Archiv der Kategorie: Erlesenes

Nicolas Mathieu: „Wie später ihre Kinder“

Nicolas Mathieu Wie später ihre Kinder Hanser Berlin

Ein großer französischer Gesellschaftsroman. Es geht ums Erwachsenwerden, um Ausgrenzung, Aggression, Trauer und natürlich um die Liebe. Im Mittelpunkt steht die Jugend, die sich im Lebensdrama wiederfindet und versucht, sich zu finden und zu überleben.  Der Roman ist in vier Abschnitte, vier fiebrige Sommer eingeteilt. Es beginnt im Jahr 1992 und macht dann jeweils einen zweijährigen Sprung, um im Jahr 1998 zu enden. Die Kapitelüberschriften sind passende Songtitel. Eigentlich reicht das Hören und Betrachten dieser einzelner Songs, um den Verlauf des Romans zu verstehen: So beginnt die Reise mit der Band, die es großartig verstand, Melancholie in Wut umzuwandeln: Nirvana. Dies lässt sich passend auf die Protagonisten umwandeln. Sie sind jung, geplagt von Ziellosigkeit, Langeweile und Perspektivlosigkeit. Daraus erwächst eine unterschwellige Aggression, die sich nicht immer nach außen zeigen muss. Daraus erwächst der Metal, der durch Guns n’ Roses zum Erklingen kommt. Laute, fast unbändige Kraft will sich harmonisch (melodisch) austoben. 1996 ist es der französische Rap, der sich durch Suprême NTM ins Bewusstsein brennt. Hierbei geht es um Feindseligkeit gegenüber der Ordnung und den gesellschaftlichen Regeln und der Text endet mit dem Aufruf, dem Wunsch, einfach überleben zu wollen – gesungen von Gloria Gaynor.

„Wie später ihre Kinder“ erzählt von Jugendlichen in unterschiedlichen Lebenssituationen und wurde bereits mit dem renommierten französischen Literaturpreis, dem Prix Goncourt 2018, ausgezeichnet. Übersetzt wurde der Roman von Lena Müller und André Hansen.

Der Roman spielt am Rande der Gesellschaft. Es sind die Arbeiter, die Arbeitslosen und die Aufgegebenen.  Ein Ort im Osten Frankreichs, in dem die Industrie stillgelegt wurde. Die Jugendlichen im Ort haben Wünsche, Hoffnungen und den Drang auszubrechen. Es beginnt 1992: „Anthony war vierzehn, und es war Sommer. Alles muss einmal anfangen“ Er paddelt mit seinem Cousin in einem entwendeten Kanu an eine abgelegene Badestelle, um Nacktes zu sehen. Hier beginnt die Reise. Hier trifft Anthony auf Steph. Zwischen Beiden entsteht langsam etwas, etwas wie Verlangen und Liebe. Doch gibt es zwischen Ihnen auch eine Kluft, die sie versuchen, zu überwinden. Die Eltern sind auch alle unterschiedlich. Alkoholiker, Gelegenheitsarbeiter, d.h. Gärtner und Einwanderer. Durch die Perspektivlosigkeit, mit der sich die Jugendlichen konfrontiert sehen, erwächst bei einigen auch kriminelle Energie. Diese Ströme treffen erstmalig bei einer Party aufeinander. Anthony hat sich das Motorrad von seinem Vater geborgt, das ihm während des Festes von Hacine entwendet wird. Alle sind durch die Örtlichkeit miteinander verbunden. Alle warten auf ihre Chancen im Leben und vertreiben sich die Langeweile mit Lebensspielen, Liebe, Drogen und erträumten Ausbrüchen aus dem Umfeld. Sie werden durch die Gesellschaft und besonders durch die Elterngeneration geprägt. Doch ist es der Lebenswille, der sie antreibt. Der Versuch, dem Baukastensystem des vorgelebten Lebens der Eltern zu entkommen. Sie wollen ihr eigenes Leben entdecken und ohne Vorurteile und unabhängig leben.

Wieweit kann ein Ort, eine Herkunft oder Erziehung Grenzen aufbürden? Ein Roman der von einer inneren Leere zu berichten weiß und diese mit ganz viel Leben füllt. Die Liebe und die Sehnsucht sind die Motoren der Jugendlichen, die nichts zu leben versuchen, was aus ihnen selbst heraus möchte (Siehe auch „Demian“ von Hesse).

Wie ein gesprungener Spiegel setzt sich der Roman aus vier großen und mehreren kleinen Teilen zusammen. Ein Text, der sich fiebrig in das Gehirn des Lesers einnistet und mit seinen Figuren dort verweilen möchte. Ein großartiger Entwicklungs-, Coming-of-Age-, Liebes- und Gesellschaftsroman. Eine Chronik der Gegenwart bestückt mit Kindern ihrer Zeit. Die toll gezeichneten Figuren zeigen die heutigen Missstände auf. Erwachen von Ausgrenzung, Rechtspopulismus und Gewalt steht dem Wunsch nach Liebe, Anerkennung und Chancengleichheit gegenüber.

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Berit Glanz: „Pixeltänzer“

Berit Glanz Pixeltänzer Schöffling & Co

Dieser Roman verbindet Altes mit Neuem, Kunst mit Künstlichkeit, Öffentlichkeit mit Anonymität. Ein vielschichtiger Roman, der in der hippen, technik-hypenden Gegenwartswelt Berlins beginnt und seinen Bogen schlägt zu den expressionistischen Künstlerwelten Hamburgs. Der Wunsch nach Anonymität geht einher mit einer blühenden Sehnsucht nach Analogem. Sich hinter Masken zu verstecken, war schon immer ein Ausdruck der Gesellschaft und Kultur. Damals ging man auf Maskenbälle und heute verbirgt man sich hinter Avataren. Der Titel „Pixeltanz“ verbindet hier jenen Tanz, der aus der Ausdruckskunst stammt und stets die Körperlichkeit benötigt. Der gegenwärtige Maskentanz braucht keinen realen Kontakt mehr und erlebt sich im digitalen Massenstrom.

Elisabeth arbeitet bei einem Startup in Berlin. Sie überprüft hauptsächlich die Codierungen der zu entwickelnden Software. Neben dieser Kontrollfunktion soll sie in ihrem Team stets Ideen sammeln und die vorgegebenen offenen Punkte zügig abarbeiten. Es ist ein junges Unternehmen, in dem Teamdruck herrscht, aber auch die üblichen Belohnungen und Spielereien der selbstbewussten Digital Natives. Elisabeth, die sich passenderweise auch stets Beta nennt, ordnet sich ihre Welt nach ihren eigenen Mustern. Sie passt jeden Tag die Farbe ihres Rubik, d.h. Zauberwürfels an. Sie erkundet kontinuierlich alle Berliner Eisdielen, um jeweils das Erdbeereis zu probieren. Erdbeereis als Bild eines ewig Bestehenden. Denn trotz der heutigen Vorliebe, stets neue Eiskreationen zu entwickeln, wird es Erdbeereis wohl immer und überall geben. Sie macht Fotos von Tieren, die sie später mit ihrem 3D-Drucker in der farblosen Plastikwelt verewigt.

Ihr Abenteuer beginnt, als sie sich eine App mit dem Namen Dawntastic herunterlädt. Diese Software schafft eine vermeintliche globale Nähe. Es ist ein Weckdienst, der einen zu der gewünschten Zeit anruft. Die Anrufe kommen von anderen Menschen, d.h. Usern weltweit. Sie wird eines Tages von einem Fremden mit einer Maske im Profilbild kontaktiert. Er nennt sich Toboggan und da sie mehr über ihn und die Maske in Erfahrungen bringen möchte, beginnt ein langes Suchspiel. Beta öffnet kurzerhand einen Blog und versucht so, weiteren Kontakt zu jenem Fremden aufzubauen. Er meldet sich auch tatsächlich. Mal mit einem kurzen Kommentar zu einem Beitrag, mal versteckt er seinen Text im Quellcode oder hinterlässt in einem Foto einen QR-Code.

Alle Hinweise deuten auf das Leben und Werk des Künstlerpaares Lavinia Schulz und Walter Holdt. Beide lernten sich 1919 in Hamburg kennen. Schulz und Holdt entwarfen gemeinsam Tanzvorführungen in eigens dafür entwickelten Ganzkörperkostümen, unter anderen die Maskenfigur „Toboggan“. Diese avantgardistischen Tanzvorführungen stellten etwas Groteskes, Provozierendes und den Wunsch nach Veränderung dar. Dieser Wunsch nach einem Ausbruch und einer Realitätsveränderung ergreift Beta auch immer mehr, je weiter sie sich mit den Leben der Künstler und ihrer Hingabe zur Kunst beschäftigt.

Die Erzählungen um das Künstlerpaar reihen sich textlich gekonnt in die Geschichte um Beta, die diese zu lesen bekommt. Geschrieben von jenem geheimnisvollen Fremden. Wer ist dieser Toboggan? Auch jene Frage treibt Beta an.

Der Roman ist toll geschrieben. Die verschiedenen Welten sind jeweils großartig dargestellt. Was sich fantastisch anhört, wird Realität und die Maskenfiguren können gegenwärtig immer noch im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg besichtigt werden. Auch der „Toboggan“ (mehr auf: mkg-hamburg) wartet dort auf seine Besucher. Ein Debütroman, der mich begeistert hat und hoffentlich viele Leser finden wird. Ein kluges, schönes und sinnlich-körperliches Leseerlebnis.

Mit freundlicher Genehmigung des Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg

Siehe eine weitere Besprechung von Brigitte Hofmann auf Feiner Buchstoff.  Zum Buch in unserem Shop

 

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Anne Siegel: „Reykjavík Blues“

Anne Siegel Reykjavik Blues Europaverlag

Endlich, die große Island-Saga geht weiter. Anne Siegel hat das für Island geschaffen, was Elena Ferrante für Neapel erreicht hat. Dabei ist ihre Saga schon vorher erschienen. Der erste Band „NordBräute“ wurde bereits 2015 verlegt. Anne Siegel wechselte dann den Verlag und somit begann der Zyklus mit der Neuauflage von 2017 erneut. Mit „Reykjavík Blues“ ist jetzt endlich die Fortsetzung erschienen. Der dritte und abschließende Teil soll nun eher kommen. Man müsste „NordBräute“ nicht unbedingt vorher gelesen haben, um in die Handlung von „Reykjavík Blues“ einzusteigen. Es wird alles Notwendige erzählt. Doch hat die Saga eine enorme Suchtwirkung und man sollte sie einfach alle lesen. Besonders, wenn man am Ende des Blues angekommen ist, wartet man erneut sehnsüchtig auf den abschließenden Band.

Anne Siegel widmet sich den Auswandererfrauen. Ihr Buch „Frauen Fische Fjorde“ bildete die Grundlage der Autorin zu diesen Romanen. „Nordbräute“ erzählt über die deutschen Frauen, die dem Aufruf des isländischen Bauernverbandes folgten, um kurzweilig oder auch für immer in Island auf den Höfen zu arbeiten. Junge Frauen, die in Deutschland nach dem Krieg keine Zukunft sahen. Dieser Aufruf wurde 1949 in einer norddeutschen Zeitung abgedruckt. Im Vordergrund ist es die Geschichte von Christa, die ihrer Vergangenheit in Deutschland den Rücken kehrt und in Island als Maklerin ein Vermögen macht. Doch die Wirtschaftskrise verändert alles.

Diese Krise bewegt nun Jón, den Enkel von Christa, nach Island zurückzukehren. In „Reykjavík Blues“ wird seine Geschichte, nebst der des schmutzigen Geldes erzählt. Erinnert etwas an die großartige dänische Serie „Follow the Money“. Der vorliegende Blues ist tief verwurzelt in den Schicksalen und der Landesgeschichte Islands. Jón hat als Musiker Karriere gemacht und ist Cellist in Köln. Er wirkt anziehend auf Frauen, hat aber bisher keine feste Beziehung. Denn seine große Liebe ist seit Kinderzeiten Léontine. Sie und die isländische Bankenkrise locken ihn für einen Neuanfang auf die Insel im Nordmeer. Er kündigt sein Engagement bei seinem Orchester und kehrt nach Island zurück. Dort kandidiert er als Politiker, der sich für die Kunst und gegen die immer noch herrschende Korruption einsetzen möchte. Léontine, die für Jón mehr ist, als eine Freundin aus Kindertagen, trägt schwer an ihrem Anteil an der Wirtschaftskrise. Sie war als Bankerin mitbeteiligt und hat sogar für ihren Verschleierungsversuch der großen Geldsummen in Haft gesessen. Denn das Geld der isländischen Bevölkerung, wie sich in Folge zeigt, ist nicht weg, nur haben es halt jetzt wenige andere, die sich ein feines Leben in der Karibik gönnen. Christa, Jóns Großmutter, beobachtet dies alles mit Argusaugen und folgt der Beziehung von Jón und Léontine und letztendlich auch dem verschwundenen Kapital. Christa, die einst vor Gott geschworen hatte, wenn ihr schon alles und besonders die Liebe genommen wurde, möchte sie auch in Zukunft auf diese verzichten und wenigstens eine reiche Frau werden. So beginnt die Reise nach dem Glück und die Suche nach dem schmutzigen Geld …

Anne Siegels Bücher sind Unterhaltung pur. Sie erzählen Geschichte und Geschichten. Die Handlungen und Figuren sind toll, humorvoll und einfühlsam beschrieben. Man hat sofort Bilder im Kopf. Besonders reizvoll sind dabei die Natur und Landschaft Islands, die immer wieder in Anne Siegels Literatur in den Vordergrund rücken. Diese Saga ist lesenswerte Bildung und Unterhaltung in einem.

Siehe auch meine Besprechung „NordBräute“ hier im Leseschatz und Leseschatz-TV: Anne Siegel: „NordBräute“ (YouTube). Zum Buch in unserem Shop.

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Jan Christophersen: „Ein anständiger Mensch“

Jan Christophersen Ein Anständiger Mensch mare

Ein neues Buch aus dem Haus unseres norddeutschen Schriftstellerehepaars. Jan Christophersen, der mit „Schneetage“ debütierte, begeistert seitdem stets großartig mit seinen Werken. Leider viel zu selten. Er ist mit Mareike Krügel verheiratet und beide sind im Leseschatz liebgewonnene Stammgäste.

Ein Roman rund um die Fragen des Anstands, der Ethik und Moral. Er handelt von einem Schriftsteller, der mit seinen Büchern dem guten Ich nachspürt und der Frage nachgeht, warum anständige Menschen auf Dauer erfolgreicher sind. Aber was bedeutet Anstand, wenn es um die eigene Liebe, Eifersucht und den Rachetrieb geht?

Steen Friis hat dänische und deutsche Wurzeln. Er ist ein erfolgreicher Autor, der sich in seinen Texten und Medienauftritten immer wieder mit Anstand und Aufrichtigkeit auseinandersetzt. Seine Meinung ist oft gefragt und er ist eine kleine Berühmtheit dadurch geworden. Dies ließ ihn zum Anstandsonkel werden. Dieser Titel kann zu Teilen nett, aber auch gehässig gemeint sein, denn nicht alle teilen seine Moralvorstellungen. Auch in ihm keimen zunehmend Zweifel, denn wiederholt er sich nicht schon seit Jahren immer wieder selbst? Er ist mit Frauke, einer Psychologin, verheiratet und lebt in Hamburg. Um seine Ideen zu fixieren und zu Papier zu bringen, geht Steen in die Einsamkeit. Er fährt auf eine kleine dänische Insel, wo er eine Hütte geerbt und diese durch den Erfolg, den er mit seinen Büchern erzielte, eingerichtet und restauriert hat. Steen befindet sich gerade auf seinem idyllischen Inseldomizil, als Frauke ihn über das Wochenende besucht. Doch ist ein Pärchen-Wochenende geplant, denn an diesem Wochenende reist auch ein befreundetes Paar an. Geplant ist eine schöne, gemeinsame Zeit, bestehend aus Spaziergängen, Pilze sammeln, essen, trinken und reden. Ute ist Verlagsvertreterin und hat so Steen kennengelernt. Utes neuer Lebenspartner, Gero, verdient als ITler bei einem Kosmetikunternehmen recht gut und somit segeln die beiden mit einer prachtvollen Yacht an. Gero will sich u.a. durch das Boot präsentieren. Steen hat die Angewohnheit stets als Intellektueller wahrgenommen werden zu wollen und schüchtert somit viele in seinem Umfeld ein. Auch Gero fühlt sich unwohl und möchte sich neben Steen behaupten können. Die beiden Frauen gehen entspannter in das Treffen, denn sie kennen sich und alle Beteiligten. Doch scheinen die Frauen an dem jeweils anderen Mann auch Interesse zu haben. Bei einem Spaziergang erinnert Frauke Steen an ein altes Versprechen, dass sie sich in der Kennenlernphase gegeben hatten. Sie wollten sich und dem Partner auch in der Liebe immer die größte Freiheit lassen. Steen kann das in seiner gegenwärtigen Verfassung nicht annehmen und steigert sich in seine Eifersucht hinein. Seine eigenen Ansprüche an den gesellschaftlichen Anstand gehen immer mehr in die Brüche. Dies passiert gerade, als auch ein ehemaliger Studienfreund, der ebenfalls einen Bestseller geschrieben hat, Steen in einem Artikel verunglimpft. Das harmonische Gefüge gerät immer mehr ins Wanken und die Stimmung wird immer vergifteter und endet letztendlich auch in einem Unglück.

Alle haben ihre große und kleinen Geheimnisse, Befindlichkeiten oder verdrängten Emotionen. In kleinsten Details werden schon die Unstimmigkeiten deutlich. Sei es das Steen unter Pseudonym auch mal einen Krimi geschrieben hatte, dies aber nur Ute, seine Freundin aus der Verlagswelt, weiß. Das Zubereiten des Essens oder das Beseitigen der Zecken zeigt auch die Risse in der moralisierten Welt des Protagonisten.

Jan Christophersen versteht es, durch die Beschreibungen und seine Sprache tiefgründig und psychologisch zu fesseln. Sein vorheriges Werk „Echo“ ist eine leise, nachklingende Geschichte. „Ein anständiger Mann“ kommt auch leise daher, wird dann aber innerhalb der Idylle der Naturbeschreibung jenes Inseldaseins immer lauter und zeigt den Kampf mit den eigenen, großen Lebenseinstellungen.

Ein toller, bewegender und nachdenklicher Roman, der neben den philosophischen Fragen auch einen enormen Spannungsbogen aufbaut. Die Handlung und die gesetzte Inselidylle gleichen einem guten psychologischen Kammerspiel. Ein Spiel um den Anstand. Aber was bedeutet dieser, wenn es um die eigenen Befindlichkeiten, die Ehe und die Liebe geht? Der Mensch im ewigen Kampf mit seinem Ego.

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Shen Fu: „Aufzeichnungen aus einem flüchtigen Leben“

Shen Fu Aufzeichnungen aus einem flüchtigen Leben Matthes Seitz

Ein Buch, das uns einlädt in eine andere, vergangene Welt. Es ist eine Sprache und Handlung, die uns eintauchen lässt in ein früheres China und dennoch so modern erscheint. Shen Fu wurde 1763 in Changzhou geboren. Er war ein Beamter und Gelehrter. Als „Aufzeichnungen aus einem flüchtigen Leben“ (浮生六記) 1877 erstmals publiziert wurde, wurde diese ungewöhnliche Autobiografie sofort ein Erfolg und ist auch mehrfach aufgeführt oder verfilmt worden. Das Buch gehört bis zum heutigen Tag in Asien zum Klassiker und wird als Schullektüre eingesetzt. Jetzt ist es von dem Sinologen Richard von Schirach neu übersetzt und mit einem Vorwort und Kommentaren ergänzt worden.

Es ist die Geschichte des unbekümmerten und unkonventionellen Shen Fu. Seine Aufzeichnungen sind liebevoll und lassen den damaligen Alltag, die Kultur und die gesellschaftlichen Gepflogenheiten aufleben. Shen Fu begnügt sich mit dem aus seiner Sicht einfachen Leben. Beruflich hat er keine großen Erfolge und den damaligen Traditionen geschuldet, steht er unter dem Einfluss seines Elternhauses, sprich seines Vaters. Er verliebt sich in seine Cousine Chen Yun, die er auch bald darauf heiratet. Chen Yun will ihm eine gute Ehefrau sein und die Traditionen wahren. Die beiden verstehen sich auch immer besser und lieben die Kunst, besonders die Literatur und das Theater. Da Frauen in der damaligen Zeit der Ausgang nicht so frei gestattet war, begleitet Chen Yun ihren Ehemann ab und zu als Mann verkleidet. Der Wunsch nach Unabhängigkeit und etwas mehr Freiheit keimt in beiden. Der Roman lebt von den Schilderungen der alltäglichen Zuwendungen, zueinander, zu der Literatur, der Philosophie und der Natur, besonders auch den Pflanzen- und Blumenarrangements. Doch lebt das Ehepaar nicht in einer gehobenen Lebens-, d.h. Gesellschaftsschicht. Sie versuchen sich stets mit dem, wie es gerade ist, zu arrangieren. Hier wird immer wieder der Daoismus verdeutlicht und ausgelebt.

Damals war es üblich, dass junge Töchter als Konkubinen verkauft wurden. Shen und Chen verstehen sich ausgezeichnet und haben später auch zwei Kinder. Trotz der materiellen Engpässe organisiert Chen ihrem Ehemann aus Statusgründen eine Konkubine, zu der sie sich aber selbst sehr hingezogen fühlt. Dies wird der entscheidende Wendepunkt. Die Konkubine wird später anderweitig aufgenommen, dennoch sind die Schwiegereltern über die Gefühlswelt von Chen, die von Shen Fu selbst toleriert wurde, entsetzt. Es kommt zu weiteren Situationen, die den Graben zwischen der Elterngeneration und dem Ehepaar erweitert. Ein Missverständnis um geliehenes Geld verursacht dann sogar den totalen Riss.

Das ganze Buch ist niemals anklagend oder wehmütig. Es liest sich frisch und in gewisser Weise modern. Dennoch ist es ein Bericht über das Leben zu Zeiten der chinesischen Qing-Dynastie. Es ist der Werdegang eines Verlierers, der ganz ehrlich über sich und sein Umfeld zu berichten weiß. Abgerundet mit dem Kommentar von Richard von Schirach wird das Buch ein Leseereignis. Weltliteratur aus China, die hochinteressant, humorvoll, tiefgründig und schön zu lesen ist.

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Carys Davies: „WEST“

WEST Carys Davies Luchterhand

Der Titel als Hinweis auf das Genre und gleichzeitig der damalige Drang, den Westen zu erkunden und zu erobern. Dieser Roman ist viel mehr als ein Western mit dem üblichen Thema der Besiedelung des Westens. Aber doch sind die Bilder da und in einer wunderbaren, schnörkellosen und klaren Sprache wird eine Geschichte erzählt, die einen Mythos aufleben lässt und gleichzeitig widerlegt. Ein begeisternder, literarischer Roman, der neben den Werken „Der erste Sohn“ von Philipp Meyer, „The Revenant – Der Rückkehrer“ von Michael Punke und diversen Werken von Annie Proulx Bestand haben wird.

Das Wunder des Textes erfasst einen sofort. Man ist gleich drin in der Prärie, den Wäldern und den Bergen. Die Landschaft und die Charaktere werden schnell und doch tiefgründig gezeichnet. Mit wenig schafft Carys Davies, die von Eva Bonné übersetzt wurde, mehr. Es ist kein ausuferndes Epos, sondern eine große, traurige und schöne Geschichte, die mit nicht zu viel oder zu wenig erzählt wird. Alles genau im richtigen Maß und die Bilder und Figuren verbleiben im Leser.

Erzählt wird die Geschichte des englischen Siedlers Cy Bellmann. Er ist Witwer und lebt mit seiner zehnjährigen Tochter Bess in Pennsylvania. Es ist das Jahr 1815. Er ist ein gutherziger, aber auch einfältiger und naiver Mann, der von der Maultierzucht lebt. In seiner Umgebung leben seine raue und herrische Schwester und der Nachbar Elmer Jackson. In einem etwas weiter weg liegenden Dorf gibt es eine Kirche, kleine Geschäfte und eine Bibliothek. Die Sehnsucht nach dem Westen, die Bellmann nun befällt, ist eine ganz andere als die jener anderen Siedler, die stets Land, Gold oder Öl suchten. Er liest in einer Zeitung einen Artikel, den er ausschneidet und immer wieder liest. Dieser Bericht ist es, der ihn in Folge aufbrechen lässt. Es ist von Knochenfunden die Rede. Große Tiere mit Stoßzähnen. Bellmann ist begeistert und denkt, diese Tiere würden noch leben und er will diese sehen und als erster darüber berichten. Nach mehrfachen Gesprächen mit seiner auch einfach denkenden Schwester überlässt er Bess ihrer Tante für wohl circa zwei Jahre. Er plant seine Reise anhand von Abenteuerliteratur und zieht mit viel Plunder los, dass er vermutlich bei Indianerkontakt für diverse Tauschgeschäfte benötigen wird. Er verspricht, Bess immer Briefe zu senden und hat dafür ein Tintenfass im Mantel eingearbeitet, damit er auch zu Pferde schreiben kann. Doch werden diese Briefe ihr Ziel nicht erreichen und somit wächst Bess im Ungewissen über den Verbleib ihres Vaters auf. Sie lebt bei ihrer Tante, wächst heran und zieht die Blicke des Nachbarn auf sich.

Bellmanns Reise gen Westen ist auch keine gradlinige. Sein ganzes Unterfangen ist absurd und wird nicht nur von seiner Schwester belächelt, sondern auch von anderen Menschen auf seiner Reise. Besonders ein französischer Fellhändler stellt die Exkursion von Bellmann in Frage, verhilft ihm aber zu einem Reisegefährten. Ein junger Indianer, der, solange er bezahlt wird, an der Seite von Bellmann bleibt und mit ihm die großen Tiere suchen wird.

Die Suche als Sinnbild, als Metapher eines ausweglosen Weges. Das Ziel, d.h. das voraussichtliche Scheitern, ist uns ab den ersten Seiten bewusst. Die Jagd nach Dinosaurierknochen, d.h. die Hoffnung diese Urzeittiere lebend anzutreffen, kann nicht erfolgreich enden. Dennoch bleibt das ganze Buch spannend und faszinierend und zeigt jene tiefe Sehnsucht auf, die in uns allen lebt. Doch ist es eine Reise, die in diesem Roman ganz anders verläuft, als man es erahnte. Bellmann verändert sich und besonders auch Bess, die bis zum Ende auf ihn wartet und dann auch aufgesucht wird.

Ein Roman, der von den Figuren geprägt wird und eine Handlung, die einem zu Kopf steigt. Trotz der vermeintlichen Vorhersehbarkeit überrascht der Roman bis zum Finale.

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USA Noir

USA NOIR Culturbooks

Die Noir-Reihe ist für mich derzeit die beste Anthologien-Sammlung. Es sind Länderporträts der ganz anderen Art. Sie versammeln Kurzgeschichten, die uns auch in die dunklen Machenschaften der Menschen blicken lassen. Nach „Paris Noir“ (Siehe auch hier im Leseschatz) und „Berlin Noir“ (Siehe Leseschatz-TV) ist nun „USA Noir“ erschienen. Diese Ausgabe vereint die Crème de la Crème amerikanischer Autoren und wurde von Johnny Temple herausgegeben und von Jan Karsten übersetzt.

Jede der Geschichten ist ein Treffer und diese Storysammlung ist ein großartiges literarisches Ereignis. Leider bekommen Kurzgeschichten viel zu oft nicht den Stellenwert, den diese verdienten. Denn in komprimierter Form wird meist Großes geboten. Man erahnt die Kunstfertigkeit der Autoren und taucht jeweils ein in eine ganz andere Welt. Viele Leser wollen sich nicht auf diese Kunstform einlassen und bevorzugen ganze Romane. Doch behaupten auch viele Buchkäufer, sie hätten immer weniger Zeit zum Lesen. Daher kann ich nur betonen, wie viel Lesespaß diese Noir-Reihe macht und jeder der bisherigen Bände eine Bereicherung für jedes Bücherregal ist.

Diesmal ist es keine Stadt, durch deren Viertel wir mit den Protagonisten in die Düsternis getrieben werden. Wir reisen chronologisch mit den vierzehn Geschichten von der Ostküste der USA ins Landesinnere, um dann an der Westküste zu stranden. Die wohl geläufigste Bedeutung des Begriffs Noir bezieht sich auf eine Untergattung des französischen Kriminalromans. Noir-Romane oder Storys erzählen von Menschen, die im wahrsten Sinne in die Dunkelheit fallen oder in dieser leben. Meist sind es keine Helden und das Ende ist meist ein offenes ohne Happy End.

Die vierzehn Geschichten in dieser Anthologie sind von berühmten Autoren, Preisträgern sowie von literarischen Geheimtipps geschrieben. Folgende Autoren laden ein, erneut oder erstmalig entdeckt zu werden: Joseph Bruchac, Lee Child, Michael Connelly, Jeffery Deaver, Barbara Demarco-Barrett, Maggie Estep, Jonathan Safran Foer, J. Malcolm Garcia, William Kent Krueger, Dennis Lehane, Joyce Carol Oates, Asali Solomon, Luis Alberto Urrea und Don Winslow.

Dennis Lehane beginnt und ist wohl vielen bekannt, zumindest ist er kein Unbekannter im Leseschatz. Auch diese Geschichte könnten viele bereits durch das Buch und die Verfilmung kennen. Es ist die Hunderettung aus „The Drop – Bargeld“. In weiteren Geschichten lernen wir u.a. Protagonisten kennen, die versuchen mit sichergestellten Yachten Kapital zu machen und die sich dann doch alle gegenseitig betrügen. Eine Frau, die einem letzten Date mit ihrem Verehrer zustimmt und beim Pferderennen dann ganz falsch wettet. Ein Mann, der eine neue Familie bekommt und gruselige Altlasten ausgräbt. Ein Obdachloser, der beobachtet, wie ein jüngerer Leidensgenosse sich mit einer falschen Frau einlässt und eine Katastrophe heraufbeschwört. Ein krimineller Sachverständiger, der seine Machenschaften am Mulholland Drive auslebt, vom Weg abkommt und baden geht. Ein junger Mann, der seine große Liebe findet und sich dadurch der Mafia verschreibt. Ein Journalist, der Fragen nach einem Tatvorgang aus eigenem Interesse erfragt und vorher die öffentlichen Verkehrsmittel benutzt hat, um falsche Spuren zu legen. Wir treffen auf Soldaten, Indianer, Drogenhändler und auf Menschen, die aus ihrem Umfeld fallen oder gestoßen werden.

Es sind berührende, überraschende und immer spannende Erzählungen von menschlichen Schattenseiten. Diese Noir-Reihe agiert fern der üblichen Touristensehenswürdigkeiten und erschafft somit einen literarischen Zugang zu den jeweiligen Regionen. Es sind alles Autoren, die ihr Handwerk perfekt beherrschen und auf kleinstem Raum ihr ganzes Können offenbaren.

Man kann sich dem Bann dieser Geschichten nicht entziehen. Sie sind stimmungsvoll, düster und schaurig schön, so dass sie mehr sind als bloße Unterhaltung. Bitte lesen!

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Johannes Groschupf: „Berlin Prepper“

Johannes Groschupf Berlin Prepper Suhrkamp

In diesem Spannungsroman, der eher eine harte und reale Gesellschaftsstudie ist, läuft man gleich am Anfang mit dem Protagonisten in die Dunkelheit, die schmutzigen Machenschaften der Gesellschaft. Ein Setting voller Scheuklappen-Denker und Schubladenwelten, in der unser Anti-Held immer mehr verzweifelt. In einem nüchternen, kühlen Ton erzählt der Roman über eine Handlung, die sehr nah an die Realität angelegt ist und sofern man die Nachrichten verfolgt, auch durch diese bestätigt wird.

Der fadenscheinige Held, eher ein Anti-Held, Walter Noack, ist stets vorbereitet. Er geht davon aus, dass sich unsere Welt bald wandeln und es zu einem gewaltigen Knall kommen wird. Seit er mit zwölf Jahren die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl miterlebt hat, macht er sich Gedanken, wie er jede Art der Krise überleben kann. Er trainiert hart und hortet Lebensmittel. Er beherrscht Überlebens- und Verteidigungsstrategien für alle Arten der möglichen Katastrophen. Er ist ein Prepper und bricht die Zivilisation zusammen, ist er als „Zeuge-Ravioli“ bereit.

Er arbeitet in der Online-Redaktion einer großen Berliner Tageszeitung. Er hat einen Achtstunden-Arbeitstag und soll im Newsroom die Kommentare der Leser bearbeiten, d.h. löschen. Die Kollegen teilen sich die Schichten und sind rund um die Uhr damit beschäftigt, den ganzen Online-Hass zu verbannen. In bestimmten Schichten sind es um die dreißigtausend Kommentare, die gelöscht werden müssen. Es sind menschenverachtende Reaktionen auf die eingestellten Tagesartikel der Redaktion. Walter hat selbst kein politisches Fundament und die ganzen schlimmen, aufhetzenden und verachtenden Texte der Leser und User perlen an ihm ab. Auch wenn es um Morddrohungen geht. Sein soziales Umfeld ist unter anderem durch sein Prepper-Dasein immer geringer geworden. Lediglich mit seinem Sohn und wenigen Kollegen tauscht er sich aus.

Als er gebeten wird, eine Doppelschicht zu machen, kommt es zu einem Ereignis, das ihn gänzlich aus der Bahn wirft. Als er spät abends, nach dem sehr langen Arbeitstag, aus dem Verlagsturm herauskommt, wird er von hinten brutal niedergeschlagen und getreten. Er, der auf alles vorbereitet ist, geht zu Boden und wird kalt überrascht. Dieser Kontrollverlust macht ihm sehr zu schaffen. Wurde ihm aufgrund seiner Tätigkeit aufgelauert? Wer ist oder wer sind die Täter? Warum hat man ihn niedergeschlagen und nichts von seinen Sachen entwendet?

Als dann auch noch im Kollegium und sehr engen Familienkreis weitere Katastrophen passieren, gerät Walter Noack immer mehr in eine Lebenskrise. Die Stränge zwischen Paranoia und tatsächlichem Geschehen verdichten sich und Walter Noack wird allem gegenüber misstrauisch.

Ein rasanter Roman, der kurzweilig, aber auch besonders hart die Gegenwart anleuchtet. Die Gesellschaft am Beispiel Berlins mit seinen schaurigen Schattenseiten, die hier aus Preppern, Reichs- und Wehrbürgern sowie Nazis bestehen. Besonders durch die Kommentare, die Walter Noack zu lesen bekommt, erfährt dieser Text eine Realitätsnähe, die schwer erträglich ist.

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Andreas Kollender: „Libertys Lächeln“

Andreas Kollender Libertys Lächeln Pendragon

Andreas Kollender macht nach den viel beachteten Romanen „Kolbe“ und „Von allen guten Geistern“ erneut Geschichte erlebbar und zeigt, wie aktuell und wichtig diese Themen heute noch sind. Ein historischer Roman über Carl Schurz und sein Ideal der Freiheit.

Es ist ein Roman, der nicht als Biographie des Radikaldemokraten gelesen werden sollte. Dennoch ist es das bewegte Leben jenes Kämpfers für die Gleichberechtigung und Freiheit aller. Andreas Kollender haucht den tatsächlichen Figuren literarisches Leben ein und versteht es, großartig zu unterhalten und die dazu passende Stimmung aufzubauen. Ein lesenswerter Bildungsroman, der aus der Sicht des betagten Protagonisten erzählt wird, der Angst vor dem Vergessen hat und beginnt, die wichtigsten Stationen in seinem Leben in seiner Erinnerung zu verankern und in Worten für die Nachkommen festzuhalten. Er schreibt seine Autobiographie, gibt diese seinen Kindern und redet mit Mark Twain bei einem gepflegten Getränk über seinen Werdegang.

Carl Schurz wird angeregt, sich mit seiner Vergangenheit zu beschäftigen, als er im Jahr 1901 in New York auf einer Bank von jungen Männern angegangen wird. Dies geschieht direkt am Hudson River mit Blick auf die Freiheitsstatue. Ein Weggenosse aus alten Tagen eilt ihm zu Hilfe. Doch kann Carl sich an seinen Helfer nicht erinnern und beginnt, über seine wegweisenden Lebenssituationen nachzudenken.

Carl Schurz war als junger Mann als Revolutionär an der Märzrevolution in Deutschland beteiligt. Er hatte sich der demokratischen Bewegung angeschlossen und erlangte durch seine Reden hohes Ansehen. Als die Revolution scheiterte, konnte Schurz entkommen. In England trifft er unter anderem auf Karl Marx und lernt in London seine zukünftige Frau, Margarethe, kennen. Er erlangt noch größere Berühmtheit, als er seinen Revolutionsfreund,  Gottfried Kinkel, aus der Haft befreien kann. Er sieht seine Zukunft in Amerika, dem Land der Freiheit und grenzenlosen Möglichkeiten. Er hat viel vor und wandert 1852 endgültig mit seiner Frau in die USA aus. Da er die Sprache sehr gut beherrscht, möchte er sich auch dort als Redner, Schreiber und juristisch betätigen. Carl Schurz baut seinen Bekanntheitsgrad kontinuierlich aus. Er macht eine politische und diplomatische Karriere und gründet mit seiner Frau den ersten dortigen Kindergarten. Schurz wird von Lincoln für dessen Wahlkampf engagiert. Er lernt viele Menschen aus der Wirtschaft, dem Militär, der Politik und Kunst kennen. Unter anderem entsteht eine enge Freundschaft zu Mark Twain. Lincoln versendet ihn auch für eine kurze Zeit als Botschafter nach Spanien. Zurück in den Vereinigten Staaten kämpft er erneut für die Freiheit. Er ist für die Befreiung der Sklaven und die Gleichberechtigung der Geschlechter und aller Menschen. Später wendet er sich als Staatsmann ganz der Politik zu und wird als erster immigrierter Deutscher Mitglied des Senates der Vereinigten Staaten.

Ein spannender und schön geschriebener Roman über eine historische Figur, die wohl leider vielen unbekannt ist. Das sehr interessante Werk von Andreas Kollender schafft nun die Möglichkeit, dies zu ändern. Ein Roman, der sehr lesenswert ist und uns immer wieder das hohe Gut der Freiheit vor Augen führt.

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Mona Høvring: „Was helfen könnte“

Mona Hovring was helfen könnte edition fünf

Wieder so ein kleines, feines und schönes Buch. Der Inhalt lebt von der Entwicklung der Protagonistin, die versucht, die Leere in ihrem Leben zu füllen. Eine Leere, die sie als Kind erfahren hatte und die bewirkt hat, dass sie nun ständig auf der Suche nach Halt, Trost und innerer Freiheit ist.

Die fast schon lyrische Reflexion der Figur macht den besonderen Reiz des Büchleins aus. Es geht um Laura, die es nicht gerade leicht hat. Sie hat ihre Mutter verloren, als sie noch ganz klein war. Die Mutter hatte sich das Leben genommen. Ist ins Meer gegangen und seitdem  bleiben die See und das Wasser ein Element in der Entwicklung von Laura zur jungen und freien Frau. Sie lernt das Schwimmen zum Beispiel spielend und träumerisch. In einem Traum, als die Mutter bereits fort ist, erscheint diese in der Phantasie des Kindes und zeigt ihr, wie man sich im Wasser bewegt.

Sie leben in einer kleinen norwegischen Stadt am Meer. Ihr Vater wird nach dem Tod seiner Frau noch verschlossener und unnahbarer, so dass Laura und ihr älterer Bruder oft auf sich allein gestellt sind. Den Schmerz und den Verlust versucht jeder innerhalb der Familie selbst zu bewältigen. Laura bleibt lange auf der Suche nach Etwas, das ihr hilft. Sie sucht die Nähe zu ihrer besten Freundin, Marie, die aber später aus der Kleinstadt mit ihren Eltern wegzieht und erneut eine kleine Leere hinterlässt. Durch den benachbarten Gärtner Andreas und dessen Frau beginnt die Liebe zur Natur in ihr zu keimen. Durch die Botanik erlebt sie eine Art der Verwurzelung. Sie bleibt optimistisch und findet ihre Freiheit in ihren Phantasien, die mit dem Erwachsenwerden immer erotischer werden. Sie macht sexuelle Erfahrungen, die als Sinnbild ihres Freiraums gelesen werden können. Mit sehr viel Feingefühl wird diese Suche nach Halt von Laura beschrieben. Sie findet diesen in der Natur, dann in der Freundschaft und später in der Sexualität mit der älteren Vivian Koller, die einen Friseursalon im Ort aufgemacht hat. Doch sind dies in ihrem Leben nur Erlebnisse, die ihr nicht jene gesuchte Tiefe geben. Eventuell findet sie diese in ihrer etwas späteren Beziehung mit Peter Koller.

Jede Begegnung, die Laura macht, füllt immer mehr jene innere Leere, die sie als Kind noch empfunden hatte. Sie wandelt sich von einem wahrnehmenden Kind zu einer bewussten Frau, die das findet, was ihr helfen könnte.

Ein warmherziges Büchlein voller Empathie und Mitgefühl. Die Unerschöpflichkeit der Figuren innerhalb der wenigen Seiten ist erstaunlich und wird vermehrt durch die eingesetzte Metaphorik und die sich mit der Protagonistin wandelnde Sprache. Eine komprimierte, intensive und lesenswerte Lektüre. Aus dem Norwegischen von Ebba D. Drolshagen.

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