durch die gefeilte, aber nicht aufgesetzte meisterhafte Sprache entwickelt der Roman eine ganz eigene Sogkraft.

Ivana aus Bosnien ist der Angelpunkt des ganzen Romans, denn sie putzt in Frankfurt für Banker und Bohemiens, Hochstapler und Kreative. Mitten in der Stadt organisiert der kleine Geschäftemacher Rotzoff ein großes Fest unter der Blutbuche in seinem Garten, um mit den Eintrittsgeldern seine Schulden zu bezahlen. Ausgelöst wird ein figurenreicher Tanz um Liebe, Betrug und Eifersucht, bei dem uns ein verbummelter Kunsthistoriker, der umtriebige Planer eines Kongresses über das zerfallende Jugoslawien und der Immobilienhai Breegen begegnen. Und während ihre Kunden feiern, beginnt in Ivanas Heimat der Krieg.

Bei dem Showdown zum „Blutbuchenfest“ laufen alle Fäden, die Mosebach zuvor in teilweise ironischen Charakterisierungen entworfen hat, zusammen.  Der Ich-Erzähler ist wohl noch eine der sympathischsten Figuren. Sehr detailliert und mit großer Beobachtungsgabe schildert Mosebach das „Gehabe“ schillernder Persönlichkeiten.

Das dörfliche Leben in Bosnien steht den Ausschweifungen der Frankfurter Gesellschaft gegenüber. Jenseits jeder Schwarz-Weiß-Zeichnung verbindet er die Bosnien-Krise mit dem Leben und Auseinanderbrechen der reichen, schönen und „nutzlosen“ Gesellschaft am Schauplatz der Metropole Frankfurt.

Das Buch ist abgründig und grotesk, ironisch und sehr literarisch. Wohl nicht ohne Grund wurde „Das Blutbuchenfest“ vom bereits vielfach ausgezeichneten Frankfurter Autoren unter der Leitung von Journalist und Literaturkritiker Hubert Winkels und der siebenköpfigen Jury für den Buchpreis nominiert.

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Selja Ahava: „Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm“

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«Wäre es möglich, Augenblicke einzufrieren, würde ich diesen in eine Plastikdose legen. Dann könnte man den Winter über davon zehren.»

Es geht ums Erinnern, ums Vergessen und ums Fremdeln, denn stets taucht das Bild der biologischen Aliens auf: Der Wal, der in London schwamm oder die Bären, die sich metaphorisch bei Anna einrichten.

2006 ist ein rund sechs Meter langer Wal wirklich durch die Themse bis ins Zentrum Londons geschwommen. Experten vermuteten, dass es sich um einen Entenwal handelte. Dies ist das zentrale Bild im Roman. Es sind Fremde wie beispielsweise die Wale, die stranden, in London schwimmen, in fremden Ökosystemen auftauchen oder sogar Gott, der Anna besucht, (- abholt?).

Anna nimmt ihr Umfeld wahr und möchte dies und ihre Erinnerung festhalten. Denn ihr Gedächtnis wird unzuverlässiger. Sie umschreibt und merkt sich alles mit Hilfe von Wortlisten und erfindet Wörter für Dinge, die bisher keinen Namen hatten.

«Wenn die Menschen allmählich ihre Gesichter verloren, die Tage ihre Bezeichnungen und die Räume ihre Möbel, wenn vier Stunden einfach so verschwanden, nahm Anna ihr Notizbuch zur Hand und konzentrierte sich auf die Tatsachen.»

Als alte Frau blickt sie zurück auf ihr Leben, so, wie sie sich daran erinnert, an schöne wie an schreckliche Momente, an die Zeit in Finnland wie auch den Neuanfang mit Thomas in England. Am meisten reist Sie gedanklich zurück in ihr Häuschen auf einer Schäreninsel, wo sie mit ihrer großen Liebe einen Sommer verbracht hatte.

Ein nachdenklicher, fantastischer, zarter und leicht poetischer Roman. Kraftvoll und zugleich märchenhaft geschrieben. Aus dem Finnischen Übersetzt von Stefan Moster.

Die Autorin Selja Ahava, 1974 geboren, studierte Dramaturgie an der Theaterhochschule Helsinki und schrieb Drehbücher für Filme und Fernsehserien sowie Hörbücher, bevor sie mit „Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm“ ihren ersten Roman veröffentlichte. Sie hat fünf Jahre in London verbracht und lebt seit ihrer Rückkehr nach Finnland mit ihrer Familie in Porvoo.

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Kim Leine: „Ewigkeitsfjord“

Bild  „Ein fesselndes Epos über Unterdrückung und Rebellion“. Der dänisch-norwegische Autor Kim Leine hat für seinen Roman „Profeterne i Evighedsfjorden“ den Literaturpreis des Nordischen Rats erhalten. Die deutsche Ausgabe erscheint gerade unter dem Titel „Ewigkeitsfjord“.

„Ewigkeitsfjord“ ist Kim Leines vierter Roman und selten versank ich so sehr in einem historischen Roman, der das Leben in Kopenhagen, sowie Grönland spürbar erleben lässt.

Der vielseitige Roman erzählt die Geschichte des dänischen Priesters Morten Falck, der Ende des 18. Jahrhunderts als Missionar nach Grönland geht. Bereits vorher wird sehr bildhaft und lebendig sein Leben in Kopenhagen als Student beschrieben und wie er seine zukünftige Ex-Verlobte kennen lernt. Doch dann ruft ihn die Ferne und mit seinen geliebten Zitaten von Rousseau und mit einer Kuh im Schlepptau trifft er nach wochenlanger Seefahrt in der dänischen Kolonie auf Grönland ein. Hier prallen die Lebensweise der Eingeborenen und der Kolonisatoren in Eis und Finsternis gewaltsam aufeinander. Die zehn Gebote, die er noch predigt, wird Morten bald in vielfacher Hinsicht übertreten. Auch die Liebe kommt nicht zu kurz, denn er gewinnt die Liebe einer Eskimofrau. Später findet er völlig unerwartet eine abtrünnige Siedlergemeinschaft, die tatsächlich nach aufklärerischen Idealen lebt. Doch wird ihn sein Weg zurück nach Kopenhagen bringen, wo er ebenfalls erneut fremdeln wird.

Kim Leines Roman macht das Leben in Grönland zur damaligen Zeit mit allen Sinnen erfahrbar und erzählt zugleich eine moderne Geschichte. „Ewigkeitsfjord“ wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter der Preis des dänischen Buchhandels und der Politikens Litteraturpris.

Kim Leine, 1961 als Kind dänischer Eltern in Norwegen geboren, ist einer der wichtigsten dänischen Autoren der Gegenwart und seine Werke wurden in viele Sprachen übersetzt. 15 Jahre seines Lebens verbrachte er auf Grönland. In Deutschland wurde er 2011 durch den Roman „Die Untreue der Grönländer“ bekannt.

 

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Rafael Chirbes:„Am Ufer“

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Das Buch ist wohl nichts für romantische Leser, denn der Roman ist kein leichter Text , der zur Flucht aus der Realität zu verstehen, geschweige denn als solcher geschrieben wurde. Die Gestaltung des Buches lässt bereits vermuten, man wird ein Buch zur spanischen Krise lesen – der Baukrise, Schuldenkrise, Wirtschaftskrise, der Familienkrise und wohl der Sinnkrise allgemein.

Ein unglaublich realitätsnaher Roman, der in der Kleinstadt Ondara in Spanien spielt. Rafael Chirbes hat bereits in seinem letzten Roman „Krematorium“ das Platzen der Immobilienblase vorausgesehen und all die Verheerungen beschrieben, die der wilde Kapitalismus unserer Zeit hat. Der Autor ist überzeugter Marxist und erzählt in seinem neuen Roman „Am Ufer“ vom totalen moralischen Bankrott eines Landes, die Krise ist nicht nur im Roman endgültig im Leben der Menschen angekommen. Wie geht es den Menschen, die ihre Arbeit verloren haben und denen, die keine finden? Wie denen, die auf falsche Versprechungen vertraut haben, von Banken und dubiosen Beratern? Davon erzählt „Am Ufer“ schonungslos als eine Art Wirtschaftsroman und Familiengeschichte. Chirbes schreibt die Mentalitätsgeschichte Spaniens aus der Sicht einzelner Protagonisten mit viel Humor und Witz und stets mit guter Menschenkenntnis und einer offenen Beobachtungsgabe und schreibt in einer sarkastischen, literarischen Sprache. Er führt uns die gesellschaftlichen Verwerfungen vor Augen.

Der Roman „Am Ufer“ beginnt mit dem Objekt des Endes aus „Krematorium“, dem Aas. Der Ausflug ins Grüne entpuppt sich tatsächlich als ein Spaziergang in Bauschutt. Die Immobilienblase in Spanien ist geplatzt, die Profiteure haben ihr Geld rechtzeitig in Sicherheit gebracht. Zurückgeblieben sind nur noch Verlierer. Ihnen gilt Rafael Chirbes’ Interesse. Es ist ein Roman, der uns Figuren und Typen zeigt, die durch ihre Krise gehen müssen. Wir lernen Esteban kennen. Dieser hat das Kapital der Familenschreinerei verspekuliert, ist pleite und muss nun seine Angestellen entlassen. Esteban hatte sich als junger Mann ein anderes Leben erträumt, ist dann aber doch in der Familienschreinerei hängengeblieben. Aber anders als sein sozialistisch strenger Vater, der nach der Maxime lebt: Wir beuten niemanden aus, wir leben von dem, was wir erarbeiten, wollte Esteban wie alle anderen auch sein Stückchen vom großen Immobilienkuchen. Zu spät. Die Firma geht pleite und mit ihr die Schreinerei. Doch Esteban ist auch mit siebzig noch ein vitaler Mann. Und er ist Realist. Eine Perspektive für die Zukunft sieht er nicht und zieht die Konsequenzen.

Ein Roman, der uns den menschlichen Sumpf aufzeigen mag und die Verlorenen, die Träumer und die im gewissen Sinne Versklavten.  Aber es ist auch ein positiver Roman, ein literarischer Aufruf zum Widerstand.

Wir sollten der Erzählung, der Stimme von Rafael Chirbes lauschen, wenn wir an den Werten Europas festhalten wollen. Ich denke, „Am Ufer“ wird eine Bereicherung für seine Leser darstellen und ist wohl jetzt schon „Weltliteratur“.

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Haruki Murakami: „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“

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Der neue Murakami, sein größter Erfolg, ein Roman über Freundschaft, Liebe, Schmerz und Schuld.

Um seinen Schmerz, seine seelische Wunde zu heilen muß Tsukuru Tazaki in seine Vergangenheit reisen. Auf der Suche nach seinen damaligen Freunden, den vier farbigen Menschen in seinem farblosen Leben, die ihm eine nie verheilte Wunde zugefügt hatten.

„Der Auslöser für die starke Anziehungskraft, die der Tod auf Tsukuru Tazaki ausübte, war eindeutig. Seine vier engsten Freunde hatten ihm eröffnet, dass sie ihn niemals wiedersehen oder mit ihm sprechen wollen. So unvermittelt wie erbarmungslos. Ohne ihm den Grund für das harte Urteil mitzuteilen. Und er hatte nicht zu fragen gewagt.“ (Textauszug aus Kapitel 1).

Seine vier Freunde sind die vier Farben. Alle haben eine Gemeinsamkeit, die Tazaki nicht teilt, in jedem Nachnamen kommt eine Farbe vor. Die beiden Jungen heißen Akamatsu, Rotkiefer und Aoumi, blaues Meer. Die beiden Mädchen Shirane, weiße Wurzel und Kurono, schwarzes Feld. Nur der Name Tazaki beinhaltet keine Farbe. So nimmt er sich auch wahr: Leidenschaftslos und farblos. Es sind immer die farbigen Menschen, denen Tazaki begegnet, die ihn begleiten und prägen. Die Menschen, die ihm aber Tiefe geben, tragen auch Farben im Namen, doch sind es die Menschen, die entweder alle Farben einverleiben, d.h. Schwarz oder nur noch aus Licht sind, d.h. Weiß. Sein einziger Freund während seiner späteren Studienjahre ist „Grau“ eine Mischung aus Weiß und Schwarz. Hier wanderten stets meine Gedanken an die Farbenlehre von Goethe.

Seine Reise in die Vergangenheit ist untermalt durch ein Musikstück, das Shirane stets auf dem Klavier gespielt hatte: „Le Mal du pays“. Das ist das achte Stück von Franz Liszts „Annés de pélerinage.- Première année: Suisse“. Ein passendes Werk. Es sind die tönenden Erfahrungen der Wanderjahre von Liszt. Dies lässt wiederholt an Goethe denken (Wilhelm Meister). Die komplette Aufnahme von „Annés de pélerinage“ eingespielt von Lazar Berman trägt in sich eine Sehnsucht und Melancholie, die von heiteren, nie aber ins kitschige gehenden Melodiebögen unterbrochen werden. Dies ist eine passende musikalische Untermalung der Seelenzustände des Herrn Tazaki, der sich in Japan und Finnland auf die Suche nach Klärung und Heilung macht.

Sara, die Frau, die in der Gegenwart in Tazakis Leben kommt, ist erschüttert, denn wenn ihre Liebe eine Chance haben soll, beschwört sie ihn, diese Pilgerreise anzutreten, um sich selber zu finden. Seine Farbe, seinen Klang. Er ist Ingenieur für Bahnhöfe. Seine Aufgabe ist es, diese zu restaurieren, technisch aufzuwerten und die Menschenströme bei Umbaumaßnahmen umzuleiten. Er ist Wegweiser ohne es zu sein. Er liebt es, Menschen an Orten zu beobachten, an denen man ankommt, umsteigt oder wegfährt. Er, der selber einen Ort zum Ankommen sucht.

Ein monumentaler Roman, der lange wirken wird und wohl jetzt schon einer der literarischen Höhepunkte im Jahr 2014 ist. Ein Werk über vier Farben und eine Reise, das auch als gedrucktes Buch ein Kunstwerk ist. Das gebundene Buch hat auf dem Titel einen grauen Schmetterling, der erst durch den Folienumschlag seine Farben erhält. Möge das Buch viele Leser finden und in diesem lange nachklingen und eine Färbung hinterlassen…

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Januar 6, 2014 · 10:36 am

Dennis Lehane: „In der Nacht“

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„Ein paar Jahre später fand sich Joe Coughlin auf einem Schlepper im Golf von Mexico wieder. Seine Füße steckten in einem Block Zement.“

So beginnt der neue Roman von Dennis Lehane: „In der Nacht“.
Amerika während der Prohibition. Joe Coughlin, ein kleiner Handlanger des Syndikats in Boston, steigt in Florida zum mächtigsten Rum-Schmuggler seiner Zeit auf. Und setzt sein Leben aufs Spiel – aus Liebe zu einer Frau. Ein atemloses, literarisches Gangster-Epos.

Ich gestehe, es ist mein erster Lehane. Doch kenne ich die sehr guten Verfilmungen seiner Romane: „Mystic River“ und „Shutter Island“.
Lehane ist aber wohl mehr als ein Vorlagenschriftsteller für große Kinomomente. Er ist dreifacher Gewinner des Krimipreises und doch ist dieser Roman vielschichtiger als ein gewöhnlicher Kriminalroman.
Man wird durch den Prolog gleich in das Amerika während der Prohibition versetzt und Lehane erzählt frisch, als hätte es bisher noch keine Mafia-Literatur gegeben. Ich bin in der Geschichte versunken und obwohl die Bilder in meinem Kopf filmreif und irgendwie stets Bekanntes aufzeigen ist doch alles anders und neu. Ein purer Lesespaß!

»Und plötzlich kam ihm der Gedanke, dass alles Bemerkenswerte in seinem Leben – im positiven wie im negativen Sinne – seinen Anfang an jenem Morgen genommen hatte, als er das erste Mal mit Emma Gould zusammentraf.«

Ein Roman vom kleinen Handlanger zum mächtigsten Rum-Schmuggler seiner Zeit.

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Dezember 7, 2013 · 10:27 am