Archiv der Kategorie: Erlesenes

Husch Josten: „Eine redliche Lüge“

Husch Josten ist ein Garant für kluge und gute Unterhaltung. Ihre Werke bestechen durch ihren Erzählstil und die aktuellen Themen, die sie gekonnt in ihre Bücher einwebt. Es sind stets die Figuren und ihre Lebensfragen, die nach Beenden der Lektüre lange nachklingen. Husch Josten hat nicht nur viel Fantasie und Einfühlungsvermögen, sondern auch viel Humor. Sie erzählt klug und einnehmend über diverse Fragen unserer Zeit und philosophiert über die bewegenden Fragen des Lebens. Es geht auch um moralische Grundsätze und Identität. Es geht um das, was wir sehen, übersehen und sehen wollen.

Der Roman ist angesiedelt in der Normandie in der Domaine de Tourgéville. Durch das Setting und die Handlungen, besonders die Gespräche in und um das Ferienhaus, erinnert der Roman an französische Filme, besonders an die wunderbaren Filme von und mit Juliette Binoche, besonders an „Zwischen den Zeilen“.  Denn der Roman lebt auch vom Aufeinandertreffen unterschiedlichster Charaktere, die bei traumhafter Kulisse die Welt zu erfassen versuchen und sich selbst finden, d.h. verlieren.

Die Erzählerin ist Elise, die sich an ihren Sommer in der Normandie erinnert. Als ältere Frau lebt sie auf ihrem Boot und reflektiert den Moment, der sie jenen Sommer geprägt hatte.

Eigentlich hatte eine Freundin diese Arbeitsstelle bekommen, doch durch einen Wink des Schicksals arbeitet Elise für einen Sommer für das Paar Margaux und Philippe in deren Ferienhaus in der Normandie. War es es ein Zufall, sofern es diesen gibt, dass sie auf das gesellige Paar stieß? Das Seebad wird nach der Saison von einer Tristesse bestimmt. Dennoch geht von dem Ort etwas Betörendes aus. Besonders die Architektur der Domaine de Tourgéville. Mit viel Licht, Rundungen und diversen Etagen und Zimmern wird dieses Domizil für einen Sommer das Sinnbild der Gesellschaft.

Elise lernt die Sprache und kümmert sich um den Haushalt. Sie putzt, geht einkaufen und ist bei den Festessen sozusagen auch Gastgeberin. Margaux, eine Frau, die die Blicke auf sich lenkt, fasziniert Elise sehr. Oft sind im Ferienhaus geladene Gäste und die junge Frau wird durch ihren Aufenthalt und die dortige Arbeit zu einer genauen Beobachterin der Szenerien und Gespräche. Die illustren Gäste bringen jeweils ihre Weltsicht in die Gespräche beim Diner ein und somit wächst innerhalb dieser kleinen und wechselhaften Gemeinschaft ein Kabinett der gegenwärtigen Gesellschaft. Es geht um Banales, um Kultur, besonders Literatur, Kunst und die philosophischen Lebensfragen. In dieser Zeit erkennt Elise das Spiel zwischen Sein und Schein. Die Täuschungen, die wir bereit sind zu spiegeln, zu erkennen oder zu übersehen. Wo verbirgt sich das individuelle Glück? Die Normandie und die Gesellschaften haben anfänglich eine Ausstrahlung der Leichtigkeit und Gelassenheit. Doch kommt dann jener Moment, der alles erschüttern lässt.

Husch Josten versteht es erneut, mit viel Wissen, Humor und Sprachgefühl eine Geschichte zu erzählen, die ganz viel in sich verbirgt. Manches liegt ganz offensichtlich an der Oberfläche und die feinen Anspielungen wollen entdeckt und erlebt werden. Husch Josten beschäftigt sich stets sehr tiefgründig mit komplexen Themen und Sachverhalten, die sie in lesenswerte Literatur umsetzt. Ein unterhaltsames und kluges Buch, das die Fragen der Gegenwart aufwirft. Das Werk ist niemals thematisch überfüllt, sondern charmant und mit viel Witz geschrieben. Ein typisches Josten eben. 

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Frank Göhre: „Die Stadt, das Geld und der Tod“

Ein schnittiger Noir-Krimi aus der Feder des dreifachen Gewinners des Deutschen Krimipreises. Im Noir-Roman ist alles dunkel, die Probleme ausufernd und nicht nur individuell. In diesem Roman wirkt es, als wäre der Mensch nicht zum Glücklichsein geschaffen. Trotz der Düsternis ist es ein Lesespaß mit schwarzem Humor und einem charmanten Drive. Frank Göhre ist ein Meister der schnellen Schnitte. Seine Kapitel und Szenen sind kurz, punktuell und stets ausreichend, um im Kleinen ganz viel zu erzählen. „Die Stadt, das Geld und der Tod“ schaut in die Abgründe Hamburgs im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends. Der Weg zum organisierten Verbrechen beginnt hier mit flinken Fingern, die später Clubbetreiber werden und im Immobiliengeschäft Fuß fassen. Die Kontakte reichen über Kaffeegroßhändler, Drogenschmuggel von Ecuador bis Kopenhagen und sind auch in der Wirtschaft und der Politik gut vernetzt.

Ivo ist vor vielen Jahren aus einem abgelegenen Dorf in den Karpaten nach Hamburg gekommen. An seinen Händen klebte noch das Blut eines Friseurs, der wahrscheinlich die Ehre Ivos Schwester verletzt hatte. In den Achtziger Jahren macht Ivo in Hamburg Karriere im Familienclan Radu. An der Spitze steht der Immobilienkaufmann Nicolai Radu. Die Familie besteht ferner aus einem Gebrauchtwagenhändler, einem Diskothekenbetreiber, einer Juristin, einer Haushälterin und dem Chauffeur und Mann fürs Dreckige. Ferner bestehen noch Verbindungen in die Karpaten, wo unter anderem Hotelanlagen am Meer geplant werden. Nicolai Radu trifft sich regelmäßig mit einem Rechtsanwalt, einem Chefredakteur und einem Sternekoch zum Pokern. Hier werden Ideen und Geschäfte bedacht. Zum Beispiel soll ein abgebrannter Club demnächst zu einem Restaurant umfunktioniert werden.

Die Handlung beginnt mit dem Fund einer Leiche. Im Park von Eimsbüttel wird die Leiche des 16 Jährigen Schülers David gefunden. Er ist an einer hohen Dosis Amphetamin gestorben. Sein Vater ist Ivo, der kurz danach aus einer Haftstrafe entlassen wird und nun zum Clan seines Blutsbruders Nicolai zurückkehrt. Die Trauer ist nicht ganz so groß, denn kannte er seinen Sohn so gut wie gar nicht. Doch möchte er wissen, was passiert ist und wie sein Sohn umgekommen ist. Wer steckt eventuell hinter dessen Tod?

Der Roman lebt von seiner Zackigkeit. Alles wird cineastisch und mit kurzen Schnitten erzählt. Die Handlung baut sich durch die kurzen Szenen sehr schnell auf und nimmt gehörig an Fahrt auf. Die Stimmungen und Charaktere werden punktuell erfasst und mit tollen stilistischen Mitteln zum Leben erweckt. Witzig ist die gelungene Spielerei mit dem genannten Soundtrack im Text. Es macht einen enormen Unterschied, welche Figur entsprechende Musik oder passenden Radiosender hört. Wenn man frech ist, kann man behaupten hier ein Gegenstück zu den „Buddenbrooks“ gelesen zu haben. Dort, wo Thomas Mann lange Sätze und großangelegte Kapitel und Beschreibungen für den kunstvollen Untergang einer norddeutschen Handelsfamilie benötigt, zerschlägt Frank Göhre in der Verknappung und mit Verbrecher-Slang ein ganzes Imperium. 

Erneut macht es unglaublich Spaß Frank Göhre zu lesen. Seine Sprache hat einen besonderen Sound und verleiht dem handelnden Personal eine Glaubwürdigkeit und mit ihnen erwacht ein ganzer, tiefer und dunkler Kosmos in der Metropole Hamburg. Frank Göhre erzeugt stets pures Kopfkino und beweist sich als Meister der kurzen, schnellen Szene im Noir-Krimi. Siehe auch Leseschatz-TV (YouTube): Frank Göhre: „Verdammte Liebe Amsterdam“.

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Eva Baronsky: „Die Stimme meiner Mutter“

Die Stimme einer berühmten Sängerin erklingt in diesem Roman durch eine kunstfertige Perspektive und die vermeintliche Opern-Diva wird privat. Gleich am Anfang des Buches, beim gemeinsamen Essen, wird jenes Begreifen deutlich, dass die Vorbereitung ist auf die kommenden Handlungen. Maria Callas schaut von ihrem Teller auf, blickt in das Gesicht ihres Mannes und erkennt in ihm lediglich eine Fratze. Der ganze Ruhm, den sie erlangte, wirkt wie ein Füllstoff ihres Lebens. Füllmaterial für jene innere Leere, die eigentlich die Liebe erfüllen sollte.

Maria Callas, eigentlich Maria Anna Sofia Cecilia Kalogeropoulou, war eine berühmte amerikanische Sängerin griechischer Abstammung und eine der bedeutendsten Sopranistinnen des 20. Jahrhunderts. „Die Stimme meiner Mutter“ stellt aber keinen Biographie-Roman dar, sondern füllt einen Moment dieser großen Frau mit Leben. Es geht um die Schiffspassage von Monte Carlo nach Istanbul. 1959 sind Maria Callas und ihr Ehemann Giovanni Battista Meneghini von Aristoteles Onassis, einem griechischen Milliardär, eingeladen worden. Die Kreuzfahrt auf der Luxusyacht „Christina“ des Milliardärs wird drei Wochen dauern. Diese Reise wird für alle Beteiligten das Leben verändern und für Skandale sorgen.

Maria Callas ist zu jener Zeit eine der berühmtesten Sängerinnen der Welt. Viele Arien und Opern hat sie bereits gesungen und ihr Stimmumfang ist legendär. Ihr Tonumfang umfasst drei Oktaven. Ihr Mann, ein Unternehmer und Industrieller, fördert sie. Doch verblasst die Liebe zunehmend, sofern es überhaupt Liebe war. Sie gilt als Star und hat auch ihre Schattenseiten. Durch ihre Absage eines weiteren Auftritts in einem Veranstaltungssaal, den sie nicht besprochen meinte, der aber wohl vertraglich fixiert war, gerät sie in die Schlagzeilen und ihr haftet fortan etwas von einer Diva an. Maria Callas wurde durch Elsa Maxwell mit Aristoteles Onassis bekannt gemacht und somit kam es zu jener Einladung zu der Kreuzfahrt.

Der Tag der Abreise wird jener Moment, der das hadernde Innenleben von Maria Callas bestärkt. Ihren Mann empfindet sie als Ballast und sie erträgt ihn nur noch schwer. Er schmückt sich mit ihr und ist in ihren Augen ein selbstüberschätzter Mann. Er wiederum vermisst ihre Dankbarkeit. Sie sehnt sich nach Liebe und jemand einfühlsamen. Ihr Ehemann will auch nicht verstehen, dass es nicht sie beide sind, die in der Gesellschaft gefragt sind, sondern sie, die Sängerin. Doch ist dies auch nur eine weitere Rolle in ihrem Leben, denn sie ist sehr verletzlich und auch introvertiert. Wer könnte darüber nicht besser berichten als ihr Kind. Dies ist die ungewöhnliche Erzählstimme des Werkes, ihr ungeborener Sohn. So schafft dieser Roman durch diese intime Nähe eine sehr lebendige Maria Callas. Der damalige Skandal war ihr kurzweiliger Glücksmoment. Ihre erblühende Liebe zu Onassis, der ihre Gefühle erwidert. In Onassis findet sie vorerst einen Partner, demgegenüber sie sich öffnen kann und auch ihre verletzliche Seele zeigen darf. Sie geben sich schnell ihrer Liebe hin ungeachtet ihrer jeweiligen Ehepartner, die mit am Bord sind.

Der Roman beginnt großartig und hält die Neugier und Spannung bis zum Ende. Alles erwacht in diesem Buch zum Leben, die Protagonisten, das Gefühlschaos und auch das ganze Setting. Die Ägäis, die strahlende Sonne und das Prickelnde im beschriebenen Luxusleben und in der Liebe. Maria Callas, ein Name, der für Musik, Arien, Opern, aber auch für Skandale und Niederlagen steht, bekommt durch diesen wunderbaren Roman ein neues Gesicht.

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Anne von Canal & Heikko Deutschmann: „I get a bird“

Hier treffen sich zwei unbekannte Menschen und wachsen an ihren Geschichten. Um genau zu sein sind es vier Menschen, zwei Reale und zwei Fiktive, die einer Idee entsprungen sind und zum Leben erwachen. Anne von Canal wollte schon länger einen Briefroman erfinden. Romane also, die durch einen fiktiven Briefwechsel eine Handlung aufbauen. Dies hatten unter anderem bereits Bram Stoker und Daniel Glattauer erfolgreich umgesetzt. Nur war die Idee für „I get a bird“ etwas anders. Es sollten auch zwei Autoren sein, die mit ihren jeweiligen Schreiben zwei Figuren erlebbar machen. Heikko Deutschmann wurde der schreibende Partner. Es gab eine Ausgangssituation, weitere Absprachen wurden nicht getroffen. In einem Schreiben an mich hat Anne von Canal Passendes zum Buch gesagt: „Es ist ein zarter kleiner Vogel, aber er kann manchmal schön singen“.

Am Anfang müssen alle Figuren und Schreibenden sich finden und in einen Fluss geraten. Die anfängliche Anonymität schafft eine Distanz, die ganz viel Raum erweckt. Es sind unsere Geschichten, die wir erleben und erzählen, die uns erfassen, berühren, vernichten oder aufbauen können. Es sind drei Perspektiven, die uns die ganzen Geschichten erzählen. Es sind die Briefe von Jana und Johan. Gefunden, beziehungsweise sortiert hat sie Beirette.art.ca. Stets die Welt durch ein Objektiv sehend gelangen diese Briefe über gewisse Umstände in deren Hände. Somit auch die Geschichten der bisher zwei Unbekannten. Es ist ein Busfahrer aus Neumünster, der einem Päckchen ein sehr persönliches Schreiben beifügt. Es ist Johan, eigentlich hatte er vor langer Zeit einen ganz anderen Beruf. War sogar Meister. Später durch Wendungen im Leben beginnt er, sich für Philosophie und Literatur zu begeistern. Dies erklärt auch seine guten Formulierungen und den Drang der Selbstreflexion. Denn gleich im Ersten Brief offenbart er seinen eigenen Kosmos voller Sehnsucht, Schmerz und der Hoffnung auf Klärung. An einer Endstation in Neumünster, im Wendehammer, hat er in einer Telefonzelle vor drei Jahren einen Terminkalender gefunden. Jetzt beim Aufräumen hat er ihn wiedergefunden und sich erinnert, dass er diesen eigentlich an die Besitzerin hatte zurücksenden wollen. Das macht er nun und somit taucht er plötzlich in Janas Leben auf. Sein Brief, den der dem Terminkalender beifügt, ist sehr persönlich und weil er als ein Fremder Jana schreibt, öffnet er etwas in Ihr lang Vergrabenes. Sie antwortet und das Spiel beginnt.

Sie war damals nicht ohne Grund in der Telefonzelle. Sie hatte sich in dem Planer eine wichtige Nummer notiert. Da sie den Bus bekommen musste, verließ sie die Telefonzelle und ließ den Terminplaner mit all den wichtigen Notizen liegen. Auch Johan suchte die Telefonzelle auf, weil er ein für ihn wichtiges Gespräch führen wollte. Doch im Laufe der Zeit, also jetzt in der Gegenwart, sind die einzelnen Telefonnummern ohne Anschluss.

Es sind jeweils tragische Familienerlebnisse, die durch ungewollte Trennungen, Lügen und dem plötzlichen Verschwinden geprägt wurden. Beide, Jana und Johan, sind seitdem sehr verletzlich. Durch die schreibende Stimme, die nun den jeweils anderen erreicht, entsteht ein Kanal, der in einen Fluss gerät und der Austausch öffnet einige Schleusen. Jana lebt schon länger in Freiburg, dennoch hat sie eine Vergangenheit in Schleswig-Holstein, zum Beispiel in Neumünster und Laboe. Somit kommt es in der Korrespondenz zu räumlichen und letztendlich zu persönlichen Überschneidungen.

Der erfundene Briefwechsel lässt einen nicht los. Man taucht ein in den Schriftverkehr und die persönlichen Geschichten. Zuweilen laden die Schreiben zum Schmunzeln ein, haben stets etwas Warmherziges, sogar Anrührendes an sich.

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Yaa Gyasi: „Ein erhabenes Königreich“

In diesem Roman stehen sich stets Wissenschaft und Glauben gegenüber. Aber auch die Suche nach Glück und das Belohnungsstreben. Dieses Streben kann psychologisch problematisch werden und in eine Depression oder in einen unstillbaren Vergnügungshunger gleiten. Es ist die Geschichte einer schwarzen Wissenschaftlerin in den USA und ihre Auseinandersetzung mit Familie, Religion, Liebe und Rassismus.

In der Wissenschaft sucht Gifty nach Erklärungen. Wie konnte ihr Bruder sich so sehr einer Sucht hingeben, an der er letztendlich starb? Kann sie durch ihre neuronalen Tierversuche die Depression ihrer Mutter und die Welt allgemein besser verstehen? Der Mensch will glauben, sucht aber beständig nach Beweisen. Dies hat ihn auch letztendlich dem natürlichen Paradies entfremdet. Je weiter der Mensch wissenschaftlich in den Mikro- und Makrokosmos vordringt, desto mehr zweifelt er am Glauben. Kann die rationale Wissenschaft Gifty helfen oder das Erlösungsversprechen der Kirche?

Gifty erinnert sich oft an ihre Mutter, wie sie im Bett liegt und zu keiner Regung zu motivieren ist. Auch jetzt, als die Mutter wieder auftaucht. Die Mutter leidet an einer Depression und ist aus Alabama nach Kalifornien gekommen. Hier ist Gifty in einem Labor tätig. Sie erforscht die Gehirnströme und das Suchtverhalten von Mäusen. Durch moderne Technologien, die den Mäusen zugemutet werden, wird das feine neuronale Netz sichtbar. Dies ist heutzutage kein Science-Fiction, dennoch heißt der Kollege von ihr Han, der auch ein großer Bezugspunkt in Giftys Leben ist. Ein Versuch an den Mäusen ist die Belohnung durch das Drücken einer bestimmten Taste. Nach einiger Zeit bekommen die Mäuse durch dieselbe Taste, die ihnen Glück brachte, nun unregelmäßig kleine Stromschläge. Die meisten Tiere lernen sofort und kommen der Taste nicht mehr nahe. Aber es gibt welche, die auf der Suche nach dem Glücksmoment immer wieder diese betätigen und dabei den Schmerz billigend hinnehmen. Dieses grausame Spiel ist eine Metapher, die die Autorin nun in ihren Figuren reflektiert.

Die Familie ist aus Ghana geflüchtet. Sie waren zu viert und nun sind es nur noch Gifty und ihre Mutter. Der Vater ist eines Tages zurück nach Ghana gegangen. Giftys älterer Bruder war stets ein Suchender und seine Bestätigung im Leben erhoffte er sich im Sport. Letztendlich stirbt der geliebte Bruder am Drogenkonsum. Die Welt gerät aus den Fugen und das Bild des Verrückens wird am Anfang des Buches deutlich, als eine Tante schamlos auf einen Verrückten hinweist. Doch was macht einen Menschen zu einem Verrückten? Die Mutter suchte stets ihr Seelenheil in der Kirche. Nach der Emigration hat sie sich einer sehr konservativen Gemeinde angeschlossen, die auch Rassistisches in ihrem Kern duldet, den Giftys Mutter beharrlich ausblendet.

Als Gifty von ihrer Mutter aufgesucht wird, kommen die Erinnerungen und mit diesen die großen Themen. Besonders die Widersprüche der Wissenschaft und der Religion, die in Gifty hadern. Schon früh hat sie das Gespräch mit Gott gesucht und die Auseinandersetzung erfolgte dann in Folge schriftlich. Antworten erhofft sie aber letztendlich in den Neurowissenschaften zu finden. Auch geht es in ihrer Familie um ihr Schicksal als Auswanderer und den immer noch gelebten Rassismus.

Ein lesenswerter Roman, der leichtfüßig große Themen anspricht und behandelt. Das erhabene Königreich setzt sich aus vielen Bausteinen zusammen, das das Fundament auf Leben, Sucht, Depression, Wissenschaft und Glauben stellt. Ein bildendes und unterhaltsames Werk über Familie, Verlust und Gemeinschaft. Übersetzt aus dem Englischen wurde das Buch von Anette Grube. Achtung, das Buch macht süchtig.

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Katharina Volckmer: „Der Termin“

Der Termin ist eine Sitzung bei Doktor Seligman. Eine Frau geht zum Arzt und beginnt sich wortwörtlich zu öffnen. Sie beginnt ihm unverblümt ihre Gedankenergüsse zu erzählen. Dabei wird es immer skurriler, witziger und schlüpfriger. Es ist ein Monolog voll bissigem Humor mit klugem Blick auf die Gesellschaft und unsere Geschichte. Im Vordergrund steht stets die Scham.

So wie der Redefluss beginnt, könnte man meinen, die Frau läge bei ihrem Psychotherapeuten auf dem Sofa. Doch nach wenigen Sätzen wird deutlich, der Arzt sitzt zwischen ihren Beinen. Somit kann der Termin für alle eine schamhafte Erfahrung werden.     

Gleich zu Beginn erzählt sie von ihren Träumen. Oft habe sie geträumt Hitler zu sein. Dabei wird sie auch hier sehr intim und gerade die Vorstellung, Hitler im Privaten zu erleben, im Schlafanzug sogar, lenkt das Ganze in eine Karikatur. Niemals gerät der Text aber in den Klamauk. Fraglich ist, ob denn stets der Schalk hier aus der Frau spricht?

Katharina Volckmer wurde 1987 in Deutschland geboren und lebt in London. Ihren Debütroman „Der Termin“ („The Appointment“) hat sie auf Englisch verfasst und dieser wird international gefeiert. Das Buch galt als schwierig für den deutschen Literaturmarkt. Doch ist es nun in der Übersetzung von Milena Adam erschienen. 

Auch die junge Frau, die Erzählerin des Buches, stammt aus Deutschland und hadert mit ihrer vermeintlichen deutschen verklemmten Art und dem Schamgefühl. Es geht um ihre Lust, ihr Schuldgefühl und die Selbstfindung und Benennung der eigenen Bedürfnisse. Ihre Abnabelung von der Heimat und die Neufindung vollziehen sich durch Beziehungen. Sie sehnt sich nach einer Abgrenzung von Vergangenheit und Gegenwart. Im Rundumschlag wird hier die Suche nach allgemeiner und sexueller Identität beschrieben. Gegenüber stehen dabei die Abneigung gegen den eigenen Körper und die Hoffnung durch Erfüllung im Körperlichen. Das sexuelle Sehnen findet die Protagonistin in einem Mann, hier lediglich K genannt. Doch wirkt die Körperlichkeit am Ende wie ein Farbenrausch, in dem letztendlich etwas Trauriges lauert. Durch das genannte Lila vermischen sich in der Bedeutung der Farbsymbolik die Geschlechter. Eine Farbe der Emanzipation und der Befreiung leuchtet somit dezent am Ende.

Der Blick aus London auf Deutschland kann nur ein komischer sein. Zumindest in diesem Roman. Die kulinarische Küche als Beispiel des Versagens oder der Nürnberger Christkindlmarkt als historische Kulisse für Bedeutenderes dieser Stadt. Der Schulunterricht in der Nachkriegszeit wurde geschmückt mit krampfhaften Beweisen, gänzlich entnazifiziert zu sein. Es folgen noch weitere kulturelle und gesellschaftliche Spitzen. 

Der ganze Monolog über Scham, Sex, Geschichte und Selbstbestimmung ist bitterböse und unglaublich humorvoll. Hinter den ganzen pointierten Witzen stecken stets eine Tiefe und eine zarte Melancholie. Ein junges Buch, das zynisch, wütend und aus der Distanz einen schamhaften Blick auf ein zeitliches und räumliches Zurück wirft.

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Gert Loschütz: „Besichtigung eines Unglücks“

Gert Loschütz begeistert erneut. Mit seinem neuen Roman begibt er sich wieder auf Spurensuche und verwebt Geschichte mit Literatur. Der Auftakt des Romans ist ein Zugunglück, das sich im Dezember 1939 vor dem Bahnhof von Genthin ereignete. Es geht um die Geschehnisse, die zu dieser Katastrophe führten und Gert Loschütz erzählt drumherum Geschichten, die bis in unsere Gegenwart wirken. Sehr literarisch und bewegend entwickelt Loschütz seinen Roman, dem er ganz viel Leben einhaucht. Niemals wird er sentimental oder zu dokumentarisch. Seine große Kunst ist es, sprachlich und durch das fein gewobene Netz an Ereignissen an den Text zu fesseln und am Ende, wie bereits bei „Ein schönes Paar“, auch mit Überraschungen aufzuwarten.

In einer kalten Dezembernacht 1939 prallen zwei Züge kurz vor dem Bahnhof von Genthin aufeinander. Der eine war gänzlich überbucht und hatte somit durch das Ein- und Aussteigen an den vorherigen Haltestellen und der jeweils schweren Anfahrt eine Verspätung eingefahren. Der schnellere Zug auf demselben Gleis dahinter wird vom Bahnpersonal wahrgenommen. Er soll zum Halten gebracht werden. Doch gehalten hat der andere. Hat jemand das Signal zu früh gegeben oder wurde  das Haltesignal vom entsprechenden Lokführer übersehen? Die entscheidenden Handlungen hatten eine Zeitspanne von vier Sekunden.

Der Journalist Thomas Vandersee sichtet im Nachhinein Materialien und rekonstruiert das schwere Zugunglück. Ganz genau und fast schon minutiös begibt er sich auf die Suche nach Ursachen des Unfalls und wird bei der Namensliste der Toten und Verletzten stutzig. Es sind die Namen Giuseppe Buonomo und Carla Finck, die ihm auffallen. Giuseppe Buonomo ist beim Unglück ums Leben gekommen. Carla Finck hat traumatisiert überlebt und nennt sich im Krankenhaus Carla Buonomo. Dabei ist sie mit Richard, einem Juden aus Neuss verlobt. Dieser mysteriöse Vorfall weckt das Interesse von Thomas. Was hatte Carla vor? Wem galt ihre Liebe und mit wem plante sie eine sichere Zukunft? Je weiter Thomas sich in den Vorfall einliest und sich die Ortschaften ansieht, wird auch seine persönliche Familiengeschichte lebendig. Carla hat neue Kleidung erhalten, die ihr von einem Kaufhaus, in dem Thomas Mutter zur Lehre ging,  geliefert wurden. Wahrscheinlich hat sogar Lisa Carla die Sachen gebracht. Lisas Leben ist ebenfalls schicksalhaft. Sie träumte von einem Leben an der Seite eines hochtalentierten Musikers.

Gert Loschütz verknüpft Menschen und Schicksale mit realen Ereignissen und alles steht miteinander in Verbindung. Jede Wendung, Entscheidung oder alle schweren Unglücke führen zu weiteren Ereignissen, die bis in die Gegenwart nachklingen. Gert Loschütz hat erneut einen sprachlich und inhaltlich intensiven Roman vor dem Hintergrund deutscher Geschichte geschrieben. Seine Figuren werden sehr lebendig. Die Handlung und mit ihr die Charaktere haben stets etwas Suchendes. Auch literarisch tastet sich Loschütz an den Stoff heran und die anfänglichen vier Sekunden werden in Folge ein ganzer Kosmos. Die Frage „was wäre wenn“ ergibt sich stets nur aus der Rückschau. Beim Handeln ist man stets Agierender und wird zuweilen innerhalb weniger Sekunden umgelenkt. Erneut zeigt sich auch das Können des Autors am Ende. Hier rührt er erneut Herz und Geist. Ein großer und sehr lesenswerter Roman. Ein Anwärter für den Leseschatz des Jahres.

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Hannah Lühmann: „Auszeit“

Die Auszeit, um die es hier geht, handelt von einer jungen Frau, die nach einer Abtreibung in Trauer verfällt und mit einer Freundin gemeinsam ein Refugium im Bayerischen Wald aufsucht. In einer Hütte im Wald wollen beide Frauen eine Auszeit nehmen und mit Hilfe der Natur den inneren Einklang wieder finden. Es sind die Wünsche und Träume einer jungen Generation, die sich hier in den Protagonisten spiegeln. Der Roman ist unterhaltsam, mit einer gewissen Leichtigkeit geschrieben. Das vermeintlich Einfache kann sich im Nachklang als Tiefgründiges erweisen und neben der Unterhaltung und dem Lesespaß klingt auch etwas Melancholisches mit.

Das Buch verwebt in der Metaphorik oft ein Innen und Außen. Grenzen, die durch einfache Symbolik in der Natur erscheinen, können Sinnbild der inneren Blockaden sein. Alles wirkt aufeinander ein und ist Resonanz. Gleich dem Atmen strömt etwas in den Lebensraum, wird aber auch erneut ausgestoßen oder sucht sich seine Möglichkeit des Ausbruchs aus dem Schutzraum. Henriette, der Hauptcharakter, schreibt schon lange an ihrer Dissertation über die Kulturgeschichte des Werwolfs. Dieses Fabelwesen ist eine unnatürliche Natürlichkeit. Etwas Ungeheuerliches brodelt innerlich, sucht sich seinen Freiraum, verdrängt das Eigentliche und wird tierischer als der Mensch und das ursprüngliche Tier.

Henriette verbringt mit ihrer guten Freundin Paula eine Zeit in einer abgelegenen Hütte im Wald. Der Vorschlag kam von Paula, da Henriette Zeit benötigt, um das ungeborene Kind zu betrauern und um endlich auch ihre Doktorarbeit fertigzustellen. Ihr Doktorvater drängt auf baldige Abgabe. Henriette hat sich bisher einfach vom Leben treiben lassen. Entscheidungen wurden ihr oft durch Wendungen, Zufälle oder Andere abgenommen. Nun steht sie für sich alleine da und muss langsam Klarheit bekommen, was sie im Leben möchte, was sie zukünftig erwartet. Paula, die auch noch nach ihrem Glück sucht, aber innerlich gefestigter wirkt, unterstützt Henriette. Im Zentrum steht das Innenleben beider Frauen. Im Wald trifft die Suche nach dem Lebensglück auf Werwölfe, Reiki und Resonanzkörper. Dies klingt spiritueller als es im Text tatsächlich ist. Sehr unterhaltsam und klug werden diese ganzen Elemente eingebaut. Wie soll man endlich Klarheit im Leben finden, wenn alles noch unklar ist? Wie und wo findet man das Glück? Die Einsamkeit, die Natur tut den Frauen gut und sie finden eine anfängliche Ruhe. Doch ein Freund, der dazustößt, wirbelt alles durcheinander.

Ein Roman über Freundschaft, Träume und Ängste. Der Text spielt auch mit der Frage, wie man das Glück findet, wenn  sich dies stets verbirgt, auch wenn man vermeintlich doch alles im Leben bereits besitzt oder haben kann? Das lineare Leben benötigt Raum, um sich in diesen hineinentwickeln zu können. Das Einfache wird begrenzt durch die Sehnsucht nach Unabhängigkeit und den inneren gebändigten Wilden.

Hannah Lühmann hat mit ihrem Debütwerk einen leicht lesbaren Roman geschrieben, der Spaß macht und zum Nachsinnen einlädt.

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Christine Avel: „Nur hier sind wir einzigartig“

Ein Roman wie aus der Zeit gefallen. Ein Text, der uns mit seinen Protagonisten gänzlich aus dem Umfeld zieht und mit seiner sonnigen Wärme auf eine griechische Insel zum Verweilen einlädt. Es geht um den Verlust der kindlichen Leichtigkeit im Leben.

Die Handlung spielt um eine Gruppe von Kindern, die jeden Sommer zusammen auf einer griechischen Insel verbringen und eine sorgenfreie Zeit genießen. Im ersten Satz keimt bereits die endliche Weite der Protagonisten: „Die Welt beginnt und endet hier.“ Sie leben in einer kindlich reduzierten Welt. Die Vereinfachung spiegelt sich auch in den Kurznamen, die sie sich jeweils geben. Mit jedem neuen Sommer rückt aber die Schwelle zum Erwachsenwerden auf sie zu und mit ihr zieht auch die Schwere in ihren Alltag.

Am Anfang können die Kinder gar nicht schnell genug in die Sonne und ans beziehungsweise ins Meer kommen. Die Helligkeit, die sie umgibt, prägt ihre jährlichen Sommermonate. Später, mit dem Älterwerden, meiden sie die heiße Sonne immer mehr. Die Kinder kommen aus Italien oder Frankreich und freuen sich stets aufeinander und auf die gemeinsame Zeit. Die Insel wird für sie zu einer Parallelwelt, die ihre eigentliche Heimat wird. Auf der Insel, die nur durch die Nennung eines Ortsnamens auf Kreta schließen lässt, arbeiten die Eltern als Archäologen. Die Ausgrabung wird aber immer ausufernder, wobei sie wenig ergiebig ist. Durch den Umfang der Ausgrabungsstätte reisen die Erwachsenen immer wieder an und überlassen die Kinder ganz sich selbst. Somit rückt der Alltag gänzlich aus deren Wahrnehmung in den jeweiligen Sommermonaten. Die Familienprobleme oder die Schule bleiben der Insel fern. Hier, in der Einfachheit der Unterkunft und Umgebung, finden die Kinder ihr Paradies und empfinden sich in der Gemeinschaft als einzigartig.

Sie machen alles in der Gemeinschaft und dies stärkt das soziale Miteinander. Anfänglich werden die Sprachbarrieren durch eigene Wortschöpfungen überbrückt. Sie streunen um die Ausgrabungsstätte, die Dörfer und die umliegende Landschaft. Sie baden im Meer und vergraulen die Touristen aus ihrem Refugium. Doch jedes Jahr bringt seine kleine individuelle Veränderung mit sich. Das Ungehemmte und vor den Freunden Entblößte wird von der erwachenden Scham bedeckt. Die irritierende Gefühlswelt trifft auf die Teenager und erweckt Neues in der eingeschweißten Gemeinschaft. Die Kinder ahnen das Ende ihres Sommers und ihrer Kindheit. Die Liebe und die ganze Gefühlswelt überschattet die bisherige Leichtigkeit.

Der Roman verzaubert durch seine Herzlichkeit und literarische Wärme und man tobt mit den Kindern in der griechischen Insellandschaft. Bis der Alltag die Kinder und uns, die Leser, einholt. Eine zarte Melancholie fordert ihren Platz. Wie die griechische Folklore, die von einer lebensfrohen Melancholie getragen wird, lebt auch der stimmungsvolle, poetische Text von diesem natürlich wirkenden Zwiespalt.

Ein Roman, der sinnlich, schön und bildreich geschrieben ist. Aus dem Französischen wurde der Roman von Christine Ammann übersetzt. Es sind ein Ruf nach Freiheit und der beständige Wunsch nach Sorglosigkeit, die diesem Werk inne wohnen. Beim Lesen färbt die wärmende Inselsonne unseren Alltag. Mit leichter Wehmut bekommt die vermeintliche Leichtigkeit ihre Tiefe und Schwere zurück.

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Annette Hug: „Tiefenlager“

Diese großartige Literatur geht uns alle an. In diesem Roman wird ein bisher nicht gelöstes Problem angesprochen und gegenwärtig sichtbar gemacht. Ein Problem, das weit in die Zukunft reicht und wirkt. Dabei ist das Buch kein Science-Fiction-Roman mit einer fern dystopischen Zukunftsaussicht. Es geht um die Entsorgung der radioaktiven Abfälle. Die Entsorgung des Atommülls ist ungelöst. Diese Abfälle stellen uns vor große Herausforderungen, denn aufgrund der langen Halbwertszeiten radioaktiver Substanzen ist eine sichere Lagerung von über 1 Million Jahre nötig. Was passiert mit den jetzigen Zwischenlagern und der Endlagerung in einer solchen ungreifbaren Zeitspanne? Wer gibt Zeugnis ab und warnt die zukünftigen Generationen? Welche Sprache erreicht die Menschen in der Zukunft oder welche Symbole können greifen? Fünf Menschen mit verschiedenen Hintergründen haben eine bahnbrechende Idee.

Es beginnt in Hongkong bei einer Begegnung und die Idee keimt und wächst. In Folge werden es drei Frauen und zwei Männer sein, die die Zukunftsprobleme der nicht wiederverwertbaren und gefährlichen Stoffe durchdenken. Es sind eine Linguistin, eine Finanzspezialistin, ein Nuklearphysiker aus der Sowjetunion, ein ehemaliger Kernkraftwerkmitarbeiter und eine Pflegerin aus Manila. Damit kein Mensch durch die Strahlung eines Endlagers getötet wird, wollen sie die Gefahren des Atommülls dokumentieren und weiterreichen. Doch wie kann sichergestellt sein, dass die Informationskette bis weit in die Zukunft hält und nicht unterbrochen wird? In der Menschheitsgeschichte hat stets etwas lange überlebt und mit sich das Wissen weitergeben können. Die Kirchen und die Weltreligionen. Also greifen sie auf die Idee eines Ordens zurück. Eine Art Kloster ist eine zuverlässige Methode, um die Zeit zu überdauern, bis die Strahlung nicht mehr gefährlich ist.

Der Orden soll beständig ein Mahnmal sein, was für Gefahren von einem Endlager ausgehen. Zum Beispiel durch Erdbeben, Vulkane, Meteoriteneinschläge, Kriege und sogar Verdummung. Im Vordergrund steht die Wissensvermittlung, aber sie fixieren und beschließen für sich und den ganzen Orden auch ein klösterliches Leben. Die Ordensarbeit muss auf finanzielle Füße gestellt werden und es muss sichergestellt sein, dass die Recherchen und Arbeiten in Ruhe und stets unabhängig verlaufen können.

Aber es sind Menschen, die sich hier vereinen mit all ihren eigenen und zwischenmenschlichen Problemen. Jeder der Charaktere blickt mit seiner Weltsicht auf den Orden. Jeder bringt sich anders ein. Jeder bekommt hier die Chance, seine Idee für kommende Szenarien zu erzählen. Letztendlich zerstreuen und vervielfachen sie sich global.

Ein kluger und richtig toll geschriebener Roman, der viele Menschen erreichen muss. Ein meisterhaftes Werk über unsere Hinterlassenschaften und unser negatives Erbe an die Erde und die kommenden Generationen. Ein wichtiges und lesenswertes Buch.

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