Nach vielen Jahren gibt es endlich wieder etwas von Robert Schneider („Schlafes Bruder“) zu lesen. In der ersten Geschichte erahnt man, was ihn die Zeit über umtrieb. Es sind stets eineinhalb Seiten, die uns auf das wesentliche blicken lassen. Wir erlesen das Einfache, das Besondere und das, was unser Leben ausmacht. Mit den kurzen Texten erfassen wir das vermeintlich Bedeutungslose, um das Bedeutungsvolle, zum Beispiel den Himmel, erkennen zu können. Mit diesem Werk verfolgt man unter anderem Adorno lesende Einkaufswagen oder einen Obdachlosen, der einem frechen Jungen den Himmel aus einem Gully heraus zeigt.
Die Kurzprosa ist wandelbar und berührt, regt an oder lässt einen innehalten. Mit einer Leichtigkeit wird hier Pathos, Gefühl und Zartheit lebendig und verliert niemals den Bezug zur schönen und großartigen Literatur.
Viele Texte kehren sich am Ende um und verblüffen. Andere belegen die Wandelbarkeit des Lebens oder die übersehenen Hauptmerkmale des Alltäglichen. Das Buch ohne Bedeutung ist somit ein Werk voller Bedeutsamkeit. Eine kluge, witzige und anregende Textsammlung. Das Schlichte wird hier bewusst gezeigt, um darin das Große zu offenbaren. Ein kleiner, feiner Leseschatz.
Ein Spannungsroman, der doch so ganz anders ist. Wer Tobias Sommer kennt weiß, dass in seinen Harmonien meist tiefe Abgründe lauern. Bereits mit seinen vorherigen Werken versteht der Autor mit einer Leichtigkeit Stimmungen zu kreieren, die er in Folge kontinuierlich aufbaut. Auch sein literarisches Können versteht er stets zu steigern. Das Provinzielle und vermeintlich freundliche Erscheinungsbild bekommt in seinen Texten immer etwas Skurriles und das Alltägliche verwandelt sich zuweilen in Grausliches.
Im Leseschatz hatte ich bereits mal prophezeit: Der Autor Tobias Sommer, der in Schleswig-Holstein lebt, hat bereits viele Preise erhalten und wird wohl in der deutschen Literaturszene kein Insidertipp mehr bleiben. Die ersten Schritte sind dahin gemacht und das vorliegende Buch ist erneut ein tolles Gedankenspiel und nebenbei kluge und spannende Unterhaltung.
„Das gekaufte Leben“ stellt die Frage, ob man einen Neuanfang, ein gänzlich neues Leben erwerben kann. Clemens Freitag ist an einem Punkt im Leben angekommen, wo er hadert und keinen Ausweg mehr sieht. Er ist beruflich und privat gescheitert. Da findet er eine ominöse Anzeige im Internet, dass jemand sein Leben verkaufen möchte. Clemens Freitag zögert nur kurz und gibt sein ganzes geerbtes Geld aus und schaut fortan erwartungsvoll auf seinen Neuanfang.
Der Verkäufer, Götz Dammwald, hinterlässt nicht nur sein Leben, sondern auch ein luxuriöses Haus nebst einem Gästehaus in einem kleinen Dorf Zaun in der ostdeutschen Provinz. Ein Dorf in der Abgeschiedenheit und auf dem Kartenmaterial kaum zu finden. Ist das Dorf, das etwas Abgrenzendes im Namen trägt, ein günstiger Ort für einen Neuanfang? Alles wirkt steril, sauber und freundlich. Das Haus wirkt unbelebt, als Clemens Freitag dort einzieht. Auch die Kleidung hat Dammwald dort belassen. Diese passt Clemens und somit schlüpft er in ein neues Leben. Doch ist es ja kein wirklich Neues, denn es wurde bereits vorbelebt. Auch den Job und die Freunde kann Clemens übernehmen. Freunde, die wie er gerne angeln und sich in der Dorfkneipe treffen. Sein Job ist in der Reklamationsabteilung eines Jagdversandhandels „Jagen24“ (Sommer-Leser vermuten in der Zahl nicht nur einen Bezug zur Stundenzahl sondern zählen innerlich weiter bis 135).
Zaun liegt an einem See, der tiefer ist, als er wirkt. So verwandelt sich auch das oberflächliche Gebilde des neuen Lebens. Eine anonyme Warnung ist auf den Gartenschuppen gesprüht worden. Ein Finger wurde aus dem See gefischt und nächtlich bekommt Clemens Besuch von einem Hund, der warnend oder bedrohlich bellt. Ist das perfekte, neue Leben eventuell gar nicht so gut, wie es anfänglich wirkte? Was birgt das Leben für Geheimnisse und welche Geister schlafen nicht?
Ein Roman der dramaturgisch gekonnt die Spannung aufbaut. Das Düstere, das erst langsam aus der glatten Oberfläche emporsteigt, wird immer spürbarer und die Risse in der gekauften Idylle platzen immer mehr auf. Der Text ist metaphorisch und enorm stimmungsvoll. Die Gedankenbilder haben etwas leicht Verspieltes und wirken dadurch länger nach. Ein kluger, eleganter Roman. Die Handlung liest sich krimihaft, bedient sich aber nie wirklich solcher stereotypen Muster und vertieft viel mehr ohne große Anstrengung beim Leser diverse Fragen.
Es wird vom Autor noch mehr zu erwarten sein, denn der Leseschatz weiß, es entstehen noch weitere, großartige Werke, die bereits unveröffentlicht Leseschätze sind, denn ich durfte bereits etwas lesen… Aber auch dies schlummert unterhalb der sichtbaren Oberfläche …
Ein moderner Gesellschaftsroman, der viele große Themen der Gegenwart beinhaltet. Durch die Kunstform der Vignetten wirkt der Inhalt aber niemals überladen, sondern bietet eine Kurzform an, die zu den Charakteren auf eine beobachtende Distanz geht. Es geht um das Schwarzsein in unserer Gesellschaft, besonders in der gehobenen Gesellschaftsklasse. Im Finanzsektor muss sich die Heldin den alltäglichen sexistischen und rassistischen Anspielungen stellen. Die Handlung spielt in Großbritannien und die Erzählerin erkennt, dass sie für ein System Steuern zahlt, dass sich auch zum Beispiel durch Schadenszahlungen an ehemalige Sklavenhändler mit aufgebaut hat.
Es geht um eine Frau, die mit Ehrgeiz innerhalb einer Bank Karriere macht. Das Kollegium, in dem sie sich bewegt, wirkt zuweilen kindisch, oberflächlich und großspurig. Sie ist in England geboren, dennoch muss sie sich immer noch erklären. Der Rassismus ist wie eine Krankheit. Wie Krebs, der Metastasen streut. Davon bleibt die Protagonistin nicht nur als Bild verschont. Sie muss lernen für ihr Leben zu handeln und für sich einzustehen.
Durch ihre Beziehung zu einem Mann, der sich durch sein familiäres Erbe in der Upper Class gewohnt bewegt, wirkt es, als würde auch sie in gehobenen Kreisen mitspielen können. Sie ist eingeladen zu einer Familienfeier und fährt mit dem Zug in die Richtung der Feierlichkeiten. Somit wird auch diese Reise ein Bild, das durch die Handlungsbewegung in das Leben der Protagonistin hineinschaut und dabei durch die Gesellschaftsklassen durchzoomt. Der Blick aus dem Fenster des fahrenden Zuges zeigt eine zur Seite gescrollte Landschaft. Am verabredeten Bahnhof wird sie abgeholt und es geht weiter zum Landsitz der Familie ihres Partners. Ein Partner, der sich aber anscheinend mit ihr schmücken möchte und in ihr etwas Exotisches sieht. Durch ihrer Anwesenheit möchte er sein Ansehen erheben.
Sie, die Schülern und Studenten Vorträge über das Finanzsystem im Auftrag ihrer Bank hält, ahnt das wahre Spiel hinter jeglichen Kulissen. Sie erkennt, dass die Ungerechtigkeit in der Gesellschaft festverwurzelt ist. Eine schwarze Frau, die sich in einer männerdominierten Welt fragen wird, wie sie mit dem Erbe der Gesellschaft leben kann.
Ein leicht ironischer Text über Immigration, Feminismus und den bitteren Blick hinter die Kulissen der Finanzwirtschaft. Die alltäglichen Anfeindungen, Aggressionen und Beleidigungen wirken hier nicht erdacht, sondern stets erlebt. Die Protagonistin hat mit der Autorin Natasha Brown etwas gemeinsam. Nach ihrem Mathematikstudium war sie lange im Londoner Finanzsektor tätig.
Ein Roman, der kurzweilig ist und Bilder heraufbeschwört, die leider immer noch die Wahrheit zeigen. Durch die kurzen Kapitel und Abschnitte ist es ein Gesellschaftsroman im Schnelldurchlauf mit einer komplexen Tiefe. Durch die Distanz zu den Figuren, besonders zum schnöseligen Umfeld der Heldin, bekommen die Menschen etwas Austauschbares, denn sie sind wohl immer noch unter uns. Der tägliche Kampf, nicht mehr einfach ein Objekt zu sein, steht dabei im Mittelpunkt.
Die Übersetzung aus dem Englischen stammt von einer Autorin, die selbst schon Leseschätze geschrieben hat: Jackie Thomae.
Dieses Buch ist etwas ganz Besonderes. Mal keine Übersetzung von Wolfgang Schiffer, sondern ein kleines Büchlein von ihm selbst. Eine lyrische Reise in seine Erinnerungen. Die Retrospektive beinhaltet seine Kindheit und sein Blick wandert dabei von seinen Eltern zu den sozialen Umständen in der Gegenwart. Die Liebe zur Landschaft und der Natur prägten ihn wie auch seine Leidenschaft zur Sprache. Die Kraft des Wortes, das Wissen, Emotion und Bilder aus dem Nichts heraufbeschwört, ist sein Handwerk, das er stets gekonnt einzusetzen versteht und in Kunst verwandelt.
Wolfgang Schiffer studierte Germanistik, Philosophie und Theaterwissenschaften. Er arbeitete beim Rundfunk und hat Hörspiele, Romane, Bühnenstücke und Lyrik verfasst. Er ist als Herausgeber und Übersetzer tätig und sein Augenmerk liegt in der isländischen Literatur und Lyrik. Ihm haben wir es zu verdanken, dass wir Zugriff auf zeitgenössische isländische Lyrik erhalten.
Mit seinem aktuellen Werk „Das die Erde einen Buckel werfe“ lässt er einen Blick in seine Welt zu. Ein kleines Werk, das mehrfach gelesen immer mehr preiszugeben vermag. Seine Hingabe zu den Landschaften, die ihn prägten, sei hier genauso zu erwähnen, wie seine Liebe zu seinen Eltern. Das bescheidene und einfache Elternhaus wird in seinen Erinnerungen im Café sitzend sehr lebendig. Er genießt den Augenblick und lässt seinen Gedankenfluss zu, den er lyrisch fixiert. Mit ihm wandern wir durch die Zeit. Eine Zeit, die sein Leben umkreist, aber innerhalb einer Woche festgehalten ist. Die sieben Kapitel sind den Wochentagen zugedacht. Und der Alltag wandert von Montag zu einem festlicheren Sonntag. Am Anfang steht stets ein kleiner Text, der einen Blick auf die Situation verschärft, aber in der Prosa bereits schöne Poesie versprüht. Darauf folgt für jeden Tag die sogenannte Wochenkarte, in der die möglichen Tagesmahlzeiten die Lebenssituation klanglich beschreiben. Da ihm die Muttersprache fehlt, gibt es die Wochenkarte stets in einer hochsprachlichen Version und in einer muttersprachlichen Rekonstruktion. Wobei sich die Frage stellt, ob in Bezug zum Inhalt nicht auch eher von Vatersprache die Rede sein sollte. Seine Erinnerungen sind durchdrungen von Liebe und erklingen freudig, aber auch schmerzvoll.
Sein Blick wandert vom Privaten in das Umfeld. Der Augenblick geht vom Inneren in das Äußere und erhält etwas Melancholisches, Verzweifeltes und dezent Wütendes. Er betrachtet unser menschliches Miteinander und unseren Umgang mit der Natur. Er stellt unter anderem in seinem Lamento und Eingeständnis folgendes fest: „wann endlich werden wir einsehen / dass die Angst vor dem Untergang des Menschen geringer sein sollte als die Angst vor der Aussicht / dass er überlebt.“ Doch letztendlich blickt Wolfgang Schiffer bei seinen Betrachtungen auch in den Spiegel. Dabei verliert er niemals seinen Glauben an die Kraft des Wortes und der Sprache. Der Ausdruck ist stets das Licht in der Lyrik. Die Form gibt Halt für einen Inhalt, der zum Nachsinnen und Nachfühlen einlädt. Ein wunderbarer Leseschatz.
Wer mehr von Wolfgang Schiffer nach der Lektüre sehen oder hören möchte, kann ihn auf Leseschatz-TV erleben:
Nach „Kronsnest“ ist „Habichtland“ die gelungene Fortführung des ländlichen Lebens der 1920er Jahre in Schleswig-Holstein. Erneut wird das Politische privat.
Fast schon sinnlich und greifbar wird in dem Romanzyklus der bäuerliche Alltag beschrieben. Man meint stets, die Räumlichkeiten und die Tiere förmlich riechen zu können.
In „Habichtland“ breitet sich die Beklemmung der damaligen Zeit aus. Man erfühlt förmlich die politische Enge und den unerträglichen Druck, der auf der Hauptfigur Hannes lastet. Die anfängliche Angst, in der Dorfgemeinschaft etwas Falsches zu sagen oder aus der Sicht der strengen Beobachter fälschlich zu handeln, wird durch die sprachlich eingefangene Stimmung erfahrbar.
Die innere Beklemmung, die ein Handeln fordert, steht in „Habichtland“ im Vordergrund.
Florian Knöppler hat ein feines Gespür für die Charaktere, deren Dialoge, die Landschaften und die persönliche Auswirkung der anfänglichen Dunkelheit, die sich damals über das Landleben ausbreitete. Eine Dunkelheit, die als Schrecken über ganz Europa herzog.
Florian Knöppler versteht es, durch seine Sprache und die erzeugten Bilder ein großes Gesellschaftsgemälde zu fertigen.
Danke für mein Zitat auf dem Buchumschlag
Der Romanzyklus beginnt mit „Kronsnest“. Kronsnest ist ein Dorf in der Elbmarsch. Hier lebt man hauptsächlich von der Landwirtschaft. Die Großbauern verstehen es teilweise, die um sich greifende Armut auszunutzen und ihre Ländereien zu vergrößern. Die alltäglichen Sorgen der kleineren Höfe und deren Bauern, die um ihre nackte Existenz kämpfen, greifen um sich. Auch der Hof von Hannes Eltern ist betroffen.
Hannes muss lernen, sich abzugrenzen. Auch im Dorfleben, denn hier macht sich auch ein neuer politischer Wind breit. Der Nationalsozialismus wuchert bereits in diesem Umfeld. Die inneren und politischen Spannungen nagen an Hannes Seele. Besonders aber seine Gefühle zu der geheimnisvollen Mara, deren Liebe er für sich gewinnen möchte. – Mehr hier im Leseschatz
Was erblickt man, wenn man in einen blinden Spiegel schaut? Eine Verzerrung der Wirklichkeit. Etwas, das durch Schlieren nur wenig Raum lässt, um das ganze Bild zu erfassen. Sehen wir das Gegenüber so wie es ist oder lediglich den Abglanz, der das Ich schemenhaft reflektiert? Dies sind die alleinigen Fragen, die der Titel bereits offeriert. Im Text geht es um die Willensfreiheit und um die Frage, ob es diese überhaupt geben kann.
Der Roman liest sich wie ein französischer Chanson und birgt in sich eine traurige Ballade. So ist jedes zu Herzen gehende französische Lied meist von Melancholie und einem Drama durchdrungen. Doch erklingt es anmutig und wunderschön. Die Aufteilung in der „Blinde Spiegel“ ist gleich einem klassischen Drama und besteht aus fünf Akten, d.h. Kapiteln. Gleich am Anfang spürt man ein aufkommendes Drama. Der Erzähler ist Lui, der den Drang hat, seine Geschichte mit Elle zu Papier zu bringen. Er möchte nichts verschweigen und beginnt seinen Bericht, der wie ein schöner Liebesroman anfängt. In Folge zeigt sich, dass Lui in Haft sitzt und dem Liebespaar etwas Schreckliches passiert sein muss.
Lui ist Fluglotse mit schlechtem Orientierungssinn. Er ist ein getriebener und flüchtiger Mensch. Wenn er eines Ortes überdrüssig ist, wechselt er den Flugplatz und beginnt, sich neu zu orientieren. Nach England ist er nun in Frankreich, in Paris, gelandet. In einem Café lernt er Elle kennen. Beide verlieben sich ineinander. Sie beginnen eine Affäre, da Elle mit einem vermögenden Unternehmer und aufstrebenden Politiker verheiratet ist. Ihre Liebe beginnt zart. Doch aus der Zartheit entsteht eine Körperlichkeit, die Lui auch zuweilen abschreckt. Beide finden durch ihre seelische Verlorenheit in dem Anderen eine Geborgenheit und mieten eine Wohnung für ihre Treffen. Eine Verbundenheit, die aber wenig vom Anderen zeigt, denn Elle bleibt auch mal für längere Zeit weg. Sie besteht darauf, dass ihre Ehe unzerstörbar ist, weil sie ihrem Mann gehöre. Dies verstört Lui und er will mehr erfahren. Als er in die Villa von Elle und ihrem Ehemann, der oft auf Dienstreise ist, einbricht, zeigt sich etwas, dass sein Bild von ihr verändert.
Elle ist geprägt durch die narzisstische Liebe ihrer Mutter und kann sich von dieser kranken Liebe nicht befreien. Auch in ihrer Ehe wird sie dominiert. Lui und Elle ahnen, dass ihre gefundene, wahre Liebe kein glückliches Ende haben darf. Lui, der aus einer Zelle heraus die Vergangenheit reflektiert und bis zur Katastrophe alles ganz genau beschreibt, beendet seinen Bericht mit einer Mehrdeutigkeit. So ist auch das ganze Werk verfasst. Stets keimt eine große literarische und psychologische Tiefe in den Zeilen, die eine Vieldeutigkeit zulassen. Die Sprache ist wortgewaltig und fließt von einer klaren Schönheit zu einer tiefen Traurigkeit. Neben dem Lebenshunger taucht immer etwas Verderbliches auf. Wie in einem Vanitas blickt man stets neben dem Lebenden in etwas Vergängliches. Zum Beispiel ist es ein Zugunglück, das Lui und Elle in ihrer Liebe näher zusammenbringt. Solche Bilder zeigen, dass wir oft keine Gewalt über das Leben haben.
Salih Jamal beweist erneut sein Talent für tiefgründige Geschichten. Seine Sprache und Charakterisierungen verstehen zu begeistern. Der Hunger und der Schmerz sind stets spürbar. Ein melancholisches, schönes Werk. Ein kleiner Roman, der in sich Großes verbirgt, denn Salih Jamal hat sich erneut an großen Vorbildern wie zum Beispiel Ogawa („Hotel Iris“) oder Sartre orientiert. Am Ende des Textes stellt man sich die Frage, ob es die freie Entscheidung gibt oder ist diese eine Illusion?
Das Lesejahr 2021 war ummantelt von drei Größen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Mirko Bonné, Gert Loschütz und Stephan Thome. Alle drei eint die Liebe zur Sprache, zur Geschichte und zum guten Erzählen. Alle drei Autoren nehmen sich Zeit für ihre Stoffe. Ihre Erzählweise und der Aufbau ihrer Werke sind still, langsam und stets tiefgründig. Ihre aktuellen Romane haben einen historischen Hintergrund, der durch die Geschichte die Gegenwart erklärt. Dies sind Autoren, die es verstehen zu begeistern. Stephan Thome hat erneut einen Blick nach Asien geworfen und erklärt uns durch seine Literatur die schwierige Geschichte seiner Wahlheimat Taiwan. Es ist ein Entwicklungs- und Familienroman und eine abenteuerliche Geschichte, in der auch die Liebe vorkommt. Der Roman versteht es sofort, durch die Sprache, die Charaktere und die Handlung zu fesseln.
In den Jahren 1894/95 führten das chinesische und das japanische Kaiserreich einen Krieg. Das Kräftemessen hält beständig an und greift bis in unsere Gegenwart. Als China verlor, musste es die Provinz Taiwan als Kolonie an den Sieger abgeben. Nach dem Ausbruch des Pazifischen Krieges wurde die Assimilierung von Seiten Japans noch verstärkt. 1945 fiel Taiwan zurück an die chinesischen Nationalisten. Diese reagierten mit Abscheu auf die japanischen Lebensgewohnheiten der Bevölkerung. Bis heute ist Taiwan eine gefährdete Demokratie, denn das Regime in Peking betrachtet die Insel, die nie zur Volksrepublik gehört hat, als Teil seines Staatsgebietes und möchte es, wenn nötig, gewaltsam vereinigen.
Mit den unruhigen Zeiten beginnt der Roman. Taiwan in den 1940er Jahren, am Ende der japanischen Kolonialzeit wächst die achtjährige Umeko in einer Kleinstadt im Norden der Insel auf. Sie lebt behütet in ihrer Familie und ist gut in der Schule. Sie und ihre Freundin erleben einen Alltag, der durch den Unterricht und das Familienleben geprägt ist. Keiji, ihr Bruder, ist der Star des örtlichen Baseballteams und der ganze Stolz von Umeko. Denn durch seine spielerischen Siege erlangt auch sie Ansehen in der Klasse und besonders bei der Lehrerin, Honda. Keiji hat die Möglichkeit, durch sein sportliches Talent auf eine gehobene Schule in die Stadt zu wechseln.
Doch die politischen Umstände verändern alles. Vorerst sind es Kriegsgefangene, die die Wahrnehmung der Bürger verändern. Die Armee errichtet ein Lager für britische Gefangene am Ortsrand. Diese Gefangenen sind nicht die erwarteten Teufel, sondern abgemagerte Schatten, die nun in den Kupferminen arbeiten sollen. Später erlebt die Gemeinschaft die Kapitulation der Taiwaner Kolonialmacht und das japanische Weltbild verändert sich gänzlich. Eine Veränderung, die auf die Sprache, die Lebensgewohnheiten und sogar auf die Namen zugreift. Viele, so auch Umekos Vater, Herr Ri, verliert unter der chinesischen Herrschaft seine Arbeit. Manche werden sogar vertrieben. Diese Umwandlung greift tief in das Leben der Familie von Umeko.
Die andere Zeitebene des Romans erzählt von einem Familientreffen anlässlich von Umekos 80. Geburtstag. Harry, einer ihrer Söhne, lebt in Amerika und möchte nun, da er einen Roman schreiben möchte, die ganze Geschichte seiner Mutter erfahren.
Ein Schmerz und ein Schweigen haben sich um die Familiengeschichte gelegt. Vieles hat die Familie geprägt. Zum Beispiel die Gefangenschaft von Keiji und die Liebe zwischen Umekos Vater und der Lehrerin Honda. Das Zwischenmenschliche und die unmögliche Liebe werden politisch. In der Gegenwart sind die Nachkommen aus der Geschichte Taiwans herausgewachsen und doch durch die Kultur geprägt. Somit stellt sich die Frage nach Heimat und Identität.
Ein großer Roman über eine Region über die wir bisher wenig erlesen konnten. Besonders dieser Roman macht es durch die nahbaren Protagonisten sehr erlebbar und lädt zum Nachsinnen und Nachempfinden ein. Durch das Verzeichnis der Hauptpersonen und das Glossar am Ende des Buches, gelingt ein guter Einstieg, denn man fremdelt anfänglich mit Namen und Bezeichnungen. Doch lohnt es sich, wie immer bei Stephan Thome, diesen Roman zu lesen. Ein wunderbares Werk.
Schleswig-Holstein, das Land zwischen den Meeren, ist eine Sehnsuchtsregion. Hier ist der Himmel weiter und das Meer ist allgegenwärtig. Durch die beiden Meere sind es auch mindestens zwei Horizonte, die uns hier begrenzen. Das Meer ist ruhig, wild und fordernd und auf der westlichen Seite durch das Wattenmeer geprägt. Immer spürbar ist hier der Wind, der gleich dem Meer, aufbrausend oder leicht erscheinen mag. Kein Wunder, wenn diese Region auch literarisch stets neu entdeckt werden möchte. Hier ist nicht nur der Himmel weiter, hier begegnet sich der Mensch in und mit der Natur. Die Verbindung zu Skandinavien, unter anderem mit den Städten Oslo, Göteborg und Kopenhagen ist alltäglich. Das Leben ist hier buntgemischt und durch die besondere Lage immer der ganzen Welt gegenüber offen.
Die Leselandschaft wird von Klaus Groth, Theodor Storm, der Familie Mann, Siegfried Lenz, Günter Grass, Dörte Hansen und vielen anderen geprägt. Den Lesereiz sollte man, wen man an Schleswig-Holstein denkt, also nicht allein den Küstenkrimis überlassen. In der Gegenwart sind Mareike Krügel und ihr Mann Jan Christophersen, Rocko Schamoni, Arne Rautenberg, Björn Högsdal und Feridun Zaimoglu zu nennen. Aber es gibt so viele Autorinnen und Autoren, die es zu entdecken gibt, Schreibende, die hier, in Schleswig-Holstein, ihre Werke verfassen oder diese hier ansiedeln. Besondere und noch leider unbekanntere Autoren, wie Helle Helle oder Tobias Sommer (beide im Leseschatz zu finden) sind zwei solcher Beispiele.
Ein Lesebuch, das Texte vereint, die den Lesenden berühren und die schöne Landschaft, die besondere Natur und die Menschen beschreiben. Egal ob Prosa oder Lyrik. Das Alter der Werke spielte bei der Auswahl auch keine Bedeutung. Die Vielseitigkeit, die diese Literaturlandschaft ausmacht, soll das Buch ausmachen. So wandert man mit den Texten von Achterwehr bis Wrist, von Nord nach Süd und West nach Ost. Die Texte sind geografisch sortiert und einige Autorinnen und Autoren sind dadurch mehrfach vertreten. Herausgegeben wurde das Lesebuch von Martin Lätzel, dem Direktor der Landesbibliothek, und dem Verleger Olaf Irlenkäuser.
Willie Benzen wollte sich nicht in seinen Gedanken und seiner Lyrik einengen lassen. Daher ist der Titel, „Über Hürden denken“ ein sehr passender. Das Büchlein ist seine zu Lebzeiten letzte zusammengestellte Aphorismen-Sammlung. Er verstarb am 4. Oktober 2021.
Willie Benzen war ein Buchmensch, ein Leser, Autor und Freund. Daher ist es für mich eine große Ehre, dass ich für das vorliegende Werk, das Vorwort verfassen durfte.
Er suchte die Verbindungen. Stets war er bemüht durch Taten und Worte die Menschen zusammenzubringen. Er war ein Sprachrohr der nordischen und der zeitgenössischen Literatur. In zahlreichen Werken und Anthologien wurde er publiziert. Er war ein Weltmensch und doch weilte sein Augenmerk stets im Norden, in Schleswig-Holstein. Somit war sein Werk hier, unter anderem in Kiel, sehr verwurzelt, aber immer weltoffen.
Ihm waren das Verspielte und das Kritische sehr wichtig. Die Ungerechtigkeit ist ein beständiges Thema seiner Schriften. Aber auch das Schöne, das Einfache und zuweilen das Belanglose. Dies, das irrelevant Wirkende, wurde durch seine Betrachtung im Lesenden zur Kunst. Das war seine Kunst. Seine Zeilen berühren und sind durch die Einfachheit eine Brücke zwischen dem Schöpfer der Zeilen und den Lesenden. Willie Benzen sagte: „Lyrik darf alles“. Somit hat er diese Kunstform für sich oft in seinem Kunstverständnis ausgedehnt.
Sein Tod reißt eine Lücke in sein lyrisches Netzwerk und die aktuelle Literatur. Nun liegt es an uns, ihn durch seine Texte am Leben zu halten und seine Freundschaft niemals zu vergessen.
(Auszüge aus meinem Vorwort – Danke an den Gill Verlag)
Willi Achten hat ein sehr feines Gespür für seine Figuren und die menschliche Psyche. Nach „Die wir liebten“ und „Nichts bleibt“ erzählt der neue Roman von einer sensiblen Entwicklung. Eine Entwicklung, die die wichtigsten Konstanten im Leben ausloten möchte. Im Mittelpunkt steht das Einwirken des Menschen auf sein Umfeld und die Natur. In „Die wir liebten“ zeigte Willi Achten die menschlichen Abgründe im Hinblick auf die Geschichte. Mit „Nichts bleibt“ gerät ein Racheakt in den Fokus und das menschliche Einwirken auf die Natur ist der rote Faden. Diesen nimmt Willi Achten wieder auf und versteckt erneut das Drama in einer Idylle.
Neben den agierenden Figuren sind die Naturbeschreibungen raumeinnehmend und ergänzen die wunderbar angelegte Stimmung, die sich in einen enormen Spannungsbogen innerhalb der Handlung ausgießt. Der Klang der Natur wird fast schon musikalisch beschrieben. Der Gesang der Vögel wird dann aber abgelöst durch menschliches Singen und endet letztendlich wieder im Rauschen der Wälder. Aber gleich am Anfang erahnt man ein Drama, das sich in der Vergangenheit zugetragen haben muss und die Auswirkungen schwingen zwanzig Jahre später weiterhin in den Handlungsverläufen nach.
Jakob Kilv kehrt heim. Nach zwanzig Jahren kommt er zurück in das Dorf seiner Kindheit und Jugend. Ein Bergdorf, das in der Natur der umliegenden Alpen und Wälder eingebettet liegt und somit von der Landschaft geprägt und beeinflusst ist. Fast alle damaligen Bekannten und Freunde sind noch da. Auch seine frühere große Liebe, Liv, ist geblieben. Mit der Rückkehr hat er auch seine Erinnerungen mitgebracht. Erinnerungen an jenen letzten Sommer, den er dort verlebt hatte. Unter seiner Kleidung versteckt er seine Verbrennungsnarben.
Die Freunde, auch sein Vater, lebten mit und von der Natur. Der Vater hatte als Ornithologe die Aufgabe, die Flugbahnen der Vögel um die Flugplätze zu beobachten und umzulenken. In der Gemeinschaft lebt Herr Bolltner, der Gastgewerbe und Skilifte betreibt. Er ist auch noch im Dorf ansässig und der Touristenmogul der Gegend. Damals war er das Feindbild der Clique um Jakob. Bolltner wollte ein großes Projekt für den Skitourismus umsetzen, das aber der Natur enormen Schaden zufügen würde. Jakob und sein Freund Bruno planten und führten Proteste durch. Die Jungs blieben erfolglos und ein neuer Plan reifte. Doch lief damals alles aus dem Ruder und Jakob stellt sich nun die Frage bei seiner Rückkehr, was damals wirklich passiert war. Er sucht wieder die Nähe zu Liv und stellt sich der Begegnung mit Bruno, der eventuell auch für das Verschwinden von Jakobs Mutter verantwortlich ist. Was spielte sich zwischen seiner Mutter und Bruno damals ab und was wusste sein Vater?
Erneut begeistert Willi Achten durch seine klangvolle und schöne Sprache. Er haucht den Charakteren sehr viel Leben ein, so dass man deren Geschichten gebannt folgt. Die Coming-of-Age-Handlung ist glaubhaft und enorm dicht beschrieben. Die Welt der Erwachsenen, die sich in die Vergangenheit einwebt, schafft eine Distanz zum Werdegang des damaligen Dramas und nimmt die Handlungsstränge gekonnt wieder auf. Der ganze Text hat eine lyrische Note, die dennoch eine Leichtigkeit hat und viel Tiefe zulässt.
Ein großartiger Roman von Willi Achten, der eine Stimmung aufbaut, die einen in das Leben des Protagonisten hineinzieht. Die Spannung, die bis zum Ende aufrechterhalten bleibt, lässt einen die eigene Umgebung vergessen und man taucht ein in das geschilderte Leben im Tal mit wunderschönem Alpenpanorama.