Archiv der Kategorie: Erlesenes

Hila Blum: „Der Besuch“

Blum Cover

„Es gibt Dinge, die können nur in den schmalen Spalten der Nachlässigkeit geschehen, der Unaufmerksamkeit, in einem Wirbel aus Trägheit und Licht. Plötzlich entspringen sie der Phantasie und landen im gelebten Leben.“

Der Debütroman „Der Besuch“ von Hila Blum spielt zwischen einer äußeren Welt und der in Teilen abgeschotteten Innenwelt. Den zarten Seelenpflanzen einer Familie.

Es ist ein Roman, der sprachlich und durch kluge Bilder dem Leser gleich suggeriert, daß die Spannungen im Verborgenen, in dem Unausgesprochen, liegen. Die kleinen alltäglichen Wunden, die mehr verletzen können als jene, die durch Bombenattentate auf den Straßen Menschenleben fordern. Das brutale Äußere steht dem verletzten Familienleben gegenüber und es wird nach Möglichkeit ohne viel darüber zu sprechen weitergelebt…

Das Buch liest sich gut und spannend. Auch wenn es ausführliche Kleinigkeiten eines typischen Familienlebens sind, rutscht der Text nie ab in langweilige Trivialität sondern bleibt auf hohem Niveau literarisch und psychologisch spannend. Die Gegenwart des Romans spielt in Jerusalem wird aber stets in Bruchstücken durch die Vergangenheit unterbrochen. Es wird selten ein Erzählstrang ganz erzählt, sondern es bleiben bis zum Schluß Fragmente, die erst am Ende des Buches ein tiefes Bild einer fragilen Familie zeigen.

Das Liebespaar Nili und Nataniel, das sich erst seit einem Monat kennt, macht Urlaub in Paris. Nach einem Opernbesuch, gehen beide am letzen Tag der Reise feudal in einem Luxusrestaurant essen. Da Nataniel sein Portemonnaie im Opernhaus liegen lassen hat, kommt ihnen ein reicher Mann namens Duclos zu Hilfe. Allerdings ist an diesem Abend noch mehr vorgefallen. Aber nie haben sie sich eingestanden, was wirklich geschehen ist.

In der Gegenwart, in Jerusalem, leben sie das Leben einer modernen Familie und es ist ein Sommer mit einer ungewöhnlichen Hitze. Bereits im Umfeld bahnen sich Katastrophen an: Ein Wohnhaus stürzt ein und ein Junge verschwindet.

Nili und Nataniel haben eine Woche ohne Kinder vor sich, als ein Anruf aus Paris die empfindliche Balance ihres Lebens stört. Duclos, der französischer Millionär, kommt nach Israel und will sie treffen.

Nataniel und Nili lieben und streiten sich. Es geht um Zurückweisungen, Unsicherheit und stets halbe Wahrheiten oder Unwahrheiten in dieser Familie, die aus einem Stiefkind, einem gemeinsamen Kind und einer Ex-Frau besteht. Dieser Alltag spielt sich bis ins Kleinste in einem emotionalen Kreis einer Familie ab, während Terroranschläge draußen die Welt erschüttern. Einer gewaltvollen Welt setzt Hila Blum die Zerbrechlichkeit der Familie entgegen und stellt diese als Konstrukt im Leuchtkasten der Emotionen aus. Die kleinen Risse sind es, die uns auseinanderreißen werden…

Das Buch wurde von Zeruya Shalev bejubelt, von der Presse gefeiert und ist ein emotionaler, gefühlvoller sowie glasklarer Blick in die Seelenwelt von Weltenmenschen.

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„Der Fels und der Vogel“

Eine mehr als ungewöhnliche Freundschaft

Fels und der Vogel

Ich habe einen Schatz gefunden…

Ein wunderschönes, tief berührendes Bilderbuch.
Ein Werk, das mich innerlich bewegt hat, denn es bietet neben den wunderschönen Bildern einen leicht philosophischen Text über wahre Freundschaft und die allgemeine Vergänglichkeit.

Alles was aus Materie besteht, ist bestimmt, dass es zugrunde geht. Selbst der größte Fels, der an der Küste steht wird durch die Naturgewalt des Meeres zernagt. Er wird durch den natürlichen Lauf kleiner bis er am Ende als Sand in den Kreislauf eingeht.

Das Buch ist eine Fabel über einen Stein, der ganz für sich ruhend am Strand liegt. Er kennt bisher nur den Wind und die Wellen des Meeres, die ihn umspielen. Doch eines Tages legt sich über ihn ein Schatten und ein Vogel landet und setzt sich auf ihn nieder. Aus einem unglücklichen Start wird eine tiefe Freundschaft. Der Vogel wird sich durch die Gegenwart des Steines der Vergänglichkeit bewusst und möchte dem Fels helfen, sich aus den Wogen zu entfernen, damit dieser seinem Schicksal entkommen kann. Doch ist der Vogel zu klein für den großen Felsen…
Es ist der Beginn einer Freundschaft, die vieles im Leben der beiden für immer verändern wird.

Chew Chia Shao Wei war 14 Jahre alt, als sie diese philosophische Geschichte der Freundschaft zwischen einem Stein und einem Vogel aufschrieb. Sie hat für diesen Text viele Preise bekommen. Die schönen Illustrationen, die man wohl immer wieder ansehen mag, stammen von Anngee Neo.

Das Buch ist in einer einfachen, aber stimmigen Sprache geschrieben, lässt einen aber staunen und hat in mir eine positive Melancholie ausgelöst. Ein Buch, das Leser jeden Alters ansprechen wird und uns erinnern läßt an die vergängliche Wirklichkeit, aber auch die Augen öffnet für die schönen Momente…

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Joakim Zander: „Der Schwimmer“

schwimmer

Leider kann man über das Buch nicht viel schreiben ohne bereits zu viel zu verraten. Ich habe den Roman in einem Sog gelesen, das Umblättern unbewusst vollzogen und bin durch den Text mit Freude geschwommen.

Der Thriller beginnt mit einer syrischen Autobombe, die in Damaskus einer Frau das Leben raubt. Die Bombe war eigentlich für ihren Mann, den amerikanischen Agenten gedacht, der den Mord an seiner Frau beobachten muß und es nur noch schafft seine kleine Tochter vor den Trümmern zu beschützen. Im Laufe der Jahrzehnte war er immer wieder in Afghanistan, Kurdistan und Syrien im Einsatz. Bis er 1980 seine große Liebe verliert. Seine Tochter, die den Anschlag überlebt hat, wird er 30 Jahre nicht mehr sehen…

Die Handlung beginnt mit Mahmood Shammosh, ein Politologe der in Uppsala an hochbrisanten Themen arbeitet und recherchiert. Mahmood bekommt mysteriöse E-Mails, die aber in engem Bezug zu seiner Vergangenheit zu stehen scheinen. Er wird gewarnt, dass alle seine Schritte überwacht werden und dass sein Leben in großer Gefahr ist.

Er wendet sich an seine ehemalige große Liebe, Klara Walldéen, eine junge Frau, die als Kind ihre Mutter in Damaskus verloren hat und nun als persönliche Referentin einer schwedischen EU-Politikerin in Brüssel arbeitet. Sie lebt für ihre Arbeit und alles Private wird zur Nebensächlichkeit. Die Besuche in Schweden bei ihren Großeltern, bei denen sie aufwuchs, werden immer weniger und als die Nachricht ihres Exfreundes Mahmood sie erreicht, werden beide zu Gejagten.

Klaras Fluchtpunkt sind die schwedischen Schären, wo sie aufgewachsen ist, und der amerikanische Agent scheint der Einzige, der Klara retten kann. Ein Mann, der alles vergessen wollte: Die Vergangenheit, die Schuld und sein Kind….

Ruhe findet der Agent nur im Wasser, er hätte mal Profischwimmer werden können. Jetzt schwimmt er nur noch um Ruhe zu finden, Bahn für Bahn, Zug um Zug – er ist der Schwimmer…

Joakim Zander schreibt als Fachmann für EU-Politik. Der gebürtige Stockholmer hat selber in Syrien, Israel und in den USA gelebt. Er arbeitet u.a. als Jurist für die EU. Sein Roman, der Auftakt einer Reihe um Klara Walldéen, ist unglaublich fesselnd. Man erhascht einen Blick in die große Weltpolitik und wird spannend und mit dramatischen Wendungen gut unterhalten. Es ist ein Thriller mit vielen Handlungssträngen, die aber nie verwirren, sondern jeweils gut gemachte Psychogramme aller Beteiligten enthalten.

Das Buch hat mich sehr an die guten Serien „Homeland“ und „Damages“ erinnert und hat mir tolle Lesestunden bereitet.

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Lutz Seiler: „Kruso“

„Um jedoch auf meinen neuen Gefährten zurückzukommen, so gefiel mir dieser außerordentlich“ Daniel Dafoe  „Robinson Crusoe“

Lutz Seiler wurde 1963 in Gera/Thüringen geboren und lebt heute in Wilhelmshorst bei Berlin und in Stockholm. Nach einer Lehre als Baufacharbeiter arbeitete er als Zimmermann und Maurer. 1990 schloß er ein Studium der Germanistik ab, seit 1997 leitet er das Literaturprogramm im Peter-Huchel-Haus. Er unternahm Reisen nach Zentralasien, Osteuropa und war Writer in Residence in der Villa Aurora in Los Angeles sowie Stipendiat der Villa Massimo in Rom.

Für sein Werk erhielt er mehrere Preise, darunter den Ingeborg-Bachmann-Preis, den Bremer Literaturpreis und den Fontane-Preis.

Nun legt Lutz Seiler seinen lang erwarteten ersten Roman vor. Es geht um einen jungen Mann namens Bendler, der auf die Insel Hiddensee flüchtet, ein Ort „jenseits der Nachrichten“, wo sich alle Arten von Aussteigern und Systemverweigerern als Tellerwäscher und Saisonarbeiter durchschlagen können.

„Ich möchte einen Platz auf der Welt, der mich aus allem heraushält… Er brauchte keine Verteidigung, keinen Graben. Alles, was auf ihn zukam in dieser Fremde, war nicht mehr als genau das. „Genau“ war die kürzeste und beste Beschreibung der Insel. Die Insel „Genau“ lag mitten in seinem Schweigen, uneinnehmbar.“

Er schließt Freundschaft mit Kruso, dem Inselpaten, dessen Utopie von Freiheit zu funktionieren scheint. „Niemand kann dir das Sehen verbieten, niemand kann dir die Sehnsucht verbieten, schon gar nicht bei Sonnenuntergang.“

Bendler bleibt ein gestrandeter, ein Schiffsbrüchiger auf der „Arche“, ein sogenannter Esskaa (SK), eine Saisonkraft. Er findet in seiner alltäglichen, stupiden und körperlichen Arbeit seine Erfüllung. „Er konnte die Insel, weiß Gott auch wieder verlassen. Oder?“

„Es gibt sie, die Freiheit. Sie ist nämlich hier, auf der Insel. Denn es gibt diese Insel, oder?“ – „ Wer hier war hatte das Land verlassen, ohne die Grenze zu überschreiten.“

Die Insel wird sein Versteck, sein `Hidden´see. Die Insel ist der Ort wo die Flüchtlinge zusammenkommen. Wo man zurückkehrt zu sich selbst. Zur Natürlichkeit. Niemand müsste fliehen, niemand würde ertrinken. Die Insel ist die Erfahrung, die es ihnen erlaubt zurückzukehren, als Erleuchtete. Mit einem Maß an Freiheit, zumindest im Herzen.

In dem Roman, der die Zeit zwischen 1989 bis in die Gegenwart umfasst, spürt Lutz Seiler den Spuren verschollener Ostseeflüchtlinge nach. 5600 Flüchtlinge. 913 davon erfolgreich, 4522 Festnahmen und mindestens 174 Todesopfer seit 1961, angeschwemmt zwischen Fehmarn, Rügen und Dänemark. Aus diesen „Fluchten wurden Fluchtgeschichten und aus Flüchtlingen Helden, Menschen, die alles riskiert und überlebt hatten.“

Diesen Menschen ist der vorliegende, sprachgewaltige Roman gewidmet. Ein Buch, das Raum für eigene Interpretation und viel zum Nachdenken gibt. Es sind Anspielungen auf Werke von Trakl, Rimbaud und natürlich auf Daniel Dafoe zu finden, die einen inhaltlichen Bogen zum Erzählten schaffen.

Ein literarisches Werk. Klug und unglaublich toll geschrieben. Man verweilt und liest einige Sätze mehrfach. Langsam versinkt man im Text und strandet in einer neuen, alten Welt….

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„Der Wald der träumenden Geschichten“

Wald

Malcolm McNeill, „Der Wald der träumenden Geschichten“: Ein dunkles, märchenhaftes Abenteuer mit Tiefgang, das durch den Inhalt und Stil, wie vom Verlag beworben, an die Werke von Michael Ende und an Carlos Ruiz Zafón erinnert.  Nicht das Nichts breitet sich aus, sondern der Schimmel…

Das Buch ist ein Leseschatz für junge und junggebliebe Leser ab 10 Jahren. Die Gestaltung und Aufmachung des Buches ist sehr einladend und hat man das Buch in die Hand genommen, die ersten Zeilen gelesen, ist man bereits in einer anderen Welt verschwunden…

Ganz gleich dem beschriebenen Phänomen im Buch, denn plötzlich verschwinden Menschen und auch der Leiter des Komitees, der das Rätsel des Verschwindens lösen soll, ist weg bis auf seine Kleidung…

Der Ursprung scheint Max zu sein. Aber wo Max plötzlich hergekommen ist, weiß keiner. Er lag auf einmal in einem Bücherregal und wächst nun bei seinen Adoptiveltern auf, die ihm auch nicht sagen können, wer er wirklich ist. Auf der Suche nach seinen echten Eltern entdeckt er das Lesen, denn in seiner Phantasie erhofft er sich, diesen in den Geschichten zu begegnen. Doch das ist nicht das einzige Rätsel in dem Leben des Waisenjungen.

Das Verschwinden geht weiter, auch seine Pflegeeltern sind plötzlich unauffindbar. Ist es ein Fluch? Hat er die Gabe, Menschen verschwinden zu lassen?

Die Lösung des Rätsels liegt tief verborgen im „Wald des Anfangs“. Dorthin bricht Max auf, um seine Eltern zu finden und erlebt ein Abenteuer voller magischer und phantastischer Wesen.

Ein schöner, liebevoller Schmöker, der an die Macht der Phantasie erinnert. Eine Liebeserklärung an das Lesen. Es hat mir unglaublich viel Spaß gemacht, Max auf seiner märchenhaften Reise zu begleiten und ich war froh, durch den Text ebenfalls für wenige Stunden verschwinden zu dürfen….

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Solomonica de Winter: „Die Geschichte von Blue“

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Was für ein tolles Debüt!

Der Diogenes Verlag traut sich zur Zeit an sehr junge Autoren heran. Die erst 16 Jährige Solomonica de Winter hat ein unfassbares Talent und hat mit „Die Geschichte von Blue“ ein fesselndes Buch geschrieben, daß ihrem Alter schwer gerecht werden kann. Ein Roman , der den Leser wanken lässt und ihm am Ende den Boden unter den Füßen wegzuziehen vermag.

Wie kommt eine so junge Autorin dazu, sich mit einem solchen komplexen Thema und tiefgründigen Charakterstudien zu beschäftigen?

Aber das Schreiben wurde ihr bestimmt in die Wiege gelegt, ist sie doch die Tochter des niederländischen Autoren Leon de Winter und wurde am 3. Juni 1997 in Bloemendaal bei Amsterdam geboren, wo sie auch aufwuchs. Nach mehreren Jahren in Los Angeles lebt sie heute mit ihrer Familie wieder in Bloemendaal und besucht dort die Internationale Schule.

Erzählt wird die Geschichte von Blue, die ihren Vater früh verloren hat. Dieser hinterließ Blue ein Buch, das er geliebt hatte und das sie immer wieder lesen und bei sich tragen wird: „ Der Zauberer von Oz“. Blue lebt in ihrer eigenen Welt, sie zieht sich zurück und hat eine Art Schweigegelübde abgelegt. Ihre Mutter, die nun auf sich alleingestellt nach Arbeit sucht und mit der Erziehung ihrer Tochter überfordert ist, wird drogenabhängig. Bei einem Einkauf verliebt sich Blue in einen Menschen, der wie sie vom ›Zauberer von Oz‹ besessen ist, er aber mehr von der filmischen Umsetzung.

Wie Dorothy im Buch macht sie sich auf, um jenseits des Regenbogens wieder eine Art Zuhause zu finden – und den Mörder ihres Vaters aufzuspüren und zu ermorden. Eine Suche, die an einen ganz anderen Ort hinführt, als man am Anfang erwartet…

Das Buch ist in drei Teile aufgeteilt. Der erste besteht aus 256 Seiten, der zweite und dritte Teil sind sehr kurz, werden den Leser aber erschüttern und erstaunen lassen. Ein Roman mit doppeltem Boden…

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Bernhard Schlink: „Die Frau auf der Treppe“

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„Weißt du noch warum Parzival nichts gefragt hat?“

Bernhard Schlink spricht in seinem neuen Roman „Die Frau auf der Treppe“ große Themen an. Ein Buch, das sich mit der Kunst des Lebens auseinandersetzt. Es geht um Rechthaben, Mitleid, Besitz, Stolz, echte und falsche Nähe sowie Liebe.

Schlink malt in diesem Werk ein großes Bild über einen Mann, der seine festen Normen begreifen lernt und sich dann von diesen lösen muß. Gleich einem Waldbrand, der alles vernichtet, aber dadurch neues Wachstum zulassen kann.

Schlink, selber Jurist, schreibt in schöner, kurzer Prosa sehr verständlich und tiefgründig.

Der Hauptprotagonist erblickt in einer Ausstellung in Australien das berühmte Bild „Die Frau auf der Treppe“. Dieses Gemälde war lange verschollen und nun taucht es plötzlich in weiter Ferne wieder auf. Überraschend für die Kunstwelt, aber auch für die drei Männer, die diese Frau einst liebten – und sich von ihr betrogen fühlen. Er macht sich auf die Suche nach der Frau, die gemalt wurde. Denn er war damals als junger Rechtsanwalt in den Konflikt des Malers und des Eigentümers verstrickt. Beide kämpften um das Recht an dem Bild und um die Frau, die die Muse war. Der Anwalt wird persönlich in den Fall einbezogen und wird gleich Parzival, der die Prinzessin vor dem roten Ritter beschützen möchte, und verliebt sich in die Frau, die auf dem Bild dargestellt ist.

„Mein reiner Tor…du gehst durchs Leben und kämpfst deine Kämpfe, wie die Ritter…“

Die Frau selber, steigt wie im Bild die Treppe herab, flieht mit seiner Hilfe und kommt entblößt am Boden an und findet sich selber in einer fernen Welt.

„Für Gundlach war ich die junge, blonde, schöne Trophäe, bei der nur die Verpackung zählte. Für Schwind war ich Inspiration, auch dafür lange die Verpackung. Dann kamst du. Die dritte blöde Frauenrolle; nach dem Weibchen und der Muse die bedrohte Prinzessin, die vom Prinzen gerettet wird.“

Der Erzähler ist ein Mensch, der kalkuliert seinen Lebensweg geht, aber gleichzeitig, wie ein Ritter, gleich Parzival, mitten in die Handlung bricht und ab und zu seine Sehnsucht nach einem anderen Leben und einer anderen Welt erahnt.

„Seltsam, wie zwangsläufig mein Leben war und zuglich wie zufällig.“

In einer Bucht an der australischen Küste kommt es zu einem Wiedersehen. Sie ist auf der Suche nach dem, was Sie in den Menschen gesucht hat und nicht erwidert fand. „Einen, der etwas riskiert und mit dem ich etwas riskiere. Sogar das Leben.“ Die Männer wollen wiederhaben, was ihnen vermeintlich zusteht. Nur einer ergreift die Chance, der Frau neu zu begegnen, auch wenn ihnen nicht mehr viel Zeit bleibt. Auch sind die einzelnen Wunden zu tief und in der ganzen Zeit nie ganz verwachsen und zu vielfältig.

„Die kleinen Splitter sind schwerer zu entfernen als die großen, und manchmal hilft alles Stochern mit der Nadel nicht, und wir müssen warten, bis sie herauseitern.“

Ein Roman über das Glück einer Liebe, die um Ihre Endlichkeit weiß. Die Handlungskonstellation ist sehr flüssig und die Geschichte um die komplexen Charaktere liest sich sehr spannend. Wie beiläufig webt Schlink große Themen intelligent in den Text ein und wirft moralische Grundfragen auf. Mir hat das Buch sehr gut gefallen. Ein großer Roman, der gleich einem Bild beim kurzen Betrachten viele Anregungen im Betrachter bzw. Leser auslöst. Leider hat Schlink nur ab und zu etwas zu große Pinsel für die filigranen Zeichnungen verwendet…

„Was soll die Kunst ändern? Ich habe gemalt, was ich gesehen habe. Manchmal habe ich gesehen, was es nicht gibt, was es aber geben könnte, und auch das gemalt. Ich habe so gut gemalt wie möglich. Das ist alles.“

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Meinungen des Buchhandels zum Buchpreis (1): Hauke Harder aus Kiel

Zur Nominierungen der Longlist in diesem Jahr und zum Deutschen Buchpreis wurde ich interviewt.
Danke an das Das graue Sofa: http://dasgrauesofa.wordpress.com/

Avatar von Claudiadas graue sofa

In meiner kleinen Interviewreihe möchte ich wissen, was Buchhändler von den Noinierungen auf der Longlist in diesem Jahr und vom Buchpreis ganz allgemein halten. Als erster der Buchhändler steht Hauke Harder von der Buchhandlung Almut Schmidt in Kiel Rede und Antwort.

 

Die Longlist des Deutschen Buchpreises 2014 ist seit ein paar Tagen bekannt. Sind Sie überrascht von Titeln auf der Liste, vermissen Sie den ein oder anderen Titel oder sind Sie insgesamt zufrieden?Buha_AS_HH
Insgesamt zufrieden, denn die Liste ist eine gute und bunte Mischung.
Dennoch fehlen mir persönlich einige meiner Favoriten. Aber es werden wohl immer individuelle Buchtitel nicht nominiert, die einen persönlich begeistert haben.
Als kleine Kritik würde ich sagen, daß die Liste den Lesegeschmack vieler Buchliebhaber nicht immer spiegelt. Ich denke, daß die Liste am Leser, der nicht beruflich mit dem Medium Buch zu tun hat, leicht vorbei gehen könnte. Die Auswahl ist eine künstlerische und anspruchsvolle…

Ursprünglichen Post anzeigen 836 weitere Wörter

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Deborah Levy: „Black Vodka“

levy

„Auch wenn mein Körper mit dem Verbandmull der Informationen zugestopft und die Seele längst aus der Mode ist, heile ich meine Wunden und lindere meine Schmerzen noch immer mit Pflanzen.“

Ein neues Buch von Deborah Levy, die mich schon mit „Heim schwimmen“ begeistert hat. Noch immer gibt es Bücher, die durch ihren Inhalt und die Gestaltung signalisieren, daß das Lesen ein sinnlicher Vorgang ist…

In „Black Vodka“ sind zehn Kurzgeschichten, die alle durch ihre Knappheit und Verdichtung der Story fesseln. Gerade diese Form der Erzählung passt in unsere heutige Zeit, die geprägt ist von der kurzen Aufmerksamkeitspanne vieler Leser.

Deborah Levy sticht in die Brüche unseres heutigen Bewusstseins. Sie schreibt in einer messerscharfen Präzision über die Risse und Wunden der Gesellschaft und taucht in diese ein, um diese literarisch zum Bersten zu bringen.

Jede Geschichte liest sich gleich einem Drink. Durchsichtige kalte Flüssigkeit, die in der Kehle brennt und im Kopf einen unangenehmen Nebel hinterlässt. Ein Drink, der in einem Zug getrunken, zu schnell den Kopf benebelt. Langsam genossen, verdunstet die unausgesprochene Idee…

„Black Vodka trinken heißt, um unser Leben trauern“

Es sind europäische Schauplätze die belebt werden von Weltbürgern, die nicht genau wissen wohin sie gehören. Immer auf der Suche, als würden sie stets warten, wo kein Bus fährt…

Es sind moderne Menschen, die fürchten, sie könnten nicht alles im Griff haben. Sie verlieren sich in den geschluckten Emotionen, die gleich dem Drink erst Wohligkeit versprechen, dann aber durch ungeübten Umgang Übelkeit verursachen. Bis es zu einer explosionsartigen Entleerung kommen kann…

Die Suche der Einsamen nach Geborgenheit. Menschen, die am Flughafen vergessen, ob sie auf die Ankunfts- oder Abflugsanzeige schauen müssen. Menschen, die beim Kennenlernen schon an den Abschied denken und gar nicht erst hinter der coolen Fassade hervorkriechen. Die fürchten, sie könnten nicht cool genug sein. Das Reisen kann auch eine Flucht aus einer Beziehung sein.

Inmitten eines modernen und oft humorvollen Alltags tut sich stets unmerklich ein Graben auf, den der Leser jedoch leicht überlesen aber auch mit Distanz überwinden könnte. Es gibt immer eine Möglichkeit zum Wandel, zu neuen Chancen… Dies ist das durchgängige Thema in den Werken von Deborah Levy, das sich auch bereits am Umschlag des Buches zeigt. Der Riss, der kleine Bruch im oberen linken Rand im Foto der seelisch verletzen Frau mit offener Bluse.

Der Stil von Deborah Levy ist wohldosiert, sie erzählt in einer knappen, eleganten Sprache. Vieles bleibt in den Tiefen des Textes verborgen. Es liegt am Leser, die Brüche zu finden und sie zu entziffern.

Ein tolles Buch mit leichter Melancholie, die einen nebligen Nachgeschmack im Leser hinterlässt.

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Markus Orths: „Alpha & Omega“

Alpha & Omega

 „Neue Bücher führen zu alten Einsichten…“

Wo soll man anfangen… Wo ist der Anfang …Wo das Ende? „Alpha & Omega“. Ein schriller Roman voller durchgedrehter Ideen. Ein umfangreiches Buch, das spannend zu lesen ist und auf jeder Seite kann man etwas kleines Lustiges finden oder einen bombastischen Kalauer. Ein Reigen voller sonderbarer Charaktere mit irren Wendungen.

„Wenn es endlich ist, muss es einen Anfang gehabt haben, und es muss definitiv auch ein Ende haben. Hat es einen Anfang gehabt, stellt sich die Frage, was war denn vor dem Anfang?    …  Wenn unser Universum unendlich ist, muss es auch alle unendlichen Möglich- und Wirklichkeiten geben, sprich, alles, was sein könnte, muss auch sein. Das wiederum bedeutet, dass es nicht nur ein einziges Universum geben kann, sondern das es alle denkbaren und undenkbaren, alle wahrscheinlichen und unwahrscheinlichen, alle möglichen und alle absolut unmöglichen Universen geben muss.“

Die Geschichte wird von Elias Zimmermann aus dem Jahr 2525 erzählt. Ein Quadruppel. Wie in der Zukunft üblich, hat er vier Gehirnviertel und nicht, wie wir antiken Barbaren nur zwei Gehirnhälften. Er ist dadurch in der Lage Gedanken zu hören und hat ein viel höheres Kombinationstalent. Er würde für das vorliegende Buch lediglich eine halbe Stunde benötigen. Doch war dies für mich mit nur zwei Gehirnhälften nicht möglich und das Buch hat seine Lesezeit gefordert. Dies wissend hat die Figur, der Erzähler, auch versucht, die Geschichte so übersichtlich zu strukturieren, daß auch wir Zwei-Gehirnhälfter  sie verstehen können. Es geht um die Frage warum nun die Welt im Jahr 2021 beinahe untergehen wird, d.h. untergegangen wäre – alles nur eine Frage der Perspektive. Die Rettung der Erde verdanken wir, d.h. werden wir einem mysteriösen und rätselhaften Mädchen und ihrem im wahrsten Sinne hohlen Hund verdanken.

Markus Orths hat einen Wälzer vorgelegt, der ausschweifend und oft sehr klug erzählt ist. Oft kalauernd, stets lautmalerisch wandelt er zwischen Endzeit-, Apokalypse-, Science-Fiction und Abenteuer-, Entwicklungs-Roman. „Alpha & Omega“ ist ein grotesker Zukunftsroman.

Die Protagonistin Omega liegt plötzlich mit im Krankenhaus als Alpha geboren wird. Niemand hat mitbekommen, woher sie kam. Sie ist schwarz und gänzlich unbehaart. Im Gegensatz zu Ihrem späteren Bruder Alpha schreit sie, bis Kolja sie auf den Arm nimmt. So kommt das Mädchen zu ihrer Adoptivfamilie. Es sind die Esoterikerin Birte, der stille Müllmann Kolja, der spielsüchtige Großvater Gusto und ihr Bruder Alpha, der später Informatiker werden möchte.

Später im Laufe der Geschichte ist es auf einmal da: Ein schwarzes Loch in Nevada. Von Physikern erschaffen. Ein Unding, das Tote fordert und die Erde Stück für Stück verschlingt.

Und jetzt? Vielleicht kann Omega Zacharias die Erde retten. Immerhin ist sie der erste Mensch mit drei Hirndritteln und verfügt über spektakuläre telekinetische Fähigkeiten. Obwohl sie doch lieber über den Laufsteg gehen, d.h. schweben würde. Zum Glück schaut sie alle Staffeln „Germanys Next Top Model“. Heidi Klum prägt sie darauf für alles zu kämpfen und Wolfgang Joop animiert sie unwissend zu ihren schlummernden Fähigkeiten: Sie kann schweben und schweben lassen…

„…aber ein weiser Mann schrieb mal: „Wenn wir alles für gesichert und real halten, enden wir in tödlicher Langeweile an uns selbst und der Welt.“

„Aha“, murmelte Omega. „Und wer war das?“

„Mein geliebter Carlos Castaneda.“

Wie Omega dann letztendlich die Welt rettet lohnt sich wirklich zu lesen. Ihr zur Seite stehen skurrile Typen, die den Roman recht bunt beleben. Der reichste Mann der Welt, ein Performance Künstler mit der Spezialisierung auf Buh-Rufe, ein Neuro-Wissenschaftler und eine Teilchenphysikerin. Ebenso ein homosexueller buddhistischer Mönch.

Ein Buch voller Bombast: Eine Zeitreise, ein Flugzeugabsturz und graue und schwarze Löcher…

Wer kein Buchfreund ist, kann ja auf die Verfilmung warten… Wenn dies Werk verfilmt würde, könnte es, so auch im Text, bestimmt nur James Cameron und es würde bestimmt ein Special-Effect -Blockbuster werden.

Aber eventuell kommt alles doch ganz anders, denn was weiß ich schon mit meinen kleinen zwei Hirnhälften…

„Demnach ist das Nichts gleich dem Alles. N=A“

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