Archiv der Kategorie: Erlesenes

Ulrike Draesner: „Kanalschwimmer“

Ulrike Draesner Kanalschwimmer mare

Ein poetischer Roman, der in vielerlei Hinsicht einige Grenzen überwindet. Ein Buch über einen Mann, der einen langersehnten Traum wahr werden lässt. Er wollte einmal im Leben durch den Ärmelkanal schwimmen. Dies macht er nun, teils aus Trotz, als Hoffnungsschimmer, als Sehnsucht und als Befreiung. Dabei geht der Blick auch stets zurück. Warum und was treibt ihn an? Das Schwimmen wird zu einer Grenzerfahrung.

Charles ist Anfang sechzig und seine Frau Maude beschließt, dass ein weiterer Mann Platz in ihrem Leben hat. Daraus erwächst erneut Charles Wunsch, jetzt auch einen seiner Lebensträume zu verwirklichen. Am Abend vor seinem Start beginnt auch seine gedankliche Reise zurück. Sein Schwimmen wird begleitet von einem Beiboot, von dem aus er regelmäßig gefüttert wird und dass ihn auch, sofern er das andere Ufer und Land erreicht hat, zurückbringen wird. So wird sein stundenlanges Schwimmen durch trübes Wasser ein Erhellen seiner Gedankenwelt. Er wirft Rückblicke auf seine Beziehung und Ehe, die sich nun nach vielen Jahren zu verändern scheint.

Alles wirkt anfänglich etwas ausufernd, doch kristallisiert sich daraus eine enorme Handlung und man wird mit den Protagonisten durch die Gezeiten getragen. Es ist eine Beziehungsgeschichte, aber im Vordergrund steht die Handlung des Schwimmens. Doch auch dies ist Metapher. Der Wunsch, etwas zu erreichen. Durch das Erzwingen dieses unglaublichen Schwimmerlebnisses wird sich der Held verändern. Doch kann man dies selten allein. Es sind Menschen nötig, die einen mit Nahrung versorgen und die Wegweiser sein können. Letztendlich sind andere Menschen immer in der Nähe, um Schutz, Halt und Rettung zu geben. Der innere Kampf wird immer deutlicher. Ist sein Traum, der körperlich viel verlangt, auch tatsächlich durchzustehen? Schafft er es, das Ziel zu erreichen?

Ein Buch, das wie sein beschriebenes Element mäandert und zeigt, dass auch die Zeit und das Leben niemals geradeaus verlaufen.

Ein Roman, der beeindruckt und die Grenzerfahrungen erlebbar macht. Die Sprache und Bilder sind stimmungsvoll und rhythmisch dem Verlauf der Handlung und der Bewusstwerdung angepasst.

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Joachim Schnerf: „Wir waren eine gute Erfindung“

Joachim Schnerf Wir waren eine gute Erfindung Kunstmann

Dieser Roman ist alleine dadurch ein Wunder, weil er alle Emotionen beinhaltet und beim Leser weckt. Es ist eine Komödie, bei der man oft Luft holen muss, weil einem der Atem stockt oder man gerührt und traurig doch ins Schmunzeln geraten kann. Es ist ein zartes, wunderbares Buch, das die Geschichte einer jüdischen Familie in Frankreich erzählt, die sich zum Pessachfest trifft. Der Roman thematisiert auch immer wieder die Vertreibung, den Auszug und die Kunst des Überlebens. Beginnend mit dem Auszug aus Ägypten, also der Befreiung der Israeliten aus der Sklaverei, später der Holocaust und das Überleben, d.h. das Leben neu zu definieren oder zu finden. All dies durchlebt der Protagonist in einer Nacht (so auch der eigentliche Titel: Cette nuit), in der er sich auch vor der Frage wiederfindet, wie er es schaffen soll, seine Familie zusammenzuhalten.

Salomon wacht auf, bleibt aber vorerst liegen. Erneut wird ihm das Alleinsein bewusst. Seine Frau ist vor kurzen verstorben und nun liegt es an ihm die Vorbereitungen für das Pessachfest zu treffen. Eigentlich wollte Sarah bis zu diesem wichtigen Fest durchhalten und ihr Erbe mit den Kindern und Enkeln besprechen. Salomon genießt es, noch im Bett zu liegen und ihre vergangene Gegenwart nachzuspüren. Seine Frau fehlt ihm sehr und er fragt sich, wie er es schaffen soll, die bald anreisende Familie im Zaum zu halten. Bisher war Sarah stets der ruhende und besänftige Pol innerhalb aller großen und kleineren Reibereien. Salomon erinnert sich an viele vergangene Feste und Momente. Jedes Jahr gab es ähnliche Diskussionen und Streitereien. Diverse Absurditäten wurden erlebt und dargeboten. Zwischen den rituellen Geschichten und Liedern wurde zwischen ihren Kindern, die selbst schon Familien haben, oft provoziert und gestritten. Salomon trug auch stets seinen Anteil dazu bei. Er als einer, der Auschwitz überlebt hat, nahm sich die Freiheit immer wieder seine KZ-Witze zu erzählen.

Doch dieses Fest soll anders werden, es gibt in der Familie einiges zu klären, besonders, wie es nun nach Sarahs Tod gelingen soll, die Familie weiterhin zusammenzuhalten. Salomon macht sich seine Gedanken. Er durchdenkt wie er was sagen will und kann. Wie wird es ihm gelingen, angesichts des Verlustes das Leben neu zu gestalten? Während er sich gedanklich sortiert und an der Vergangenheit festhält oder hadert, steht er langsam auf. Als es auch schon an der Tür klingelt …

Ein Roman, der es versteht, sich tief im Leser einzunisten, um ein kleines Gefühlschaos loszutreten. Ein sehr feinfühliger, einfühlsamer, humorvoller und tragischer Text, der von Nicola Denis aus dem Französischen übersetzt wurde.

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Gøhril Gabrielsen: „Die Einsamkeit der Seevögel“

Die Einsamkeit der Seevögel Insel Verlag

Ein atmosphärischer Roman, der Emotionen lokalisiert und versucht, diese vorhersehbar zu machen. Aber es wird sich zeigen, dass die Gefühls- und Seelenwelt sich nicht wie eine Wettervorhersage berechnen lässt.  Eine literarische Reise in die Einsamkeit einer Frau, die sich zu verlieren droht. Der Text baut eine enorme Dichte auf und erzeugt eine beklemmende Spannung, die immer greifbarer wird. Die Sprache und die Bilder haben eine Intensität, die einen die Einsamkeit der Protagonistin spüren lässt. Das Buch erinnert etwas an den Roman „Krieg“ von Jochen Rausch und benutzt ein gleiches Ende wie Donal Ryan in „Die Sache mit dem Dezember“. Gerade am Schluss ist man sprachlos und beginnt das Gelesene neu zu reflektieren.

Der Roman „Die Einsamkeit der Seevögel“, im Original „ Ankomst“ (Ankunft), wurde aus dem Norwegischen von Hanna Granz übersetzt. Die Geschichte beginnt am Ende der Welt. Eine Wissenschaftlerin begibt sich im Winter für ein Forschungsprojekt in die nördlichste Region Norwegens. Dort beobachtet sie die klimatischen Veränderungen und möchte die Einflüsse dieser messbaren Tendenzen auf die Seevögel untersuchen. Der Klimawandel hat gravierendere Ausmaße als wohl bisher vermutet. Sie reist alleine an und wird nur höchstens einmal im Monat von einem Kapitän aufgesucht, der ihr ihre Bestellungen liefert. Es sind unter anderem Vorräte für zwei Personen, denn eigentlich wollte Jo, ihr Geliebter, nachkommen. Doch dieser vertröstet sie immer wieder aufs Neue. Im Gegensatz zu ihr, kann Jo nicht sein Kind und seine Exfrau einfach so verlassen. Sie und Jo haben sich durch die Kinder kennengelernt. Daraus wurde Liebe und sie hat daraufhin ihren Mann verlassen. Als dieser durch die Trennung immer aggressiver zu werden scheint und sogar ihr gemeinsames Kind gegen sie aufbringen möchte, zieht sie sich zurück und überlässt ihm die Erziehung. Sie flüchtet sich in die Natur und Wissenschaft. Ihr Exmann, der lediglich S genannt wird, ruft immer wieder an oder sendet für sie bedrohlich klingende Nachrichten.

Da Jo nicht nachgereist kommt, ist sie allein in ihrer kärglichen Hütte. Umgeben von Winter, Felsen und dem tosenden Meer. Sie beschäftigt sich neben ihrer wissenschaftlichen Arbeit auch mit der Vergangenheit des Ortes. Die  Menschen, die damals dort gelebt haben, bilden einen weiteren Grundstein ihrer ausufernden Phantasie und dies beeinflusst immer mehr ihre Wahrnehmung. Sie fragt sich, warum Jo immer wieder seine Ankunft verschiebt. Hinzu kommen plötzlich Geräusche, die sie meint zu hören. Spielt ihr der Wind einen Streich? Oder ist wirklich jemand da und verlegt auch ab und zu Gegenstände? Wurde sie bei einer Fahrt zur Messstation geschubst, oder ist sie lediglich unglücklich gefallen? Verliert sie durch ihren Aufbruch in die Ödnis und die Einsamkeit langsam den Bezug zur Realität? Ist sie in der einsamen Wildnis wirklich allein?

Der Roman erzeugt durch die Sprache und die Bilder eine enorme Stimmung und wird ab der Mitte des Textes auch immer spannender. Ein Naturthriller, der in die Tiefe einer einsamen Seele blickt. Das Ende wird man dennoch leicht ungläubig lesen und steht gleich der Protagonistin allein vor einer Tür, die aber viele Möglichkeiten erdenken lässt …

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Pia Solèr: „Die Weite fühlen“

Pia Soler Weissbooks

Dies sind Aufzeichnungen einer Hirtin, d.h. einer Frau, die das städtische Leben verlässt, um Alpenhirtin zu sein. Sie wurde 1971 in  Vrien geboren und kennt die Landwirtschaft. Dieses Buch ist keine Neuheit, doch habe ich es erst jetzt für mich entdeckt. Das autobiografische Buch reiht sich sehr gut ein in die Werke von Erling Kagge: „Stille“ und „Gehen. Weiter gehen“.

Ein zufälliges Treffen mit der Journalistin Daniela Kuhn, die auch das Nachwort geschrieben hat, legte 2009 den Grundstein für das vorliegende Büchlein. Vorerst war eine Reportage über Pia Solèr angedacht. Über ihr alltägliches und normales Leben, das wie aus einer anderen Welt erscheint. Nach dem Artikel wurde der Kontakt zu dem Verleger Rainer Weiss hergestellt und die Idee, die Erlebnisse und Gedanken mal zu Papier zu bringen, wurde Realität. Es wurden etwas mehr als hundert Seiten und diese widerlegen die erste Scheu, die Pia Solèr hatte: „Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass ich etwas zu sagen habe“.

Ein kleines lebensweises Büchlein, das irgendwie verzaubert. Es zeigt das Leben eines in sich ruhenden Menschen, der sich in der Natur gefunden hat. Dabei wird der Text niemals kitschig oder verklärend. Es geht um das Abwerfen von Ballast, den Überlebenskampf und das Gemeinsame mit der Natur und den Tieren. Der Blick von den Bergen auf die städtische Gesellschaft kann klärend wirken.

Die Freiheit, die Pia Solèr findet, ist auch mit Verpflichtungen verbunden, d.h. mit dem Annehmen von natürlichen Umständen. Im Mittelpunkt stehen dabei immer die Schafe und natürlich die Hunde.

Eine bereichernde und schöne kleine Lektüre!

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Nicolas Mathieu: „Wie später ihre Kinder“

Nicolas Mathieu Wie später ihre Kinder Hanser Berlin

Ein großer französischer Gesellschaftsroman. Es geht ums Erwachsenwerden, um Ausgrenzung, Aggression, Trauer und natürlich um die Liebe. Im Mittelpunkt steht die Jugend, die sich im Lebensdrama wiederfindet und versucht, sich zu finden und zu überleben.  Der Roman ist in vier Abschnitte, vier fiebrige Sommer eingeteilt. Es beginnt im Jahr 1992 und macht dann jeweils einen zweijährigen Sprung, um im Jahr 1998 zu enden. Die Kapitelüberschriften sind passende Songtitel. Eigentlich reicht das Hören und Betrachten dieser einzelner Songs, um den Verlauf des Romans zu verstehen: So beginnt die Reise mit der Band, die es großartig verstand, Melancholie in Wut umzuwandeln: Nirvana. Dies lässt sich passend auf die Protagonisten umwandeln. Sie sind jung, geplagt von Ziellosigkeit, Langeweile und Perspektivlosigkeit. Daraus erwächst eine unterschwellige Aggression, die sich nicht immer nach außen zeigen muss. Daraus erwächst der Metal, der durch Guns n’ Roses zum Erklingen kommt. Laute, fast unbändige Kraft will sich harmonisch (melodisch) austoben. 1996 ist es der französische Rap, der sich durch Suprême NTM ins Bewusstsein brennt. Hierbei geht es um Feindseligkeit gegenüber der Ordnung und den gesellschaftlichen Regeln und der Text endet mit dem Aufruf, dem Wunsch, einfach überleben zu wollen – gesungen von Gloria Gaynor.

„Wie später ihre Kinder“ erzählt von Jugendlichen in unterschiedlichen Lebenssituationen und wurde bereits mit dem renommierten französischen Literaturpreis, dem Prix Goncourt 2018, ausgezeichnet. Übersetzt wurde der Roman von Lena Müller und André Hansen.

Der Roman spielt am Rande der Gesellschaft. Es sind die Arbeiter, die Arbeitslosen und die Aufgegebenen.  Ein Ort im Osten Frankreichs, in dem die Industrie stillgelegt wurde. Die Jugendlichen im Ort haben Wünsche, Hoffnungen und den Drang auszubrechen. Es beginnt 1992: „Anthony war vierzehn, und es war Sommer. Alles muss einmal anfangen“ Er paddelt mit seinem Cousin in einem entwendeten Kanu an eine abgelegene Badestelle, um Nacktes zu sehen. Hier beginnt die Reise. Hier trifft Anthony auf Steph. Zwischen Beiden entsteht langsam etwas, etwas wie Verlangen und Liebe. Doch gibt es zwischen Ihnen auch eine Kluft, die sie versuchen, zu überwinden. Die Eltern sind auch alle unterschiedlich. Alkoholiker, Gelegenheitsarbeiter, d.h. Gärtner und Einwanderer. Durch die Perspektivlosigkeit, mit der sich die Jugendlichen konfrontiert sehen, erwächst bei einigen auch kriminelle Energie. Diese Ströme treffen erstmalig bei einer Party aufeinander. Anthony hat sich das Motorrad von seinem Vater geborgt, das ihm während des Festes von Hacine entwendet wird. Alle sind durch die Örtlichkeit miteinander verbunden. Alle warten auf ihre Chancen im Leben und vertreiben sich die Langeweile mit Lebensspielen, Liebe, Drogen und erträumten Ausbrüchen aus dem Umfeld. Sie werden durch die Gesellschaft und besonders durch die Elterngeneration geprägt. Doch ist es der Lebenswille, der sie antreibt. Der Versuch, dem Baukastensystem des vorgelebten Lebens der Eltern zu entkommen. Sie wollen ihr eigenes Leben entdecken und ohne Vorurteile und unabhängig leben.

Wieweit kann ein Ort, eine Herkunft oder Erziehung Grenzen aufbürden? Ein Roman der von einer inneren Leere zu berichten weiß und diese mit ganz viel Leben füllt. Die Liebe und die Sehnsucht sind die Motoren der Jugendlichen, die nichts zu leben versuchen, was aus ihnen selbst heraus möchte (Siehe auch „Demian“ von Hesse).

Wie ein gesprungener Spiegel setzt sich der Roman aus vier großen und mehreren kleinen Teilen zusammen. Ein Text, der sich fiebrig in das Gehirn des Lesers einnistet und mit seinen Figuren dort verweilen möchte. Ein großartiger Entwicklungs-, Coming-of-Age-, Liebes- und Gesellschaftsroman. Eine Chronik der Gegenwart bestückt mit Kindern ihrer Zeit. Die toll gezeichneten Figuren zeigen die heutigen Missstände auf. Erwachen von Ausgrenzung, Rechtspopulismus und Gewalt steht dem Wunsch nach Liebe, Anerkennung und Chancengleichheit gegenüber.

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Berit Glanz: „Pixeltänzer“

Berit Glanz Pixeltänzer Schöffling & Co

Dieser Roman verbindet Altes mit Neuem, Kunst mit Künstlichkeit, Öffentlichkeit mit Anonymität. Ein vielschichtiger Roman, der in der hippen, technik-hypenden Gegenwartswelt Berlins beginnt und seinen Bogen schlägt zu den expressionistischen Künstlerwelten Hamburgs. Der Wunsch nach Anonymität geht einher mit einer blühenden Sehnsucht nach Analogem. Sich hinter Masken zu verstecken, war schon immer ein Ausdruck der Gesellschaft und Kultur. Damals ging man auf Maskenbälle und heute verbirgt man sich hinter Avataren. Der Titel „Pixeltanz“ verbindet hier jenen Tanz, der aus der Ausdruckskunst stammt und stets die Körperlichkeit benötigt. Der gegenwärtige Maskentanz braucht keinen realen Kontakt mehr und erlebt sich im digitalen Massenstrom.

Elisabeth arbeitet bei einem Startup in Berlin. Sie überprüft hauptsächlich die Codierungen der zu entwickelnden Software. Neben dieser Kontrollfunktion soll sie in ihrem Team stets Ideen sammeln und die vorgegebenen offenen Punkte zügig abarbeiten. Es ist ein junges Unternehmen, in dem Teamdruck herrscht, aber auch die üblichen Belohnungen und Spielereien der selbstbewussten Digital Natives. Elisabeth, die sich passenderweise auch stets Beta nennt, ordnet sich ihre Welt nach ihren eigenen Mustern. Sie passt jeden Tag die Farbe ihres Rubik, d.h. Zauberwürfels an. Sie erkundet kontinuierlich alle Berliner Eisdielen, um jeweils das Erdbeereis zu probieren. Erdbeereis als Bild eines ewig Bestehenden. Denn trotz der heutigen Vorliebe, stets neue Eiskreationen zu entwickeln, wird es Erdbeereis wohl immer und überall geben. Sie macht Fotos von Tieren, die sie später mit ihrem 3D-Drucker in der farblosen Plastikwelt verewigt.

Ihr Abenteuer beginnt, als sie sich eine App mit dem Namen Dawntastic herunterlädt. Diese Software schafft eine vermeintliche globale Nähe. Es ist ein Weckdienst, der einen zu der gewünschten Zeit anruft. Die Anrufe kommen von anderen Menschen, d.h. Usern weltweit. Sie wird eines Tages von einem Fremden mit einer Maske im Profilbild kontaktiert. Er nennt sich Toboggan und da sie mehr über ihn und die Maske in Erfahrungen bringen möchte, beginnt ein langes Suchspiel. Beta öffnet kurzerhand einen Blog und versucht so, weiteren Kontakt zu jenem Fremden aufzubauen. Er meldet sich auch tatsächlich. Mal mit einem kurzen Kommentar zu einem Beitrag, mal versteckt er seinen Text im Quellcode oder hinterlässt in einem Foto einen QR-Code.

Alle Hinweise deuten auf das Leben und Werk des Künstlerpaares Lavinia Schulz und Walter Holdt. Beide lernten sich 1919 in Hamburg kennen. Schulz und Holdt entwarfen gemeinsam Tanzvorführungen in eigens dafür entwickelten Ganzkörperkostümen, unter anderen die Maskenfigur „Toboggan“. Diese avantgardistischen Tanzvorführungen stellten etwas Groteskes, Provozierendes und den Wunsch nach Veränderung dar. Dieser Wunsch nach einem Ausbruch und einer Realitätsveränderung ergreift Beta auch immer mehr, je weiter sie sich mit den Leben der Künstler und ihrer Hingabe zur Kunst beschäftigt.

Die Erzählungen um das Künstlerpaar reihen sich textlich gekonnt in die Geschichte um Beta, die diese zu lesen bekommt. Geschrieben von jenem geheimnisvollen Fremden. Wer ist dieser Toboggan? Auch jene Frage treibt Beta an.

Der Roman ist toll geschrieben. Die verschiedenen Welten sind jeweils großartig dargestellt. Was sich fantastisch anhört, wird Realität und die Maskenfiguren können gegenwärtig immer noch im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg besichtigt werden. Auch der „Toboggan“ (mehr auf: mkg-hamburg) wartet dort auf seine Besucher. Ein Debütroman, der mich begeistert hat und hoffentlich viele Leser finden wird. Ein kluges, schönes und sinnlich-körperliches Leseerlebnis.

Mit freundlicher Genehmigung des Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg

Siehe eine weitere Besprechung von Brigitte Hofmann auf Feiner Buchstoff.  Zum Buch in unserem Shop

 

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Anne Siegel: „Reykjavík Blues“

Anne Siegel Reykjavik Blues Europaverlag

Endlich, die große Island-Saga geht weiter. Anne Siegel hat das für Island geschaffen, was Elena Ferrante für Neapel erreicht hat. Dabei ist ihre Saga schon vorher erschienen. Der erste Band „NordBräute“ wurde bereits 2015 verlegt. Anne Siegel wechselte dann den Verlag und somit begann der Zyklus mit der Neuauflage von 2017 erneut. Mit „Reykjavík Blues“ ist jetzt endlich die Fortsetzung erschienen. Der dritte und abschließende Teil soll nun eher kommen. Man müsste „NordBräute“ nicht unbedingt vorher gelesen haben, um in die Handlung von „Reykjavík Blues“ einzusteigen. Es wird alles Notwendige erzählt. Doch hat die Saga eine enorme Suchtwirkung und man sollte sie einfach alle lesen. Besonders, wenn man am Ende des Blues angekommen ist, wartet man erneut sehnsüchtig auf den abschließenden Band.

Anne Siegel widmet sich den Auswandererfrauen. Ihr Buch „Frauen Fische Fjorde“ bildete die Grundlage der Autorin zu diesen Romanen. „Nordbräute“ erzählt über die deutschen Frauen, die dem Aufruf des isländischen Bauernverbandes folgten, um kurzweilig oder auch für immer in Island auf den Höfen zu arbeiten. Junge Frauen, die in Deutschland nach dem Krieg keine Zukunft sahen. Dieser Aufruf wurde 1949 in einer norddeutschen Zeitung abgedruckt. Im Vordergrund ist es die Geschichte von Christa, die ihrer Vergangenheit in Deutschland den Rücken kehrt und in Island als Maklerin ein Vermögen macht. Doch die Wirtschaftskrise verändert alles.

Diese Krise bewegt nun Jón, den Enkel von Christa, nach Island zurückzukehren. In „Reykjavík Blues“ wird seine Geschichte, nebst der des schmutzigen Geldes erzählt. Erinnert etwas an die großartige dänische Serie „Follow the Money“. Der vorliegende Blues ist tief verwurzelt in den Schicksalen und der Landesgeschichte Islands. Jón hat als Musiker Karriere gemacht und ist Cellist in Köln. Er wirkt anziehend auf Frauen, hat aber bisher keine feste Beziehung. Denn seine große Liebe ist seit Kinderzeiten Léontine. Sie und die isländische Bankenkrise locken ihn für einen Neuanfang auf die Insel im Nordmeer. Er kündigt sein Engagement bei seinem Orchester und kehrt nach Island zurück. Dort kandidiert er als Politiker, der sich für die Kunst und gegen die immer noch herrschende Korruption einsetzen möchte. Léontine, die für Jón mehr ist, als eine Freundin aus Kindertagen, trägt schwer an ihrem Anteil an der Wirtschaftskrise. Sie war als Bankerin mitbeteiligt und hat sogar für ihren Verschleierungsversuch der großen Geldsummen in Haft gesessen. Denn das Geld der isländischen Bevölkerung, wie sich in Folge zeigt, ist nicht weg, nur haben es halt jetzt wenige andere, die sich ein feines Leben in der Karibik gönnen. Christa, Jóns Großmutter, beobachtet dies alles mit Argusaugen und folgt der Beziehung von Jón und Léontine und letztendlich auch dem verschwundenen Kapital. Christa, die einst vor Gott geschworen hatte, wenn ihr schon alles und besonders die Liebe genommen wurde, möchte sie auch in Zukunft auf diese verzichten und wenigstens eine reiche Frau werden. So beginnt die Reise nach dem Glück und die Suche nach dem schmutzigen Geld …

Anne Siegels Bücher sind Unterhaltung pur. Sie erzählen Geschichte und Geschichten. Die Handlungen und Figuren sind toll, humorvoll und einfühlsam beschrieben. Man hat sofort Bilder im Kopf. Besonders reizvoll sind dabei die Natur und Landschaft Islands, die immer wieder in Anne Siegels Literatur in den Vordergrund rücken. Diese Saga ist lesenswerte Bildung und Unterhaltung in einem.

Siehe auch meine Besprechung „NordBräute“ hier im Leseschatz und Leseschatz-TV: Anne Siegel: „NordBräute“ (YouTube). Zum Buch in unserem Shop.

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Jan Christophersen: „Ein anständiger Mensch“

Jan Christophersen Ein Anständiger Mensch mare

Ein neues Buch aus dem Haus unseres norddeutschen Schriftstellerehepaars. Jan Christophersen, der mit „Schneetage“ debütierte, begeistert seitdem stets großartig mit seinen Werken. Leider viel zu selten. Er ist mit Mareike Krügel verheiratet und beide sind im Leseschatz liebgewonnene Stammgäste.

Ein Roman rund um die Fragen des Anstands, der Ethik und Moral. Er handelt von einem Schriftsteller, der mit seinen Büchern dem guten Ich nachspürt und der Frage nachgeht, warum anständige Menschen auf Dauer erfolgreicher sind. Aber was bedeutet Anstand, wenn es um die eigene Liebe, Eifersucht und den Rachetrieb geht?

Steen Friis hat dänische und deutsche Wurzeln. Er ist ein erfolgreicher Autor, der sich in seinen Texten und Medienauftritten immer wieder mit Anstand und Aufrichtigkeit auseinandersetzt. Seine Meinung ist oft gefragt und er ist eine kleine Berühmtheit dadurch geworden. Dies ließ ihn zum Anstandsonkel werden. Dieser Titel kann zu Teilen nett, aber auch gehässig gemeint sein, denn nicht alle teilen seine Moralvorstellungen. Auch in ihm keimen zunehmend Zweifel, denn wiederholt er sich nicht schon seit Jahren immer wieder selbst? Er ist mit Frauke, einer Psychologin, verheiratet und lebt in Hamburg. Um seine Ideen zu fixieren und zu Papier zu bringen, geht Steen in die Einsamkeit. Er fährt auf eine kleine dänische Insel, wo er eine Hütte geerbt und diese durch den Erfolg, den er mit seinen Büchern erzielte, eingerichtet und restauriert hat. Steen befindet sich gerade auf seinem idyllischen Inseldomizil, als Frauke ihn über das Wochenende besucht. Doch ist ein Pärchen-Wochenende geplant, denn an diesem Wochenende reist auch ein befreundetes Paar an. Geplant ist eine schöne, gemeinsame Zeit, bestehend aus Spaziergängen, Pilze sammeln, essen, trinken und reden. Ute ist Verlagsvertreterin und hat so Steen kennengelernt. Utes neuer Lebenspartner, Gero, verdient als ITler bei einem Kosmetikunternehmen recht gut und somit segeln die beiden mit einer prachtvollen Yacht an. Gero will sich u.a. durch das Boot präsentieren. Steen hat die Angewohnheit stets als Intellektueller wahrgenommen werden zu wollen und schüchtert somit viele in seinem Umfeld ein. Auch Gero fühlt sich unwohl und möchte sich neben Steen behaupten können. Die beiden Frauen gehen entspannter in das Treffen, denn sie kennen sich und alle Beteiligten. Doch scheinen die Frauen an dem jeweils anderen Mann auch Interesse zu haben. Bei einem Spaziergang erinnert Frauke Steen an ein altes Versprechen, dass sie sich in der Kennenlernphase gegeben hatten. Sie wollten sich und dem Partner auch in der Liebe immer die größte Freiheit lassen. Steen kann das in seiner gegenwärtigen Verfassung nicht annehmen und steigert sich in seine Eifersucht hinein. Seine eigenen Ansprüche an den gesellschaftlichen Anstand gehen immer mehr in die Brüche. Dies passiert gerade, als auch ein ehemaliger Studienfreund, der ebenfalls einen Bestseller geschrieben hat, Steen in einem Artikel verunglimpft. Das harmonische Gefüge gerät immer mehr ins Wanken und die Stimmung wird immer vergifteter und endet letztendlich auch in einem Unglück.

Alle haben ihre große und kleinen Geheimnisse, Befindlichkeiten oder verdrängten Emotionen. In kleinsten Details werden schon die Unstimmigkeiten deutlich. Sei es das Steen unter Pseudonym auch mal einen Krimi geschrieben hatte, dies aber nur Ute, seine Freundin aus der Verlagswelt, weiß. Das Zubereiten des Essens oder das Beseitigen der Zecken zeigt auch die Risse in der moralisierten Welt des Protagonisten.

Jan Christophersen versteht es, durch die Beschreibungen und seine Sprache tiefgründig und psychologisch zu fesseln. Sein vorheriges Werk „Echo“ ist eine leise, nachklingende Geschichte. „Ein anständiger Mann“ kommt auch leise daher, wird dann aber innerhalb der Idylle der Naturbeschreibung jenes Inseldaseins immer lauter und zeigt den Kampf mit den eigenen, großen Lebenseinstellungen.

Ein toller, bewegender und nachdenklicher Roman, der neben den philosophischen Fragen auch einen enormen Spannungsbogen aufbaut. Die Handlung und die gesetzte Inselidylle gleichen einem guten psychologischen Kammerspiel. Ein Spiel um den Anstand. Aber was bedeutet dieser, wenn es um die eigenen Befindlichkeiten, die Ehe und die Liebe geht? Der Mensch im ewigen Kampf mit seinem Ego.

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Shen Fu: „Aufzeichnungen aus einem flüchtigen Leben“

Shen Fu Aufzeichnungen aus einem flüchtigen Leben Matthes Seitz

Ein Buch, das uns einlädt in eine andere, vergangene Welt. Es ist eine Sprache und Handlung, die uns eintauchen lässt in ein früheres China und dennoch so modern erscheint. Shen Fu wurde 1763 in Changzhou geboren. Er war ein Beamter und Gelehrter. Als „Aufzeichnungen aus einem flüchtigen Leben“ (浮生六記) 1877 erstmals publiziert wurde, wurde diese ungewöhnliche Autobiografie sofort ein Erfolg und ist auch mehrfach aufgeführt oder verfilmt worden. Das Buch gehört bis zum heutigen Tag in Asien zum Klassiker und wird als Schullektüre eingesetzt. Jetzt ist es von dem Sinologen Richard von Schirach neu übersetzt und mit einem Vorwort und Kommentaren ergänzt worden.

Es ist die Geschichte des unbekümmerten und unkonventionellen Shen Fu. Seine Aufzeichnungen sind liebevoll und lassen den damaligen Alltag, die Kultur und die gesellschaftlichen Gepflogenheiten aufleben. Shen Fu begnügt sich mit dem aus seiner Sicht einfachen Leben. Beruflich hat er keine großen Erfolge und den damaligen Traditionen geschuldet, steht er unter dem Einfluss seines Elternhauses, sprich seines Vaters. Er verliebt sich in seine Cousine Chen Yun, die er auch bald darauf heiratet. Chen Yun will ihm eine gute Ehefrau sein und die Traditionen wahren. Die beiden verstehen sich auch immer besser und lieben die Kunst, besonders die Literatur und das Theater. Da Frauen in der damaligen Zeit der Ausgang nicht so frei gestattet war, begleitet Chen Yun ihren Ehemann ab und zu als Mann verkleidet. Der Wunsch nach Unabhängigkeit und etwas mehr Freiheit keimt in beiden. Der Roman lebt von den Schilderungen der alltäglichen Zuwendungen, zueinander, zu der Literatur, der Philosophie und der Natur, besonders auch den Pflanzen- und Blumenarrangements. Doch lebt das Ehepaar nicht in einer gehobenen Lebens-, d.h. Gesellschaftsschicht. Sie versuchen sich stets mit dem, wie es gerade ist, zu arrangieren. Hier wird immer wieder der Daoismus verdeutlicht und ausgelebt.

Damals war es üblich, dass junge Töchter als Konkubinen verkauft wurden. Shen und Chen verstehen sich ausgezeichnet und haben später auch zwei Kinder. Trotz der materiellen Engpässe organisiert Chen ihrem Ehemann aus Statusgründen eine Konkubine, zu der sie sich aber selbst sehr hingezogen fühlt. Dies wird der entscheidende Wendepunkt. Die Konkubine wird später anderweitig aufgenommen, dennoch sind die Schwiegereltern über die Gefühlswelt von Chen, die von Shen Fu selbst toleriert wurde, entsetzt. Es kommt zu weiteren Situationen, die den Graben zwischen der Elterngeneration und dem Ehepaar erweitert. Ein Missverständnis um geliehenes Geld verursacht dann sogar den totalen Riss.

Das ganze Buch ist niemals anklagend oder wehmütig. Es liest sich frisch und in gewisser Weise modern. Dennoch ist es ein Bericht über das Leben zu Zeiten der chinesischen Qing-Dynastie. Es ist der Werdegang eines Verlierers, der ganz ehrlich über sich und sein Umfeld zu berichten weiß. Abgerundet mit dem Kommentar von Richard von Schirach wird das Buch ein Leseereignis. Weltliteratur aus China, die hochinteressant, humorvoll, tiefgründig und schön zu lesen ist.

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Carys Davies: „WEST“

WEST Carys Davies Luchterhand

Der Titel als Hinweis auf das Genre und gleichzeitig der damalige Drang, den Westen zu erkunden und zu erobern. Dieser Roman ist viel mehr als ein Western mit dem üblichen Thema der Besiedelung des Westens. Aber doch sind die Bilder da und in einer wunderbaren, schnörkellosen und klaren Sprache wird eine Geschichte erzählt, die einen Mythos aufleben lässt und gleichzeitig widerlegt. Ein begeisternder, literarischer Roman, der neben den Werken „Der erste Sohn“ von Philipp Meyer, „The Revenant – Der Rückkehrer“ von Michael Punke und diversen Werken von Annie Proulx Bestand haben wird.

Das Wunder des Textes erfasst einen sofort. Man ist gleich drin in der Prärie, den Wäldern und den Bergen. Die Landschaft und die Charaktere werden schnell und doch tiefgründig gezeichnet. Mit wenig schafft Carys Davies, die von Eva Bonné übersetzt wurde, mehr. Es ist kein ausuferndes Epos, sondern eine große, traurige und schöne Geschichte, die mit nicht zu viel oder zu wenig erzählt wird. Alles genau im richtigen Maß und die Bilder und Figuren verbleiben im Leser.

Erzählt wird die Geschichte des englischen Siedlers Cy Bellmann. Er ist Witwer und lebt mit seiner zehnjährigen Tochter Bess in Pennsylvania. Es ist das Jahr 1815. Er ist ein gutherziger, aber auch einfältiger und naiver Mann, der von der Maultierzucht lebt. In seiner Umgebung leben seine raue und herrische Schwester und der Nachbar Elmer Jackson. In einem etwas weiter weg liegenden Dorf gibt es eine Kirche, kleine Geschäfte und eine Bibliothek. Die Sehnsucht nach dem Westen, die Bellmann nun befällt, ist eine ganz andere als die jener anderen Siedler, die stets Land, Gold oder Öl suchten. Er liest in einer Zeitung einen Artikel, den er ausschneidet und immer wieder liest. Dieser Bericht ist es, der ihn in Folge aufbrechen lässt. Es ist von Knochenfunden die Rede. Große Tiere mit Stoßzähnen. Bellmann ist begeistert und denkt, diese Tiere würden noch leben und er will diese sehen und als erster darüber berichten. Nach mehrfachen Gesprächen mit seiner auch einfach denkenden Schwester überlässt er Bess ihrer Tante für wohl circa zwei Jahre. Er plant seine Reise anhand von Abenteuerliteratur und zieht mit viel Plunder los, dass er vermutlich bei Indianerkontakt für diverse Tauschgeschäfte benötigen wird. Er verspricht, Bess immer Briefe zu senden und hat dafür ein Tintenfass im Mantel eingearbeitet, damit er auch zu Pferde schreiben kann. Doch werden diese Briefe ihr Ziel nicht erreichen und somit wächst Bess im Ungewissen über den Verbleib ihres Vaters auf. Sie lebt bei ihrer Tante, wächst heran und zieht die Blicke des Nachbarn auf sich.

Bellmanns Reise gen Westen ist auch keine gradlinige. Sein ganzes Unterfangen ist absurd und wird nicht nur von seiner Schwester belächelt, sondern auch von anderen Menschen auf seiner Reise. Besonders ein französischer Fellhändler stellt die Exkursion von Bellmann in Frage, verhilft ihm aber zu einem Reisegefährten. Ein junger Indianer, der, solange er bezahlt wird, an der Seite von Bellmann bleibt und mit ihm die großen Tiere suchen wird.

Die Suche als Sinnbild, als Metapher eines ausweglosen Weges. Das Ziel, d.h. das voraussichtliche Scheitern, ist uns ab den ersten Seiten bewusst. Die Jagd nach Dinosaurierknochen, d.h. die Hoffnung diese Urzeittiere lebend anzutreffen, kann nicht erfolgreich enden. Dennoch bleibt das ganze Buch spannend und faszinierend und zeigt jene tiefe Sehnsucht auf, die in uns allen lebt. Doch ist es eine Reise, die in diesem Roman ganz anders verläuft, als man es erahnte. Bellmann verändert sich und besonders auch Bess, die bis zum Ende auf ihn wartet und dann auch aufgesucht wird.

Ein Roman, der von den Figuren geprägt wird und eine Handlung, die einem zu Kopf steigt. Trotz der vermeintlichen Vorhersehbarkeit überrascht der Roman bis zum Finale.

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