Vea Kaiser: „Makarionissi oder die Insel der Seligen“

KiWi Makarionissi

Jetzt ist er endlich da, der neue Roman von Vea Kaiser. Nach „Blasmusikpop“ verführt uns Vea Kaiser diesmal auf die fiktive griechische Insel „Makarionissi“. Die Insel hat die Form eines Käfers und soll die Insel der Seligen sein.

„Lange bevor wir alle auf der Welt waren, durften die größten Helden dorthin übersiedeln, wenn sie keine Helden mehr sein wollten.“

Ein launiges Buch voller Helden und Mythen.

„Und sie lebten gut, aber wir leben noch besser“

Ein Familienroman, in dem Großmütter noch im Kaffeesatz lesen, alles lenken und innerhalb der Familie bestimmen wollen und dabei zu dem werden, was sie nicht werden wollten und für ihre Enkel das gleiche Schicksal besiegeln.
Vea Kaiser schreibt in einer lockeren und humorvollen Art, so daß es wirkt als würde sie die Geschichten und ihre Figuren einfach mit einer Leichtigkeit aus dem Ärmel schütteln. Erfindet Vea Kaiser ihre Figuren oder finden die Figuren sie?
Es sind Menschen, die lernen müssen, dass sie sich ab und zu lösen sollten. Loslassen heißt nicht verdrängen und nicht vergessen, sondern einfach vergeben und akzeptieren, dass manchmal die Dinge so sind, wie sie sind…

Das Buch beginnt in einem kleinen Bergdorf, in dem Yiayia Maria, eine sehr gläubige Frau, die Zeichen falsch deutet und ihre Familie damit für die kommenden Generationen ins Unglück stürzt. Denn damit ihr Cousin Lefti in dem kleinen Dorf später auch eine schöne Frau heiraten kann, manipuliert Maria ihre Familie.
Die Großmutter und Kupplerin Yiayia Maria pflanzt Sorgen und Ängste in ihre Zwillingstöchter und bald denken beide, wie schön es wäre, wenn ihre Kinder heiraten könnten. 1948 schlüpft Pagona auf Anraten ihrer Mutter in die alte Hochzeitswäsche und macht ihren Mann Spiros betrunken, um Eleni zu zeugen, die später Lefti heiraten soll.

Jahre später entschließt sich Eleni für die Freiheit und beschließt eher eine Heldin, eine Amazone zu werden und sie lässt sich für den Kommunismus begeistern. Nach dem Militärputsch in Griechenland 1967 kommt Eleni dafür ins Gefängnis, weil der Dorfpolizist, der unsterblich in sie verliebt ist, ihr einen Denkzettel verpassen möchte. Nur das Versprechen gegenüber den Behörden, das Eleni tatsächlich den ihr versprochenen Cousin Lefti heiratet, kann sie befreien.

Lefti, der immer wusste, dass Eleni ihn nicht liebt, verzweifelt an der unerwiderten Liebe und beschließt mit ihr in Deutschland einen Neuanfang. In Hildesheim leben beide zusammen, aber einsam und sie erfahren, dass man der großen Liebe im Leben mehrfach begegnen kann. Eleni trifft den Musiker Otto, der später ein großer Schlagerstar werden wird und Lefti verliebt sich in seine Sprachlehrerin Trudi, die aus Österreich stammt. Beide erahnen kurzweilig eine Spur von Glück. Als aber Eleni von Otto schwanger wird, der aber wegen seiner Karriere kein Kind möchte, zieht sie sich in ihr Heimatdorf in Griechenland zurück.
Da sie allen erzählt das Kind sei von Lefti, wird dieser von der Familie verbannt. Otto wird sich vierzig Jahre nach Eleni sehnen, die sich von Lefti scheiden lässt und mit ihrem neuen Mann auf dessen Heimatinsel Makarionissi zieht. Hier wird Eleni nach langer Zeit, die sie in Deutschland und Chicago verbracht hat, sesshaft. Lefti gründet derweil in St. Pölten in Österreich mit seiner neuen Frau ein griechisches Restaurant und ihr liebeskranker Sohn macht später in der Schweiz mit experimenteller Küche Karriere.

Auf der Insel Makarionissi treffen Jahre später die Generationen erneut zusammen. Elenis Enkel werden schließlich auf „Makarionissi“ geboren und Eleni, nun selber Großmutter, tritt in die Fußstapfen der Yiayia Maria.

„Ich fürchte, ich bin wie meine Großmutter geworden“.

In „Makarionissi“ spannt Vea Kaiser eine Geschichte über fünf Generationen, die ständig im Bezug zu dem krisenerschütterten Griechenland stehen. Der Roman endet in der Gegenwart mitten in der aktuellen Situation Griechenlands und ist gleich den antiken Werken in neun Gesänge verfasst.

Ein unterhaltsamer, kluger Roman voller Leben und eigenwilliger Protagonisten.
Vea Kaiser schreibt mit sehr viel Liebe und Witz und in ihren Dörfern oder Inseln wird der kleine Kosmos zum großen und spiegelt auf einmal eine ganze Welt. Sie kann einfach toll erzählen und fabuliert sehr schwungvoll einen mitreißenden Familienroman. Sie bedankt sich am Ende des Buches auch bei allen Buchhändlern, die es ihr unter anderen ermöglicht haben, noch ein Buch zu schreiben. Ich denke, wir, die Buchhändler, haben ihr zu danken. Denn wir haben wieder ein Buch, das wir sehr gerne in die Hand nehmen. Zum eigenen Vergnügen und als Lesetipp.
Bitte, Vea Kaiser, fühl Dich zu weiteren Geschichten ermutigt…

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Buchhandel statt Freihandel

TTIP_Facebook-TitelbildHeute mal ein kleiner Aufruf zum Helfen. Denn das Transatlantische Handels- und Investitionsschutzabkommen TTIP ist eine Gefahr für den stationären Buchhandel, weil es die Buchpreisbindung aufs Spiel setzt. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels fordert deshalb, dass die Buchpreisbindung in dem Vertragswerk explizit ausgenommen wird.
Lassen Sie uns gemeinsam ein unübersehbares Signal für die Preisbindung setzen!

Die Buchpreisbindung garantiert die Qualität und Vielfalt des kulturellen Angebots. Fällt sie dem Freihandel zum Opfer, werden Bücher nicht billiger, sondern die Vielfalt kleiner. TTIP ist eine Gefahr für die Buchpreisbindung und damit für den Buchhandel vor Ort.

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Die Buchpreisbindung garantiert, dass:
– jedes einzelne Buch zählt
– es mehr als nur Bestseller gibt
– Bücher im Durchschnitt in Deutschland günstiger sind
– es in Deutschland den Kulturstandort Buchhandlung flächendeckend gibt
– Ohne Buchmarkt weniger / keine Kultur
Es ist ein Gesetz für Buchkäufer und Leser und dient dem Schutz des Kulturgutes Buch.
Pdf: „Bücher haben feste Preise

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Joseph O’Connor: „Die wilde Ballade vom lauten Leben“

Ballade wilden Leben

Soeben ist eines der Bücher im Handel erschiene, auf das ich mich als Erstes in diesem Frühjahr gestürzt hatte. Ein toller Musik-Roman, eine Reise in die Vergangenheit großer Helden und eine nie überhörte Ballade an die Rockmusik.

Da ich britische Rockmusik liebe – besonders die guten alten Legenden, hat mich dieser Roman in seinen Bann gezogen. Die Geschichte nimmt gegen Ende des Textes sehr an Geschwindigkeit zu und hat mich an den tollen Film „Almost Famous“ erinnert.

Joseph O’Connor, geb. 1963 in Dublin ist Professor für kreatives Schreiben an der University of Limerick. Seine Romane und Erzählungen strotzen vor satirischem Humor und erhielten zahlreiche Literaturpreise. Ferner ist er der Bruder von Sinéad O’Connor und hat mit diesem Roman eine fiktive Musikerbiographie geschrieben.

Robbie und Fran kennen sich seit der Schule und verbringen gerne ihre Zeit in dem kleinen Städtchen Luton miteinander. Sie machen viel lieber zusammen Musik als den Vorlesungen an der Uni zuzuhören. Sie gründen eine Band und nennen sich „The Ships“. Wir verfolgen ihre Versuche erfolgreich zu werden und ihren Kampf sich zu finden und sich behaupten zu können. Sie touren mit der Band durch viele Clubs und feiern ab und zu kleine und große Erfolge. Als sie eines Tages von einer wenig glamourösen Tour durch die USA zurückkehren, verändert eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter alles, denn plötzlich hat sich der Erfolg eingestellt und ihr Album verkauft sich.

Selbst die Kritiker und die Zweifler beginnen die Band zu lieben. Doch der schnelle Aufstieg und der Ruhm droht die Band auseinander zu reißen, vor allem Robbie aus der Bahn zu werfen. Die Band löst sich trotz der anbahnenden Erfolge auf und jeder geht seiner Wege. Während der eine zur gefeierten Musiklegende wird, verläuft sich der andere immer mehr…
Jahre später treffen die Bandmitglieder wieder aufeinander und planen ein Comeback um gerade auch Robbie zurück ins Leben zu retten…

Ich bin ein „Purpler“ und liebe britischen Rock. Ein Roman voller Rockgeschichten und tollen, glaubwürdigen Protagonisten, die von sich, ihrer Freundschaft und Lebensgeschichte in wechselnden Perspektiven erzählen und nebenbei viele Rock-Pop-Helden der damaligen Zeit treffen. Eine irische Geschichte, voller Dramatik, Humor und Songs…

„Ein großer Roman über Freundschaft und versäumte Liebe – `Funkelnd vor Leben´“ Bob Geldorf

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Kamila Shamsie: „Die Straße der Geschichtenerzähler“

Straße Geschichtenerzähler Berlin Verlag

Was ist es, das uns Menschen verbindet? Was hält die Menschenwelt im Innersten zusammen? Ist es Liebe? Geld? Machtstreben?
Liebe wohl, aber es sind auch Geschichten. Geschichten gehören in unseren Wesenskern und in jeder Mythologie werden Geschichten dazu benutzt, die Welt zu begreifen. Ebenso taucht man als Leser des Buches „Die Straße der Geschichtenerzähler“ von Kamila Shamsie in eine ferne, fremde und bunte Welt voller Verrat, Unterdrückung und dem Streben nach Freiheit ein und versteht durch diese Lektüre etwas mehr vom Werdegang der Menschheit. Es ist keine typische Liebesgeschichte zwischen Orient und Okzident.

Das Buch beginnt und endet mit den Rückblicken ins Jahr 515 vor Christus als Skylax als Erster den Indus erforschte und einen Silberreif sein eigen nannte, der Jahrhunderte später die Archäologen immer noch beschäftigte.

Die Handlung beginnt 1914 in der Türkei. Die junge Archäologin Vivian Rose Spencer wurde eingeladen bei den Ausgrabungen von Labraunda mitzuarbeiten. Das Team besteht aus Deutschen, Türken und Engländern und geleitet wird dieses von Tashin Bey, einem engen Freund ihrer Familie. Er war es auch, der in ihr das Interesse an Geschichte weckte, als sie noch ein sehr junges Mädchen war. Aus ihrer anfänglichen Freundschaft wird engere Zuneigung und Liebe. Als sie zusammen in Konstantinopel sind, erfahren sie vom Ausbruch des Krieges und aus Freunden im Team werden plötzlich Feinde. Vivian kehrt zurück nach London zu ihren Eltern, um als Krankenschwester zu arbeiten. Ihr Vater, der sich eher einen Sohn gewünscht hätte, würde sie lieber als Sanitäterin an der Front sehen. Ein hoher Offizier und Freund des Vaters bittet Vivian um ihre Aufzeichnungen und Skizzen aus der Türkei und sie verrät ihm Tashins Sympathie für die armenische Widerstandsbewegung.
Als Vivian an Überschöpfung leidet und eine Botschaft von Tashin sie erreicht, schafft es ihre Mutter, sie aus dem Dienst zu befreien und ihr eine Reise nach Peschawar zu ermöglichen.

Ferner lernen wir Qayyum Gul kennen, einen paschtunischen Soldaten, der für das Empire kämpfte. Als die Deutschen erstmals Chlorgas einsetzen, wird er schwer verwundet und verliert ein Auge. Er kehrt 1915 nach Peschawar zurück und dort verknüpfen sich die Geschichten. Vivian wird für dessen Sohn Najeeb Gul das, was Tashin damals für sie war, und weckt in Najeeb das Interesse an Geschichte.
Später, 1928, arbeitet Najeeb als Assistent für das Peschawar Museum. Vivian lehrt als Archäologie-Dozentin an der Londoner Universität und Qayyum hat sich der Friedensbewegung angeschlossen. Als Najeeb wieder Kontakt zu Vivian aufnimmt, reist sie erneut nach Peschawar, um ihn bei seinen Ausgrabungen zu unterstützen. Doch dann ereignet sich ein dramatischer Zwischenfall in der Straße der Geschichtenerzähler…

Das Buch beinhaltet eine komplexe, bunte Geschichte, voller historischer Hintergründe und Emotionen und zeigt wie Weltreiche entstehen und zerfallen. Trotz der Fülle bleibt es ein zugänglicher Schmöker, der durch die sinnliche und reale Sprache gut zu lesen ist. Beim Beenden des Textes meint man selber viel erlebt zu haben und es bleiben Bilder der schönen Gärten von Peschawar, der Ausgrabungsstelle Labraunda sowie der blutigen Straßen des Quissa Khawani-Basars im Kopf des Lesers.

„Kamila Shamsie verfügt über außergewöhnliche erzählerische Kraft.“ Salman Rushdie

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Gudrun Büchler: „Unter dem Apfelbaum“

Unter dem Apfelbaum Septime

„Unter dem Apfelbaum“ von Gudrun Büchler ist ein kunstvoller Roman, der gefüllt ist mit emotionalen Seelenmomenten. Ein anspruchsvoller Text, der mich sehr berührt und mitgenommen hat. Ein literarisches Debüt, das von vier Generationen von Frauen erzählt, die über Jahrzehnte verstreut leben, aber stets verbunden sind und deren Schicksale sich zunehmend vermischen.

Das Buch wurde mir von unserem Freund, dem Autor Henning Schöttke, sehr ans Herz gelegt. Ich habe es sehr gerne gelesen und es hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Die Buchgestaltung ist gleich dem Inhalt und zeigt eine verstörende Behausung. Das Titelbild zeigt ein leerstehendes, verwahrlostes Zimmer, das man von oben oder unten betrachten kann. Eine Wolldecke und ein Stuhl sind kopfüber an der Zimmerdecke befestigt. Hier spiegelt sich der Erzählstil, denn die geheimnisvolle Ich-Erzählerin, die nur ab und zu auftaucht, wechselt stets die Perspektiven und beseelt die jeweiligen Protagonistinnen. Diese Erzählerin, diese mysteriöse Erscheinung, bleibt aber immer eine stille Beobachterin, eine wissende und friedvolle Seele…

Das Buch spannt einen Bogen von 1902 bis 1973 und erzählt über die berührenden Schicksale von Magda, Mathilda, Marlies und Milla. Vier Generationen einer Familie, die von Sprachlosigkeit geprägt ist. Während Magda immer stiller wird, kommt Milla bereits stumm zur Welt. Es geht ums genaue Hinsehen und darum, das Erlebte nicht zu verschweigen, sowie um die seelischen Verbindungen zueinander über Raum und Zeit.

„Ihre Körper saßen drüben im Haus und auf dem Beifahrersitz nun, und ihnen hingen all die Fäden, die sie zusammenhielten und sie miteinander verbanden und mit all den Synapsen am Himmel. Tagsüber vergaßen die Menschen oft diese Verbindungen. Nachts jedoch wurden sie sichtbar, die Synapsen, und der Mensch nannte sie Sterne.“

Es sind Lebensgeschichten, die beim Lesen das Herz zuschnüren, aber auch Hoffnung schaffen. Hoffnung auf verbleibende Menschlichkeit.

Der Roman beginnt 1973 mit Milla, die von Geburt an taub und stumm ist. Sie lebt in einem Heim für behinderte Jugendliche. Ihre Umwelt nimmt sie staunend auf und begibt sich summend in ihre erträumte Realität. Millas Urgroßmutter, Magda, wird als junges Mädchen an einen reichen Hof gegeben, um dort zu arbeiten und die eigene Familie zu entlasten. Hier erlebt sie eine entbehrungsreiche Zeit. Es zeigt sich, dass die wohlwollenden nicht unbedingt die guten Menschen und die schweigsamen, strengen nicht unbedingt die schlechtesten Menschen sein müssen. Magda stirbt bei der Geburt ihrer Tochter Mathilda, die von ihrem Vater in ein Internat für Landwirtschaft geschickt wird. Mathilda ist eine wütende junge Frau, die sich gleich Milla und Magda allein gelassen und ungeliebt fühlt. Der Krieg veranlasst wiederum Jahre später auch Mathilda dazu, ihre Tochter Marlies fortzuschicken. Sie selber wartet auf ihrem Hof auf ihren Mann, während die Front immer näher rückt.

„…Die Plane des letzten Wagens verdeckte ihr den Blick auf Marlies. Mathilda kniff die Augen zusammen, suchte nach einem Riss oder einem Loch in der Plane, nach einer Möglichkeit, hineinzuspähen und etwas zu sehen, was das Herzklopfen und die Übelkeit eindämmte, die sie mit jeder Wagenlänge stärker spürte, die sich der Treck entfernte. Mathilda hob die Hand und öffnete den Mund. Ein stummer Schrei verpuffte in der Kälte.“

Die Tochter von Marlies ist Milla, die von Geburt an taub und stumm ist. Sie wird auch aus dem familiären Zuhause in die Obhut einer Bäuerin gegeben, die ihr Haus als Heim für Behinderte führt. Die Mitbewohner bekommen von Milla eigene Namen, die sich auf ihre Erscheinung begrenzen. Es bleibt vom Menschen nur die Tat und die Äußerlichkeit übrig. Doch es gibt trotz der beständigen Traurigkeit ein fröhliches Wiedersehen und eine beseelte Heimreise…

Ein tiefgründiger und kluger Roman, der in einer klangvollen Sprache verfasst ist und durch seine genaue und tolle Beobachtung fesselt. Ich wünsche diesem Buch viele Leser und hoffe, es hinterlässt seine Spuren im Leser. Ein Werk das beengen kann, aber gegen Ende seinen Frieden findet. Ein beseelter Roman.

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Leseschatz 3

Wir haben einen neuen „Leseschatz-Film“ gedreht. Ich stelle darin die Titel vor, die mir in diesem Frühjahr besonders am Herzen liegen. Dabei reicht die Spanne von Romanen über Krimis bis hin zu Kinder- und Jugendbüchern.

Ich stelle folgende Titel vor:
1) „Kindeswohl“ von Ian McEwan. 2) „Fliehkräfte“ & „Gegenspiel“ von Stephan Thome. 3) „Montecristo“ von Martin Suter. 4) „Konzert ohne Dichter“ von Klaus Modick. 5) „In der Finsternis“ von Sandrone Dazieri. 6) „Wald“ von Doris Knecht. 7) „Vater und Sohn unterwegs“ von Hedin Brú. 8) „Die Falle“ von Melanie Raabe. 9) „Zimmer frei in Nagasaki“ von Éric Faye. 10) „Alles wird hell“ von Julia Jessen. 11) „Die Sache mit dem Dezember“ von Donal Ryan. 12) „Fünf Viertelstunden bis zum Meer“ von Ernest Kwast. 13) „Der Löwensucher“ von Kenneth Bonert . 14) „Gleis 4“ von Franz Hohler. 15) „Der Architekt des Sultans“ von Elif Shafak. 16) „Das Institut der letzten Wünsche“ von Antonia Michaelis. 17) „Infinity Drake – Scarlattis Söhne“ von John McNally. 18) „Star“ von Salah Naoura. 19) „Floaters“ von Katja Brandis. 20) „Darkmouth -Der Legendenjäger“ von Shane Hegarty


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Karl Olsberg: „Enter“

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Ein Krimi, der hochaktuelle Themen anspricht. Ein spannender Computerthriller, in dem es um Terrorismus, Internetkriminalität, künstliche Intelligenz, vernetzte Beobachtung und letztendlich um den Verlust der Privatsphäre geht.

Ich habe das Buch am Sonntag inhaliert und war durch die Geschichte und den Protagonisten sehr gefesselt. Als ich am Ende angelangt war, meinte ich fast einen Science-Fiction-Roman gelesen zu haben, der aber wohl keine unmöglichen Szenarien beschrieben hat, sondern in der tatsächlichen Gegenwart angekommen sein könnte.

Es beginnt mit einem Fußballspiel, das viele Berliner zu einem geselligen Fernsehabend veranlasst hat. Doch als das entscheidende Tor fallen könnte, fällt in fast ganz Berlin der Strom aus. Dieser Stromausfall entpuppt sich nicht als ein menschliches oder technisches Versagen, sondern er wurde durch ferngesteuerte Drohnen, die gezielt wichtige Strommasten anflogen und dadurch Kurzschlüsse verursachten, herbeigeführt. Im Internet bekennt sich eine Aktivistengruppe, die sich kurz NTR, d.h. „Netzwerk für Technologischen Realismus“ nennt zu diesem Anschlag.

Hauptkommissar Eisenberg und seine „Sonderermittlungsgruppe Internet“, kurz „SEGI“, sollen das Landeskriminalamt unterstützen, doch der Fahndungsleiter hält wenig von der SEGI und ihren eigenen Methoden. Denn das Team besteht aus ungewöhnlichen Menschen, die keine üblichen Polizisten sind. Es befinden sich unter Ihnen ein ehemaliger Hacker, eine Psychologin und ein autistischer Computer-Freak, die sich nicht um die regulären Untersuchungsabläufe und polizeilichen Ränkespiele kümmern.

Da weitere Anschläge sogar den Berliner Flughafen lähmen, wird die Zeit immer knapper und der Erfolgsdruck wächst immer mehr. Aber der Handlungsspielraum der SEGI ist sehr eingeschränkt, denn sie sind angewiesen auf die Verhörprotokolle des LKA, da sie selber nicht im „Draußen“ ermitteln sollen.

Das NTR sind „Ludditen“, die man auch „Maschinenstürmer“ nennt. Ludditen bezeichnete eine Arbeiterbewegung Anfang des 19. Jahrhunderts gegen Statusverlust und drohende soziale Verelendung durch die einsetzende Industrialisierung. Seitdem nennt man manche noch heute Ludditen, die sich gegen selbstsüchtigen Kapitalismus der Fabrikanten wenden und sich kritisch mit den Folgen der technischen Entwicklung auseinandersetzen. Das NTR will die Menschen vor den Gefahren einer unkontrollierten Technisierung warnen. Doch ihre Anschlagsserie, die stets gut geplant ist, wird immer waghalsiger. Als ein führender Wissenschaftler, ein Fachmann für künstliche Intelligenz, ermordet wird, stellt sich die Frage, ob wirklich die für die Menschlichkeit agierende „Terrorgruppe“ hinter diesem Mord steckt?

Als das LKA Opfer eines Virusanschlages wird und dieser von einem Rechner eines Mitarbeiters der SEGI gekommen sein soll, werden die Hintergründe immer mysteriöser…
Der hochintelligente „Wurm“, der sich global wie ein lebendiger Schwarm in den Rechnern einnistet, scheint eine eigene, fast schon tierische Intelligenz zu haben. Dieser Software-Parasit sammelt Daten und überträgt diese an eine unbekannte Adresse… Hat eventuell eine größere Macht oder sogar eine Regierung Interesse an den ganzen Vorgängen…? Wer beobachtet wen und wer steckt wirklich hinter der Anschlagsserie und dem Mord?

Das Buch zeigt uns, wie abhängig wir geworden sind. Wie schnell Chaos ausbrechen würde, wenn das ganze Netz infiltriert wäre und sogar versagen würde. Gleich dem anfänglichen Stromausfall, der in Kleinem zeigt, wie schnell Gewalt und Unruhen eskalieren könnten. Der Segen der modernen Techniken wird in diesem Thriller auch mit ihren Schattenseiten belegt und spannt den Bogen zu aktuellen technischen und politischen Entwicklungen. Ein spannender Thriller, der aktuelle Themen verarbeitet und sehr flüssig zu lesen ist. Die Handlung ist fast schon filmisch und rasant umgesetzt. Es ist ein Dialogroman, der durch das sehr ungewöhnliche und charaktervolle SEGI-Team fesselt.

Enter Berlin Verlag

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François Jullien: „Denkzugänge. Mögliche Wege des Geistes“

Denkzugänge

„Was heißt es aber, sich auf ein Denken `einzulassen´? Ich unterbreite hier den Vorschlag, sich auf das chinesische Denken einzulassen, um einen Abstand einzuführen, der uns enthüllt, wie wir selbst denken, innerhalb welcher Satzungen wir `zweifeln´: Ein Abstand, der uns nicht nur über unsere Frage nachdenken lässt, sondern mehr noch über das, was sie möglich gemacht hat und uns so sehr an sie bindet, dass wir sie für notwendig halten.“

In dem Buch geht der französische Philosoph und Sinologe François Jullien den Weg in das Innere der chinesischen Geisteswelt. Er studierte Chinesisch und ostasiatische Sprachen und Literaturwissenschaft in China und lehrt nun in Paris u.a. Philosophie.

In dem Buch „Denkzugänge. Mögliche Wege des Geistes“ zeigt er sein Wissen über die gegensätzlichen Philosophien, des östlichen und des westlichen Denkens. Er lädt den Leser ein, sich seine eigenen Gedanken zu machen. Was ist das Leben und kann man „leben“ erdenken? Reichen Worte aus, die Gedachtes vermitteln, um Leben zu beschreiben?
Jullien spannt den Bogen der ältesten Philosophen des hellenischen, hebräischen Denkens und deren Mystik zu den neuesten Denkern und Philosophen und stellt diesen die chinesischen Gedankenkomplexe gegenüber. Diese fußen im Taoismus, dessen Quelle das „Tao Te King“ – bzw. das „Daodejing“ von Laotse ist. Die beiden namensgebenden Begriffe stehen für etwas Unaussprechliches, das was aber jedem Leben innewohnt. „Ich kenne seinen Namen nicht, doch ich nenne es tao“ Laotse. Der Mensch kann die Wirkung des Tao, des Unaussprechlichen, erfahren, indem er die Erscheinungen der Welt beobachtet und seine Sinne vernachlässigt und sich der Stille zuwendet. Erst wenn wir unser Denken wirklich hinter uns lassen, können wir uns auf alternative Wege des Geistes begeben.
Ferner veranschaulicht Jullien anhand des „I Ging“ (Yi-Jing), der chinesischen Spruchsammlung bzw. dem Buch der Wandlung, was es heißt, verschiedene Wege des Denkens zu beschreiten.

乾 Das Schöpferische (Yi-Jing)

Es geht um das „Leben“. Das Leben leben als Tätigkeit verlangt gegenwärtiges Bewusstsein und benötigt daher ein Stillhalten. Es ist kein Warten auf das Leben sondern ein innehalten, um es möglichst zu erfassen. Ein Wechselspiel zwischen Begehren und Sättigung. Ein Bewusstsein, das erst im Innehalten der gegenwärtigen Stille, im „Jetzt“, verstanden werden kann. Kein verzögern des Kommenden, kein verbleiben im Gegangenen sondern das reine Gegenwärtige „Sein“ (siehe auch Eckart Tolle). Das Loslassen bedingt das zu Erfassende und ein Verschwinden bedingt das Erscheinende. Wir Menschen vernachlässigen die Gegenwart zugunsten eines Lebens in der Zukunft oder durch das gedankliche Nacherleben der Vergangenheit. Dies bedeutet laut Jullien, dass man „abwesend-anwesend“ ist. Die Gegenwart ist nicht auf einen mathematischen Punkt zu reduzieren. Das Bewusstsein ist unsere Existenz. Der innere stille Beobachter. Auch geht Jullien der Frage des Spirituellen und Göttlichen nach. Das Geistige und das Materielle sind stets aneinander gebunden und bedingen einander. Die Vergeistigung bildet das Materialisierende. Das Leben ist im Kleinen gleich dem im Großen: „wie oben so unten“ (Hermes Trismegistos). Das Ying und Yang: Alles durchwebt alles und möchte sich verbinden, einstimmen, d.h. ausgleichen und zusammenfließen.

Ein kluges Buch, das ich nicht einfach so nebenbei lesen konnte und auch einiges vom Leser abverlangt. Dadurch, dass ich viele spirituelle und philosophische Texte und Werke der östlichen Philosophie gelesen habe, hat es mir sehr viel Freude gemacht, den Gedankengängen von Jullien zu folgen. Ein sättigendes Buch, das viele neue Denkzugänge erschließt. Aber das Denken ist so unermesslich, dass man wohl nie an ein Ende gelangen wird. In dieser eiligen Welt ist dieses überbrückende Werk eine sinnvolle Reise in die Welt der „Denkzugänge“.

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Antonia Michaelis: „Das Institut der letzten Wünsche“

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Antonia Michaelis hat mit „Das Institut der letzten Wünsche“ einen neuen Roman für Erwachsene (ab 16 Jahren) geschrieben. Sie begann bereits als Kind zu schreiben und ist eine bekannte Autorin von zahlreichen Büchern und Theaterstücken für Kinder, Jugendliche und Erwachsene.

„Das Institut der letzten Wünsche“ ist eine bewegende untypische Liebesgeschichte einer tragisch-schönen Liebe.
Das Buch handelt von Mathilda, die ihr Medizinstudium abgebrochen hat und nun in einem Zwei-Frauen-Unternehmen arbeitet, das sterbenden Menschen ihre letzten Wünsche erfüllt. Das letzte Mal am Strand von Italien Muscheln suchen, noch einmal in einem stillgelegten Berliner Freizeitpark Riesenrad fahren, das letzte Mal Schneeflocken spüren mitten im Sommer oder die verstorbene Maria Callas noch einmal singen hören.
Für die 25 jährige Mathilda alles kein Problem, sie und ihre Kollegin basteln für ihre Kunden an einer gekonnten Umsetzung – kleine Tricks und Lügen sind dann schon ab und zu erlaubt und inbegriffen. Sie haben zwei Regeln: 1. Die Kunden müssen tatsächlich sterbenskrank sein und innerhalb der kommenden Monate sterben laut einem ärztlichen Befund. 2. Man sollte sich niemals in einen der Kandidaten verlieben.
Mathilda lebt ganz für diese Organisation und setzt alles ihr erdenklich mögliche ein um die letzten Wünsche umzusetzen. Sie versucht den Menschen dadurch eine Zeitreise in ihre schönsten Erinnerungen zu ermöglichen. Ihre Welt besteht aus aufgebauten Illusionen des Glücks, die für die Kunden aber eine seelische Erleichterung sein können. Nur für Sie bedeutet es beständige Bereitschaft und Kreativität. Durch ihre eigene Vergangenheit lässt sie viel an sich heran und geht mit sehr viel Humor an die meist traurigen Geschichten ihrer Kunden. Doch hat sie selber kein Ventil, sie kann nicht weinen und hat permanente Kopfschmerzen.

„Denk an die Sache mit der Seifenblasenwelt… Denk daran aufzupassen, dass sie nicht zu weit oben fliegt, wenn sie zerplatzt. Sonst fällst Du zu tief.“

Alles ändert sich, als Mathilda Birger als Kunden kennenlernt. Birger hat einen irreparablen Tumor nahe der Lunge und wünscht sich noch einmal seine große Liebe Doreen und ihr gemeinsames Kind wiederzusehen. Mathilda versucht nun Doreen und ihren Sohn zu finden. Doch hat sie mit der Suche ein persönliches Problem, denn seitdem Birger das Institut betreten hat, hat sie sich in ihn verliebt. In ihren Gedanken und Gefühlen ist er nun stets gegenwärtig und er verbringt ebenfalls gerne seine Zeit mit ihr. Da er anregt, Doreen als zukünftige Erbin zu locken und sie dann auch später mit ihrem punkigen Sohn auftaucht, weiß man nicht mehr ganz, was die Wahrheit ist und wer wem eine Geschichte erzählt…

„Über die wirklich wichtigen Dinge sollte man lieber nicht sprechen“

Ferner bekommt das Institut Probleme mit den Ärzten und Behörden, da natürlich viele Kunden nach dem Besuch des Instituts wirklich sterben. Und der Verdacht der aktiven oder passiven Sterbehilfe aufkeimt…

„Wer von Ihnen wunschlos sterben wird, ist zu beglückwünschen. Ich hoffe doch, es werden die meisten sein. Aber ein geringer Prozentsatz an Menschen trägt am Ende noch eine unstillbare Sehnsucht in sich.
… Der Mensch hat ein Recht auf Selbstbestimmtheit, und so hat er auch das Recht darauf, selbst zu bestimmen, was ihm wichtig ist: in hundert Prozent sicherer Umgebung im Bett zu liegen oder draußen noch einmal ein letztes großes – oder kleines – Abenteuer zu erleben.“

Antonia Michaelis ist eine wunderbare Geschichtenerzählerin. Sie gibt ihrer Erzählung und ihren Bewohnern, den Figuren, sehr viel Gefühl und Herz. Es ist eine berührende, beseelte und rührselige Geschichte, die ab und zu leicht übertreibt, aber gerade dadurch eine typische Michaelis-Stimmung aufbaut. Eine Stimmung die im Leser den Drang schaffen kann, vieles mal aus einer anderen Perspektive zu sehen, die Welt auf den Kopf zu stellen oder leicht zu verrücken… Ein schönes Buch, das nie kitschig wird und durch seine Bilder fast schon poetisch wirkt.

Antonia MichaelisAntonia Michaelis las am 23.08.2013 bei uns in der Buchhandlung aus „Paradies für alle“, auch ein wundervolles Buch für Erwachsene oder für größere „Kinder“. Es war eine schauspielerische Lesung. Sie ließ uns die gut ausgewählten Auszüge des Buches durch ihre darstellende und inszenierte Lesung bildhaft vor Augen erscheinen. Ein erlebnisreicher, teils lustiger aber auch mit zarten, nachdenklichen Tönen versehener Abend.

Also wer die Chance hat, Antonia Michaelis live zu erleben, sollte dies nicht als seinen letzten Wunsch aufschieben…

„Nur Lesen ist schöner“ schreibt über „Das Institut der letzten Wünsche“: „Herzenswünsche

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Doris Knecht: „Wald“

Rowohlt Knecht Wald

Ein Roman wie ein Gedankenspiel, das den Leser in seinen urbanen Bann zieht und sehr gekonnt vom Existenziellen erzählt.

Der Roman handelt von einer starken Frau, Marianne, die sich lieber Marian nennt, um nach einer Frau von Welt zu klingen. Sie ist eine emanzipierte Frau, die viele üble Männer als Partner hatte und Mode für selbstbewusste Businessfrauen ohne viel Schnickschnack entwarf. Sie war eine gefragte Modedesignerin, die ein Luxusleben führte.

„Geld war abstrakt, etwas, das man umso leichter gab, je weniger man dafür bekam, je unexistenzieller, desto leichter.“

Anfänglich nimmt Marian die Weltwirtschaftskrise nicht ernst. Sie empfindet diese selber als eine ferne unreelle Wirtschaftsblase, die sie nicht berührt. Doch nach einem kleinen Aufschwung, verliert sie alles. Denn selbst die Stars, die sie bekleiden durfte, legen wie alle vermögenden Menschen ihr Geld lieber in Immobilien an und kaufen bewusster ein. Mode wird Stangenware und die vielen Kontakte und Freunde sind die Facebook-Seifenblase, die zerplatzt und Marian, die auf falsche Finanzberater hörte, steht für sich alleine da.

Sie zieht in das Haus ihrer verstorbenen Tante in einer ländlichen Provinz, nahe der Voralpen. Das Haus hatte eigentlich Marians Tochter geerbt, für die sie nie eine echte Mutter war. In diesem Haus muß sie lernen sich mit der Natur zu arrangieren. Sie lebt von der Hand in den Mund. Von den Dörflern wird sie sehr misstrauisch in die Gemeinschaft aufgenommen. Gerade die moderne Welt verlassen, tritt Marian in ein Umfeld, das sich seit der Gutsherrenzeit wenig verändert zu haben scheint.

„Man ist am Land anders befreundet als in der Stadt. Vor allem ist man anders verfeindet, konkreter, ernsthafter, konsequenter, körperlicher.“

Als Sie von dem Landbesitzer Franz beim Wildern erwischt wird, beginnt eine befremdliche Beziehung zwischen beiden. Er zeigt sie nicht an, sondern zerlegt für sie das Wild und versorgt sie seitdem mit den nötigsten Lebens- und Haushaltsmitteln. Dafür hat sie einen hohen Preis zu zahlen. Stillschweigend gibt sie ihm, der eigentlich verheiratet ist, für seine Unterstützung körperliche Nähe und Sex. Durch diese schräge, unromantische Beziehung macht sie sich in der Nachbarschaft viele Feinde. Neben dem Fischen hat sie gelernt sich zu nehmen, was sie braucht, hier und dort klaut sie Maiskolben oder Hühner.

Ein Roman, der das Luxusleben gegen die Selbstversorger-Sehnsucht und gebildeter, aber einfacher Gutverdiener aufzeigt. Keine Aussteigerromantik, kein Leben in der Natur aus Überzeugung, etwa aus ökologischen Motiven, sondern aus wirtschaftlicher Not. Marian tut nichts unüberlegt. Sie lebt komplett in ihren Grübeleien und blickt viel zurück. Ihre Gedanken und somit die des Lesers sind stets in regem Fluß…

Ein tolles Buch mit einem unheimlichen Ton, der sich beständig wiederholt und dadurch verstärkt. Ein Buch, das man lange nach dem Lesen in sich tragen kann. Ein eindringlicher Text, der uns zeigt, was wir brauchen, was wir letztendlich sind und, was von uns übrig bleiben kann…

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