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Judith Hermann:„Aller Liebe Anfang“

aller liebe anfang

„Hallo, wie ist es denn so, gestalkt zu werden“

Der erste Roman von Judith Hermann. Die Berliner Autorin hat bereits viele Preise für Ihre großartigen Erzählungen erhalten. Diese lassen mich stets an gute Tom Waits Songs erinnern…

Nun legt Sie mit „Aller Liebe Anfang“ einen Roman vor, in dem es über die Zumutungen der Liebe, der Schutzlosigkeit und dem Ausgeliefertsein im Leben geht.

Stella trifft Jason im Flugzeug. Sie war auf einer Hochzeit und hat den Brautstrauß gefangen und begegnet nun auf der Heimreise ihrem zukünftigen Ehemann. Da Stella unter Flugangst leidet, bittet Sie um seine Nähe. Seine rauen, rohen Handwerkerhände halten während des ganzen Fluges ihre Hand und geben ihr die gewünschte Geborgenheit. Aber auch hier bleibt er passiv, gibt nur den vermeintlichen Schutz, denn er schläft die ganze Zeit.

Als Eheleute wohnen sie mit ihrer kleinen Tochter Ava in einem einfachen Haus mit kleinem Garten im Randgebiet einer unbenannten Stadt. Stella erlebt ein einfaches, ruhiges Leben. Sie arbeitet als Pflegerin, die sehr sensibel und einfühlsam die alten Menschen betreut. Jason, der viel arbeitet und von Bau zu Bau reist, lässt seine Familie oft alleine. Diese Lücken, die auch in unausgesprochenen Bildern und Sätzen angedeutet werden, mehren sich in ihrem alltäglichen Leben.

„Träume, wie Häutungen“

Eines Tages steht, als Stella alleine zuhause ist, ein Mann vor der Tür, ein Fremder, jemand, den Stella nie zuvor gesehen hat. Er sagt, er wolle sich einfach einmal mit ihr unterhalten, mehr sagt er nicht. Stella spricht mit ihm lediglich durch die Gegensprechanlage, weißt ihn ab und will mit ihm nicht reden. Der Fremde geht, kommt aber bereits am nächsten Tag wieder. Er, der unheimliche Fremde aus der Nachbarschaft, Mister Pfister, klingelt jeden Tag, wenn sie alleine ist und hinterlegt, da sie nicht reagiert, stets etwas, einen Brief, eine CD, einen USB-Stick und ähnliche für sie persönlich gedachte Medien im Briefkasten. Halt findet Stella in Ihrer Tochter, Ava und den Gesprächen mit ihrer Freundin Clara, die ihr aus der Ferne Unterstützung sendet

„Jason geht den Waldweg runter. Die Straße ist sonntäglich. Alles bleibt zurück.“

Mister Pfister wird sie nun nicht mehr in Ruhe lassen. Was hier beginnt und sehr nachvollziehbar geschrieben ist, ist ein Albtraum, der langsam, aber unbeirrbar eskaliert.

„Mister Pfisters Blick auf mich muss so gewesen sein, denkt Stella. Und jetzt bin ich wie das Mädchen auf dem Bild, ich falle.“

In einer sehr schönen, klaren, aber auch schonungslosen Sprache und irritierenden Bildern erzählt Judith Hermann vom Rätsel des Anfangs und Fortgangs der Liebe, vom Einsturz eines sicher geglaubten Lebens. Ein Roman voll ungeheurer Schönheit und Kraft.

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Juan Gabriel Vásquez: „Das Geräusch der Dinge beim Fallen“

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Ein fesselnder Roman über Kolumbien. Ein packendes Panorama über die schmutzige Geschichte des Landes, den berüchtigten Drogenhandel und die endlose Gewalt der 90er Jahre. Der Autor schafft es mit einer tollen Sprache die Schönheit und den ganzen Schrecken dieses Landes und seiner Geschichte zu vermitteln.

Der Roman nimmt seinen Anfang in Bogotá im Sommer 2009, als der Jura-Professor Antonio Yammara in der Zeitung liest, dass ein Nilpferd aus dem Zoo ausgerissen ist. Es ist der damals von jedem besuchte Privatzoo des legendären Drogenboss Pablo Escobar. Unmittelbar fühlt Yammara sich in die Zeit zurückversetzt, als der Krieg zwischen Escobars Medellin-Kartell und den Regierungstruppen auf den Straßen Kolumbiens tobte.

Er, als junger Juradozent, und der geheimnisvolle Ricardo Laverde begegnen sich 1995 zum ersten Mal im Billardsalon. Laverde, der viele Jahre im Gefängnis verbracht hat, wirkt sehr schweigsam und erzählt über seine Haft so gut wie gar nichts. Lediglich, dass er Pilot ist.

Als beide in der Stadt sind, werden sie Opfer eines Attentats. Yammara muss hautnah miterleben, wie sein Freund auf der Straße erschossen wird. Er selbst überlebt schwer verletzt und versucht von nun an hinter das Geheimnis von Laverde zu kommen. Bei den Nachforschungen entdeckt er, wie stark sein Leben von der gewaltsamen Vergangenheit des Landes bestimmt wurde.

Die Spur führt ihn zu Laverdes Tochter und zu dem Drogenbaron, für den Laverde als Pilot Drogen geschmuggelt hatte und deswegen verhaftet wurde. Seine Ehefrau verschweigt ihrer Tochter die brutale Wahrheit und erfindet stattdessen die Geschichte vom verschollenen Piloten…

Ein ergreifender Roman, der bis zum Ende fasziniert und seine Qualität bis zum Schluß hält. Ein Buch über korrupte Verhältnisse und über einen Drogenboss, der sich über jede Moral und Politik stellt. Ein wahrer Leseschatz….

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Astrid Dehe und Achim Engstler: „Auflaufend Wasser“

Watt

„Ein kleiner Sprung nur aus dem Boot, ein Gefühl von Sieg, das rasch verblasst – und Tjark Evers, Matrose und Navigationsschüler, hat seine Insel verfehlt.“

Die Novelle beruht auf wahren Begebenheiten. Im Jahr 1866 ließ sich Tjark Evers im Nebel von zwei Fischern auf Baltrum absetzen. Doch verfehlen sie die Insel und denken die Sandbank sei der anlaufende Oststrand von Baltrum. Er stand auf der Plate und als die Flut kam, ertrank der 21-Jährige.

„Er war Tjark Evers, wird es bald schon heißen. Sein Leben verschiebt sich in die Vergangenheit“

Tjark Evers ergibt sich schnell seinem Schicksal. Er weiß, er wird sterben. Er wird immer stiller und ergibt sich der Situation, denn er ahnt, nichts kann ihn nun mehr retten. Bei sich führt er in seinem Seesack ein Taschenbuch, in dem er in großer Bleistiftschrift einen Brief an seine Familie schreibt, die er heute zu Weihnachten besuchen wollte. Auf diesen Seiten schreibt Evers gewissermaßen seinen Abschiedsbrief.

Dieses Buch ist 1867 in einer Zigarrenkiste tatsächlich vor Wangerooge angeschwemmt worden.

Auf ein Wunder hoffend, vollbringt der junge Mann selbst eines: Er sucht und findet Zuflucht in Worten und Sätzen. Tjark Evers schreibt … Zwischen Wasser und Sand, zwischen Traum und Wirklichkeit ringt er um sein Leben, erkennt die Macht der See…

Das Taschenbuch legt er, als das Wasser sehr hoch ist in die Zigarrenkiste und übergibt sie den Wellen…

Tjarks Taschenbuch, die Zigarrenkiste, das Halstuch und der Bleistift sind im Heimatmuseum „Altes Zollhaus“ auf Baltrum zu sehen.

Ein wirkungsvolles Buch und es ist lesenswert, was die Autoren aus dieser Geschichte machen, denn sie konzentrieren sich auf Tjarks Innenleben, das von den Naturbildern gespiegelt wird.

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Robert Seethaler: „Ein ganzes Leben“

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Das kleine Buch „Ein ganzes Leben“ von Robert Seethaler hat seinen Titel zu Recht und es birgt in sich die Fülle eines Romans, die andere Autoren meist nur in einem dicken Wälzer ausleben können. Seethaler beschreibt mit einer Leichtigkeit einen ganz erfüllten Lebensbogen mit allen seinen Tiefen und Höhen.

Ein tolles Buch, das gleich zu Beginn der Geschichte aufzeigt, daß es kein leichtes Leben für den Protagonisten, Andreas Egger, werden wird.

Nichts in diesem Text wirkt aufgesetzt oder gekünstelt. Es ist ein dünnes Buch mit gerade mal 155 Seiten in denen ein ganzes Leben steckt, das mich als Leser sehr begeistert hat.

Der Kreislauf des Lebens beginnt an dem Tag, als Egger den sterbenden Ziegenhirten, genannt der Hörnerhannes, in das Tal tragen möchte, dieser aber dem Tod von der Schippe springt und Egger im Tal zum ersten Mal vor Marie steht, der Liebe seines Lebens.

Egger ist als vierjähriger Junge in dieses kleine Tal irgendwo in den Alpen gebracht worden. Der Bauer Kranzstocker nimmt ihn nur wegen der Geldtasche, die ihm um den Hals gehängt wurde, als Hilfsknecht auf seinem Hof auf. Egger wird sehr schlecht behandelt und so sehr geprügelt, daß er sein ganzes Leben lang hinken wird.

Trotz seiner Behinderung wird aus dem Jungen im Laufe der Zeit als Knecht ein starker Mann, der seine Rolle im Leben verstanden hat.

Später schließt er sich einer Gruppe von Seilbahnarbeitern an, die die ersten Bergbahnen bauen und mit der Elektrizität auch das Licht und den Lärm in das Tal bringen. Er heiratet Marie, die er jedoch bald wieder verlieren wird. Aber sie bleibt für immer in seinem Herzen.

Viele Jahre später, nachdem er Lawinenunglücke, den Krieg und russische Gefangenschaft überlebt hat und die Welt längst eine andere geworden ist, geht Egger seinen letzten Weg und wird ihr noch einmal begegnen. Eine neblige Szene, die eine „Schimmelreiter-Stimmung“ in die Alpen versetzt.

Der Kreislauf schließt sich mit dem Fund der eingefrorenen Leiche des Hörnerhannes…

Durch das ganze menschliche Drama wandert Andreas Egger mit einer unaufgeregten und charakterstarken Natürlichkeit, so dass man als Leser staunend das Buch schließt und am Ende glücklich ist, an diesem ganzen Leben teilgehabt zu haben.

Wenn man die letzte Zeile gelesen hat, spürt man die zarte Traurigkeit, aber auch die Hoffnung, etwas von dem stillen Leben von Andreas Egger möge am Leser hängen bleiben….

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Johan Bargum: „Septembernovelle“

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„Septembernovelle“ von Johan Bargum. Ein Buch, das in sich stimmig ist. Die schöne Gestaltung, das nordische Foto, eines einsamen Leuchtturms, der aus dem Mittelpunkt gerückt in leichtem Dunst in ruhiger See steht.
Das Bild des Leuchtturms wird oft im Text eingebaut. Sie sind immer da, wenn jemand sie benötigt, auch dann, wenn keiner sie braucht…

Diese Novelle ist ein kleines Geschenk. Schnell ist der Text gelesen und die Handlung inhaliert. Dennoch bleibt lange ein nebliger Nachgeschmack im Leser, der sich wohl noch länger mit dem Inhalt beschäftigen wird.
Es ist das Geheimnisvolle, die Stille und das Verschwiegene, das Unausgesprochene, das den Leser zu fesseln versteht.

Das Büchlein ist in zwei Teile eingeteilt. Im ersten wird Olof von der Polizei in seiner Wohnung aufgesucht, weil er den Verbleib seines Freundes Harald erklären soll. Es war einer der letzten warmen Sommertage, als Olof und Harald zusammen segeln gingen. Doch der Frieden in der naturbelassenen Schärenlandschaft scheint trügerisch. Denn am Ende des Segeltörns kommt nur Olof alleine zurück. Beide hatten sich zuvor seit 20 Jahren nicht mehr freundschaftlich getroffen, denn Olof hatte damals Haralds Ex-Frau, Elin, geheiratet.
Der erste Teil dieser Novelle ist in einem spitzzüngigen aber auch lakonischen Ton gegenüber den Verhörern gehalten. Die ganze Handlung spielt an einem Tag, während dieses Gesprächs mit der Polizei, in dem stets ein Brief von Harald erwähnt wird, den Olof erst nach seinem Bericht zu lesen bekommt.

Dieser Brief kommt im zweiten Teil zum Vorschein und die Perspektive wechselt. Harald erzählt beziehungsweise schreibt an den Finder dieses Briefes. Die Geschichte erscheint in einem anderen Licht und bricht einfach ab, als Harald verschwunden ist…

Im Leser bleibt eine Stille und eventuell eine Leere, die aber viel Raum für Neues geben kann. Wir lernen drei Menschen kennen, die durch ihr Schicksal verbunden waren. Die Sprache ist knapp aber metaphorisch. Die Landschaft und die Natur spiegeln die jeweiligen Seelenzustände der Protagonisten. Viele Romane spielen am und auf dem Wasser, doch bleibt in der „Septembernovelle“ immer das Land in Sicht und die See hat ab und zu ihre typischen Untiefen.
Eine Novelle, die in sich mehr verborgen hat, als sie beschreibt. Ein stilles, melancholisches Werk, das mehr ist als nur ein Roman über Freundschaft, Liebe und Segeln.
Jedes Bild, wenn nicht sogar jedes Wort, in diesem scheinbar leichten Text trägt in sich seine kleine Bedeutung…

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Marion Brasch: „Wunderlich fährt nach Norden“

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„Ein großer Teil der Sorgen besteht aus unbegründeter Furcht“

Ein wunderlich schönes Buch. Ein märchenhafter, melancholischer, aber stets auch witziger Roman über die glücklichen Momente im Leben. Ein surrealer Kreislauf. Mit „Wunderlich fährt in den Norden“ hat Marion Brasch einen Roman geschrieben, der ganz anders ist als ihr Vorgänger „Ab jetzt ist Ruhe“. War dieser ein realistischer Roman über ostdeutsche Familiengeschichten, so ist Wunderlich einfach nur wunderlich…. Beim Lesen wurde ich immer wieder an eines meiner Lieblingsbücher erinnert: „Land des Lachens“ von Jonathan Caroll (leider vergriffen), in dem der Protagonist ebenfalls die fassbare Realität in einem befremdlichen Dorf verlässt. Wunderlich ist eine Figur, die durch mehrfache Schubser lernt ihren Weg zu finden, ob dieser nun gen Norden geht oder nicht.

„Alles wäre gut, Nein, alles war gut“

Wunderlich sieht sich selber als unglücklichsten Menschen, den er kennt. Als Marie ihn verlässt, versinkt Wunderlich in Selbstmitleid. Sein Handy, das ihm ab diesem Moment stets anonyme SMS sendet, regt ihn zu einer Reise in sein Leben zurück an. Das Handy lässt ihn in einen Zug Richtung Norden einsteigen, dessen Ziel er nicht kennt und aus dem er auch wieder schneller aussteigt als gedacht. In einem unbekannten Dorf, in dem eigentlich keine Züge mehr halten, lernt er Finke kennen. In ihm findet er einen trinkfesten, etwas derben Freund, der ihn mit auf sein „Schloss“ nimmt. Da Finke am folgenden Tag einfach verschwunden ist, stolpert Wunderlich in ein Abenteuer, das vieles verändert und bei dem es nicht mit rechten Dingen zugeht…

„Aber vielleicht lag  Finke auch irgendwo im Straßengraben und war verletzt oder gar tot? Wunderlich wagte den Gedanken nicht auszusprechen, denn Dinge, die einmal ausgesprochen waren, standen im Raum und waren nicht mehr zu übersehen. Sie wurden unumstößlich Tatsache.“

Er macht sich mit der eigensinnigen Toni auf die Suche nach Finke. Ihm begegnen skurrile Charaktere – ein knarziger Kneipenwirt, liebe Dörfler, prügelnde Dorfjugend, hilfsbereite Holzfäller und Lennon Felljacke, der immer wieder auf dem Fahrrad durch diverse Szenen fährt. Ebenso gibt es wunderliche Begebenheiten mit märchenhaften Zutaten wie zum Beispiel „Blauharz“, das jede Wunde innerhalb von Minuten heilt, aber dafür auch die Erinnerung an die Ursache und an die Wunde löscht …

„Sollen wir nicht zurück, bevor es dunkel wird?“ – „Wie bistn du drauf, Hutmann“ sagte Toni schläfrig. „Wir sind doch gerade erst gekomm´?“

Ein tolles, wundersames Buch voller Magie und schrulligen Typen. Einfache Momente des Lebens, leicht zu lesen – stets komisch und dennoch tiefgründig und berührend. Eine Geschichte über einen Mann, der Entscheidungen scheut und sich dem Zufall überlässt. Durch seine Reise in den Norden wird Wunderlich zum Abenteurer und entdeckt, was er vergessen wollte und findet, was er nicht gesucht hat…

„Und jetzt? Jetzt juckten seine Haarwurzeln, weil er gleich wieder dort sein würde, wo alles einfach schön und verwunschen war. Und wo er jemand war, den er mochte. Vielleicht zum ersten Mal. Und wegen Toni. – Wunderlich nahm seinen Hut ab, damit er sich nach Herzenslust am Kopf kratzen konnte. Er meinte plötzlich zu wissen, warum er sich so leer gefühlt hatte, als er gestern am Meer stand. Vielleicht hatte er schon gespürt, das nicht Norden das Ziel seiner Reise war, sondern etwas anderes. Etwas, von dem er nicht wusste, dass man dorthin reisen konnte.“

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Anne von Canal „Der Grund“

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„Ist es nicht seltsam, dass gleich nichts mehr so ist wie jetzt?“

Wie oft kann ein Mensch von vorn beginnen?

Mal wieder ist unser Leseschatz ein literarisches Debüt. „Der Grund“ von Anne von Canal erzählt die Geschichte eines Mannes, der durch äußere Umstände stets gezwungen wird, sich neu zu finden und zu erfinden…

Die Autorin, Anna von Canal, wurde 1973 geboren und war nach dem Studium der Skandinavistik und Germanistik zehn Jahre lang im Verlagswesen tätig, bevor sie sich selbst dem Schreiben widmete. Heute lebt sie auf einem Weingut an der Mosel und zeitweise in Hamburg.

Ein Roman, der dem Leser in zeitlichen Sprüngen, Rückblicken und Tagebucheinträgen den Protagonisten Laurits sehr nahe bringt. Mit allen Sinnen kann man sein Leben zwischen großbürgerlichem skandinavischen Elternhaus, Pflichterfüllung und Freiheitsdrang verfolgen. Man wird sein Begleiter auf seiner Suche nach Aussöhnung auf den Meeren der ganzen Welt…

Das Buch beginnt mit einem zitierten Dialog, der bis auf wenige Abweichungen dem Funkverkehr zwischen der MS Silja Europa und der Estonia in der Nacht des schlimmsten Schiffsunglücks Europas basiert und lässt einen tragischen Verlauf der Geschichte erahnen.

Die Handlung beginnt mit den ersten Tagebucheinträgen von Laurits aus dem Jahr 2005. Er ist als Pianist auf einem Kreuzfahrtschiff und erlebt seine Vergangenheit erneut.

Er wurde in einem wohlhabenden Stockholmer Vorort in den Sechzigerjahren geboren und liebt das Spielen im und am Wasser. Vor allem aber lebt er in den Klavierstunden bei Fräulein Andersson auf. Überall fühlt er sich wohler als in Gegenwart seiner überspannten Mutter und des dominanten Vaters.

Auch wenn Entscheidungen oder Beeinflussungen durch andere Personen gut gemeint sein könnten, kann die Wirkung für den Betroffenen schlimme Folgen haben. Der strenge Vater, selber Chirurg, plant für seinen Sohn eine Zukunft als Mediziner. Doch die Leidenschaft von Laurits ist die Musik und als er 18 wird, schließt sein Vater mit ihm einen Pakt. Sollte er bei einem Vorspiel eines Konservatoriums als Schüler angenommen werden, stellt sein Vater sich ihm nicht in den Weg. Wenn er nicht aufgenommen werden sollte, verlangt der Vater das Laurits gleich ihm Medizin studiert. Da er aber ein sehr begabter Pianist ist, scheint eine Karriere als Konzertpianist zum Greifen nah, und er spielt um sein Leben. Doch es kommt anders als gedacht, denn er besteht die Aufnahmeprüfung nicht…

Laurits findet seine Bestimmung als Arzt – und mit seiner großen Liebe Silja und der gemeinsamen Tochter Liis das Glück. Aber auf einer Familienfeier, ihrem zehnten Hochzeitstag, muss er erfahren, daß sein ganzes Leben auf Sand gebaut ist.

„Ohne Zweifel war dies der Moment gewesen, in dem sein Leben tatsächlich von vorn begann. Neubeginn der Zeitrechnung. Wiedergeburt.“

Daraufhin fällt Laurits eine folgenschwere Entscheidung, die sein Leben und das Leben seiner Familie gänzlich auf den Kopf stellen wird. Ein tragisches Schicksal fordert erneut einen Neubeginn…

„Drei Sekunden reichten, um endgültig Abschied von allem zu nehmen, was ihm wichtig war.“

„Der Grund“ hat eine enorme Sogkraft. Das Buch ist literarisch und wunderbar geschrieben. In Teilen hat man das Gefühl etwas oder einen Handlungsstrang verpasst zu haben. Doch wird dieser gekonnt als Folge oder als ein Blick zurück eingebaut. Ein poetischer Text, der viel Raum für Emotion und eigene Gedanken lässt.

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Claus Probst: „Nummer Zwei“

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„Dies ist wirklich ein spezial gelagerter Sonderfall…“

Ich wollte eigentlich nur mal eben in das Buch schauen, um zu sehen, worum es geht und wie es geschrieben ist. Aber dann hat dieser spannende Thriller mich überzeugt und ich konnte nicht aufhören zu lesen…

Ein gut geschriebener, kluger Krimi, der unterhaltsam und dennoch tiefgründig ist.

Claus Probst hat 2012 den Agatha-Christie-Krimipreis gewonnen und mit „Nummer Zwei“ hat er seinen ersten Thriller veröffentlicht. Da er Psychologe ist und als Psychotherapeut tätig ist, findet man in dem Roman authentische Protagonisten mit ausgeklügelten Verhaltensweisen.

Am frühen Morgen findet der traumatisierte Romberg die Leiche eines jungen Mädchens, nackt, gewaschen und mit gespreizten Beinen auf einer Bank sitzend, als hätte der Mörder sie gerade eben erst dort zurückgelassen. Gegen alle Vernunft entfernt er das Mädchen vom Tatort, bringt es zu sich nach Hause, zieht ihr ein Sommerkleid an und legt sie mit einem Stofftier in die Tiefkühltruhe. Er weiß, er darf das nicht tun. Er weiß auch, dass ein Mörder, der bereits zwei junge Frauen umgebracht hat, die Region Mannheim in Angst versetzt. Aber etwas ist in ihm und er muss so handeln….

Die Analytikerin Lena Böll wird von ihrer Weiterbildung in Los Angeles abgezogen, um an diesem Fall zu arbeiten und sie sucht nun nach diesem vermissten jungen Mädchen. Der Serienmörder ist irritiert, da seine Leiche nicht in den Medien erscheint. Denn nirgendwo ist eine Leiche gefunden worden. Er brüstet sich per SMS, die er an die Eltern des Mädchens sendet, mit seiner Tat.

Lena Böll, einer sehr toughe und sympathische Profilerin, die selber mit ihren Schattenseiten zu kämpfen hat, wendet ihr ganzes psychologisches Können an, um das Profil „beider“ Täter zu entwerfen. Denn ihr und der Polizei wird durch die SMS schnell deutlich, daß jemand die Leiche `gestohlen´ hat. Diesen jemand nennen die Ermittler „Nummer Zwei“. Es beginnt ein hochriskantes und spannendes Katz-und-Maus-Spiel, in dem ein Unbekannter zum entscheidenden Faktor wird – auf Leben und Tod.

Die Ausgangssituation für diesen Krimi ist sehr speziell und einzigartig. Der Plot bietet tiefgründiges psychologisches Potential. Der Roman wechselt stets die Perspektiven und vertieft damit die starken Charaktere von Romberg und Böll.

Man kann bereits in den Ankündigungen lesen, daß der Autor an Folgeromanen um die Profilerin Lena Böll schreibt, die in diesem Fall „Nummer zwei“ sehr überzeugend dargestellt wird. Ich vermute und hoffe, diese werden mich noch mehr begeistern, denn es deutet sich hier eine kluge und spannende Krimi-Reihe an. In Claus Probst schlummert noch viel Potential als Autor und als Psychologe…

»In meiner Arbeit als Psychotherapeut geht es mir um das Gleiche wie beim Schreiben: Gefühle und bislang Unverständliches zu ausdrucksstarken Bildern zu verdichten, um das Leben und die eigene Existenz begreiflicher zu machen.« Claus Probst

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Jamil Ahmad: „Der Weg des Falken“

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Die Reisenden der Verlage sind nun unterwegs und besuchen die Buchhandlungen mit den vielen Neuheiten des kommenden Leseherbstes. Im Deutschen Taschenbuch Verlag erscheint ein Werk, daß ich ganz vergessen hatte und nun zum Glück aus meinem ungelesenen Bücherberg gefischt und mit Begeisterung gelesen habe. Das Buch ist bei Hoffmann und Campe verlegt und erscheint im November als Taschenbuch.

Ich habe das Buch angefangen und konnte mich dem Text nicht mehr entziehen. Ein sprachliches Kunstwerk. Ein moderner, poetischer Abenteuer-Roman, der uns eine Welt offenbart, die uns sehr fern ist. Das Buch lebt von der unglaublich schönen Sprache, die knapp bemessen, das Wesentliche der Geschichte berichtet.

Der Autor, ein greiser Pakistaner, der ehemals in Belutschistan als Regierungsbeauftragter für die Stämme dieser Region und später als Botschafter in Kabul tätig war, schrieb bereits vor vierzig Jahren diesen Roman. Durch diesen aussagekräftigen Text ist Jamil Ahmad eine Art Star-Autor geworden. Er lebt ganz einfach, kann keinen Computer bedienen, tritt nicht im Fernsehen auf und meint, er habe nur ein paar Geschichten zu Papier gebracht, per Hand, ganz einfach… Wir verdanken seiner deutschen Frau, daß wir diesen `Leseschatz´ nun lesen dürfen.

Im Roman folgen wir als gebannter Leser den Spuren des jungen Tor Baz – dem schwarzen Falken – durch eine archaische Welt. Die Geschichte erzählt aus der Grenzregion zwischen Pakistan, Afghanistan und Iran. Dies ist der Zusammenhalt des ganzen Buches. Die karge, lebensabweisende Landschaft der Nomaden. Ein bisher in der Literatur seltenes Gebiet, denn die Überlieferungen der Nomaden sind flüchtig und an eine erzählende, mündlich überliefernde Kultur gebunden. Jamil Ahmad hat sich sehr literarisch und poetisch tief in die Stammeskulturen und Geschichte dieser Regionen versenkt.

Das Schicksal von Tor Baz steht unter einem schlechten Stern. Seine Eltern haben durch ihre Liebe die Stammesregeln verletzt und werden jahrelang gehetzt. Das junge Paar flieht vor den Verfolgern in die Berge und sie erhalten Obdach in einem Militärstutzpunkt. Keine Zuflucht – lediglich Obdach. Dies ist in diesen Regionen ein großer Unterschied. In diesem Stützpunkt kommt Tor Baz zur Welt. Das Schicksal schlägt aber zu und die Verfolger finden das Paar und nur der Junge überlebt das Gemetzel und man lässt ihn alleine in der Wüste. Sein Leben wird nun zu einer einzigen Odyssee über die Grenzen dreier Länder hinweg. Mal steht er unter der Obhut eines Soldaten, dann ist er Begleiter eines Lehrlings eines wandernden Mullahs, schließlich Ersatzsohn eines Paares, dessen Kind auf zweifelhafte Weise zu Tode kam. Tor Baz erlebt Stammeszwiste, Mädchenhandel, er begegnet Rebellen aber auch normalen Männern und Frauen, die alles geben würden, um ihre traditionelle Lebensweise zu bewahren. Aber alles ist im Wandel, im zeitlichen Wandel in den Regionen.

Ein wunderbares, faszinierendes Buch. Es erschließt dem Leser eine bisher verborgene, unbekannte in Teilen unverständliche Welt. Mit sparsamen Worten schafft es Jamil Ahmad ein klares Bild zu zeichnen. Nicht Gekünsteltes schafft dieses kleine Kunstwerk. Es ist die unkünstliche Weise dieser Erzählung, die uns in die Kargheit der Landschaft und ihren Protagonisten entführt.

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Ayana Mathis: „Zwölf Leben“

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„Alle miteinander waren Funken, die an dunklen Orten durch die Luft flogen und zu leuchten versuchten, obwohl sie dazu verdammt waren zu Asche zu werden.“

Angeregt durch die tollen uns sehr sehenswerten Filme: „Der Butler“ und den erst kürzlich gesehenen „12 Years a slave“ (ein Film, der zurecht viele Preise erhalten hat) habe ich mich mit dem Buch: „Zwölf Leben“ von Ayana Mathis beschäftigt.

Die Autorin, Ayana Mathis wuchs als Tochter einer alleinerziehenden, depressiven Mutter, in Germantown, einem Arbeiterviertel in Philadelphia, auf. Die Mutter förderte ihr Talent und sie ist Absolventin des Iowa Writers´ Workshop und mit diesem, ihrem ersten Roman (Org. „The Twelfe Tribes of Hattie“) gelang ihr ein großer Erfolg. Sie wird bereits jetzt schon als eine Nachfolgerin von Toni Morrison gehandelt.

Es ist ein Familienroman, ein gelungener „Schmöker“, um eine starke und unbeugsame Frau.  Der Text ist sehr gefühlvoll. In kraftvollen Bildern wird das mitreißende Leben derer, von denen dieser Roman erzählt, beschrieben. Mit viel Einfühlungsvermögen und Menschenkenntnis schreibt Mathis gekonnt von Hoffnung, Verständnis und Liebe. Mich hat das Buch sehr gut unterhalten – in Teilen allerdings etwas zu sehr konstruiert. Dies ist aber ein hinnehmbarer und leicht überlesbarer Makel.

Es ist die Geschichte um eine außergewöhnliche Frau und ihre zwölf Kinder, die während der Great Migration, nach dem Exodus der afroamerikanischen Bevölkerung aus dem Süden, beginnt. Eine farbige Familie, die sich aus bitterer Armut aus den Südstaaten der USA in der Hoffnung auf ein besseres Leben in den Norden begibt.

Hattie ist gerade 15 Jahre alt, als 1925 die Zeit des großen Aufbruchs der Afroamerikaner aus dem Süden in die Nordstaaten beginnt. Im Norden hofft man auf bessere Lebensbedingungen. Die Bürgerrechtsbewegung mit dem Ziel einer Gleichstellung von Farbigen zog sich von 1910 bis 1970 hin. In Philadelphia wird Hattie Mutter von vielen Kindern. Ihre ersten Kinder, die sie hoffnungsschwanger gleich Philadelphia und Jubilee tauft, sterben an einer Lungenentzündung. Ihre weiteren Kinder verstreuen sich nach Jahren der bitteren Armut in der Welt um jeweils ihr Glück zu suchen. Hattie bleibt stets ihr Anker, ihr `Zuhause´ Sie bleibt immer stolz und unbeugsam. Doch sie kann auch verbittert und wütend werden. Die Geschichte ihrer Kinder zieht sich mit deren Lebenskrisen durch das ganze 20. Jahrhundert und ist dadurch amerikanische Zeitgeschichte.

„Alles kann man verlieren, aber den Kampf gegen die Bitterkeit muss man gewinnen“

Die Hoffnung erstirbt in Teilen in Arbeitslosigkeit, Trunksucht und Spielleidenschaft. Die Liebe zwischen Hattie und ihrem Mann verliert sich in alltäglicher, harter Arbeit, im Kampf ums Überleben, im Hunger und in der Not der Kinder.

Ein atmosphärisches Lesevergnügen, das den Leser alle Protagonisten sehr bildreich erleben lässt. Man fühlt sich verbunden und nimmt Anteil an den einzelnen Lebensschicksalen.

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