Kirstin Breitenfellner: „Bevor die Welt unterging“

Picus Breitenfellner Bevor die Welt unterging

Ein Roman über das Erwachsenwerden in den achtziger Jahren. Die Zeit war geprägt von Ängsten vor den politischen Entwicklungen und dem stets schwelenden Kalten Krieg. Das Wettrüsten und die atomare Macht verbreiteten ihren Schrecken und die Angst vor der Möglichkeit einer mehrfachen globalen Vernichtung. Kann man – oder darf man sein Leben genießen, während die Welt stirbt?

Die Heldin des Buches heißt Judith und ist wahrscheinlich ein biografischer Spiegel der Autorin. Sie ist ein Teenager als die achtziger Jahre beginnen. In Afghanistan tobte ein Bürgerkrieg und Anfang 1980 erfolgte eine Großoffensive Russlands. 1981 geht MTV auf Sendung und die Jugendlichen identifizieren sich mit und durch die Musik, die durch den Walkman ein beständiger Begleiter wird. 1982 verliert Helmut Schmidt im Bundestag das konstruktive Misstrauensvotum und Helmut Kohl wird zum sechsten Bundeskanzler ernannt und spätestens jetzt beginnt es, in den jungen Köpfen politisch zu rumoren und die ersten Kohl-Witze machen ihre Runde. 1983 veröffentlicht der „Spiegel“ einen ersten größeren Bericht über AIDS, dass bis dato als eine Art Lungenentzündung behandelt wurde. So erleben wir die damalige Zeit erneut aus dem Blick der Protagonistin, die ihren Platz in der Welt noch finden muss. Doch hat sie beständig Angst, keine Zeit mehr für das Leben zu haben, da jederzeit die Welt untergehen könnte. Sie wächst in einer Kleinstadt, d.h. in Biblis auf und der Atomreaktor und ihr Vater, der für eine Chemiefabrik arbeitet, sind mahnende Begleiterscheinungen ihrer Jugend. Judith und ihre Clique sind dabei, ihren Schulabschluss zu machen und durchleben das typische Teenagerleben mit der ersten Liebe und sind zwischen den Eltern und der globalen Entwicklung hin und her gerissen. Das Arten- und besonders das Waldsterben steht bevor, das atomare Wettrüsten steht den Versicherungen der Eltern gegenüber, dass sie in einer Epoche des Wohlstandes, des Wachstums und des Friedens aufwachsen. Der Wissenschaftsvermittler Hoimar von Ditfurth erklärt Judith mit seinen Büchern die Welt und trotz der scheinenden Ausweglosigkeit und dem nahenden Weltuntergang erleben die Freunde eine ganz normale Jugend. Sie wollen Freaks sein, bloß keine Spießer oder Popper. Sie möchten frei und unabhängig sein. Aber wenn jemand nicht mitmachte, waren sie auch wieder gekränkt. Besonders als Judiths beste Freundin ihr die Freundschaft aufkündigt und immer mehr zum Jungs-Schwarm innerhalb der Popper-Szene wird. Judith und ihre Clique lesen und demonstrieren. Bücher müssen für sie das Leben erklären und somit wird der „Papalagi“ ein treuer Begleiter, bis sie erfahren, dass es wie vieles anderes ein fiktiver gewollter Text ist. Dennoch möchten sie nicht gleich ihrer Elterngeneration ein Teil des Problems sein, sondern zu Lösungen beitragen. Die vorherige Generation fährt ja selbst mit dem Auto zu einem Grillfest „Der Grünen“. 1986 kommt es im Atomkraftwerk von Tschernobyl zu einem Super-Gau und Judith hofft, die Menschen lernen aus dem Drama des Reaktorunfalls. Doch erneut erkennt sie, dass die Vernunft des Menschen nicht auszureichen scheint, sich selbst zu retten. Sie reist mit ihren Freunden nach Berlin und macht einen Kurztrip in die DDR, die kurz darauf Geschichte wird. Denn 1989 kommt es in Leipzig und anderen Städten zu öffentlichen Protesten und wenige Tage darauf beginnen die Montagsdemonstrationen und läuten den Anfang vom Ende der DDR ein.

So erleben wir ein Teenagerleben voller Ausflüge, Partys und Sorgen um die eigene Zukunft, mit der Frage, was man mit sich nach der Schule anfangen soll. Eine kleine Zeitreise durch die achtziger Jahre mit den wohligen Cordsofas und den Songs einer Generation, d.h. einer Ära des Protests und Demonstrationen.

Der Roman liest sich einfach und es macht irgendwie Spaß, die eigene Kindheit und Jugend anhand des Buches erneut zu erleben. An einigen Stellen hat der Text zu viele Phrasen, aber er schafft einen aktuellen Bogen in die Gegenwart. Wir und die heutige Jugend haben wohl immer noch die gleichen Themen und Probleme. Der Klimawandel, der Reaktorunfall in Fukushima und der aufkommende beängstigende Rechtspopulismus zeigen, dass wir Menschen wenig bereit sind zu lernen…

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Julia Rothenburg: „Koslik ist krank“

Julia Rothenbuger Koslik ist krank Frankfurter Verlagsanstalt

Ein Romandebüt von Julia Rothenburg über eine verordnete Entschleunigung eines Mannes um die Vierzig, dessen Leben in wenigen Tagen im Krankenhaus umgekrempelt wird. Für das Manuskript erhielt Julia Rothenburg bereits den Retzhof-Preis für junge Literatur. Der Roman liest sich gleich einem Kammerspiel mit sehr genau gezeichneten Figuren, die sich in einem Klinikkomplex aufhalten. Die junge Autorin hat einen Mann mittleren Alters ins Leben gerufen, der wegen eines Verdachts auf Schlaganfall ins Krankenhaus eingeliefert wird.

René Koslik hatte einen geregelten Alltag. Alles schien für ihn in bester Ordnung gewesen zu sein. Seine innere Abwesenheit glänzt nach außen als Arroganz und das Grau des Krankenhauses spiegelt irgendwie seine innere Leere. Denn der robust erscheinende Mensch erträgt nicht alles und der Körper schafft sich seine Ventile. Einen Schlaganfall zum Beispiel.

René Koslik weiß nicht, ob er tatsächlich krank ist, er hat nie darüber nachgedacht. Kann es sein, dass man etwas Schreckliches hat, ohne dass man es merkt? Sein Leben in der Klinik erlebt er als zufällig. Doch schleicht sich die Angst bei jeder Untersuchung in sein Unterbewusstsein. Während seines Aufenthaltes im Klinikum hat er Zeit, sich seine Gedanken zu machen. Im Krankenhaus kann er sich selbst nicht entkommen. Da bei ihm bisher keine tatsächlichen Befunde diagnostiziert werden konnten, müssen noch einige Tests gemacht werden. Anfänglich ist Koslik in dem Gebäude untergebracht, in dem auch die Untersuchungen stattfinden. Wann er jeweils zu den Behandlungen abgeholt wird, bleibt immer undurchschaubar und sein Zimmernachbar Friese, der anscheinend viel kranker ist, erlebt den Klinikrummel viel duldsamer. Kosliks Aufenthalt lässt ihn immer lethargischer werden. Seine Grübeleien bekommen durch einen weiteren Patienten eine neue Anregung. Es ist sein ehemaliger Kommilitone und ewige Konkurrent Frank, der meist im Bademantel durch die Gänge streift und im Essenssaal auftaucht. Frank möchte sich oft mit Koslik treffen, um über alte Zeiten zu reden. Doch Koslik versteht es, sich immer wieder herauszureden und meint ihm gänzlich aus dem Weg gehen zu können, als er verlegt wird. Da Koslik noch gut zu Fuß ist, wird er in den Komplex verlegt, der aus einem alten Hotel umfunktioniert wurde. Hier lernt er den gesprächigen Bude und die Maltherapeutin Klemm kennen. Da sich seine Untersuchungen verzögern, wird Kosliks Aufenthalt zu einer Neuorientierung und Selbsterkenntnis. Seine Tage im Krankenhaus vergegenwärtigen ihn seine allgemeine Situation. Die Zukunft liegt vor ihm in einem ungewissen Nebel und die Vergangenheit wird ihm durch seine Mutter, die Schwestern und dem immer wieder auftauchenden Frank ins Bewusstsein gebracht. Frank hat weiterhin Kontakt zu ihrer ehemaligen Freundin Marlies, die durch ihre jetzigen Besuche bei Frank auch erneut in Kosliks Leben stolpert.

Durch die Ungewissheit um seine Gesund-, d.h. Krankheit und die Konfrontation mit den anderen Klinikinsassen und Besuchern wächst in Koslik eine Unruhe und Melancholie, der er gleichzeitig auch immer überdrüssiger wird. Er bekommt immer mehr schlechte Laune, die das beständig Unterdrückte zu Tage fördert. Er steigert sich aus seiner inneren Verkrampfung in eine Wut, die sich auf sein Umfeld richtet. Sein ehemaliger Wille zur Anpassung verflüchtigt sich immer mehr. Aber reflektiert er sich genügend? Ist es nicht auch sein Ego, das ihn den anderen gegenüber arrogant erscheinen lässt? Alles scheint in und um Koslik im Wandel begriffen zu sein. Sein Weltbild stellt sich durch die wenigen Tage in der Klinik auf den Kopf. Sind ihm tatsächlich in einem Wartezimmer die drei Nornen erschienen? Jedenfalls wird ihm die von ihm selbst unterdrückte Wahrheit vergegenwärtigt.

Das Labyrinth der Klinik ist eine fesselnde Kulisse für dieses Schauspiel um einen Mann, der uns von Julia Rothenburg auf den Seziertisch gelegt wurde. Ein Debutroman einer jungen Autorin, die es versteht, sich ihren Charakteren gänzlich hinzugeben und ihnen Leben einzuhauchen. Der Roman ist für mich eine gelungene literarische Überraschung.

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Anne von Canal: „Whiteout“

Whiteout Anne von Canal mare

Ein Whiteout ist ein meteorologisches Phänomen, das den Horizont verschwinden lässt. Himmel und der Grund, d.h. der Boden werden zu einer Fläche. Alles wird zu einem weißen Leuchten. Meist tritt dies in den Polar- oder Bergregionen auf, wenn es in Schneegebieten nebelig wird oder Schneefall einsetzt. So verwischen sich in dem Roman auch langsam die Fixpunkte. Die Protagonistin verliert ihre Bodenhaftung durch ihre Bohrungen in der Vergangenheit. Das wortlose Verschwinden einer Freundin der Ich-Erzählerin hat eine Wunde hinterlassen, die in der Eiswüste wieder aufbricht. Gleich der von David Bowie erschaffenen Figur Major Tom, dessen Songs im Roman oft gehört werden, verlieren sich die Charaktere in einer menschenunfreundlichen Umgebung.

Hanna ist Glaziologin und mit vier weiteren Kollegen auf einer Antarktisexpedition. Mit Hilfe einer Bohrung so tief wie der Eifelturm hoch ist, wollen sie im Eis in die Vergangenheit reisen. Das Eis vergisst nichts und jede Wetterlage und jedes Phänomen lassen sich in den Eisproben, die sie heraufschaffen, ablesen. Bereits als Kind wollte Hanna Entdeckerin oder Forscherin werden. Sie wollte etwas großes, etwas anderes finden. Immer wieder hört sie mit ihrem Bruder, Jan, ihre Hörspiel-Platte um Scott und Amundsens Wettlauf zum Pol. Später hat sie ihren Traum umgesetzt und ist Leiterin in einem Camp in der Eiswüste.

Während der Aufbauphase der Bohrungen im Eis, erreicht Hanna plötzlich eine E-Mail von Jan. Er schreibt nur wenige Zeilen, doch seine Worte lassen ihre Erinnerungen wieder aufbrechen und sie kann sich immer weniger auf ihre Crew und die Arbeit einlassen. Sein Schreiben bezieht sich auf ihre Spitznamen aus der Kindheit. Scott, d.h. Fido, soll laut der Mail von Jan gestorben sein.

Jetzt kreisen Hannas Gedanken beständig um ihre Vergangenheit und um die Freundschaft zu Fido, der Pfarrerstochter. Das zu erforschende und eingefrorene Klima rückt immer mehr in den Hintergrund. Fast alles bietet Hanna einen Anstoß, um sich an ihre Kindheit zu erinnern. Es entsteht ein Wechselspiel zwischen der weißen, eisigen Landschaft und der lichten, sonnigen Zeit ihres Erwachsenwerdens. Hanna ist mit vier weiteren Kollegen ins Eis gereist und lebt dort unter extremen Bedingungen. Die fünf Menschen arbeiten sehr eng und nah beieinander, ohne sich wirklich zu kennen. Aber auch die Geschichte ihrer Kindheit hatte seine Geheimnisse. Die drei Kinder, Jan, Fido und Hanna waren eine sehr vertraute Gemeinschaft und planten die gemeinsame Zukunft. Doch nach einem gemeinsamen Urlaub in Frankreich kam es zu einem wortlosen Bruch. Fido ist ihren eigenen Weg gegangen, sie ist ganz still, ohne Hanna etwas zu sagen, weggegangen. Sie hat niemals eine Andeutung oder die kleinste Vorwarnung oder Erklärung abgegeben. Fido ist einfach so aus Hannas Leben verschwunden und nun, zwanzig Jahre später, erreicht sie die Nachricht von Jan.

Hanna ist in der Eiswüste gefangen und ihre Gedanken und Emotionen lassen sie immer dünnhäutiger werden. Auch ihre Kollegen haben unter ihren Launen zu leiden und die Situation spitzt sich immer mehr zu. Hanna kann den offenen Fragen nicht länger aus dem Weg gehen. Gerade jetzt, während draußen ein heftiger Sturm aufzieht, der das Camp in wenigen Stunden gänzlich erreichen wird.

Anne von Canal versteht es, nach „Der Grund“ erneut eine Grenzsituation mit ganz genau gezeichneten Charakteren zu entwerfen. „Der Grund“ war ebenfalls ein poetischer Text, der viel Raum für Emotionen und eigene Gedanken lässt. „Whiteout“ ist weniger verschachtelt und wohl etwas weniger raffiniert, dennoch ein wunderbares Buch, in dem es Anne von Canal ganz genau versteht, immer zum richtigen Zeitpunkt mit dem Erzählen aufzuhören, damit die entstehende Stille, d.h. hier die weiße Leere, viel im Leser auslösen kann. Die Bilder und die Gegenspiele wirken anfänglich etwas einfach: Frankreich, Antarktis, Bohren und die Suche in der Vergangenheit. Doch ist alles passend und niemals überspitzt dargestellt. Das Werk entwickelt seinen ganz eigenen Sog und versteht es, den Leser gänzlich mit den gut beobachteten Figuren zu fesseln und zu unterhalten. Am Ende beginnt in einem selbst eine kleine Rückschau auf das Gelesene, denn was ist der Auslöser, dass jemanden einfach wortlos gehen mag? Was bleibt bei den Zurückgelassenen? Wie kann es zwanzig Jahre nach den Geschehnissen immer noch zu einer solchen Zerreißprobe kommen?

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Anna von Canal liest aus „Whiteout“ auf zehnseiten.de . Siehe auch die Besprechung auf zeichenundzeiten

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Grégoire Hervier: „Vintage“

Grégoire Hervier Vintage Diogenes

Das Buch beinhaltet meine beiden großen Leidenschaften: einen guten Roman und die Liebe zum Rock.

Thomas Dubré ist ein erfolgloser aber guter Gitarrist, arbeitet gelegentlich als Journalist und jobbt in einem Gitarrenladen. Eines Tages kauft ein Sammler eine wertvolle und seltene Paula, d.h. eine Les Paul Goldtop mit der Auflage, der Ladenbesitzer möge die Gitarre persönlich abliefern. Dieser schickt aber Thomas auf die Reise. Nach dem Flug wird er zum Boleskine House nahe dem Loch Ness gefahren, dass auch schon einmal Jimmy Page besessen hatte. Das Haus ist auch im Video von Led Zeppelins „The Song Remains the Same“ zu sehen und ist durch den vorherigen Besitzer, Aleister Crowley, der es nur für eine okkultistische Sitzung erworben hatte, bekannt. Der reiche Schotte ist ein begeisterter Gitarrensammler und liebt die Klänge seiner Schätze. Seine Gitarrensammlung ist unglaublich umfangreich und beinhaltet diverse Kultgitarren. Thomas darf auf diesen spielen und ist gänzlich begeistert. Durch seine Leidenschaft für die historischen Instrumente offenbart ihm der Sammler sein Geheimnis und sein eigentliches Anliegen. Er behauptet, die legendäre Gibson Moderne besessen zu haben.

Die Gibson Moderne ist ein 1957 entworfenes, seltenes E-Gitarren-Modell. Ob diese Gitarre überhaupt in weiteren Stückzahlen hergestellt wurde, ist bis heute ungeklärt und bietet Raum für diverse Spekulationen und Legenden. Der Sammler in den Highlands behauptet, es gab diese Gitarre und er habe eine davon besessen. Da ihm diese abhandengekommen, d.h. gestohlen worden sei, bittet er Thomas, den Beweis dieser legendären Gitarre zu erbringen, damit die Versicherung den Schaden, d.h. den Verlust übernimmt. Thomas willigt ein, da ihm alle Reisekosten bezahlt werden und sollte er belegen können, dass die Gibson Moderne tatsächlich gebaut worden ist, bekäme er eine Million Dollar.

Nun beginnt ein Road-Trip, der die Geschichte der Gitarre und somit des Rocks erzählt. Thomas Suche führt ihn von Frankreich über Australien nach Amerika. Da die Gitarre, die Thomas aufzuspüren versucht, eines der legendärsten Instrumente aller Zeiten ist, trifft er auf besessene Musikliebhaber, verrückte Gitarrensammler, Elvis-Imitatoren und zwielichtige Typen. Seine Reise führt ihn bis in die Tiefen des Ursprungslands des Blues und ihm wird immer deutlicher, auf was für eine gefährliche Reise und Recherche er sich eingelassen hat, da die Gitarre anscheinend ihre Opfer fordert…

Ein Buch, das zwei meiner großen Leidenschaften vereint. Guten Lesestoff und die Liebe zur Musik. Der Roman ist aufgebaut wie ein guter und anspruchsvoller Song mit einem Intro, den Strophen, der Bridge, Refrain, vielen abwechslungsreichen Solis und dem Outro. Durch die Wendungen liest sich der Text wie ein Abenteuer- und Kriminalroman, der sehr kurzweilig ist und sehr viel über die Geschichte der Musik, d.h. die Blues- und Rockgeschichte erzählt. Man hat das Gefühl, Zeuge eines tollen Konzerts gewesen zu sein. Wenn das Saallicht ausgeht und die Helden die Bühne erstürmen und melodischen, gepflegten Lärm mit wimmernden Gitarren verbreiten und man dann verdattert nach dem Auftritt in der wieder viel zu hellen Halle vor der Bühne steht und ganz heiser nicht aufhören mag Zugabe zu rufen…

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Der Soundtrack (Fundstück bei Diogenes): »Whatever happened to our Rock ’n‘ Roll?« Das kann man hier sehr gut nachhören. Hier ist das Mixtape zu Vintage

Weitere Besprechungen auf Feiner reiner Buchstofftommiunddieschmoeker & Nur lesen ist schöner

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Arundhati Roy: „Das Ministerium des äußersten Glücks“

Arundhati Roy Das Ministerium des äussersten Glücks Fischer

Nach zwanzig Jahren ist nun ein neuer Roman von Arundhati Roy erschienen. Aber nach ihrem Weltbesteller „Der Gott der kleinen Dinge“ war die indische Autorin niemals still. Sie hat sich politisch und sozial betätigt und mit ihrem Ruhm viel erreichen können. Sie veröffentlichte Essays und Reportagen und „Das Ministerium des äußersten Glücks“ wirkt nun als Folge daraus, wie ein Mosaik aus all ihren Recherchen und Aufrufen. Denn das Buch ist voll. Voll mit Geschichten und Konflikten. Der Roman ist politisch sowie poetisch und zeigt, dass trotz großer Unterschiede im Leben, im Geschlecht, in der Politik und im Glauben immer Hoffnung, d.h. Glück möglich ist.

Die Familie Bargum, die in der ummauerten Altstadt von Delhi lebt, wünscht sie endlich einen Jungen. Als das vierte Kind während eines Stromausfalls geboren wird, legt die Hebamme das Kind in die Arme der Mutter und meint, es sei ein Junge. Doch die Mutter erkennt beim späteren Ertasten den Irrtum. Sie entdeckt versteckt hinter dem Jungen ein kleines Mädchen und hofft, das „falsche“ Körperliche würde wieder abfallen oder von alleine weggehen. Sie traut sich nicht, es ihrem Mann zu erzählen, der dem Kind stets die kriegerische und männliche Geschichte des Landes erzählt. Das Kind Anjum wächst auf und fühlt sich immer mehr als eine Frau, die gefangen ist in einem männlichen Körper. Sie ist eine Hijra, sie gilt sie weder als Mann noch als Frau. Hijras werden in den Gesellschaften üblicherweise als Mitglieder eines dritten Geschlechts erachtet, die meist in Gemeinschaften unter sich leben. Es gab Zeiten, da genossen Hijras ein gewisses Ansehen. Heute leben sie am Rande der Gesellschaft und leben vom Betteln und Prostitution. Anjum verlässt mit fünfzehn Jahren ihre Familie und zieht in das Haus der Träume, der Khwabgah und wird ein Mitglied der Hijra-Gemeinschaft. Sie wird durch ihre Schönheit und ihr Auftreten eine bekannte und gefragte Persönlichkeit.

Jahre später verlässt Anjum diese Kommune und zieht auf den Friedhof. Jede Nacht breitet sie ihren Teppich aus. Immer zwischen zwei andere Gräbern. Sie musste monatelange beiläufige Grausamkeiten ertragen und empfindet sich gleich einem verletzten Baum, der nun aber Wurzeln schlagen möchte. Über die Gräber ihrer Ahnen beginnt sie, Stück für Stück häuslich zu werden. Es entsteht eine Wahlheimat, die weitere Gäste einlädt. Eine gelebte Glücks-Gesellschaft, die sich auf dem Friedhof immer weiter ausbreitet.

Alle, die der Realität und der Geschichte des Landes entkommen wollen, sind auf dem Friedhof willkommen. In der Stadt wird zwischen dem Müll eines Tages ein Baby gefunden, wie Abfall beseitigt. Die Menschen, die den Säugling finden, wissen nicht, was sie machen sollen. Als Anjum sich des Kindes annehmen möchte, ist es auch schon wieder verschwunden. Es folgen weitere Perspektiven und mit ihnen weitere Geschichten. Es kommt auch ein Ich-Erzähler vor, der wie alle anderen Charaktere das Universum um Anjum ausfüllt, d.h. bereichert. Die vielen Perspektiven ergänzen sich und aus den einzelnen Geschichten und Rückblicken ergibt sich langsam der ganze Flickenteppich. Diese neue utopische Gesellschaft beinhaltet viele einzelne Schreckensgeschichten, aber letztendlich mündet dann alles beieinander.

Ein Roman, der voller Leben pulsiert. Es sind die irdischen Konflikte, der Kaschmir-Konflikt, der anhand von vier Freunden erzählt wird. Der spirituelle Konflikt zwischen den Religionen, zwischen Hindus und Muslimen. Anjum als Figur, die alle, die sich neu finden möchten oder müssen, die eine Wahlverwandtschaft anstreben und sich auf ihrem Friedhof versammeln, irgendwie vereint. Sie sagt: „Ich bin ein mehfil, eine Versammlung. Von allen und niemand, von allem und nichts. Möchtest du noch jemanden einladen? Alle sind eingeladen.“

Arundhati Roy hat erneut einen großen Indienroman geschrieben. Ein Potpourri an tiefgründigen Charakteren und Geschichten. Ein lehrreiches, unterhaltsames und sehr poetisches Werk. Durch die Charakterisierung der Figuren und ihren inneren Konflikten erhalten wir einen Einblick auf Indien. Es sind große Bilder, die wir durch Roy erlesen dürfen, die uns immer mehr verstehen lassen. Ein großer, bewegender Roman, der voller Leben mit all seinen Widersprüchen, Konflikten, Wünschen und Hoffnungen ist.

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Jana Hensel: „Keinland“

Jana Hensel Keinland Wallstein

Jana Hensels Debütroman ist ein sehr ungewöhnlicher und stiller Roman. Die Handlung ist eher eine Erinnerung, ein Festhalten an Bildern und an erlebten Momenten. Der Liebesroman wird aus der Sicht von Nadja erzählt. Die Reflexion beginnt mit dem Ende, das am Anfang des Romans erzählt wird. Nachdem Martin gegangen ist, beginnt Nadjas Rückblick. Es ist eine Liebe mit der Hoffnung auf Versöhnung. Denn es ist eine verfremdete Liebe zwischen Tel Aviv und Berlin. Beides Städte in Ländern, die ihre besondere und eigene Geschichte mit Mauern und Grenzen haben.

Die Beziehung beginnt, als Nadja von ihrem Chefredakteur einen Auftrag bekommt. Sie soll eine Reportage über Länder schreiben, in denen es Mauern gab. Länder, in die man nicht einfach so reisen konnte oder aus denen man nicht einfach so herauskam. Sie kennt sich mit diesem Thema aus, denn obwohl die DDR nie erwähnt wird, wird deutlich, dass Nadjas Vergangenheit in dieser wurzelt. Sie nennt es stets nur das falsche Land. Sie hat den Mauerfall erlebt, aber ihr sogenanntes falsches Land bleibt auch in ihr als geliebtes Land verankert. Denn sie hat unter anderem weiterhin eine Vorliebe für schmucklose Plattenbauten. Die Hässlichkeit der DDR als sinnliches Bild der erlebten Kindheit.

Sie möchte ein Interview mit Martin Stern führen. Er ist jüdischer Abstammung von Holocaust-Überlebenden. Seine Eltern lebten als Displaced Persons in Deutschland und Martin wuchs als Jude in Frankfurt am Main auf. Jetzt lebt er in Tel Aviv und fühlt sich dennoch immer dazwischen. Er ist weder in Deutschland noch in Israel heimisch. Martin und Nadja fühlen sich zueinander hingezogen. Es keimt eine Liebe in Ihnen und es entsteht eine tiefe Innigkeit. Bei ihren Treffen kommen sie sich näher und besonders ihr erstes Rendezvous lässt ihn den Wunsch nach einem Kind äußern, dass wohl in Ihr den Wunsch nach Familie, Geborgenheit und Liebe erweckt und somit ihr Herz erobert. Dennoch sind diese Szenen nie kitschig, denn als er dies sagt, befinden sie sich in einer hässlichen Bar am Strand. Martin wird ihr ein Rätsel, denn er geht immer mehr auf Distanz. Sie ist es in der Beziehung, die wohl mehr empfindet. Es ist auch stets ihre Geschichte, die wir zu lesen bekommen. Es sind ihre Erinnerungen an die Treffen und Gespräche. Bis er plötzlich wieder geht, still und leise, während sie schläft und er nur noch in den sozialen Medien auftaucht, über die die beiden trotz der Entfernungen und Grenzen miteinander verbunden sind.

Es sind Nadjas Erinnerungen, somit ist der Text voller Konjunktive, voller Widersprüche und die Handlung wird durch kunstvolle Zeitsprünge erzählt. Ihre Gespräche sind hin- und hergerissen. Sie nähern sich oft an, um wieder auf Abstand zu gehen. Sie wünschen sich Nähe und bitten dabei um Freiraum und sagen, der andere möge weggehen. In Sätzen, in denen Nadja etwas liebt, sagt sie auch gleich wieder, dass sie es hassen würde. Ihre Beziehung besteht aus inniger Nähe, aber auch einer großen Fremdheit. So glimmt ein beständiges Wechselspiel aus Emotionen, Geschichte und Wehleidigkeit. Ihr Liebe ist intensiv und könnte Länder und Grenzen überbrückend sein. Ist ihre Liebe von Anfang an unmöglich? Könnte nicht eine Nähe trotz der Distanz zueinander entstehen?

Der Roman spielt mit Ländern, die immer andere Namen bekommen: Meinland, Deinland, Keinland, falsches Land und heiliges Land. So wünscht sich Nadja ein nationenunabhängiges Idyll. Sie möchte mit Martin ein eigenes Land, eine Heimat finden. Sei es nur ein kleines, bescheidenes Zimmer.

Der Roman ist ein Liebesroman, aber auch ein literarisches Werk mit vielen Themenkomplexen. Der historische Kontext ist die Beziehung zwischen Deutschen und Juden. Der Holocaust und die Gründung Israels. Kann Liebe eine Brücke, die Rettung werden und warum versagen wir so oft oder schweigen, wenn man es nicht sollte? Jana Hensel schweigt zum Glück nicht, sondern hat einen sehr literarischen Roman geschrieben, der sich um Herkunft, Heimat, Schuld und Schicksal dreht.

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Jürgen Bauer: „Ein guter Mensch“

Jürgen Bauer Ein guter Mensch Septime

Ein intensiver Roman, der in einer nahen und möglichen Zukunft spielt. Es ist eine verdorrte, trostlose Welt. Erneut wird Mitteleuropa von einer Hitzewelle erfasst und die schlechte Versorgung ist der Keim von Kriminalität.  Die sozialen Strukturen der Gesellschaft geraten ins Wanken und die Politik wirkt hilflos. Wasser, das in Zukunft wohl kostbarste Gut, wird immer knapper. Die Menschen versuchen an die Küsten zu fliehen. Mit seinem dritten Roman stößt uns Jürgen Bauer in eine solche Welt und schreibt sehr fesselnd. Er baut eine anspruchsvolle Spannung auf, die seine Angstvisionen körperlich spürbar werden lassen. Es wird wohl dieses Buch sein, das Jürgen Bauer in der Welt der Literatur ein Stück weit bekannter machen wird. Sein Werk ist stets literarisch und klug komponiert und zeigt uns unsere eigenen Abgründe. „Ein guter Mensch“ ist wohl das von ihm zugänglichste Werk und durch die Thematik wird es hoffentlich eine große Leserschaft erreichen.

Im Roman wird vieles angedeutet und mit großartigen Bildern vollendet. Es kommen sowohl unsere aktuellen Themen vor, sowie jene, die uns, sollte es tatsächlich zu wenig gute Menschen geben, zukünftig beschäftigen werden.

„Vielleicht gibt es nicht zu viele Menschen“, erwiderte Marko. „Sondern einfach nur zu wenig gute.“

Die Wasserverteilung wird streng kontrolliert und rationiert. Das Versorgungssystem scheint dem Bedarf der Menschen kaum gerecht zu werden und ist lediglich ein Tropfen auf dem heißen Stein. Marko und sein Freund Berger sind Fahrer eines dieser mit Wasser gefüllten Tankwagen, die täglich zu den Menschen, unter anderem Flüchtlinge oder sogenannte Durstige, fahren. Die meisten Menschen, die geblieben sind, haben sich mit der Situation abgefunden. Auch Marko, dessen Frau, die ursprünglich aus der Türkei kam, bereits geflohen ist, bleibt und versucht seinen Beitrag zu leisten. Auch fehlen ihm anfänglich der Wille und das Geld, um das Land Richtung Norden zu verlassen. Dann ist da noch Norbert, Markos alkoholkranker Bruder, der den Hof der Familie nicht aufgegeben mag. Marko kümmert sich um Norbert und gibt den Glauben an das Gute im Menschen nicht auf und versucht, für sein Umfeld das Leben erträglicher zu machen. Seine Perspektive beginnt sich zu verändern als eine Frau, der er Wasser verweigert hatte, sich vor seinen Augen die Pulsadern aufschneidet, damit sie ins Krankenhaus kommt, um dort mit Nahrung und Wasser versorgt zu werden.

Später wird er Zeuge einer sehr schnell wachsenden Bewegung. Anfänglich war es ein Kind, das ihn mit einer Wasserpistole angespritzt hatte. Dann findet er Flugblätter, die die Menschen auffordern, doch mit dem nassen Gut wieder verschwenderisch umzugehen. Meist sind es junge Menschen die von einer mysteriösen Frau angeführt werden. Diese Organisation nennt sich „Die dritte Welle“. Sie sehen die Entwicklung in drei Zügen, d.h. Wellen an: die erste war die der Verschwendung, dann kam die Entbehrung und sie, die dritte Welle, steht für die Freude. Sie machen in der Stadt diverse Aktionen, um auf den kommenden Kollaps hinzuweisen und demonstrieren mit ihrem dekadenten Auftreten gegen das Ungleichgewicht der Verteilungen. Ihre Zentrale ist passend in einem stillgelegten und trockenen Schwimmbad. Berger und Marko beginnen die Rationierungen und das ganze System in Frage zu stellen und ihre Weltsicht erneut zu überdenken.

Jürgen Bauer hat eine Dystopie geschrieben, die sehr erlebbar ist.  Beim Lesen spürt man förmlich die Hitze, den Staub und den Durst. Es ist eine trostlose, ausgetrocknete Welt, die an den im Text angedeuteten Film „Wall-E“ erinnert. Erneut verstehen es einige Menschen, auch aus dieser Not ihren Nutzen zu ziehen. Das Buch erzählt sehr fesselnd die Handlung innerhalb eines halben Jahres während eines heißen Sommers in naher Zukunft. Doch ist die Zukunftsvision nah am aktuellen Zeitgeschehen und den kulturellen Entwicklungen. Denn Jürgen Bauer verwebt im Text Anspielungen auf andere Werke aus Film, Literatur und Musik. Oft begleitet einen beim Lesen ein passender Soundtrack, der fast schon dezent sarkastisch im Text Erwähnung findet. Als Beispiel sei der Song von Fury in the Slaughterhouse: „Time to Wonder“ genannt.

Der Roman lässt einen nicht ungerührt und man beginnt sein eigenes Verhalten zu reflektieren und hofft, gleich Marko, stets das Richtige, d.h. das Gute zu machen.

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Siehe auch Jürgen Bauer: „Was wir fürchten“ und im Leseschatz-TV: Jürgen Bauer und „Ein guter Mensch„. Ferner die Besprechung von Jochen Kienbaum auf lustauflesen.de

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Gérard Scappini: „Ungeteerte Straßen“

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Das Bild der ungeteerten Straßen vermittelt den unebenen Weg, den auch das Leben gehen kann. Sei es der naturbelassene Untergrund oder der Anfang des Lebenswegs, der ebenfalls ein holpriger sein kann. Das Buch „Ungeteerte Straßen“ von Gérard Scappini trägt den Untertitel „Eine Kindheit in Frankreich“. Wenn man aber einen gewöhnlichen Roman erwartet, wird man spätestens beim Aufschlagen der Seiten eines besseren belehrt. Der Text ist in 57 Gedichten geschrieben, die die Kindheitserinnerungen eines Jungen beschreiben. Es ist eine Lyrik, die sich dem Leser sehr schnell erschließt. „Es gibt Lyrik, die sich nicht der Welt und dem Leser verschließt!“ sagte mir in einem Gespräch Günther Butkus, der Verleger des Werkes. Es sind sehr bodenständige Gedichte, die sich fast wie Prosa lesen lassen. Denn man könnte es wie einen Text lesen, der typografisch gebrochen wurde. Dann verliert man aber den Bezug zum lyrischen und poetischen Rhythmus des Werkes.

Wir Leser tauchen ein und versinken zügig in den ungeteerten Straßen. Der Leser erlebt die Welt der 50er Jahre in Frankreich aus der Sicht von Pascal. Sein Umfeld und alle handelnden Figuren treten sehr plastisch ausgearbeitet Stück für Stück aus den einzelnen Gedichten hervor. Im Vordergrund steht die kindliche Einfachheit und Naivität von Pascal. Neben den Freuden seiner Kindheit lernt er die Konflikte der Eltern und die wachsende Armut zu bewältigen. Als sogar das Brennholz ausgeht wird sein Spielzeug verbrannt mit der Hoffnung auf Neues. Dies bleibt ihm aber trotz großer Anstrengungen meist verwehrt. Ihm wurde bei besonderem schulischen Erfolg ein Fahrrad versprochen und als er das Ziel erreicht hat, bekommt er lediglich vom Vater den Hinweis, er solle nur so weiter machen. Der Vater ist ein erfolgloser Arbeiter, war mal ein gefragter Sportler und neigt zur Willkür und zur Brutalität. Die Mutter träumt von besseren Tagen und umsorgt die Kinder liebevoll. Durch die Gedichtform erhascht man beim Lesen Einblicke in die damalige Zeit und in Stakkato-Sätzen und Bildern durchleben wir Pascals unebenen Weg von der Kindheit bis zum jungen Erwachsenen. Pascal durchlebt das Schöne, aber auch die Schrecken der Armut und die Konflikte der Familie. Ein kindliches, urteilsfreies Staunen untermalt die Trostlosigkeit jener Zeit und die Bitterkeit sowie Trauer von Pascals Familie, in deren Umfeld er langsam heranwächst.

Das Buch vereint einen Roman und einen Lyrikband in einem. Gérard Scappini schlägt mit den 57 Gedichten ein ganzes Rad um die Figuren und ihre Geschichte. Mit wenigen Worten hat er eine Welt erschaffen, die er mit tiefgründigen Charakteren belebt. Das Buch reiht sich ein in die Werke der mäandernden biographischen Romane. Doch ist es durch die knappe Sprache und die Gedichtform eine kurzweilige Reise in die Lyrik und gerade dadurch eine positive Entdeckung mit bleibenden Eindrücken.

Gérard Scappini wurde in Frankreich geboren, lebt aber in Deutschland und war als Buchhändler und Verlagsvertreter tätig.

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Doron Rabinovici: „Die Außerirdischen“

Doron Rabinovici Die Ausserirdischen

Wir Menschen benötigen keine Außerirdischen, um uns selbst unheimlich zu werden. Jedenfalls zeigt dies der überspitzte Roman von Doron Rabinovici, der aber keinesfalls ein Science-Fiction-Roman, sondern eine ironische Gesellschaftskritik ist.

Das Buch liest sich wie ein wahnwitziger Irrsinn, der durch seinen Humor und die überdrehte Handlung Spaß macht. Doch gegen Ende bleibt der Witz nur noch dezent im Halse stecken und es wird immer spannender und rasanter. Es geht um die Frage nach Schuld, Verantwortung, Toleranz und Machtgier. Rabinovici spielt mit der Verkettung von Verschwörungstheorien und der Macht der Medien am Beispiel von Fernsehshows. Es beginnt mit unsichtbaren Fremden, die den Menschen Angst machen und endet mit einem erneuten Holocaust.

Eines Morgens heißt es plötzlich, die Außerirdischen seien da. Sol und seine Frau Astrid hören es in den Nachrichten. Er ist ganz gebannt und glaubt den Meldungen, während Astrid sich an Orson Welles Radioversion von H.G. Wells erinnert und es für einen Witz hält. Sol ist Mitbegründer eines Online-Magazins „smack.com“, das sich mit Ernährung beschäftigt und ist immer mehr von der Wahrheit der Nachricht über die Landung der Außerirdischen überzeugt. Die Menschen geraten in Panik, es kommt zu Plünderungen und das Chaos bricht auf den Straßen aus. Dann breitet sich eine erneute Meldung aus, die Aliens sollen sanftmütig sein und es bestünde kein Grund zur Panik. Doch meiden sie weiterhin jeden Kontakt. Sol und sein Team berichten nicht mehr über Rezepte und Ernährungstrends, sondern sind mit aktuellen Interviews, Darstellungen und Reportagen ein Sprachrohr für die Menschen geworden und ihre Talkshows sind stets aktuell und dicht an den Ereignissen. Sie meinen, Meinungen wiederzugeben, aber dabei sind sie es, die beständig das Meinungsbild entwerfen.

Eine neue Meldung sickert durch. Die Außerirdischen, die auf der Welt für Aufschwung und Frieden gesorgt haben sollen, möchten ein Glückspiel starten. Ein globaler Wettbewerb der auf Freiwilligkeit beruhen soll. Denjenigen, die die ersten drei Plätze machen, winken unglaubliche, galaktische Preise. Alle die teilnehmen werden Stars. Da ist nur ein kleines Häkchen. Wer verliert, wird geschlachtet. Langsam keimen in Sol die Fragen um seine Mitschuld und an den Hintergründen der Spiele. Wer profitiert tatsächlich davon?

Die Handlung nimmt rasant Fahrt auf, als ein Nachbar von Astrid und Sol sich freiwillig für die Show melden möchte. Die Menschen sind alle im Bann der Gameshow, fiebern mit ihren Stars und weinen aus Stolz und Mitgefühl mit den Helden, die sich als Lunch den Aliens hingeben. Dabei rücken die eigentlichen Verursacher der Show immer mehr aus dem Bewusstsein… Waren Sie überhaupt da? Was bleibt mit den Gewinnen? Was ist mit den Exobilien? Denn das  Preisgeld und der allgemeine Aufschwung beruhen auf Grundstücken im Kosmos… Ist alles menschengemacht, wie der anfängliche Stromausfall, der auf menschliches Versagen zurückzuführen war?

Ein politisch, gesellschaftlicher und moralischer Zeigefinger, der aus dem All auf uns zeigt und ziemlich launigen Lesespaß verspricht.

„Fest steht nur, dass wir – auf uns allein gestellt – noch immer da sind. Und das allein kann unheimlich genug sein.“

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Mareike Krügel: „Sieh mich an“

Sieh mich an Mereike Krügel Piper

Der Roman spielt an einem Tag, an einem Freitag in Kiel, Projensdorf. Es scheint das ganz alltägliche Familienchaos zu sein. Doch das wirkt nur so. Das Thema des Buches dreht sich um die Frage, was passiert, wenn innerhalb der Familie eine wichtige Bezugsperson ausfällt beziehungsweise fürchtet, bald sterben zu müssen. Was soll man tun, wenn man plötzlich etwas in der Brust ertastet, während die Tochter durch ihre Verhaltensauffälligkeiten von der Schule verwiesen werden könnte und der Ehemann nur an den Wochenenden anwesend ist? „Man kann doch nicht einfach so sterben, wenn die Dinge noch ungeklärt sind.“

Mareike Krügel hat aber keinen typischen Familienroman oder ein Krebsbuch geschrieben. Brustkrebs selbst wird niemals erwähnt oder direkt ausgesprochen. Es ist ein temporeiches Buch voll alltäglichem Wahnsinn, Humor und emotionalen Herausforderungen sowie Erschütterung. Ein herzlicher und witziger Roman, der schnell an Fahrt aufnimmt. Die Handlung ist nur dezent überspitzt und nur am Ende ganz leicht überdreht. Dies soll aber keine Kritik sein, denn für mich war alles im und am Buch stimmig.

Mareike Krügel ist leider vielen Lesern noch nicht so bekannt. Dabei ist „Sieh mich an“ ihr vierter Roman und sie hat für ihre vorherigen Werke bereits einige literarische Auszeichnungen erhalten. Sie wurde 1977 in Kiel geboren und lebt nun mit ihrem Mann, dem Schriftseller Jan Christophersen, an der Schlei. Beide haben bisher viele wunderbare Bücher geschrieben. Lange ist es her, aber ich möchte es nicht unerwähnt lassen, dass Mareike Krügel mal ein Buchhandelspraktikum in unserer Buchhandlung, der Buchhandlung Almut Schmidt, gemacht hatte.

Gleich der erste Satz nimmt einen gefangen. Die Protagonistin und Ich-Erzählerin, Katharina, konfrontiert uns sofort mit ihren Ängsten. Die Angst vor dem Tod und dem Öffnen der Schultür. Schultüren wirken auf sie wie Pforten zur Hölle und dennoch würde sie für ihre Familie durch alle Höllenfeuer gehen, wenn es sein müsste. Ihre Kinder, Alex und Helli, stehen für sie im Mittelpunkt. An dem Tag der Handlung ist es erneut ihre Tochter, die vorzeitig von der Schule abgeholt werden soll. Später erfahren wir, dass die elf Jahre alte Helli leicht verhaltensauffällig ist und wohl an ADHS leidet und somit viel Raum und Zeit in Katharinas Leben einnimmt. Katharina hat neben dem Haushalt und ihrer Mutterrolle noch einen Teilzeitjob und gibt Musikkurse. Sie ist Musikwissenschaftlerin, deren Doktorarbeit seit Jahren auf ihre Vollendung wartet. Sie kommt nicht dazu, diese fertig abzugeben, da sie den ganzen Alltag und den Haushalt alleine managt, da ihr Mann, Costas, werktags in Berlin arbeitet.

Katharina lässt also alles stehen und liegen, um Helli von der Schule abzuholen, das diese sehr starkes Nasenbluten hat. Doch ihre Gedanken kreisen ständig um ihre Entdeckung. Sie ist Anfang 40 und hat in ihrer Brust etwas erfühlt. Es sitzt in ihrer linken Brust und bleibt unverändert, aber schmerzt nicht. Sie befürchtet das Schlimmste, macht sich wenig Hoffnung, da auch ihre Mutter an Krebs verstorben war. Ab sofort ist die Angst ihr beständiger Begleiter, den sie aber sehr gekonnt verdrängt und aus ihrer Wahrnehmung verbannt. Sei es nun durch ihre Tochter, die erneut ihre ganze Aufmerksamkeit benötigt oder der kleinen Panne, da sie beim Fahren ihre Lieblings CD von Schubert hört und sie leider die Angewohnheit hat, bei den schönsten Passagen die Augen zu schließen. Es passiert aber an diesem Freitag an der Ostsee noch so einiges mehr: Einer ihrer Nachbarn hat sich bei der Gartenarbeit den Daumen abgeschnitten und dann hat sich noch ein geliebter Studienfreund zu Besuch angemeldet. Dem Chaos in ihrer Umgebung und in ihrem Kopf versucht Katharina mit ihren kleinen Listen Herr zu werden, die ihr Geheimnis sind, gleich dem kleinen Etwas in ihrer Brust, zu dem ihre Gedanken stets wandern, sie es aber nie wirklich in Augenschein nimmt.

Ein warmherziges Buch, das den Leser zügig in Beschlag nimmt und sofort Bilder in der eigenen Phantasie wachsen lässt. Es behandelt viele Lebensfragen und ist lebensklug, sehr hingebungsvoll und mit sehr viel Humor geschrieben.

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Siehe auch die Besprechung auf Papiergefluester

 

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