Archiv der Kategorie: Erlesenes

Der Weltraum, unendliche Weiten…

Ich möchte mich diesmal für den Science-Fiction-Roman stark machen, denn ich lese gerne mal einen guten, anspruchsvollen Zukunftsroman. Leider wird dieses Genre immer noch „belächelt“… Aber es gibt so große und tolle Werke von Lem, Asimov, Wells und Clark um nur einige der Klassiker zu nennen.

Bild  Gerade Clark hat für mich einen der spirituellsten und philosophischsten SF-Romane geschrieben: „Die letzte Generation“. Ein Titel, den ich immer noch gerne empfehle. Es geht um die Transformation des Lebens und deren Beobachter… Ein Roman, der neben „2001 – Odyssee im Weltraum“ wohl für viele der bedeutendste Roman von Bestsellerautor Arthur C. Clarke ist. Gleich zu Anfang der Handlung erscheinen gigantisch große Raumschiffe über den Großstädten der Erde. Die Außerirdischen nehmen zwar Kontakt zu den Menschen auf, wollen sich jedoch selbst nicht zeigen. Sie werden „Overlords“ genannt und sind den Menschen in jeder Beziehung weit überlegen, vor allem in technischer und moralischer Hinsicht. Sie sollen die Menschheit zu neuer Reife führen, um einen Evolutionssprung auf eine weitere Entwicklungsstufe einzuleiten. Nach fünfzig Jahren zeigen sich die Overlords erstmals, und sie gleichen dem Bild, das sich die Menschen von Teufeln gemacht haben. Ein neugieriger junger Mann schmuggelt sich an Bord eines der Raumschiffe der Overlords und hat so die Möglichkeit, den Heimatplaneten der Außerirdischen zu besuchen. Auf der Erde zieht sich unterdessen eine Gruppe von Künstlern auf eine einsame Insel zurück, um ohne die Segnungen der neuen Technologie auszukommen. Doch ausgerechnet dort werden die ersten Kinder einer gänzlich neuen Generation geboren. Diese Kinder haben die Fähigkeiten der Telepathie und Präkognition. Sie beginnen von anderen Welten zu träumen, und als sie sich zusammenschließen, verlassen sie als gemeinsame „Seele“ die Erde.

Bild  Gerne tauche ich ab in die Weiten des unendlichen Weltalls der Literatur, der sogenannten Space Operas. Das „Weltraumabenteuer“ ist das klassische Motiv der Science Fiction schlechthin. Bereits 165 n. Chr. ließ Lukianos seinen Helden zum Mond fliegen. Kluge und spannende Werke haben mich begeistert. Werke von Poe, Verne, Bova, Hamilton, Bear, Heinlein und Niven….etc. Besonders angetan hat es mir „Dune, der Wüstenplanet“…

In weiter, weiter Zukunft irgendwo im Universum, das vom Imperator Shaddam IV. beherrscht wird ist der wichtigste Planet der Wüstenplanet „Arrakis“. Dort nur findet man das SPICE, eine hochwirksame „Droge“. Als das Haus Atreides die Macht über Arrakis übernimmt beginnt ein grausamer Machtkampf und es kommt zu einem interstellaren Krieg … Dies ist nur der Auftakt einer Saga, die mich begeistert und zum ersten Mal beim Lesen eines SF-Titels zum Notizen machen verleitet hat.  Der ursprüngliche Wüstenplanet-Zyklus von Frank Herbert besteht aus sechs Romanen, die zwischen 1965 und 1985 erschienen sind. Nach dem Tod des Autors im Jahre 1986 wurde der Zyklus um zeitlich früher angesiedelte Trilogien sowie einem nachfolgenden Zyklus erweitert. Eine lesenswerte, philosophische und spirituelle Lesereise.

Bild Nicht zu vergessen mein „Shrike“…  Der Autor, über den King stets schreibt, daß er ihn so sehr beneidet: Dan Simmons. Das große Science-Fiction-Epos, mit dem Dan Simmons Weltruhm erlangte ist „Hyperion“, eine seitenfressende Achterbahnfahrt.

„Der Hegemonienkonsul saß auf dem Balkon seines Ebenholzraumschiffs und spielte Rachmaninows Prélude in cis-Moll auf einem uralten, aber sehr gut erhaltenen Steinway, während sich große Saurierwesen unten in den Sümpfen drängten und heulten“.

In den Weiten des Alls hat sich die Menschheit über unzählige Sonnensysteme ausgebreitet. Während technischer Fortschritt und Dekadenz Unmögliches wahr machen, suchen sechs Menschen Antwort auf die größte aller Fragen: Was ist das Leben, was ist der Tod?

Endlich nach längerer Zeit auch wieder lieferbar: „Die Hyperion-Gesänge“. Dieser Sammelband umfasst die zwei Romane Hyperion (erschienen 1989) und Der Sturz von Hyperion (erschienen 1990). Im ersten Teil der Hyperion-Gesänge, Hyperion, erzählen sich die Pilger auf dem Weg zu den Zeitgräbern auf Hyperion gegenseitig Teile ihrer Lebensgeschichte und ihre persönlichen Gründe für die Teilnahme an dieser Pilgerfahrt zum „Shrike“.

Abschluß findet die Saga in dem Sammelband Endymion (bestehend aus den zwei Romanen Endymion – Pforten der Zeit und Endymion – Die Auferstehung) Endymion spielt ein gutes Viertel Jahrtausend nach „Dem Fall“, der die damals herrschende Hegemonie und den alles verbindenden Techno-Core vernichtete. Erzählt werden beide Endymion-Bände aus der Perspektive von Raul Endymion, der sie als Erinnerungen niederschreibt, während er in einem High-Tech-Exekutionsgefängnis auf seine Hinrichtung wartet. Selten sind in mir so viele Bilder entstanden, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben. Das „Unwesen“, das „Shrike“, der Zen-Tempel, Die sogenannten „Auferstehungschristen“, die Kaste „Pax“ und das ganze Universum um Hyperion. Das Werk ist angereichert mit so vielen Andeutungen aus der Philosophie und der Weltliteratur, besonders Hölderlin mit seinen Hyperion-Gesängen.

Wie wohl keine anderen Bücher weisen diese Romane darauf hin, daß es im Universum mehr zu erreichen gibt, als das bloße Überleben.

„Energie! – Immer der Nase nach…„

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Martin Mosebach: „Das Blutbuchenfest“

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Der Titel wurde gerade frisch nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse 2014. Also habe ich mich schnell mit dem komplexen Werk beschäftigt.

Schnell hatte ich mich eingelesen in Mosebachs treffende Sprachkonstruktionen und durch die gefeilte, aber nicht aufgesetzte meisterhafte Sprache entwickelt der Roman eine ganz eigene Sogkraft.

Ivana aus Bosnien ist der Angelpunkt des ganzen Romans, denn sie putzt in Frankfurt für Banker und Bohemiens, Hochstapler und Kreative. Mitten in der Stadt organisiert der kleine Geschäftemacher Rotzoff ein großes Fest unter der Blutbuche in seinem Garten, um mit den Eintrittsgeldern seine Schulden zu bezahlen. Ausgelöst wird ein figurenreicher Tanz um Liebe, Betrug und Eifersucht, bei dem uns ein verbummelter Kunsthistoriker, der umtriebige Planer eines Kongresses über das zerfallende Jugoslawien und der Immobilienhai Breegen begegnen. Und während ihre Kunden feiern, beginnt in Ivanas Heimat der Krieg.

Bei dem Showdown zum „Blutbuchenfest“ laufen alle Fäden, die Mosebach zuvor in teilweise ironischen Charakterisierungen entworfen hat, zusammen.  Der Ich-Erzähler ist wohl noch eine der sympathischsten Figuren. Sehr detailliert und mit großer Beobachtungsgabe schildert Mosebach das „Gehabe“ schillernder Persönlichkeiten.

Das dörfliche Leben in Bosnien steht den Ausschweifungen der Frankfurter Gesellschaft gegenüber. Jenseits jeder Schwarz-Weiß-Zeichnung verbindet er die Bosnien-Krise mit dem Leben und Auseinanderbrechen der reichen, schönen und „nutzlosen“ Gesellschaft am Schauplatz der Metropole Frankfurt.

Das Buch ist abgründig und grotesk, ironisch und sehr literarisch. Wohl nicht ohne Grund wurde „Das Blutbuchenfest“ vom bereits vielfach ausgezeichneten Frankfurter Autoren unter der Leitung von Journalist und Literaturkritiker Hubert Winkels und der siebenköpfigen Jury für den Buchpreis nominiert.

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Selja Ahava: „Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm“

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«Wäre es möglich, Augenblicke einzufrieren, würde ich diesen in eine Plastikdose legen. Dann könnte man den Winter über davon zehren.»

Es geht ums Erinnern, ums Vergessen und ums Fremdeln, denn stets taucht das Bild der biologischen Aliens auf: Der Wal, der in London schwamm oder die Bären, die sich metaphorisch bei Anna einrichten.

2006 ist ein rund sechs Meter langer Wal wirklich durch die Themse bis ins Zentrum Londons geschwommen. Experten vermuteten, dass es sich um einen Entenwal handelte. Dies ist das zentrale Bild im Roman. Es sind Fremde wie beispielsweise die Wale, die stranden, in London schwimmen, in fremden Ökosystemen auftauchen oder sogar Gott, der Anna besucht, (- abholt?).

Anna nimmt ihr Umfeld wahr und möchte dies und ihre Erinnerung festhalten. Denn ihr Gedächtnis wird unzuverlässiger. Sie umschreibt und merkt sich alles mit Hilfe von Wortlisten und erfindet Wörter für Dinge, die bisher keinen Namen hatten.

«Wenn die Menschen allmählich ihre Gesichter verloren, die Tage ihre Bezeichnungen und die Räume ihre Möbel, wenn vier Stunden einfach so verschwanden, nahm Anna ihr Notizbuch zur Hand und konzentrierte sich auf die Tatsachen.»

Als alte Frau blickt sie zurück auf ihr Leben, so, wie sie sich daran erinnert, an schöne wie an schreckliche Momente, an die Zeit in Finnland wie auch den Neuanfang mit Thomas in England. Am meisten reist Sie gedanklich zurück in ihr Häuschen auf einer Schäreninsel, wo sie mit ihrer großen Liebe einen Sommer verbracht hatte.

Ein nachdenklicher, fantastischer, zarter und leicht poetischer Roman. Kraftvoll und zugleich märchenhaft geschrieben. Aus dem Finnischen Übersetzt von Stefan Moster.

Die Autorin Selja Ahava, 1974 geboren, studierte Dramaturgie an der Theaterhochschule Helsinki und schrieb Drehbücher für Filme und Fernsehserien sowie Hörbücher, bevor sie mit „Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm“ ihren ersten Roman veröffentlichte. Sie hat fünf Jahre in London verbracht und lebt seit ihrer Rückkehr nach Finnland mit ihrer Familie in Porvoo.

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Kim Leine: „Ewigkeitsfjord“

Bild  „Ein fesselndes Epos über Unterdrückung und Rebellion“. Der dänisch-norwegische Autor Kim Leine hat für seinen Roman „Profeterne i Evighedsfjorden“ den Literaturpreis des Nordischen Rats erhalten. Die deutsche Ausgabe erscheint gerade unter dem Titel „Ewigkeitsfjord“.

„Ewigkeitsfjord“ ist Kim Leines vierter Roman und selten versank ich so sehr in einem historischen Roman, der das Leben in Kopenhagen, sowie Grönland spürbar erleben lässt.

Der vielseitige Roman erzählt die Geschichte des dänischen Priesters Morten Falck, der Ende des 18. Jahrhunderts als Missionar nach Grönland geht. Bereits vorher wird sehr bildhaft und lebendig sein Leben in Kopenhagen als Student beschrieben und wie er seine zukünftige Ex-Verlobte kennen lernt. Doch dann ruft ihn die Ferne und mit seinen geliebten Zitaten von Rousseau und mit einer Kuh im Schlepptau trifft er nach wochenlanger Seefahrt in der dänischen Kolonie auf Grönland ein. Hier prallen die Lebensweise der Eingeborenen und der Kolonisatoren in Eis und Finsternis gewaltsam aufeinander. Die zehn Gebote, die er noch predigt, wird Morten bald in vielfacher Hinsicht übertreten. Auch die Liebe kommt nicht zu kurz, denn er gewinnt die Liebe einer Eskimofrau. Später findet er völlig unerwartet eine abtrünnige Siedlergemeinschaft, die tatsächlich nach aufklärerischen Idealen lebt. Doch wird ihn sein Weg zurück nach Kopenhagen bringen, wo er ebenfalls erneut fremdeln wird.

Kim Leines Roman macht das Leben in Grönland zur damaligen Zeit mit allen Sinnen erfahrbar und erzählt zugleich eine moderne Geschichte. „Ewigkeitsfjord“ wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter der Preis des dänischen Buchhandels und der Politikens Litteraturpris.

Kim Leine, 1961 als Kind dänischer Eltern in Norwegen geboren, ist einer der wichtigsten dänischen Autoren der Gegenwart und seine Werke wurden in viele Sprachen übersetzt. 15 Jahre seines Lebens verbrachte er auf Grönland. In Deutschland wurde er 2011 durch den Roman „Die Untreue der Grönländer“ bekannt.

 

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Rafael Chirbes:„Am Ufer“

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Das Buch ist wohl nichts für romantische Leser, denn der Roman ist kein leichter Text , der zur Flucht aus der Realität zu verstehen, geschweige denn als solcher geschrieben wurde. Die Gestaltung des Buches lässt bereits vermuten, man wird ein Buch zur spanischen Krise lesen – der Baukrise, Schuldenkrise, Wirtschaftskrise, der Familienkrise und wohl der Sinnkrise allgemein.

Ein unglaublich realitätsnaher Roman, der in der Kleinstadt Ondara in Spanien spielt. Rafael Chirbes hat bereits in seinem letzten Roman „Krematorium“ das Platzen der Immobilienblase vorausgesehen und all die Verheerungen beschrieben, die der wilde Kapitalismus unserer Zeit hat. Der Autor ist überzeugter Marxist und erzählt in seinem neuen Roman „Am Ufer“ vom totalen moralischen Bankrott eines Landes, die Krise ist nicht nur im Roman endgültig im Leben der Menschen angekommen. Wie geht es den Menschen, die ihre Arbeit verloren haben und denen, die keine finden? Wie denen, die auf falsche Versprechungen vertraut haben, von Banken und dubiosen Beratern? Davon erzählt „Am Ufer“ schonungslos als eine Art Wirtschaftsroman und Familiengeschichte. Chirbes schreibt die Mentalitätsgeschichte Spaniens aus der Sicht einzelner Protagonisten mit viel Humor und Witz und stets mit guter Menschenkenntnis und einer offenen Beobachtungsgabe und schreibt in einer sarkastischen, literarischen Sprache. Er führt uns die gesellschaftlichen Verwerfungen vor Augen.

Der Roman „Am Ufer“ beginnt mit dem Objekt des Endes aus „Krematorium“, dem Aas. Der Ausflug ins Grüne entpuppt sich tatsächlich als ein Spaziergang in Bauschutt. Die Immobilienblase in Spanien ist geplatzt, die Profiteure haben ihr Geld rechtzeitig in Sicherheit gebracht. Zurückgeblieben sind nur noch Verlierer. Ihnen gilt Rafael Chirbes’ Interesse. Es ist ein Roman, der uns Figuren und Typen zeigt, die durch ihre Krise gehen müssen. Wir lernen Esteban kennen. Dieser hat das Kapital der Familenschreinerei verspekuliert, ist pleite und muss nun seine Angestellen entlassen. Esteban hatte sich als junger Mann ein anderes Leben erträumt, ist dann aber doch in der Familienschreinerei hängengeblieben. Aber anders als sein sozialistisch strenger Vater, der nach der Maxime lebt: Wir beuten niemanden aus, wir leben von dem, was wir erarbeiten, wollte Esteban wie alle anderen auch sein Stückchen vom großen Immobilienkuchen. Zu spät. Die Firma geht pleite und mit ihr die Schreinerei. Doch Esteban ist auch mit siebzig noch ein vitaler Mann. Und er ist Realist. Eine Perspektive für die Zukunft sieht er nicht und zieht die Konsequenzen.

Ein Roman, der uns den menschlichen Sumpf aufzeigen mag und die Verlorenen, die Träumer und die im gewissen Sinne Versklavten.  Aber es ist auch ein positiver Roman, ein literarischer Aufruf zum Widerstand.

Wir sollten der Erzählung, der Stimme von Rafael Chirbes lauschen, wenn wir an den Werten Europas festhalten wollen. Ich denke, „Am Ufer“ wird eine Bereicherung für seine Leser darstellen und ist wohl jetzt schon „Weltliteratur“.

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Haruki Murakami: „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“

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Der neue Murakami, sein größter Erfolg, ein Roman über Freundschaft, Liebe, Schmerz und Schuld.

Um seinen Schmerz, seine seelische Wunde zu heilen muß Tsukuru Tazaki in seine Vergangenheit reisen. Auf der Suche nach seinen damaligen Freunden, den vier farbigen Menschen in seinem farblosen Leben, die ihm eine nie verheilte Wunde zugefügt hatten.

„Der Auslöser für die starke Anziehungskraft, die der Tod auf Tsukuru Tazaki ausübte, war eindeutig. Seine vier engsten Freunde hatten ihm eröffnet, dass sie ihn niemals wiedersehen oder mit ihm sprechen wollen. So unvermittelt wie erbarmungslos. Ohne ihm den Grund für das harte Urteil mitzuteilen. Und er hatte nicht zu fragen gewagt.“ (Textauszug aus Kapitel 1).

Seine vier Freunde sind die vier Farben. Alle haben eine Gemeinsamkeit, die Tazaki nicht teilt, in jedem Nachnamen kommt eine Farbe vor. Die beiden Jungen heißen Akamatsu, Rotkiefer und Aoumi, blaues Meer. Die beiden Mädchen Shirane, weiße Wurzel und Kurono, schwarzes Feld. Nur der Name Tazaki beinhaltet keine Farbe. So nimmt er sich auch wahr: Leidenschaftslos und farblos. Es sind immer die farbigen Menschen, denen Tazaki begegnet, die ihn begleiten und prägen. Die Menschen, die ihm aber Tiefe geben, tragen auch Farben im Namen, doch sind es die Menschen, die entweder alle Farben einverleiben, d.h. Schwarz oder nur noch aus Licht sind, d.h. Weiß. Sein einziger Freund während seiner späteren Studienjahre ist „Grau“ eine Mischung aus Weiß und Schwarz. Hier wanderten stets meine Gedanken an die Farbenlehre von Goethe.

Seine Reise in die Vergangenheit ist untermalt durch ein Musikstück, das Shirane stets auf dem Klavier gespielt hatte: „Le Mal du pays“. Das ist das achte Stück von Franz Liszts „Annés de pélerinage.- Première année: Suisse“. Ein passendes Werk. Es sind die tönenden Erfahrungen der Wanderjahre von Liszt. Dies lässt wiederholt an Goethe denken (Wilhelm Meister). Die komplette Aufnahme von „Annés de pélerinage“ eingespielt von Lazar Berman trägt in sich eine Sehnsucht und Melancholie, die von heiteren, nie aber ins kitschige gehenden Melodiebögen unterbrochen werden. Dies ist eine passende musikalische Untermalung der Seelenzustände des Herrn Tazaki, der sich in Japan und Finnland auf die Suche nach Klärung und Heilung macht.

Sara, die Frau, die in der Gegenwart in Tazakis Leben kommt, ist erschüttert, denn wenn ihre Liebe eine Chance haben soll, beschwört sie ihn, diese Pilgerreise anzutreten, um sich selber zu finden. Seine Farbe, seinen Klang. Er ist Ingenieur für Bahnhöfe. Seine Aufgabe ist es, diese zu restaurieren, technisch aufzuwerten und die Menschenströme bei Umbaumaßnahmen umzuleiten. Er ist Wegweiser ohne es zu sein. Er liebt es, Menschen an Orten zu beobachten, an denen man ankommt, umsteigt oder wegfährt. Er, der selber einen Ort zum Ankommen sucht.

Ein monumentaler Roman, der lange wirken wird und wohl jetzt schon einer der literarischen Höhepunkte im Jahr 2014 ist. Ein Werk über vier Farben und eine Reise, das auch als gedrucktes Buch ein Kunstwerk ist. Das gebundene Buch hat auf dem Titel einen grauen Schmetterling, der erst durch den Folienumschlag seine Farben erhält. Möge das Buch viele Leser finden und in diesem lange nachklingen und eine Färbung hinterlassen…

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Januar 6, 2014 · 10:36 am

Dennis Lehane: „In der Nacht“

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„Ein paar Jahre später fand sich Joe Coughlin auf einem Schlepper im Golf von Mexico wieder. Seine Füße steckten in einem Block Zement.“

So beginnt der neue Roman von Dennis Lehane: „In der Nacht“.
Amerika während der Prohibition. Joe Coughlin, ein kleiner Handlanger des Syndikats in Boston, steigt in Florida zum mächtigsten Rum-Schmuggler seiner Zeit auf. Und setzt sein Leben aufs Spiel – aus Liebe zu einer Frau. Ein atemloses, literarisches Gangster-Epos.

Ich gestehe, es ist mein erster Lehane. Doch kenne ich die sehr guten Verfilmungen seiner Romane: „Mystic River“ und „Shutter Island“.
Lehane ist aber wohl mehr als ein Vorlagenschriftsteller für große Kinomomente. Er ist dreifacher Gewinner des Krimipreises und doch ist dieser Roman vielschichtiger als ein gewöhnlicher Kriminalroman.
Man wird durch den Prolog gleich in das Amerika während der Prohibition versetzt und Lehane erzählt frisch, als hätte es bisher noch keine Mafia-Literatur gegeben. Ich bin in der Geschichte versunken und obwohl die Bilder in meinem Kopf filmreif und irgendwie stets Bekanntes aufzeigen ist doch alles anders und neu. Ein purer Lesespaß!

»Und plötzlich kam ihm der Gedanke, dass alles Bemerkenswerte in seinem Leben – im positiven wie im negativen Sinne – seinen Anfang an jenem Morgen genommen hatte, als er das erste Mal mit Emma Gould zusammentraf.«

Ein Roman vom kleinen Handlanger zum mächtigsten Rum-Schmuggler seiner Zeit.

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Dezember 7, 2013 · 10:27 am

Stephen King: „Doctor Sleep“

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„Ist, was wir scheinen oder schaun, doch nur ein Traum in einem Traum?“ E. A. Poe

Der Meister des Grauens hat nicht nur mich in meine Jugend versetzt.
„Dr. Sleep“ ist die Fortsetzung von „Shining“. Jahre lang hat sich Stephen King mit der Frage beschäftigt, was wohl aus dem kleinen Danny aus „Shining“ geworden ist. Dan Torrance hatte nur knapp den Spuk im abgelegenen Berghotel Overlook überlebt und war den bösen Geistern und seinem verrückt gewordenen Vater entkommen.

Auf Amerikas Highways ist eine mörderische Gruppe unterwegs. Sie hat es auf Kinder abgesehen, die das „Shining“ haben. Stephen King kehrt zu den Figuren und Szenerien aus Shining zurück: Der Dreirad fahrende kleine Danny, der im Hotel Overlook so unter seinem besessenen Vater hat leiden müssen, ist erwachsen geworden. Aber die Vergangenheit lässt ihn nicht los. Nur mühevoll kann Dan Torrance die Schrecken verarbeiten, die er als kleines Kind im Hotel Overlook erlitten hat. Obendrein hat er die Suchtkrankheit seines besessenen Vaters geerbt und nimmt daher fleißig an Treffen der Anonymen Alkoholiker teil. Seine paranormalen Fähigkeiten, das Shining, setzt er nun in seinem Beruf ein: In einem Hospiz spendet er Sterbenden in ihren letzten Stunden Trost. Man nennt ihn liebevoll Doctor Sleep. Währenddessen ist in ganz Amerika eine Sekte auf der Suche nach ihrem Lebenselixier unterwegs. Ihre Mitglieder sehen so unscheinbar aus wie der landläufige Tourist – Ruheständler in Polyesterkleidung, die in ihr Wohnmobil vernarrt sind. Aber sie sind nahezu unsterblich, wenn sie sich vom letzten Lebenshauch jener Menschen ernähren, die das Shining besitzen.
Das Mädchen Abra Stone besitzt es im Übermaß und gerät ins Visier der mörderischen Sekte. Um sie zu retten, weckt Dan die tief in ihm schlummernden Dämonen und ruft sie in einen alles entscheidenden Kampf.

Ich habe lange keinen Stephen King mehr gelesen. War aber nun sehr neugierig, denn durch den Medien-Rummel und die Lesungen in München und Hamburg ist der ehemals leicht verpönte Autor salonfähig geworden…

Die Erwartung war hoch und wurde für mich belohnt. Ich bin mit King und Dan Torrance zurückgekehrt, war sofort in die Handlung gestolpert und traf alte Bekannte sowie Bilder wieder. Auch werden bekannte Motive neu aufgegriffen – z.B die Modellandschaft des Irrgartens in „Shining“ wird verfremdet als Modellandschaft der neuen Handlungsorte eingebaut.
King versteht sein Handwerk und bleibt ein guter Geschichtenerzähler. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Ein Erzähler der uns in einen Alltag versetz, der durchwoben ist von schnell vertrauten Charakteren, die sich gegen das Böse stellen müssen.
Das Böse lauert im Nachbarn, in einem Clown, leider auch mal in einem Auto und jetzt unter anderem im „wahren Knoten“… Das Grauen lauert aber meistens auch in uns…
Mein Fazit: King ist in der Literaturszene angekommen und wird auch endlich toleriert. Sein neues Buch hat mir schöne, gruselige und spannende Lesestunden bereitet. Man kann es losgelöst lesen, gänzlich versteht man es aber nur in Bezug zu „Shining“.

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„Buddha in Brooklyn“

Bild„Eine besondere Überlieferung außerhalb der Schriften, unabhängig von Wort und Schriftzeichen: Unmittelbar des Menschen Herz zeigen,- die eigene Natur schauen und Buddha werden.“ (Bodhidharma zugeschriebene Strophe)

Der zweite Roman von Richard C. Morais „Buddha in Brooklyn“ schildert einen holprigen Weg zur Erleuchtung.  Aber was ist Erleuchtung? Oda, der Protagonist antwortet auf diese Frage: „Wir glauben, dass ein Mensch, der Erleuchtung sucht, bereits in diesem Moment erleuchtet ist, weil die Ursache der Erleuchtung gleichzeitig die Wirkung der Erleuchtung beinhaltet. Ein Samen beinhaltet stets seine Blume…“. Man kann nur ersehnen, was bereits in einem ist. Ein sanfter Roman, ein Entwicklungs- und Liebesroman, der keinesfalls als Lehrstück des Buddhismus verstanden werden möchte. Morais bedient sich vieler spirituellen Schulen, besonders des Zen-Buddhismus, aber auch Meister Eckhart finden sich wieder in diesem Potpourri. Stets wird der Text durchwebt mit Haikus, die der Handlung Gewicht verleihen.

Zum Inhalt:  Manchmal begegnet einem das Lebensglück da, wo man es am wenigsten vermutet. So geht es auch dem buddhistischen Mönch Oda, als er aus der Stille seines japanischen Klosters ins brodelnde Herz New Yorks kommt. Doch es dauert seine Zeit, bis er erkennt, dass man noch am fremdesten Ort Freunde fürs Leben finden kann – und sogar die große Liebe.

Der buddhistische Mönch Seido Oda soll Japan verlassen, um in Brooklyn den Bau eines Tempels zu beaufsichtigen. Dem in völliger Abgeschiedenheit lebenden Oda ist dies gar nicht recht, doch er muss sich dem Willen seines Ordens fügen. Was dem freundlichen, in sich gekehrten Priester im lauten Westen zustößt, ist ebenso absurd wie herzerwärmend.

Durch meine Reiki-Ausbildung lese ich stets gerne Bücher, die sich mit fernöstlicher Kultur beschäftigen. So hat mich gleich dieses Buch angesprochen. Es ist einfach geschrieben, schafft es aber sehr unterhaltsam das beständige Gedanken-Karussell abzustellen und gänzlich in den Zeilen zu versinken. Morais verneigt sich selber vor den klassischen und spirituellen Texten, die beständig im Roman Erwähnung finden.  Es ist aber kein Lehrwerk, sondern ein guter Unterhaltungsroman.

„Seelenfrieden ist alles andere als trivial.“ (Zen, oder die Kunst ein Motorrad zu warten).

Gleichzeitig spielt der Roman mit den unterschiedlichen Kulturen, die ab und zu etwas zu klischeehaft aufgetragen sind. Es bleibt aber ein schöner Text, der dem Leser Anstoß geben mag, seinen Weg zur Erleuchtung zu finden… Auch der längste Weg beginnt ja bekanntlich mit einem Schritt… Auch Oda, der seine Ausbildung in Japan abgeschlossen dachte, muß seinen Weg in New York neu finden und lernen, sein Ego zu besiegen…
„Tatsache ist, an diesem Tag starb auf dem Pier in Brooklyn ein unverbesserlich zynischer Mann. Der Mann jedoch, der inmitten der Vögel weiter betete und Buddha aus einer Tiefe heraus dankte, von der er gar nicht gewusst hatte, dass er sie besaß,…“

„Unsere Welt

ist flüchtig wie Tau,

und dennoch und dennoch…“

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„Deep Purple“

deep PurpleIn meiner Buchhändler-Seele wohnt auch das kleine Prollseelchen… Falls es jemand noch nicht wusste, ich bin „irgendwie“ Deep Purple Fan und durfte sie bereits oft live erleben… Nun freue ich mich über diese Neuerscheinung:

Der große Deep Purple-Bildband erscheint endlich als völlig überarbeitete Neuausgabe.

Stark erweitert, mit vielen neuen Bildern und Texten sowie erstmals im opulenten Querformat.

»Child In Time«, »Perfect Strangers«,»Rapture of the Deep« – diese und etliche andere Werke sind heute Klassiker der Rockgeschichte, und Didi Zill hat Deep Purple oft begleitet und fotografiert – auch auf der legendären Japantournee. Aus Didi Zills Archiv von tausenden Aufnahmen erscheinen nunmehr die besten etwa 600 Abbildungen in diesem umfangreichen Bildband, ergänzt um persönliche Erinnerungen des Fotografen aus seinen vielen Treffen und auch privaten Reisen mit den Musikern. Gegenüber der Erstausgabe von 2002 wurde das Buch umfassend überarbeitet und mit zahlreichen neuen Bildern und wesentlich umfangreicheren Texten versehen, u.a. mit Interviews mit den derzeitigen Bandmitgliedern.
Mehr und Video auf: http://www.didi-zill.de/

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