Archiv der Kategorie: Erlesenes

„Im Schatten des Banyanbaums“

Bild„Ich schaute genauer hin. Dann sah ich sie, diese andere Welt, von der Papa immer sprach, in der man das Verlorene wiederfand. Es war einladend und still, irdisch und luftig zugleich. Dort gab es keine explodierenden Bomben oder Raketen, niemand weinte oder starb, es gab keine Tränen, keine Trauer. Es gab Schmetterlinge, die mit zarten Flügeln wippten, jeder so schillernd wie ein Traum.“

Dieser Leseschatz ist ein Debüt von Vaddey Ratner.

Es ist ein unglaublich berührender Roman, insbesondere, wenn man diesen mit dem Wissen liest, daß die junge Autorin das darin Geschilderte selbst als kleines Mädchen durchlebt hat und trotz allem nie ihren Lebensmut verloren hat.

Vaddey Ratner wurde 1970 in Kambodscha geboren und war erst fünf Jahre alt, als die Roten Khmer an die Macht kamen. 1982 gelangte sie als Flüchtlingskind ohne Englischkenntnisse in die USA. 1990 schloss sie die Highschool als Jahrgangsbeste ab und studierte Südostasiatische Geschichte und Kunst. „Im Schatten des Banyanbaums“ war unter anderem unter den Finalisten des PEN/Hemingway Foundation Awards. Vaddey Ratner lebt heute in Potomac, Maryland.

Die Geschichte, die sie in ihrem Debüt erzählt, ist also in weiten Teilen ihre eigene. Denn die Protagonistin, Raami, lebt ebenfalls in Kambodscha und ihre Kindheit endet mit sieben Jahren, als die Roten Khmer die Macht übernehmen und alle Menschen aus der Hauptstadt vertreiben.

Das Mädchen lebt nun zwischen der Grausamkeit der neuen Machthaber und der menschlichen Großzügigkeit der Landbevölkerung.

Der Roman ist aus der Sicht eines sehr fantasiebegabten Kindes geschrieben, das zum Glück an Ihren Träumen festhält. Um die Gräueltaten zu beschreiben, webt die Autorin teilweise mythische Erzählungsebenen in Ihren wunderbaren Text. Der Schrecken wird nicht als literarisches Mittel eingesetzt, weder verharmlost oder zu sehr dramatisiert. Dies macht die Geschichte sehr erlebbar.

Ein wunderbares Buch, das an die Werke von Hosseini erinnert. Eine grausame Geschichte, die voller Schönheit erzählt ist. Ein kraftvoller Text, der beim Lesen sehr viel Emotion und Mitgefühl erweckt.

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Philipp Meyer: „Der erste Sohn“

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Das große Epos über den Gründungsmythos Amerikas. Ein Werk mit einer rohen und außergewöhnlichen erzählerischen Kraft.

Die Protagonisten des Romans sind keine Helden, sondern zu Teilen unsympathische und orientierungslose Seelen, die von Habgier getrieben die amerikanische Geschichte durchwandern.

Philipp Meyer hat einen wahren Antihelden geschaffen und erzählt in diesem kräftigen Epos die unverblümte Besiedelung des Westens. Mit vereinzelt sehr brutalen Bildern erlebte ich als Leser den Gründungsmythos und die Identität Amerikas neu. Ein Buch, das mich in seinen Bann gezogen hat, aber auch, ab und zu durch seine ungeschminkte – wohl natürliche Brutalität der gar nicht so lang entfernten „Western-Zeit“ schockiert und verstört hat.

Die Handlung ist der Kampf des texanischen McCullough-Clans um Land, Öl und Macht. Die Geschichte der Eroberung des amerikanischen Westens als große Familiensaga über drei Generationen während der letzen 150 Jahre.

1836 – Der erste Sohn der neuen Republik Texas wird geboren: Eli McCullough. Seine Familie wird brutal von den Comanchen überfallen und getötet, er selbst wird vom Häuptling Toshaway begnadigt und später vom Stamm aufgenommen. Nach seiner Zeit bei den Indianern wird Eli Großunternehmer, der mit Rindern und Öl handelt. Im Roman wird aus verschiedenen Perspektiven die Geschichte seiner Familie über drei Generationen hinweg erzählt.

Philipp Meyer versteht es, die Schicksale der Individuen vor dem Hintergrund der Geschichte des Staates Texas und der Eroberung des amerikanischen Westens sehr lebendig werden zu lassen und erzählt mit außergewöhnlicher Kraft und ohne falsche romantische Verklärtheit.

Ein kraftvolles, rohes Werk fern jeglicher Winnetou-Romantik.

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Hanne-Vibke Holst: „Das Mädchen aus Stockholm“

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Die Last der Lüge und die Macht der Vergebung ist das Thema des Romans: „Das Mädchen aus Stockholm“ von Hanne-Vibke Holst.

Hanne-Vibke Holst ist eine der erfolgreichsten Autorinnen Dänemarks und lebt in Kopenhagen. Sie platziert in Dänemark und Schweden stets Bestseller und hat für ihren Roman: „Der perfekte Plan“ den Dänischen Buchpreis gewonnen.

Das Buch „Das Mädchen aus Stockholm“ beginnt 1940 als der Zweite Weltkrieg ausbricht, der alles zu zerstören droht. Die Familie der eng verbundenen Zwillinge Leif und Leo sieht sich mit vielen Problemen konfrontiert. Gemeinsam erleben sie im Pfarrhaus ihrer Eltern hautnah den Widerstand gegen die deutsche Besatzung.

Als sie später als junge Männer ein schwedisches Mädchen kennen lernen, das beide fasziniert und sich beide in dieses verlieben wird ihre Brüderlichkeit und Geschwisterliebe auf eine harte Probe gestellt. Einer der Brüder soll das `Mädchen aus Stockholm´ für sich gewinnen, doch gelingt dies nur mit einer List, die sehr lange unbemerkt bleibt. So bahnt sich diese Lüge ihren Weg durch die Generationen…

Im Jahr 2011 lebt Helena in Berlin und sie soll für Ihre Arbeit als Opernintendantin mit dem Demokratiepreis geehrt werden. Zu diesem Anlass hat sich auch ihre Tochter, Sophie angekündigt. Zwischen beiden war lange Zeit ein verletztes Schweigen. Beide sehnen sich nach gegenseitiger Annäherung. Mehr sogar die ehemals rebellische Tochter. Doch das Treffen nimmt eine ungeahnte Wendung und enthüllt eine bittere Lüge aus der Vergangenheit, die ihrer beider Schicksale verändern wird…

Ein unterhaltsamer Familienroman, der eine einfache, klare Sprache hat und trotzdem Tiefgang besitzt. Ab und zu ist der Text etwas klischeehaft, aber sehr gut zu lesen und mehr als pure Unterhaltung. Der Roman ist durch seine Erzählstruktur sehr kurzweilig, gefühlvoll und fesselnd geschrieben.

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Eugene McCabe: „Schwestern“

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„Jeder ist jemand, und keiner ist niemand…“

Eine bewegende Novelle: „Schwestern“ von Eugene McCabe. Eine meisterhafte Erzählung, die in kurzen, prägnanten Sätzen eine Geschichte über Verrat und Vergebung zweier ungleicher Schwestern erzählt.

Der Autor Eugene McCabe wurde 1930 als Sohn irischer Eltern in Glasgow geboren. In den frühen 1940er Jahren kehrte die Familie zurück nach Irland in die Grafschaft Monaghan zurück. Neben seinen Theaterstücken schrieb er auch Kinderbücher, Kurzgeschichten, ein Sachbuch und Drehbücher für Fernsehspiele. McCabe lebt auf einer Farm in der Nähe von Clones in Monaghan in der Nähe der Grenze zwischen Irland und Nordirland.

Die Novelle beginnt im Spätherbst 1952. Die beiden Schwestern, Tricia und Carmel sind noch klein, als ihre Mutter stirbt. Sie bleiben allein bei ihrem Vater, einem Trinker, Weiberhelden und wie sich viel später herausstellen wird, einem Kinderschänder. Dies bekommen die beiden Schwestern, die viel zu jung sind, nicht mit. Aber der Vater muß eines Tages fliehen und verkauft seine Arztpraxis und lässt die Kinder allein. Diese werden von Verwandten verwahrlost und verstört aufgefunden und bei sich aufgenommen.

Während Tricia zu einer lebenshungrigen jungen Frau heranwächst, zieht es die jüngere und schönere Carmel in die Abgeschiedenheit eines Klosters. Als junge Nonne lernt sie ihren Frieden in der göttlichen Natur zu finden. Doch die irdische Liebe lässt sie zweifeln und sie verlässt unerwartet den Orden und stolpert aus einer vorgeblich heilen Welt in ein grundlegend verändertes Irland. Ende der sechziger Jahre ist die Gesellschaft im Umbruch. Die Kirche hat den Menschen nur noch wenig zu bieten. In Nordirland eskaliert der Krieg.

Carmel kommt vorerst bei ihrer Schwester unter und heiratet später einen verwitweten Bestattungsunternehmer.  Sie bleibt eine in sich gekehrte, entrückte Frau, die sich selber strengen moralischen Ansprüchen unterwirft, denen kaum einer, nicht einmal die Nonnen, ihr Mann und ihre Schwester genügen kann.

Durch einen durch Alkohol und verletzen Stolz verursachten Verrat gerät die heile Welt gänzlich aus den Fugen. die erhoffte Vergebung kann nur durch Gottes Kraft oder durch die Geschwisterliebe erteilt werden…

Diese Novelle ist von einem meisterhaften Autor erzählt. In zurückgenommener und nüchterner Sprache liest sich die Geschichte von Verrat und Vergebung sehr kurzweilig. Ein tiefgründiges Buch, das nicht Gewolltes, sonder eher Reduziertes darstellt um dadurch das Große, die eigentliche Dramatik des Textes, in den Vordergrund zu stellen, das im Verschwiegenen und Verborgenen liegt.

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Ein Buch kann ein Leben verändern

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Ein Buch kann ein Leben verändern. Wir wissen aus der Physik und den spirituellen Lehren, daß unsere äußere Welt der Inneren gleicht. So kann eine neue Sicht mein Umfeld verändern. Ich kann nicht die Welt verändern, ich kann nur mich ändern.

Meistens reicht ein kleiner Anstoß. Diese Anregung kann ich durch einen schönen, klugen Satz finden oder durch ein ganzes Buch, denn jeder Text birgt in sich die Möglichkeit, meine Sicht auf die Dinge zu erneuern. Doch muß man auch Geduld haben, denn nicht jedes Buch spricht mich an oder ist für mich zu dieser Zeit das passende. Aber es gibt Bücher, die meinem Leben mehr geben. Ein alter Zen-Spruch besagt: „Ein herumirrender Hund wird vom Stock gefunden“. Ich muß aktiv sein, aber das Ziel und das Wissen ist da und es kommt passend zu mir.  Hierzu fällt mir noch ein Lehrspruch ein: „Das Gras wächst nicht schneller, wenn ich daran ziehe“.

Es ist schön, in unserem Beruf zu erleben, wenn gerade junge Leser dies zum ersten Mal erleben. Das Buch, daß sie gefunden haben und sie so sehr begeistert, daß sie ihr Umfeld anstecken wollen. Ich erinnere mich gut an diese Momente. Bücher von M. Ende, später H. Hesse, besonders „Demian“ und „Siddharta“ haben mich damals sehr gefesselt. Ebenfalls „Faust“ von Goethe. Aber es müssen ja nicht immer diese Klassiker sein, die eine Welt prägen. Es kann ein guter Unterhaltungsroman sein, der mich so sehr berührt, daß ich mehr verstehe und empfinde. Eine neue Welt kann sich mir öffnen. Bücher schaffen es, in uns neue Welten zu erschließen.

Ich gestehe, ich liebe auch Filme und Serien, aber es sind die Bücher, die mich innwendig ergreifen. Das Sehen ist eine außengekehrte Sicht. Ebenfalls denke ich dies auch über die neuen Lesegeräte, die durch ihre diversen Funktionen eher vom Ursprung des Erfassens ablenken könnten.

Man muß nicht wie ich ein großer Freund von spirituellen Texten und Lehren sein, aber daß ich meine Welt und mein Umfeld selbst gestalte, sollte dennoch jedem geläufig sein. Daher empfehle ich heute das Buch: Denn jedes Buch öffnet neue Welten und Ansichten. Machen Sie etwas für Ihre Gesundheit, lesen Sie ein Buch 😉

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„Warten“

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Auf unseren Leseschatz der Woche hat wohl keiner gewartet.
Das liegt aber nicht am einfühlsamen und heiteren Buch, sondern eher an der Tatsache, daß wir das Warten verlernt haben.

In dem Büchlein „Warten“ ist die Journalistin Friederike Gräff einem ungeliebten Zustand auf der Spur, der nur scheinbar neutral ist und sogar glücklich machen kann: das Warten.

Wir warten auf den Bus, auf die große Liebe und der Kreative auf die nächste Idee… Jedes Warten hat seine Geschichte. Friederike Gräff ergründet, was dieser Zustand in uns auslöst. Sie steigt in die Tiefen unserer Psyche und stellt das Warten in ein neues Licht. Ist das Warten eine Gabe, die vor allem den religiösen Menschen auszeichnet? In unseren heutigen Gesellschaften gilt Warten als schwer erträglich, weil es all dem entgegensteht, was das moderne Individuum als seine unveräußerlichen Werte begreift: Freiheit, Gleichheit, Selbstbestimmung. Warten kann die Zeitwahrnehmung intensivieren. Aber was ist Zeit – gibt es diese Zeit? Kann man Zeit ungenutzt vergehen lassen?

Friederike Gräff vermittelt uns in einer schnelllebigen Gegenwart die Vorzüge des Wartens. Ihre vielstimmige Erkundung ermutigt uns, Warteräume zu schaffen und sie selbstbestimmt zu nutzen.

Wer dieses Buch liest, wartet und sieht das Verweilen mit ganz anderen Augen.

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Donna Tartt: „Der Distelfink“

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Es ist ein tolles, ein famoses Werk, daß in seiner Tiefe und der Geschichte wohl keinen Leser unberührt lassen wird.

Der Roman ist in einer kompakten und sehr schönen Sprache geschrieben und fast schon konventionell erzählt. Er zeigt bereits in den Anfängen des umfangreichen 1022 Seiten starken Textes das ganze Spektrum des Kommenden auf. Wer in Kategorien denken möchte, kann das vorliegende Buch schwer einordnen, denn ob es nun ein Entwicklungs- oder ein Bildungsroman ist, fällt bei der Fülle schwer zu sagen. Auf jeden Fall ist es ein Meisterwerk. Die US-Autorin hat zu Recht für diesen Roman den diesjährigen Pulitzer-Preis in der Kategorie Literatur erhalten.

Der Roman handelt von menschlichen Beziehungen, von Tod und Verlust, von Freundschaften, aber auch von Verrat und natürlich der Liebe.

Theodore Decker, der Ich-Erzähler, ist dreizehn Jahre alt, als er seine Mutter bei einem Bombenanschlag im New Yorker Metropolitan Museum verliert. Minutiös und sehr detailliert schildert Tartt bereits diese Anfangsszene, die in sich schon den ganzen charakteristischen Zusammenfall beinhaltet. Er und seine Mutter besuchen das Museum und betrachten den zarten Distelfink, das Werk von Carel Fabritius, einem Schüler Rembrandts und Lehrer Vermeers. Die Mutter erzählt ihrem Sohn, daß Fabritius 1654 bei einer Explosion ums Leben kam. Kurz danach explodieren im Museum zwei Bomben und Theos Leben nimmt eine ungute Wendung. Im Chaos nach der Detonation trifft er den älteren Herrn, dem er kurz vorher in Begleitung eines rothaarigen Mädchens, „Pippa“, begegnet war, und dieser animiert ihn skurril und leicht verwirrt zum Kunstraub. Theo nimmt den Distelfink an sich.

Er wird von der Familie Barbours, einer wohlhabenden Familie eines ehemaligen Schulfreundes, aufgenommen, denn sein Vater, ein gescheiterter Schau- und Glücksspieler, der ihn und seine Mutter vor einiger Zeit verlassen hat, ist unauffindbar und die Großeltern wollen den Jungen nicht zu sich nehmen. Theo trifft später wieder auf Pippa, die ihn vom ersten Augenblick an fasziniert hat und begegnet so auch ihrem Großvater Hobie, der sein väterlicher Freund wird.

Der erste Teil des Buches ist eine sorgfältige Charakterstudie, die bereits alle Themen des Buches anklingen lässt. Die Handlung überschlägt sich, als Theos Vater ihn doch abholt und nach Las Vegas mitnimmt. Der moralische Zerfall von Theo wird getragen von Lügen, Alkohol und Diebstahl. Im Hintergrund rumort in ihm immer das entwendete Gemälde. Stets möchte er sich erleichtern, es jemandem beichten, doch je länger er es bei sich hat, desto unmöglicher wird es.

Das große Thema des Buches ist, warum wir wissentlich Falsches machen und dies auch erkennen und wie, wenn es auffliegt, das ganze maskierte Lebensbild ins Wanken gerät. Theo treibt die Sehnsucht an, etwas Bleibendes festzuhalten.

Der Distelfink ist ein Symbol. Ein angeketteter leichter Vogel. Man kann diesen für seine Schönheit und Ausstrahlung bewundern, aber dennoch ist er ein gefangenes, zartes Geschöpf, das in sich selber gefangen ist. Ebenso verhält es sich mit dem Roman. Er ist ein verästeltes Kunstwerk mit enormer Wirkung und einer Fülle an realistischen Details.

„Und so gern ich an eine Wahrheit jenseits der Illusion glauben würde, glaube ich doch inzwischen, dass es sie nicht gibt. Denn zwischen der „Realität“ auf der einen Seite und dem Punkt, an dem der Geist die Realität trifft, gibt es eine mittlere Zone, einen Regenbogenrand, wo die Schönheit ins Dasein kommt, wo zwei sehr unterschiedliche Oberflächen sich mischen und verwischen und bereitstellen, was das Leben nicht bietet: und das ist der Raum, in dem alle Kunst existiert und alle Magie.“

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Simon van Booy: „Die Illusion des Getrenntseins“

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„WIR SIND HIER, UM AUS DER ILLUSION UNSERES GETRENNTSEINS ZU ERWACHEN.“

Thich Nhat Hanh

Das Buch beginnt mit dem Zitat von Thich Nhat Than: „Wir sind hier, um aus der Illusion unseres Getrenntseins zu erwachen.“

Dieses Zitat spiegelt das zentrale Thema des Buches, denn Thich Nhat Hanh, der sich seit Jahrzehnten für den Frieden einsetzt, gibt in diesem kurzen Satz sein Wissen für eine bessere und harmonische Welt weiter. Alle Lebewesen sind miteinander verbunden; beginnt eines sein Leben zu ändern, wird es auch auf andere übergreifen.

Der Roman „Die Illusion des Getrenntseins“ handelt von einem Verbund aus einzelnen Charakteren in verschiedenen Zeiten. Es nimmt seinen Anfang, als Martin alt genug für die Schule ist und ihm seine Eltern erzählen, dass er ihnen vor einigen Jahren, mitten in den Kriegswirren, von einem Fremden auf den Arm gedrückt wurde.

Er braucht nun Jahre, um seine wirkliche Herkunft zu begreifen und er benötigt sein ganzes Leben, um dem Mann zu begegnen, der ihn einst gerettet hat. Und auch dann weiß er nicht, wer da vor ihm steht.

Die Handlung nimmt uns mit in eine kleine Bäckerei in Paris, mitten in den Wirren des Zweiten Weltkriegs. Es wird die Geschichte eines Soldaten erzählt, dem in einem Akt der Güte das Leben geschenkt wird. Ebenso erfahren wir aus dem Leben jener mutigen jungen Frau, die ein offenes Herz hat für ein Neugeborenes, das ihr von einem Fremden einfach in den Arm gelegt wird.

Es sind die Geschichten dieser Menschen, die den Leser fesseln. Der Roman ist in einer eleganten Sprache geschrieben und entfaltet einfühlsam die unglaublichen Schicksale der einzelnen Figuren, die stets im Sinne des obigen Zitates verbunden sind.

Wenn jeder Einzelne darauf achtet, wie er denkt, spricht und handelt, dann trägt er dazu bei, in kleinen Schritten die Welt, die nur scheinbar ein fremder Ort ist, zu verändern.

„Unsere Liebe zu dir“, sagte sie, „wird immer größer sein als irgendeine Wahrheit.“

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Meine kriminellen Leseschätze des bisherigen Frühjahrs…(2014)

Es ist unmöglich von diesen Büchern nicht gefesselt zu sein…

Ich gebe es ja zu, ich lese nur ab und zu einen Krimi. Wenn aber etwas neues von zum Beispiel Arne Dahl, Andrea Camilleri, Petros Markaris oder Martin Walker erscheint, freue ich mich stets auf diese Lesestunden.

Damit es aber hier nicht heißt, der gute Kriminalroman käme zu kurz, möchte ich folgende Titel, die ich im bisherigen Frühjahr gerne gelesen habe, kurz im „Leseschatz“ vorstellen:

Bild    „Der unvermeidliche Tod des Lewis Winter“ von Malcom Mackay

Ein außergewöhnlicher Thriller, denn der Protagonist, Calum McLean, ist Auftragsmörder, der nur gut abgewogene Fälle übernimmt. Er ist ein stolzer Einzelgänger, der keiner Verbrecherorganisation angehört. Da ein „Kollege“ eine neue Hüfte bekommen hat, wird ihm ein vermeintlich einfacher Auftrag angeboten.

Die Handlung spielt in Glasgow und die Stadt ist in Bereiche des organisierten Verbrechens aufgeteilt. Calum McLean erhält einen unverfänglichen Anruf. Wer zwischen den Zeilen lesen kann, versteht, daß es hier um einen neuen Auftrag geht: den `unvermeidlichen Mord des Lewis Winter´. Lewis Winter ist selbst ein Kleinganove, der aber mit den Großen mithalten möchte. Er dringt in das Revier des Auftragsgebers ein und soll daraufhin beseitigt werden. Doch am Ende ist nicht mehr alles wie es war. Calum McLean, der Einzelgänger, macht Veränderungen durch, denn was ist der Sinn des Tötens und warum wurde ihm der Auftrag erteilt? Es gibt viele Überraschungsmomente in diesem Buch, das mich sehr gut unterhalten und niemals gelangweilt hat, gerade weil es mal eine doch so fremde und andere Perspektive aufzeigt…

Bild    „Mädchenjäger“ von Paul Finch

Dieser Autor schafft es, gleich im ersten Kapitel so eine besondere und spannende Atmosphäre zu schaffen, daß man das Buch am liebsten nicht mehr aus der Hand legen möchte.

Achtunddreißig verschwundene Frauen innerhalb weniger Jahre. Ohne jede Spur. Kein Motiv, kein Muster, keine Leichen. Detective Sergeant Mark „Heck“ Heckenburg ist überzeugt, dass das kein Zufall sein kann, doch außer ihm glaubt niemand an einen Zusammenhang. Als Heck auf eigene Faust ermittelt, kommt ihm eine Frau zu Hilfe: Lauren Wraxford, die verzweifelt auf der Suche nach ihrer verschwundenen Schwester ist. Gemeinsam riskieren sie alles in einem Kampf auf Leben und Tod gegen eine unsichtbare Macht …

Bild   „Felsenfest“ von Jörg Maurer

Ich gestehe ich mag die Alpen um Garmisch-Partenkirchen, daher wundere ich mich, daß ich mit „Felsenfest“ erst jetzt meinen ersten Maurer gelesen habe. Ein sehr unterhaltsamer, humorvoller Krimi.

Gleich am Anfang des Textes wird man Zeuge einer Geiselnahme auf einem Gipfel über dem idyllischen alpenländischen Kurort. Ein maskierter Mann bringt eine Wandergruppe in seine Gewalt. Diese Gruppe besteht aus ehemaligen Klassenkameraden von Kommissar Jennerwein. Der Maskierte stößt Drohungen aus und kurz danach stürzt eine Geisel den Abgrund hinunter. Als Kommissar Jennerwein alarmiert wird, merkt er schockiert, dass er alle Opfer persönlich kennt – aus der Schulzeit. Hat der Fall etwas mit seiner eigenen Vergangenheit zu tun? Während sein Team grantige Geocacher jagt, macht das Bestatterehepaar a.D. Grasegger in Grabgruften und Grundbüchern eine brisante Entdeckung. Jetzt muss Jennerwein alles anzweifeln, woran er felsenfest geglaubt hat…

Bild   „Ein paar Tage Licht“ von Oliver Bottini

Bottini hat mich bereits mit „Der kalte Traum“ sehr gefesselt. Sein neuer Roman ist noch vielschichtiger und hat mich ´erhellt`. Bottini versteht es stets sehr gut zu unterhalten und Wissen zu vermitteln. Seine Figuren sind sehr komplex und die Handlung sehr gut strukturiert.

In Algerien wird der Manager eines deutschen Rüstungskonzerns entführt. Von offizieller Seite heißt es sofort: Al-Qaida hat zugeschlagen. Doch für BKA-Mann Ralf Eley, an der deutschen Botschaft in Algier stationiert, gibt es zu viele Ungereimtheiten. Allerdings kann er nicht ermitteln, ohne die Ausweisung zu riskieren. Also tut er es diskret, mithilfe der algerischen Untersuchungsrichterin Amel, seiner heimlichen Geliebten. Bald wird klar, dass es um viel mehr geht als um das Leben eines Entführten. Denn zahlreiche Spuren führen nach Deutschland, zu einem schwäbischen Waffenhändler. Und Eley begreift: Wenn er die Wahrheit ans Licht bringen will, muss er alles aufs Spiel setzen.

Bild   „Kindertotenlied“ von Bernhard Minier

Hochsommerliche Hitze belastet die Menschen im Süden Frankreichs, als ein brutaler Mord geschieht. Eine Professorin der Elite-Universiät Marsac liegt ermordet und gefesselt in der Badewanne. Ohrenbetäubende Musik schallt durch die Nacht… „Die Kindertotenlieder“ von Gustav Mahler. Mit „Schwarzer Schmetterling“ ist Bernhard Minier ein tolles und sehr spannendes Debüt gelungen. Wie schon im „Schwarzen Schmetterling“ ist auch „Kindertotenlied“ durchdrungen von der Musik von Mahler, dem Lieblingskomponisten des Protagonisten beider Romane, Martin Servaz.

Hauptverdächtig ist ein Student: ausgerechnet der Sohn von Kommissar Servaz` Jugendliebe. Die Ermittlungen führen den Kommissar zu einem mysteriösen Studentenzirkel und zwingen ihn zu einer Reise in die eigene Vergangenheit. Amicus mihi Plato, sed magis amica veritas – Platon ist mir lieb, aber noch lieber ist mir die Wahrheit, lautet sein Motto. Doch die Wahrheit wird ihn in diesem Fall schmerzhaft an die Grenzen des Vorstellbaren bringen.

Ich wünsche spannende und erlesene Stunden!

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Uwe Kolbe: „Die Lüge“

Glaube, Hoffnung, Lüge

Moral, was ist das? Pflicht, wo hört sie auf? Scham, wer fühlt sie?

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Uwe Kolbe zählt zu den namhaften Lyrikern Deutschlands und legt nun mit „Die Lüge“ seinen langerwarteten Debütroman vor.

Ein Roman, in dem nicht alles Schwarz oder Weiß ist. Es gibt keine klare Trennung zwischen „Gut“ und „Böse“. Eine Vater-Sohn- Geschichte. Ein irritierender aber zugleich faszinierender Roman.

Hadubrand Einzweck, der Ich-Erzähler, ist in seinem Verhalten ein Abbild seines Vaters. Beide sind skrupellos beim Verfolgen ihrer Ziele und beim Verschleiß ihrer Frauen. Beide schrecken vor Verrat und Manipulation nicht zurück, wenn es um Ihre Interessen geht. Beim Sohn ist es das Künstlerische, das Komponieren und beim Vater stets das Politische.

Es ist die Geschichte einer maßlosen und erschreckenden Verstrickung. Ein Vater, der in den Osten ging, um in der DDR seinen Hoffnungen zu dienen. Der Sohn, der Ich-Erzähler, der als Komponist den Ton seiner Generation einfängt und sich mit der Zensur arrangiert. Als der Sohn Karriere macht, steht der Vater nach langer Zeit vor der Tür. Fortan umkreisen sich beide und nur langsam ahnt man, welchen Kampf sie miteinander führen.

Ein sehr poetischer, beklemmender Roman, der dem Leser einen moralischen Zeigefinger aufzeigt.

Kolbe erzählt von Verrat, Abhängigkeit, Anziehung, Zuneigung und Gefühllosigkeit. Ein schwer verdauliches aber vielmehr auch interessantes Werk. Ein Roman vom Verrat am eigenen Leben und gleichzeitig eine Absage an die Gleichgültigkeit gegenüber der Verantwortlichkeit des eigenen Handelns.

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