Archiv der Kategorie: Erlesenes

Stephan Lohse: „Ein fauler Gott“

Ein fauler Gott Stephan Lohse Suhrkamp

„Ein fauler Gott“ erzählt sehr subtil von den Abenteuern eines Teenagerlebens in den 70er Jahren in Hamburg und über den Verlust des Bruders. Trotz der Trauer versinkt das Buch niemals in Melancholie, denn meistens lesen wir aus der Perspektive des elfjährigen Benjamin. Sein Alltag besteht aus Schule, Freunden, Spielen und dem Versuch mit dem Verlust zu leben und seiner Mutter Trost zu schenken.

Der Vater hat vor einem Jahr die Familie verlassen und Ruth erzieht Jonas und Ben alleine in Hamburg. Ruths bisheriges Leben entfaltet sich in kurzen Rückblicken. Im Vordergrund steht aber immer Ben, der durch seine kindliche Weltsicht den Text sehr lebendig macht. Im Schwimmbad hat der achtjährige Jonas bei einem Wettschwimmen einen Anfall und kommt in die Klinik, in der er kurz darauf verstirbt.

Während der Beerdigung macht Ruth Ben auf einen kleinen Engel auf dem Sarg aufmerksam. Dieser soll, laut Bens Mutter, darauf aufmerksam machen, dass Gott einen Engel gebraucht und dafür Jonas ausgesucht hat. Daraufhin ist der liebe Gott für Ben nur noch ein fauler Gott und er beschließt Atheist zu sein. Ben beschäftigt sich oft mit Gott und wird auch öfters auf diesen aufmerksam gemacht. Sehr feinfühlig werden die Emotionen und die Themen, die die Protagonisten beschäftigen, um- und beschrieben. Ben sucht oft den Nachbarn auf, der einen alten defekten Wagen besitzt, in dem die Brüder gerne gespielt haben. Hier kann er sich langsam öffnen und seine Trauer zulassen. Bens Mutter versucht ihre Depression vor Ben zu verstecken und zieht sich gerne in ihr Zimmer oder ins Bad zurück. Ben beobachte seine Mutter ganz genau. Sie versucht herauszubekommen, wie das Unglück mit Jonas geschehen konnte. Vor lauter Angst, muss Ben sich ebenfalls einige ärztliche Untersuchungen gefallen lassen.

Anfänglich ist Ben vom Unterricht befreit, aber er beschließt selbst, dass er wieder zu Schule gehen möchte. Die Freundschaft zu Chrisse lassen ihn die anfängliche Scheu seiner Klassenkameraden und Lehrer bald vergessen. In einem Kindererholungsheim im Schwarzwald vertraut er sich einer Betreuerin an, die ihn in seiner eigenen Trauer lässt und darin bestärkt, dass es nie besser, sondern lediglich anders wird. Als das Heim durch einen Unfall abbrennt, kommt Ben kurzweilig in einem Kloster unter. Hier ist es das Werk von Karl May, das ihn in die Welt der Phantasie einlädt.

Durch diese Begegnungen wird Jonas in ihm immer stiller, ohne jemals ganz zu verschwinden. Er lernt die Trauer zuzulassen und traut sich mit seinen Freunden erstmalig wieder in das Freibad.

Es ist ein detailreiches Werk, das uns verführt und mit Ben wachsen lässt. Stephan Lohse beschreibt voller Einfühlungsvermögen das Seelenleben eines Kindes und seiner Mutter. Wie sollen Mutter und Sohn mit so einem Verlust umgehen und wie können sie wieder Boden gewinnen, um im Alltag Fuß zu fassen? Die Plattitüden aus dem Umfeld sind wenig hilfreich und werden selbst von einem Elfjährigen enttarnt. Ruth und Ben gehen jeweils anders mit ihrer Trauer um und lernen voneinander, diese zu bewältigen. Wobei es Bens Charme und Offenheit ist, die es beiden möglich macht, wieder am Alltag teilzunehmen.

Als Schauspieler hat Stephan Lohse gelernt mit der Sprache zu arbeiten. „Ein fauler Gott“ ist sein Debütroman. Es gibt selten Bücher, in denen man sich so sehr zuhause fühlt. Ein sehr lebendiges und wohl auch für den Autor sehr persönliches Werk. Ein tolles Buch, das niemals zu traurig ist, sondern begeistert und beim Lesen sehr viel Spaß macht.

Stephan Lohse liest auf zehnseiten.de. Leseprobe auf der Seite von Suhrkamp (pdf)

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Isabelle Autissier: „Herz auf Eis“

Herz auf Eis Isabelle Autissier Mare Verlag

Ein junges Paar, das seinem alltäglichen Leben in Paris entkommen will, umsegelt die Welt und strandet dann in eisiger Einsamkeit. Sie finden durch den Aufbruch in die Welt vorerst ihre Freiheit und eine Gemeinsamkeit wieder, die sie zu verlieren schienen. Sie erleben die Welt als globalen Spielplatz und ihre Entdecker-Seele erwacht. Dann verlieren sie, durch ein Unwetter, ihr Schiff und ein archaischer Überlebenskampf auf einer einsamen arktischen Insel beginnt.

Louise und Ludovic kommen sich durch das Klettern näher und lernen sich lieben. Sie ist eher zurückhaltend und schüchtern und ihre ganze Leidenschaft ist das Bergsteigen. Er hingegen ist ein Beispiel der sogenannten Generation Y: Einzelkind von vermögenden Eltern und sorgenlos. Er ist etwas schludrig und wirkt oberflächlich. Sein Leben war bisher behütet und daraus resultiert seine positive Weltsicht. In ihrer Beziehung bringt sie sich mit der Leidenschaft zum Klettern ein, sonst ist es meist er, der sich durchzusetzen scheint. Sie ist die vernünftigere und sachliche Planerin, während er in gewisser Naivität einfach loslegt. So starten sie auch ihr großes, gemeinsames Projekt. Sie wollen das natürliche Leben spüren, raus aus Paris und die Welt erleben. Er überzeugt sie zu einem Sabbatjahr und sie erfüllen sich den Traum, die Routine hinter sich zu lassen. Anfänglich war ihnen noch nicht klar, was sie machen möchten, aber schnell reift die Idee einer Weltumsegelung.

Südlich von Kap Horn erwartet sie ihr eigentliches Abenteuer. Sie wollen sich eine unbewohnte Insel ansehen. Sie wandern von der Natur begeistert durch die gebirgige und eisige Landschaft. Als ein Sturm aufkommt rät sie zur Rückkehr zum Schiff. Doch er ist voller Tatendrang und will noch mehr sehen. Das Unwetter zwingt sie zur Flucht in eine ehemalige Walfängerstation, in der sie notgedrungen die Nacht verbringen. Er wacht auf und hört das Drehen des Windes, kann aber nicht ahnen, welche Konsequenzen es für sie hat. Der Anker muss sich durch das Unwetter gelöst haben und durch den wechselnden Sturm hat sich das Boot losgerissen. Das Abenteuer, ihre Suche nach Freiheit, findet eine jähes Ende und sie sind durch die Naturgewalt Gefangene der Insel geworden. Ein existentieller Kampf beginnt. Sie sind der Natur ausgesetzt und müssen von der kargen Insel leben, in der Hoffnung, dass sie im Frühjahr gefunden werden. Die Jagd nach Nahrung, das Schwinden der Hoffnung nagt an beiden und besonders die gegenseitigen Schuldzuweisungen und Streitereien stellen ihre Menschlichkeit und Liebe auf eine harte Probe.

Die Lebensbedingungen werden eindringlich beschrieben und es ist eine untypische Abenteuergeschichte. Als die Inselgeschichte endet, geht es um das Verarbeiten der Extremsituation. Es ist die Geschichte unserer Zivilisation, die sich frei und ungebunden empfinden möchte, doch stets die Abhängigkeit aus den Augen verliert. Wie schnell können wir durch Naturkatastrophen oder Unachtsamkeit in neue, extreme Lebensbedingungen geraten.

Die Autorin, die selbst die Welt umsegelte, macht die extreme Lebenssituation der Protagonisten für uns erlebbar. Aber das Buch lebt nicht durch das reine Abenteuer. Es geht um die existentiellen Fragen: nach Freiheit, Schuld und Liebe. Auch ein Überlebenskampf kann Routine werden. Der Roman bietet Raum zur Interpretation und Reflexion. Das Schiff der beiden heißt wohl nicht ohne Grund Jason, nach dem Anführer der Argonauten.

Ein Roman, der uns auf dünnes Eis stellt und unsere Zerbrechlichkeit aufzeigt. Ein eindringliches Buch, in dem sich lediglich die Figuren ab und zu verlieren. Die wilde Natur prallt auf unsere gegenwärtige Zivilisation. Das Buch war nominiert für den Prix Goncourt.

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Anthony McCarten: „Licht“

McCarten Licht Diogenes

Der Roman beruht auf wahren Begebenheiten und erzählt davon, wie Kreativität durch Korruption und Machtgier unmenschliches zutage bringt. Die innere Einstellung des großen Erfinders Thomas Alva Edison, dass seine Ideen und Erfindungen stets dem Wohle der Menschheit dienen sollen, wird durch seine aufkommende Armut verdrängt. Edisons Erfindungen und Weiterentwicklungen der Elektrizität und Telekommunikation hatten einen großen Einfluss auf unsere kulturelle Entwicklung. Er ist der Erfinder der Glühbirne und dies war der Beginn der Elektrifizierung der Städte und der industrialisierten Welt. Doch jede noch so gute Entwicklung kann auch von Menschen missbraucht werden. Im Roman gibt es eine Szene, in der Edison mit dem Zug durch die Stadt fährt und eine Kirche sieht, die als ein Kasino umfunktioniert wurde. Er betrachtet die Menschen, die durch eine Mischung aus Tragödie und Fortschritt verkommen und sich nun lediglich den Sinnesfreuden hingeben.

Die Handlung des Romans basiert auf dem Kampf um den Erfolg der Elektrizität. Edison, der den Gleichstrom nutzt streitet sich mit seinem ehemaligen Mitarbeiter Nikola Tesla und dem Erfinder sowie Ingenieur George Westinghouse. Tesla und  Westinghouse propagieren den Wechselstrom und die Parteien liefern sich einen erbitterten Streit welche Stromart Anwendung finden soll und die sicherste sei.

Wir erleben einen alten Thomas Edison, der auf seinen Lebensweg zurückblickt. Seine Erinnerungsarbeit ist daher eine verkürzte, wenn nicht sogar eine verzerrte. McCarten will auch keine weitere Biographie schreiben. Er nutzt die verfügbaren Fakten, um daraus ein spannendes Buch über den Preis des Fortschritts und des Ehrgeizes zu schreiben. Denn Macht und Gier sind die Motivation der Menschen, die Edison lenken und ihm weitere Aufträge zumuten.

Edison hat seit Kindheitstagen mit seinem Gehör zu kämpfen und verlangt daher von seinem Umfeld stets in 80 Dezibel zu sprechen. Schon als Jugendlicher hat er das Morsealphabet gelernt und somit auch seine Forschungen in diese Richtung gelenkt. Seine Frau pocht ihm das Gehörte oder ihre Meinung auf sein Knie, wenn sie unter Menschen sind. Seine Errungenschaften waren meist zur Vereinfachung des Büroalltags gedacht. Sein Hauptaugenmerk liegt auf der Elektrizität und der Elektrotechnik. Doch macht er auch naturwissenschaftliche Experimente, die in Selbstversuchen endeten, die ihn noch mehr als einen eigenwilligen Kauz erscheinen lassen. Als er die Glühbirne erfindet wird J.P. Morgan auf ihn aufmerksam. Morgan hat aus seiner New Yorker Bank ein Imperium gemacht und möchte Europa und dann Amerika mit Edisons Licht erleuchten.

Der Serbe Nikola Tesla, der mal für Edison gearbeitet hat, entwickelte Generatoren für den Wechselstrom. Er hat Motoren entwickelt, die mit Wechselstrom laufen. Doch Edison hält gerade den Wechselstrom für sehr gefährlich und deklariert Tesla als Spinner. Tesla bekommt Unterstützung von George Westinghouse und beide stehen nun Edison und Morgans Plan vom allgemeinen Licht im Weg. Da Morgan viel Geld in Edisons Wunderwerk investiert hat, verlangt er von Edison, Westinghouse bloßzustellen und den Beweis zu erbringen, dass Wechselstrom gefährlich ist. Edison bekommt dabei Unterstützung durch das Auftreten von Harold P. Brown und er setzt damit nicht nur sein Seelenleben aufs Spiel…

Ein Roman, der im wahrsten Sinne elektrisiert und ein Licht auf die damaligen Errungenschaften wirft. Das Spiel der Wissenschaft und der Habgier. Die Philosophie der Wissenschaft ist Leben zu retten, zu verbessern oder zu verlängern. Im Roman wird der Weg erzählt, wie sich mal wieder die Wissenschaft auf abscheulichste untreu wurde…

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Siehe auch die Besprechung auf Feiner reiner Buchstoff

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Natascha Wodin: „Sie kam aus Mariupol“

Natascha Wodin Sie kam aus Mariupol Rowohlt Verlag

„Wenn du gesehen hättest was ich gesehen habe“

Das vorliegende Werk macht deutlich, warum Literatur so wichtig ist. Literatur und Bücher sind wichtig, damit wir die Chance bekommen, den Umfang unserer Geschichte und der Geschehnisse auf der ganzen Welt etwas besser zu verstehen. Durch die Literatur können wir anhand einzelner Figuren bruchstückhaft an Geschichtsereignissen teilhaben und hoffentlich daraus lernen. Durch den emotionalen Bezug zu den literarischen Figuren oder tatsächlichen Einzelschicksalen verankert sich in uns Lesern ein Bezug zu Welten und Geschichten, die in solch einem Umfang sonst nicht möglich wäre.

Natascha Wodin hat ihre Suche nach der Geschichte ihrer Mutter literarisch festgehalten. Durch ihre Familienforschung werden wir Zeuge vom Leben einer Frau, die den stalinistischen Terror und deutsche Zwangsarbeit im Dritten Reich erlebt hat. Sie überlebt die dunklen Zeiten, aber zerbricht später daran. Diese literarische Romanbiographie gibt den Menschen, die aus der Ukraine nach Deutschland deportiert wurden, eine Stimme und ist für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Natascha Wodin wurde 1945 als Kind sowjetischer Zwangsarbeiter in Fürth geboren. Sie wuchs in einem Lager für „Displaced Persons“ auf. Sie ist die Tochter einer Ukrainerin aus der Hafenstadt Mariupol, die mit ihrem Mann 1943 als Zwangsarbeiterin nach Deutschland verschleppt wurde. 1956 als Natascha gerade zehn Jahre alt war nahm sich ihre Mutter das Leben. Nie hat die Mutter ihr erzählt, was sie erlebt hatte. Natascha Wodin lebt heute als Schriftstellerin in Berlin und Mecklenburg. Ihre Suche beginnt, als sie spielerisch den Namen ihrer Mutter in die russische Suchmaschine eingibt. Sie wird auf der Seite „Azov´s Greeks“ fündig. Denn die Stadt Mariupol war lange ein Zentrum griechischer Kultur und bis Ende des 19. Jahrhunderts war die Mehrheit der Stadtbevölkerung griechischer Herkunft. Bisher hatte Natascha Wodin spärliche Erinnerungen an ihre Eltern. Lediglich einige Fotos und eine Ikone waren in ihrem Besitz. Nun, durch diesen zufälligen Fund, kann sie eine Spur zur Geschichte ihrer Mutter aufnehmen.

Sie stammt aus einer Familie, die anscheinend Großgrundbesitzer und baltische Adlige waren. Es wird eine mühsame Suche, denn die Familie durchlebt die Nöte der Ukraine: Hunger, stalinistischen Terror, Krieg und Vernichtung. Sie werden enteignet und spiegeln das Ende einer ganzen Epoche. In der Familie waren Landwirte, Gebildete und Opernsänger. Durch die Revolution und den anschließenden Bürgerkrieg beginnt die Zerstreuung der Familie. Das ganze Land zerbrach, weil den Besitzenden alles genommen wurde ohne weitere politische Ideen. Nataschas Mutter wird während des Zweiten Weltkriegs nach Deutschland in ein Zwangsarbeitslager deportiert und in der Rüstungsindustrie eingesetzt. Es gab während des Dritten Reichs eine massenhafte Deportation an Ukrainern nach Deutschland, eingeleitet von der Propaganda der Besetzer. Schritt für Schritt wurden Männer und Frauen aufgerufen, sich zum Arbeitseinsatz in Deutschland zu melden. 1942 wurde für alle Jugendlichen aus der Ukraine ein Pflichtdienst eingeführt. Bis zu zehntausend Zwangsarbeiter wurden Tag für Tag nach Deutschland transportiert. Durch das Auftauchen eines Tagebuchs wird im Roman parallel zur Geschichte der Mutter auch das Leben einer Schwester im sowjetischen Gulag geschildert.

Es ist ungewiss, wie viele Menschen während des Zweiten Weltkrieges zur Zwangsarbeit gezwungen und verschleppt wurden. Es waren Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene, die wie Sklaven eingesetzt wurden. Sie mussten unter meist unmenschlichen, KZ-ähnlichen Bedingungen leben. Durch die Recherche stößt  Natascha Wodin auf weitere Ungeheuerlichkeiten. Nach einer Studie des Holocaust Memorial Museums belief sich die Anzahl der Nazi-Lager auf 42.500. 30.000 davon waren Zwangsarbeitslager. Also waren diese Lager fast flächendeckend im Reich verteilt. Dies sind unfassbar große Zahlen, die es für die menschliche Vorstellungskraft umso wichtiger machen, dass einzelne Stimmen hervorgehoben und erhört werden. Diese persönlichen Schicksale wecken unserer Empathie und lassen den ganzen Umfang der Gräueltaten aus der Vergangenheit lebendig werden.

Es ist eine Biographie verpackt in einen literarischen Roman. Die Sprache ist reduziert, aber stets sehr kunstvoll eingesetzt. Die Handlung ist in den einzelnen Passagen gekonnt komponiert. Der Roman liest sich spannend und ist ein wichtiges Buch über eine bisher eher unbekannte Episode unserer dunklen Geschichte. Ein beklemmendes und intensives Leseerlebnis, das durch die eingesetzten Fotos an Tiefe und Persönlichkeit gewinnt. Natascha Wodin ist nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse und hat für das unveröffentlichte Manuskript zu „Sie kam aus Mariupol“ bereits den Alfred-Döblin-Preis verliehen bekommen.

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Sanne Averbeck: „Die Gästeliste“

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Ein Thriller um das Leben einer Selbstdarstellerin und ihre Gästeliste. Auf dieser Liste hält sie alle für sie wichtigen Personen und deren Netzwerke fest. Die Geschichte spielt mit den sozialen Medien, denn die Protagonistin hat ihr Auftreten in den diversen Kanälen perfektioniert. Handlungsort des Romans ist Hamburg und er zeigt uns eine Welt, in der die Charaktere mehr auf ihr Erscheinungsbild, als auf das tatsächliche Leben achten. Selbst ein Facebook Kommentar wird genutzt, um die User in diversen Gruppen in gewünschte Bahnen zu lenken. Ein „Gefällt mir“ als bewusste Inszenierung und alle Postings und wirklichen Auftritte dienen stets der Manipulation.Eigentlich sind die Figuren im Roman keine Menschen, die man persönlich treffen und kennenlernen möchte, aber man wird durch die spannende Handlung an das Buch gefesselt und liest es in einem Rutsch bis zum Ende durch.

Wir lernen Carola Martins kennen, die sich durch ihren Blog mit Produktbeschreibungen und Bewertungen einen großen Bekanntheitskreis erarbeitet hat. Ihre Meinung, Postings und Kommentare auf Twitter und Facebook sind sehr gefragt und sie setzt durch ihre Besprechungen und diverse Inszenierungen Trends. Sie hat die sozialen Netzwerke stets im Griff und verweilt täglich mehrere Stunden im Internet. Ihre Follower und Netzwerkfreunde erhoffen sich, ein Teil ihrer Welt zu werden. Regelmäßig veranstaltet Carola Partys, zu denen sie wichtige Persönlichkeiten einlädt. Ab und zu auch Menschen, die kurzweilig an ihrem Ruhm schnuppern dürfen oder von denen sich Carola erhofft, weitere wichtige Kontakte zu erfahren. Ihr nächster geplanter Schritt der Karriereplanung ist ein eigenes Fernsehformat.

Carola plant alles und studiert selbst die kleinste Mimik genau ein, damit ihr nichts auf ihrem Weg zu den großen Bühnen mehr im Wege steht. Sie erschleicht sich bei allen Menschen in ihrem Umfeld ganz subtil ihre Vorteile. Gefühle und wahre Freundschaften sind für sie nebensächlich. Lediglich zu Bianca, die sie seit der Kindheit kennt, scheint sie weiterhin eine Freundschaft zu pflegen. Über alle ihre Kontakte führt sie eine Liste, die sie gut versteckt aufbewahrt. Auf dieser Liste formuliert sie jegliche Tendenzen, Eigenschaften und  für sie wichtigen Vorteile, die sie von der entsprechenden Person erwartet.

Auf einer Party wird eine der Frauen verbal verunglimpft und dies zieht im Internet weitere, hämische Kreise. Kurz darauf gerät deren Schwester in einen Unfall. Auch hieraus versteht es Carola, ihren Vorteil zu ziehen. Doch geraten plötzlich weitere Menschen aus dem Umfeld in Gefahr. Bianca, die stets auf den Partys anwesend ist, aber nicht wirklich Spaß hat, lernt plötzlich einen Mann kennen. In einem Hotel sieht sie ihn später schlaftrunken aus dem Bad kommen. Er wird brutal und steckt ihr Schlaftabletten in den Mund. War das der Mann, der sie so liebevoll angesehen hatte?

Auch die konkurrierenden Fernsehproduzenten, die ein heimliches Liebespaar waren, werden Opfer eines Gewaltverbrechens. Jetzt wird die Polizei aufmerksam auf Carolas Netzwerk und stellt eine Verbindung zu ihrer Gästeliste her. Da auch dubiose Facebookprofile auftauchen und Mails unter falschen Namen versendet werden, wird der Verdacht immer stärker, dass jemandem daran gelegen ist, Carolas Leben zu zerstören. Muß Carola ihre Gästeliste aus der Hand geben? Kann es sein, dass es nur um die Liste geht, ihr eigentliches Kapital?

Der Roman spielt mit bestimmten Klischees und sogenannten It-Menschen einer Schickimicki-Gesellschaft. Die Sprache ist den Figuren und den üblichen Umgangsformen der sozialen Kanäle angepasst. Die Autorin möchte aufzeigen, dass Facebook und Co. nützliche Kanäle sind und vergleichbar mit einem Handwerkszeug, Menschen nützen, aber auch schaden können. Es liegt in unseren Händen, wie wir es nutzen und, ob wir uns positiv präsentieren oder stets den Schattenseiten folgen wollen.

Sanne Averbeck ist ein Pseudonym der Autorin Sonja Rüther (u.a. „Blinde Sekunden„). Dies wird bereits im Buch aufgeklärt, aber ich wusste es, dank Facebook….

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Siehe auch renies-lesetagebuch

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Takis Würger: „Der Club“

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Ein Campus- und Liebesroman mit einer düsteren und sehr spannenden Geschichte. Es geht um den „Pitt Club“ der Universität von Cambridge und einen weiteren, inneren Kreis, der sich seinen Mitmenschen gegenüber erhaben empfindet und vor Verbrechen nicht zurückschreckt. In einem elitären, inneren Kreis, können einige Mitglieder mit ihrer vermeintlichen Macht nicht umgehen. Die im Club vorherrschende Sportart ist das Boxen. Hier gilt es die Grenzen zu erfahren, und seine Überlegenheit nicht auszuspielen und zu missbrauchen. Der innere Kreis des Clubs bezeichnet sich als Schmetterlinge und sieht sich als eine natürliche Weiterentwicklung aus einem niederen Stadium. Aber das Bild des Schmetterlings wird auch in der Chaostheorie verwendet. Denn ein einziger Flügelschlag kann demnach einen Tornado auslösen. So liegt es bei dem Protagonisten, ein Schmetterling zu sein, der mit seinen Handlungen herausbekommen soll, was im Club vor sich geht, um dann das verbrecherische System des Clubs zu vernichten.

Der Roman beginnt in Niedersachsen. Die Eltern von Hans leben in einem abgelegenen Haus, damit die schwerkranke Mutter in Ruhe sterben kann. Durch einen tragischen Verkehrsunfall verliert Hans seinen Vater und kurz darauf auch seine Mutter. Als Hans acht Jahre alt ist, erfährt er von der Halbschwester seiner Mutter, die in England lebt, ihn aber nicht aufnehmen kann. So kommt Hans in ein kirchliches Internat. Einer der Brüder trainiert Hans dort weiterhin im Boxen, das er schon zu Lebzeiten seines Vaters angefangen hatte.

Eines Tages bekommt er ein überraschendes Schreiben seiner Tante, die ihn nach England einlädt. Sie lockt ihn mit einem Stipendium für das St. John College in Cambridge, denn es gibt dort eine Angelegenheit, bei der er ihr eventuell helfen könnte. Weiteres erfährt er erst, als er in Cambridge ankommt. Er soll ein Verbrechen aufklären. Was genau möchte Alex, seine Tante, vorerst nicht verraten. Alex hat Kontakte, die ihn für den „Pitt Club“ vorschlagen würden. Innerhalb dieses Clubs sind Verbrechen begangen worden, die er nun mit neuer Identität aufdecken soll. Er lernt Charlotte kennen, die ihn in das Leben in Cambridge einführt und in einen Snob verwandelt, damit er eine Chance bekommt, ein Mitglied des Clubs zu werden. Der Vater von Charlotte, ebenfalls ein Boxer, soll nun Hans für den Club vorschlagen. Es dauert auch nicht lange und Hans bekommt eine Einladung und wird ein Mitglied in dem elitären Club. Er erfährt Stück für Stück von den dunklen Geheimnissen, die sich hinter den Mauern des Colleges verbergen. Diese Machenschaften scheinen weite Kreise in der britischen Oberschicht zu ziehen. Alle halten sich bedeckt: Alex, seine neuen, echten und falschen Freunde. Besonders Charlotte, die ebenfalls ein trauriges Geheimnis hütet, verschließt sich vor Hans, wobei sich beide ineinander verlieben.

Alles spitzt sich auf den nahenden Boxkämpfen zu. Hans muss sich ganz auf den Club einlassen, damit er die Wahrheit und die Verbrechen verstehen und aufklären kann. Er handelt gegen seinen eigentlichen Charakter. Gibt es Momente im Leben, die es rechtfertigen, dass man das Falsche macht, um etwas Richtiges zu erreichen?

Der Roman wechselt gekonnt die Perspektiven und wir Leser erfahren ganz langsam das ganze Ausmaß der Geschichte. Die Charaktere und die Handlung sind hingebungsvoll angelegt und trotz der schrecklichen Geschehnisse ist es ein schön zu lesender Roman. Der Autor war bereits als Journalist tätig und hat jetzt mit „Der Club“ seinen Debütroman geschrieben. Er ist ebenfalls Boxer, hat in Cambridge studiert und war Mitglied in diversen Clubs und Vereinigungen.

Der gedruckte Roman ist ein kleines haptisches Erlebnis und die Farben des Umschlags sind den im Roman genannten Club-Farben angepasst. Das Buch überzeugt inhaltlich und mit der Aufmachung. Ein berührendes Buch, das eine schöne Liebesgeschichte, einen spannenden Kriminalfall und einen Entwicklungsroman beinhaltet.

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Siehe auch Die Buchbloggerin

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Lukas Bärfuss: „Hagard“

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Lukas Bärfuss hat mit seinem Roman „Hagard“ einen Follower in die Realität geholt und ist mit dem Buch für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Hagard als Begriff wird im Text nirgends erwähnt oder erklärt. Das Wort kommt ursprünglich aus dem Französischen und bedeutet: scheu, wild, störrisch und verstört. Es ist ferner ein Fachbegriff aus der Jagd und meint einen Beizvogel, der zur Zeit seiner Gefangennahme sein Alterskleid trägt, d.h. das Federkleid erwachsener Vögel, die nach der Mauser das Jugendkleid abgelegt haben. In dem Roman geht es ums Pirschen und Verfolgen, denn der Protagonist fühlt sich plötzlich von einer Frau angezogen und folgt ihr unbemerkt 36 Stunden lang.

Der eigentliche  Erzähler schaut nach langer Zeit auf dieses Ereignis zurück und versucht, die Geschichte zu verstehen. Er möchte das Geheimnis lüften, wie es dazu kam, dass Philip plötzlich von einem Begehren oder stumpfen Verlangen getrieben, sein Schicksal herausfordert. Es beginnt an einem Brezelstand im Zentrum der Stadt und endet auf einem Balkon irgendwo in der Vorstadt. Was passiert alles dazwischen? Warum wurde Philip zu einem Stalker? Wie konnte er sich so gehen lassen, dass er letztendlich sogar seine Scham aufgab? Die Frau bleibt immer die Gesichtslose, die Anonyme, der Philip durch einen Wink, den er in ihre Haltung hineininterpretiert, folgt und sich von seinem geschäftlichen Alltag entrücken lässt.

Philip ist Makler und organisiert einige Liegenschaften. Er ist auf dem Weg zu einem Geschäftstreffen. Doch sein Kunde verspätet sich. Plötzlich sieht er in den Menschenmassen ein Paar Schuhe aufleuchten und wird von der Frau, die er nur von hinten sieht, angezogen. Er lässt den Termin platzen und verfolgt wie in einem Rausch diese Frau. Er ignoriert die Anrufe seines Büros und die seiner Verwandtschaft. Er ist ein Endvierziger und gleich vielen anderen von seinem Smartphone abhängig. Doch durch das Auftreten dieser Frau ignoriert er das Summen und Vibrieren seines Handys und nimmt ohne große Aufregung in Kauf, dass sein Akku sich immer mehr leert. Die Frau nutzt die öffentlichen Verkehrsmittel und da er auch sein Portemonnaie nicht dabei hat, wird er zum Schwarzfahrer. Nichts hält Philip von seinem Vorhaben hab. Was ist aber sein Vorhaben? Will er die Frau kennenlernen? Will er ihr näher kommen oder ist in ihm ein perverser Trieb?

Am Abend, vor der Wohnung der Frau, lässt er sich sein Auto bringen, damit er nachts einen Ort für seine Observation hat. Um die Türen nicht aus den Augen zu verlieren lässt er sich Pizza liefern und blendet alles andere um ihn herum aus. Lediglich eine Elster nimmt er wahr. Am folgenden Tag schleicht er ihr erneut hinterher und kann nicht aufhören, ihr zu folgen. Sein Handy ist bereits fast leer und die Menschen, die mit ihm in Kontakt treten wollen, werden besorgter. Er ist so besessen, dass er nicht einmal aufhört, als er auf der Flucht vor Kontrolleuren einen Schuh verliert. Die letzte Nachricht, die ihn auf dem Handy erreicht, ist eine Meldung der Polizei. Doch kann er sie nicht lesen, da sich nun sein Smartphone abschaltet.

Die Fragen, warum Philip so getrieben wird und wie es endet, treiben uns Leser weiter. Man wird selbst zum Verfolger und das Buch bleibt bis zum Ende spannend. Ein Roman, in dem eine Warnung gegen die Modernisierung der Technik erklingt. Wir machen uns abhängig von dieser und fallen gänzlich aus unserer alltäglichen Rolle, sollte eines unserer ausgelagerten Gehirne ausfallen. Der Roman übertritt viele Bereiche und ist ein faszinierendes Werk, in dem das „Folgen“ in den sozialen Netzwerken überspitzt in die Realität geholt wird. Wann wird es pervers und verliert jegliche Scham? Wann ist eine Grenze überschritten? Ist der Jäger krankhaft? Sind wir es, die Gesellschaft, die solchen Geschehnissen namenlos folgen?

Ein kunstvoller, spannender Roman, der sich zügig liest und wir Leser folgen dem Verfolger atemlos durch seine Obsession.

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Willi Achten: „Nichts bleibt“

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Ein Krimi, der viel mehr ist als ein herkömmlicher Spannungsroman. Es geht um einen Kriegsfotografen, der die Welt nicht mehr passiv aus der Perspektive eines Fotografen beobachten will, sondern sich wehrt und sich fragt, ob er nicht schon eher hätte eingreifen sollen. Durch seinen Rachedurst getrieben setzt er alles, was ihm bleibt, aufs Spiel.

In einer Szene wird das Licht in einem Gemälde von Turner beschrieben. Ein gebrochenes Licht, das durch veränderte Lichteinfälle, ausgelöst durch einen Vulkanausbruch im Pazifik, prachtvoll erstrahlt. Das Wundervolle lässt den Ursprung des Schrecklichen vergessen und verschleiert dies. So ist auch der Handlungsort ein eigentliches Idyll. Ein Hof im Wald und die nahegelegenen Alpen. Die Gebirgs- und Waldlandschaft als Fluchtort, als Ort der Naturverbundenheit und Sehnsüchte. Doch sind es die Schattenseiten und die Abgründe der menschlichen Psyche, die immer mehr in die Handlung einziehen und das Leben der Protagonisten verändern werden.

Franz Mathys ist ausgebildeter Fotograf und hat seinen Lebensunterhalt als Kriegsfotograf bestritten. Eines seiner Fotos wurde sogar mit dem „World Press Photo Award“ ausgezeichnet. Er hat die Schrecken und die Kriegsverbrechen in Srebrenica, Afghanistan und im Südsudan gesehen und dokumentiert. Er war Zeuge einer Steinigung und weiterer unmenschlicher Gräueltaten. Immer als Fotograf, der die Momente festhielt und nicht eingegriffen hat. Seitdem schlummern in ihm Schuldgefühle. Dabei ist er schon ein aufbrausender Mensch, der das Ungerechte nicht erträgt. Dies zeigte sich bereits während seiner Ausbildung, als sein Meister seine Fotos ungefragt veröffentlichte.

In der Gegenwart der Handlung lebt Mathys zurückgezogen im Wald. Er lebt mit seinem Vater und seinem Sohn auf einem Hof. Der Junge liebt die Taubenzucht, doch als er daran stark erkrankt, müssen sie sich von den Tieren trennen und Mathys dunkle Seite erwacht. Während der Behandlung seines Sohnes, die ihn durch das verabreichte Cortison aufquellen lies, tritt Karen in ihr Leben. Karen ist die Lehrerin, die sich erst liebevoll um seinen Sohn kümmert, dann Mathys Herz erobert. Nach einem tragischen Unfall holt die leibliche Mutter den Sohn wieder zu sich.

Jetzt lebt Mathys allein mit seinem Vater auf dem Hof. Im Wald beobachtet er zwei Wilderer, die auch noch einen Hund schlagen. Der passive Fotograf erwacht und greift ein und schlägt die Tierquäler zusammen. Kurzdarauf wird sein Vater brutal zusammengeschlagen und muss schwer verletzt ins Krankenhaus gebracht werden. Mathys setzt jetzt alles daran, die Täter zu finden und sein Wunsch nach Rache verändert ihn immer mehr. Seine Spur führt ihn zu Tierquälern und seine Wut erwacht. Er will nur noch handeln und lässt damit die Menschen zurück, die er liebt. Wenn er sich seiner Einsamkeit und seinem Rachewahn hingibt, könnte er wirklich alles verlieren und am Ende könnte dann nichts mehr bleiben…

„In der Wut verliert der Mensch seine Intelligenz“

Es werden Erinnerungen an die Werke von Jochen Rausch: „Krieg“ und Tor Even Svanes: „Ins Westeis“ wach, denn diese Bücher zeigen jeweils die eigentlichen inneren Kämpfe der Protagonisten vor malerischer Kulisse. „Ins Westeis“ spielt ebenfalls mit dem Thema, wie wir Menschen mit unserer Natur und besonders mit den Tieren umgehen. Das Setting, die Natur, spielen in „Nichts bleibt“ eine große und stimmungsgebende Rolle. Das eigentliche Idyll verbirgt den menschlichen Abgrund. Man ist gleich von Anfang an von den Protagonisten und der Handlung in Bann genommen. Ein Roman, der sofort fesselt und einen durchrüttelt.

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Gudrun Büchler: „Koryphäen“

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Koryphäen sind Menschen, die an der Spitze stehen, ursprünglich Chorleiter. Meist versteht man eine Koryphäe als jemanden, der in einem Gebiet Besonderes geleistet hat, sozusagen ein Experte für etwas ist. So lernen wir auch zwei Hauptprotagonisten kennen, die jeder für sich eine Koryphäe ist. Der eine arbeitet auf einer erbauten Plattform im Atlantik, der andere sucht die Einsamkeit auf einer paradiesischen Insel. Beide sind der Wirklichkeit enthoben – denn die Handlung spielt in einer nicht definierten Zukunft. Die Höhe, d.h. die Sphäre, in der sich die beiden treffen, wird durch den ständigen Durst auf Tomatensaft deutlich. Niedriger Luftdruck verändert den Geschmacksinn und lässt den Verlust von Bodenhaftung oder sogar Menschlichkeit erahnen. Die Polaritäten zwischen der Erdnähe, dem Enthobenen, der natürlichen Insel und einer gebauten Plattform über dem Meer spiegeln den Kern der Handlung. Es ist die Spannung zwischen der Gesellschaft und deren Systemen und dem Individualismus.

Auf der Plattform im Atlantik werden Profile und genetische Informationen der Menschen gesammelt. Es sind bereits 80% der Menschheit digital codiert. Die Suche nach Algorithmen für die Optimierung der lebenswichtigen Ressourcen sollen gefunden und geschrieben werden. Große Verbände sind interessiert an jenen Daten. Bleibt der Mensch der Zukunft noch ein Zufallsprodukt? Curt ist Leiter dieser Serverfarm und ist für die Auswahl der Suchläufe und sogenannten Castings zuständig. Alles gebilligt von Regierungen, Interessensverbänden und der Kirche. Dabei verstößt die Arbeit auf der Plattform gegen die Menschenrechte und den Datenschutz. Ferner laufen Gedanken über eine Unterwanderung der eigentlichen und bestehenden digitalen Netzwerke. Denn wer benötigt ein Smartphone mehr, der Besitzer oder jene, die die Daten über den Nutzer durch das Gerät sammeln?

Den Sprung zu einer losgelösten Kunst der Kommunikation erlangt Hausman, ein ehemaliger Wissenschaftler, der nun als Aussteiger auf einer Insel im indischen Ozean lebt. Er verbindet sich mit dem grenzenlosen Bewusstsein und erlangt dadurch Zugang zu allen Gedanken, Orten und Menschen.  Mit seinem Bewusstseinsfaden verknüpft er sich mit dem telepathischen Netz der Menschheit. Lediglich sein Gummibaum, den er mit seinem Computer verbunden hat, meldet, wenn sich sein reales Umfeld verändert. In diesen körperlosen und globalen Streifzügen wandert er durch Raum und Zeit. Als ein Attentat auf den Papst ausgeführt wird und dieser im Koma liegt, gesellt sich dieser u.a. mit in die Sphärenwelt. Als Hausman das Bewusstsein von Curt berührt, werden Curts sensorische Fähigkeiten geweckt. Nun wissen und ahnen beide, dass das Wissen über grenzenloses Bewusstsein und freie Energien gefährlich ist und die Netze geraten außer Kontrolle…

„Menschen können zwar getötet werden, aber kein Gedanke, der einmal gedacht worden ist.“

Ein Roman, der mit der Vielschichtigkeit des Bewusstseins, der Realität und der Wirklichkeiten spielt. Der Mensch endet nicht bei seinen Konturen und verbindet sich digital sowie psychisch stets mit seinem Umfeld. Im Gegensatz zu ihrem Vorgängerroman: „Unter dem Apfelbaum“ verlässt Gudrun Büchler etwas die Bodenständigkeit, versteht es aber sehr zu unterhalten und anzuregen. Obwohl ein tatsächlicher Spannungsbogen fehlt, versteht es die Autorin, die Bilder und Handlungsstränge gekonnt aufzubauen und uns Leser zu fesseln. Ein Buch, das nicht allein durch die Aufmachung auf uns zurückblickt, wenn nicht sogar uns Leser anstarrt.

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Selja Ahava: „Dinge, die vom Himmel fallen“

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Der Roman schildert stets die Sprachlosigkeit gegenüber den Augenblicken, in denen aus heiterem Himmel etwas geschieht, dass den Lebensweg oder die Sichtweise auf das Leben komplett verändert. Es sind Dinge, die in unserem Leben passieren, die das Gefühl der Sicherheit und des Gewohnten auf den Kopf stellen.

Gleich dem Vorgängerroman „Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm“ geht Ahava der Frage nach, wie man das verrückte, einem sich entgleitende Leben in Sprache fassen kann. Meist werden ihre Protagonisten gegenüber dem Schicksal still, verharren in einer Starre oder werden verrückt. Die Perspektive des Romans ist hauptsächlich aus der Sicht von Saara geschrieben. Am Anfang des Buches ist sie acht Jahre alt und steht dem Leben noch offener und staunender gegenüber als der verkopfte Erwachsene. Als Kind hat man das Recht, an die Welt der Märchen zu glauben und diese im Alltag zu integrieren. So ist eine Metapher im Roman, die Märchen der Gebrüder Grimm, die Saaras Mutter immer falsch zu Ende erzählte. Die Märchen sind ebenfalls voll mit Gruseltaten und unfassbaren Dingen, die ein Kind in seiner Phantasie aber nur so weit zulassen kann, wie es der heranwachsende Geist zu begreifen vermag.

Saara lebt mit ihren Eltern in Finnland in einem gerade gekauften Haus, das stark renovierungsbedürftig ist. Sie nennen ihr Heim liebevoll das Sägemehlhaus, weil im ganzen Haus Häckerling und Sägemehl von den Decken und aus den Fugen rieselt. Im Sommer will die Familie ein aus Autoreifen bestehendes Hochbeet bauen und als die Mutter den Garten betritt, fällt mitten im Sommer ein ballgroßer Eisbrocken vom Himmel und erschlägt sie. Der grässliche Anblick bleibt Saara erspart, weil der Vater sie sofort beiseite nimmt. Doch ist er es, der sein Leben lang unter diesem Bild zu leiden hat. Er wird diesen Schicksalsschlag nie richtig verarbeiten können. Saara hingegen scheint Jahre später einen Weg zu finden. So ein Eiskristall kann durch eine defekte Wasserleitung eines Flugzeuges oder ähnliches entstehen und gefriert dann im Fall und wächst kontinuierlich an. Ist es Zufall oder Schicksal? Solche Dinge, die eigentlich nicht sein dürften, bleiben ein Bestandteil in Saaras Familie. Da Pekka, der Vater, es im Sägemehlhaus nicht mehr aushält, ziehen sie zu der Tante Annu, die durch einen Lottogewinn vermögend geworden ist und sich ein großes Gutshaus gekauft hat. Aber auch Annu widerfährt unglaubliches, denn sie gewinnt erneut den Hauptgewinn beim Lottospiel. Das eigentliche Glück entpuppt sich für sie als Schock. Denn die Macht des Schicksals zweifach herauszufordern und dann auch zu bezwingen, übersteigt die Vorstellungskraft und stellt bisherige Denkmuster in Frage. Annu verfällt in einen dreieinhalbwöchigen Dornröschenschlaf. Saara beobachtet alles in kindischer Naivität und erlebt fast alles wie ein märchenhaftes Abenteuer, in dem ihr imaginärer Freund Hercule Poirot ihr zur Seite steht. Durch die Krimis angeregt, erlebt sie klare Linien und menschliche Umrisse, die auch mal verwaschen können, gleich einer gezeichneten Bodenmarkierung eines Leichenfundes.

Saaras Vater sucht Antworten im Internet und durchforscht jede Statistik über Unglücke und die daraus resultierenden Folgen. Die Tanta Annu schreibt einen schottischen Fischer an, der auch mehrfach vom Schicksal auserwählt wurde. Hamish MacKay wurde viermal vom Blitz getroffen, überlebte jedes Mal und trotzt den Naturgewalten jeden Tag aufs Neue.

Jahre später, Saara ist ein Teenager, ziehen sie zurück ins Sägemehlhaus. Doch erneut schlägt das Leben ungeplante und ungewollte Wendungen ein. Wieder ist es das Schweigen über das Unaussprechliche. Aber auch der Wille des Lebens, sich stets seinen Weg zurückzuerobern. Gleich einem Apfelbaum, der wächst wo er eigentlich keinen Halt findet, oder nicht wachsen dürfte…

Ein wunderbares Buch über die Dinge, die uns jederzeit zustoßen können, die Ohnmacht gegenüber dem Schicksal und unsere Schutzlosigkeit. An jeder Ecke kann das Unerwartete unser Leben beenden oder verändern. Wie geht man mit diesen Momenten um und wie lernen wir, diese zu begreifen und dann auch wieder loszulassen? Kann die Zeit alle Wunden heilen? Diesen Fragen geht Ahava in ihrem Neuen Werk nach, das erneut von Stefan Moster übersetzt wurde, und schreibt voller Hingabe zu ihren Charakteren und baut eine Handlung auf, die einen vieles überdenken lässt.

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