Archiv der Kategorie: Erlesenes

Graham Swift: „Da sind wir“

Graham Swift Da sind wir dtv

Ein Roman, der tatsächlich verzaubert und auf magische Weise die beschriebene Welt am Ende noch ein Stück größer macht. Es handelt sich um eine Dreiecksbeziehung, die komplex und über die Zeiten hinaus erzählt wird. Drei Menschen, ein Conférencier, ein Zauberer und dessen Assistentin, die zwischen diesen beiden Männern steht.

Ein kleiner Roman der von Mehrdimensionalität erzählt. Ein Varietéspiel, das fast schon hypnotisiert und am Ende, mit dem letzten Auftritt des Zauberers, den Leser mit einem großen Knall entlässt und man von der Realität, die sich um einen befindet, geblendet wird. So hat nicht nur der Zauberer den Schritt weg von seiner Trickkiste zur kunstvollen Illusion gemacht, sondern auch Graham Swift, der hiermit einen sehr raffinierten Kurzroman veröffentlicht hat. Sein internationaler Erfolg „Ein Festtag“ ist filigraner, etwas feinfühliger, aber „Da sind wir“ ist vielschichtiger. Der Roman wurde aus dem Englischen von Susanne Höbel übersetzt.

Jack Robbins betritt zaghaft seine Welt des Theaters. Er zögert seinen Auftritt hinaus, denn zum ersten Mal hat er, trotz seiner jahrelangen Bühnenerfahrung, ein flaues Gefühl im Magen. So der Anfang. Immer wieder tauchen wir ein in die Gegenwart und Vergangenheit der Protagonisten, die sich durch den Zauber der Bühne lieben lernen. Ronnie Dean wird in den Kriegsjahren aufs Land versendet und untergebracht. Hier lernt er nicht nur erstmalig ein Familienleben, sondern auch das Zaubern kennen. Er übt immer begieriger seine Tricks und bekommt später als Erwachsener seinen abendlichen Part in der Varieté-Show von Jack.

Um Erfolg im Showgeschäft zu bekommen, suchen sie eine Zauberassistentin. Dies ist der Auftritt von Evie White. Die Zaubernummer wird immer spektakulärer und der Zauberer Pablo und Eve erlangen nicht nur in Brighton großes Ansehen. Den Künstlernamen Pablo hat sich Ronnie ausgesucht. er erinnert an seinen Landaufenthalt und seinen ersten Kontakt mit den Zaubertricks. Aber auch eine traurige Kindheitserinnerung, die mit einem Papagei zu tun hat, spiegelt sich in seinem Zauberer-Namen. Evie kommt Ronnie nicht nur auf der Bühne immer näher und sie verloben sich. Doch ist da auch noch Jack, der ebenfalls Gefühle für Evie entwickelt hat.

Später, als Jack große Erfolge im Showgeschäft gemacht hatte, werden die Blicke auf damals zurückgeworfen. Evie, die eine Affäre mit Jack begonnen hatte, wurde Zeugin, wie Ronnie den Weg vom Zauberer zum Illusionist machte. War eventuell bei seinem letzten Auftritt auch wahre Magie im Spiel? Hat Ronnie sich gleich dem Papagei entmaterialisiert und ist seitdem verschwunden?

Ein Werk das Staunen lässt. War alles Illusion, ein Trick oder echter Zauber? Ein Buch über Freundschaft, Liebe und die Illusion oder den Zauber des Lebens.

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Sonja Rüther: „Der Bodyguard“

Sonja Rüther Der Bodyguard Knaur

Sonja Rüther schafft es, immer eine Verbundenheit mit ihren Figuren aufzubauen. Schnell sind diese beim Lesen präsent. Sonja Rüther hat nun ihren ersten Liebesroman geschrieben. Aber wenn man die Autorin kennt, weiß man, es wird keine verklärte oder verkitschte Romanze. Es ist ein unterhaltsamer Genremix aus Liebesroman und Thriller.

Zu Beginn der Handlung wird man an den Film „Bodyguard“ erinnert. Doch verläuft dann alles ganz anders, moderner und etwas realistischer. Sonja Rüther baut auch keine typischen Klischees ein. Sie umschifft diese trotz der gegebenen Rollenfunktionen der Protagonisten, die auch hier und dort zu überraschen wissen.

Maik fängt an bei einem reichen Unternehmer als Bodyguard zu arbeiten. Krankheitsbedingt ist jemand in der bestehenden Schutztruppe nicht ganz einsatzfähig. Die Familie van Holland benötigt dauerhaften Schutz, denn auf die Tochter gab es mal ein Attentat mit Schusswechsel. Maik ist kampfsporterfahren und nimmt die neue Aufgabe professionell an. Er beginnt sofort und seine erste Aufgabe ist die Beaufsichtigung einer Frau, die er nachhause eskortieren soll. Als er auf diese wartet, kommt es im Bad bereits zu einem nicht ganz professionellen ersten Treffen. Als er bei der Frau, die sich als Lynn vorstellt, auch noch ein Geldbündel sieht, geht er davon aus, sie sei eine Escort-Dame des Herrn van Holland. Er soll in Folge stets für die Sicherheit von Lynn sorgen. Maik verliert aber immer mehr seine Professionalität, da er und Lynn sich stets vertrauter werden. Noch geht er auch davon aus, dass sie beide auf der Gehaltsliste von van Holland stehen.

Maiks Freundeskreis trifft sich wöchentlich in einer Hamburger Stammkneipe. Dabei werden sie Zeuge, wie ein Mann eine Frau zu sehr bedrängt. Da Maik solche Situationen schnell in den Griff bekommt, greift er ein und kann den Mann vor die Tür setzen. Die Frau, die nun von ihrem aufdringlichen Bekannten befreit wurde, schließt schnell Freundschaft mit der Clique um Maik, der der Frau in der Nacht erneut zu Hilfe eilen muss, da sie wieder von demselben Bekannten bedrängt wird. Auch in Zukunft scheint es so, als würde dieser Mann Maik weiterhin im Auge behalten …

Maik taumelt in ein Gefühlschaos hinein, denn Lynn und er kommen sich ständig näher. Besonders an jenem Abend, als sie ihn bittet, vor ihren Freundinnen ihren Geliebten zu mimen. Das anfängliche Spiel steigert sich zur Realität. Bei beiden war es Liebe auf dem ersten Blick. Als Maik in Folge erfährt, dass er nicht eine bezahlte Begleitung seines Auftragsgebers bewacht, sondern dessen Tochter, ist das Chaos perfekt. Maik und Lynn gehen vorerst auf Distanz, halten es aber auf Dauer nicht aus. Kann die Liebe im Hinblick auf den Vater, den Kollegen und den Verfolgern überhaupt bestehen?

Ein rasanter und erfrischender Liebes- und Spannungsroman. Sonja Rüther versteht es, stets gut zu unterhalten. Irgendwie schafft die Autorin es, dass man sich in ihren Texten zügig wohl fühlt und gebannt der Handlung folgen möchte. Die Sprache ist den Charakteren und der Handlung angepasst  und bietet somit feines Kopfkino.

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Helen Wolff: „Hintergrund für Liebe“

Hellen Wolff Hintergrund für Liebe Weidle

Das Buch ist ein literarisches und verlegerisches Ereignis. Es ist ein schöner Sommerroman, der biographische Züge trägt. Es ist aus der Sicht einer jungen, fast mittellosen Frau geschrieben, die mit einem reicheren Mann nach Frankreich reist. Es ist eine Flucht aus dem braunen, einengenden und düsteren Deutschland in das lichte, offene Frankreich. Er will ihr das pralle, überschwängliche Leben präsentieren, während sie das leichte, unbeschwerte Leben und ihre Freiheit sucht. Seine leichten Exzesse zerstören das Verbindende und stellen den Hintergrund ihrer Liebe in Frage. Sie tritt aus seinem Schatten und verlässt das Passive, um die wahre Fülle des Lebens, der Kultur und der Umgebung zu empfangen. Durch ihre Trennung und das Finden ihres Selbstbewusstseins kann sie ihn, durch ein zufälliges Wiedersehen, leicht verwandeln und den beidseitigen Hintergrund ihrer Liebe zurückerobern.

Der zwanzig Jahre ältere Mann in dieser Erzählung ist der legendäre Verleger Kurt Wolff, die Frau Helen Mosel, später Helen Wolff. Sie war eine der bedeutendsten Verlegerinnen des 20. Jahrhunderts. Sie schrieb ebenfalls Dramen, Skizzen und diesen Roman, der erst jetzt zum ersten Mal veröffentlicht wurde. Eventuell lag es auch daran, dass der Roman „Hintergrund der Liebe“ nie verlegt wurde, weil Helen Wolff bei autobiografischen Romanen stets selbst sehr kritisch war und diese oft auch als mindere Literatur ansah. „Hintergrund der Liebe“ ist aber großartige Literatur und bringt einem die große Verlegerin näher.

Die Erzählerin reist mit ihrem älteren Geliebten nach Frankreich. Er lebt auf großem Fuß und zelebriert die Eleganz und das leicht Pompöse. Sie hingegen sucht das Einfache, das Licht durchflutete mediterrane Leben. Er will sie für seine Welt begeistern und sieht nicht, dass er sie hiermit verlieren könnte. Die politischen Grenzen haben sie verlassen, aber nicht die eigenen, die sie zunehmend einengen und sie reißt aus. Sie löst sich von ihm, leicht trotzig und eifersüchtig, und sucht für sich eine passende Sommer-Idylle. Diese findet sie in einer kleinen, spartanischen Hütte in Saint-Tropez. Dort verlebt sie mit einer jungen Katze und den neugefundenen Freunden eine angenehme Zeit. In dieser Periode lernt sie, für sich selbst zu handeln und zu sorgen. Auf einem Tanzfest trifft sie erneut auf ihren verlassenen Geliebten, der sie selbstbewusst und verändert wahrnimmt. Wird der Hintergrund für ihre Liebe erneut möglich werden? Die Geschichte gibt bereits die Antwort.

Ein wunderbar geschriebener Roman. Man erlebt alles mit den Sinnen. Man schmeckt, riecht und erfasst durch die Worte die Natur, Speisen und Getränke. Ein Roman, der uns die Sonne Frankreichs ins Herz scheinen lässt und gleichzeitig einen kurzen Einblick in das Leben der großartigen Verlegerin gewährt.

Der zweite Teil des Buches ist ein Essay von Marion Detjen, der Großnichte von Helen Wolff. Dieser liefert den Hintergrund zu „Hintergrund für Liebe“  und ist eine Kurzbiographie von Helen Wolff, dieser wahrscheinlich wichtigsten Verlegerin des 20. Jahrhunderts, Günter Grass nannte sie „meine eigentliche Verlegerin“, und Uwe Johnson widmete ihr seine „Jahrestage“.

Ein Buch, das eigentlich jeder Buchliebhaber haben und lesen sollte. Eine Bereicherung der Welt der Bücher und Literatur, die dank dem Weidle Verlag endlich das Licht der Welt erblicken durfte. Ein wunderschöner Sommerroman, der stets den Bogen zur Wirklichkeit findet und somit politisch, geschichtlich, emanzipiert und persönlich ist.  Die Einbandillustration stammt von Kat Menschik.

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Ashley Curtis: „Hexeneinmaleins“

Ashley Curtis Hexeneinmaleins Kommode Verlag

„Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage“ um die es sich auch in diesem unterhaltsamen Literatur-Krimi dreht. Es ist ein Shakespeare-Roman, in dem es sogar gleich um zwei spannende Fälle geht. Wer ist jener Professoren-Mörder, der im Roman sein Unwesen treibt und war wirklich Shakespeare selbst der Dramatiker, d.h. Verfasser seiner Werke?

Ashley Curtis, der als Autor, Lektor und Übersetzer tätig ist, spielt mit einer Verschwörungstheorie in der Welt der Literatur, in der Shakespeares Werke in Wahrheit von jemand anderen geschrieben gewesen seien. Es gab bereits schon viele solcher Ideen und Theorien. Man glaubte nicht, dass  William Shakespeare, der aus einfachen Verhältnissen kam, sich solch ein Wissen und solch eine Sprachgewandtheit angeeignet haben könnte. Es gab viele Vertreter dieser Shakespeare-Zweifler und es wurden einige Kandidaten als wahre Verfasser gesucht.

Die Handlung beginnt im Swan Theatre der Royal Shakespeare Company. Es wurde Macbeth aufgeführt. Das Publikum applaudiert und erhebt sich. Nicht aber Professor Thompson. Er liegt zusammengebrochen in seinem Theaterstuhl und die Sanitäter können nichts mehr für ihn tun. Der Professor war zu jenem Kongress angereist, zu dem die Shakespeare-Gesellschaft eingeladen hatte. Er war als einer der Gastredner eingeladen, die eine theatralische Showverhandlung führen wollten, um den wahren Shakespeare zu ermitteln. Thompson hatte im Vorwege verlauten lassen, er habe unumstößliche Beweise gefunden und wollte diese in seiner Rede darlegen. War es also ein Herzinfarkt oder starb der Professor an einer Fremdeinwirkung?

Georgina, eine Studentin von Thompson, will das Manuskript der Rede an sich bringen, damit der Shakespeare-Beweis gerettet wird und die ganze These um den Earl of Oxford, der seinen Anhängern nach Shakespeare als Pseudonym verwendet haben soll, zu entlarven. Doch findet sie das Hotelzimmer ihres damaligen Professors verwüstet vor. Jemand anderes scheint ebenfalls das Dokument mit der Rede gesucht zu haben.

Der Polizist Ian Stokes wird zu den Ermittlungen gerufen und mit dem Fall betreut. Ein Fall der nicht nur die verfeindeten Stratfordianer oder Oxfordianer beschäftigen wird, sondern auch die ganze Presse. Der „Mord in „Macbeth““ bleibt aber nicht der einzige und Stokes interessiert sich vorerst nicht für die ganzen Urhebergeschichten, sondern versucht mit seinem gewohnten Denken den Fall zu klären. Morde geschehen oft aus Habgier oder Neid. Doch verlaufen seine Ermittlungen vorerst ins Leere und er kann den Täter wohl nur finden, wenn er auch den wahren Shakespeare findet. Können gleich beide Fälle geklärt werden? Was hat das mit Macbeths Hexen zu tun?

… „Der Rest ist Schweigen“ …

Ein unterhaltsamer Roman, in dem man sehr viel um jene tatsächliche Auseinandersetzung mit der Urheberschaft Shakespeares erfährt. Ergänzt wird der Text mit einem Nachwort „Die Verfasserfrage oder in der Sache Oxford gegen Shakespeare“ von Frank Günther, dem Shakespeare –Übersetzer und –Kenner. Ashley Curtis hat einen fast schon typischen englischen Cosy-Crime geschrieben, der sprachlich und inhaltlich überzeugt und Spaß macht. Ein Krimi im Krimi sozusagen.

“When shall we three meet again, in Thunder, Lightning, or in Rain? When the Hurley-burley’s done, when the Battle’s lost and won.” (Shakespeare: “Macbeth”)

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Thomas Verbogt: „Wenn der Winter vorbei ist“

Thomas Verbogt Wenn der Winter vorbei ist Oktaven Freies Geisesleben Urachhaus

Ein stiller, langsamer Roman, der nicht nur durch die Handlung und Sprache zum Verweilen, Nachdenken und Festhalten anregt. Ein Spiel zwischen Wahrheit und Wirklichkeit. Was hat im Leben tatsächliche Bedeutung? Was berührt uns so sehr, dass es im Leben beständige Bedeutung hat? Wie weit haben Erinnerungen einen Einfluss auf die Gegenwart und wie lange sollte man an diesen beharrlich festhalten?

Der Roman wurde aus dem Niederländischen von Christiane Burkhardt übersetzt und war bereits für viele Preise nominiert. Der Autor schreibt zart, melancholisch, leichtfüßig, fast schon poetisch cineastisch und setzt sich mit einem Jugendereignis auseinander, dass den Protagonisten bis in sein späteres Leben hinein beeinflusst und sogar verändert.

Der alternde Schriftsteller Thomas hat eine neue Liebe im Leben gefunden und möchte mit dieser zusammenziehen. Vor dem Umzug ordnet er seine Sachen und mistet aus. Dabei werden seine Erinnerungen geweckt. Es sind Fragmente aus seiner Kindheit und besonders auf seinem Weg zum Erwachsenwerden. Auch reicht ab und zu ein kleiner Songschnitzel, um ihn in seine Vergangenheit zu katapultieren. Er erlebt das Abgelegte in dem Erzählzeitraum intensiver als seine Gegenwart. Dies ist einer seiner Charakterzüge, der ihn seit seiner Jugendzeit prägt. Er hat Schwierigkeiten sich zu öffnen, sich von Menschen oder Begebenheiten berühren zu lassen. Erst der Blick zurück, ermöglicht ihm das Erfassen. In seiner Kindheit war der schmerzhafte Verlust seiner Adoptivschwester ein prägender Moment. Seine Freundschaften und Beziehungen gestalten sich stets schwierig. Seine ersten Versuche in der Liebe scheitern, weil er es nicht zulassen kann, geliebt zu werden. Er wagt es nicht, sich berühren zu lassen. An der Schwelle zum Erwachsenwerden schafft es ein jüngeres Mädchen, ihn zu wecken. Durch zwei zarte, unschuldige Küsse wird er endlich, aber nur kurzfristig, aus seiner Schutzschicht, aus seinem seelischen Eis befreit.

In der Gegenwart muss Thomas lernen, was ihn wirklich ausmacht und was ihm im Leben wichtig ist. Ein Abwägen von Festhalten und Loslassen, im Gegenständlichen, aber auch in den Emotionen. Sein bisheriges Dasein wurde durch Scham und introvertierte Hemmnis geprägt. Erst als ihn immer mehr Dinge im Leben zu berühren scheinen und er immer wieder an Linn, das damalige Mädchen, denken muss, beginnt er sich für seine Wirklichkeit zu öffnen.

Ein leichter, schöner Roman über die entscheidenden Dinge im Leben. Ein Roman, der uns zeigt, dass alles, was uns berührt oder bewegt, wichtig ist. Seien es noch so kleine oder stille Momente, die auch diesen Text ausmachen.

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Paul Auer: „Fallen“

Paul Auer Fallen Septime

Irgendwie fällt es schwer, das Buch in Worte zu fassen. Ein Roman, der viele Grenzen ausdehnt und überschreitet. Der Inhalt ist magischer Realismus. Es ist ein schönes, wirres und verzauberndes Werk. Beim Lesen hat man stets das Gefühl, man wandle durch ein modernes Gemälde von Hieronymus Bosch. Paul Auer versteht es, den Leser sofort gefangen zu nehmen und ihn auf eine Reise durch Mythen, Märchen, Sagen und Wahrnehmungen zu treiben. Man hadert, wird verstört und doch groß belohnt. Immer wieder beobachtet man sich, wenn man das Lesen beendet hat, wie man die Bilder, Passagen oder Textzeilen erneut heraufbeschwört und durchdenkt.

Es beginnt mit dem Lichtträger, mit einem zentralen Motiv des christlichen Weltbildes, dem Höllensturz, beziehungsweise dem Engelsturz. Dieses Fallen ist nicht nur der Titel, sondern auch eines der Hauptmotive. Es geht um das Schicksal des oder eines Gefallenen. Es ist Christian, in dessen jungen Leben immer merkwürdigere Dinge passieren. Seine Realität vermischt sich mit Traum- und Mythenbildern. Seine Nachbarin, die beständig Goa-Trance-Musik hört, hat rote Augen. Zwei geheimnisvolle Flüchtlinge tauchen auf. Er träumt von der Fortführung der Geschichte Jesus in der Gegenwart.  Es gibt eine alte Sage um den Teufel, die seine Familie irgendwie berührt. Eigentlich hatte sich Christian bisher mit seinem leicht melancholischen Leben arrangiert. Doch nun wirken sich fremde, tote und mystische Lebenskrisen auf sein Leben aus. Alles beginnt zu zerfließen.  Sein Wunsch nach Idylle, Familie und Liebe steht dem Bösen gegenüber. Das Böse wächst und braucht immer mehr. Es wird nie satt… Als dann auch noch ein ominöses Foto auftaucht und sich die, im wahrsten Sinne des Wortes, roten Kreise um seine Wahrnehmung drehen, muss er seinen Mut zusammennehmen, um herauszufinden, was das alles mit ihm zu tun hat und eine skurrile Reise beginnt.

Ein Roman, der vieles heraufbeschwört und irgendwie verzaubert. Der Verstand und die Emotionen werden gedehnt, provoziert und gereizt. Alles auf irre und schönste Weise.

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Anne Tyler: „Der Sinn des Ganzen“

Anne Tyler Der Sinn des Ganzen Kein & Aber

Wieder ein so kleiner feiner Roman von Anne Tyler. Erneut erschafft die Autorin eine Welt in der das Alltägliche, das Unwesentliche viel Raum und Hinwendung bekommt. Die Handlung ist fast schon schlicht, mindert aber niemals die literarische Tiefe der großen amerikanischen Erzählerin. Die Begebenheiten und Schicksale werden durch die Kleinigkeiten groß und für den Leser sehr zugänglich und erfahrbar.

Erzählt wird die Geschichte von Micah Mortimer, einem sehr peniblen Menschen, der seine Ordnung sucht und braucht. Er vermenschlicht Gegenständliches und macht dies auch oft im Umkehrschluss. So ist auch der eigentliche Titel „Readhead by the Side of the Road“ für das Werk viel treffender. Denn ein roter Hydrant weckt bei Micah auf seiner täglichen Joggingrunde oft den Eindruck, es würde dort jemand stehen. Micah hat durch seine introvertierte Art Probleme mit seinen Mitmenschen. Er lebt alleine, hat aber eine Freundin, die ihn ab und zu besucht. Sein Alltag ist streng reglementiert und bei seinen Tätigkeiten führt Micah gerne Selbstgespräche. Er hat sich als Computerfachmann selbstständig gemacht und wirkt in dem Mehrfamilienhaus, in dem er zur Miete im Souterrain lebt, auch als Hausmeister.

Seine Lebenspartnerin Cass ist als Lehrerin tätig und hat ebenfalls ihre Eigenarten, die Micah und sie verbinden. Ihre Partnerschaft ist eine eher geduldete als eine stark emotionale oder leidenschaftliche. Sie leben in getrennten Wohnungen. Cass lebt als Untermieterin bei einer Frau, die eventuell bald ganz zu ihrem Freund ziehen wird. Leider hat die tatsächliche Mieterin eine Katzenhaarallergie und Cass hat gerade eine streunende Katze aufgenommen und ist erwischt worden. Nun befürchtet sie, dass ihr Untermietvertrag jederzeit gekündigt werden könnte. Da Micah und sie nie wirklich Klartext miteinander sprechen, reden die beiden oft nicht über ihre eigentlichen Wünsche und Belange. Cass würde sich wünschen, bei Micah einziehen zu können, doch ist in sein Gästezimmer gerade ein unerwarteter Gast eingezogen. Cass Gefühle sind verletzt und sie stellt die Beziehung in Frage.

Brink, ein Teenager, ist bei Micah aufgetaucht und meint, dessen Sohn zu sein. Brink ist tatsächlich der Sohn einer Jugendliebe von Micah. Doch kann er wirklich der Vater von Brink sein? Gelingt eine Versöhnung zwischen Micah und Cass?

Mit Hingabe für die Figuren wird ein kleines zwischenmenschliches Panorama entworfen, das mit Charme und Witz erzählt wird. Der Einblick in das Herz und den Kopf eines Mannes, der anfänglich meinte, die Kontrolle zu haben. Das Buch wurde aus dem Amerikanischen von Michaela Grabinger übersetzt.

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Benjamin Myers: „Offene See“

Benjamin Meyers Offene See Dumont

Ein bewegendes Lesererlebnis voller Leben, Poesie und Leidenschaft. Der Verlag hatte im Vorjahr mit „Alte Sorten“ von Ewald Arenz einen Buchhändlerliebling und Überraschungserfolg herausgebracht, der nun wohl mit „Offene See“ durch Intensivität und noch mehr Charme überboten wird. Der Roman von Benjamin Myers heißt im Original „The Offing“ und wurde aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann übersetzt.

Es ist ein Text, der voll ist und dennoch nicht überschäumt. Ein Werk, das begeistert, überrascht und eine nachdenkliche Stimmung aufbaut. Es beginnt gleich voller Leben, Natur und Tatendrang. Es ist ein Aufbruch, der einem Ausbruch folgt. Ein Ausbruch aus der Enge des vermeintlich Kommenden im Leben und ein Aufbruch, um, zumindest in jungen Jahren, das Leben und die Natur unbändig erleben zu dürfen. Der Schrecken des Krieges ist vorbei und dennoch ist das Leben von diesem noch geprägt. Die Handlung spielt in England im Jahr 1946. Der sechzehnjährige Robert empfindet eine Sehnsucht zum Meer. Er begibt sich auf eine Wanderung, bevor er seiner Bestimmung unter Tage folgen soll. Seine schulischen Prüfungen sind abgelegt doch fehlen noch die Ergebnisse. Bevor er im Kohlebergwerk tätig wird, treibt es ihn an die Küste. Einmal möchte er das Meer sehen und erleben.

Als er bereits einige Tage unterwegs ist und die Küste schon sichtbar ist, trifft er auf Dulcie. Robert ist sofort herzlich willkommen und freundet sich mit der unkonventionellen älteren Dame und ihrem Hund an. Dulcie lebt ein Leben, das sich Robert nicht erträumen konnte. Sie lebt in den Tag hinein und gibt sich ganz ihren Empfindungen und Bedürfnissen hin. Lust ist für sie ein menschliches Recht. Die Lebensmittelknappheit scheint bei Dulcie niemals geherrscht zu haben. Ihr Garten, die Bauern und Fischer der nahen Umgebung versorgen sie. Robert wird Gast in einer ihm fremden Welt, die ihn berauscht. Neben dem leiblichen Wohl versorgt Dulcie Robert auch mit geistiger Nahrung in Form von Lyrik und Literatur. Er lernt durch diese zufällige Begegnung wahre Freundschaft, Kunst und Leidenschaft zum geschriebenen Wort kennen. Robert zeigt sich erkenntlich und bearbeitet den Garten und besonders die Hütte, die vor längerer Zeit als ein Atelier gedient hatte. Er bringt alles in Ordnung, stößt dabei aber auf eine schmerzvolle Vergangenheit, die Dulcie umnebelt. Als er die Hecken zum Meer stutzen möchte und er ein lyrisches Manuskript findet, das ihr gewidmet wurde, verschließt sich Dulcie in eine unausgesprochene Trauer und verbietet Robert, weiter die Hecken zu schneiden oder vorerst der Geschichte nachzugehen. Doch hat es alles mit der offenen See zu tun, so auch der Titel jenes gefundenen Manuskripts.

Ein wunderbarer Roman, der eigentlich von jedem Buchliebhaber gelesen gehört. Ein Roman voller Naturbeschreibungen, tiefgründiger Charakterisierungen und einer Geschichte, die sehr berührt. Ein Roman, der den Lebenswillen mit der Poesie verbindet. „Gedichte gehören der Welt. Man entscheidet sich dafür sie zu lesen oder nicht. Sie sind größer als ein einzelner Mensch“ Benjamin Meyers.

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Katrine Engberg: „Glasflügel“

Katrine Engberg Glasflügel Diogenes

Nach „Krokodilwächter“ und „Blutmond“ endlich der dritte Band der Kopenhagen-Thriller-Reihe. Endlich ein Wiedersehen mit dem charmanten Personal um Jeppe Kørner, Anette Werner, Esther de Laurenti und nicht zu vergessen mit der dänischen Metropole selbst, der Stadt Kopenhagen. Neben der Rönning-Stilton-Serie – d.h. „Die Springflut“ – wohl eine der besten skandinavischen Krimi-Serien.

Der Schreibstil ist leicht und dennoch schön, humorvoll und angenehm flüssig. Durch die Beschreibungen werden das Stadtleben, das jeweilige Setting und die Charaktere wie in den Vorgänger-Romanen sehr lebendig. Der Spannungsbogen wird beständig erhöht und man ist traurig, wenn man Kopenhagen mit seinen literarischen Freunden nach Beenden der Lektüre wieder viel zu schnell verlassen muss.

Es beginnt mit einem Leichenfund mitten in der Innenstadt. Ein Zeitungsjunge findet im ältesten Brunnen der Stadt einen Toten. Soviel sei verraten, es bleibt nicht bei diesem einen Mord. Die Toten haben mehrere Verbindungen. Sie werden in Brunnen, d.h. im Wasser aufgefunden und die Mordwaffe ist merkwürdig altertümlich. Ebenfalls scheint der Täter die Leichen mit einem Lastenfahrrad abzuliefern. Jeppe Kørner muss leider vorerst ohne Anette Werner ermitteln, denn diese muss sich mit ihrer neuen Aufgabe als Mutter arrangieren. Das Bild, das sich um die Leichenfunde aufbaut, wird langsam deutlicher und doch auch dubioser. Das Wasser als Bild der Läuterung und Reinigung bekommt durch die Wunden, die die Opfer haben, eine unheimliche Vertiefung. Die Ermittlungen von Jeppe und seinem Team ergeben, dass es sich eventuell um ein Schröpfmesser handelt. Die Ermordeten werden somit im wahrsten Sinne des Wortes zur Ader gelassen und sterben qualvoll. Wer hat solche Wut, die er so an den Opfern ausleben will?

Anette, die mit ihren Muttergefühlen hadert, sehnt sich nach der Polizeiarbeit und unterstützt mehr oder weniger willkommen die Polizei und ihren Kollegen. Jeppe kann diese Hilfe letztendlich auch gut gebrauchen, denn sein jetziger Kollege ist nicht der schnellste und nützlichste Partner, den Jeppe durch Anette gewohnt ist.

Das Verbindende der Morde ist eine nicht mehr aktive Jugendpsychiatrie. Dort hat es eventuelle Missstände gegeben und es gab dort sogar einen Suizid. Es wird, wie auch im Prolog vorangestellt, immer deutlicher, dass es sich bei diesem Fall eventuell um das Gesundheitssystem drehen könnte.

Ein Krimi, der mich gefesselt und sehr gut unterhalten hat. Jetzt heißt es leider wieder auf die Fortsetzung warten….

KATRINE, Sonja und ich

Katrine Engberg, Sonja und ich 2018 in Kopenhagen

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Pedro Mairal: „Auf der anderen Seite des Flusses“

Auf der anderen Seite des Flusses Pedro Mairal mare

Ein Tag genügt, um das ganze Leben durcheinanderzuwirbeln. Durch den Wunsch nach Freiheit und nach einem geordneten Leben gerät der Protagonist in einen Strudel von Ereignissen, die ihn mitreißen und taumeln lassen. Es ist der Bericht oder sogar der spätere Roman eines fiktiven argentinischen Schriftstellers, der seine Taten auf einem Kurztrip nach Montevideo beichtet.

Der Schriftsteller, Lucas, erzählt dies rückblickend seiner Frau, Catalina. Er wollte sich finanziell von ihr, die ihn bisher immer mit Geld unterstützt hat, lösen. Um die Gebühren und die Steuer zu umgehen, wollte Lucas nach Montevideo reisen und seine Honorare für zwei neue Buchverträge einlösen. Mit dem Geld wollte er sich seine zukünftige Zeit zum Schreiben finanzieren und Catalina wirtschaftlich entlasten. Seine Ehe und sein Selbstbewusstsein leiden seit längerem. Seit einiger Zeit keimt in ihm das Gefühl, dass seine Frau, mit der er einen Sohn hat, jemanden anderes lieben könnte. Er zweifelt an ihren Gefühlen und ist ihr ebenfalls kein treuer Ehemann. Von der Tagesreise erhofft er sich neuen Aufschwung und frische Energie.

Bereits beim Reiseantritt und der Überquerung des Rio de la Plata beginnt er sich an seine damaligen Aufenthalte in Uruguay zu erinnern. Auf einer Literaturveranstaltung hat er damals Guerra kennengelernt, die er nun unbedingt wiedersehen möchte. Es ist ein unbändiges Verlangen, das ihn antreibt. Seine ganzen Bemühungen, eine Affäre zu beginnen oder sein Honorar sicher nachhause zu bringen, schleudern ihn in Situationen, die ihn läutern und aus seinen Tagträumen aufwachen lassen. Die Versuchungen, die auf ihn warten und das Verlangen, das in ihm brennt, werden ihn in einen Strudel werfen, der ihn in einen für ihn ungeahnten Wendepunkt in seinem Leben entlässt.

Ein kurzweiliger, aber kraftvoller Roman, der mit dem Kontrollverlust im Leben spielt. Mit etwas Düsternis und viel Ironie verfolgen wir den taumelnden Schriftsteller auf seinem Kurztrip in sein Verderben oder seinen Neuanfang. Die Kluft zwischen dem Wunschdenken und der Realität wird hier gekonnt und mit herzhafter Leichtigkeit erzählt.

Aus dem argentinischen Spanisch übersetzt wurde der Roman, mit dem Pedro Mairal sein internationaler Durchbruch gelang, von Carola S. Fischer.

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